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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 18,5-9</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,5-9, 19. Oktober 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39044 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 367.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 18,5-9</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">367</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 18,5-9, 19. Oktober 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1928">KBA 1471</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-10-19">19. Oktober 1919</date>
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          <head><idno>489</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-10-19">19. Oktober 1919</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.5 Mt.18.9">Matthäus 18,5-9</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der
                  nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem
                  wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im
                  Meer, da es am tiefsten ist. Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja
                  Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! So aber
                  deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist
                  dir besser, daß du zum Leben lahm oder als ein Krüppel eingehst, denn daß du zwei
                  Hände oder zwei Füße habest und werdest in das ewige Feuer geworfen. Und so dich
                  dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du
                  einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das
                  höllische Feuer geworfen.]
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic"> 1.</hi> Gott vergibt uns unsere Sünden. <hi rend="italic">Nicht erst zuletzt</hi>, nachdem wir durch ein löbliches, sauberes oder
            gar heiliges Leben dessen würdig geworden sind, sondern zuerst, es fängt Alles damit an,
            daß uns vergeben ist. Es <hi rend="italic">besteht kein Handel</hi>, kein Geschäft
            zwischen Gott und uns, wonach wir soviel Gutes als möglich zu leisten hätten, z. B.
            Glauben, Gebet, Rechtschaffenheit, Nächstenliebe, um dann endlich einmal Vergebung zu
            erlangen für all das Ungute, das auch noch mitgelaufen ist. Sondern als Geschenk ist die
            Vergebung zum vornherein da. Sie ist <hi rend="italic">nicht der Lohn</hi> für das Gute,
            das wir allenfalls wissen und tun, sondern die lebendige Ursache alles Guten, das wir
            wissen und tun können, und gleichzeitig das starke, lebendige Hindernis des Bösen. <hi rend="italic">Gott rechnet nicht</hi> mit uns, wir haben weder Lob noch Tadel von ihm
            zu erwarten. Sondern er ist unser Gott. Er gibt uns eine Macht. Aus dieser Macht lebt
            das Gute, und das Böse stirbt. <hi rend="italic">Je nachdem</hi> wir ihn unseren Gott
            sein lassen, sind wir gerechtfertigt trotz unseres Bösen oder verdammt trotz unseres
            Guten. Denn unser Böses hindert uns nicht, wenn wir die Macht der Vergebung haben, die
            siegreich das Gute hervorbringt. Und unser Gutes hilft uns nicht, wenn wir die Macht der
            Vergebung, die das Böse erstickt, nicht haben. In der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi>
            Gottes auf festen Boden kommen, das ist das Leben.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist uns
              <hi rend="italic">etwas Neues.</hi> Wir sind das <hi rend="italic">nicht gewohnt</hi>,
            sondern es geht uns gegen den Strich. Es <hi rend="italic">fällt uns <pb ed="pga" xml:id="p360"/> nicht</hi> von selbst ein, sondern es muß uns aufgehen, <hi rend="italic">wie einem ein Licht aufgeht.</hi> Man ist <hi rend="italic">nie damit
              fertig</hi>, sondern man muß damit immer wieder von neuem anfangen. Die Botschaft von
            der Vergebung der Sünden muß in der Kirche und in ihrer Bedeutung für das ganze Leben
            erst wieder <hi rend="italic">entdeckt</hi> werden. Sie ist die Botschaft von <hi rend="italic">Jesus.</hi> Die Botschaft von Jesus ist uns aber neu, so bekannt sie uns
            scheinbar ist. Jesus bedeutet ein neues Verhältnis zu Gott, eine neue Gestaltung des
            Lebens. In Jesus wird es ganz ernst mit der <hi rend="italic">Liebe Gottes zum
              Menschen.</hi> Gott liebt den Menschen unbegreiflich, grundlos, ohne Gegenseitigkeit.
            Der Mensch ist weder zu rühmen noch zu verurteilen; er gehört zu Gott. Daß er zu Gott
            gehört, das erlöst den Menschen, soweit er sich erlösen läßt. Das richtet ihn freilich
            auch, soweit noch etwas in ihm ist, das gerichtet werden muß. Es fließt aber Alles aus dieser einen Quelle. Und diese Quelle
            fließt unerschöpflich. In Gott leben, weben und sind wir [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Und in Jesus wird es ganz ernst
            mit der <hi rend="italic">Liebe der Menschen zu Gott.</hi> Wir suchen Gott nicht, wie
            man einen fernen, fremden <hi rend="italic">Unbekannten</hi> sucht, sondern er ist uns
            der Nächste, Bekannteste, dessen wir uns nur wieder zu erinnern brauchen. Wir suchen
            nicht <hi rend="italic">irgend etwas</hi>, wenn wir ihn suchen, sondern Alles; unser
            ganzes Herz, unser ganzes Gemüt und alle unsere Kräfte kommen da ins Spiel; es handelt
            sich um das Leben. Wir suchen ihn nicht darum, weil wir <hi rend="italic">etwas von
              ihm</hi> erwarten und zu erwirken [?] hoffen, sondern weil er Gott ist, weil wir ohne
            ihn nichts sind, weil er unser Anfang und unser Ziel ist. Daß es in Jesus so ernst wird
            mit der Liebe Gottes und mit der Liebe zu Gott, das ist eine ganz <hi rend="italic">eigene und neue Wahrheit</hi>, die von uns noch lange nicht ausgesprochen und gehört,
            geschweige denn angenommen und erlebt ist. Ein ganz <hi rend="italic">neuer Weg</hi>
            fängt da an. <hi rend="italic">Gottes Weisheit</hi> kann da zur Geltung kommen, Gottes
            Wille sich durchsetzen, Gottes Macht wirken. Er selbst kann da <hi rend="italic">das
              Gute schaffen</hi> und das Böse vertilgen. Des <hi rend="italic">Menschen Seele</hi>
            erwacht; er lernt es, sich selber zu begreifen. Und die Menschen untereinander kommen
            von selbst in eine <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> der Achtung und der Liebe; denn
            sie lernen es, sich auch gegenseitig zu begreifen. Gott kann dann <hi rend="italic">helfen</hi>, und die Menschen können sich helfen lassen. Gott wird unser <hi rend="italic">Anfang</hi>, und was mit Gott anfängt, das bleibt dann nicht stecken,
            das geht weiter. Das ist der <hi rend="italic">Eingang ins Himmelreich</hi> in Jesus.
            Aber um ins Himmelreich zu kommen, müssen wir umkehren. Es <pb ed="pga" xml:id="p361"/>
            geht nicht ohne eine große <hi rend="italic">Erneuerung</hi>, bei der wir werden müssen
            wie die Kinder [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.3">Mt. 18,3</ref>], bei
            der wir auf den Anfang und Ursprung zurückgehen müssen. Wenn wir die Botschaft von Jesus
            begreifen würden, so würde eine <hi rend="italic">Reformation</hi> beginnen, neben der
            die Reformation <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> klein wäre.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist <hi rend="italic">das große Licht</hi>, das heute langsam aus der Dunkelheit
            hervorzutreten beginnt. <hi rend="italic">Jesus lebt!</hi>, haben wir vorhin gesungen.
            Und das ist wahr. Es ist nicht mehr <hi rend="italic">rückgängig</hi> zu machen, daß es
            einmal mit der Liebe Gottes und mit der Liebe zu Gott so ernst geworden ist. In <hi rend="italic">Jesus ist für den ganzen Menschen eine Entscheidung</hi> getroffen, eine
            neue Lage geschaffen, ein Licht angezündet. Dieses Licht ist uns <hi rend="italic">noch
              verborgen;</hi> es ist vorhanden, aber noch sind unsere Augen geschlossen, noch
            vermögen wir es nicht zu ertragen, oder wir fürchten doch, wir könnten es nicht
            ertragen. Und darum sind wir noch nicht in der Helligkeit. Aber auch nicht mehr ganz im
            Dunkel. Gerade heute nicht. Die
            Bewegung gerade <hi rend="italic">unserer Zeit</hi> geht zweifellos gerade in die
            Richtung dieses Lichtes. Wer sich heute sehnt nach Gotteserkenntnis und
            Lebenserkenntnis, der sollte es nur einmal lernen, die Bewegung unserer Zeit wirklich zu
            verstehen. Sie drängt nach dem <hi rend="italic">Lichte</hi>, und zwar ganz bestimmt
            nach dem Lichte der Vergebung, nach dem Licht der Botschaft von Jesus. Es gab vielleicht
            noch gar nie eine Zeit, in der man im Blick auf die Menschheit so freudig sagen konnte:
            Ja, <hi rend="italic">Jesus lebt!</hi> Denn heute sind’s nicht bloß wie früher Einzelne
            oder einzelne Kreise, sondern es ist <hi rend="italic">das Ganze</hi> oder doch ganze
            große und wichtige Teile der Menschheit, die in Bewegung gekommen sind. Man kann heute
            nur den Wunsch haben, daß sich das, was sich jetzt in den Menschen bewegt, doch <hi rend="italic">weiter</hi> bewegen möchte. Dann kommt’s schon recht. Wir sind auf dem
            Wege, daß uns die Augen geöffnet werden. Das Licht Jesu ist uns nicht allzu ferne. Der
            Tag ist nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.12">Röm. 13,12</ref>]. |</p>
          <p>Ich möchte <hi rend="italic">auf einige Punkte</hi> hinweisen. Wir sind vor Allem <hi rend="italic">demütiger</hi> geworden. Die Sicherheit, in der wir noch vor sechs
            Jahren lebten und uns bewegten, ist <hi rend="italic">dahin.</hi> Wir sind verschämt
            oder offen alle bereit, <hi rend="italic">zuzugestehen</hi>, daß schwere Fehler gemacht
            worden sind und daß es irgendwie gelten wird, <hi rend="italic">neu anzufangen.</hi> Wir
            reden nicht mehr so unverschämt von unseren Waffen und träumen vom unentwegten <pb ed="pga" xml:id="p362"/> Fortschritt, sondern wir erkannten, daß wir <hi rend="italic">in Lügen steckten.</hi> Wir schämen uns, wir fragen, wir <hi rend="italic">suchen</hi>, wir sind bereit, uns zu <hi rend="italic">besinnen</hi>, bereit, auch
            von Anderen zu <hi rend="italic">lernen.</hi> Das war einer der stärksten Eindrücke, die
            ich von meiner Reise nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> mitgebracht habe.<note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte an der religiös-sozialen Konferenz in
                <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> (Thüringen) teilgenommen und
              dort den Vortrag «<ref type="pub" target="48061">Der Christ in der Gesellschaft</ref>» gehalten; vgl. oben <ref target="../volume/39/p326#fn_n01" type="pub">S. 326, Anm.1</ref>,
              und <ref target="../volume/39/p335#fn_n01" type="pub">S. 335, Anm.1</ref>.</note> Sie sind darin dort draußen weiter als wir, wahrscheinlich
            auch weiter als die Völker, die im Kriege gesiegt haben. Aber etwas von dieser Demut ist
            heute in allen Menschen. Diese Demut ist freilich <hi rend="italic">noch nicht</hi> die
            Demut vor Gott. Aber es kann die Demut vor Gott daraus werden. Es ist schon etwas
            Großes, daß heute die Menschen <hi rend="italic">überhaupt einmal</hi> stillstehen und
            ans Umkehren denken müssen. Das große Umkehren kann daraus <hi rend="italic">hervorgehen</hi>, wenn wir die Zeichen unserer Zeit verstehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.3">Mt. 16,3</ref>]. |</p>
          <p>Wir sind aber auch <hi rend="italic">weicher geworden</hi> gegenüber den Fehlern der
            Anderen. Scheinbar hat sich zwar Alles noch <hi rend="italic">verhärtet</hi>, zugespitzt
            gegeneinander. <hi rend="italic">Neue Scheidungen</hi> und Parteiungen sind zu den alten
            hinzugekommen. <hi rend="italic">Lauter und schärfer</hi> rechnet einer dem Anderen sein
            Unrecht vor. Aber vielleicht tun wir das <hi rend="italic">gerade darum</hi>, weil etwas
            in uns weich geworden ist, gegen das wir uns wehren müssen. Es ist in diesem Jahr viel
            falsche Größe <hi rend="italic">entlarvt</hi>, viel Böses gerächt [?] worden, viel Lüge
            und Unrecht ist in sich zusammengebrochen. Und auch da, wo die
               Verkehrtheit noch aufrecht steht, ist
            heute <hi rend="italic">viel Rückzug</hi>, viel Abschwächung, viel Zugeständnis. Fast
            unerwartet haben wir es erlebt, wie allerlei Verhältnisse, gegen die wir noch lange,
            lange meinten ankämpfen zu müssen, auf einmal in <hi rend="italic">ihrer Schwachheit
              dastanden</hi> und ins Schwanken kamen. Das hat etwas <hi rend="italic">Versöhnendes</hi>, auch wenn wir noch viele Götzen stehen, viele Teufel regieren
            sehen. Wir können heute nicht mehr <hi rend="italic">nur zürnen.</hi> Wenn man den
            Gegner einmal schwach gesehen hat - und wer hätte in diesen Jahren seine Gegner nie
            schwach gesehen? - dann kann man auch wieder daran denken, daß er <hi rend="italic">ein
              Mensch ist</hi>, und kann verzeihen. (Dieses Verzeihen wird heute den <hi rend="italic">Deutschen</hi> schwerer fallen als ihren Gegnern, weil sie fast nur
            triumphierendes Unrecht sich gegenüber sehen; es bahnt sich aber auch bei ihnen an. Und
            um so rascher wird es sich in den anderen Ländern <pb ed="pga" xml:id="p363"/> anbahnen,
            da Zorn ja nun keinen Gegenstand mehr hat.) Möchten <hi rend="italic">wir es auch</hi>
            lernen, weich zu werden. Es sind heute neben den immer noch verschlossenen auch <hi rend="italic">viele offene Türen</hi>, die wir nicht mehr einzurennen brauchen. Auch
            dieses Weichwerden ist ja <hi rend="italic">noch nicht</hi> das große Weichwerden vor
            Gott, in welchem man sich gemeinsam mit dem Gegner vor den stellt, der allein recht hat.
            Es kann aber auch hier <hi rend="italic">das große aus dem kleinen</hi> werden, wenn wir
            uns Mühe geben, die Bewegung unserer Zeit zu verstehen. |</p>
          <p>Gerade damit sind wir aber auch <hi rend="italic">mutiger</hi> geworden. Man hört jetzt
            freilich viel von <hi rend="italic">Verzagtheit</hi>, Ungewißheit, Hoffnungslosigkeit.
            Aber auch da müssen wir es nun lernen, uns selbst recht zu verstehen. Man sieht doch
            auch überall die Spuren von einer <hi rend="italic">Klarheit</hi> und Lebensfreudigkeit,
            wie sie vorher nicht vorhanden waren. Die Menschen denken <hi rend="italic">rascher</hi>, entschlossener, sie blicken freier und werden kühner, sie wagen mehr als
            vorher. Eine rastlose <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> hat eingesetzt, nicht nur die
            Trümmer des Alten zu sammeln und wieder aufeinander zu stellen, sondern etwas Neues zu
            schaffen. <hi rend="italic">Wie ist das möglich?</hi> Wie kommt es, daß unser Geist
            eigentlich heute lebendiger ist, als bevor die Katastrophe über uns gekommen ist? Doch
            wohl davon, daß wir gerade dadurch, daß uns viel von unserer bisherigen Sicherheit
            genommen worden ist, das Gefühl bekommen haben, <hi rend="italic">sicheren Boden</hi> zu
            gewinnen. Unsere ewige [?] Zuversicht zu uns selbst und unser ewiges [?] Anklagen gegen
            die Anderen waren kein sicherer Boden. Der Wille, neu anzufangen, und die gegenseitige
            Vergebung ist ein sicherer Boden. Wir <hi rend="italic">haben ihn noch nicht.</hi> Aber
            wir fühlen uns schon sicher, weil wir heute diesen Boden wenigstens suchen. Irgendwo <hi rend="italic">in <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName> ist ein Turm</hi>, der lange mit Einsturz drohte, weil er
            teilweise auf sumpfiger Erde gebaut war. Er  begann sich bereits zu senken, aber statt einzustürzen, fand er auf der
            bedrohten Seite unter der Sumpferde einen felsigen Halt, da kam die Senkung zum Stehen.
            Nun steht er seit Jahrhunderten schief. Aber er steht und kein Mensch fürchtet seinen
              Einsturz.<note xml:id="n02">Gemeint ist der <placeName ref="kbga-places-1442">Campanile («Schiefer Turm») von Pisa</placeName>.</note> Wir mußten wohl auch einmal <hi rend="italic">schief zu
              stehen kommen</hi>, um wieder mutig zu werden. Es wird <hi rend="italic">noch
              nicht</hi> der Mut sein, der aus der Erkenntnis Gottes kommt. Es wird <hi rend="italic">noch nicht</hi> das Leben sein, das aus dem Anfang wächst. Aber wenn wir
            den Mut und das Leben <pb ed="pga" xml:id="p364"/> verstehen, die heute ganz anders als
            früher in uns sind, so sind wir einen großen Schritt vorwärts <hi rend="italic">dem</hi>
            Mut und <hi rend="italic">dem</hi> Leben entgegen, das aus der Vergebung kommt.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Wenn wir davon etwas merken, daß man heute
            in einem ganz besonders hoffnungsvollen Sinn sagen kann: <hi rend="italic">Jesus
              lebt!</hi>, dann können wir auch etwas verstehen von den Worten unseres Textes. Sie
            sind uns eine große <hi rend="italic">Aufforderung</hi>, mit dem, was uns von Jesus in
            unserer Zeit begegnen will, aufmerksam, sorgfältig und hingebend <hi rend="italic">umzugehen.</hi> Wir wollen noch ein wenig auf diese Worte eingehen.</p>
          <p>a) Zuerst heißt es: <hi rend="italic">Wer ein solches Kind</hi> [aufnimmt in meinem
            Namen, der nimmt mich auf]. Wir haben schon am letzten Sonntag gehört: Die Kinder sind
            für Jesus ein <hi rend="italic">Gleichnis für das Anfangen des Lebens</hi> in der Kraft
            und Freude Gottes. Werdet wie die Kinder!, hat er gesagt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.3">Mt. 18,3</ref>]. Fangt mit Gott an!, hat er damit
            gemeint. Und nun fährt er fort: Es könnte euch geschehen, daß euch ein solcher Anfang
            mit Gott ganz <hi rend="italic">nahe käme</hi>, wie eben ein Kind bittend vor euch
            hinträte mit dem Verlangen, von euch aufgenommen zu sein. Es gibt eben Zeiten, wo der
            neue Boden der Vergebung sich uns wie von selbst <hi rend="italic">unter die Füße
              schieben will.</hi> Aber dann gilt’s, aufmerksam zu sein. Wer dann denkt: <hi rend="italic">ich sehe nichts Großes!</hi> kein deutlicher Fortschritt! kein Anzeichen
            von religiöser und moralischer Besserung der Menschen, <hi rend="italic">keine neuen
              Kräfte</hi>, keine starke Bewegung der Geister, der ich mich anschließen müßte, ich
            sehe nur so ein trübes, gestaltloses, unscheinbares Wogen und Wehen, wer so denkt und
            kalt und gleichgiltig bleibt, der <hi rend="italic">versäumt etwas.</hi>
            <hi rend="italic">Der Anfang des Lebens ist etwas Unscheinbares.</hi> Man kann das
            bittende kleine Kind gar leicht übersehen, <hi rend="italic">weil es nur ein Kind
              ist.</hi> Wohl dem, der <hi rend="italic">aufmerksam</hi> ist. Es braucht heute
            aufmerksame Menschen. Menschen, die das bittende Kind <hi rend="italic">aufnehmen</hi>
            im Namen Jesu. Mit dem Betrachten und Beurteilen unserer Zeit ist gar nichts getan. Es
            sind jetzt Menschen nötig, die den <hi rend="italic">Herzschlag</hi> der Zeit in sich
            selbst hören, weil sie ein Herz haben für unsere Zeit im Namen Jesu, die es auf sich
            nehmen wollen, <hi rend="italic">für unsere ganze [?] Zeit</hi> zu denken,
               zu fühlen, zu sorgen, zu glauben, zu
            lieben im Namen Jesu. Es kommt nur auf das <hi rend="italic">Aufnehmen</hi> an gegenüber
            diesem Anfang des Lebens, der jetzt bei uns anklopft. Wenn wir ihn nicht verachten,
            sondern aufnehmen, so nehmen wir <hi rend="italic">Jesus selbst auf</hi>, und <pb ed="pga" xml:id="p365"/> aus dem großen Schritt, den wir in den letzten Jahren getan
            haben, wird dann ein ganz großer.</p>
          <p>b) Es folgen dann sehr ernste Worte <hi rend="italic">über das Ärgernis:</hi> Wer aber
            ärgert [dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein
            an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist]. Ärgernis
            heißt <hi rend="italic">Entstellung</hi>, Entfremdung, Verunreinigung, wenn etwas
            Besonderes und Heiliges schnell wieder <hi rend="italic">gewöhnlich und menschlich</hi>
            gemacht wird. Das geschieht sehr leicht. Man kann die Vergebung mißbrauchen, als ob die
            Macht Gottes, die wir da erfahren dürfen, eine <hi rend="italic">Beruhigung</hi> für uns
            sein könnte. Man kann auf diesem mißbrauchten Grunde <hi rend="italic">faul und
              eigensinnig</hi> sein. Man kann dem Anfang des Lebens <hi rend="italic">schaden</hi>
            durch eine Fortsetzung des Todes. Man kann aus der Erkenntnis Gottes schnell wieder eine
            menschliche <hi rend="italic">Weisheit</hi> wachsen lassen, aus dem Gehorsam gegen [?]
            [den] Willen Gottes eine menschliche <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, aus der Liebe
            zu ihm eine menschliche <hi rend="italic">Stimmung.</hi> Man kann an dem großen
            aufgehenden Licht sein eigenes <hi rend="italic">Laternlein</hi> anzünden und damit
            davon laufen in irgend ein Kellerloch. Man kann die Botschaft von Jesus verwandeln in
            irgend eine Sorte von <hi rend="italic">Christentum.</hi> Das ist Ärgernis.</p>
          <p><hi rend="italic">Wehe der Welt</hi> der Ärgernisse halben! sagt Jesus. Arme Welt, daß
            es ihr immer wieder <hi rend="italic">so gehen muß mit dem Göttlichen.</hi>
            <hi rend="italic">Es muß ja</hi> Ärgernis kommen! Es ist ja notwendig, daß diese
            Verführung zum Mißbrauch des Göttlichen da ist, denn solange wir es noch mißbrauchen
            können, ist’s ein Zeichen, daß das Göttliche für uns noch nichts ist. Aber <hi rend="italic">wehe dem Menschen</hi>, durch welchen das Ärgernis kommt: Unglückliche
            Menschen, die der Verführung erliegen und damit der Beweis sind, daß wir das Göttliche
            noch nicht rein ertragen können. <hi rend="italic">Die Verführung</hi> ist in unserer
            Zeit sehr groß. Kaum daß das Göttliche wieder ein wenig bei uns anklopft, ist man auch
            schon <hi rend="italic">von allen Seiten bereit</hi>, wieder etwas Menschliches daraus
            zu machen. <hi rend="italic">Überall warten sie schon:</hi> die Kirche, die
            Gemeinschaften, die Parteien und Richtungen, die Bücher- und Zeitungsschreiber und
            Vereinsgründer, um die bewegten Wasser der Zeit auf ihre Mühle zu leiten. Ich wohnte in
            <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> einer großen <hi rend="italic">politischen Versammlung</hi> bei, in der am
            Anfang sehr ernst über das Eine, was jetzt not tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], geredet wurde. Man spürte, wie eine Bewegung, ein
            Aufmerken, eine Freude durch die Anwesenden ging. Dann aber trat ein Pfarrer auf <pb ed="pga" xml:id="p366"/> und hielt eine Propagandarede für eine
            Kirchenwahl, die dort stattfinden
            sollte, und damit war Alles aus.<note xml:id="n03">Um welche politische Versammlung es
              sich gehandelt hat, ist aus den vorhandenen Unterlagen nicht ersichtlich.</note> Ich
            stellte diesen Pfarrer nachher zur Rede, und er gab mir die Antwort: Ich konnte doch
            nicht anders! Über diesem Feuer mußten wir doch auch unser Süpplein kochen! Das ist’s
            eben, das Ärgernis: Über dem Feuer Gottes wollen wir immer <hi rend="italic">unser
              Süpplein kochen!</hi>
            <hi rend="italic">Nur nie</hi> warten. Nur nie still sein. Nur nie die Glut zur Flamme
            werden lassen. Nur immer rasch etwas <hi rend="italic">gemacht</hi> und geredet und
            gegründet - und dann wundern wir uns, wenn es immer bei kleinen Schritten vorwärts
            bleibt und nie zu ganz großen kommt. O wie versteht man da <hi rend="italic">den
              Grimm</hi>, mit dem Jesus gesagt hat: dem wäre besser[, daß ein Mühlstein an seinen
            Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist]. Das will sagen: weit,
            weit weg mit dem, der das Heilige nicht <hi rend="italic">heilig halten konnte.</hi>
            Möchte doch etwas von diesem <hi rend="italic">Grimm in uns hineinfahren</hi>, vor Allem
            gegen uns selbst, daß wir uns ängstlich davor hüten, gerade jetzt, am Feuer Gottes unser
            Süpplein zu kochen, und wenn es in noch so guter Meinung geschähe. <hi rend="italic">Sonst ist ja</hi> die Vergebung keine Vergebung, der Anfang kein Anfang, Gott nicht
            Gott für uns. <hi rend="italic">Sorgfältig</hi> und bescheiden und zurückhaltend gilt es
            jetzt zu sein, wenn wir vom Sinn unserer Zeit etwas gemerkt haben. <hi rend="italic">Je
              mehr wir</hi> davon gemerkt haben, um so mehr.</p>
          <p>c) Und nun zum Schluß noch das Wort von den <hi rend="italic">Lahmen, Krüppeln und
              Einäugigen</hi>, die zum Leben eingehen. Das sind die, die <hi rend="italic">lieber zu
              wenig</hi> sagen und tun als <hi rend="italic">zuviel ohne</hi> Gott. Die lieber <hi rend="italic">mit Gott verlegen</hi>, ungeschickt und hilflos dastehen als ohne Gott
            mächtig in Worten und Taten, die es vorziehen, <hi rend="italic">mit Gott zu warten</hi>
            trotz Allem, was man dagegen sagen kann, solange sie nicht wirklich mit Gott eilen
            können.<note xml:id="n04">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p180#fn_n05" type="pub">S. 180, Anm.5</ref>.</note> Wir dürfen uns das nicht
            verhehlen: Wenn wir den Sinn unserer Zeit <hi rend="italic">verstehen</hi> und die
            Botschaft von Jesus <hi rend="italic">hören</hi>, wenn wir <hi rend="italic">aufmerksam</hi> werden und sorgfältig, dann bedeutet das eine große <hi rend="italic">Hingabe</hi>, und zwar vielleicht gerade eine Hingabe des Besten, was wir haben. Wir
            können auf dem neuen Boden der Vergebung nicht mehr einfach <hi rend="italic">uns
              selbst</hi><note xml:id="n05">= wir selbst.</note> sein, gerade weil wir da unser
            tieferes Selbst gefun<pb ed="pga" xml:id="p367" break="no"/>den haben. Der junge Strom
            unseres Lebens würde da <hi rend="italic">gestört</hi>, um dann in ein ganz anderes
            Bachbett übergeleitet zu werden. Da muß Vieles <hi rend="italic">zurückbleiben</hi>, und
            zwar nicht das Schlechteste, sondern allerlei sehr Gutes, scheinbar Unentbehrliches:
            dein Fuß, deine Hand, dein Auge z. B., sagt Jesus, wenn sie dich ärgern, wenn du um
            ihretwillen das Göttliche zum Menschlichen machst. <hi rend="italic">Hör auf</hi> mit
            deinem Studieren<note xml:id="n06">= Grübeln.</note>!, kann es da z. B. heißen. Hör auf
            mit deinem scharfen, schneidigen <hi rend="italic">Reden!</hi> Hör auf mit deiner
            Tugend! Hör auf mit deinem Eifer! Hör einmal auf sogar mit deinem hitzigen Glauben und
            Beten!, könnte es sogar einmal heißen.
            Das alles ist schön und recht, aber hier <hi rend="italic">stört es</hi>, hier ist es
            etwas Fremdes, du bist Gott im Wege damit. Das sind harte Worte, um so härter, je tiefer
            wir sie auffassen. Wir möchten alle <hi rend="italic">lieber als gesunde Leute</hi>, wie
            wir sind, einhergehen, denn als Lahme, Krüppel und Einäugige. Aber es handelt sich um
            das <hi rend="italic">Leben.</hi> Ins Leben führt kein anderer Weg als dieser. Ja, die
            Menschen, die die neue Reformation erleben und vollziehen werden, werden <hi rend="italic">merkwürdige Leute</hi> sein. Denkt noch einmal an den <hi rend="italic">Sinn unserer Zeit</hi>, den wir heute verstehen möchten: demütig werden, weich werden
            und auf diesem Grund dann mutig sein. Wie mögen solche Menschen nur <hi rend="italic">aussehen?</hi> Wir können es uns kaum vorstellen. Ganz anders jedenfalls als wir. Gar
            zu viel ist da abgehauen und ausgerissen, von dem wir uns noch nicht getrennt haben. Wir
              <hi rend="italic">erschrecken</hi> vor diesem Bild. Wir <hi rend="italic">möchten
              nicht</hi> so merkwürdige, verkürzte Leute sein. Wir haben unsere jetzige Gesundheit
            noch allzu lieb. Das ist der starke <hi rend="italic">Riegel</hi>, der uns jetzt noch
            geschoben ist. Oder ist er uns <hi rend="italic">schon nicht mehr</hi> geschoben? Es
            könnte ja sein, daß uns etwas <hi rend="italic">aufgegangen</hi> wäre von der
            Herrlichkeit des Lebens, die gerade dort anfängt, wo uns diese gewaltige Aufforderung
            hinweist.</p>
          <!-- leerzeile -->
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        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-26" type="song"> Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von
              <persName ref="kbga-actors-1000">Chr. F. Gellert</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 482,1-2; EG 115,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-220" type="song">Nr. 224 «Such, wer da will, ein ander Ziel» von
              <persName ref="kbga-actors-1415">G. Weissel</persName>, Strophen 1-2 (RG [1998] 276,1-2; EG 346,1-2)</bibl>
          </listBibl>
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