1. Es gibt zuletzt einen
feinen Punkt, wo es sich zeigt und entscheidet und bewährt, wie
es steht zwischen Gott und den Menschen, einen Punkt, wo alle Not
und Schwachheit unseres Lebens ihre Grenze und ihr Ende erreicht, einen Punkt, wo das Licht von oben stark und voll in unsere Welt eintritt.
Vielleicht, daß kein Mensch ist, der in seinem Leben länger als durch einige kurze Augenblicke sich dieses hellen Punktes bewußt wird.
Vielleicht, daß sich Millionen seiner nie bewußt werden. Man sagt
von Sterbenden, daß sie in den letzten Sekunden ihres Daseins das
sehen und haben, was sie sonst nie gesehen und gehabt haben; aber wer will darüber etwas
Sicheres sagen? Aber das ist sicher, daß dieser Punkt da ist,
oder wenn man an alle Menschen denken will, dieser rote Faden, der durch alle
Lebensgeschichten aller Menschen, durch die ganze Weltgeschichte der Länge nach
hindurchgeht. Es gibt ja auch andere Fragen, auf die wir früher
oder später mit unserem Leben Antwort geben müssen und die sich in ähnlicher Weise durch
das Ganze der Menschheit hindurchziehen. Ich möchte zum Beispiel für die Männer die
Frage nennen, was sie im Grunde zum weiblichen Geschlecht für ein Verhältnis einnehmen
wollen, oder für die Frauen die Frage, wie weit sie davon loskommen, sich immer mit sich
selbst zu beschäftigen, oder für uns alle die Frage, was für eine |327 Stellung wir zum Geld haben. Das sind dringende, brennende Fragen, aber nicht letzte Fragen. Man kann nicht sagen, daß
Alles darauf ankommt, wie sie beantwortet werden. Es gibt aber eine
letzte Frage, es gibt einen Ort und an diesem Ort Etwas,
da kommt nun Alles darauf an. Diese letzte Frage ist gleichsam die Quelle, aus der unser Leben fließt, so oder so. Von dort aus wird das Urteil über unser Leben, das wir alle empfangen müssen, gesprochen
und zugleich vollzogen. Dort ist, wenn wir noch einmal an das Ganze denken wollen, der
Schlüssel zum
Geheimnis der ganzen Menschen- und Weltgeschichte; aber diesen
Schlüssel kann freilich kein Einzelner wirklich in die Hände nehmen, kaum daß da und
dort einer imstande ist, von dort aus das Nächste ein wenig zu überblicken und zu
verstehen. Von dort aus spricht Gott mit uns, in seinem
furchtbaren Ernst und in seiner barmherzigen Liebe, so wie er eben mit jedem sprechen
kann. |
Paulus schließt den Epheserbrief, indem er ganz unvermutet noch
einmal diese Frage aufgreift [?]. Die «Gnade sei mit Allen», sagt er, «die unseren Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen».
«Unverrückt» hat Luther den letzten Ausdruck übersetzt. Paulus hatte vorher gesagt:
«Friede und Liebe und Glaube sei mit den Brüdern von Gott, dem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus». Da kam es ihm offenbar vor, es könnte zu wenig
deutlich und vernehmbar sein, was er damit sagen wollte. Es gab wohl schon damals
Menschen, die gar nichts Rechtes mehr hörten, sondern nur so ein allgemeines, religiöses
Summen und Klingen in der Luft, wenn man die Worte Friede, Liebe, Glaube, Gott Vater,
Jesus Christus aussprach. Paulus wollte aber zum Schluß noch einmal
deutlich gehört und verstanden sein.2 Also noch einmal mit allem
Nachdruck eine Erklärung dessen, was er seinen Lesern wünscht.
Noch einmal die Frage, das Anklopfen, die Unruhe, die Pein [?],
von denen nun auch wir im Lauf dieses Sommers Einiges wahrgenommen - oder auch nicht
wahrgenommen haben. Also noch einmal mit aller Bestimmtheit den einen Punkt bezeichnet, auf den Alles ankommt: die Gnade sei mit Allen, die unseren
Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen, unverrückt!
328
2. Man kann aber die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus
offenbart ist, das Wesen des Heilands auch mit anderen Augen
ansehen als mit den Augen des Paulus, wenn er sagt: Jesus liebhaben in seinem unvergänglichen Wesen. Die Wahrheit Gottes in Christus hat
eben auch ein vergängliches «Wesen», eine der Blindheit von uns
Menschen angepaßte Erscheinungsform. Sie ist auch in dieser Form nicht
zu verachten, sondern wir wollen dankbar sein für Alles, was wir auch in dieser
Form an ihr haben und in der Menschheit wirksam sehen. Die Strahlen dieses Lichtes sind
stark genug, um auch durch die Mauern unseres Gefängnisses
hindurchzudringen und da drinnen eine gewisse matte Helligkeit zu verbreiten. Diese
matte Helligkeit ist etwa das, was man heute Christentum nennt
und was es wohl schon damals gegeben hat. Man nimmt von der Wahrheit
Gottes das an, was man versteht, was einem zusagt und was man brauchen kann. Es
ist ja am Göttlichen Vieles, was uns unbedingt zusagt, was wir
uns wünschen, wenn wir es nicht haben,
über das wir uns freuen können, wenn wir es haben. Freilich greifen dann nicht Alle nach dem Gleichen, weil nicht Alle die gleiche Brille
tragen, durch die sie sehen, und so entsteht eine ganze Menge von verschiedenen
Christentümern. Wir sind es ja heute gewohnt, daß ungefähr jeder
Mensch sein eigenes Christentum hat, und man rühmt es sogar als einen
Fortschritt, daß heutzutage Jeder Gott auf seine eigene Weise erlebe. (Wenn es so ist,
so kommt es davon, daß wir vergessen haben, daß eigentlich die Wahrheit selbst und nicht
unser Bedürfnis entscheiden müßte.) Menschen von weichem,
friedlichem Charakter werden z. B. gern danach greifen, daß Gott die Liebe ist [1.Joh. 4,8.16], und mit dieser Wahrheit
ihr Herz ganz erfüllen. Menschen mit einem starken Willen und
einem gewissen Eifer für das Gute werden sich darüber freuen, daß Gott ein Freund der
Gerechten und ein Feind der Ungerechten ist [vgl. Ps. 146,8f. u. ö.], und werden sich durch den Gedanken an Gott in
ihrem Willen und in ihrer Güte mächtig bestärkt fühlen. Menschen, denen die Ruhe und die Ordnung über Alles geht, werden sich daran halten, daß
Jesus gesagt hat: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen
[Mt. 5,9]!, während unruhige, bewegte Geister ihr Wohlgefallen finden an dem Jesus, der im Tempel
die Geißel gebraucht [Joh. 2,15]
und gesagt hat; Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert
[Mt. 10,34]! Verzagte, müde |329 Naturen werden ihr Christentum
zusammenfassen in die Worte: Vertrau auf Gott [vgl. Ps. 118,8f.]!, während frische, starke Naturen das Wesen des
Christentums darin finden werden, daß man auf seinen eigenen Füßen stehen müsse [vgl.
Hebr. 12,13]. Vielen Enttäuschten und Betrübten wird die Aussicht auf ein Leben nach dem
Tode das Wichtigste im Christentum sein, während Hoffnungsfrohe [?] sich dafür
begeistern, daß Gottes Reich zu uns kommen wolle. Einige werden kurzweg sagen:
Christentum heißt eine Herzenserfahrung mit dem Heiland gemacht
haben. Andere ebenso kurzweg: Gutes tun, wo man kann! Andere
ebenso kurzweg: natürlich und einfach sein! Was wollen wir weiter
aufzählen? Die Bedürfnisse und Anlagen sind ja tausendfältig und ebenso tausendfältig
die Brillen, durch die man die Wahrheit ansehen kann. Es ist ja immer
die Wahrheit, es ist ja immer etwas Schönes und Gutes, es ist ja immer ein Segen,
eine Kraft, ein Licht an dem, was man durch irgend eine dieser Brillen ansieht. |
Aber das «unvergängliche Wesen unseres Herrn Jesus Christus» ist
das nicht. Es ist unsererseits ein vielleicht sehr aufrichtiges
und ernstes Liebhaben Jesu darin, aber das unverrückte Liebhaben
ist das nicht, sondern wir verrücken dabei etwas von seinem Platze. Wir machen uns Jesus
zurecht nach dem Muster unseres eigenen vergänglichen Wesens, und dann haben wir ihn
lieb in der Gestalt, in der wir ihn haben
wollen. Es ist die matte Helligkeit des Gefängnisses, die da
entsteht, nicht das direkte Sonnenlicht der Freiheit. Denn täuschen wir uns nur nicht:
Überall wo wir die Wahrheit Gottes so auffassen nach unserem
Bedürfnis und unserer Anlage, überall wo die Pfarrer ihre Ehre und ihren Eifer daran setzen, diesen verschiedenartigen Bedürfnissen
entgegenzukommen und genugzutun, da geht etwas verloren, und zwar die
Hauptsache. Die Frage muß uns doch kommen, ob dazu, daß
jeder seinen Weg geht nach seinem Charakter und Geschmack, eigentlich Jesus und seine
Botschaft von Gott nötig sei. Wozu eigentlich die großen, starken Worte des Epheserbriefs und des ganzen Neuen Testaments von
Christus, von seinem Tod und seiner Auferstehung, wenn Alles doch nur darauf
hinausläuft, daß Jedes den Heiland und Gott hat, der ihm zufällig gerade entspricht?
Heißt das nicht ein Pferd vor einen Puppenwagen spannen? Dürfen wir uns wundern, wenn
Vielen von ihrem Christentum überhaupt nur noch das übrig bleibt,
was sie ohnehin fühlen und meinen und wollen, wenn |330 sie sich
sagen: das können wir billiger haben, dazu
brauchen wir keinen Epheserbrief, keine Bibel, keinen Jesus, keinen Gott! Das können wir wahrlich auch sonst haben, daß wir unsere
Bedürfnisse irgendwie befriedigen. Aber auch wenn wir nicht so weit gehen, dürfen wir
uns wundern, wenn wir es erleben müssen, daß der Segen, die Kraft und das Licht, die wir
von der Wahrheit Gottes auf unsere Weise haben, nicht unbegrenzt
sind, sondern in gewissen Lagen ins Stocken [?] kommen und versagen wie andere
menschliche Fähigkeiten auch? Woher kommt es nur, daß wir uns eigentlich nie getrauen,
mit unserem Glauben wirklich durch alle Leiden hindurchzugehen,
wie wir es doch tun müßten, wenn es wirklich der Glaube wäre, der in der Bibel gemeint
ist? Wie kommt es nur, daß wir manchmal von unserem eigenen Glauben in stillen Stunden
einfach ein wenig enttäuscht sind, wie man eben gelegentlich
auch sonst enttäuscht ist von dem, was man will und kann und tut und ausrichtet? Wie
kommt es nur, daß gerade in den großen gemeinsamen Nöten und Fragen
der Menschen, die die stärksten und schwersten sind, alle die verschiedenen
Christentümer immer so hinterdrein kommen und eigentlich auch nur nebenbei in Betracht
kommen? Wie kommt es, daß es heute die meisten Menschen einfach phantastisch und
aberwitzig berührt, wenn man ihnen sagt, daß im Christentum eigentlich die schöpferische, erlösende Gotteswahrheit für alle Irrtümer und Übel
der Welt ausgesprochen sei? Das kommt offenbar davon, daß unser
Christentum gar nicht die
schöpferische, erlösende Gotteswahrheit ist, von der in der Bibel mit so großen
Verheißungen die Rede ist, sondern nur das davon, was wir durch
unsere kleinen, gefärbten Brillen sehen wollen und können. Da können dann allerdings die
Verheißungen nicht eintreffen. Wir haben uns an das vergängliche,
menschliche, arme [?] Wesen Jesu Christi gehalten, an das von
ihm, was uns allenfalls paßt. Nun müssen wir sehen, wie weit wir damit kommen, und dürfen nicht staunen, wenn wir nicht eben
weit damit kommen. Du antwortest vielleicht im Stillen: ich für mich persönlich
brauche nichts mehr, ich bin mit der matten Helligkeit des
Christentums, wie ich es verstehe und auffasse, wohl zufrieden. Ich will dich jetzt
nicht fragen, ob du ganz ehrlicherweise so reden kannst. Ich will
dich jetzt auch nicht daran erinnern, daß noch nicht aller Tage Abend ist, daß du noch
lange Jahre und Jahrzehnte vor dir haben könntest, wo es sich
zeigen könnte, wie es |331 ist, wenn die Hauptsache fehlt. Ich
möchte dich nur das fragen, ob du denkst, damit sei nun Gott
gedient, daß du weißt und hast, was du bedarfst, was dir entspricht. Daß du
zufrieden bist, das ist am Ende vorläufig zu glauben, aber ob Gott
zufrieden ist mit deinem Christentum, mit unserem Christentum, mit all den
tausend Christentümern, in die wir uns zersplittern, weil wir nicht unverrückt den Herrn
Jesus lieb haben, das ist eine andere Frage.
3. Sieh, diese andere
Frage, das ist jener eine, feine Punkt, auf den Alles ankommt, von dem wir
anfangs sprachen und auf den Paulus da zum Schluß noch einmal hinweisen wollte. Hier fängt Christus an, sein unvergängliches Wesen und das
unverrückte Liebhaben unseres Herrn Jesus. Es fängt an mit der Frage: Was sagt denn eigentlich Gott dazu? Nicht: was bedürfen
wir? was verstehen wir? was wollen wir?, sondern was meint und
was will Gott, vielleicht ohne daß wir es zunächst verstehen und bedürfen,
sondern er ohne uns und gegen uns, aber was meint und was will er, weil er Gott ist.
Seht, das ist ja eben der Heiland im Gegensatz zu allen
Religionsstiftern und Kirchenmännern, deren es auch zur Zeit des Paulus so Viele gab.
Die ersannen auch allerlei Gedanken und schlugen allerlei Wege ein, wie sie den Menschen
und ihnen selbst eben damals paßten. Eine gefärbte Brille um die andere wurde probiert,
weggelegt, durch eine andere ersetzt. Mitten unter allen Religionen und Kirchen aller
Zeiten ist das das Neue, was der Heiland war und brachte, daß er
über die Menschen und über sich selbst hinweg rücksichtslos auf Gott sah. Bei ihm kam’s
zum Durchbruch und wurde ganz klar, was ja eigentlich
wir alle meinen, wenn wir jeder so eifrig und sicher mit unseren
verschiedenen Wahrheiten dreinlaufen [?]. Er konnte es den Menschen sagen, weil er
selbst dessen ganz sicher war: ihr meint ja doch eigentlich nicht euch selbst, ihr wollt
ja doch eigentlich gerade über euch selbst hinaus, ihr wißt ja:
wer seine Seele, sein Leben sucht und gewinnt, der wird sie verlieren [vgl. Mk. 8,35 par.]. Gott
ist’s ja, den ihr meinet, und merkt es nur nicht, daß ihr ihn meinet! Gott hat aber seine eigene Sache, seinen eigenen Weg, seine eigenen
Gedanken. Gott läßt sich nicht in Menschendienst nehmen! Gott will uns haben, unsere Aufmerksamkeit, unseren Eifer, unsere Treue, dann ist uns
geholfen. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft, daß die Sache
Gottes jetzt wieder arbeiten
|332 wird auf der Erde, daß das Göttliche nicht länger bloß eine
matte Helligkeit sei auf der Erde, sondern wieder ein großes, starkes, feines [?] Licht
werde. Darin war seine Stellung immer die eines Anwalts der Sache
Gottes. Als die Jünger ihn fragten, wie sie beten sollten,
antwortete er ihnen gleichsam ausschließlich im Interesse seines Vaters: dein Name werde
geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe … [Lk. 11,1f.]. Alles andere kommt nachher und folgt nur diesem Einen.
Es war ein ganz einseitiges, leidenschaftliches Parteiergreifen,
niemandem zu lieb und niemandem zu leid und eben darum der ganzen Welt und allen
Menschen zum Heil. Denn das brauchte es und braucht es auch
heute. Damit kommt wirkliches Licht und wirkliche Kraft ins Leben, daß wieder
nach Gott selbst gefragt wird statt nach all dem, was wir allenfalls verstehen und
bedürfen. Alle Christentümer und Religionen helfen uns darum nichts, weil da überall,
gerade wie sonst in der Welt, der Mensch seinen Weg sucht und geht. Es ist nichts Neues, nichts
Anderes gegenüber der Torheit und dem Jammer der Welt. Es ist vergängliches Wesen wie
die übrige Welt. Nur Gott kann helfen, wenn es uns einmal
wirklich um Gott zu tun würde [?]. Seht, darum haben wir bei Jesus so einen
überwältigenden Eindruck von der Liebe Gottes, weil die Liebe
Jesu nicht seine eigene Weichheit und Sanftmut war, sondern seine Antwort auf den Ruf
dessen, der die Liebe ist. Darum konnte Jesus so gewaltig eifern um
Gott, weil sein Eifer nicht seine eigene Aufregung und Leidenschaft war, sondern
ein Widerschein des göttlichen Zorns über alle Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der
Menschen [vgl. Röm. 1,18]. Wenn er Frieden gebot und wenn er den Krieg
erklärte, wenn er vom kindlichen Vertrauen redete und vom Kommen des Himmelreichs, wenn sein Blick sich in die bewegte Zeit und ins Menschenleben richtete oder hinaus in die künftige Welt der Herrlichkeit, wenn er Hand
anlegte, um zu helfen, und wenn
er vor den Menschen floh in die Einsamkeit [vgl. Mk. 6,46 u. ö.] - es war bei ihm Alles so echt, so notwendig, es war immer nicht sein
Trieb, sein Bedürfnis, was ihn führte, sondern die Rücksicht auf
das, was von Gottes Willen geboten war. Und darum war alles das, was bei uns so
verschieden ist, so auseinanderfällt in tausend einzelne Wahrheiten, ein Ganzes, es war die Wahrheit. Es war immer das Eine dahinter. Darum leuchtet Jesus so
merkwürdig. Darum ist er in Allen so etwas ganz Neues, ein
unvergängli|333ches Wesen. Um dieses Einen willen
mußte er sterben und um dieses Einen willen ist er auferstanden von den Toten. Um dieses Einen willen waren die Kräfte der zukünftigen Welt mit ihm schon in der Gegenwart. Um
dieses Einen willen hatte er so ein gütiges, eingehendes Erbarmen
gegen alle Menschen, die Guten und die Bösen, weil er sie alle in der einen Not
wußte und weil er den einen Vater kannte, zu dem sie ja alle, die guten und die bösen,
zurückkehren müssen.
Wenn wir dieses Eine begreifen und sehen, wie da Jesus anders
war als alle Anderen, dann verstehen wir den Epheserbrief und das
Neue Testament. Dann wissen wir, wozu wir Christus brauchen mit
seinem großen Ruf: Folge du mir nach [Joh. 21,22]! Dann sehen wir das vor uns, auch wenn wir es noch nicht haben, was
uns nicht im Stich lassen wird. Dann hören die Enttäuschungen, die wir mit uns selbst immer und immer wieder erleben werden,
auf. Dann können wir wieder anfangen zu glauben an das, woran wir
glauben. Dann nähern wir uns der siegreichen Wahrheit, siegreich,
weil es die ganze Wahrheit ist.
Und das heißt dann: den Herrn Jesus lieb haben unverrückt, wenn
wir uns zu dem stellen und bekennen, was sein unvergängliches
Wesen war, und wenn es noch so schüchtern und ungeschickt und unvollständig geschehen
wird. Wir können ihn nicht anders lieb haben, als indem wir ihm Recht
geben, uns von ihm wenden und kehren lassen. In seinem Kreuz und in seiner
Auferstehung ist die große Wendung und Umkehr zu Gott hin. Wir müssen uns wieder freuen an dem, woran er sich freute, leiden
unter dem, worunter er litt, wichtig nehmen, was er wichtig nahm,
gering werden, wie er gering wurde, geduldig sein, wie er geduldig war. Wir dürfen ihn nicht so
allein lassen in dem, was sein Anliegen war. Wir müssen wieder mit ihm Nein sagen und mit ihm Ja sagen, mit ihm hoffen und mit ihm lieben, mit ihm niederreißen und mit
ihm bauen [vgl. Jer. 1,10]. Wir
müssen wieder [?] rechnen damit, daß er nicht einen gefälligen, sondern einen notwendigen Weg gegangen ist, daß das alles so
sein mußte und auch heute so sein muß, vielleicht nicht von uns aus, aber von ihm
aus, von Gott aus. Das heißt Jesus nachfolgen. Das heißt den Herrn
Jesus liebhaben unverrückt.
4.
Hier ist der Punkt, wo es sich entscheidet. Hier ist die Quelle
unseres Lebens. Von hier aus empfangen wir unser Urteil. Hier ist das |334 Geheimnis der Weltgeschichte. Kommen wir mit,
wenn der Weg sich wendet vom vergänglichen zum unvergänglichen
Wesen Jesu Christi, vom Christentum zum Reiche Gottes? Das ist
die Frage, mit der Paulus den Epheserbrief geschlossen hat. Und er hat gesagt: Gnade sei mit Allen, die hier mitkommen. Es ist ja etwas in uns,
das mitkommt, nicht wahr? Es ist ja etwas in all unseren verschiedenen Christentümern,
das auf das Reich Gottes hinzielt. Es ist ja etwas in der ganzen Menschheit, etwas
Tiefes, Radikales, Brennendes, Sehnsüchtiges, das gerade da mitkommt. Wir müßten ja
sonst sagen, daß das ewige Wort Gottes umsonst Fleisch geworden ist [vgl. Joh. 1,14]. Aber
es ist noch Vieles, viel zu Vieles da, das noch nicht mitkommt, viel Sicheres,
Unbewegtes, Unerschüttertes, viele große und kleine Christentümer, die sich vom
Epheserbrief nicht fragen lassen wollen. Es ist soviel Gnade mit
uns, als Erschütterung in uns ist. Und es ist soviel Gnade auch
über der heutigen Welt, als Sehnsucht in ihr ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Wollten wir nicht alle, es wäre mehr? Warum kann jetzt nicht mehr
Gnade mit uns und über uns sein? Bei Gott ist die Vergebung, daß man ihn fürchte [vgl.
Ps. 130,4]. Werden wir nicht
sein als wie die Träumenden, wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird? [vgl. Ps. 126,1].