17. August 1919

Epheser 6,5-9

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Epheser 6,5-9

Ihr Knechte, gehorchet euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern aus aufrichtigem Herzen, als Christus selbst, nicht mit Augendienst, um den Menschen zu gefallen, sondern als Knechte Christi –

die den Willen Gottes aus eigenem Herzen tun,

die mit gutem Willen dienen, weil es dem Herrn geschieht und nicht den Menschen,

die wissen, daß jedem, der etwas Gutes tut, vom Herrn vergolten wird, er sei ein Knecht oder ein Freier.

Und ihr Herren, handelt ebenso gegen jene und laßt das Drohen, als die da wissen, daß ihr und euer Herr im Himmel ist und ist bei ihm kein Ansehen der Person.

Es trifft sich merkwürdig, daß uns nun gerade heute gerade dieser Text begegnen muß, nachdem am letzten Sonntag unsere Gemeindeversammlung so lebhaft bewegt worden ist von der Frage, um die es sich da handelt. Den besonderen Anlaß wollen wir nun freilich ruhen lassen.2 Es war ja ganz natürlich und recht, daß dieser kleine Streit einmal ausgetragen wurde. Wir wollen aber die Sache nicht wichtiger nehmen, als sie ist. Sie ist ja nur eine kleine Spitze in dem großen Sturm unserer Zeit. Es ist damit nichts besser und nichts schlimmer geworden, es ist nur Einiges an den Tag gekommen. Die Spitze verschwindet, der Sturm geht weiter. Wohl aber können wir, weil es sich nun einmal so trifft, versuchen, zu sehen, wie in der Bibel die Frage selbst, die Hauptsache an der Sache, auf den rechten Boden gestellt wird, auf einen Boden, wo man nicht mit der Stange im Nebel herumfahren und sich gegenseitig anschreien muß, sondern freie Ausblicke bekommt nach allen Seiten.

297 1. Das Verhältnis zwischen Herren und Knechten, oder wie man jetzt sagt, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, selbständig und unselbständig Erwerbenden, ist heute in allen Teilen und von Grund aus ein anderes als das, das Paulus in unserem Text als die Regel aufgestellt hat. Das ist der erste Eindruck, den man beim Lesen oder Hören der Worte empfängt. Ohne Aufregung und Verwirrung reden und hören! Man würde sich aber schwer irren, wenn man darum sagen wollte: Der Epheserbrief paßt eben nicht mehr zu unserer Zeit! Gerade das Gegenteil ist wahr: unsere Zeit paßt noch nicht zum Epheserbrief! Paulus beschreibt die Gottesordnung, die in dieser Sache eigentlich gilt, das Natürliche, Einfache, Schlichte, Vernünftige, das in diesem Verhältnis walten sollte und könnte, den Sinn und die Richtung, die es vom Himmel her bekommt unter Menschen, die guten Willens sind [vgl. Luk. 2,14 Vg.]. Unsere Zeit aber hat auch in dieser Sache die Ordnung Gottes noch nicht gefunden, oder sie hat sie wieder verloren. Wir sind weit weg von dem, was natürlich und vernünftig wäre. Wir haben wohl auch Herren und Knechte, aber der hohe Sinn in diesem Verhältnis fehlt uns und muß erst wieder gefunden werden, wie wir es an den letzten Sonntagen von dem Verhältnis von Männern und Frauen, Eltern und Kindern gehört haben.

2. Eine gestörte Gottesordnung, darum handelt es sich in der sozialen Frage. Darum brennt und bewegt und beunruhigt sie uns so. Darum müssen sich alle lebendigen Geister der Menschheit auf sie einlassen und um sie mühen. Darum zieht sie so weite Kreise, daß man allmählich auch im hintersten Bergdörflein davon reden hört. Darum möchten wir sie so gerne loswerden, wenn wir nur könnten, und müssen doch immer wieder darauf zurückkommen. Darum alle die Vorschläge und Versuche, sie zu lösen, bald ruhig und behutsam, bald stürmisch und gewaltsam. Darum die tieferen, schneidenden Gegensätze mit all den schrecklichen und beklagenswerten Erfahrungen solcher Gegensätze unter den Menschen, die sie hervorruft. All diese Bewegungen, all dieser ziellose Widerstreit der Gedanken, all diese jähen Zuckungen des ganzen Körpers der menschlichen Gesellschaft, sie würden sich gar nicht erklären lassen, wenn es sich zwischen Herren und Arbeitern, Unabhängigen und Abhängigen wirklich nur um etwas Oberflächliches, Äußerliches handeln würde, wie manche mei|298nen, und nicht um etwas höchst Tiefes und Bedeutsames. Häuser und Türme fallen nicht um, es geschehe denn ein Erdbeben; es geschieht aber kein Erdbeben ohne wichtige Vorgänge und Veränderungen im Inneren unseres Planeten. Weil eine Gottesordnung verdunkelt und verloren gegangen ist und unter Schmerzen wieder gesucht werden muß, darum macht uns die soziale Frage so zu schaffen. Wenn man das weiß, wird man ernst und eifrig in dieser Sache, zugleich aber auch ruhig und im Innersten friedlich. Man weicht ihr dann nicht mehr aus, sondern sieht ihr ins Gesicht und verliert sich doch nicht, als ob es nur diese Frage und keine andere gäbe. Man sieht dann nicht so sehr auf die Menschen, die heute zufällig auf der einen oder anderen Seite stehen, sondern auf die Sache, von der alle Menschen auf allen Seiten umgetrieben sind. Man achtet dann nicht nur auf das Einzelne, sondern bei allem Einzelnen auf das Ganze.

Das ist jedenfalls der zweite Eindruck und die zweite Mahnung, die uns unser Text gibt: es handelt sich auch in der sozialen Frage um die Gottesfrage, an die man nicht eilfertig, voreingenommen, geschwätzig und streitlustig herantreten kann, sondern mit der Ehrfurcht und Erschütterung, mit der man eben an das Göttliche herantreten muß. Und dieser Standpunkt ist nicht veraltet, sondern er ist, wenn wir ihn recht verstehen, das Allernötigste und Allermodernste, das wir für unsere Zeit wieder gewinnen müßten.

3. Also eine gestörte Gottesordnung, die wieder zurechtkommen muß. Wir dürfen uns an dieser Erkenntnis nicht irremachen lassen durch die allzu naheliegende Behauptung, daß die ganze Frage des Verhältnisses von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ja doch nur eine Magenfrage, eine materielle Frage sei, auf die man sich besser nicht einlasse, weil man als Mensch und als Christ nach Höherem zu trachten habe. Dieses allzu schnelle Urteil gibt vielen ernsthaften Menschen den Grund und vielen weniger ernsthaften wenigstens die Ausrede, sich von dieser Frage im Innersten nicht bewegen zu lassen, weil sie eben das Innerste nichts angehe. So haben z. B. jüngst die Mitglieder der apostolischen Gemeinschaft in Lenzburg3 den Beitritt zu einer |299 Arbeiterorganisation verweigert mit der Begründung, sie seien im Himmel organisiert und hätten das nicht nötig. Wer mit den Gedanken der Bibel ein wenig vertraut ist, der weiß, daß dieser Gedanke schon wahr ist, aber eben doch nur halb wahr. Das ist ja eben das Beunruhigende und zugleich Hoffnungsvolle an unserer Lage, daß die Dinge, Verhältnisse und Ordnungen, die im Himmel gelten, nach und nach und schließlich im Ganzen auch auf der Erde zur Geltung kommen wollen. Himmel und Erde sind in Christus keine völlig getrennten Gebiete mehr, sondern der Himmel ist nun gleichsam in Bewegung der Erde entgegen, daß ein neuer Himmel und eine neue Erde werde [vgl. Jes. 65,17]. Ja, unser Leben ist jetzt verborgen mit Christo in Gott [Kol. 3,2], aber es will nicht immer verborgen bleiben, sondern was in Gott verborgen ist, das drängt bei uns zur Geburt. Wir sagen doch z. B. auch von der rechten Ehe und von der rechten Erziehung nicht, daß sie nur im Himmel möglich und wirklich seien und daß sie uns darum nichts angehen, sondern wenn wir aufrichtige Menschen sind, strecken wir uns danach aus, daß das Himmlische im Irdischen zu erscheinen beginne. Das Himmelreich, von dem es heißt: mein Reich ist nicht von dieser Welt [Joh. 18,36]!, ist als Same auf den Acker geworfen, von dem es heißt: der Acker ist die Welt [Mt. 13,38]!, und in der Welt, nicht im Himmel muß und wird er aufgehen. Und wenn nun gerade in dieser Zeit die ganz irdischen, materiellen Fragen, mag man sie denn Magenfragen heißen, stark in Bewegung kommen, so ist das nicht ein schlechtes, sondern ein gutes Zeichen für unsere Zeit. Es ist ein Zeichen dafür, daß es anfängt, Ernst zu werden mit der Bewegung des Himmels gegen die Erde hin. Die Bibel nimmt eben im Alten und Neuen Testament das Leibliche, das Alltägliche viel ernster, als wir es im Christentum gewohnt sind. Sie verkündigt uns eine neue, andere Welt, aber diese neue Welt schwebt nicht irgendwo über den Sternen, sondern sie fährt vom Himmel hernieder auf die Erde, als eine geschmückte Braut ihrem Mann, siehe, ich mache Alles neu!, wie es in der Offenbarung Johannes [21,2.5] heißt. Darum haben schon die Propheten des Alten Testaments z. B. die Gerechtigkeit zwischen Reichen und Armen höchst wichtig genommen als eine gar nicht weltliche, sondern sehr «religiöse» Angelegenheit [vgl. z. B. Jes. 10,1f.; Amos 8,4-7]. Darum hat der Heiland den Menschen den Samen des Himmelreichs gezeigt, nicht nur mit wun|300derbaren geistigen Bekehrungen - davon hören wir sehr wenig -, sondern mit vielen leiblichen Heilungen leiblich Kranker. Darum gehen die großen letzten Verheißungen der Bibel alle auf ein ewiges Leben, das nicht ein nebelhaftes geistiges Leben für sich ist, sondern ein durch den Geist geschaffenes, aus dem Geist erneuertes Leibesleben. «Ist die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden» [1.Kor. 15,13]. |

Es gab nun freilich lange Zeiten im Christentum, wo man gar nicht merkte, wie weit man sich von Christus entfernte, indem man die leiblichen, irdischen Verhältnisse so gleichgiltig und vornehm ihren eigenen Lauf nehmen ließ. Man beschäftigte sich aufs lebhafteste mit den kirchlichen und später mit den politischen Formen, mit den Glaubenslehren, mit philosophischen Gedanken, mit den Fragen des persönlichen inwendigen Lebens, mit allerlei Kunst und Wissenschaft. Der Sauerteig des Evangeliums [vgl. Mt. 13,33] hat freilich auch da seine Wirkung getan, aber es war doch eine große Versäumnis und Schuld dabei, daß man das Geistige für sich so ins Kraut schießen ließ während all der Jahrhunderte, ohne zu beachten, wie unterdessen die irdischen Verhältnisse, an die man nicht im Ernst denken wollte, immer mehr in Unordnung und Verwirrung, in Lüge und Ungerechtigkeit hineingerieten. Diesen Fehler wollen wir nun nicht verewigen, sondern endlich einsehen und besser machen. Heute stehen nämlich die Dinge so, daß nun endlich einmal die leiblichen, irdischen Dinge ernsthaft zur Sprache kommen. Das allzulange Vernachlässigte rächt sich nun und verlangt stürmisch, berücksichtigt zu werden. Daß es dabei nicht eben lieblich, sondern eher höllenmäßig zugeht, darf uns nicht darin irremachen, daß es nun gilt, aufmerksam zu werden. Eine Explosion kann nichts Schönes sein, vernünftige Menschen lassen sich aber dadurch nicht abhalten, in Zukunft besser Acht zu geben. Auch das darf uns nicht veranlassen, gleichgiltig zu bleiben, daß die Wortführer bei dieser Explosion und die Massen derer, die dabei in Bewegung gekommen sind, nicht eben gute Christen und oft nicht einmal gute Menschen sind, ja daß es dabei glücklich [?] soweit gekommen ist, daß das Christentum mit einem gewissen Haß auf die Seite geschoben wird. Wer einmal gemerkt hat, wieviel im sogenannten Christentum vergessen und versäumt worden ist, der wird sich darüber nicht wundern, jedenfalls darüber nicht zum Pharisäer werden, son|301dern an die Buße denken, die uns allen not wäre. Es liegt eben doch ein großes göttliches Vorwärts! darin, daß es heute nicht mehr laue [?] geistige und religiöse Fragen sind, die uns beunruhigen, sondern die Frage, die für Christus, für seine Propheten und Apostel das Ziel und der Sinn aller Fragen war, die Erneuerung der Erde und ihrer Verhältnisse. Gerade der entscheidende Punkt im Christentum, der Punkt, in dem es sich von allen «Religionen» unterscheidet, nämlich die Auferstehung, der lebendige Gott, die Erlösung des ganzen Lebens, meldet sich heute zum Wort und will zu Ehren kommen. Es kommt nur wenig darauf an, ob wir uns zum Sozialismus bekennen oder nicht, das ist nur eine äußere Frage, in der nicht jeder die gleiche Stellung und Aufgabe hat. Wohl aber kommt Alles darauf an, daß wir jenes große göttliche Vorwärts einmal hören, das in aller Verwirrung unserer Zeit doch deutlich zu hören ist. Alle Verwirrungen können uns doch nur um so deutlicher sagen, daß die Welt und auch das Christentum an jenem entscheidenden Punkt im Rückstand sind und vorwärts sollten. Im gleichen Maß, als wir das hören, wird auch die Verwirrung sich mindern. Wir müssen einmal weich, zerknirscht, bußfertig werden gegenüber dieser ungeheuren ungelösten Frage, statt immer noch gerecht und stolz darüberzustehen, als hätten wir keine Verantwortung dafür, daß sie da ist.

4. Über die göttliche Ordnung der sozialen Verhältnisse und wie sie verloren gegangen ist, möchte ich an Hand unseres Textes nur wenig sagen. Das Göttliche und Vernünftige zeichnet sich vor Allem immer dadurch aus, daß sich nur wenig darüber sagen läßt, und auch das Ungöttliche und Unvernünftige ist bald beschrieben. Das Göttliche und Vernünftige besteht hier darin, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer darin gleich sind, daß sie miteinander das Gleiche wollen, nämlich leben, ihr täglich Brot haben - und darin ungleich, daß dabei der Eine vorangeht und befiehlt, der Andere nachfolgt und gehorcht. Ihr und euer Herr ist im Himmel, und bei ihm ist kein Ansehen der Person! Darin liegt die Gleichheit, und das sagt Paulus den Herren. Seid gehorsam mit Furcht und Zittern, aus aufrichtigem Herzen! Darin liegt die Ungleichheit, und das sagt Paulus den Arbeitern. Über den Herren und über den Arbeitern aber steht die Erkenntnis, daß die gemeinsame Arbeit für den Herrn geschieht. Sie ist ein irdisches Abbild eines |302 höheren Verhältnisses, wie die Ehe [vgl. Eph. 5,23]. Christus befiehlt und sein Jünger gehorcht, beides um Gottes willen. Wenn das irdische Abbild diesem höheren Verhältnis gleicht, dann ist’s gut. Gott der Herr will, daß wir leben. Wollen wir leben, so müssen wir arbeiten. Arbeiten wir um des Lebens willen, dann ist’s natürlich und recht, daß der eine übergeordnet, der andere untergeordnet ist, es ist keine Schmach dabei, es wird dabei kein Unrecht geschehen und kein gerechter Anlaß zur Auflehnung sein. Da darf man befehlen, und da kann und muß man gehorchen. |

Wir müssen sagen, daß sich dieses natürliche Verhältnis bis vor kurzem und zum Teil bis heute erhalten hat im Bauernstand. Und das ist ein ernster Grund, weshalb gerade die Bauern die Lage derer besonders gut und teilnehmend verstehen sollten, die nicht so gut dran sind. Denn im Ganzen ist nun eben dieses natürliche soziale Verhältnis nicht mehr vorhanden. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen in unseren Verhältnissen nicht mehr das Gleiche. An die Stelle des lebendigen irdischen Herrn ist nämlich das tote Geld getreten. Das Geld ist ein überaus geschicktes Werkzeug für die Arbeit und darum für das Leben. Aber in unseren Verhältnissen ist es nicht Mittel und Werkzeug, sondern selbst Ziel und Zweck, und die Arbeit und das Leben müssen ihm dienen. Das Geld will sich vermehren, dem hat sich Alles unterzuordnen. Das Geld ist selbst der Herr geworden. Auch die sogenannten Herren müssen ihm dienen. Das ist das offenkundige Geheimnis des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Daraus entsteht die soziale Frage: Das Geld möchte nur laufen und sich vergrößern wie eine Lawine. Der Mensch, und zwar der Herr und der Arbeiter möchten leben. Daraus entsteht der Klassenkampf, keine Sozialisten machen ihn, ganz von selbst ist er da zwischen denen, die dem Gelde gern und mit Freuden dienen, weil es ihnen immer noch erträglich dabei geht, und den Anderen, die ihm ungern dienen, weil sie unter der Lawine sind, weil sie am lebendigen Leib erfahren, wie hart, wie unbarmherzig, wie selbstsüchtig das Geld ist. Nun ist eben keine Gleichheit mehr da, kein Herr im Himmel, der über Herr und Knecht steht, weil das Geld selbst zum Herrgott geworden ist. Und wo die göttliche Gleichheit nicht mehr besteht, da kann auch die göttliche Ungleichheit nicht Bestand haben. Nun muß der böse, nörgelnde Zweifel auftreten, ob denn der Herr wirklich das Recht habe, den Herrn zu spielen, wo er |303 gar nicht mehr der Herr ist, sondern seinerseits ein Sklave der Profitrate. Das Verhältnis eines heutigen Fabrikanten zu seinen Arbeitern ist eben wirklich nicht ein Abbild des Verhältnisses Jesu zu seinen Jüngern, sondern etwas total Anderes. Einem Menschen kann man sich willig und freudig unterordnen, aber wie kann man zufrieden sein, wenn man einmal gemerkt hat, daß es ja im Grunde doch nur um das goldene Kalb geht? Und nun verschwindet aus diesem Verhältnis Zug um Zug alles Freundliche, Gute, das es natürlicher Weise an sich haben könnte. Wer kann denn heute in abhängiger Stellung seine Arbeit aus eigenem Herzen tun, wie Paulus sagt, wenn er doch sieht, daß er als Mensch mit einem Herzen da gar nicht in Betracht kommt, sondern nur als ein Stück Maschine, das man heute ein- und morgen ausschaltet? Wie kann man in dieser Lage mit gutem Willen arbeiten, wo man doch nur den Götzen Mammon sich gegenüber hat, der sicher keinen guten Willen hat auch gegen seine eifrigsten Verehrer? Wie kann man im modernen Wirtschaftsleben uneigennützig sein, wo Alles auf den Eigennutzen eingerichtet ist und nach Eigennutzen verlangt, weil der Gott dieses Lebens der Eigennutzen selbst ist? Nun kehrt sich Alles um. Nun kann der Knecht nicht mehr ohne weiteres gehorchen, sondern muß darauf sinnen, seine eigene Sache zu führen gegen seinen Herrn statt mit ihm. Nun sind die besten Knechte für den Herrn gerade die, die das treiben, vor dem Paulus gewarnt hat, den Augendienst, um den Menschen zu gefallen, und umgekehrt die besten, das heißt erfolgreichsten Herren die, die es am besten verstehen zu drohen, wie Paulus das genannt hat, das heißt, die Knechte in möglichst stummer, bewußtloser Abhängigkeit zu erhalten.

Das ist das Verderben, unter dessen Herrschaft unsere Zeit steht. Das ist das Gift, das an unserem sozialen Körper frißt, der Wurm, der das Gebäude unternagt [?], in dem wir wohnen. Wir wollen jetzt nicht untersuchen, wie es so hat kommen können, und nicht beschreiben, was die Folgen davon sind. Genug, daß es so ist und daß wir es heute verspüren müssen, daß es so ist. Man hat lange genug gesagt, die irdischen Verhältnisse seien gleichgiltig, man kann auch sonst in den Himmel kommen. Man hat das solange gesagt, bis es auf der Erde so aussah, daß man an den Himmel gar nicht mehr recht zu glauben wagt.

304 5. Und wenn wir uns nun zum Schluß fragen, wie es zur Wiederherstellung jener Gottesordnung von Gleichheit und Ungleichheit kommen könnte, so können wir auch darüber nur Weniges sagen. Jedenfalls nicht damit, daß man denen ihre Sünde vorhält, die in der gegenwärtigen Lage die Meistbetroffenen sind. Sie können die Anklage zehnfach zurückgeben, und es wird dadurch nichts anders, und wenn man dann noch einmal zehnfach recht behielte gegen sie. Auch damit nicht, daß man darauf hinweist, daß es doch immer noch Einzelne gibt, Herren und Arbeiter, die sich trotz des allgemeinen Giftes im Ganzen gesund erhalten haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ganz unberührt ist überdies niemand von der allgemeinen Unordnung, und wer bürgt uns dafür, wie die Söhne solcher Väter sein werden? Auch die Fortschritte und Milderungen helfen nicht, die im Einzelnen in diesem Verhältnis erzielt werden mögen, weder Lohnerhöhungen noch Arbeitszeitverkürzungen noch Arbeiterfürsorge. Helfen kann allein das, daß die Dinge wieder umgekehrt werden, wie sie eigentlich stehen sollten. Gut ist Alles, was dazu hilft, die Menschen wieder stärker zu machen als das Geld. Gut ist Alles, was die Macht des Geldes schwächen kann, was ihm einen Damm entgegensetzt. Gut ist Alles, was den Menschen wieder verantwortlich macht für den Menschen. Gut ist Alles, was die Arbeit selbst und das Leben selbst wieder wertvoll macht für den Menschen. Das sind keine politischen Ansichten, meine Freunde, das sind Notwendigkeiten, die heute einfach jedermann einsehen sollte. Aber damit dieses Gute kommen kann, muß die Einsicht kommen. Wir müssen das Alte merken [?], das zurückbleiben muß, und das Neue, das zu verstehen und zu tun ist. Wer sich heute über Bolschewisten und Spartakisten, über Revolution und Generalstreik4 empört und entsetzt, soll sich fragen, ob [er] denn schon hindurchgegangen ist durch die enge Pforte dieser Einsicht in das, was vergangen ist und was kommen muß. Und den Arbeitern auf der anderen Seite ist zu sagen, daß sie vielleicht ihre eigene Sache noch gar nicht verstanden haben, weil nicht nur Einiges, sondern Alles |305 anders werden muß, wenn ihnen wirklich und nicht nur auf den Augenblick geholfen werden soll. Einsichtige Menschen braucht es heute auf allen Seiten. Das hat mit der Parteistellung gar nichts zu tun. Es braucht heute solche Menschen in allen Ständen und Parteien. Es ist aber ein großes Erwachen nötig, wenn es nun einmal zu dieser Einsicht kommen soll. Ja was ist nun gut? was böse?, fragt ihr. Ich will es euch sagen: Gut ist Alles, was uns da wirklich aufweckt und uns umtreibt, auch in dieser Sache zu Gott zu schreien. Böse ist Alles, was uns da wieder einschläfert und beruhigt und uns die Meinung gibt, wir könnten an Gott glauben, ohne diese Sache auf dem Herzen zu tragen. Sollte uns wirklich das Gute heute nicht näher liegen als das Böse?

Lieder:
  • In der einen Gemeinde Nr. 35 «Dir, dir, Jehovah will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1-3 (RG [1998] 243,1-3; EG 328,1-3 «Dir, dir, o Höchster … ») 🎵
  • Nr. 151 «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen, Strophen 1-3 (RG [1998] 510,1-3 mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • In der anderen Gemeinde Nr. 5 «Nun danket all’ und bringet Ehr’» von P. Gerhardt, Strophen 1-5 (RG [1998] 235,1-5; EG 322,1-5) 🎵
  • Nr. 177 «Jehovah, Jehovah, Jehovah, deinem Namen sei Ehre, Macht und Ruhm», Strophen 1-2. Strophe 1 von G. K. Pfeffel (1736-1809) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 17. und am 24. August predigte Barth auch im Nachbardorf Ürkheim in Vertretung des Ortspfarrers Paul Schild.↩
2
Bei der Kirchgemeindeversammlung vom 10.8.1919 ging es vor allem um die Frage, ob das Budget mit einer Erhöhung der Pfarrerbesoldung genehmigt werden solle oder ob die Besoldung des Pfarrers «wegen seiner Amtsführung nicht zu erhöhen» sei, weil er «den Spartakismus und Bolschewismus» «verherrliche», «sozialistische Propaganda» treibe und «dadurch sein Amt als Seelsorger» «vernachlässige». Das Budget wurde schließlich mit der Besoldungserhöhung in geheimer Abstimmung mit 153 Ja- gegen 99 Nein-Stimmen angenommen (Protokoll im Protokoll-Buch der Kirchgemeinde Safenwil).↩
3
Gemeint ist die neuapostolische Gemeinschaft, die im Aargau fast überall vertreten ist, wenn auch nur als kleine Minderheit.↩
4
Im November 1918 wurde in der Schweiz der Generalstreik ausgerufen. Auf das Gerücht hin, Barth habe den Generalstreik verherrlicht, demissionierten am 20.11.1918 vier der sechs Kirchenpfleger (= Presbyter). Noch im August 1919 mußte Barth sich gegen den Vorwurf verteidigen, sozialistische Propaganda getrieben zu haben (s. oben S. 296, Anm.2; vgl. Busch, S. 118f. 📖).↩