31. August 1919

Epheser 6,18-20

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Epheser 6,18-20
Betet mit ganzem Fleiß und Verlangen, und das zu jeder sich bietenden Zeit, und das im Geiste! Und dazu wachet mit allen Anliegen und Fürbitten für alle Heiligen. Und so auch für mich, daß mir das Wort gegeben werde, ganz offen zu reden und freudig das Geheimnis des Evangeliums kundzutun, dem ich jetzt als Gefangener diene - daß ich freudig werde in ihm, es auszusprechen, wie es sein muß.

1. Es kann darüber heute kein Zweifel bestehen: die Welt wartet darauf, das Evangelium zu hören. Wer die Zeit, in der wir leben, auch nur ein wenig kennt und versteht, der kann jetzt ganz unmöglich nur den wüsten Lärm der Sieger und der Besiegten, der Mächtigen und der Schwachen hören. Auch nicht nur den tollen Spektakel einer gewissen frechen Lebenslust, der sich die Menschen nun, da das eine Gewitter vorüber ist und ein anderes droht, hinzugeben scheinen. Auch nicht nur all die klugen und weniger klugen Reden, die nun gehalten werden über das, was nun zur Verbesserung der Welt und der Menschen geschehen sollte. Wer unsere Zeit kennt, der hört durch all den Jammer und all die Torheit hindurch ein einziges großes Seufzen. Es hat tausend Stimmen und Töne, es kommt zum Teil auf sehr seltsame, wüste, befremdende Art zum Ausdruck. Es ist vielfach nicht so ehrlich und tief gemeint, wie es aussieht. Aber es ist da, in allen Völkern, Ländern und Klassen, auf allen Stufen der Bildung und der Standpunkte, es ist auch in uns allen, in euch und in mir. Es ist überall das Eine, das Gleiche gemeint, wo immer die Menschen jetzt, durch die große Erschütterung unseres ganzen Lebens bewegt, klagen, streiten, weinen, hoffen, nachdenken, eifern. Wir müssen die Unterschiede der Art, in der sich das bei den verschiedenen Menschen und an den verschiedenen Orten zeigt, nicht so ernst nehmen, sie sind viel weniger groß als noch vor einigen Jahren. Immer deutlicher tritt heute der eine Zug, die eine Richtung, der eine Sinn hervor in der Not und in der Hoffnung aller Menschen.

3172. Das, was uns allen fehlt und was Alle eigentlich hören und haben möchten, ist das, was in der Bibel das Evangelium genannt wird. Das heißt auf deutsch: die frohe Botschaft. Es ist merkwürdig, wie das, was die Bibel meint, wenn sie von der frohen Botschaft redet, übereinstimmt mit dem Einen, was heute uns allen fehlt und wonach wir alle uns sehnen. Wir sind heute aller bloßen Ideen und Meinungen, und wenn es die schönsten wären, müde geworden. Wir haben gegenüber den gewaltigen Ereignissen und Machtverhältnissen unserer Zeit ein Mißtrauen bekommen gegen alle Gedanken und Theorien, gegen die alten und gegen die neuen. Wir spüren, daß das, was uns helfen würde, auch eine Macht, eine Kraft sein müßte. Das stimmt zu dem, was die Bibel 2 als ihre «Frohe Botschaft» beschreibt, da ist auch eine Macht, eine Lebensmacht, nicht bloß eine gescheite Meinung. Wir sind dessen müde geworden, daß man uns immer sagt, wir müßten nur die rechte, ernste, tüchtige Gesinnung haben, durch Charakterbildung und Erziehung würde der Menschheit schon geholfen werden. Ach, es ist wenigstens in den letzten 200 Jahren soviel versucht und getan worden zur Erziehung des Menschengeschlechts! Wie ist es nur möglich, daß wir trotzdem in den Abgrund hineinlaufen konnten, in dem wir uns jetzt befinden? Liegt’s nicht daran, daß man erzog und erzog, ohne recht zu wissen, zu was denn eigentlich die Menschen erzogen werden sollten, daß man so viel von Charakter und Persönlichkeit redete, ohne daran zu denken, daß das Formen sind, die vor Allem einen Inhalt haben müßten? Wenn das Leben wieder einen Sinn hätte, wenn wir seinen Sinn wieder ganz genau erkennen würden, dann würden wir wohl von selbst auch die rechte Gesinnung bekommen. Und gerade das meint auch das Evangelium3, die frohe Botschaft: sie ist keine Predigt von Charakter und Tüchtigkeit, sie zeigt und gibt uns aber den Sinn des Lebens wieder. |

Wir sind auch mißtrauisch geworden gegen das viele Reden von der Natur. Ja, die Berge sind großartig, und der Frühling ist lieblich, und der Wald ist schön, aber wir werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten von diesen Dingen etwas stiller werden. In dem, was wir in unserer Zeit mit der Menschheit erlebt haben, ist uns zu deutlich |318 der Unterschied zwischen uns und der Natur bewußt geworden, der durch kein noch so rührendes Singen und Sagen von Vogelsang und Blumenduft überbrückt werden kann. Das Geheimnis der Natur liegt eben nicht in dem, was wir an ihr bewundern und preisen, sondern in dem, was sie hat und wir nicht recht haben, in dem Freien, Lebendigen, Schöpferischen ihres Daseins. Davon kann man nicht viel reden, das muß man haben oder bekommen. Uns Menschen der heutigen Zeit macht die Natur sehnsüchtig, sehnsüchtig nach der Schöpfung, nach dem Leben. Und auch da begegnen wir uns mit dem Evangelium4. Es ist auch nichts zum Anstaunen und Genießen. Es ist Leben und will lebendig machen. |

Und ähnlich geht es uns mit der Bewunderung von den Leistungen und Fortschritten der menschlichen Kultur. Denkt daran, mit welcher Ehrfurcht man noch vor fünf Jahren auf der schweizerischen Landesausstellung5 all die Maschinen und anderen Produkte betrachtet hat. ­Ich will nicht sagen, daß wir heute diese Ehrfurcht nicht mehr haben, ­aber es hat sich da doch etwas umgedreht in uns. Wir haben es unterdessen erlebt, wie der Mensch auf dem Gipfel der Kultur zur Bestie geworden ist und wie er die schönsten Fortschritte dazu verwendet hat, seinen Mitmenschen Tod und Verderben zu bereiten. Wir fragen heute ­unwillkürlich: Ja, aber was wird nun bei dem allem, was wir wissen und können, aus dem Menschen? Wird er besser, glücklicher, vernünftiger? Der Mensch ist doch nicht für den Fortschritt da, sondern der Fortschritt muß für den Menschen ein Fortschritt sein, sonst ist er ein Rückschritt. Und da ist wieder das Evangelium6 und bestätigt uns: ja, eben der Mensch, der Mensch selbst, nicht die Sache, nicht das Geld, die Befreiung des Menschen von der Sklaverei unter das, was nicht er ist, nicht das Leben, sondern nur das Beiwerk des Lebens, darum gerade handelt es sich. |

Wir sind mißtrauisch geworden gegen alle Lehren, Ansichten und Vorschläge, die entweder nur das Äußerliche, Sterbliche, Materielle des |319 Menschenlebens in Betracht ziehen oder ebenso einseitig und unwahr nur das Seelische, das Geistige, das Innere. Wir empfinden wieder deutlich, daß der Mensch ein Ganzes ist, ein Ganzes mit zwei Seiten allerdings, aber nicht aus zwei Teilen zusammengesetzt, sondern in allen Beziehungen und Verhältnissen Leib und Seele, Geist und Materie und daß ihm nicht getrennt, sondern nur im Ganzen geholfen werden kann, wenn es überhaupt eine Hilfe gibt. Und das Evangelium7 scheint nur darauf gewartet zu haben, daß wir zu dieser Einsicht kommen, denn wahrhaftig, die frohe Botschaft vom ewigen Leben kennt keine solchen Trennungen, sondern sie geht das ganze Menschenleben an. |

Weiter: Wir können heute nicht mehr recht mit, wenn man uns etwas anpreist auf irgend einem Gebiet, von dem wir das Gefühl haben, das ist ja für Einzelne, Wenige, Auserlesene, das ist nur für Vermögliche8, nur für Fromme, nur für Gebildete, nur für die, die ein besonderes Interesse daran haben. Wir wittern da unwillkürlich Sackgassen, Nebenwege. Wir leiden darunter, daß sich die Interessen der Menschen so zersplittern, daß jeder immer noch mit seinem Fähnlein davonlaufen will in irgend einen Winkel. Was etwas Rechtes ist, das muß [und] kann nicht nur Einzelne angehen. Das muß irgendwie für Alle sein, an Alle sich richten. Und nun ist das Evangelium9 gerade darin durchaus modern, daß es nicht im geringsten eine Privatsache, eine Spezialangelegenheit ist, sondern hineingreift in die Not und Hoffnung aller Menschen, verstanden werden könnte von Jedem, der verstehen will. Und wenn wir scharfe Augen bekommen haben für den Unterschied von Hauptsache und Nebensachen, wenn wir uns nicht mehr so rasch begeistern lassen für irgend eine Wahrheit, die nur eine halbe Wahrheit ist, wenn wir etwas nüchterner geworden sind in unserer Stellungnahme zu Fragen, die uns früher brannten und heute nur noch lau berühren, wenn wir dafür die Sehnsucht bekommen haben nach einer Antwort, die Alles beantwortet, nach einer Hilfe, die ganz hilft, so ist das, was das Evangelium10 uns sagen will, ja gerade diese eine gesammelte Antwort, diese durchgreifende Hilfe, die Er|320scheinung der Hauptsache mitten in dem Gewimmel der Nebensachen, deren wir müde sind. |

So stehen wir heute endlich auch dem Christentum, der Religion, der Kirche gegenüber. Wir empfinden heute stärker als je den Widerspruch zwischen diesen Erscheinungen11 und dem, was eigentlich dahinter verborgen ist und an den Tag möchte. Könnten wir doch alle christlichen Worte drangeben gegen ein einziges wirklich göttliches Wort, alles religiöse Leben gegen eine Spur von wahrhaft göttlichem Leben, alle kirchliche Gemeinschaft gegen ein kleines Stücklein realer Gemeinschaft mit Gott und in Gott. Ja aber - Gott, dieses Große, das in allem christlichem Wesen ja immer nur gemeint und verborgen ist und das wir gerade da besonders schmerzlich vermissen, ist in diesem viel mißbrauchten Wort «Gott» nicht doch schließlich Alles enthalten, was wir überhaupt heute entbehren und suchen? Gott - das ist’s ja, die Kraft, die nicht bloß Theorie ist, der Sinn des Daseins, der Schöpfer des Lebens, der Erlöser der Menschen, des ganzen Menschen, aller Menschen, die große Hauptsache, die einmal in die Mitte treten müßte und sollte - Gott, was sucht und meint der heutige Mensch auf allen seinen tausend Wegen im Grunde Anderes, was kann man Anderes suchen? Und wiederum, was ist denn das Evangelium12 anderes, als eben die Botschaft von Gott, nicht von dem Gott, den alle Kirchen und Gemeinschaften immer nur im Verborgenen meinen und in machtlosen Worten beschreiben, nicht von dem Gott, den die Menschen immer ernst und doch nie ganz ernst nehmen, nicht von dem Gott, von dem die Einen sagen, er sei, und die Anderen, er sei nicht - das alles ist ja gar nicht Gott -, sondern die Botschaft von dem lebendigen Gott, an dem man nicht zweifeln kann, über den man nicht verschiedener Meinung sein kann, der keine Fragen, Sorgen und Bedenken übrig läßt, der die Menschen nicht auseinander, sondern zueinander bringt, der uns erkannt hat, bevor wir ihn erkannten [vgl. 1.Kor. 13,12], und lieb gehabt, bevor wir ihn liebten [vgl. 1.Joh. 4,10], Gott, der sich finden läßt von denen, die ihn von ganzem Herzen suchen [vgl. Jer. 29,13f.], und den wir nicht suchen |321 würden, wenn wir ihn nicht schon gefunden hätten13, Gott, offenbart in Jesus Christus. Seht, so nahe sind wir heute, wenn wir unsere Zeit und uns selbst verstehen, das Evangelium wieder zu hören.

3. Warum hören wir es dann nicht?, werdet ihr fragen. Warum sind wir Menschen der heutigen Zeit immer noch bloß müde, mißtrauisch, zurückhaltend nach allen Seiten? Warum sind wir nicht weiter, als daß wir angefangen haben, zu so und so vielen Irrtümern und Schwachheiten Nein zu sagen? Warum vernehmen wir das große Ja nicht? Warum sind wir nur immer im Fragen und Suchen, statt die Antwort zu vernehmen? Warum wird die dünne Wand, die uns vom Evangelium, von der frohen Botschaft trennt, nicht durchgestoßen? Warum wird uns diese Botschaft vom lebendigen Gott nicht von allen Kanzeln zugerufen? Warum drängt [?] es nicht in allen Tageszeitungen zur Aussprache dieses Einen, Aktuellen, Notwendigen? Warum redet man nicht in allen Häusern und auf allen Straßen von dem, was wir doch alle meinen und was uns ja in Christus gegeben ist? Warum nicht?

Seht, wenn euch dieses Warum nicht? jetzt so packen würde, daß ihr alle aufstehen und es mir von allen Seiten zurufen müßtet: Ja, warum nicht? wir wollen es wissen! Wenn ihr alle mir heute und morgen und übermorgen das Haus überlaufen müßtet, jedes mit der Frage: warum höre ich denn diese Botschaft von Gott, in der Alles enthalten ist, nicht? Warum sprichst du sie nicht aus? Wozu bist du der Pfarrer, wenn du das, dieses Eine, Einzige, nicht sagst? Wenn ihr alle mit dem gleichen Ernst euch selber fragen würdet: Ja, warum hören wir es nicht? Warum sind wir draußen statt drinnen? Warum denken, leben, laufen wir alle, ohne bis zum Ende, bis auf den Grund zu gehen? Warum tun wir den Schritt nicht von unseren Fragen zu der Antwort des Evangeliums? Und wenn dann [?] weiter in Allem, was ihr denkt und miteinander redet, diese Erschütterung, diese Unruhe wäre: wie kommt es nur, daß uns das fehlt14, was uns doch nicht zu fehlen bräuchte, daß wir uns nach dem sehnen müssen, was wir doch haben, daß wir fragen |322 und fragen müssen, wo doch die Antwort da ist? Wenn dieses große «Warum denn nicht?» in uns alle hineinführe und - statt daß wir jetzt hier in der Kirche ein bißchen darüber nachdenken - die große Frage und Sorge und Angelegenheit würde, die uns Tag und Nacht nachginge, bei der Arbeit und bei Tisch und auf dem Felde, wenn das unser einziges starkes Anliegen wäre, diese Mauer, die uns von Gott trennt, müßte durchstoßen werden - wenn das alles oder auch nur etwas davon geschehen, wirklich geschehen würde, das wär’s, was Paulus in unserem Text von den Ephesern verlangte. Es ist nichts Fernliegendes, Fremdartiges, was er von ihnen verlangt, es ist das Allernaheliegendste. Es ist die Frage und Bewegung, in die wir sofort geraten müßten, wenn es uns klar würde: es fehlt uns etwas, wir suchen etwas, und dieses Etwas kommt uns entgegen, ist da, ist zu haben - o nein, wir haben es noch nicht.

4. Betet!, sagt er. Er erläßt gleichsam ein Aufgebot. Er steht an einer Arbeit. Er sieht die Not der Welt, aber auch ihre Hoffnung. In den Lauf der Geschichte, in das ganze irdische Treiben will das Licht von oben fallen. In das Denken, Reden und Tun der Menschen will Kraft aus der Höhe kommen. Gottes Macht will auf der Erde zur Geltung kommen. Gottes Herrlichkeit will hier noch einmal leuchten. Das ist Christus: diese Begegnung Gottes mit den Menschen. Es gibt genug Menschen, die im Menschlichen irgendwie stecken bleiben. Es gibt auch genug Menschen, die sich nur mit dem Göttlichen beschäftigen, ohne den Weg zu den Menschen wieder zu finden. Die Begegnung Gottes mit den Menschen, da ist der Heiland, darum zu sinnen [?], dafür sich selbst zu öffnen, dafür Wege zu suchen, nach Gott zu fragen im Gedanken an den Menschen und unter den Menschen zu sein im Gedanken an Gott, das ist Heilandsarbeit, Apostelarbeit. Paulus fühlte sich allein, verlassen bei dieser Arbeit. Er ruft Alle auf, ihm zu helfen. Betet!, sagt er. Beten heißt flehend und verlangend an die Schwelle treten, wo jenseits des menschlichen Denkens und Wollens und Fühlens das göttliche Licht leuchtet, die göttliche Macht wirkt. Beten heißt sich bewußt und nie fertig auf jene Mitte hin richten, in der die Strahlen des Lebens von allen Seiten zusammenlaufen. Beten heißt an Gott denken und dabei die Sache der Menschen auf dem Herzen tragen. Beten ist nicht eine Flucht aus der bösen Welt zu Gott, |323 sondern Beten heißt mitten im Leid und in der Unruhe der Welt Gott suchen, mitten in der Welt sich von Gott finden lassen.

Gott sucht gleichsam Eingangspforten in der Welt, Freistätten, Bauplätze, wo er das Neue beginnen kann, das er schaffen will auf der Erde. Betende Menschen sind solche Eingangspforten, Freistätten und Bauplätze. Beten ist nicht eine Erleichterung, die man sich verschafft, nicht ein Ausruhen, es ist nicht ein persönlicher Gewinn, der da zu erwarten, sondern ein Dienst, der da zu tun, ein Kampf, der da zu kämpfen ist. Für diesen Dienst und Kampf müssen Menschen gewonnen werden, Freiwillige, die daran gehen wollen, die Brücke zu bauen. Je deutlicher es wird, was die Menschen ihrerseits suchen und was Gott seinerseits tun und geben will, um so nötiger wird es, daß betende Menschen vorhanden sind, priesterliche Seelen, die die Sache Gottes und der Menschen als eine persönliche Last auf sich nehmen wollen.

5. Da liegt nun auch die Antwort auf die Frage, warum wir heute das Evangelium noch nicht oder noch nicht recht hören, warum es nicht mächtiger hervorbricht in jeder Predigt, aber auch in jedem Gespräch, in jedem Zeitungsartikel, überall, wo Menschen miteinander reden: Gott in Jesus Christus unsere Macht, unsere Sonne [?], unser Leben, unser Licht, unsere Freiheit. Viele möchten es aussprechen und Viele möchten es hören. Es ist aber ein Geheimnis, wie Paulus sagt, das nur unter besonderen Bedingungen, in einem besonderen Licht und [einer besonderen] Umgebung aus der Verborgenheit offenbar werden kann. Es ist etwas ganz Besonderes, etwas Neues, ein Ereignis, wenn der Mund sich findet, das Evangelium auszusprechen, und die Ohren, es zu hören. Man darf das Evangelium nicht verwechseln mit dem, was etwa sonst über das Menschenleben und auch über Gott geredet wird. Man kann ja viel Schönes und Wahres sagen, um das Fragen und Suchen der Menschenseele nach dem Mittelpunkt von allen Seiten vorwärts zu treiben auf den Mittelpunkt hin. Aber wenn wir so von der Welt ausgehen, bleiben wir immer wieder gerne in der Welt stecken, und der Mittelpunkt wird nicht sichtbar bei unserer Rede. Und man kann umgekehrt viel Schönes oder Großes über Gott und den Heiland oder auch über den Geist und die Ideale sagen, und es wird ja auch überall viel davon gesagt. Aber wenn wir so vom Göttlichen ausge|324hen, geschieht’s gar leicht, daß wir die wirkliche Welt, das Leben, den Menschen nicht erreichen, daß all die hohen Wahrheiten keine Antwort sind auf unsere eigentliche Frage. Habt ihr nicht auch schon bemerkt dieses merkwürdige Schwanken in dem, was die Menschen sagen, in den Büchern und Zeitungen, die wir lesen, in den Predigten, die wir hören, auch schon in meinen Predigten: bald ist’s zu niedrig, zu menschlich und erreicht jene Schwelle nicht, wo Gott zu den Menschen redet; bald ist’s zu hoch, zu göttlich und steigt nicht herunter zu dem Punkt, wo Gott zu den Menschen redet. Und beidemal ist’s noch nicht das Evangelium, noch nicht Gottes Wort, noch nicht Christus. Alles, was wir heute reden und schreiben und hören und lesen, leidet unter diesem «Noch nicht», bald von dieser, bald von jener Seite. Es ist immer noch nicht, oder höchst, höchst selten ein wenig, Gottes Wort. Christus selbst, der die Welt mit Gott versöhnt [vgl. 2.Kor. 5,19]. Das ist das Geheimnis des Evangeliums.

6. Dieses Geheimnis kann sich nur öffnen dadurch, daß wieder Heilandsarbeit und Apostelarbeit getan wird, [daß] Menschen jenen Kampf und jenen Dienst auf sich nehmen, von dem in unserem Text die Rede ist. Es geht Alle an, die es merken, wie die Dinge stehen, Alle, die die Not und das Suchen der Menschen und der Liebe Gottes verstehen, Alle, die unter jenem «Warum nicht?» seufzen und leiden. Wir Pfarrer dürfen euch nicht anklagen, wenn ihr das Evangelium noch nicht hört. Und ihr dürft auch uns Pfarrer nicht anklagen, wenn wir euch das Evangelium noch nicht sagen können, wenn all unsere Worte entweder zu tief oder zu hoch gehen. Niemand darf den Anderen anklagen, weil das, was er sagt, noch nicht Gottes Wort ist. Niemand, der merkt, um was es geht, darf in dieser Sache bloß Zuschauer sein, der über Andere sein Urteil abgibt. Als gemeinsame Last und Sorge und Aufgabe müssen alle lebendigen Menschen diese Lage auf sich nehmen und in sich bewegen. Beten müssen wir füreinander, daß uns das Wort gegeben werde, ganz offen und freudig zu reden und so, wie es sein muß, nicht nur die Pfarrer, sondern Alle, Alle, welche - und wenn es nur unter vier Augen wäre - den Mund auftun. Denn alles unser Reden miteinander ist ein kümmerlicher Versuch, das große Geheimnis auszusprechen, vor dem wir stehen. Wenn wir dazu kommen, einander gegenseitig zu tragen durch Eintreten und Fürbit|325ten mit ganzem Flehen und Verlangen, dann werden die Bedingungen geschaffen zur Eröffnung des Geheimnisses, dann bleibt es nicht bei dem bloßen Versuchen, zu reden und zu hören. Dann wird es ausgesprochen werden ohne Irrtum und gehört ohne Mißverständnis, das Große, was jetzt noch nicht oder kaum ausgesprochen und gehört wird: Immanuel! Gott mit uns! [Jes. 7,14 / Mt. 1,23].

Lieder:
  • Nr. 83 «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von Fr. Oser, Strophen 1-2 (GERS [1952] 194,1.3; EG 377,1-2 «Zieh an … ») 🎵
  • Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1.3.11 (RG [1998] 492,1.5.11; EG 123,1.5.11) 🎵

Sachfußnoten

1
Im Mskr. ursprünglich: «und Ürkheim»; dann durchgestrichen. Offensichtlich entfiel die Vertretungspredigt.↩
2
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
3
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
4
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
5
Im Sommer 1914 hatte in Bern die «Schweizerische Landesausstellung» ihre Pforten geöffnet. Barth sah sie sich an und hielt dazu am 7. Juni eine Predigt, die in den «Neuen Wegen» abgedruckt wurde. Vgl. Predigten 1914, S. 287-314 📖.↩
6
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
7
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
8
= Vermögende, Wohlhabende.↩
9
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
10
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
11
Im Mskr. ursprünglich: «zwischen dem, was». Barth hat dann aus «dem» ein «diesen» gemacht, aber versäumt, das Wörtchen «was» zu streichen.↩
12
Hervorhebung durch einen Halbkreis.↩
13
Vgl. B. Pascal, Pensées, Fragment 553 (Brunschvicg) 📖: Le Mystère de Jésus. «Console-toi, tu ne me chercherais pas, si tu ne m’avais trouvé».↩
14
Im Mskr. ursprünglich: «daß wir uns nach dem»; Barth hat dann «nach» gestrichen und «dem» in «das» korrigiert, aber vergessen, «wir» zu streichen.↩