10. August 1919

Epheser 6,1-4

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Epheser 6,1-4

Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern im Herrn; denn das ist recht! Ehre deinen Vater und deine Mutter! Dies Gebot liegt am nächsten und hat die Verheißung, daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden.

Und ihr Väter, verbittert eure Kinder nicht, sondern erzieht sie durch die Bildung und Ermahnung des Herrn!

1. Eltern und Kinder, Väter und Söhne, Erzieher und Zöglinge, Alte und Junge, das ist eine von den Menschheitsfragen, an denen es sich immer wieder zeigt und entscheidet, wie es steht zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen. Man kann von den Elternfragen und Kinderfragen, von den Erziehungsfragen gar nicht reden, ohne daß sich sofort der Blick auftut auf die Lage des Menschen überhaupt, auf die größte Not und auf die größte Hoffnung des Menschen. Wie kommt es nur, daß die Erziehungsfrage so unendlich einfach aussieht und in der Tat auch unendlich einfach ist und dann doch auch wieder gar nicht einfach, sondern höchst verworren und schwierig? Ihr Kinder, seid gehorsam!, sagt Paulus und fügt als einzigen Grund hinzu: denn das ist recht! und wir spüren’s: ja, das ist recht. Daran gibt’s nichts zu deuten und zu rütteln. Damit ist Alles gesagt, was gesagt werden muß: es ist eben recht, es entspricht einer schlichten, notwendigen Natur- und Lebensordnung, daß die Kinder den Eltern gehorsam sind. Sehen wir aber ins Leben hinein, so sehen wir, wie dieses einfache «Es ist recht» überall in Bewegung und Auflösung begriffen ist. Ja, es ist recht!, sagt die Jugend, aber habt ihr Alten das Recht, das gegen uns geltend zu machen? Ist’s wirklich natürlich und notwendig, daß wir uns von euch leiten lassen? Ist unsere Freiheit nicht auch ein Recht? und haben wir auf unseren Wegen nicht vielleicht mehr Recht als ihr Alten auf euren Wegen? Aber auch die Alten kommen mit diesem einfachen «Es ist recht» nicht aus. Auch sie stützen sich den Jungen gegenüber nicht ohne weiteres auf das überlegene Recht dieser natürlichen Wahrheit, sondern auf ihre Gewalt als Eltern |284 und Erzieher, oder wenn sie weiter blicken, auf ihre kluge Erziehungskraft, mit der sie die Jungen zu leiten und zu gewinnen hoffen, ohne daß sie es merken. Woran liegt das nur, daß das Erziehen und Sich-erziehen-Lassen so einfach und doch auch so gar nicht einfach ist? Wie kommt es ferner, daß die Frage von Alten und Jungen jedem Geschlecht immer wieder so merkwürdig neu vorkommt? So ist’s noch nie gewesen, klagen die Alten: Kein Gehorsam mehr, keine Autorität, kein Respekt! Und die Jungen antworten mit der Gegenklage: So ist’s noch nie gewesen, man versteht uns nicht, man unterdrückt uns, einsam und trotzig müssen wir unsere neuen Wege gehen. Und es ist auch wirklich eine ganz neue Not, die jedes Geschlecht der Menschen da durchmachen und durchkämpfen muß. Wer aber die Vergangenheit kennt, der weiß auch, wie alt diese Not schon ist und wie es gar keine Zeit gegeben hat, in der nicht die Alten und die Jungen so übereinander geseufzt haben. Woran mag es liegen, dieses ewig Neue und doch so Alte der Eltern- und Kinderfragen? Wie kommt es endlich, daß die Meinungen so merkwürdig verschieden sind in der Frage, ob man in dieser Sache etwas tun könne oder nicht? Da hört man Eltern und Lehrer mit der größten Zuversichtlichkeit darüber reden, wie sie ihre Kinder zu tüchtigen, glücklichen Menschen erziehen wollen, es komme nur darauf an, ihnen die nötige Zeit zu widmen, die rechte Ernährung und Anleitung zu geben und später recht klug und unmerklich ihren Willen zu leiten. Andere aber zucken die Achseln und sagen: man kann aus keinem Kinde machen, was es nicht ist, und man kann keinem Kinde geben, was man selber nicht hat. Man erreicht mit aller Klugheit und Methode nicht viel, man kann ihnen im besten Fall ein Vorbild geben. Das Beste, fügen Manche hinzu, was man für die Kinder tun kann, ist, daß man für sie betet. Und ähnlich geht [es] dann den heranwachsenden Jungen den Alten gegenüber. Es gibt auch hier solche, die nicht davon ablassen, man könne mit den Alten schon auskommen, wenn man es an der nötigen Klugheit und Zurückhaltung nicht fehlen lasse. Und es gibt Andere, die das Spiel verloren geben, alle Erziehung hinter sich werfen und auf eigene Faust das Leben von vorne anfangen. Man kann mit den alten Leuten doch nichts anfangen! Oft sind’s unter den Alten und Jungen die gleichen Menschen, die zuerst können und dann auf einmal nicht mehr können. Woran liegt es nur, daß auch da so ein merkwürdiger Gegensatz ist: |285 Können und Nicht-Können, eifrig allerlei versuchen und müde die Hände in den Schoß legen?

2. Ja, woran liegt’s? Das ist sicher: eine Lebensfrage, bei der das Ja und das Nein so nahe beieinander liegen und sich so laut widersprechen, ist eine ernste, tiefe Frage; nicht eine kleine Verlegenheit, in der man sich nur ein wenig besinnen oder beim Nachbarn Rat holen müßte, sondern eine Frage, zu deren Lösung es große Entdeckungen und Wendungen braucht. Paulus sagt von dem Gebot: Ehre deinen Vater und deine Mutter!, es sei das Gebot, das am nächsten liegt, das erste, das wichtigste, das tiefste Gebot von den göttlichen Lebensgeboten, und fügt hinzu: es hat die Verheißung, daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden! Er meint offenbar, es ist ein heiliges Gesetz, daß immer die Kinder, die Jungen ehrfurchtsvoll den Segen in Empfang nehmen, den die Eltern, die Alten von ihren Eltern empfangen haben und weitergeben wollen. Israel soll gesegnet sein durch seinen Vater Abraham, den Gott gesegnet hat [Gen. 12,2], und so jeder Sohn durch seinen Vater. Wie ein Geschlecht dem anderen das leibliche Leben schenkt, das wir selbst von den früheren Geschlechtern empfangen, so soll die göttliche Wahrheit und Kraft weitergehen und wachsen von Geschlecht zu Geschlecht, von den Vätern zu den Söhnen, von den Müttern zu den Töchtern. Ein lebendiger Zusammenhang soll die Alten verbinden mit den Jungen, indem immer die Einen geben, die Anderen nehmen, bis sie selbst zu Gebenden werden dürfen. So soll das Reich Gottes Gestalt gewinnen auf der Erden, das das Ziel und der Abschluß der Menschen-Geschichte ist, das Reich der Herrlichkeit, das von Gott verheißen und von den Menschen immer ersehnt ist, das Reich des Lebens, in dem Himmel und Erde neu sein werden, in welchem der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Schmerz, noch Geschrei, und alle Tränen abgewischt, denn das Erste ist vergangen [vgl. Apk. 21,1.4]. Darum darf der lebendige Zusammenhang zwischen Alten und Jungen nicht verloren gehen. Der göttliche Segen darf von den Alten nicht vermindert und verfälscht und von den Jungen nicht verpaßt und verschleudert werden, sonst steht die Weltgeschichte still, die Bewegung des Göttlichen auf der Erde verliert sich, und das Ziel des Ganzen bleibt in unerreichbarer Ferne. Es ist also nicht nur eine Menschensache, nicht nur eine Frage des |286 Anstands, der Tugend und des Glücks, sondern es ist Gottes eigene Sache, um die es sich handelt zwischen Alten und Jungen.

Sie brennt uns so, weil unser Herz unruhig ist, bis daß es ruht in Gott2. Sie ist einfach und doch nicht einfach, weil auch der Weg zu Gott das Leichteste und das Allerschwerste ist im Leben. Sie ist uns neu und doch alt, weil die Sache Gottes uns immer das Neueste vom Neuen ist, und gerade darum die älteste, die ewige Angelegenheit der Menschheit. Sie versetzt uns in das seltsame Schwanken von Eifer und Müdigkeit, weil wir mit Gott Taten tun könnten und möchten und sollten [vgl. Ps. 60,14 par.] und uns doch gestehen müssen, daß wir vor ihm Staub und Asche sind [vgl. Gen. 18,27]. Um was handelt es sich in der Erziehung? Es handelt sich darum, daß die Erkenntnis Gottes groß werde auf der Erde, damit die Erde in das Licht Gottes treten kann. Das ist die Bestimmung unseres Daseins. Dazu leben wir. Dazu sind wir jung und werden wir alt. Kein Wunder, wenn die Erziehungsfrage uns Menschen beunruhigt und umtreibt. Ist’s wirklich die göttliche Weisheit und Fülle, die das heutige Geschlecht dem nächsten übergeben kann und will? Dann müßte das Erziehen und Sich-erziehen-Lassen nicht schwer sein. Wenn die Alten das wirklich Gute zu geben haben, dann brauchen sie nicht zu befürchten, daß es ihnen von den Jungen nicht dankbar abgenommen würde. Und wenn den Jungen die lautere Wahrheit und Kraft begegnet, dann kann es ihnen nicht schwer fallen, sie von den Alten demütig und ehrerbietig entgegenzunehmen. Und so gab es denn auch in der Tat Zeiten, wo die Erziehung ein helles, schönes Gebiet des Lebens war, weil Gott selbst durch seine wirkliche Gegenwart den Alten half zu erziehen und den Jungen, sich erziehen zu lassen. Es kann aber auch sein, daß der göttliche Segen, der groß werden sollte von Geschlecht zu Geschlecht, gar nicht vorhanden oder so verdunkelt und verdorben ist, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Da wird dann das Verhältnis von Alten und Jungen etwas ganz Äußerliches, Menschliches. Das sind die Zeiten, wo mit der Form Alles in Ordnung ist. Die Alten erziehen und die Jungen gehorchen. Durch Strenge und Klugheit haben es die Alten und durch gedankenlose Ergebung haben es die Jungen dahin gebracht, daß Alles |287 stimmt. Das sind die Zeiten, wo über Erziehung am meisten geredet, geschrieben und gelesen [?] wird. Das sind die eigentlich gottlosen Zeiten. Gott behüte uns vor diesen Blütezeiten der Erziehungskunst! Und wieder gibt es Zeiten, wo ein Geschlecht gewahr wird, daß dem Verhältnis von Alten und Jungen der eigentliche Inhalt fehlt, daß die Erkenntnis Gottes gar nicht da ist, die die Alten geben und die Jungen nehmen sollten. Das sind dann die Zeiten, wo die Formen der Erziehung zerbrechen. Unsicher und verlegen stehen jetzt die Alten den Jungen gegenüber, trotzig und rebellisch die Jungen den Alten. Autorität und Zucht zerbrechen und zerbröckeln, und kein Jammergeschrei kann diese böse Entwicklung aufhalten. Man hält solche Zeiten für schlimme Zeiten, und sie sind es auch, menschlich betrachtet, vom Himmel aus gesehen sind sie jedenfalls hoffnungsvoller als die Glanzzeiten der Autorität und der Musterknaben. Denn der Zusammenbruch der Lüge kann Platz schaffen für die Wahrheit. Ratlose Väter von rebellischen Söhnen können einen Sinn bekommen für die Hauptsache und für den Weg dazu. Menschliche Armut kann der Boden werden für das Hungern und Dürsten nach dem göttlichen Reichtum. Und so können denn Zeiten des Zusammenbruchs aller Erziehung zur Vorbereitung werden für neue Zeiten der Erquickung, des lebendigen Zusammenhangs zwischen Alten und Jungen.

Zu allen Zeiten aber ist die Erziehungsfrage enthalten in der Gottesfrage. Vom Stand der Erkenntnis Gottes hängt es ab, wie es gehen soll zwischen Eltern und Kindern. Von dorther kommt Klarheit und Verwirrung, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod.

3. Darum ist Alles, was in unserem Text zur Erziehungsfrage gesagt ist, darin enthalten, daß Paulus von den Kindern Gehorsam im Herrn und von den Eltern Erziehung in der Bildung und Ermahnung des Herrn verlangt. Es muß über Eltern und Kindern etwas Höheres sein, etwas Größeres, etwas, bei dem die Alten ihr Alter und die Jungen ihre Jugend vergessen können, weil sie beide durch gemeinsame Arbeit davon ganz in Anspruch genommen sind, dann gelingt Beides: das Erziehen und das Gehorchen. Dieses Höhere ist der Herr. Wir brauchen eben zum Erziehen und zum Gehorchen wie zu Allem, was gelingen soll, einen Herrn. Man könnte auch sagen, wir brauchen einen Zweck, eine Aufgabe, einen Inhalt, eine Sache, der das Erziehen |288 und Gehorchen dienen soll. Es ist aber deutlicher und wahrer, wenn wir mit dem Neuen Testament sagen: wir brauchen einen Herrn! oder vielmehr: es ist ein Herr da, der uns, die Alten und die Jungen, für seinen Dienst brauchen will. Denn wenn wir uns im Ernst fragen: wozu wir denn eigentlich erziehen und gehorchen sollen, dann können wir dazu kommen, einzusehen, daß es im Ernst nur einen Zweck, eine Aufgabe, einen Inhalt, eine Sache geben kann, und das ist eben die Sache Gottes, die durch den Herrn, durch den Heiland auf der Erde wieder in Fluß und Bewegung gekommen ist. Alles Andere sind bloße Formen, leere Gefäße, keine Inhalte. Wir haben aber Inhalt nötig zum Leben. Liebe ist z. B. noch kein Inhalt. Man hat Beispiele, daß Eltern und Kinder einander sehr lieb haben und doch ganz aneinander vorbeileben. Auch das ist kein Erziehungsinhalt, wenn den Eltern nichts Höheres vorschwebt, als ihre Kinder glücklich, tüchtig oder selbständig zu machen. Es fragt sich eben, was das ist: Glück, Tüchtigkeit, Selbständigkeit, und wenn man darauf keine klare Antwort hat, können die schmerzlichsten Unordnungen und Verwirrungen auch zwischen den besten Eltern und den hoffnungsvollsten Kindern nicht ausbleiben. Auch da fehlt der Inhalt, wenn die Eltern jenen Traum träumen, den Kindern einmal leiblich und geistig das Gute zuteil werden zu lassen, das ihnen in ihrem eigenen Leben abging. Es fragt sich eben, was dieses Gute ist, und wenn es nicht das Rechte [?] ist, so können die Kinder später mit ihren eigenen Kindern dasselbe Spiel von vorne anfangen. Es fehlt auch da am Inhalt, wo Eltern, die vielleicht selber einen guten menschlichen Weg eingeschlagen haben, z. B. in religiöser Hinsicht, es darauf absehen, ihre Kinder denselben Weg gehen zu lassen. Das hat schon die schmerzlichsten Enttäuschungen zur Folge gehabt. Die menschlichen Wege, die ein Geschlecht einschlägt, sind fast nie dieselben, die das vorangehende gegangen ist. Das alles verbittert die Kinder, wie Paulus sagt. Es verbittert, weil es nicht ein hoher Zweck ist, der über Eltern und Kindern steht, weil es nicht im Herrn geschieht, sondern die Eltern im Grunde an sich selbst denken, sich selbst an ihren Kindern vergrößern und verherrlichen wollen.

Und so ist auch Vieles, was den Jungen vorschwebt: Freiheit, eigene neue Wege, ungehindertes jugendliches Sich-Entfalten, eine bloße, leere Form ohne Inhalt. In was willst du frei sein, welche neuen Wege |289 gehen, in was nicht gehindert sein? Wenn du das nicht weißt, so wirst du es nicht weiter bringen als bis zum öden, unfruchtbaren Ungehorsam. Auch du denkst dann an dich selbst, es ist nicht im Herrn getan, was du tust, und wenn du noch so schöne Gründe dafür hättest, und du darfst dich nicht wundern, wenn du mit deiner Rebellion keine Freude, keinen Erfolg davon trägst, sondern nur jene eigentümliche Laune und Unbefriedigung, die man immer davonträgt, wenn man etwas tut, das keinen Zweck hat. Die Sache Gottes aber ist ein Inhalt für das Leben, und für das Erziehen und Gehorchen. Man darf sie nur nicht mit irgend einer eigenen Sache oder Menschensache oder Geschmackssache oder Parteisache verwechseln. Es könnte an einem Ort Alte und Junge geben, die sich selbst verstehen und begreifen, daß sie zusammen auch so ein Geschlecht Abrahams bilden, in welchem man einen göttlichen Segen zu verwalten, weiterzugeben und zu empfangen hat. Es könnte geschehen, daß Alte und Junge gemeinsam darauf aufmerksam werden, daß es nur eine wichtige und wesentliche Frage gibt im Leben, die Frage: was tut Gott? und davon abhängig dann die Frage: was will er mit uns? Diese Frage hat der Heiland in entscheidender und allgemeiner Weise in die Menschheit geworfen. Es könnte geschehen, daß diese Frage uns einmal brennend wird über allen Fragen, die die Alten und die Jungen für sich selbst haben. Es könnte uns einmal aufgehen, wieviel wir eigentlich versäumen und verschütten [?], daß wir an dieser Frage des Heilands und an seiner Aufforderung: Folge du mir nach [Joh. 21,22]! so beständig vorbeigehen. Es könnte uns geschehen, daß sich einmal unser ganzes Interesse, unsere ganze Sorge, ja unser ganzer leidenschaftlicher Eifer statt um so viele Nebenpunkte sammelte um den einen Hauptpunkt, wir möchten doch dem Sieg und der Herrschaft Gottes, die sich im Heiland auf der Erde angebahnt hat, nicht mehr so sehr im Wege sein. Es könnte uns geschehen, daß wir einmal unverwandt anfangen müßten, auf den Heiland und auf seine Sache, die eben Gottes Sache ist, zu sehen. Ein jeder sein Gesichte [mit steter Wendung richte hin nach Jerusalem]3.

Das wäre auf einmal ein Inhalt und keine Form. Das wäre auf einmal ein Zweck der Erziehung. Das wäre auf einmal ein Gegenstand |290 der Erziehung für die Alten und ein Gegenstand der Ehrfurcht für die Jungen!

Gehorsam im Herrn! Erziehung im Herrn! Laßt uns bitten, suchen und anklopfen [vgl. Mt. 7,7 par.], daß wir dieses «im Herrn» wieder fassen können, dann gehen auch in der Erziehungsfrage die Türen wieder auf, die jetzt so fest geschlossen scheinen, langsam vielleicht, unter Fehlern und Irrtümern und Mißgriffen, aber sie werden aufgehen und das göttliche, einfache: So ist es recht! wird zwischen Eltern und Kindern wieder zu Ehren kommen.

4. Ich möchte schließen mit der Erinnerung an einen Mann, an dem mir das Geheimnis der Erziehung anschaulich geworden ist, obwohl er kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es denken jetzt Viele an ihn, denen er ein Vorbild in der Nachfolge Jesu geworden ist: Pfarrer Christoph Blumhardt in Bad Boll.4

Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er nur ein einziges Anliegen hatte: das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze Freudigkeit und Hoffnung darauf, daß Gott noch einmal Großes an uns Menschen tun will, wenn wir ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er verstand alles Böse und alles Leid auf Erden aus dem einen Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen kann in ganzer Herrlichkeit, weil seinem Willen noch zu viel geistige Hindernisse im Wege stehen. Es bleibt aber unveränderlich das Ziel, nein, es kommt näher und näher, daß Jesus siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, mitten im Dunkel der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat Blumhardt ein Leben lang in der Stille, nicht von Vielen gekannt und von Vielen mißverstanden, gelebt und gebetet.

Nachschrift5

291 Ich möchte schließen mit der Erinnerung an einen Mann, an dem mir dieses Geheimnis der Erziehung anschaulich geworden ist, obwohl er selbst kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es denken jetzt viele an ihn, denen er ein Vorbild in der Nachfolge Jesu und ein Vorbild in der Erkenntnis Gottes geworden ist: Pfr. Christoph Blumhardt in Bad Boll.

Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er in seinem Leben ein einziges Anliegen hatte: Das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze Seligkeit und Hoffnung darauf, daß Gott nochmal Großes tun will an den Menschen, nein an der gesamten Welt, wenn wir Ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er erschaute alles Böse und alles Leid aus dem einen Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen kann in seiner ganzen Herrlichkeit, weil seinem Willen noch viele geistige Hindernisse im Wege stehen. Es bleibt aber unveränderlich das Ziel, nein, es kommt näher und näher, daß Jesus siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, selig in Hoffnung, mitten im Dunkel der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat Pfr. Blumhardt ein Leben lang in der Stille, von wenigen gekannt und von den meisten mißverstanden, gelebt und gebetet.

292Wie ein Priester stand er zwischen Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die Zukunft gerichtet, auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte das Göttliche wichtiger sein, ernster genommen werden als das Menschliche, die Vergebung ernster als die Sünde, das Kommende ernster als das Gegenwärtige, die Macht der Erlösung ernster als das Leid, die Herrschaft Gottes in der gottlosen Welt ernster als die fragwürdigen Angelegenheiten und Erfolge der sogenannten christlichen Kirche, das Leben ernster als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden sich mühen, von oben, nicht von unten her über die irdischen Dinge zu denken.

Er war auch Seelsorger, aber er hat nicht Gott zum Diener der Menschen gemacht, sondern die Menschen in den Dienst Gottes gerufen. Er hat sich liebevoll und eingehend mit der Natur und der Naturwissenschaft befaßt, aber nur, um Gott und seine überlegene Majestät um so ruhiger zu verehren. Er hat sich eine Zeitlang auch sehr ernsthaft in die Politik eingelassen und zwar als Sozialdemokrat, und das zu einer Zeit, wo das für einen Pfarrer noch unerhörter und schwieriger war als heute, aber er hat auch die politische Bewegung nur gebraucht, um sich und seine Freunde um so tiefer und aufrichtiger hineinzustellen in die Bewegung des Reiches, das nicht von dieser Welt ist [vgl. Joh. 18,36].

Gerade durch dieses sein Wesen und Leben in der Sache Gottes, das doch nach außen gar keine Wirkung und keinen Glanz hatte, ist er für Viele ein Führer geworden, ein Alter, bei dem die Jungen einmal nicht das Gefühl hatten, es mit einem Alten zu tun zu haben. An Gelehrsamkeit, an Frömmigkeit, an praktischer Tätigkeit, an allerlei persönlichen Eigenschaften ist er von hundert Anderen übertroffen worden. Durch die Gewalt des Inhalts, den sein Leben hatte, hat er denen, die Ohren hatten zu hören, einen Eindruck gemacht, der ganz einzigartig war. Er war selber der Fortsetzer und Schüler seines Vaters, der diesen Weg vor ihm angetreten hatte, ein seltenes Beispiel dafür, wie es stehen könnte zwischen Vätern und Söhnen; und so war auch um ihn herum die Ehrfurcht, die Dankbarkeit, die Empfänglichkeit der Jungen etwas Selbstverständliches, Natürliches. Man fühlte: So ist es recht! und beugte sich, nicht vor dem Menschen, aber vor dem, von dem der Mensch erfüllt und getrieben war.

293 Wie ein Priester stand er vor uns, zwischen Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die Zukunft gerichtet, und das hieß für ihn: Auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte das Göttliche wichtiger genommen sein als das Menschliche, immer das Menschliche aufgenommen und eingetaucht in das Göttliche. Ihm war die Vergebung wichtiger als die Sünde, das Kommende wichtiger als Gegenwärtiges, die Wege Gottes in der gottlosen Welt wichtiger als die fragwürdigen Sorgen und Erfolge der sogenannten christlichen Kirche, die Macht der Erlösung wichtiger als das Leid der Erde, das Leben wichtiger als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden sich darum bemühen, von oben, nicht von unten her über menschliche Dinge zu denken und zu reden.

Blumhardt war Seelsorger, aber er hat Gott nie zum Diener der Menschensachen gemacht, sondern ihnen damit geholfen, daß er sie in den Dienst Gottes gerufen hat. Er hat sich liebevoll und eingehend mit der Natur und der Naturwissenschaft befaßt, aber nur um Gott in seiner Majestät um so ruhiger zu verehren. Er hat sich auch sehr ernsthaft auf die Politik eingelassen und zwar als Sozialdemokrat und das zu einer Zeit, wo das für einen Pfarrer noch schwieriger und gefährlicher war als heute, und nahm es auf sich, daß ihm deshalb der Pfarrertitel abgesprochen wurde, aber er hat auch die politische Bewegung nur gebraucht, um sich und seine Freunde tiefer und aufrichtiger hineinzustellen in die Bewegung des Reiches, das nicht von dieser Welt ist.

Gerade durch dieses sein Wesen und Leben in der Sache Gottes allein, das doch nach außen kaum eine Wirkung und gar keinen Glanz hatte, ist er für viele ein Wegweiser geworden, ein Alter, bei dem die Jungen einmal nicht das Gefühl hatten, es mit einem Alten zu tun zu haben, ein «Erzieher» im «Herren», wie Paulus sagt. An Gelehrsamkeit, an Frömmigkeit, an praktischer Tätigkeit ist er viel von anderen übertroffen worden, die Gewalt des höheren Inhaltes aber, den sein Leben hatte, hat ihnen, die Ohren hatten zu hören, einen Eindruck gemacht, der ganz eigenartig war. Er war selber der Schüler seines Vaters, ein Fortsetzer des Weges, den dieser vor ihm gegangen war, ein seltenes Beispiel dafür, wie es stehen könnte zwischen Vätern und Söhnen. Darum war dann um ihn herum, als er selber älter wurde, die Ehrfurcht, die Dankbarkeit, die Empfänglichkeit der Jüngeren etwas Natürliches und Selbstverständliches. Man fühlte: «Das ist billig», wie es in unserem Text heißt, und beugte sich tief - nicht vor dem Menschen, aber vor der Autorität dessen, wovon dieser Mensch erfüllt und getrieben war.

294 Es ist also kein Traum und keine Unmöglichkeit, daß es zwischen Alten und Jungen anders stehen könnte. Aber dazu muß das Feuer brennen, das Jesus angezündet hat auf Erden [vgl. Lk. 12,49]. Dazu muß das Ziel, der Zweck, der Inhalt, die Hauptsache wieder auftauchen und groß werden vor unseren Augen. Dazu müssen wir wieder in das Licht der Auferstehung und der Zukunft des Heilandes treten, müssen uns bewußt werden, daß wir in diesem Lichte stehen. Gott gebe uns die Augen, die dazu nötig sind.

Lieder:
  • Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz, Strophen 1-3 (RG [1998] 247,1-3; EG 331,1-3) 🎵
  • Nr. 345 «Ermuntert euch, ihr Frommen» von L. Lorenzen, Strophen 1.4.9 (GERS [1952] 381,1.-. 8; EG 151,1.4.8) 🎵

295 Es ist eben kein Traum und keine Unmöglichkeit, daß es zwischen den Alten und Jungen anders stehen könnte. Aber dazu muß das Feuer brennen, das Jesus angezündet hat auf Erden. Dazu muß das Ziel, der Zweck, der Inhalt des Lebens, die Sache des Reiches Gottes wieder auftauchen und groß werden vor unseren Sinnen. Dazu müssen wir wieder in das Licht der Auferstehung und der Zukunft des Heilandes treten - nein, uns bewußt werden, daß wir in diesem Lichte stehen. Gott gebe uns die Augen, die dazu nötig sind.

Sachfußnoten

1
In Madiswil (Kanton Bern) vertrat Barth den dortigen Pfarrer, seinen Bruder Peter Barth.↩
2
A. Augustinus, Confessiones I,1, CSEL 33, S. 1, Z.8f. 📖: «… inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»↩
3
Aus Strophe 2 des Liedes Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen (GERS [1952] 325 «Kommt, Kinder …»; EG 393) 🎵.↩
4
Chr. Blumhardt war am 2.8.1919 gestorben. Barth, der selber Chr. Blumhardt wesentliche Einsichten verdankte (vgl. Busch, S. 96-98 📖), veröffentlichte in der Zeitung «Neuer Freier Aargauer» wenig später einen Nachruf: Vergangenheit und Zukunft. Friedrich Naumann und Christoph Blumhardt, nachgedruckt in: Anfänge I, S. 37-49 📖.↩
5
Die hier folgende Nachschrift des Schlußteils der Predigt wird zusammen mit einer zweiten, an einigen Stellen verkürzten, sonst aber kaum abweichenden Nachschrift im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart (D34, 78.4) aufbewahrt. Die beiden Nachschriften von unbekannter Hand fanden sich im Nachlaß von Pfarrer Eugen Jäckh, dem Vertreter bzw. Nachfolger Chr. Blumhardts in der Leitung von Bad Boll von 1911 bis 1920. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie Karl Barth seinen schriftlich vorbereiteten Text auf der Kanzel ergänzend, umstellend, abwandelnd vortrug.↩