2. November 1919

Matthäus 18,15-20

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Matthäus 18,15-20
[Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Heiden und Zöllner. Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein. Weiter sage ich euch: Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.]

1. In d[iesen] Worten ein großer Zus[ammen]hang zw. Himmel u. Erde. Zus. ist da. Vieles[,] was ihm widerspricht. Aber er ist da. Nicht vergessen. Offenbart sich immer wieder. Lebensfrage: ihn begreifen. - Himmel von d. Erde aus das Unbegreifliche, so auch Erde vom Himmel aus. Zw. H. u. E. ein Trotzdem, Dennoch, kraft dessen d. Unmögliche möglich wird, immer wieder Vollkommenheitsgedanken [?].

H. u. Erde scheinen geschieden durch den ganzen Gegensatz zw. G[ott] u. M[ensch]. Dort Kraft, hier Schwachheit. Weisheit - Unverstand. Herrlichkeit - Armseligkeit. Liebe - Neid u. Streit. D. Trotzdem bleibt. D. Mensch nicht ohne Gott[.]

Zw. H. u. Erde das große Geheimnis d. Todes. Alles Leben auf Erden vom Vergehen belastet. Seufzen d. unerlösten Kreatur [vgl. Röm. 8,19-22]. Aber dem Tod steht d. Dennoch d. Lebens entgegen. Wir würden nicht seufzen ohne Grund.

2. Dieses Dennoch zw. H. u. E., dieser große unzerreißbare Zus. hang ist J[esus] X[Christus]. «Wahrlich ich sage euch» fangen viele s. Worte an. Dieses Wahrlich über s. ganzes Leben u. Wesen. Es wird da etwas behauptet, festgestellt, aufgedeckt. Es geschieht da ein |379 Angriff u. eine Verteidigung. Seine Worte sind nicht kluge Regeln für dieses Leben, sondern die Ankündigung eines andern Lebens. Seine Taten sind nicht gute[,] löbl[iche] Taten in unserm Sinn, sondern Ereignisse[,] die ihren Grund in einem höhern Willen u. Macht haben, der uns bis jetzt unbekannt war. Sein Sterben ist nicht der natürl. Tribut, den auch er dem Tode bezahlen müßte, sondern der Beginn eines Kampfes des Lebens gegen den Tod, ein Tod[,] der den Tod sprengt und aufhebt. Das ganze Leben u. Wesen J. ist das Enthüllen eines Verborgenen, die Ausgrabung eines Verschütteten, der Durchbruch eines Zurückgehaltenen. Und das ist eben der Zus. hang zw. H. u. Erde.

3. Dieser Zus. hang besteht nun. Der Widerspruch dagegen, das Trennende ist auch noch da. Der Kampf ist noch nicht ausgekämpft, d. Sieg noch nicht vollendet. Aber der Zus.hang ist da, in uns Allen. Nicht einen schönen Gedanken hat J. d. M.heit eingeflößt, eine Gnade hat er ihr gegeben. Nicht nur ein Ziel ist uns gesteckt, sondern ein Anfang ist mit uns gemacht. J. sagt uns nicht[,] was wir sein sollen, sondern was wir sind. Das Salz der Erde, das Licht der Welt [Mt. 5,13f.]. Und das sind wir, [wenn] wir sein wollen [?], was er uns sagt. Wenn wirs noch nicht sind: weil noch nicht gehört, was er gesagt. Dann widersprechen wir uns selbst. Seine Stimme [?] ist in uns.

4. Wir hören zuerst von d. Macht d. Wahrheit[,] die uns gegeben ist. Wir brauchen die Sünde, die unter uns geschieht[,] nicht gelten zu lassen, ihre Macht nicht zu fürchten, nicht zu fürchten, ihr selbst anheimzufallen[,] wenn wir in Kampf mit ihr treten. Wir können einander ermahnen, sein Böses auf uns selbst nehmen als eigne Sorge u. Not u. zugleich an das Gute glauben, das er auch weiß. Wenn wir selbst nicht genügen, können andre das rechte Wort finden. Und dabei ists doch gar kein Zwang, der Andre muß nicht hören, s. Zeit ist vielleicht noch nicht da. Erst ganz zuletzt die Möglichkeit[,] einen M. ganz aufzugeben.

5. Diese Macht müssen wir brauchen. Wir sind verantwortlich für einander. Wir können Thüren öffnen: Traurige trösten, Unverständige zurechtbringen … und dann ists Gott selbst[,] der da handelt. So |380 viel Gefangenes wartet auf Lösung. Wenn wir nicht lösen, so binden wir. Durch Schweigen, Grollen, Aufgeben schlagen wir Thüren zu. Vielleicht gehts nicht anders. Aber denken wir dran: Gott selbst handelt dann durch uns. Wir wollen gute Werkzeuge sein.

6. Diese Macht der Wahrheit liegt darin, daß wir eins werden können [?] untereinander im Namen Jesu. Es giebt ein solches Einswerden. Die Gedanken, die Blicke der verschiedensten M. treffen sich in diesem Mittelpunkt. Vielleicht äußerlich, viell. nur innerlich. Vielleicht ohne persönl. Kenntnis, unbewußt. Die Gemeinschaft ist im Unsichtbaren: Erkenntnis d. neuen Welt u. Ordnung[,] Warten auf Lichter u. Kräfte d. neuen Welt, Anfang von Gehorsam. Da ist J. selbst gegenwärtig. Da kann man bitten, da erneuert sich d. Zus. hang fort u. fort.