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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Psalm 103,8-13</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm 103,8-13, 14. September 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39041 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 342.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Psalm 103,8-13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">342</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 103,8-13, 14. September 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1925">KBA 1468</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-09-14">14. September 1919</date>
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          <head><idno>486</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-09-14">14. September 1919</date><note xml:id="n01">Vgl. <ref target="../volume/39/p326#fn_n01" type="pub">S. 326,
              Anm.1</ref>. Über den <ref type="pub" target="48061">Tambacher Vortrag</ref> und seine Folgen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 122-126</bibl>.</note>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.8 Ps.103.13">Psalm 103,8-13</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und
                  von großer Güte. Er wird nicht immer hadern noch ewiglich Zorn halten. Er handelt
                  nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn
                  so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über die, so ihn
                  fürchten. So ferne der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns
                  sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die,
                  so ihn fürchten.] 
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Wir Menschen <hi rend="italic">leben nicht von dem</hi>, was
            wir denken, fühlen, reden, leisten und vollbringen. Wir <hi rend="italic">nähren</hi>
            uns ja auch nicht von unserem eigenen Körper. Sondern fremde Stoffe müssen wir in uns
            aufnehmen und uns aneignen. Wir nähren uns von dem, was wir nicht sind. Das ist ein
            Gleichnis. Wir <hi rend="italic">leben</hi> nicht von dem, was wir sind. Man müßte viel
            eher sagen: wir leben gerade von dem, was wir nicht sind. Das <hi rend="italic">wahrhaftige Leben</hi>, von dem wir alle leben, ist uns ein solcher fremder Stoff.
            Wir <hi rend="italic">können nicht sagen:</hi> ich habe es, ich bin es. Wir können es
            weder kennen noch fühlen. Es ist nicht in uns und aus uns. Es ist <hi rend="italic">ganz
              anders</hi> als wir. Es ist heilig, wir aber sind unheilig, es ist von oben, wir aber
            sind von unten, es ist ewig, wir aber sind zeitlich. Es ist etwas <hi rend="italic">ganz</hi> Großes, Starkes, Herrliches. Und weil es ganz groß ist, ist es zu groß für
            uns. Aber: <hi rend="italic">Gerade darum</hi>, weil es uns so <hi rend="italic">fremd</hi> ist, gerade darum brauchen wir es und leben wir davon. Gerade darum, weil
            es <hi rend="italic">ganz anders</hi> ist als wir, müssen wir nach ihm fragen, nach ihm
            uns sehnen. Gerade darum, weil es uns <hi rend="italic">zu groß</hi> ist, ist es unser
            Licht und unsere Kraft, hält und trägt und bewegt es uns. Wenn es uns <hi rend="italic">gleich</hi> wäre, könnte es uns nicht halten, tragen und bewegen. Es ist uns aber
            nicht gleich, sondern höchst verschieden von uns. Und das ist <hi rend="italic">das
              Geheimnis</hi> unseres Lebens. Es ist ein unbegreiflicher <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> da zwischen uns und dem, was ganz anders ist als wir. Unser Leben
            hat einen <hi rend="italic">Ursprung</hi>, zu dem unser Leben gar nicht paßt. Etwas ganz
              <hi rend="italic">Fernes und Neues</hi> ist uns zugleich das Allernächste und
            Bekannteste. Wir <hi rend="italic">haben</hi> immer noch etwas, was <hi rend="italic">wir</hi> nicht haben. Wir <hi rend="italic">sind</hi> noch <pb ed="pga" xml:id="p336"/> etwas, was <hi rend="italic">wir</hi> eigentlich nicht sind. Es ist noch etwas <hi rend="italic">in</hi> uns, was doch gar nicht in <hi rend="italic">uns</hi> ist. Das
            Geheimnis unseres Lebens ist die Barmherzigkeit Gottes.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Wenn wir <hi rend="italic">Gott und unser
              Leben verstehen</hi> wollen, dann müssen wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen; denn
            damit fängt Alles an und hört Alles auf. Wenn wir <hi rend="italic">zur Ruhe</hi> kommen
            wollen, dann müssen wir in der Barmherzigkeit Gottes zur Ruhe kommen, denn sie ist das
            allein Feste und Gewisse in unserem Dasein. Und wenn wir <hi rend="italic">in
              Bewegung</hi> kommen wollen, dann müssen wir uns durch die Barmherzigkeit Gottes
            bewegen lassen; denn sie ist das einzige wirklich Lebendige in unserem Dasein. Ja, <hi rend="sans-serif">von was lebst du</hi> eigentlich? Etwa davon, daß du <hi rend="italic">so aufrichtig</hi> bist? Dessen 
            <hi rend="italic">rühmt sich</hi> ja Mancher. Aber daran könnte sich niemand halten.
            Aufrichtig sein, das würde doch heißen, die Wahrheit reden. Aber <hi rend="italic">kein
              Mensch</hi> redet die Wahrheit. Die Wahrheit ist zu groß für uns. Auch in unserer
            aufrichtigsten Rede ist beständig <hi rend="top">9</hi>/<hi rend="buttom">10</hi> Irrtum
            und Lüge. Es könnte aber sein, daß du die Wahrheit wenigstens meinst und suchst. Die
            Wahrheit ist nicht in dir, aber über dir. Es <hi rend="italic">schimmert</hi> in deiner
            Rede etwas durch von der Wahrheit Gottes. Du darfst von ferne <hi rend="italic">teilnehmen</hi> an dem, was nicht dir gehört, sondern ihm. <hi rend="italic">Halten</hi> kannst du dich an nichts, aber du wirst gehalten. <hi rend="italic">Rühmen</hi> kannst du dich nicht, aber du bist auch nicht ausgeschlossen vom Reich
            der Wahrheit, du <hi rend="italic">darfst mit</hi> trotz deiner Irrtümer und Lügen. Oder
            lebst du etwa davon, daß du <hi rend="italic">das Rechte tust?</hi> Das sagt freilich
            auch Mancher; aber diese Stütze könnte dir durch die Hand gehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.18.21">2.Kön. 18,21</ref> par.]. Denn <hi rend="italic">das Recht</hi> ist etwas Großes. Wer es nicht ganz tut, tut es gar nicht. Es hat noch
            nie ein Mensch <hi rend="italic">das Rechte</hi> getan. <hi rend="italic">Das Recht</hi>
            ist wohl gerade das, was nie geschieht. Aber es könnte ja sein, daß gerade das dich <hi rend="italic">drängt</hi> und treibt und beunruhigt, daß du tun möchtest, was niemand
            tut und was auch du nicht tust. Sieh, da <hi rend="italic">naht es sich dir wieder</hi>,
            das Fremde, das Ungreifbare, der Schimmer von dem, was Gott ist und tut, der nun auch
            auf dein Leben fällt. Darauf könntest du dich nicht <hi rend="italic">stützen</hi>, aber
            es stützt dich! In dir und deinem Leben ist es nicht. <hi rend="italic">Rühmen</hi>
            kannst du dich nicht. Aber indem dir Gott begegnet, darfst du <hi rend="italic">teilnehmen</hi> an ihm und seinem Leben, und alles Unrecht, das du tust, kann es
            nicht verhindern [?], daß er dir recht gibt. Oder willst du dich darauf verlassen, <pb ed="pga" xml:id="p337"/> daß du <hi rend="italic">Erfahrung hast</hi> vom Göttlichen?
            Ja, davon reden Viele sehr schön. Aber Gott kann man <hi rend="italic">nicht nur so
              erfahren.</hi> Dazu müßten wir die Sinne erst haben [?]. Niemand hat Gott je gesehen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.18">Joh. 1,18</ref>]. Was man fühlen,
            sehen, hören kann, das ist <hi rend="italic">menschlich.</hi> Menschlich ist auch unsere
            echteste Frömmigkeit, menschlich auch unsere tiefste Herzenserfahrung. Wer sich auf <hi rend="italic">Erfahrungen verläßt</hi>, dem könnte der Trost einmal fehlen. Es könnte
            dir aber geschehen, daß dir etwas von dem widerfahren ist, <hi rend="italic">was kein
              Auge gesehen</hi> und kein Ohr gehört hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.64.3">Jes. 64,3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>]. Es könnte sein, <hi rend="italic">daß du das suchst</hi>, was
            größer ist als dein Herz [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.20">1.Joh. 3,20</ref>]. Es könnte sein, daß etwas von <hi rend="italic">Gottes eigenem Licht</hi> in deine Gedanken und in dein Herz gefallen
            ist. Und nun ist etwas nicht in dir, sondern <hi rend="italic">über dir</hi>, nicht
            Erfahrung, sondern <hi rend="italic">Gnade.</hi> Damit tröste dich! Tröste dich mit dem,
            was du nicht bist und nicht hast. Erfahre, fühle, besitze, soviel du willst, aber sieh
            das alles als <hi rend="italic">Spiel</hi> an. <hi rend="italic">Ernst</hi> ist nur die
            Gnade. Aus Gnade und nur aus Gnade bist du bei Gott trotz deiner
             Gottlosigkeit. |</p>
          <p>Man redet von <hi rend="italic">bedeutenden Menschen</hi>, von Meistern und Helden im
            Denken, in der Kunst, im öffentlichen Leben. Man <hi rend="italic">rühmt sie</hi> wegen
            ihrer Persönlichkeiten und Leistungen. Aber gerade davon haben solche Menschen <hi rend="italic">nie gelebt</hi>, und gerade das hat sie <hi rend="italic">nie groß</hi>
            gemacht. Das Bedeutende an solchen Menschen lag nie in dem, was sie waren und
            erreichten, sondern eigentlich gerade in dem, was sie <hi rend="italic">nicht waren</hi>
            und <hi rend="italic">nicht erreichten</hi>, sondern nur wollten und anstrebten. Es gab
            solche Menschen, ich denke z. B. an <persName ref="kbga-actors-723">Pestalozzi</persName><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-723">Pestalozzis</persName> mit großem
              Engagement begonnene Unternehmungen, die Landwirtschaft auf dem Neuhof (1769-1774),
              die Armenanstalt ebda. (1774-1779), das Waisenhaus in Stans (1800), die
              Erziehungsanstalt in Yverdon (1804-1825), hatten allesamt keinen Bestand. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5428">H. Horn, Art. «Pestalozzi, Johann Heinrich», in: TRE 26,
                S. 244-248</bibl>; sowie die Monographie dess. <bibl corresp="kbga-bibls-5429"><hi rend="italic">Glaube und Anfechtung bei Pestalozzi</hi>, Heidelberg
              1969</bibl>.</note>, deren ganzes Leben eine lange Reihe von <hi rend="italic">mißlungenen Versuchen</hi> war, etwas zustande zu bringen, was ihnen nicht gelingen
            konnte, andere, die immer in <hi rend="italic">den Vorarbeiten</hi> stecken blieben zu
            einem Werk, das nie fertig wurde, andere, die <hi rend="italic">immer nur gerungen</hi>
            haben danach, etwas zu sagen und auszudrücken, was man überhaupt nicht sagen und
            ausdrücken kann. Und gerade die waren die wirklich Bedeutenden. <hi rend="italic">Vom
              unerreichbaren Ziel her</hi> fiel ein helles Licht auf ihr Leben und ihr Werk. Sie
            nahmen wie <pb ed="pga" xml:id="p338"/> <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> am Ende der Wüstenreise [<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.34.1 Dtn.34.5">Dtn. 34,1-5</ref>] teil an dem, woran sie
            nicht Anteil hatten. Und so ist es auch mit den großen <hi rend="italic">Bewegungen und
              Fortschritten</hi> in der Geschichte, z. B. in der Reformationszeit. Das <hi rend="italic">Große lag nie in dem</hi>, was in solchen Zeiten gesagt und getan und
            etwa erreicht wurde. Dem haftet immer soundso viel sehr Kleines, Törichtes an. Das war
            nur <hi rend="italic">das Bewegen der Blätter</hi>, wenn der Wind durch die Bäume geht.
            Aber gerade das, was von <hi rend="italic">niemand gesagt</hi> und <hi rend="italic">nirgends erreicht</hi> wurde in solchen Zeiten, das, was Alle bloß meinten und
            suchten und vielleicht kaum wußten, daß sie es suchten - das macht solche Zeiten zu
            großen Zeiten. Es fiel dann ein <hi rend="italic">heller göttlicher Glanz</hi> auf
            solche Bewegungen, der <hi rend="italic">leuchtete</hi>, auch wenn nichts Großes dabei
            herauskam. Das Große ist <hi rend="italic">nie das, was herauskommt</hi> in einer
            solchen Zeit, sondern das, was herauswill, das nur über den Menschen ist, gerade das,
            was den Menschen zu groß ist, als daß sie es herausbrächten.</p>
          <p>Seht, das ist <hi rend="italic">die Barmherzigkeit Gottes</hi>, diese leise, feine
            Berührung unseres Daseins mit seinem Dasein, das ganz anders ist. <hi rend="italic">Wir
              hören eine Stimme:</hi> Du bist es nicht! Du hast es nicht! Du kannst es nicht! Das
            scheint eine furchtbare <hi rend="italic">Entmutigung</hi> für uns zu sein. Aber das ist
            die <hi rend="italic">Stimme des Lebens</hi>, der wir nun nachhören [?], da fängt das
              <hi rend="italic">wahrhaftige Leben</hi> an. Wenn wir das hören und annehmen: <hi rend="italic">Ich bin’s nicht!</hi> Wir sind’s nicht!, dann bekommen wir von Gott die
            neue Antwort: <hi rend="italic">Aber ich bin</hi>, der ich bin [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.14">Ex. 3,14</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Warum ist denn nur die Welt so erfüllt von
            dem <hi rend="italic">Brausen und Tönen</hi>
            <hi rend="italic">der Anklagen,</hi> die wir Menschen gegen uns selbst und gegen andere
            erheben? Das <hi rend="italic">paßt so gar nicht</hi> zur Barmherzigkeit Gottes. Das
            zeugt so gar nicht davon, daß wir das Leben und Gott <hi rend="italic">verstanden</hi>
            haben. Dieses Anklagen ist vielleicht das schwerste <hi rend="italic">Hindernis</hi> für
            das wahrhaftige Leben. <hi rend="italic">Unsere Beschränktheit</hi> und
            Unvollkommenheit, unsere Sünde und Irrtum sind ja gewiß <hi rend="italic">schlimm.</hi>
            Viel und oft greifen wir daneben in unseren Entscheidungen. Viele Verkehrtheiten leisten
            wir uns. Viel Zorn und Grimm richten wir an. Aber das alles wäre <hi rend="italic">nicht
              ganz schlimm</hi>, so schlimm es ist. Es ist bei dem allen immer noch möglich, daß
            etwas von Gottes Barmherzigkeit <hi rend="italic">mitläuft</hi>, daß gerade aus der
            Tiefe, in der wir uns befinden, ein unmittelbarer <hi rend="italic">Zusammenhang</hi>
            zwischen Gott und uns sich ergibt. Es gibt sicher Millionen von <pb ed="pga" xml:id="p339"/> sehr törichten und verworfenen Menschen, denen <hi rend="italic">das
              zu Gute kommt</hi>, wo es in aller Stille [?] heißt: Barmherzig und gnädig ist der
            Herr, geduldig und von großer Güte! <hi rend="italic">Nicht wegen</hi> ihres Rechttuns
            und ihrer Einsicht, sondern gerade weil sie nicht recht tun und nichts einsehen, werden
            sie von Gott mitgenommen und nicht ausgeschlossen. <hi rend="italic">Er will einfach
              nicht</hi> mit ihnen handeln nach ihren Sünden und ihnen nicht vergelten nach ihrer
            Missetat. Er ist <hi rend="italic">barmherzig</hi> mit ihnen. <hi rend="italic">Mit dem
              ewigen Anklagen</hi> aber, ob es sich gegen uns selbst oder gegen Andere richtet,
            machen wir es <hi rend="italic">Gott unmöglich, barmherzig</hi> zu sein, und schneiden
            uns damit den letzten Lebensfaden ab. Wer sich <hi rend="italic">verrennt</hi> darein,
              <hi rend="italic">sich selber anzuklagen</hi> wegen seiner Schwachheit und seinem
            Irrtum, der verrennt sich, ohne es zu merken, in eine große Gottlosigkeit. Es hat ja
            scheinbar etwas <hi rend="italic">sehr Schönes</hi> und Respektables, so mit sich selbst
            ins Gericht zu gehen, und es <hi rend="italic">muß auch sein</hi>, aber nur bis auf
            einen <hi rend="italic">gewissen Punkt;</hi> da müssen wir haltmachen, zu Gott
            aufschauen, uns seiner Gnade anbefehlen und dann das Seufzen lassen und mit neuem Mut
            dort anfangen, wo wir eben stehen, und wenn es auf der untersten Stufe wäre. Auch auf
            der untersten Stufe kann uns das Licht Gottes leuchten. Wenn wir aber hartnäckig <hi rend="italic">dabei bleiben</hi>, uns selbst zu betrachten und über uns selbst zu
            jammern, dann zeigen wir damit, daß wir <hi rend="italic">noch nicht verstanden</hi>
            haben, von was wir leben. <hi rend="italic">Meinst du etwa</hi> doch wieder, du
            verdankest das bißchen Licht, das du hast, deinem Eifer, deinem Ernst, deiner Inbrunst,
            deinen guten Taten? <hi rend="italic">Meinst du etwa doch</hi>, du kannst dir mehr Licht
            erzeugen aus dir selber? Sieh, du könntest dich ja <hi rend="italic">auf den Kopf
              stellen</hi>, und nichts, gar nichts würde dadurch anders. Das <hi rend="italic">Beste
              in deinem Leben</hi> ist ja doch darin, daß du sagen darfst: Was ich gelebt habe,
            decke zu - was ich noch leben soll, regiere du!<note xml:id="n03">Nach dem fälschlich
              dem <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName> zugeschriebenen Dictum: «<foreign xml:lang="lat">Quod vixi, tege, quod
                vivam, rege</foreign>.»</note> An diesem Besten <hi rend="italic">rennst du aber
              vorbei</hi>, wenn du mit deinem Seufzen über dich selbst zu keinem Ende kommen kannst. 
              Du mußt im Gegenteil gerade deiner
            Selbstbetrachtung einmal <hi rend="italic">ein Ziel setzen</hi>, denn es ist eine
            geheime Wichtigtuerei und Eitelkeit darin, und mußt Gott die Ehre geben. So muß man es
            auch mit dem <hi rend="italic">heiligen Abendmahl</hi> halten.<note xml:id="n04">Am
              Sonntag vor dem eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag wie an diesem wurde in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>
              das heilige Abendmahl gefeiert.</note> Es ist nicht für die, <pb ed="pga" xml:id="p340"/> die selber immer höher klettern wollen an Tugend und Frömmigkeit,
            sondern für die, die ihre Schranken erkennen und zu Gott sagen wollen: Nicht ich, du
            bist’s allein! <hi rend="italic">Das Himmelreich stürmen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.12">Mt. 11,12</ref>] heißt nicht immer hitziger und
            eifriger werden, sondern Schluß machen mit sich selber und mit Gott rechnen und damit
            rechnen, daß er uns erwählt hat und nicht wir ihn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.16">Joh. 15,16</ref>]. So ist es auch mit dem <hi rend="italic">Beten:</hi> es ist nicht die höchste Spitze eines Turms, den wir bauen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.11.4">Gen. 11,4</ref>], sondern es besteht
            gerade in der Abwendung von der Beschäftigung mit uns selbst zu Gott hin in der
            Erkenntnis, daß ja doch er allein wichtig ist und nichts, gar nichts von dem, was wir
            allenfalls schaffen und erreichen können. |</p>
          <p>Aus dem gleichen Grund sollten wir uns auch nicht so verrennen in unsere <hi rend="italic">gegenseitigen Anklagen.</hi> Das ist ganz dasselbe Kapitel. Es ist auch
            die eigentliche <hi rend="italic">Gottlosigkeit</hi>, mit der wir uns selbst und anderen
            den Lebensfaden abschneiden, statt uns und sie daran zu halten. Wir haben ja gewöhnlich
              <hi rend="italic">Recht</hi> mit den Beschwerden, die wir gegeneinander auf dem Herzen
            haben. Mit den gleichen scharfen Augen, mit denen wir uns selbst betrachten und
            verurteilen, sehen wir auch ganz richtig die Schwachheiten und Verfehlungen der anderen.
            Und wieder steht’s so, daß wir <hi rend="italic">bis zu einem gewissen Punkt</hi> das
            Recht und die Pflicht haben, sie zu sehen und davon zu reden. Aber wir dürfen auch da
            nicht über diesen gewissen Punkt hinausgehen. Es muß bei Allem, was wir gegeneinander
            haben können, der Augenblick kommen, wo wir <hi rend="italic">an die Gnade Gottes
              denken</hi>, die sicher auch [?] für die Anderen da ist. Die Anderen <hi rend="italic">leben ja auch nicht</hi> von dem Unvollkommenen, was sie sind und reden und tun,
            sondern von dem vollkommenen Licht Gottes, das auf ihr unvollkommenes Dasein fällt. Auch
            sie <hi rend="italic">sind nicht selber richtig</hi>, sondern Gott ist richtig für sie,
            ob sie es wissen oder nicht. Auch <hi rend="italic">sie können sich nichts
            erwerben</hi>, sie können nur empfangen. Auch sie <hi rend="italic">könnten sich auf den
              Kopf stellen</hi>, um es uns am Ende recht zu machen, Gott würden sie es auch damit
            doch nicht recht machen. Wir müssen sie also <hi rend="italic">zu Gott rechnen</hi> und
            ihnen <hi rend="italic">im letzten Grunde</hi> immer Barmherzigkeit widerfahren lassen,
            wie Gott es auch tut. Und nicht nur im letzten Grunde, sondern wir müssen immer wieder
            versuchen, <hi rend="italic">dort anzufangen</hi>, bei dem, was nicht sie selber sind
            und sagen und tun, sondern was hinter und über ihnen ist. Man kann
             nicht zum heiligen Abendmahl gehen,
            wenn man diese <pb ed="pga" xml:id="p341"/> letzte Ruhe nicht hat auch den Anderen
            gegenüber und den Mut, auch mit ihnen neu anzufangen. Man kann nicht <hi rend="italic">von Herzen beten</hi>, wenn man nicht auch die Anderen von Herzen einschließt in die
            gleiche Gnade, die man selber braucht. Man kann nicht <hi rend="italic">ins
              Himmelreich</hi> eingehen, ohne auch die Anderen dahin mitzunehmen, so gut man’s
            kann.</p>
          <p>Seht, das Anklagen, ob es gegen uns selbst oder Andere geht, ist immer ein <hi rend="italic">Mangel an Gottesfurcht.</hi> Es heißt aber: er läßt seine Gnade walten
            über die, <hi rend="italic">so ihn fürchten.</hi> Wo keine <hi rend="italic">Gottesfurcht</hi> ist, keine Beugung vor dem, der allein weise, fromm und gerecht
            ist, wo die <hi rend="italic">menschliche Gerechtigkeit</hi> immer noch dick und
            ungebrochen dasteht und sich Luft macht in allerlei Seufzen und Beschwerden, als ob es
            an den Menschen liege, da ist auch <hi rend="italic">keine Gnade.</hi> Es liegt aber
            nicht an den Menschen. Es liegt an <hi rend="italic">Gott.</hi>
            <hi rend="italic">Sein</hi> Licht muß leuchten. <hi rend="italic">Seine</hi> Kraft muß
            wirken. <hi rend="italic">Sein</hi> Leben muß unser Dasein berühren. Mit allem Anderen
            bewegen wir uns im Kreis herum. Darum ist eben das <hi rend="italic">Anklagen
              schlimmer</hi> als die Sünde. Sünde kann vergeben werden und wird vergeben. Mit den
            Anklagen aber streiten wir gerade <hi rend="italic">gegen die Vergebung</hi>, nehmen sie
            nicht ernst, rechnen nicht damit, stellen uns nicht auf den Boden, der uns allein tragen
            kann. Die <hi rend="italic">Macht Gottes</hi> auf der Erde ist gerade seine <hi rend="italic">Barmherzigkeit</hi>, dieser <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> zwischen
            Gott und Welt, der über alle Sünde und Gottlosigkeit <hi rend="italic">hinweg</hi>-­
            geht und <hi rend="italic">trotzdem</hi> und dennoch besteht. <hi rend="italic">Scharfe
              Augen</hi>, die die eigene und fremde Sünde und Gottlosigkeit sehen, gibt es genug. Es
            fehlt aber an Augen, die dieses «trotzdem und dennoch» sehen. <hi rend="italic">Anklagende</hi> Menschen gibt es genug. Es fehlt aber an Menschen, die in Gottes
            Barmherzigkeit zur Ruhe gekommen sind, von ihr sich bewegen lassen. Denn Gottes
            Barmherzigkeit <hi rend="italic">will verstanden</hi>, ergriffen, ausgeübt sein, sonst
            kann nichts Neues werden auf der Erde.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Wie ein ganz dünner Faden mag uns oft diese
              <hi rend="italic">Verbindung zwischen Gott und der Welt</hi> vorkommen, der gerade
            darin besteht, daß wir leben von dem, was wir nicht sind. Aber dieser dünne Faden ist in
            Wirklichkeit <hi rend="italic">stärker</hi> als lauter dicke Seile. Man muß ihn nur
            einmal <hi rend="italic">ergreifen.</hi> Wenn wir die Barmherzigkeit Gottes begreifen,
            werden wir <hi rend="italic">umsichtig</hi> und weitsichtig. Es <hi rend="italic">verwundert</hi> und enttäuscht uns dann Vieles nicht mehr so sehr, was wir erleben.
            Die Erscheinungen des <pb ed="pga" xml:id="p342"/> Tages machen uns dann nicht mehr so
            schnell <hi rend="italic">irre und müde.</hi> Wir verlieren das <hi rend="italic">allzu
              rasche</hi> Uns-Freuen und das allzu rasche Betrübt-Werden. Wir sehen <hi rend="italic">das Lebendige und Hoffnungsvolle</hi> nicht mehr so auf der Oberfläche.
            Wir fangen an, 
            <hi rend="italic">Fragen</hi> zu stellen, auf die es Antworten gibt, und <hi rend="italic">Antworten</hi> zu bekommen, die wir nicht alsbald wieder fahren lassen
            müssen. Wir bekommen dann aber auch den rechten <hi rend="italic">Lebensmut.</hi> Wer
            das <hi rend="italic">Fernste</hi> sucht, der findet auch das Nächste. Wem es mit dem
              <hi rend="italic">Unsichtbaren</hi> ernst geworden ist, der findet sich auch im
            Sichtbaren zurecht. Wer <hi rend="italic">Gott fürchtet</hi>, der braucht den Menschen
            nicht mehr zu fürchten. Die <hi rend="italic">große</hi> Ruhe macht uns ganz ruhig, die
              <hi rend="italic">große</hi> Bewegung macht uns ganz bewegt. Es ist dann eben ein <hi rend="italic">wirkliches Licht</hi>, in dem wir leben. Wollen wir nicht <hi rend="italic">hineintreten</hi> in dieses Licht? Indem wir demütig und mutig
            hineintreten, beginnt es uns zu <hi rend="italic">leuchten.</hi> Es muß Keines von uns
            ferne sein von diesem Licht.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-222" type="song"> Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von
              <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3. 12-14 (GERS [1998] 723,1-3. 12-14; EG
              324,1-3. 12-14)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-27" type="song">Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben?» von
              <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1998] 727,1-3)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
