Epheser 6,5-9
Ihr Knechte, gehorchet euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern aus aufrichtigem Herzen, als Christus selbst, nicht mit Augendienst, um den Menschen zu gefallen, sondern als Knechte Christi –
die den Willen Gottes aus eigenem Herzen tun,
die mit gutem Willen dienen, weil es dem Herrn geschieht und nicht den Menschen,
die wissen, daß jedem, der etwas Gutes tut, vom Herrn vergolten wird, er sei ein Knecht oder ein Freier.
Und ihr Herren, handelt ebenso gegen jene und laßt das Drohen, als die da wissen, daß ihr und euer Herr im Himmel ist und ist bei ihm kein Ansehen der Person.
Es trifft sich merkwürdig, daß uns nun gerade heute gerade dieser Text begegnen muß, nachdem am letzten Sonntag unsere Gemeindeversammlung so lebhaft bewegt worden ist von der Frage, um die es sich da handelt. Den besonderen Anlaß wollen wir nun freilich ruhen lassen.2 Es war ja ganz natürlich und recht, daß dieser kleine Streit einmal ausgetragen wurde. Wir wollen aber die Sache nicht wichtiger nehmen, als sie ist. Sie ist ja nur eine kleine Spitze in dem großen Sturm unserer Zeit. Es ist damit nichts besser und nichts schlimmer geworden, es ist nur Einiges an den Tag gekommen. Die Spitze verschwindet, der Sturm geht weiter. Wohl aber können wir, weil es sich nun einmal so trifft, versuchen, zu sehen, wie in der Bibel die Frage selbst, die Hauptsache an der Sache, auf den rechten Boden gestellt wird, auf einen Boden, wo man nicht mit der Stange im Nebel herumfahren und sich gegenseitig anschreien muß, sondern freie Ausblicke bekommt nach allen Seiten.
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1. Das Verhältnis zwischen Herren und Knechten, oder wie man
jetzt sagt, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, selbständig und unselbständig
Erwerbenden, ist heute in allen Teilen und von Grund aus ein
anderes als das, das
2. Eine gestörte Gottesordnung, darum handelt es sich in der sozialen Frage. Darum brennt und bewegt und beunruhigt sie uns so. Darum müssen sich alle lebendigen Geister der Menschheit auf sie einlassen und um sie mühen. Darum zieht sie so weite Kreise, daß man allmählich auch im hintersten Bergdörflein davon reden hört. Darum möchten wir sie so gerne loswerden, wenn wir nur könnten, und müssen doch immer wieder darauf zurückkommen. Darum alle die Vorschläge und Versuche, sie zu lösen, bald ruhig und behutsam, bald stürmisch und gewaltsam. Darum die tieferen, schneidenden Gegensätze mit all den schrecklichen und beklagenswerten Erfahrungen solcher Gegensätze unter den Menschen, die sie hervorruft. All diese Bewegungen, all dieser ziellose Widerstreit der Gedanken, all diese jähen Zuckungen des ganzen Körpers der menschlichen Gesellschaft, sie würden sich gar nicht erklären lassen, wenn es sich zwischen Herren und Arbeitern, Unabhängigen und Abhängigen wirklich nur um etwas Oberflächliches, Äußerliches handeln würde, wie manche mei|298nen, und nicht um etwas höchst Tiefes und Bedeutsames. Häuser und Türme fallen nicht um, es geschehe denn ein Erdbeben; es geschieht aber kein Erdbeben ohne wichtige Vorgänge und Veränderungen im Inneren unseres Planeten. Weil eine Gottesordnung verdunkelt und verloren gegangen ist und unter Schmerzen wieder gesucht werden muß, darum macht uns die soziale Frage so zu schaffen. Wenn man das weiß, wird man ernst und eifrig in dieser Sache, zugleich aber auch ruhig und im Innersten friedlich. Man weicht ihr dann nicht mehr aus, sondern sieht ihr ins Gesicht und verliert sich doch nicht, als ob es nur diese Frage und keine andere gäbe. Man sieht dann nicht so sehr auf die Menschen, die heute zufällig auf der einen oder anderen Seite stehen, sondern auf die Sache, von der alle Menschen auf allen Seiten umgetrieben sind. Man achtet dann nicht nur auf das Einzelne, sondern bei allem Einzelnen auf das Ganze.
Das ist jedenfalls der zweite Eindruck und die zweite Mahnung, die uns unser Text gibt: es handelt sich auch in der sozialen Frage um die Gottesfrage, an die man nicht eilfertig, voreingenommen, geschwätzig und streitlustig herantreten kann, sondern mit der Ehrfurcht und Erschütterung, mit der man eben an das Göttliche herantreten muß. Und dieser Standpunkt ist nicht veraltet, sondern er ist, wenn wir ihn recht verstehen, das Allernötigste und Allermodernste, das wir für unsere Zeit wieder gewinnen müßten.
3. Also eine gestörte Gottesordnung, die
wieder zurechtkommen muß. Wir dürfen uns an dieser Erkenntnis nicht
irremachen lassen durch die allzu naheliegende Behauptung,
daß die ganze Frage des Verhältnisses von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ja doch nur
eine Magenfrage, eine materielle Frage sei, auf die man sich
besser nicht einlasse, weil man als Mensch und als Christ nach Höherem zu trachten habe.
Dieses allzu schnelle Urteil gibt vielen ernsthaften Menschen den
Grund und vielen weniger ernsthaften wenigstens die
Ausrede, sich von dieser Frage im Innersten nicht bewegen
zu lassen, weil sie eben das Innerste nichts angehe. So haben z. B. jüngst die
Mitglieder der apostolischen Gemeinschaft in
Es gab nun freilich lange Zeiten im Christentum, wo man gar
nicht merkte, wie weit man sich von Christus entfernte, indem man die leiblichen,
irdischen Verhältnisse so gleichgiltig und vornehm ihren eigenen Lauf
nehmen ließ. Man beschäftigte sich aufs lebhafteste mit den kirchlichen und
später mit den politischen Formen, mit den Glaubenslehren, mit philosophischen Gedanken, mit
den Fragen des persönlichen inwendigen Lebens, mit allerlei Kunst und Wissenschaft. Der Sauerteig des
Evangeliums [vgl.
4. Über die göttliche Ordnung der sozialen
Verhältnisse und wie sie verloren gegangen ist, möchte ich an Hand unseres Textes nur
wenig sagen. Das Göttliche und Vernünftige zeichnet sich vor Allem immer dadurch
aus, daß sich nur wenig darüber sagen
läßt, und auch das Ungöttliche und Unvernünftige ist bald beschrieben. Das Göttliche und Vernünftige besteht hier darin, daß Arbeitgeber und
Arbeitnehmer darin gleich sind, daß sie miteinander das Gleiche
wollen, nämlich leben, ihr täglich Brot haben - und darin ungleich, daß dabei der Eine vorangeht und befiehlt, der Andere nachfolgt und
gehorcht. Ihr und euer Herr ist im Himmel, und bei ihm ist kein Ansehen der Person!
Darin liegt die Gleichheit, und das sagt
Wir müssen sagen, daß sich dieses natürliche Verhältnis bis vor kurzem und zum Teil bis
heute erhalten hat im Bauernstand. Und das ist ein ernster Grund,
weshalb gerade die Bauern die Lage derer besonders gut und teilnehmend verstehen
sollten, die nicht so gut dran sind. Denn im Ganzen ist nun eben dieses natürliche
soziale Verhältnis nicht mehr vorhanden. Arbeitgeber und
Arbeitnehmer wollen in unseren Verhältnissen nicht mehr das
Gleiche. An die Stelle des lebendigen irdischen Herrn ist nämlich das tote Geld getreten. Das Geld ist ein überaus geschicktes Werkzeug für die Arbeit und darum für das Leben. Aber in unseren
Verhältnissen ist es nicht Mittel und Werkzeug, sondern selbst Ziel
und Zweck, und die Arbeit und das Leben müssen ihm dienen. Das Geld will sich vermehren, dem hat sich Alles unterzuordnen. Das Geld ist selbst der Herr geworden. Auch die sogenannten Herren müssen ihm
dienen. Das ist das offenkundige Geheimnis des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Daraus entsteht die soziale Frage: Das Geld möchte nur laufen und
sich vergrößern wie eine Lawine. Der Mensch, und zwar der Herr und der Arbeiter möchten
leben. Daraus entsteht der Klassenkampf, keine Sozialisten machen
ihn, ganz von selbst ist er da zwischen denen, die dem Gelde gern und
mit Freuden dienen, weil es ihnen immer noch erträglich dabei geht, und den
Anderen, die ihm
ungern dienen, weil sie unter der Lawine
sind, weil sie am lebendigen Leib erfahren, wie hart, wie unbarmherzig, wie
selbstsüchtig das Geld ist. Nun ist eben keine Gleichheit mehr
da, kein Herr im Himmel, der über Herr und Knecht steht, weil das Geld selbst zum
Herrgott geworden ist. Und wo die göttliche Gleichheit nicht mehr besteht, da kann auch die göttliche Ungleichheit nicht Bestand haben. Nun muß der
böse, nörgelnde Zweifel auftreten, ob denn der Herr wirklich
das Recht habe, den Herrn zu spielen, wo er |303 gar nicht mehr
der Herr ist, sondern seinerseits ein Sklave der Profitrate. Das Verhältnis eines
heutigen Fabrikanten zu seinen Arbeitern ist eben wirklich nicht ein Abbild des
Verhältnisses Jesu zu seinen Jüngern, sondern etwas total Anderes. Einem Menschen kann
man sich willig und freudig unterordnen, aber wie kann man
zufrieden sein, wenn man einmal gemerkt hat, daß es ja im Grunde doch nur um das goldene
Kalb geht? Und nun verschwindet aus diesem Verhältnis Zug um Zug
alles Freundliche, Gute, das es natürlicher Weise an sich haben könnte. Wer kann denn
heute in abhängiger Stellung seine Arbeit aus eigenem Herzen tun,
wie
Das ist das Verderben, unter dessen Herrschaft unsere Zeit steht. Das ist das Gift, das an unserem sozialen Körper frißt, der Wurm, der das Gebäude unternagt [?], in dem wir wohnen. Wir wollen jetzt nicht untersuchen, wie es so hat kommen können, und nicht beschreiben, was die Folgen davon sind. Genug, daß es so ist und daß wir es heute verspüren müssen, daß es so ist. Man hat lange genug gesagt, die irdischen Verhältnisse seien gleichgiltig, man kann auch sonst in den Himmel kommen. Man hat das solange gesagt, bis es auf der Erde so aussah, daß man an den Himmel gar nicht mehr recht zu glauben wagt.
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5. Und wenn wir uns nun zum Schluß fragen, wie es zur Wiederherstellung jener Gottesordnung von Gleichheit und
Ungleichheit kommen könnte, so können wir auch darüber nur Weniges sagen. Jedenfalls nicht damit, daß man denen ihre Sünde
vorhält, die in der gegenwärtigen Lage die Meistbetroffenen sind. Sie können die
Anklage zehnfach zurückgeben, und es wird dadurch nichts anders, und wenn man dann noch
einmal zehnfach recht behielte gegen sie. Auch damit nicht, daß man darauf hinweist, daß
es doch immer noch Einzelne gibt, Herren und Arbeiter, die sich
trotz des allgemeinen Giftes im Ganzen gesund erhalten haben. Ausnahmen bestätigen die
Regel. Ganz unberührt ist überdies niemand von der allgemeinen Unordnung, und wer bürgt
uns dafür, wie die Söhne solcher Väter sein werden? Auch die Fortschritte und Milderungen helfen nicht, die im Einzelnen in diesem Verhältnis
erzielt werden mögen, weder Lohnerhöhungen noch Arbeitszeitverkürzungen noch
Arbeiterfürsorge. Helfen kann allein das, daß die Dinge wieder umgekehrt werden, wie sie eigentlich stehen sollten. Gut ist
Alles, was dazu hilft, die Menschen wieder stärker zu machen als
das Geld. Gut ist Alles, was die Macht des Geldes schwächen kann,
was ihm einen Damm entgegensetzt. Gut ist Alles, was den Menschen wieder verantwortlich macht für den Menschen. Gut ist Alles, was die Arbeit selbst und das Leben selbst wieder wertvoll macht für
den Menschen. Das sind keine politischen Ansichten, meine Freunde, das sind
Notwendigkeiten, die heute einfach jedermann einsehen sollte. Aber damit dieses Gute
kommen kann, muß die Einsicht kommen. Wir müssen das Alte
merken [?], das zurückbleiben muß, und das Neue, das zu verstehen und zu tun ist. Wer
sich heute über
- In der einen Gemeinde Nr. 35 «Dir, dir, Jehovah
will ich singen» von
B. Crasselius , Strophen 1-3 (RG [1998] 243,1-3; EG 328,1-3 «Dir, dir, o Höchster … ») - Nr. 151 «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens»
von
G. Tersteegen , Strophen 1-3 (RG [1998] 510,1-3 mit geringen Textabweichungen)
- In der anderen Gemeinde Nr. 5 «Nun danket all’
und bringet Ehr’» von
P. Gerhardt , Strophen 1-5 (RG [1998] 235,1-5; EG 322,1-5) - Nr. 177 «Jehovah, Jehovah, Jehovah, deinem
Namen sei Ehre, Macht und Ruhm», Strophen 1-2. Strophe 1 von
G. K. Pfeffel (1736-1809)