14. September 1919

Psalm 103,8-13

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Psalm 103,8-13
[Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht immer hadern noch ewiglich Zorn halten. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über die, so ihn fürchten. So ferne der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten.]

1. Wir Menschen leben nicht von dem, was wir denken, fühlen, reden, leisten und vollbringen. Wir nähren uns ja auch nicht von unserem eigenen Körper. Sondern fremde Stoffe müssen wir in uns aufnehmen und uns aneignen. Wir nähren uns von dem, was wir nicht sind. Das ist ein Gleichnis. Wir leben nicht von dem, was wir sind. Man müßte viel eher sagen: wir leben gerade von dem, was wir nicht sind. Das wahrhaftige Leben, von dem wir alle leben, ist uns ein solcher fremder Stoff. Wir können nicht sagen: ich habe es, ich bin es. Wir können es weder kennen noch fühlen. Es ist nicht in uns und aus uns. Es ist ganz anders als wir. Es ist heilig, wir aber sind unheilig, es ist von oben, wir aber sind von unten, es ist ewig, wir aber sind zeitlich. Es ist etwas ganz Großes, Starkes, Herrliches. Und weil es ganz groß ist, ist es zu groß für uns. Aber: Gerade darum, weil es uns so fremd ist, gerade darum brauchen wir es und leben wir davon. Gerade darum, weil es ganz anders ist als wir, müssen wir nach ihm fragen, nach ihm uns sehnen. Gerade darum, weil es uns zu groß ist, ist es unser Licht und unsere Kraft, hält und trägt und bewegt es uns. Wenn es uns gleich wäre, könnte es uns nicht halten, tragen und bewegen. Es ist uns aber nicht gleich, sondern höchst verschieden von uns. Und das ist das Geheimnis unseres Lebens. Es ist ein unbegreiflicher Zusammenhang da zwischen uns und dem, was ganz anders ist als wir. Unser Leben hat einen Ursprung, zu dem unser Leben gar nicht paßt. Etwas ganz Fernes und Neues ist uns zugleich das Allernächste und Bekannteste. Wir haben immer noch etwas, was wir nicht haben. Wir sind noch |336 etwas, was wir eigentlich nicht sind. Es ist noch etwas in uns, was doch gar nicht in uns ist. Das Geheimnis unseres Lebens ist die Barmherzigkeit Gottes.

2. Wenn wir Gott und unser Leben verstehen wollen, dann müssen wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen; denn damit fängt Alles an und hört Alles auf. Wenn wir zur Ruhe kommen wollen, dann müssen wir in der Barmherzigkeit Gottes zur Ruhe kommen, denn sie ist das allein Feste und Gewisse in unserem Dasein. Und wenn wir in Bewegung kommen wollen, dann müssen wir uns durch die Barmherzigkeit Gottes bewegen lassen; denn sie ist das einzige wirklich Lebendige in unserem Dasein. Ja, von was lebst du eigentlich? Etwa davon, daß du so aufrichtig bist? Dessen rühmt sich ja Mancher. Aber daran könnte sich niemand halten. Aufrichtig sein, das würde doch heißen, die Wahrheit reden. Aber kein Mensch redet die Wahrheit. Die Wahrheit ist zu groß für uns. Auch in unserer aufrichtigsten Rede ist beständig 9/10 Irrtum und Lüge. Es könnte aber sein, daß du die Wahrheit wenigstens meinst und suchst. Die Wahrheit ist nicht in dir, aber über dir. Es schimmert in deiner Rede etwas durch von der Wahrheit Gottes. Du darfst von ferne teilnehmen an dem, was nicht dir gehört, sondern ihm. Halten kannst du dich an nichts, aber du wirst gehalten. Rühmen kannst du dich nicht, aber du bist auch nicht ausgeschlossen vom Reich der Wahrheit, du darfst mit trotz deiner Irrtümer und Lügen. Oder lebst du etwa davon, daß du das Rechte tust? Das sagt freilich auch Mancher; aber diese Stütze könnte dir durch die Hand gehen [vgl. 2.Kön. 18,21 par.]. Denn das Recht ist etwas Großes. Wer es nicht ganz tut, tut es gar nicht. Es hat noch nie ein Mensch das Rechte getan. Das Recht ist wohl gerade das, was nie geschieht. Aber es könnte ja sein, daß gerade das dich drängt und treibt und beunruhigt, daß du tun möchtest, was niemand tut und was auch du nicht tust. Sieh, da naht es sich dir wieder, das Fremde, das Ungreifbare, der Schimmer von dem, was Gott ist und tut, der nun auch auf dein Leben fällt. Darauf könntest du dich nicht stützen, aber es stützt dich! In dir und deinem Leben ist es nicht. Rühmen kannst du dich nicht. Aber indem dir Gott begegnet, darfst du teilnehmen an ihm und seinem Leben, und alles Unrecht, das du tust, kann es nicht verhindern [?], daß er dir recht gibt. Oder willst du dich darauf verlassen, |337 daß du Erfahrung hast vom Göttlichen? Ja, davon reden Viele sehr schön. Aber Gott kann man nicht nur so erfahren. Dazu müßten wir die Sinne erst haben [?]. Niemand hat Gott je gesehen [Joh. 1,18]. Was man fühlen, sehen, hören kann, das ist menschlich. Menschlich ist auch unsere echteste Frömmigkeit, menschlich auch unsere tiefste Herzenserfahrung. Wer sich auf Erfahrungen verläßt, dem könnte der Trost einmal fehlen. Es könnte dir aber geschehen, daß dir etwas von dem widerfahren ist, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat [vgl. Jes. 64,3; 1.Kor. 2,9]. Es könnte sein, daß du das suchst, was größer ist als dein Herz [vgl. 1.Joh. 3,20]. Es könnte sein, daß etwas von Gottes eigenem Licht in deine Gedanken und in dein Herz gefallen ist. Und nun ist etwas nicht in dir, sondern über dir, nicht Erfahrung, sondern Gnade. Damit tröste dich! Tröste dich mit dem, was du nicht bist und nicht hast. Erfahre, fühle, besitze, soviel du willst, aber sieh das alles als Spiel an. Ernst ist nur die Gnade. Aus Gnade und nur aus Gnade bist du bei Gott trotz deiner Gottlosigkeit. |

Man redet von bedeutenden Menschen, von Meistern und Helden im Denken, in der Kunst, im öffentlichen Leben. Man rühmt sie wegen ihrer Persönlichkeiten und Leistungen. Aber gerade davon haben solche Menschen nie gelebt, und gerade das hat sie nie groß gemacht. Das Bedeutende an solchen Menschen lag nie in dem, was sie waren und erreichten, sondern eigentlich gerade in dem, was sie nicht waren und nicht erreichten, sondern nur wollten und anstrebten. Es gab solche Menschen, ich denke z. B. an Pestalozzi2, deren ganzes Leben eine lange Reihe von mißlungenen Versuchen war, etwas zustande zu bringen, was ihnen nicht gelingen konnte, andere, die immer in den Vorarbeiten stecken blieben zu einem Werk, das nie fertig wurde, andere, die immer nur gerungen haben danach, etwas zu sagen und auszudrücken, was man überhaupt nicht sagen und ausdrücken kann. Und gerade die waren die wirklich Bedeutenden. Vom unerreichbaren Ziel her fiel ein helles Licht auf ihr Leben und ihr Werk. Sie nahmen wie |338 Mose am Ende der Wüstenreise [Dtn. 34,1-5] teil an dem, woran sie nicht Anteil hatten. Und so ist es auch mit den großen Bewegungen und Fortschritten in der Geschichte, z. B. in der Reformationszeit. Das Große lag nie in dem, was in solchen Zeiten gesagt und getan und etwa erreicht wurde. Dem haftet immer soundso viel sehr Kleines, Törichtes an. Das war nur das Bewegen der Blätter, wenn der Wind durch die Bäume geht. Aber gerade das, was von niemand gesagt und nirgends erreicht wurde in solchen Zeiten, das, was Alle bloß meinten und suchten und vielleicht kaum wußten, daß sie es suchten - das macht solche Zeiten zu großen Zeiten. Es fiel dann ein heller göttlicher Glanz auf solche Bewegungen, der leuchtete, auch wenn nichts Großes dabei herauskam. Das Große ist nie das, was herauskommt in einer solchen Zeit, sondern das, was herauswill, das nur über den Menschen ist, gerade das, was den Menschen zu groß ist, als daß sie es herausbrächten.

Seht, das ist die Barmherzigkeit Gottes, diese leise, feine Berührung unseres Daseins mit seinem Dasein, das ganz anders ist. Wir hören eine Stimme: Du bist es nicht! Du hast es nicht! Du kannst es nicht! Das scheint eine furchtbare Entmutigung für uns zu sein. Aber das ist die Stimme des Lebens, der wir nun nachhören [?], da fängt das wahrhaftige Leben an. Wenn wir das hören und annehmen: Ich bin’s nicht! Wir sind’s nicht!, dann bekommen wir von Gott die neue Antwort: Aber ich bin, der ich bin [Ex. 3,14].

3. Warum ist denn nur die Welt so erfüllt von dem Brausen und Tönen der Anklagen, die wir Menschen gegen uns selbst und gegen andere erheben? Das paßt so gar nicht zur Barmherzigkeit Gottes. Das zeugt so gar nicht davon, daß wir das Leben und Gott verstanden haben. Dieses Anklagen ist vielleicht das schwerste Hindernis für das wahrhaftige Leben. Unsere Beschränktheit und Unvollkommenheit, unsere Sünde und Irrtum sind ja gewiß schlimm. Viel und oft greifen wir daneben in unseren Entscheidungen. Viele Verkehrtheiten leisten wir uns. Viel Zorn und Grimm richten wir an. Aber das alles wäre nicht ganz schlimm, so schlimm es ist. Es ist bei dem allen immer noch möglich, daß etwas von Gottes Barmherzigkeit mitläuft, daß gerade aus der Tiefe, in der wir uns befinden, ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Gott und uns sich ergibt. Es gibt sicher Millionen von |339 sehr törichten und verworfenen Menschen, denen das zu Gute kommt, wo es in aller Stille [?] heißt: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte! Nicht wegen ihres Rechttuns und ihrer Einsicht, sondern gerade weil sie nicht recht tun und nichts einsehen, werden sie von Gott mitgenommen und nicht ausgeschlossen. Er will einfach nicht mit ihnen handeln nach ihren Sünden und ihnen nicht vergelten nach ihrer Missetat. Er ist barmherzig mit ihnen. Mit dem ewigen Anklagen aber, ob es sich gegen uns selbst oder gegen Andere richtet, machen wir es Gott unmöglich, barmherzig zu sein, und schneiden uns damit den letzten Lebensfaden ab. Wer sich verrennt darein, sich selber anzuklagen wegen seiner Schwachheit und seinem Irrtum, der verrennt sich, ohne es zu merken, in eine große Gottlosigkeit. Es hat ja scheinbar etwas sehr Schönes und Respektables, so mit sich selbst ins Gericht zu gehen, und es muß auch sein, aber nur bis auf einen gewissen Punkt; da müssen wir haltmachen, zu Gott aufschauen, uns seiner Gnade anbefehlen und dann das Seufzen lassen und mit neuem Mut dort anfangen, wo wir eben stehen, und wenn es auf der untersten Stufe wäre. Auch auf der untersten Stufe kann uns das Licht Gottes leuchten. Wenn wir aber hartnäckig dabei bleiben, uns selbst zu betrachten und über uns selbst zu jammern, dann zeigen wir damit, daß wir noch nicht verstanden haben, von was wir leben. Meinst du etwa doch wieder, du verdankest das bißchen Licht, das du hast, deinem Eifer, deinem Ernst, deiner Inbrunst, deinen guten Taten? Meinst du etwa doch, du kannst dir mehr Licht erzeugen aus dir selber? Sieh, du könntest dich ja auf den Kopf stellen, und nichts, gar nichts würde dadurch anders. Das Beste in deinem Leben ist ja doch darin, daß du sagen darfst: Was ich gelebt habe, decke zu - was ich noch leben soll, regiere du!3 An diesem Besten rennst du aber vorbei, wenn du mit deinem Seufzen über dich selbst zu keinem Ende kommen kannst. Du mußt im Gegenteil gerade deiner Selbstbetrachtung einmal ein Ziel setzen, denn es ist eine geheime Wichtigtuerei und Eitelkeit darin, und mußt Gott die Ehre geben. So muß man es auch mit dem heiligen Abendmahl halten.4 Es ist nicht für die, |340 die selber immer höher klettern wollen an Tugend und Frömmigkeit, sondern für die, die ihre Schranken erkennen und zu Gott sagen wollen: Nicht ich, du bist’s allein! Das Himmelreich stürmen [vgl. Mt. 11,12] heißt nicht immer hitziger und eifriger werden, sondern Schluß machen mit sich selber und mit Gott rechnen und damit rechnen, daß er uns erwählt hat und nicht wir ihn [vgl. Joh. 15,16]. So ist es auch mit dem Beten: es ist nicht die höchste Spitze eines Turms, den wir bauen [vgl. Gen. 11,4], sondern es besteht gerade in der Abwendung von der Beschäftigung mit uns selbst zu Gott hin in der Erkenntnis, daß ja doch er allein wichtig ist und nichts, gar nichts von dem, was wir allenfalls schaffen und erreichen können. |

Aus dem gleichen Grund sollten wir uns auch nicht so verrennen in unsere gegenseitigen Anklagen. Das ist ganz dasselbe Kapitel. Es ist auch die eigentliche Gottlosigkeit, mit der wir uns selbst und anderen den Lebensfaden abschneiden, statt uns und sie daran zu halten. Wir haben ja gewöhnlich Recht mit den Beschwerden, die wir gegeneinander auf dem Herzen haben. Mit den gleichen scharfen Augen, mit denen wir uns selbst betrachten und verurteilen, sehen wir auch ganz richtig die Schwachheiten und Verfehlungen der anderen. Und wieder steht’s so, daß wir bis zu einem gewissen Punkt das Recht und die Pflicht haben, sie zu sehen und davon zu reden. Aber wir dürfen auch da nicht über diesen gewissen Punkt hinausgehen. Es muß bei Allem, was wir gegeneinander haben können, der Augenblick kommen, wo wir an die Gnade Gottes denken, die sicher auch [?] für die Anderen da ist. Die Anderen leben ja auch nicht von dem Unvollkommenen, was sie sind und reden und tun, sondern von dem vollkommenen Licht Gottes, das auf ihr unvollkommenes Dasein fällt. Auch sie sind nicht selber richtig, sondern Gott ist richtig für sie, ob sie es wissen oder nicht. Auch sie können sich nichts erwerben, sie können nur empfangen. Auch sie könnten sich auf den Kopf stellen, um es uns am Ende recht zu machen, Gott würden sie es auch damit doch nicht recht machen. Wir müssen sie also zu Gott rechnen und ihnen im letzten Grunde immer Barmherzigkeit widerfahren lassen, wie Gott es auch tut. Und nicht nur im letzten Grunde, sondern wir müssen immer wieder versuchen, dort anzufangen, bei dem, was nicht sie selber sind und sagen und tun, sondern was hinter und über ihnen ist. Man kann nicht zum heiligen Abendmahl gehen, wenn man diese |341 letzte Ruhe nicht hat auch den Anderen gegenüber und den Mut, auch mit ihnen neu anzufangen. Man kann nicht von Herzen beten, wenn man nicht auch die Anderen von Herzen einschließt in die gleiche Gnade, die man selber braucht. Man kann nicht ins Himmelreich eingehen, ohne auch die Anderen dahin mitzunehmen, so gut man’s kann.

Seht, das Anklagen, ob es gegen uns selbst oder Andere geht, ist immer ein Mangel an Gottesfurcht. Es heißt aber: er läßt seine Gnade walten über die, so ihn fürchten. Wo keine Gottesfurcht ist, keine Beugung vor dem, der allein weise, fromm und gerecht ist, wo die menschliche Gerechtigkeit immer noch dick und ungebrochen dasteht und sich Luft macht in allerlei Seufzen und Beschwerden, als ob es an den Menschen liege, da ist auch keine Gnade. Es liegt aber nicht an den Menschen. Es liegt an Gott. Sein Licht muß leuchten. Seine Kraft muß wirken. Sein Leben muß unser Dasein berühren. Mit allem Anderen bewegen wir uns im Kreis herum. Darum ist eben das Anklagen schlimmer als die Sünde. Sünde kann vergeben werden und wird vergeben. Mit den Anklagen aber streiten wir gerade gegen die Vergebung, nehmen sie nicht ernst, rechnen nicht damit, stellen uns nicht auf den Boden, der uns allein tragen kann. Die Macht Gottes auf der Erde ist gerade seine Barmherzigkeit, dieser Zusammenhang zwischen Gott und Welt, der über alle Sünde und Gottlosigkeit hinweg-­ geht und trotzdem und dennoch besteht. Scharfe Augen, die die eigene und fremde Sünde und Gottlosigkeit sehen, gibt es genug. Es fehlt aber an Augen, die dieses «trotzdem und dennoch» sehen. Anklagende Menschen gibt es genug. Es fehlt aber an Menschen, die in Gottes Barmherzigkeit zur Ruhe gekommen sind, von ihr sich bewegen lassen. Denn Gottes Barmherzigkeit will verstanden, ergriffen, ausgeübt sein, sonst kann nichts Neues werden auf der Erde.

4. Wie ein ganz dünner Faden mag uns oft diese Verbindung zwischen Gott und der Welt vorkommen, der gerade darin besteht, daß wir leben von dem, was wir nicht sind. Aber dieser dünne Faden ist in Wirklichkeit stärker als lauter dicke Seile. Man muß ihn nur einmal ergreifen. Wenn wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen, werden wir umsichtig und weitsichtig. Es verwundert und enttäuscht uns dann Vieles nicht mehr so sehr, was wir erleben. Die Erscheinungen des |342 Tages machen uns dann nicht mehr so schnell irre und müde. Wir verlieren das allzu rasche Uns-Freuen und das allzu rasche Betrübt-Werden. Wir sehen das Lebendige und Hoffnungsvolle nicht mehr so auf der Oberfläche. Wir fangen an, Fragen zu stellen, auf die es Antworten gibt, und Antworten zu bekommen, die wir nicht alsbald wieder fahren lassen müssen. Wir bekommen dann aber auch den rechten Lebensmut. Wer das Fernste sucht, der findet auch das Nächste. Wem es mit dem Unsichtbaren ernst geworden ist, der findet sich auch im Sichtbaren zurecht. Wer Gott fürchtet, der braucht den Menschen nicht mehr zu fürchten. Die große Ruhe macht uns ganz ruhig, die große Bewegung macht uns ganz bewegt. Es ist dann eben ein wirkliches Licht, in dem wir leben. Wollen wir nicht hineintreten in dieses Licht? Indem wir demütig und mutig hineintreten, beginnt es uns zu leuchten. Es muß Keines von uns ferne sein von diesem Licht.

Lieder:
  • Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von P. Gerhardt, Strophen 1-3. 12-14 (GERS [1998] 723,1-3. 12-14; EG 324,1-3. 12-14) 🎵
  • Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben?» von L. A. Gotter, Strophen 1-3 (GERS [1998] 727,1-3) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. S. 326, Anm.1. Über den Tambacher Vortrag und seine Folgen vgl. Busch, S. 122-126 📖.↩
2
Pestalozzis mit großem Engagement begonnene Unternehmungen, die Landwirtschaft auf dem Neuhof (1769-1774), die Armenanstalt ebda. (1774-1779), das Waisenhaus in Stans (1800), die Erziehungsanstalt in Yverdon (1804-1825), hatten allesamt keinen Bestand. Vgl. H. Horn, Art. «Pestalozzi, Johann Heinrich», in: TRE 26, S. 244-248 📖; sowie die Monographie dess. Glaube und Anfechtung bei Pestalozzi, Heidelberg 1969 📖.↩
3
Nach dem fälschlich dem Augustinus zugeschriebenen Dictum: «Quod vixi, tege, quod vivam, rege.»↩
4
Am Sonntag vor dem eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag wie an diesem wurde in Safenwil das heilige Abendmahl gefeiert.↩