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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 6,21-24</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 6,21-24, 7. September 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39040 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 334.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 6,21-24</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">334</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 6,21-24, 7. September 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1924">KBA 1467</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-09-07">7. September 1919</date>
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          <head><idno>485</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-09-07">7. September 1919</date><note xml:id="n01">Am <date when="1919-09-02">2. September 1919</date>
              schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Nun eröffnet sich die höchst seltsame Wendung, daß … <hi rend="italic">ich</hi> nach <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> gehen und über den ‹<ref type="pub" target="48061">Christen in der
              Gesellschaft</ref>› reden soll.» Am <date when="1919-09-11">11. September</date> schrieb er: «Hier sende ich dir, was ich …
              in ununterbrochener Tag- und Nachtschicht (vorläufig) für <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> verfaßt habe.» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.
              Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p324#p324">S. 324f</ref></bibl>.) Die Predigten vom <date when="1919-09-07">7.</date> und <date when="1919-09-14">14. September</date> entstanden mitten in dieser
              Bedrängnis.</note>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.21 Eph.6.24">Epheser 6,21-24</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Damit ihr nun auch erfahret, wie es um <hi rend="spaced">mich</hi> stehet und was ich schaffe, wird euch <persName ref="kbga-actors-10432">Tychikus</persName>, mein
                    lieber Bruder und Diener im Herrn, Alles mitteilen. Dazu schicke ich ihn zu
                    euch, damit ihr hört, wie es um uns steht, und damit er eure Herzen
                  stärke.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Friede sei mit den Brüdern und Liebe und Glaube von
                    Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Die Gnade sei mit Allen, die
                    unsern Herrn Jesus Christus lieb haben <hi rend="spaced">in seinem
                      unvergänglichen Wesen</hi>.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Es gibt zuletzt <hi rend="italic">einen</hi>
            <hi rend="italic">feinen Punkt,</hi> wo es sich zeigt und entscheidet und bewährt, wie
            es steht zwischen Gott und den Menschen, <hi rend="italic">einen</hi> Punkt, wo alle Not
            und Schwachheit unseres Lebens ihre Grenze und ihr Ende erreicht, <hi rend="italic">einen</hi> Punkt, wo das Licht von oben stark und voll in unsere Welt eintritt.
            Vielleicht, daß kein Mensch ist, der in seinem Leben länger als durch einige <hi rend="italic">kurze Augenblicke</hi> sich dieses hellen Punktes bewußt wird.
            Vielleicht, daß sich Millionen seiner <hi rend="italic">nie bewußt</hi> werden. Man sagt
            von <hi rend="italic">Sterbenden</hi>, daß sie in den letzten Sekunden ihres Daseins das
            sehen und haben, was sie sonst nie gesehen und gehabt haben; aber wer will darüber etwas
            Sicheres sagen? Aber <hi rend="italic">das ist sicher</hi>, daß dieser Punkt da ist,
            oder wenn man an alle Menschen denken will, dieser rote Faden, der durch alle
            Lebensgeschichten aller Menschen, durch die ganze Weltgeschichte der Länge nach
            hindurchgeht. Es gibt ja auch <hi rend="italic">andere Fragen</hi>, auf die wir früher
            oder später mit unserem Leben Antwort geben müssen und die sich in ähnlicher Weise durch
            das Ganze der Menschheit hindurchziehen. Ich möchte zum Beispiel für die Männer die
            Frage nennen, was sie im Grunde zum weiblichen Geschlecht für ein Verhältnis einnehmen
            wollen, oder für die Frauen die Frage, wie weit sie davon loskommen, sich immer mit sich
            selbst zu beschäftigen, oder für uns alle die Frage, was für eine <pb ed="pga" xml:id="p327"/> Stellung wir zum Geld haben. Das sind <hi rend="italic">dringende</hi>, brennende Fragen, aber nicht letzte Fragen. Man kann nicht sagen, daß
            Alles darauf ankommt, wie sie beantwortet werden. Es gibt aber <hi rend="italic">eine
              letzte Frage</hi>, es gibt einen <hi rend="italic">Ort</hi> und an diesem Ort Etwas,
            da kommt nun Alles darauf an. Diese letzte Frage ist gleichsam die <hi rend="italic">Quelle</hi>, aus der unser Leben fließt, so oder so. Von dort aus wird das <hi rend="italic">Urteil</hi> über unser Leben, das wir alle empfangen müssen, gesprochen
            und zugleich vollzogen. Dort ist, wenn wir noch einmal an das Ganze denken wollen, der
              <hi rend="italic">Schlüssel zum</hi>
            <hi rend="italic">Geheimnis</hi> der ganzen Menschen- und Weltgeschichte; aber diesen
            Schlüssel kann freilich kein Einzelner wirklich in die Hände nehmen, kaum daß da und
            dort einer imstande ist, von dort aus das Nächste ein wenig zu überblicken und zu
            verstehen. Von dort aus <hi rend="italic">spricht Gott mit uns</hi>, in seinem
            furchtbaren Ernst und in seiner barmherzigen Liebe, so wie er eben mit jedem sprechen
            kann. |</p>
          <p><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">schließt den Epheserbrief</hi>, indem er ganz unvermutet noch
            einmal diese Frage aufgreift [?]. Die «Gnade sei mit Allen», sagt er, <hi rend="italic">«die unseren Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen».</hi>
            «Unverrückt» hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den letzten Ausdruck übersetzt. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hatte vorher gesagt:
            «Friede und Liebe und Glaube sei mit den Brüdern von Gott, dem Vater, und dem Herrn
            Jesus Christus». Da kam es ihm offenbar vor, es könnte <hi rend="italic">zu wenig
              deutlich</hi> und vernehmbar sein, was er damit sagen wollte. Es gab wohl schon damals
            Menschen, die gar nichts Rechtes mehr hörten, sondern nur so ein allgemeines, religiöses
            Summen und Klingen in der Luft, wenn man die Worte Friede, Liebe, Glaube, Gott Vater,
            Jesus Christus aussprach. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wollte aber zum Schluß <hi rend="italic">noch einmal
              deutlich</hi> gehört und verstanden sein.<note xml:id="n02">Hier folgen im <ref corresp="A">Mskr.</ref>
              einige zwischen den Zeilen eingefügte, nur schwer lesbare Wörter, möglicherweise: «Der
              ganze Brief an Gemeinde nach <placeName ref="kbga-places-54">S[afenwil</placeName>] gerichtet».</note> Also noch einmal mit allem
            Nachdruck eine <hi rend="italic">Erklärung</hi> dessen, was er seinen Lesern wünscht.
            Noch einmal die <hi rend="italic">Frage</hi>, das Anklopfen, die Unruhe, die Pein [?],
            von denen nun auch wir im Lauf dieses Sommers Einiges wahrgenommen - oder auch nicht
            wahrgenommen haben. Also noch einmal mit aller Bestimmtheit den einen <hi rend="italic">Punkt</hi> bezeichnet, auf den Alles ankommt: die Gnade sei mit Allen, die unseren
            Herrn Jesus Christus lieb haben in seinem unvergänglichen Wesen, unverrückt!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p328" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">2.</hi> Man kann aber die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus
            offenbart ist, das Wesen des Heilands auch <hi rend="italic">mit anderen Augen
              ansehen</hi> als mit den Augen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, wenn er sagt: Jesus liebhaben i<hi rend="italic">n seinem unvergänglichen Wesen.</hi> Die Wahrheit Gottes in Christus hat
            eben <hi rend="italic">auch ein vergängliches «Wesen»</hi>, eine der Blindheit von uns
            Menschen angepaßte Erscheinungsform. Sie ist auch in dieser Form <hi rend="italic">nicht
              zu verachten</hi>, sondern wir wollen dankbar sein für Alles, was wir auch in dieser
            Form an ihr haben und in der Menschheit wirksam sehen. Die Strahlen dieses Lichtes sind
            stark genug, um auch <hi rend="italic">durch die Mauern</hi> unseres Gefängnisses
            hindurchzudringen und da drinnen eine gewisse matte Helligkeit zu verbreiten. Diese
            matte Helligkeit ist etwa das, was man heute <hi rend="italic">Christentum</hi> nennt
            und was es wohl schon damals gegeben hat. Man nimmt <hi rend="italic">von der Wahrheit
              Gottes das an</hi>, was man versteht, was einem zusagt und was man brauchen kann. Es
            ist ja am Göttlichen Vieles, was uns unbedingt <hi rend="italic">zusagt</hi>, was wir
            uns wünschen, wenn wir es nicht haben,
            über das wir uns freuen können, wenn wir es haben. Freilich greifen dann <hi rend="italic">nicht Alle nach dem Gleichen</hi>, weil nicht Alle die gleiche Brille
            tragen, durch die sie sehen, und so entsteht eine ganze Menge von verschiedenen
            Christentümern. Wir sind es ja heute gewohnt, daß ungefähr <hi rend="italic">jeder
              Mensch sein eigenes Christentum</hi> hat, und man rühmt es sogar als einen
            Fortschritt, daß heutzutage Jeder Gott auf seine eigene Weise erlebe. (Wenn es so ist,
            so kommt es davon, daß wir vergessen haben, daß eigentlich die Wahrheit selbst und nicht
            unser Bedürfnis entscheiden müßte.) Menschen von <hi rend="italic">weichem</hi>,
            friedlichem Charakter werden z. B. gern danach greifen, daß Gott die Liebe ist [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8 1.Joh.4.16">1.Joh. 4,8.16</ref>], und mit dieser Wahrheit
            ihr Herz ganz erfüllen. Menschen mit einem starken <hi rend="italic">Willen</hi> und
            einem gewissen Eifer für das Gute werden sich darüber freuen, daß Gott ein Freund der
            Gerechten und ein Feind der Ungerechten ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.146.8 Ps.146.9">Ps. 146,8f.</ref> u. ö.], und werden sich durch den Gedanken an Gott in
            ihrem Willen und in ihrer Güte mächtig bestärkt fühlen. Menschen, denen die <hi rend="italic">Ruhe</hi> und die Ordnung über Alles geht, werden sich daran halten, daß
            Jesus gesagt hat: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.9">Mt. 5,9</ref>]!, während <hi rend="italic">unruhige</hi>, bewegte Geister ihr Wohlgefallen finden an dem Jesus, der im Tempel
            die Geißel gebraucht [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.15">Joh. 2,15</ref>]
            und gesagt hat; Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.34">Mt. 10,34</ref>]! <hi rend="italic">Verzagte</hi>, müde <pb ed="pga" xml:id="p329"/> Naturen werden ihr Christentum
            zusammenfassen in die Worte: Vertrau auf Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.8 Ps.118.9">Ps. 118,8f.</ref>]!, während frische, starke Naturen das Wesen des
            Christentums darin finden werden, daß man auf seinen eigenen Füßen stehen müsse [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.13">Hebr. 12,13</ref>]. Vielen <hi rend="italic">Enttäuschten</hi> und Betrübten wird die Aussicht auf ein Leben nach dem
            Tode das Wichtigste im Christentum sein, während Hoffnungsfrohe [?] sich dafür
            begeistern, daß Gottes Reich zu uns kommen wolle. Einige werden kurzweg sagen:
            Christentum heißt eine <hi rend="italic">Herzenserfahrung</hi> mit dem Heiland gemacht
            haben. Andere ebenso kurzweg: <hi rend="italic">Gutes tun</hi>, wo man kann! Andere
            ebenso kurzweg: <hi rend="italic">natürlich und einfach</hi> sein! Was wollen wir weiter
            aufzählen? Die Bedürfnisse und Anlagen sind ja tausendfältig und ebenso tausendfältig
            die Brillen, durch die man die Wahrheit ansehen kann. Es ist <hi rend="italic">ja immer
              die Wahrheit</hi>, es ist ja immer etwas Schönes und Gutes, es ist ja immer ein Segen,
            eine Kraft, ein Licht an dem, was man durch irgend eine dieser Brillen ansieht. |</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">das «unvergängliche Wesen unseres Herrn Jesus Christus»</hi> ist
            das <hi rend="italic">nicht.</hi> Es ist unsererseits ein vielleicht sehr aufrichtiges
            und ernstes Liebhaben Jesu darin, aber das unverrückte <hi rend="italic">Liebhaben</hi>
            ist das nicht, sondern wir <hi rend="italic">verrücken dabei</hi> etwas von seinem Platze. Wir machen uns Jesus
            zurecht nach dem Muster unseres eigenen vergänglichen Wesens, und dann haben wir ihn
            lieb in <hi rend="italic">der</hi> Gestalt, in der <hi rend="italic">wir</hi> ihn haben
            wollen. Es ist die matte <hi rend="italic">Helligkeit des Gefängnisses</hi>, die da
            entsteht, nicht das direkte Sonnenlicht der Freiheit. Denn täuschen wir uns nur nicht:
            Überall wo wir die Wahrheit Gottes so auffassen nach <hi rend="italic">unserem</hi>
            Bedürfnis und unserer Anlage, überall wo die Pfarrer ihre Ehre und ihren Eifer <hi rend="italic">daran</hi> setzen, diesen verschiedenartigen Bedürfnissen
            entgegenzukommen und genugzutun, da <hi rend="italic">geht etwas verloren, und zwar die
              Hauptsache.</hi> Die Frage <hi rend="italic">muß</hi> uns doch kommen, ob dazu, daß
            jeder seinen Weg geht nach seinem Charakter und Geschmack, eigentlich Jesus und seine
            Botschaft von Gott <hi rend="italic">nötig sei.</hi> Wozu eigentlich die großen, <hi rend="italic">starken Worte</hi> des Epheserbriefs und des ganzen Neuen Testaments von
            Christus, von seinem Tod und seiner Auferstehung, wenn Alles doch nur darauf
            hinausläuft, daß Jedes den Heiland und Gott hat, der ihm zufällig gerade entspricht?
            Heißt das nicht ein Pferd vor einen Puppenwagen spannen? Dürfen wir uns wundern, wenn
            Vielen von ihrem Christentum <hi rend="italic">überhaupt nur noch das übrig bleibt</hi>,
            was sie ohnehin fühlen und meinen und wollen, wenn <pb ed="pga" xml:id="p330"/> sie sich
            sagen: <hi rend="italic">das</hi> können wir billiger haben, <hi rend="italic">dazu</hi>
            brauchen wir keinen Epheserbrief, keine Bibel, keinen Jesus, keinen Gott! <hi rend="italic">Das</hi> können wir wahrlich auch sonst haben, daß wir unsere
            Bedürfnisse irgendwie befriedigen. Aber auch wenn wir nicht so weit gehen, dürfen wir
            uns wundern, wenn wir es erleben müssen, daß der Segen, die Kraft und das Licht, die wir
            von der Wahrheit Gottes auf unsere Weise haben, <hi rend="italic">nicht unbegrenzt
              sind</hi>, sondern in gewissen Lagen ins Stocken [?] kommen und versagen wie andere
            menschliche Fähigkeiten auch? Woher kommt es nur, daß wir uns eigentlich nie getrauen,
              <hi rend="italic">mit unserem Glauben wirklich</hi> durch alle Leiden hindurchzugehen,
            wie wir es doch tun müßten, wenn es wirklich der Glaube wäre, der in der Bibel gemeint
            ist? Wie kommt es nur, daß wir manchmal von unserem eigenen Glauben in stillen Stunden
              <hi rend="italic">einfach ein wenig enttäuscht sind</hi>, wie man eben gelegentlich
            auch sonst enttäuscht ist von dem, was man will und kann und tut und ausrichtet? Wie
            kommt es nur, daß gerade in den großen g<hi rend="italic">emeinsamen Nöten und Fragen
              der Menschen</hi>, die die stärksten und schwersten sind, alle die verschiedenen
            Christentümer immer so hinterdrein kommen und eigentlich auch nur nebenbei in Betracht
            kommen? Wie kommt es, daß es heute die meisten Menschen einfach phantastisch und
            aberwitzig berührt, wenn man ihnen sagt, daß im Christentum eigentlich die <hi rend="italic">schöpferische, erlösende Gotteswahrheit</hi> für alle Irrtümer und Übel
            der Welt ausgesprochen sei? <hi rend="italic">Das kommt offenbar davon</hi>, daß unser
            Christentum gar nicht die
            schöpferische, erlösende Gotteswahrheit ist, von der in der Bibel mit so großen
            Verheißungen die Rede ist, sondern <hi rend="italic">nur das davon</hi>, was wir durch
            unsere kleinen, gefärbten Brillen sehen wollen und können. Da können dann allerdings die
            Verheißungen <hi rend="italic">nicht eintreffen.</hi> Wir haben uns an das vergängliche,
            menschliche, arme [?] Wesen Jesu Christi <hi rend="italic">gehalten</hi>, an das von
            ihm, was uns allenfalls paßt. Nun müssen wir sehen, wie weit wir damit <hi rend="italic">kommen</hi>, und dürfen nicht staunen, wenn wir <hi rend="italic">nicht eben
              weit</hi> damit kommen. Du antwortest vielleicht im Stillen: ich für mich persönlich
              <hi rend="italic">brauche nichts mehr</hi>, ich bin mit der matten Helligkeit des
            Christentums, wie ich es verstehe und auffasse, wohl zufrieden. Ich will dich jetzt
            nicht fragen, ob du ganz <hi rend="italic">ehrlicherweise</hi> so reden kannst. Ich will
            dich jetzt auch nicht daran erinnern, daß noch nicht aller Tage Abend ist, daß du noch
              <hi rend="italic">lange Jahre</hi> und Jahrzehnte vor dir haben könntest, wo es sich
            zeigen könnte, wie es <pb ed="pga" xml:id="p331"/> ist, wenn die Hauptsache fehlt. Ich
            möchte dich nur das fragen, ob du denkst, damit sei nun <hi rend="italic">Gott
              gedient</hi>, daß du weißt und hast, was du bedarfst, was dir entspricht. Daß du
            zufrieden bist, das ist am Ende vorläufig zu glauben, aber <hi rend="italic">ob Gott
              zufrieden</hi> ist mit deinem Christentum, mit unserem Christentum, mit all den
            tausend Christentümern, in die wir uns zersplittern, weil wir nicht unverrückt den Herrn
            Jesus lieb haben, das ist eine andere Frage.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Sieh, <hi rend="italic">diese andere
              Frage</hi>, das ist jener eine, feine Punkt, auf den Alles ankommt, von dem wir
            anfangs sprachen und auf den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> da zum Schluß noch einmal hinweisen wollte. <hi rend="italic">Hier fängt Christus an</hi>, sein unvergängliches Wesen und das
            unverrückte Liebhaben unseres Herrn Jesus. Es fängt an mit der Frage: <hi rend="italic">Was sagt denn</hi> eigentlich Gott dazu? Nicht: <hi rend="italic">was bedürfen
              wir?</hi> was verstehen wir? was wollen wir?, sondern <hi rend="italic">was meint und
              was will Gott</hi>, vielleicht ohne daß wir es zunächst verstehen und bedürfen,
            sondern er ohne uns und gegen uns, aber was meint und was will er, weil er Gott ist.
            Seht, <hi rend="italic">das ist ja eben der Heiland</hi> im Gegensatz zu allen
            Religionsstiftern und Kirchenmännern, deren es auch zur Zeit des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> so Viele gab.
            Die ersannen auch allerlei Gedanken und schlugen allerlei Wege ein, wie sie den Menschen
            und ihnen selbst eben damals paßten. Eine gefärbte Brille um die andere wurde probiert,
            weggelegt, durch eine andere ersetzt. Mitten unter allen Religionen und Kirchen aller
            Zeiten ist das das <hi rend="italic">Neue</hi>, was der Heiland war und brachte, daß er
            über die Menschen und über sich selbst hinweg rücksichtslos auf Gott sah. Bei ihm kam’s
            zum Durchbruch und wurde ganz klar, was <hi rend="italic">ja eigentlich</hi>
            <hi rend="italic">wir alle meinen</hi>, wenn wir jeder so eifrig und sicher mit unseren
            verschiedenen Wahrheiten dreinlaufen [?]. Er konnte es den Menschen sagen, weil er
            selbst dessen ganz sicher war: ihr meint ja doch eigentlich nicht euch selbst, ihr wollt
            ja doch eigentlich gerade <hi rend="italic">über euch selbst hinaus</hi>, ihr wißt ja:
            wer seine Seele, sein Leben sucht und gewinnt, der wird sie verlieren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.35">Mk. 8,35</ref> par.]. <hi rend="italic">Gott
              ist’s ja, den ihr meinet</hi>, und merkt es nur nicht, daß ihr ihn meinet! <hi rend="italic">Gott hat aber seine eigene Sache</hi>, seinen eigenen Weg, seine eigenen
            Gedanken. Gott läßt sich nicht in Menschendienst nehmen! Gott will <hi rend="italic">uns</hi> haben, unsere Aufmerksamkeit, unseren Eifer, unsere Treue, dann ist uns
            geholfen. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft, daß <hi rend="italic">die Sache
              Gottes jetzt wieder arbeiten</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p332"/> wird auf der Erde, daß das Göttliche nicht länger bloß eine
            matte Helligkeit sei auf der Erde, sondern wieder ein großes, starkes, feines [?] Licht
            werde. Darin war seine Stellung immer die eines <hi rend="italic">Anwalts der Sache
              Gottes.</hi> Als die Jünger ihn fragten, <hi rend="italic">wie sie beten sollten</hi>,
            antwortete er ihnen gleichsam ausschließlich im Interesse seines Vaters: dein Name werde
            geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe … [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.11.1 Lk.11.2">Lk. 11,1f.</ref>]. Alles andere kommt nachher und folgt nur diesem Einen.
            Es war ein ganz einseitiges, leidenschaftliches <hi rend="italic">Parteiergreifen</hi>,
            niemandem zu lieb und niemandem zu leid und eben darum der ganzen Welt und allen
            Menschen zum Heil. Denn <hi rend="italic">das brauchte es und braucht es auch
              heute.</hi> Damit kommt wirkliches Licht und wirkliche Kraft ins Leben, daß wieder
            nach Gott selbst gefragt wird statt nach all dem, was wir allenfalls verstehen und
            bedürfen. Alle Christentümer und Religionen helfen uns darum nichts, weil da überall,
              <hi rend="italic">gerade wie sonst in der Welt</hi>, der Mensch <hi rend="italic">seinen</hi> Weg sucht und geht. Es ist <hi rend="italic">nichts Neues</hi>, nichts
            Anderes gegenüber der Torheit und dem Jammer der Welt. Es ist vergängliches Wesen wie
            die übrige Welt. <hi rend="italic">Nur Gott kann helfen</hi>, wenn es uns einmal
            wirklich um Gott zu tun würde [?]. Seht, darum haben wir bei Jesus so einen
            überwältigenden Eindruck von der <hi rend="italic">Liebe Gottes</hi>, weil die Liebe
            Jesu nicht seine eigene Weichheit und Sanftmut war, sondern seine Antwort auf den Ruf
            dessen, der die Liebe ist. Darum konnte Jesus so gewaltig <hi rend="italic">eifern um
              Gott</hi>, weil sein Eifer nicht seine eigene Aufregung und Leidenschaft war, sondern
            ein Widerschein des göttlichen Zorns über alle Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der
            Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">Röm. 1,18</ref>]. Wenn er <hi rend="italic">Frieden</hi> gebot und wenn er den <hi rend="italic">Krieg</hi>
            erklärte, wenn er vom <hi rend="italic">kindlichen Vertrauen</hi> redete und vom <hi rend="italic">Kommen des Himmelreichs</hi>, wenn sein Blick sich in die bewegte <hi rend="italic">Zeit</hi> und ins Menschenleben richtete oder hinaus in die <hi rend="italic">künftige Welt</hi> der Herrlichkeit, wenn er <hi rend="italic">Hand
              anlegte</hi>, um zu helfen, und wenn 
            er vor den Menschen <hi rend="italic">floh</hi> in die Einsamkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.46">Mk. 6,46</ref> u. ö.] - es war bei ihm Alles so <hi rend="italic">echt</hi>, so notwendig, es war immer nicht <hi rend="italic">sein</hi>
            Trieb, <hi rend="italic">sein</hi> Bedürfnis, was ihn führte, sondern die Rücksicht auf
            das, was von Gottes Willen geboten war. Und darum war alles das, was bei uns so
            verschieden ist, so auseinanderfällt in tausend einzelne Wahrheiten, <hi rend="italic">ein Ganzes</hi>, es war <hi rend="italic">die</hi> Wahrheit. Es war immer <hi rend="italic">das Eine</hi> dahinter. Darum <hi rend="italic">leuchtet</hi> Jesus so
            merkwürdig. Darum ist er in Allen so <hi rend="italic">etwas ganz Neues</hi>, ein
              unvergängli<pb ed="pga" xml:id="p333" break="no"/>ches Wesen. Um dieses Einen willen
            mußte er <hi rend="italic">sterben</hi> und um dieses Einen willen ist er <hi rend="italic">auferstanden</hi> von den Toten. Um dieses Einen willen waren die <hi rend="italic">Kräfte der zukünftigen Welt</hi> mit ihm schon in der Gegenwart. Um
            dieses Einen willen hatte er so ein gütiges, eingehendes <hi rend="italic">Erbarmen
              gegen alle Menschen</hi>, die Guten und die Bösen, weil er sie alle in der einen Not
            wußte und weil er den einen Vater kannte, zu dem sie ja alle, die guten und die bösen,
            zurückkehren müssen.</p>
          <p>Wenn wir <hi rend="italic">dieses Eine begreifen</hi> und sehen, wie da Jesus anders
            war als alle Anderen, <hi rend="italic">dann verstehen wir</hi> den Epheserbrief und das
            Neue Testament. Dann wissen wir, wozu wir <hi rend="italic">Christus brauchen</hi> mit
            seinem großen Ruf: Folge du mir nach [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.22">Joh. 21,22</ref>]! Dann sehen wir das vor uns, auch wenn wir es noch nicht haben, was
            uns <hi rend="italic">nicht im Stich lassen</hi> wird. Dann hören die <hi rend="italic">Enttäuschungen</hi>, die wir mit uns selbst immer und immer wieder erleben werden,
            auf. Dann können wir wieder <hi rend="italic">anfangen zu glauben</hi> an das, woran wir
            glauben. Dann nähern wir uns der <hi rend="italic">siegreichen Wahrheit</hi>, siegreich,
            weil es die ganze Wahrheit ist.</p>
          <p>Und das heißt dann: <hi rend="italic">den Herrn Jesus lieb haben unverrückt</hi>, wenn
            wir uns <hi rend="italic">zu dem stellen und bekennen</hi>, was sein unvergängliches
            Wesen war, und wenn es noch so schüchtern und ungeschickt und unvollständig geschehen
            wird. Wir können ihn nicht anders lieb haben, als indem wir <hi rend="italic">ihm Recht
              geben</hi>, uns von ihm wenden und kehren lassen. In seinem Kreuz und in seiner
            Auferstehung ist die große Wendung und Umkehr zu Gott hin. Wir müssen uns wieder <hi rend="italic">freuen</hi> an dem, woran er sich freute, <hi rend="italic">leiden</hi>
            unter dem, worunter er litt, <hi rend="italic">wichtig</hi> nehmen, was er wichtig nahm,
              <hi rend="italic">gering</hi> werden, wie er gering wurde, <hi rend="italic">geduldig</hi> sein, wie er geduldig war. Wir dürfen ihn <hi rend="italic">nicht so
              allein lassen</hi> in dem, was sein Anliegen war. Wir müssen wieder mit ihm <hi rend="italic">Nein</hi> sagen und mit ihm Ja sagen, mit ihm <hi rend="italic">hoffen</hi> und mit ihm lieben, mit ihm <hi rend="italic">niederreißen</hi> und mit
            ihm bauen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.1.10">Jer. 1,10</ref>]. Wir
            müssen wieder [?] rechnen damit, daß er nicht einen gefälligen, sondern einen <hi rend="italic">notwendigen Weg</hi> gegangen ist, daß das alles <hi rend="italic">so
              sein mußte</hi> und auch heute so sein muß, vielleicht nicht von uns aus, aber von ihm
            aus, von Gott aus. Das heißt Jesus nachfolgen. Das heißt den Herrn
              Jesus liebhaben unverrückt.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi>
            <hi rend="italic">Hier ist der Punkt</hi>, wo es sich entscheidet. Hier ist die Quelle
            unseres Lebens. Von hier aus empfangen wir unser Urteil. Hier ist das <pb ed="pga" xml:id="p334"/> Geheimnis der Weltgeschichte. <hi rend="italic">Kommen wir mit</hi>,
            wenn der Weg sich wendet vom vergänglichen zum <hi rend="italic">unvergänglichen</hi>
            Wesen Jesu Christi, vom Christentum zum <hi rend="italic">Reiche Gottes?</hi> Das ist
            die Frage, mit der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> den Epheserbrief geschlossen hat. Und er hat gesagt: <hi rend="italic">Gnade</hi> sei mit Allen, die hier mitkommen. Es ist ja etwas in uns,
            das mitkommt, nicht wahr? Es ist ja etwas in all unseren verschiedenen Christentümern,
            das auf das Reich Gottes hinzielt. Es ist ja etwas in der ganzen Menschheit, etwas
            Tiefes, Radikales, Brennendes, Sehnsüchtiges, das gerade da mitkommt. Wir müßten ja
            sonst sagen, daß das ewige Wort Gottes umsonst Fleisch geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. <hi rend="italic">Aber
              es ist noch Vieles</hi>, viel zu Vieles da, das noch nicht mitkommt, viel Sicheres,
            Unbewegtes, Unerschüttertes, viele große und kleine Christentümer, die sich vom
            Epheserbrief nicht fragen lassen wollen. Es ist soviel <hi rend="italic">Gnade mit
              uns</hi>, als Erschütterung in uns ist. Und es ist soviel <hi rend="italic">Gnade auch
              über der heutigen Welt</hi>, als Sehnsucht in ihr ist. Nicht mehr und nicht weniger.
            Wollten wir nicht alle, <hi rend="italic">es wäre mehr?</hi> Warum kann jetzt nicht mehr
            Gnade mit uns und über uns sein? Bei Gott ist die Vergebung, daß man ihn fürchte [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.4">Ps. 130,4</ref>]. Werden wir nicht
            sein als wie die Träumenden, wenn der Herr die Gefangenen <placeName ref="kbga-places-1043">Zions</placeName> erlösen wird? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.1">Ps. 126,1</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-153" type="song"> Nr. 187 «Wort aus Gottes Munde» von
              <persName ref="kbga-actors-5711">H. C. Hecker</persName>. Strophen 1.3.6 (GERS [1952] 263,1.3.6<note resp="sm" type="digital" xml:id="nα" n="α">Buchangabe in der digitalen Ausgabe korrigiert</note> mit erheblichen
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-4" type="song">Nr. 2 «Nun danket alle Gott» von <persName ref="kbga-actors-1393">M. Rinckart</persName>,
              Strophen 1-3 (RG [1998] 233,1-3; EG 321,1-3 mit geringen Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
