7. September 1919

Epheser 6,21-24

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Epheser 6,21-24

Damit ihr nun auch erfahret, wie es um mich stehet und was ich schaffe, wird euch Tychikus, mein lieber Bruder und Diener im Herrn, Alles mitteilen. Dazu schicke ich ihn zu euch, damit ihr hört, wie es um uns steht, und damit er eure Herzen stärke.

Friede sei mit den Brüdern und Liebe und Glaube von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Die Gnade sei mit Allen, die unsern Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen.

1. Es gibt zuletzt einen feinen Punkt, wo es sich zeigt und entscheidet und bewährt, wie es steht zwischen Gott und den Menschen, einen Punkt, wo alle Not und Schwachheit unseres Lebens ihre Grenze und ihr Ende erreicht, einen Punkt, wo das Licht von oben stark und voll in unsere Welt eintritt. Vielleicht, daß kein Mensch ist, der in seinem Leben länger als durch einige kurze Augenblicke sich dieses hellen Punktes bewußt wird. Vielleicht, daß sich Millionen seiner nie bewußt werden. Man sagt von Sterbenden, daß sie in den letzten Sekunden ihres Daseins das sehen und haben, was sie sonst nie gesehen und gehabt haben; aber wer will darüber etwas Sicheres sagen? Aber das ist sicher, daß dieser Punkt da ist, oder wenn man an alle Menschen denken will, dieser rote Faden, der durch alle Lebensgeschichten aller Menschen, durch die ganze Weltgeschichte der Länge nach hindurchgeht. Es gibt ja auch andere Fragen, auf die wir früher oder später mit unserem Leben Antwort geben müssen und die sich in ähnlicher Weise durch das Ganze der Menschheit hindurchziehen. Ich möchte zum Beispiel für die Männer die Frage nennen, was sie im Grunde zum weiblichen Geschlecht für ein Verhältnis einnehmen wollen, oder für die Frauen die Frage, wie weit sie davon loskommen, sich immer mit sich selbst zu beschäftigen, oder für uns alle die Frage, was für eine |327 Stellung wir zum Geld haben. Das sind dringende, brennende Fragen, aber nicht letzte Fragen. Man kann nicht sagen, daß Alles darauf ankommt, wie sie beantwortet werden. Es gibt aber eine letzte Frage, es gibt einen Ort und an diesem Ort Etwas, da kommt nun Alles darauf an. Diese letzte Frage ist gleichsam die Quelle, aus der unser Leben fließt, so oder so. Von dort aus wird das Urteil über unser Leben, das wir alle empfangen müssen, gesprochen und zugleich vollzogen. Dort ist, wenn wir noch einmal an das Ganze denken wollen, der Schlüssel zum Geheimnis der ganzen Menschen- und Weltgeschichte; aber diesen Schlüssel kann freilich kein Einzelner wirklich in die Hände nehmen, kaum daß da und dort einer imstande ist, von dort aus das Nächste ein wenig zu überblicken und zu verstehen. Von dort aus spricht Gott mit uns, in seinem furchtbaren Ernst und in seiner barmherzigen Liebe, so wie er eben mit jedem sprechen kann. |

Paulus schließt den Epheserbrief, indem er ganz unvermutet noch einmal diese Frage aufgreift [?]. Die «Gnade sei mit Allen», sagt er, «die unseren Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen». «Unverrückt» hat Luther den letzten Ausdruck übersetzt. Paulus hatte vorher gesagt: «Friede und Liebe und Glaube sei mit den Brüdern von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus». Da kam es ihm offenbar vor, es könnte zu wenig deutlich und vernehmbar sein, was er damit sagen wollte. Es gab wohl schon damals Menschen, die gar nichts Rechtes mehr hörten, sondern nur so ein allgemeines, religiöses Summen und Klingen in der Luft, wenn man die Worte Friede, Liebe, Glaube, Gott Vater, Jesus Christus aussprach. Paulus wollte aber zum Schluß noch einmal deutlich gehört und verstanden sein.2 Also noch einmal mit allem Nachdruck eine Erklärung dessen, was er seinen Lesern wünscht. Noch einmal die Frage, das Anklopfen, die Unruhe, die Pein [?], von denen nun auch wir im Lauf dieses Sommers Einiges wahrgenommen - oder auch nicht wahrgenommen haben. Also noch einmal mit aller Bestimmtheit den einen Punkt bezeichnet, auf den Alles ankommt: die Gnade sei mit Allen, die unseren Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen, unverrückt!

328 2. Man kann aber die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus offenbart ist, das Wesen des Heilands auch mit anderen Augen ansehen als mit den Augen des Paulus, wenn er sagt: Jesus liebhaben in seinem unvergänglichen Wesen. Die Wahrheit Gottes in Christus hat eben auch ein vergängliches «Wesen», eine der Blindheit von uns Menschen angepaßte Erscheinungsform. Sie ist auch in dieser Form nicht zu verachten, sondern wir wollen dankbar sein für Alles, was wir auch in dieser Form an ihr haben und in der Menschheit wirksam sehen. Die Strahlen dieses Lichtes sind stark genug, um auch durch die Mauern unseres Gefängnisses hindurchzudringen und da drinnen eine gewisse matte Helligkeit zu verbreiten. Diese matte Helligkeit ist etwa das, was man heute Christentum nennt und was es wohl schon damals gegeben hat. Man nimmt von der Wahrheit Gottes das an, was man versteht, was einem zusagt und was man brauchen kann. Es ist ja am Göttlichen Vieles, was uns unbedingt zusagt, was wir uns wünschen, wenn wir es nicht haben, über das wir uns freuen können, wenn wir es haben. Freilich greifen dann nicht Alle nach dem Gleichen, weil nicht Alle die gleiche Brille tragen, durch die sie sehen, und so entsteht eine ganze Menge von verschiedenen Christentümern. Wir sind es ja heute gewohnt, daß ungefähr jeder Mensch sein eigenes Christentum hat, und man rühmt es sogar als einen Fortschritt, daß heutzutage Jeder Gott auf seine eigene Weise erlebe. (Wenn es so ist, so kommt es davon, daß wir vergessen haben, daß eigentlich die Wahrheit selbst und nicht unser Bedürfnis entscheiden müßte.) Menschen von weichem, friedlichem Charakter werden z. B. gern danach greifen, daß Gott die Liebe ist [1.Joh. 4,8.16], und mit dieser Wahrheit ihr Herz ganz erfüllen. Menschen mit einem starken Willen und einem gewissen Eifer für das Gute werden sich darüber freuen, daß Gott ein Freund der Gerechten und ein Feind der Ungerechten ist [vgl. Ps. 146,8f. u. ö.], und werden sich durch den Gedanken an Gott in ihrem Willen und in ihrer Güte mächtig bestärkt fühlen. Menschen, denen die Ruhe und die Ordnung über Alles geht, werden sich daran halten, daß Jesus gesagt hat: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen [Mt. 5,9]!, während unruhige, bewegte Geister ihr Wohlgefallen finden an dem Jesus, der im Tempel die Geißel gebraucht [Joh. 2,15] und gesagt hat; Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert [Mt. 10,34]! Verzagte, müde |329 Naturen werden ihr Christentum zusammenfassen in die Worte: Vertrau auf Gott [vgl. Ps. 118,8f.]!, während frische, starke Naturen das Wesen des Christentums darin finden werden, daß man auf seinen eigenen Füßen stehen müsse [vgl. Hebr. 12,13]. Vielen Enttäuschten und Betrübten wird die Aussicht auf ein Leben nach dem Tode das Wichtigste im Christentum sein, während Hoffnungsfrohe [?] sich dafür begeistern, daß Gottes Reich zu uns kommen wolle. Einige werden kurzweg sagen: Christentum heißt eine Herzenserfahrung mit dem Heiland gemacht haben. Andere ebenso kurzweg: Gutes tun, wo man kann! Andere ebenso kurzweg: natürlich und einfach sein! Was wollen wir weiter aufzählen? Die Bedürfnisse und Anlagen sind ja tausendfältig und ebenso tausendfältig die Brillen, durch die man die Wahrheit ansehen kann. Es ist ja immer die Wahrheit, es ist ja immer etwas Schönes und Gutes, es ist ja immer ein Segen, eine Kraft, ein Licht an dem, was man durch irgend eine dieser Brillen ansieht. |

Aber das «unvergängliche Wesen unseres Herrn Jesus Christus» ist das nicht. Es ist unsererseits ein vielleicht sehr aufrichtiges und ernstes Liebhaben Jesu darin, aber das unverrückte Liebhaben ist das nicht, sondern wir verrücken dabei etwas von seinem Platze. Wir machen uns Jesus zurecht nach dem Muster unseres eigenen vergänglichen Wesens, und dann haben wir ihn lieb in der Gestalt, in der wir ihn haben wollen. Es ist die matte Helligkeit des Gefängnisses, die da entsteht, nicht das direkte Sonnenlicht der Freiheit. Denn täuschen wir uns nur nicht: Überall wo wir die Wahrheit Gottes so auffassen nach unserem Bedürfnis und unserer Anlage, überall wo die Pfarrer ihre Ehre und ihren Eifer daran setzen, diesen verschiedenartigen Bedürfnissen entgegenzukommen und genugzutun, da geht etwas verloren, und zwar die Hauptsache. Die Frage muß uns doch kommen, ob dazu, daß jeder seinen Weg geht nach seinem Charakter und Geschmack, eigentlich Jesus und seine Botschaft von Gott nötig sei. Wozu eigentlich die großen, starken Worte des Epheserbriefs und des ganzen Neuen Testaments von Christus, von seinem Tod und seiner Auferstehung, wenn Alles doch nur darauf hinausläuft, daß Jedes den Heiland und Gott hat, der ihm zufällig gerade entspricht? Heißt das nicht ein Pferd vor einen Puppenwagen spannen? Dürfen wir uns wundern, wenn Vielen von ihrem Christentum überhaupt nur noch das übrig bleibt, was sie ohnehin fühlen und meinen und wollen, wenn |330 sie sich sagen: das können wir billiger haben, dazu brauchen wir keinen Epheserbrief, keine Bibel, keinen Jesus, keinen Gott! Das können wir wahrlich auch sonst haben, daß wir unsere Bedürfnisse irgendwie befriedigen. Aber auch wenn wir nicht so weit gehen, dürfen wir uns wundern, wenn wir es erleben müssen, daß der Segen, die Kraft und das Licht, die wir von der Wahrheit Gottes auf unsere Weise haben, nicht unbegrenzt sind, sondern in gewissen Lagen ins Stocken [?] kommen und versagen wie andere menschliche Fähigkeiten auch? Woher kommt es nur, daß wir uns eigentlich nie getrauen, mit unserem Glauben wirklich durch alle Leiden hindurchzugehen, wie wir es doch tun müßten, wenn es wirklich der Glaube wäre, der in der Bibel gemeint ist? Wie kommt es nur, daß wir manchmal von unserem eigenen Glauben in stillen Stunden einfach ein wenig enttäuscht sind, wie man eben gelegentlich auch sonst enttäuscht ist von dem, was man will und kann und tut und ausrichtet? Wie kommt es nur, daß gerade in den großen gemeinsamen Nöten und Fragen der Menschen, die die stärksten und schwersten sind, alle die verschiedenen Christentümer immer so hinterdrein kommen und eigentlich auch nur nebenbei in Betracht kommen? Wie kommt es, daß es heute die meisten Menschen einfach phantastisch und aberwitzig berührt, wenn man ihnen sagt, daß im Christentum eigentlich die schöpferische, erlösende Gotteswahrheit für alle Irrtümer und Übel der Welt ausgesprochen sei? Das kommt offenbar davon, daß unser Christentum gar nicht die schöpferische, erlösende Gotteswahrheit ist, von der in der Bibel mit so großen Verheißungen die Rede ist, sondern nur das davon, was wir durch unsere kleinen, gefärbten Brillen sehen wollen und können. Da können dann allerdings die Verheißungen nicht eintreffen. Wir haben uns an das vergängliche, menschliche, arme [?] Wesen Jesu Christi gehalten, an das von ihm, was uns allenfalls paßt. Nun müssen wir sehen, wie weit wir damit kommen, und dürfen nicht staunen, wenn wir nicht eben weit damit kommen. Du antwortest vielleicht im Stillen: ich für mich persönlich brauche nichts mehr, ich bin mit der matten Helligkeit des Christentums, wie ich es verstehe und auffasse, wohl zufrieden. Ich will dich jetzt nicht fragen, ob du ganz ehrlicherweise so reden kannst. Ich will dich jetzt auch nicht daran erinnern, daß noch nicht aller Tage Abend ist, daß du noch lange Jahre und Jahrzehnte vor dir haben könntest, wo es sich zeigen könnte, wie es |331 ist, wenn die Hauptsache fehlt. Ich möchte dich nur das fragen, ob du denkst, damit sei nun Gott gedient, daß du weißt und hast, was du bedarfst, was dir entspricht. Daß du zufrieden bist, das ist am Ende vorläufig zu glauben, aber ob Gott zufrieden ist mit deinem Christentum, mit unserem Christentum, mit all den tausend Christentümern, in die wir uns zersplittern, weil wir nicht unverrückt den Herrn Jesus lieb haben, das ist eine andere Frage.

3. Sieh, diese andere Frage, das ist jener eine, feine Punkt, auf den Alles ankommt, von dem wir anfangs sprachen und auf den Paulus da zum Schluß noch einmal hinweisen wollte. Hier fängt Christus an, sein unvergängliches Wesen und das unverrückte Liebhaben unseres Herrn Jesus. Es fängt an mit der Frage: Was sagt denn eigentlich Gott dazu? Nicht: was bedürfen wir? was verstehen wir? was wollen wir?, sondern was meint und was will Gott, vielleicht ohne daß wir es zunächst verstehen und bedürfen, sondern er ohne uns und gegen uns, aber was meint und was will er, weil er Gott ist. Seht, das ist ja eben der Heiland im Gegensatz zu allen Religionsstiftern und Kirchenmännern, deren es auch zur Zeit des Paulus so Viele gab. Die ersannen auch allerlei Gedanken und schlugen allerlei Wege ein, wie sie den Menschen und ihnen selbst eben damals paßten. Eine gefärbte Brille um die andere wurde probiert, weggelegt, durch eine andere ersetzt. Mitten unter allen Religionen und Kirchen aller Zeiten ist das das Neue, was der Heiland war und brachte, daß er über die Menschen und über sich selbst hinweg rücksichtslos auf Gott sah. Bei ihm kam’s zum Durchbruch und wurde ganz klar, was ja eigentlich wir alle meinen, wenn wir jeder so eifrig und sicher mit unseren verschiedenen Wahrheiten dreinlaufen [?]. Er konnte es den Menschen sagen, weil er selbst dessen ganz sicher war: ihr meint ja doch eigentlich nicht euch selbst, ihr wollt ja doch eigentlich gerade über euch selbst hinaus, ihr wißt ja: wer seine Seele, sein Leben sucht und gewinnt, der wird sie verlieren [vgl. Mk. 8,35 par.]. Gott ist’s ja, den ihr meinet, und merkt es nur nicht, daß ihr ihn meinet! Gott hat aber seine eigene Sache, seinen eigenen Weg, seine eigenen Gedanken. Gott läßt sich nicht in Menschendienst nehmen! Gott will uns haben, unsere Aufmerksamkeit, unseren Eifer, unsere Treue, dann ist uns geholfen. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft, daß die Sache Gottes jetzt wieder arbeiten |332 wird auf der Erde, daß das Göttliche nicht länger bloß eine matte Helligkeit sei auf der Erde, sondern wieder ein großes, starkes, feines [?] Licht werde. Darin war seine Stellung immer die eines Anwalts der Sache Gottes. Als die Jünger ihn fragten, wie sie beten sollten, antwortete er ihnen gleichsam ausschließlich im Interesse seines Vaters: dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe … [Lk. 11,1f.]. Alles andere kommt nachher und folgt nur diesem Einen. Es war ein ganz einseitiges, leidenschaftliches Parteiergreifen, niemandem zu lieb und niemandem zu leid und eben darum der ganzen Welt und allen Menschen zum Heil. Denn das brauchte es und braucht es auch heute. Damit kommt wirkliches Licht und wirkliche Kraft ins Leben, daß wieder nach Gott selbst gefragt wird statt nach all dem, was wir allenfalls verstehen und bedürfen. Alle Christentümer und Religionen helfen uns darum nichts, weil da überall, gerade wie sonst in der Welt, der Mensch seinen Weg sucht und geht. Es ist nichts Neues, nichts Anderes gegenüber der Torheit und dem Jammer der Welt. Es ist vergängliches Wesen wie die übrige Welt. Nur Gott kann helfen, wenn es uns einmal wirklich um Gott zu tun würde [?]. Seht, darum haben wir bei Jesus so einen überwältigenden Eindruck von der Liebe Gottes, weil die Liebe Jesu nicht seine eigene Weichheit und Sanftmut war, sondern seine Antwort auf den Ruf dessen, der die Liebe ist. Darum konnte Jesus so gewaltig eifern um Gott, weil sein Eifer nicht seine eigene Aufregung und Leidenschaft war, sondern ein Widerschein des göttlichen Zorns über alle Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der Menschen [vgl. Röm. 1,18]. Wenn er Frieden gebot und wenn er den Krieg erklärte, wenn er vom kindlichen Vertrauen redete und vom Kommen des Himmelreichs, wenn sein Blick sich in die bewegte Zeit und ins Menschenleben richtete oder hinaus in die künftige Welt der Herrlichkeit, wenn er Hand anlegte, um zu helfen, und wenn er vor den Menschen floh in die Einsamkeit [vgl. Mk. 6,46 u. ö.] - es war bei ihm Alles so echt, so notwendig, es war immer nicht sein Trieb, sein Bedürfnis, was ihn führte, sondern die Rücksicht auf das, was von Gottes Willen geboten war. Und darum war alles das, was bei uns so verschieden ist, so auseinanderfällt in tausend einzelne Wahrheiten, ein Ganzes, es war die Wahrheit. Es war immer das Eine dahinter. Darum leuchtet Jesus so merkwürdig. Darum ist er in Allen so etwas ganz Neues, ein unvergängli|333ches Wesen. Um dieses Einen willen mußte er sterben und um dieses Einen willen ist er auferstanden von den Toten. Um dieses Einen willen waren die Kräfte der zukünftigen Welt mit ihm schon in der Gegenwart. Um dieses Einen willen hatte er so ein gütiges, eingehendes Erbarmen gegen alle Menschen, die Guten und die Bösen, weil er sie alle in der einen Not wußte und weil er den einen Vater kannte, zu dem sie ja alle, die guten und die bösen, zurückkehren müssen.

Wenn wir dieses Eine begreifen und sehen, wie da Jesus anders war als alle Anderen, dann verstehen wir den Epheserbrief und das Neue Testament. Dann wissen wir, wozu wir Christus brauchen mit seinem großen Ruf: Folge du mir nach [Joh. 21,22]! Dann sehen wir das vor uns, auch wenn wir es noch nicht haben, was uns nicht im Stich lassen wird. Dann hören die Enttäuschungen, die wir mit uns selbst immer und immer wieder erleben werden, auf. Dann können wir wieder anfangen zu glauben an das, woran wir glauben. Dann nähern wir uns der siegreichen Wahrheit, siegreich, weil es die ganze Wahrheit ist.

Und das heißt dann: den Herrn Jesus lieb haben unverrückt, wenn wir uns zu dem stellen und bekennen, was sein unvergängliches Wesen war, und wenn es noch so schüchtern und ungeschickt und unvollständig geschehen wird. Wir können ihn nicht anders lieb haben, als indem wir ihm Recht geben, uns von ihm wenden und kehren lassen. In seinem Kreuz und in seiner Auferstehung ist die große Wendung und Umkehr zu Gott hin. Wir müssen uns wieder freuen an dem, woran er sich freute, leiden unter dem, worunter er litt, wichtig nehmen, was er wichtig nahm, gering werden, wie er gering wurde, geduldig sein, wie er geduldig war. Wir dürfen ihn nicht so allein lassen in dem, was sein Anliegen war. Wir müssen wieder mit ihm Nein sagen und mit ihm Ja sagen, mit ihm hoffen und mit ihm lieben, mit ihm niederreißen und mit ihm bauen [vgl. Jer. 1,10]. Wir müssen wieder [?] rechnen damit, daß er nicht einen gefälligen, sondern einen notwendigen Weg gegangen ist, daß das alles so sein mußte und auch heute so sein muß, vielleicht nicht von uns aus, aber von ihm aus, von Gott aus. Das heißt Jesus nachfolgen. Das heißt den Herrn Jesus liebhaben unverrückt.

4. Hier ist der Punkt, wo es sich entscheidet. Hier ist die Quelle unseres Lebens. Von hier aus empfangen wir unser Urteil. Hier ist das |334 Geheimnis der Weltgeschichte. Kommen wir mit, wenn der Weg sich wendet vom vergänglichen zum unvergänglichen Wesen Jesu Christi, vom Christentum zum Reiche Gottes? Das ist die Frage, mit der Paulus den Epheserbrief geschlossen hat. Und er hat gesagt: Gnade sei mit Allen, die hier mitkommen. Es ist ja etwas in uns, das mitkommt, nicht wahr? Es ist ja etwas in all unseren verschiedenen Christentümern, das auf das Reich Gottes hinzielt. Es ist ja etwas in der ganzen Menschheit, etwas Tiefes, Radikales, Brennendes, Sehnsüchtiges, das gerade da mitkommt. Wir müßten ja sonst sagen, daß das ewige Wort Gottes umsonst Fleisch geworden ist [vgl. Joh. 1,14]. Aber es ist noch Vieles, viel zu Vieles da, das noch nicht mitkommt, viel Sicheres, Unbewegtes, Unerschüttertes, viele große und kleine Christentümer, die sich vom Epheserbrief nicht fragen lassen wollen. Es ist soviel Gnade mit uns, als Erschütterung in uns ist. Und es ist soviel Gnade auch über der heutigen Welt, als Sehnsucht in ihr ist. Nicht mehr und nicht weniger. Wollten wir nicht alle, es wäre mehr? Warum kann jetzt nicht mehr Gnade mit uns und über uns sein? Bei Gott ist die Vergebung, daß man ihn fürchte [vgl. Ps. 130,4]. Werden wir nicht sein als wie die Träumenden, wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird? [vgl. Ps. 126,1].

Lieder:
  • Nr. 187 «Wort aus Gottes Munde» von H. C. Hecker. Strophen 1.3.6 (GERS [1952] 263,1.3.6α mit erheblichen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 2 «Nun danket alle Gott» von M. Rinckart, Strophen 1-3 (RG [1998] 233,1-3; EG 321,1-3 mit geringen Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 2. September 1919 schrieb Barth an Thurneysen: «Nun eröffnet sich die höchst seltsame Wendung, daß … ich nach Tambach gehen und über den ‹Christen in der Gesellschaft› reden soll.» Am 11. September schrieb er: «Hier sende ich dir, was ich … in ununterbrochener Tag- und Nachtschicht (vorläufig) für Tambach verfaßt habe.» (Bw. Th. I, S. 324f 📖.) Die Predigten vom 7. und 14. September entstanden mitten in dieser Bedrängnis.↩
2
Hier folgen im Mskr. einige zwischen den Zeilen eingefügte, nur schwer lesbare Wörter, möglicherweise: «Der ganze Brief an Gemeinde nach S[afenwil] gerichtet».↩