24. August 1919

Epheser 6,10-17

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Epheser 6,10-17

Endlich: werdet kräftig in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke! Zieht die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr euch halten könnt gegen die Schliche des Teufels. Denn unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen alles das, was in dieser Finsternis die Welt beherrscht, gegen die bösen Geister im Himmel. Deswegen greifet zur Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tage Widerstand leisten und wohlausgerüstet das Feld behaupten könnt.

So stehet nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, an den Füßen geschuht mit Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, zu dem allem aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit dem ihr die feurigen Geschosse des Bösen löschen könnt, und empfanget den Helm des zukünftigen Heils und das Schwert des Geistes, das heißt das Wort Gottes.

1. Es gibt eine Wahrheit. Sie umgibt uns von allen Seiten. Wir leben von ihr. Die Welt kann sich nicht irren, ohne in all ihren Irrtümern immer auch ein Körnlein Wahrheit mit sich zu führen. Die Welt kann nicht einmal lügen, ohne bei der Wahrheit wenigstens ein schamhaftes oder heuchlerisches kleines Anleihen zu machen. Wir können das ganze Leben als einen wüsten, verworrenen Traum auffassen, es hat doch auch dieser große Traum wie jeder Traum sein Stücklein Wahrheit, durch das er mit der Wirklichkeit zusammenhängt. Vielleicht daß die Wahrheit in manchem Menschenleben nur ein einziges Mal in einer glücklichen Stunde aufleuchtet und dann sofort wieder verschwindet. Vielleicht daß ganze Familien, ganze Schichten der Menschheit, ganze Zeiten und Länder nur eben von ferne gegrüßt werden von der Wahrheit. Wir leben bei aller Verkehrtheit doch nicht von der Verkehrtheit selbst, sondern von dem in der Verkehrtheit, was Wahrheit ist. Auch die schwer Leidenden, auch die Irrsinnigen, auch die Verbrecher, auch die Selbstmörder zehren heimlich an einem verkümmerten, verdorbenen Restlein von Wahrheit, wie eben ein Verhungernder nimmt, was er findet, so übel es sein mag. Der Irrtum und die Lüge haben ihre Kraft nicht aus sich selbst, sondern aus jenem mitlaufenden Restlein von Wahrheit. Wir alle wenden uns unwillkürlich immer wieder der |307 Wahrheit zu, wissen, daß von dort eigentlich das Leben kommt. Es blickt heimlich Alles nach der Wahrheit aus, wie man eben nach etwas ausblickt, was einmal kommen sollte; es sehnt sich Alles nach ihr, es wartet Alles auf sie.

2. Das ist freilich der Jammer und das Rätsel unseres Lebens, daß uns die Wahrheit so verborgen ist. Nicht ganz verborgen freilich; denn die Wahrheit kann uns nicht ganz verborgen bleiben, aber doch so verborgen wie etwa das feurige Inwendige unseres Erdballs. Da und dort ein geheimnisvoll rauchender Berg, da und dort eine heiße Quelle, da und dort, wo menschliche Kunst und Arbeit bis in große Tiefen vorgedrungen ist, die Kunde von einer immer größer und schließlich unerträglich werdenden Hitze da unten. Dann und wann ein Erdbeben, dann und wann ein plötzlicher Ausbruch der unterirdischen Kräfte, der Felsen zerreißt und Berge zerbricht. Aber wer achtet auf die Zeichen? Wer denkt daran, daß Feuer und wieder Feuer unter unseren Füßen ist, daß unsere Erde vom gleichen Stoff gebildet ist wie die Sonne? So ist uns die Wahrheit nicht ganz verborgen und doch verborgen, zu verborgen, als daß unser Leben ist, was es sein könnte. Daran leiden wir, daß wir nur von den Trümmern, von den Spuren, von den Überresten der Wahrheit leben. Denn die Wahrheit ist ein Ganzes und möchte auch in unserem Leben als ein Ganzes auftreten. Halbe Wahrheiten, teilweise Wahrheiten sind Torheiten und Bosheiten, die wir zu büßen bekommen. Die verkümmerte, die verdorbene Wahrheit wird uns nicht zum Segen, sondern zum Fluch. «Gottes Zorn ist geoffenbart vom Himmel her», sagt Paulus im Römerbrief [1,18], «über alles gottlose und ungerechte Wesen der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit darnieder halten.» Und einen «bösen Tag», einen Tag des Gerichts und des Schreckens, einen Tag, da der Teufel große Gewalt bekommt, nennt er in unserem Text den Tag, wo die Wahrheit offenbar wird vor den Augen unvorbereiteter, ungeschickter, unreifer Menschen. Wir befinden uns auch heute unter den Zeichen dieses bösen Tages. Unter den Erschütterungen unserer Zeit sind viele alte Irrtümer morsch und zerbrechlich geworden, so daß sie als solche erkannt und überwunden werden könnten. Die Erkenntnis meldet sich an, daß die Menschheit den eigentlichen Sinn des Lebens im Ganzen bisher verfehlt hat und daß eben im Ganzen etwas anders |308 werden müßte, wenn wir wirklich anfangen wollen zu leben. Viele sind heute erschrocken über Dinge, auf die sie früher noch stolz waren, unsicher und verlegen in Gedanken, die ihnen früher fest standen. Fragen tauchen heute auf über den Zusammenhang der Welt und die Einrichtung des Lebenswegs des Einzelnen, an die noch vor wenig Jahren kein Mensch gedacht hat. |

Seht, das ist die Wahrheit, die da erscheinen und zu Ehren kommen will, das große, verborgene Feuer im Erdinnern, das sich da wieder einmal bemerkbar macht. Aber es scheint, wir sind noch nicht vorbereitet darauf. Die Einen wissen nun nichts zu tun, als vor der Wahrheit furchtbar zu erschrecken und sich die Ohren zuzuhalten, und da bleibt sie dann natürlich ein dürftiges Lichtlein, das nicht hell gibt. Die Anderen schenken ihr zwar Gehör, aber sie sind zu leidenschaftlich und wild, um wahr zu werden, und da wird sie dann zu einem bösen, verzehrenden Feuer. Die Einen haben den Mut und die Aufrichtigkeit nicht, zu erkennen, daß der Weg nun vorwärts gehen müßte vom Alten zum Neuen, und da bleibt dann die Wahrheit in den Gedanken und wird nicht zur Tat. Die Anderen haben die Weisheit und die Geduld nicht, den Zusammenhang zu erkennen, der vom Alten ins Neue hinüberführen muß, und nun tun sie zwar allerlei, aber was sie tun, ist nicht aus der hohen [?], ruhigen Einsicht in die Wahrheit geboren. So erliegen wir allseits den «Schlichen des Teufels», wie Paulus sagt. «Der große Moment findet ein kleines Geschlecht»2. Wo sind jetzt die Menschen, die zugleich weit sehen und das Nächste sehen, zugleich warten und eilen3, zugleich beten und arbeiten4 können. Kaum hat sich die Wahrheit ein wenig frei gemacht, wird sie auch schon wieder gefangen genommen. Kaum ist sie erschienen, verwandeln wir sie aufs neue in Irrtum und Lüge. Und so bereitet uns die Offenbarung der Wahrheit einen bösen Tag statt einen guten. Es fährt Alles auseinander und gegeneinander, statt daß wir zusammenkom|309men. Es verliert sich der ganze Strom der lebendigen Quelle in Millionen Tröpflein, die keines Menschen Durst stillen können. Wir erleben Unfrieden statt Frieden, Verwirrung statt Ordnung, Fluch statt Segen, weil wir nicht einfach, nicht nüchtern, nicht ehrlich genug sind, die ganze Wahrheit zu uns reden zu lassen. Wir möchten beinahe wünschen, Gott hätte seine Wahrheit für sich behalten und ließe uns ruhig weiterschlafen den alten Schlaf: die volle Wahrheit ist wohl [?] für ihn allein!5 Wir fühlen’s alle, gemeinsam und jeder für sich: Die Wahrheit ist nicht verborgen und doch verborgen, wir haben sie und haben sie nicht, und dieser Widerspruch rächt sich alsbald in stärkeren Torheiten und kräftigeren Bosheiten, von denen die Welt nun voll ist zu unser aller Staunen und Schrecken. Immer noch und immer wieder ist der Zorn Gottes vom Himmel her offenbar über uns, weil wir immer noch und immer aufs neue die Wahrheit darniederhalten in Ungerechtigkeit. Das sind die Zeichen des bösen Tages, von denen Paulus geredet hat und von dem wir heute wieder etwas erleben.

3. Aber nicht wahr, das sehen wir ein: daß eine Zeit, in der sich die Wahrheit wieder meldet, uns eigentlich nicht zum bösen, sondern zum guten Tag werden müßte, nicht zum Gericht, sondern zur Gnade. Es ist doch etwas ganz Großes und Hoffnungsvolles, wenn man da dabei sein darf, wo die Wahrheit sich wieder meldet. Es liegt eine große Verantwortung und eine große Verheißung auf Menschen, die eine solche Zeit erleben wie die unsrige. Paulus stellt solche Menschen zum vornherein unter das Zeichen des Sieges. Werdet kräftig in dem Herrn!, sagt er, damit ihr euch halten könnt gegen die Schliche des Teufels, damit ihr am bösen Tage Widerstand leisten und das Feld behaupten könnt! Er will offenbar nicht damit rechnen, daß es den Menschen in einer solchen Zeit gehen kann, wie es uns jetzt geht. Er will nicht daran glauben, daß der große Moment notwendig ein kleines Geschlecht finden müsse. Er glaubt daran, daß es anders gehen |310 kann. Woher kommt das? Sicher nicht davon, daß Paulus ein glückseliger Optimist war, wie man heute sagt, ein Mensch, der Alles in rosarotem Hoffnungsschein sieht und nichts so, wie es wirklich ist. Er sah auch, wie gefährlich gerade solche bedeutsamen Zeiten sind, wie leicht und schnell da die Wahrheit sich unter den Händen der Menschen wieder in ihr Gegenteil verkehrt. Er hat gerade in unserem Text ernst genug von den unsichtbaren, unfaßbaren und doch vorhandenen Hindernissen geredet, die sich der Erkenntnis der Wahrheit entgegenstellen. Das ist’s also nicht! Aber das ist’s, daß Paulus eine klare Übersicht hatte über die Lage zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen. Er betrachtete seine Zeit von Gott aus, darum konnte er die Menschen seiner Zeit glaubensvoll und zuversichtlich betrachten. Er sah an den Weltereignissen nicht ein sinnloses Wogen und Brausen unbestimmter Mächte, sondern er sah in ihnen und über ihnen eine Lenkung, eine regierende Hand. Er sah in der Erscheinung der Wahrheit nicht etwas Zufälliges und Vorübergehendes, nicht eine schöne Möglichkeit, zu der man sich so oder auch anders stellen kann, nicht ein Ereignis, das man mit anderen Ereignissen vergleicht und dann höher oder niedriger einschätzt, mehr oder weniger respektiert, er sah darin, nachdem er sie einmal gesehen, eine Wendung von entscheidender, bezwingender Kraft und Notwendigkeit. Ihm war die Wahrheit selbst nicht etwas Ungefähres, Undeutliches, Unsicheres, Unbestimmtes, Unpersönliches, er erkannte in der Wahrheit, die auch einmal über ihn kam wie jetzt über uns, den Herrn Jesus Christus, das ewige, kräftige Wort, durch das alle Dinge getragen sind [vgl. Hebr. 1,3], den Heiland, durch den der ganzen Menschheit Vergebung und Erlösung verkündigt ist [vgl. Eph. 1,7 par.], den treuen Knecht Gottes, der in seinem Tode die Welt überwunden hat und der seinem Vater nun alle Reiche der Welt übergeben will [vgl. 1.Kor. 15,24]. |

Daran freute sich Paulus und zweifelte nicht, wenn er die Menschen in das Licht der Wahrheit treten sah, darum getraute er sich, diese Menschen ohne weiteres unter das Zeichen des Sieges zu stellen. Werdet kräftig in dem Herrn! Im Herrn wird man kräftig. Im Herrn fällt man nicht wieder zurück. Im Herrn verpaßt man die gelegene Zeit nicht, sondern versteht und benützt man den Augenblick. Im Herrn macht sich die Wahrheit ganz frei und gewinnt uns Menschen. |311 Für uns ist kein Grund da, warum wir uns das nicht auch sollten sagen lassen, warum sich der böse Tag nicht auch für uns zum guten wenden sollte. Warum sollte uns jene klare Übersicht über die Dinge unmöglich sein? Warum sollten wir durchaus genötigt sein, immer von unten statt von oben her zu sehen? Warum sollten wir immer nur die Welt und die Weltgeschichte und die Weltverhältnisse vor Augen haben und nie die Regierung, die durch den Gang der Welt hindurchgeht? Warum sollten wir nicht merken, daß die Wahrheit notwendig, respektabel und zwingend ist wie nichts Anderes? Warum sollten wir im Treiben und Wesen der Menschheit immer nur die Menschen suchen und nie Christus, seine Vergebungsmacht und Erlösungskraft, seinen Weg und seine Zukunft? Warum sollten wir nicht eines Tages mit der vollen Wahrheit gesegnet [sein], statt mit allen unseren halben Wahrheiten ewig verflucht zu sein? Sollte es denn ganz ausgeschlossen sein, daß wir einmal so einfach, so nüchtern, so vernünftig werden, in jene Bewegung und Wendung und Entscheidung des Herzens und Gewissens hineinzutreten, die Paulus meint mit den zwei Wörtlein «im Herrn»? Der Widerspruch zwischen der offenbaren und der verborgenen Wahrheit, das geheimnisvolle Hindernis ist in uns, und in uns könnte und kann es überwunden werden. Wir könnten auch als siegreiche Leute dastehen. Denn Christus ist auch unser Herr, und Gott ist auch unser Gott. Aber das will in Aufmerksamkeit und Ehrfurcht gehört, erkannt, erkämpft und angenommen sein.

4. Wir wollen nun zum Schluß aus unserem Text noch hören, wie das aussieht, wenn die Menschen am bösen Tage, in der schweren, gefahrvollen Lage, wenn die Wahrheit kommt und wieder gehen und uns ärmer als zuvor zurücklassen könnte - wenn Menschen in dieser Lage im Zeichen des Sieges stehen. Der erste Eindruck ist der, daß das für uns ganz zweifellos einen Kampf bedeutet, in den wir hinein müssen. Das ist für Viele von uns immer noch etwas Neues und Erstaunliches, wenn sie an sich und Anderen wahrnehmen, daß man in Bewegung und ins Gedränge kommt, wenn man sich mit Christus, dem König der Wahrheit [vgl. Joh. 18,37], auch nur ein wenig einläßt. Aber es ist doch so. Jesus hat seinen Jüngern nie ein ruhiges, friedliches, unangefochtenes Leben verheißen, sondern er hat sie in die Welt gesandt als auf einen Kriegsschauplatz. Das, was die Wahrheit darniederhält in |312 Ungerechtigkeit [vgl. Röm. 1,18], ist gerade das Unlebendige in uns. In den Erschrockenen und in den Leidenschaftlichen, in den Trägen und in den Übereifrigen, in all den verschiedenartigen Menschen, die die Wahrheit immer wieder erniedern [?], ist das Innerste dieses Unlebendige. Sie schlafen. Sie schütteln das Alte nicht von sich ab und reißen das Neue nicht an sich. Sie verändern sich nicht, sondern sie bleiben sich selbst gleich. Die Wahrheit beschäftigt sich wohl mit ihnen, aber sie beschäftigen sich nicht eigentlich mit der Wahrheit. Schlafend kann man aber nicht in das Reich Gottes eingehen. Schlafend bedeuten wir nichts für das Reich Gottes als ein Hindernis. Wir müssen erwachen, aufstehen, uns rüsten, uns vom Platz bewegen [?], angreifen, uns wehren. Ich kann nicht!, sagst du. Und ich will auch nicht! Im Herrn kannst du, kannst du sogar wollen. Werdet kräftig im Herrn!|

Das Zweite, was klar wird, ist das, daß es in diesem Kampfe für Gott geht und gegen seine Feinde und nicht für uns selbst oder überhaupt für Menschen gegen Menschen. Das unterscheidet diesen Kampf von jeder Sorte von Zank; wo gezankt wird, da geht es sicher nicht um die Wahrheit. Das macht diesen Kampf groß und wichtig, daß dabei das Persönliche nicht in Betracht kommt. Das macht, daß mitten im Kampf der Friede größer ist als der Streit. Wer im Herrn die Wahrheit erkennt, der bekommt eine gewisse Selbstlosigkeit, daß es ihm mehr um das Interesse der Wahrheit zu tun ist als darum, selber recht zu haben, einen gewissen Weitblick, daß er auch in den Menschen, die der Wahrheit zuleide leben, mehr die Werkzeuge als die Urheber des Bösen erkennt, eine gewisse Offenheit nach allen Seiten, daß er alle Menschen, auch die widerstrebenden, als Mitstreiter für die Wahrheit würdigt und gleichsam mitnimmt. «Unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut.» Es kann sich nie darum handeln, Menschen anzuklagen, Menschen zu widerlegen, Menschen zu überwinden, und wenn es die schädlichsten und gefährlichsten Menschen wären. Wenn das manchmal nebenbei auch geschehen muß, so ist’s doch immer Nebensache. Es geht eben «gegen die Mächte, gegen die Gewalten». Es sind eben hinter und über den Menschen Ideen, Gedanken, Kräfte, Verhältnisse, die der Wahrheit widrig sind; mögen die widrigen Menschen im Frieden ihres Weges ziehen, aber diesen widrigen Kräften und Gewalten können und dürfen wir keine Ruhe las|313sen. Es geht «gegen alles das, was in dieser Finsternis die Welt beherrscht». Wir dürfen also nicht denken, es werde da so leicht gesiegt wie dann, wenn wir für uns selbst Ruhe finden oder aber andere Menschen belehren und überzeugen wollen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die jetzige Weltordnung und Weltherrschaft, die der Wahrheit entgegen ist und gebrochen werden muß. Es geht «gegen die bösen Geister im Himmel». Das ist ein dunkles Wort. Also auch im Himmel ist noch nicht Alles in Ordnung, gibt es noch böse Geister, geschieht Gottes Wille noch nicht vollständig. Vielleicht müssen wir an all die Verstorbenen denken, die auch im jenseitigen Leben Gott noch zu schaffen machen, der Wahrheit widerstehen und deren Unvollkommenheit dann auch im Diesseits ein Hindernis bilden kann. Wenn man alles das weiß, wird man bescheiden und rüstet sich zugleich zu großer Anstrengung und großer Geduld. Es ist ein weiter Kriegsschauplatz, den wir betreten, wenn wir im Herrn streiten werden. |

Das Dritte ist, daß wir in diesem Kampf von Gott selbst ausgerüstet werden müssen. Es gibt auch eine menschliche Ausrüstung, die nicht zu verachten ist. Die heißt z. B. Geduld in Krankheit, Verstand in Unternehmungen, Energie bei der täglichen Arbeit, Zähigkeit gegenüber Widersachern, Selbstbeherrschung gegenüber den eigenen Leidenschaften, Aufmerksamkeit gegenüber den Versuchungen, Begeisterung für hohe Ziele. Das alles sollen und wollen wir brauchen, wenn wir es haben und wenn es nötig ist. Aber im Kampf um die Wahrheit können wir mit diesen Waffen nicht kämpfen. Wir können, mit all diesen Waffen versehen, doch auch Feinde der Wahrheit sein. Es gibt unter den Widersachern der Wahrheit ganz ausgezeichnete ernste, sogar fromme Menschen. Es gibt aber eine Waffenrüstung Gottes, ihr habt gehört, wie Paulus sie beschreibt. Die hat man nicht, die nimmt man sich nicht, die bekommt man. Es ist etwas Merkwürdiges um dieses Bekommen. Solange man’s nicht versteht, meint man, das sei unmöglich, solchen Schutz und Trutz zu bekommen. Wir meinen immer, wir könnten nur haben oder uns nehmen und dann nichts mehr. Aber das Stärkste [?] im Leben ist gerade das, was wir nach und nach bekommen, wenn das Leben zu einem Dienst der Wahrheit wird. Diese Waffenrüstung Gottes hat es an sich, daß sie, wie Paulus sie beschreibt, vollständig ist; es fehlt nichts daran. Gerechtig|314keit ist nicht ohne Frieden. Glaube ist nicht ohne Hoffnung, Hoffnung ist nicht ohne Geist. Wenn eins fehlte, würden alle fehlen. Eins ergibt sich aus dem anderen. Sie hat es an sich, daß kein Stück davon bloß irdisch, menschlich, gemein oder selbstsüchtig verwendet werden kann. Was von Gott kommt, kann auch nur im Sinn Gottes verwendet werden. Sie ist rein und ehrenhaft. Wenn wir auch nur ein Stück davon mißbrauchen würden, würden wir das Ganze verlieren. Je mehr wir uns ganz auf diese Waffen verlassen, um so mehr sind wir im Notfall vor Irrtum und Lüge geschützt. Sie hat es an sich, daß sie genügt, auch für den schwächsten Menschen genügt. Wenn du im Dienst Gottes stehst und das brauchst, was Gott selbst dir dazu darreicht, dann wirst du auch auf deinem Posten deine Sache recht machen. Du kannst dann vielleicht manches Menschliche entbehren, was andere haben, z. B. Gescheitheit, starker Wille, große Begeisterung. Sei du nur mit den Waffen Gottes gerüstet, was du bist, so bist du ein Kämpfer Gottes, der sich darf sehen lassen und der für das Reich Gottes etwas bedeutet, mehr als zehn Andere, die menschlich hundertmal gerüsteter sind. Das sei allen Kleinen gesagt, damit sie mutig, und allen Großen, damit sie demütig seien.

Seht, so sehen Menschen aus, die am bösen Tage unter dem Zeichen des Sieges stehen. Kämpfer sind sie, Gottes Kämpfer wie Jakob [vgl. Gen. 32,29], von Gott ausgerüstete Kämpfer. Solche Menschen halten sich gegen die Schliche des Teufels. Solche Menschen sind das Morgenrot des Tages, an welchem die Wahrheit nicht nur erscheinen und wieder verschwinden, sondern triumphieren wird. Wer hindert uns, im Herrn kräftig zu werden und uns in solche Menschen zu verwandeln? Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an [Apk. 3,20]!

Lieder:
  • In der einen Gemeinde Nr. 3 «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1-2 (RG [1998] 724,1-2; EG 325,1-2; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 83 «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von Fr. Oser, Strophen 1-2 (GERS [1952] 194,1. 3; EG 377,1-2 «Zieh an … ») 🎵
  • 315 In der anderen Gemeinde Nr. 235 «Ich weiß, woran ich glaube» von E. M. Arndt, Strophen 1-3 (RG [1998] 278,1-3; EG 357,1.2.- mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 225 «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt, Strophen 1.3.4 (RG [1998] 656,1.3.4; EG 351,1.3.5b.6b; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 296, Anm.1.↩
2
Fr. von Schiller, Xenien, «Der Zeitpunkt» 📖:
Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,
Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.
↩
3
Anspielung auf 2. Petr.3,12 und auf Chr. Blumhardt; vgl. oben, S. 180, Anm.5 .↩
4
Vgl. den alten Leitspruch des Mönchtums «Ora et labora». Näheres bei Büchmann, S. 594 📖.↩
5
Vgl. G. E. Lessing, Eine Duplik, Werke, Bd. VIII, hrsg. von H. G. Göpfert u. a., Darmstadt 1979, S. 33 📖: «Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!»↩