Epheser 6,10-17
Endlich: werdet kräftig in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke! Zieht die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr euch halten könnt gegen die Schliche des Teufels. Denn unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen alles das, was in dieser Finsternis die Welt beherrscht, gegen die bösen Geister im Himmel. Deswegen greifet zur Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tage Widerstand leisten und wohlausgerüstet das Feld behaupten könnt.
So stehet nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, an den Füßen geschuht mit Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, zu dem allem aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit dem ihr die feurigen Geschosse des Bösen löschen könnt, und empfanget den Helm des zukünftigen Heils und das Schwert des Geistes, das heißt das Wort Gottes.
1. Es gibt eine Wahrheit. Sie umgibt uns von allen Seiten. Wir leben von ihr. Die Welt kann sich nicht irren, ohne in all ihren Irrtümern immer auch ein Körnlein Wahrheit mit sich zu führen. Die Welt kann nicht einmal lügen, ohne bei der Wahrheit wenigstens ein schamhaftes oder heuchlerisches kleines Anleihen zu machen. Wir können das ganze Leben als einen wüsten, verworrenen Traum auffassen, es hat doch auch dieser große Traum wie jeder Traum sein Stücklein Wahrheit, durch das er mit der Wirklichkeit zusammenhängt. Vielleicht daß die Wahrheit in manchem Menschenleben nur ein einziges Mal in einer glücklichen Stunde aufleuchtet und dann sofort wieder verschwindet. Vielleicht daß ganze Familien, ganze Schichten der Menschheit, ganze Zeiten und Länder nur eben von ferne gegrüßt werden von der Wahrheit. Wir leben bei aller Verkehrtheit doch nicht von der Verkehrtheit selbst, sondern von dem in der Verkehrtheit, was Wahrheit ist. Auch die schwer Leidenden, auch die Irrsinnigen, auch die Verbrecher, auch die Selbstmörder zehren heimlich an einem verkümmerten, verdorbenen Restlein von Wahrheit, wie eben ein Verhungernder nimmt, was er findet, so übel es sein mag. Der Irrtum und die Lüge haben ihre Kraft nicht aus sich selbst, sondern aus jenem mitlaufenden Restlein von Wahrheit. Wir alle wenden uns unwillkürlich immer wieder der |307 Wahrheit zu, wissen, daß von dort eigentlich das Leben kommt. Es blickt heimlich Alles nach der Wahrheit aus, wie man eben nach etwas ausblickt, was einmal kommen sollte; es sehnt sich Alles nach ihr, es wartet Alles auf sie.
2. Das ist freilich der
Jammer und das Rätsel unseres Lebens, daß uns die Wahrheit so verborgen ist.
Nicht ganz verborgen freilich; denn die Wahrheit kann uns nicht ganz verborgen bleiben,
aber doch so verborgen wie etwa das feurige Inwendige unseres
Erdballs. Da und dort ein geheimnisvoll rauchender Berg, da und dort eine heiße Quelle,
da und dort, wo menschliche Kunst und Arbeit bis in große Tiefen vorgedrungen ist, die
Kunde von einer immer größer und schließlich unerträglich werdenden Hitze da unten. Dann
und wann ein Erdbeben, dann und wann ein plötzlicher Ausbruch der unterirdischen Kräfte,
der Felsen zerreißt und Berge zerbricht. Aber wer achtet auf die Zeichen? Wer denkt
daran, daß Feuer und wieder Feuer unter unseren Füßen ist, daß unsere Erde vom gleichen
Stoff gebildet ist wie die Sonne? So ist uns die Wahrheit nicht ganz verborgen und doch
verborgen, zu verborgen, als daß unser Leben ist, was es sein
könnte. Daran leiden wir, daß wir nur von den Trümmern, von den
Spuren, von den Überresten der Wahrheit leben. Denn die Wahrheit ist
ein Ganzes und möchte auch in unserem Leben als ein Ganzes auftreten. Halbe Wahrheiten, teilweise Wahrheiten sind Torheiten und
Bosheiten, die wir zu büßen bekommen. Die verkümmerte, die verdorbene
Wahrheit wird uns nicht zum Segen, sondern zum Fluch. «Gottes
Zorn ist geoffenbart vom Himmel her», sagt
Seht, das ist die Wahrheit, die da erscheinen und zu Ehren
kommen will, das große, verborgene Feuer im Erdinnern, das sich da wieder einmal
bemerkbar macht. Aber es scheint, wir sind noch nicht vorbereitet
darauf. Die Einen wissen nun nichts zu tun, als vor der Wahrheit furchtbar zu erschrecken und sich die Ohren zuzuhalten, und da bleibt sie dann
natürlich ein dürftiges Lichtlein, das nicht hell gibt. Die Anderen schenken ihr zwar
Gehör, aber sie sind zu leidenschaftlich und wild, um wahr zu
werden, und da wird sie dann zu einem bösen, verzehrenden Feuer. Die Einen haben den Mut
und die Aufrichtigkeit nicht, zu erkennen, daß der Weg nun
vorwärts gehen müßte vom Alten zum Neuen, und da bleibt dann die Wahrheit in den
Gedanken und wird nicht zur Tat. Die Anderen haben die Weisheit und die Geduld nicht,
den Zusammenhang zu erkennen, der vom Alten ins Neue
hinüberführen muß, und nun tun sie zwar allerlei, aber was sie tun, ist nicht aus der
hohen [?], ruhigen Einsicht in die Wahrheit geboren. So erliegen wir allseits den
«Schlichen des Teufels», wie
3. Aber nicht wahr, das sehen wir ein: daß eine Zeit, in der sich
die Wahrheit wieder meldet, uns eigentlich nicht zum bösen, sondern zum guten Tag werden müßte, nicht zum Gericht, sondern zur Gnade. Es ist doch
etwas ganz Großes und Hoffnungsvolles, wenn man da dabei sein
darf, wo die Wahrheit sich wieder meldet. Es liegt eine große Verantwortung und eine große Verheißung auf Menschen, die eine solche Zeit
erleben wie die unsrige. Paulus stellt solche Menschen zum vornherein unter das Zeichen des Sieges. Werdet kräftig in dem
Herrn!, sagt er, damit ihr euch halten könnt gegen die Schliche
des Teufels, damit ihr am bösen Tage Widerstand leisten und das
Feld behaupten könnt! Er will offenbar nicht damit rechnen, daß
es den Menschen in einer solchen Zeit gehen kann, wie es uns jetzt geht. Er will nicht daran glauben, daß der große Moment notwendig ein kleines
Geschlecht finden müsse. Er glaubt daran, daß es anders gehen |310 kann. Woher kommt das? Sicher nicht davon, daß
Daran freute sich Paulus und zweifelte nicht, wenn er die
Menschen in das Licht der Wahrheit treten sah, darum getraute er sich, diese Menschen
ohne weiteres unter das Zeichen des Sieges zu stellen. Werdet kräftig
in dem Herrn! Im Herrn wird man kräftig. Im Herrn fällt
man nicht wieder zurück. Im Herrn verpaßt man die gelegene Zeit nicht, sondern versteht
und benützt man den Augenblick. Im Herrn macht sich die Wahrheit ganz frei und gewinnt
uns Menschen. |311 Für uns ist kein Grund da, warum wir uns das nicht auch sollten sagen lassen, warum sich der böse Tag nicht
auch für uns zum guten wenden sollte. Warum sollte uns jene klare Übersicht über die Dinge unmöglich sein? Warum sollten wir durchaus genötigt
sein, immer von unten statt von oben her zu sehen? Warum sollten
wir immer nur die Welt und die Weltgeschichte und die Weltverhältnisse vor Augen haben
und nie die Regierung, die durch den Gang der Welt hindurchgeht?
Warum sollten wir nicht merken, daß die Wahrheit notwendig,
respektabel und zwingend ist wie nichts Anderes? Warum sollten wir im Treiben und Wesen
der Menschheit immer nur die Menschen suchen und nie Christus,
seine Vergebungsmacht und Erlösungskraft, seinen Weg und seine Zukunft? Warum sollten
wir nicht eines Tages mit der vollen Wahrheit gesegnet [sein],
statt mit allen unseren halben Wahrheiten ewig verflucht zu sein? Sollte es denn ganz
ausgeschlossen sein, daß wir einmal so einfach, so nüchtern, so vernünftig werden, in
jene Bewegung und Wendung und Entscheidung des Herzens und
Gewissens hineinzutreten, die
4. Wir wollen nun zum Schluß aus unserem Text
noch hören, wie das aussieht, wenn die Menschen am bösen Tage, in
der schweren, gefahrvollen Lage, wenn die Wahrheit kommt und wieder gehen und uns ärmer
als zuvor zurücklassen könnte - wenn Menschen in dieser Lage im Zeichen des Sieges
stehen. Der erste Eindruck ist der, daß das für uns ganz
zweifellos einen Kampf bedeutet, in den wir hinein müssen. Das
ist für Viele von uns immer noch etwas Neues und Erstaunliches, wenn sie an sich und Anderen
wahrnehmen, daß man in Bewegung und ins Gedränge kommt, wenn man sich mit Christus, dem
König der Wahrheit [vgl.
Das Zweite, was klar wird, ist das, daß es in diesem Kampfe für Gott geht und gegen seine Feinde und nicht für uns selbst oder überhaupt für Menschen gegen Menschen. Das unterscheidet diesen Kampf von jeder Sorte von Zank; wo gezankt wird, da geht es sicher nicht um die Wahrheit. Das macht diesen Kampf groß und wichtig, daß dabei das Persönliche nicht in Betracht kommt. Das macht, daß mitten im Kampf der Friede größer ist als der Streit. Wer im Herrn die Wahrheit erkennt, der bekommt eine gewisse Selbstlosigkeit, daß es ihm mehr um das Interesse der Wahrheit zu tun ist als darum, selber recht zu haben, einen gewissen Weitblick, daß er auch in den Menschen, die der Wahrheit zuleide leben, mehr die Werkzeuge als die Urheber des Bösen erkennt, eine gewisse Offenheit nach allen Seiten, daß er alle Menschen, auch die widerstrebenden, als Mitstreiter für die Wahrheit würdigt und gleichsam mitnimmt. «Unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut.» Es kann sich nie darum handeln, Menschen anzuklagen, Menschen zu widerlegen, Menschen zu überwinden, und wenn es die schädlichsten und gefährlichsten Menschen wären. Wenn das manchmal nebenbei auch geschehen muß, so ist’s doch immer Nebensache. Es geht eben «gegen die Mächte, gegen die Gewalten». Es sind eben hinter und über den Menschen Ideen, Gedanken, Kräfte, Verhältnisse, die der Wahrheit widrig sind; mögen die widrigen Menschen im Frieden ihres Weges ziehen, aber diesen widrigen Kräften und Gewalten können und dürfen wir keine Ruhe las|313sen. Es geht «gegen alles das, was in dieser Finsternis die Welt beherrscht». Wir dürfen also nicht denken, es werde da so leicht gesiegt wie dann, wenn wir für uns selbst Ruhe finden oder aber andere Menschen belehren und überzeugen wollen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die jetzige Weltordnung und Weltherrschaft, die der Wahrheit entgegen ist und gebrochen werden muß. Es geht «gegen die bösen Geister im Himmel». Das ist ein dunkles Wort. Also auch im Himmel ist noch nicht Alles in Ordnung, gibt es noch böse Geister, geschieht Gottes Wille noch nicht vollständig. Vielleicht müssen wir an all die Verstorbenen denken, die auch im jenseitigen Leben Gott noch zu schaffen machen, der Wahrheit widerstehen und deren Unvollkommenheit dann auch im Diesseits ein Hindernis bilden kann. Wenn man alles das weiß, wird man bescheiden und rüstet sich zugleich zu großer Anstrengung und großer Geduld. Es ist ein weiter Kriegsschauplatz, den wir betreten, wenn wir im Herrn streiten werden. |
Das Dritte ist, daß wir in diesem Kampf von Gott selbst ausgerüstet
werden müssen. Es gibt auch eine menschliche Ausrüstung,
die nicht zu verachten ist. Die heißt z. B. Geduld in Krankheit,
Verstand in Unternehmungen, Energie bei
der täglichen Arbeit, Zähigkeit gegenüber Widersachern, Selbstbeherrschung gegenüber den eigenen Leidenschaften, Aufmerksamkeit gegenüber den Versuchungen, Begeisterung für hohe Ziele. Das alles sollen und wollen wir brauchen, wenn wir
es haben und wenn es nötig ist. Aber im Kampf um die Wahrheit
können wir mit diesen Waffen nicht kämpfen. Wir können, mit all diesen Waffen versehen,
doch auch Feinde der Wahrheit sein. Es gibt unter den Widersachern der Wahrheit ganz
ausgezeichnete ernste, sogar fromme Menschen. Es gibt aber eine Waffenrüstung Gottes, ihr habt gehört, wie
Seht, so sehen Menschen aus, die am bösen Tage unter dem Zeichen
des Sieges stehen. Kämpfer sind sie, Gottes Kämpfer wie
- In der einen Gemeinde Nr. 3 «Sollt’ ich meinem
Gott nicht singen» von P
. Gerhardt, Strophen 1-2 (RG [1998] 724,1-2; EG 325,1-2; jeweils mit Textabweichungen) - Nr. 83 «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn»
von
Fr. Oser , Strophen 1-2 (GERS [1952] 194,1. 3; EG 377,1-2 «Zieh an … »)
- 315 In der anderen Gemeinde Nr. 235 «Ich weiß,
woran ich glaube» von
E. M. Arndt , Strophen 1-3 (RG [1998] 278,1-3; EG 357,1.2.- mit Textabweichungen) - Nr. 225 «Ist Gott für mich, so trete» von
P. Gerhardt , Strophen 1.3.4 (RG [1998] 656,1.3.4; EG 351,1.3.5b.6b; jeweils mit geringen Textabweichungen)