Psalm 103,8-13
1. Wir Menschen leben nicht von dem, was wir denken, fühlen, reden, leisten und vollbringen. Wir nähren uns ja auch nicht von unserem eigenen Körper. Sondern fremde Stoffe müssen wir in uns aufnehmen und uns aneignen. Wir nähren uns von dem, was wir nicht sind. Das ist ein Gleichnis. Wir leben nicht von dem, was wir sind. Man müßte viel eher sagen: wir leben gerade von dem, was wir nicht sind. Das wahrhaftige Leben, von dem wir alle leben, ist uns ein solcher fremder Stoff. Wir können nicht sagen: ich habe es, ich bin es. Wir können es weder kennen noch fühlen. Es ist nicht in uns und aus uns. Es ist ganz anders als wir. Es ist heilig, wir aber sind unheilig, es ist von oben, wir aber sind von unten, es ist ewig, wir aber sind zeitlich. Es ist etwas ganz Großes, Starkes, Herrliches. Und weil es ganz groß ist, ist es zu groß für uns. Aber: Gerade darum, weil es uns so fremd ist, gerade darum brauchen wir es und leben wir davon. Gerade darum, weil es ganz anders ist als wir, müssen wir nach ihm fragen, nach ihm uns sehnen. Gerade darum, weil es uns zu groß ist, ist es unser Licht und unsere Kraft, hält und trägt und bewegt es uns. Wenn es uns gleich wäre, könnte es uns nicht halten, tragen und bewegen. Es ist uns aber nicht gleich, sondern höchst verschieden von uns. Und das ist das Geheimnis unseres Lebens. Es ist ein unbegreiflicher Zusammenhang da zwischen uns und dem, was ganz anders ist als wir. Unser Leben hat einen Ursprung, zu dem unser Leben gar nicht paßt. Etwas ganz Fernes und Neues ist uns zugleich das Allernächste und Bekannteste. Wir haben immer noch etwas, was wir nicht haben. Wir sind noch |336 etwas, was wir eigentlich nicht sind. Es ist noch etwas in uns, was doch gar nicht in uns ist. Das Geheimnis unseres Lebens ist die Barmherzigkeit Gottes.
2. Wenn wir Gott und unser
Leben verstehen wollen, dann müssen wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen; denn
damit fängt Alles an und hört Alles auf. Wenn wir zur Ruhe kommen
wollen, dann müssen wir in der Barmherzigkeit Gottes zur Ruhe kommen, denn sie ist das
allein Feste und Gewisse in unserem Dasein. Und wenn wir in
Bewegung kommen wollen, dann müssen wir uns durch die Barmherzigkeit Gottes
bewegen lassen; denn sie ist das einzige wirklich Lebendige in unserem Dasein. Ja, von was lebst du eigentlich? Etwa davon, daß du so aufrichtig bist? Dessen
rühmt sich ja Mancher. Aber daran könnte sich niemand halten.
Aufrichtig sein, das würde doch heißen, die Wahrheit reden. Aber kein
Mensch redet die Wahrheit. Die Wahrheit ist zu groß für uns. Auch in unserer
aufrichtigsten Rede ist beständig 9/10 Irrtum
und Lüge. Es könnte aber sein, daß du die Wahrheit wenigstens meinst und suchst. Die
Wahrheit ist nicht in dir, aber über dir. Es schimmert in deiner
Rede etwas durch von der Wahrheit Gottes. Du darfst von ferne teilnehmen an dem, was nicht dir gehört, sondern ihm. Halten kannst du dich an nichts, aber du wirst gehalten. Rühmen kannst du dich nicht, aber du bist auch nicht ausgeschlossen vom Reich
der Wahrheit, du darfst mit trotz deiner Irrtümer und Lügen. Oder
lebst du etwa davon, daß du das Rechte tust? Das sagt freilich
auch Mancher; aber diese Stütze könnte dir durch die Hand gehen [vgl.
Man redet von bedeutenden Menschen, von Meistern und Helden im
Denken, in der Kunst, im öffentlichen Leben. Man rühmt sie wegen
ihrer Persönlichkeiten und Leistungen. Aber gerade davon haben solche Menschen nie gelebt, und gerade das hat sie nie groß
gemacht. Das Bedeutende an solchen Menschen lag nie in dem, was sie waren und
erreichten, sondern eigentlich gerade in dem, was sie nicht waren
und nicht erreichten, sondern nur wollten und anstrebten. Es gab
solche Menschen, ich denke z. B. an
Seht, das ist die Barmherzigkeit Gottes, diese leise, feine
Berührung unseres Daseins mit seinem Dasein, das ganz anders ist. Wir
hören eine Stimme: Du bist es nicht! Du hast es nicht! Du kannst es nicht! Das
scheint eine furchtbare Entmutigung für uns zu sein. Aber das ist
die Stimme des Lebens, der wir nun nachhören [?], da fängt das
wahrhaftige Leben an. Wenn wir das hören und annehmen: Ich bin’s nicht! Wir sind’s nicht!, dann bekommen wir von Gott die
neue Antwort: Aber ich bin, der ich bin [
3. Warum ist denn nur die Welt so erfüllt von
dem Brausen und Tönen
der Anklagen, die wir Menschen gegen uns selbst und gegen andere
erheben? Das paßt so gar nicht zur Barmherzigkeit Gottes. Das
zeugt so gar nicht davon, daß wir das Leben und Gott verstanden
haben. Dieses Anklagen ist vielleicht das schwerste Hindernis für
das wahrhaftige Leben. Unsere Beschränktheit und
Unvollkommenheit, unsere Sünde und Irrtum sind ja gewiß schlimm.
Viel und oft greifen wir daneben in unseren Entscheidungen. Viele Verkehrtheiten leisten
wir uns. Viel Zorn und Grimm richten wir an. Aber das alles wäre nicht
ganz schlimm, so schlimm es ist. Es ist bei dem allen immer noch möglich, daß
etwas von Gottes Barmherzigkeit mitläuft, daß gerade aus der
Tiefe, in der wir uns befinden, ein unmittelbarer Zusammenhang
zwischen Gott und uns sich ergibt. Es gibt sicher Millionen von |339 sehr törichten und verworfenen Menschen, denen das
zu Gute kommt, wo es in aller Stille [?] heißt: Barmherzig und gnädig ist der
Herr, geduldig und von großer Güte! Nicht wegen ihres Rechttuns
und ihrer Einsicht, sondern gerade weil sie nicht recht tun und nichts einsehen, werden
sie von Gott mitgenommen und nicht ausgeschlossen. Er will einfach
nicht mit ihnen handeln nach ihren Sünden und ihnen nicht vergelten nach ihrer
Missetat. Er ist barmherzig mit ihnen. Mit dem
ewigen Anklagen aber, ob es sich gegen uns selbst oder gegen Andere richtet,
machen wir es Gott unmöglich, barmherzig zu sein, und schneiden
uns damit den letzten Lebensfaden ab. Wer sich verrennt darein,
sich selber anzuklagen wegen seiner Schwachheit und seinem
Irrtum, der verrennt sich, ohne es zu merken, in eine große Gottlosigkeit. Es hat ja
scheinbar etwas sehr Schönes und Respektables, so mit sich selbst
ins Gericht zu gehen, und es muß auch sein, aber nur bis auf
einen gewissen Punkt; da müssen wir haltmachen, zu Gott
aufschauen, uns seiner Gnade anbefehlen und dann das Seufzen lassen und mit neuem Mut
dort anfangen, wo wir eben stehen, und wenn es auf der untersten Stufe wäre. Auch auf
der untersten Stufe kann uns das Licht Gottes leuchten. Wenn wir aber hartnäckig dabei bleiben, uns selbst zu betrachten und über uns selbst zu
jammern, dann zeigen wir damit, daß wir noch nicht verstanden
haben, von was wir leben. Meinst du etwa doch wieder, du
verdankest das bißchen Licht, das du hast, deinem Eifer, deinem Ernst, deiner Inbrunst,
deinen guten Taten? Meinst du etwa doch, du kannst dir mehr Licht
erzeugen aus dir selber? Sieh, du könntest dich ja auf den Kopf
stellen, und nichts, gar nichts würde dadurch anders. Das Beste
in deinem Leben ist ja doch darin, daß du sagen darfst: Was ich gelebt habe,
decke zu - was ich noch leben soll, regiere du!3 An diesem Besten rennst du aber
vorbei, wenn du mit deinem Seufzen über dich selbst zu keinem Ende kommen kannst.
Du mußt im Gegenteil gerade deiner
Selbstbetrachtung einmal ein Ziel setzen, denn es ist eine
geheime Wichtigtuerei und Eitelkeit darin, und mußt Gott die Ehre geben. So muß man es
auch mit dem heiligen Abendmahl halten.4 Es ist nicht für die, |340 die selber immer höher klettern wollen an Tugend und Frömmigkeit,
sondern für die, die ihre Schranken erkennen und zu Gott sagen wollen: Nicht ich, du
bist’s allein! Das Himmelreich stürmen [vgl.
Aus dem gleichen Grund sollten wir uns auch nicht so verrennen in unsere gegenseitigen Anklagen. Das ist ganz dasselbe Kapitel. Es ist auch die eigentliche Gottlosigkeit, mit der wir uns selbst und anderen den Lebensfaden abschneiden, statt uns und sie daran zu halten. Wir haben ja gewöhnlich Recht mit den Beschwerden, die wir gegeneinander auf dem Herzen haben. Mit den gleichen scharfen Augen, mit denen wir uns selbst betrachten und verurteilen, sehen wir auch ganz richtig die Schwachheiten und Verfehlungen der anderen. Und wieder steht’s so, daß wir bis zu einem gewissen Punkt das Recht und die Pflicht haben, sie zu sehen und davon zu reden. Aber wir dürfen auch da nicht über diesen gewissen Punkt hinausgehen. Es muß bei Allem, was wir gegeneinander haben können, der Augenblick kommen, wo wir an die Gnade Gottes denken, die sicher auch [?] für die Anderen da ist. Die Anderen leben ja auch nicht von dem Unvollkommenen, was sie sind und reden und tun, sondern von dem vollkommenen Licht Gottes, das auf ihr unvollkommenes Dasein fällt. Auch sie sind nicht selber richtig, sondern Gott ist richtig für sie, ob sie es wissen oder nicht. Auch sie können sich nichts erwerben, sie können nur empfangen. Auch sie könnten sich auf den Kopf stellen, um es uns am Ende recht zu machen, Gott würden sie es auch damit doch nicht recht machen. Wir müssen sie also zu Gott rechnen und ihnen im letzten Grunde immer Barmherzigkeit widerfahren lassen, wie Gott es auch tut. Und nicht nur im letzten Grunde, sondern wir müssen immer wieder versuchen, dort anzufangen, bei dem, was nicht sie selber sind und sagen und tun, sondern was hinter und über ihnen ist. Man kann nicht zum heiligen Abendmahl gehen, wenn man diese |341 letzte Ruhe nicht hat auch den Anderen gegenüber und den Mut, auch mit ihnen neu anzufangen. Man kann nicht von Herzen beten, wenn man nicht auch die Anderen von Herzen einschließt in die gleiche Gnade, die man selber braucht. Man kann nicht ins Himmelreich eingehen, ohne auch die Anderen dahin mitzunehmen, so gut man’s kann.
Seht, das Anklagen, ob es gegen uns selbst oder Andere geht, ist immer ein Mangel an Gottesfurcht. Es heißt aber: er läßt seine Gnade walten über die, so ihn fürchten. Wo keine Gottesfurcht ist, keine Beugung vor dem, der allein weise, fromm und gerecht ist, wo die menschliche Gerechtigkeit immer noch dick und ungebrochen dasteht und sich Luft macht in allerlei Seufzen und Beschwerden, als ob es an den Menschen liege, da ist auch keine Gnade. Es liegt aber nicht an den Menschen. Es liegt an Gott. Sein Licht muß leuchten. Seine Kraft muß wirken. Sein Leben muß unser Dasein berühren. Mit allem Anderen bewegen wir uns im Kreis herum. Darum ist eben das Anklagen schlimmer als die Sünde. Sünde kann vergeben werden und wird vergeben. Mit den Anklagen aber streiten wir gerade gegen die Vergebung, nehmen sie nicht ernst, rechnen nicht damit, stellen uns nicht auf den Boden, der uns allein tragen kann. Die Macht Gottes auf der Erde ist gerade seine Barmherzigkeit, dieser Zusammenhang zwischen Gott und Welt, der über alle Sünde und Gottlosigkeit hinweg- geht und trotzdem und dennoch besteht. Scharfe Augen, die die eigene und fremde Sünde und Gottlosigkeit sehen, gibt es genug. Es fehlt aber an Augen, die dieses «trotzdem und dennoch» sehen. Anklagende Menschen gibt es genug. Es fehlt aber an Menschen, die in Gottes Barmherzigkeit zur Ruhe gekommen sind, von ihr sich bewegen lassen. Denn Gottes Barmherzigkeit will verstanden, ergriffen, ausgeübt sein, sonst kann nichts Neues werden auf der Erde.
4. Wie ein ganz dünner Faden mag uns oft diese Verbindung zwischen Gott und der Welt vorkommen, der gerade darin besteht, daß wir leben von dem, was wir nicht sind. Aber dieser dünne Faden ist in Wirklichkeit stärker als lauter dicke Seile. Man muß ihn nur einmal ergreifen. Wenn wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen, werden wir umsichtig und weitsichtig. Es verwundert und enttäuscht uns dann Vieles nicht mehr so sehr, was wir erleben. Die Erscheinungen des |342 Tages machen uns dann nicht mehr so schnell irre und müde. Wir verlieren das allzu rasche Uns-Freuen und das allzu rasche Betrübt-Werden. Wir sehen das Lebendige und Hoffnungsvolle nicht mehr so auf der Oberfläche. Wir fangen an, Fragen zu stellen, auf die es Antworten gibt, und Antworten zu bekommen, die wir nicht alsbald wieder fahren lassen müssen. Wir bekommen dann aber auch den rechten Lebensmut. Wer das Fernste sucht, der findet auch das Nächste. Wem es mit dem Unsichtbaren ernst geworden ist, der findet sich auch im Sichtbaren zurecht. Wer Gott fürchtet, der braucht den Menschen nicht mehr zu fürchten. Die große Ruhe macht uns ganz ruhig, die große Bewegung macht uns ganz bewegt. Es ist dann eben ein wirkliches Licht, in dem wir leben. Wollen wir nicht hineintreten in dieses Licht? Indem wir demütig und mutig hineintreten, beginnt es uns zu leuchten. Es muß Keines von uns ferne sein von diesem Licht.
- Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3. 12-14 (GERS [1998] 723,1-3. 12-14; EG 324,1-3. 12-14) - Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben?» von
L. A. Gotter , Strophen 1-3 (GERS [1998] 727,1-3)