Epheser 6,1-4
Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern im Herrn; denn das ist recht! Ehre deinen Vater und deine Mutter! Dies Gebot liegt am nächsten und hat die Verheißung, daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden.
Und ihr Väter, verbittert eure Kinder nicht, sondern erzieht sie durch die Bildung und Ermahnung des Herrn!
1. Eltern und Kinder, Väter und Söhne, Erzieher und Zöglinge,
Alte und Junge, das ist eine von den Menschheitsfragen, an denen es sich immer wieder
zeigt und entscheidet, wie es steht zwischen Himmel und Erde,
zwischen Gott und den Menschen. Man kann von den Elternfragen und Kinderfragen, von den
Erziehungsfragen gar nicht reden, ohne daß sich sofort der Blick
auftut auf die Lage des Menschen überhaupt, auf die größte Not und auf die größte
Hoffnung des Menschen. Wie kommt es nur, daß die Erziehungsfrage so unendlich einfach aussieht und in der Tat auch unendlich einfach ist und dann
doch auch wieder gar nicht einfach, sondern höchst verworren und schwierig? Ihr Kinder, seid gehorsam!, sagt
2. Ja, woran liegt’s? Das ist sicher: eine
Lebensfrage, bei der das Ja und das Nein so nahe beieinander liegen und sich so laut
widersprechen, ist eine ernste, tiefe Frage; nicht eine kleine
Verlegenheit, in der man sich nur ein wenig besinnen oder beim Nachbarn Rat holen müßte,
sondern eine Frage, zu deren Lösung es große Entdeckungen und Wendungen braucht.
Sie brennt uns so, weil unser Herz unruhig ist, bis daß es ruht
in Gott2. Sie
ist einfach und doch nicht einfach, weil auch der Weg zu Gott das
Leichteste und das Allerschwerste ist im Leben. Sie ist uns neu
und doch alt, weil die Sache Gottes uns immer das Neueste vom Neuen ist, und gerade
darum die älteste, die ewige Angelegenheit der Menschheit. Sie versetzt uns in das
seltsame Schwanken von Eifer und Müdigkeit, weil wir mit Gott
Taten tun könnten und möchten und sollten [vgl.
Zu allen Zeiten aber ist die Erziehungsfrage enthalten in der Gottesfrage. Vom Stand der Erkenntnis Gottes hängt es ab, wie es gehen soll zwischen Eltern und Kindern. Von dorther kommt Klarheit und Verwirrung, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod.
3. Darum ist Alles, was in unserem Text zur
Erziehungsfrage gesagt ist, darin enthalten, daß
Und so ist auch Vieles, was den Jungen vorschwebt: Freiheit,
eigene neue Wege, ungehindertes jugendliches Sich-Entfalten, eine bloße, leere Form ohne Inhalt. In was willst du frei sein, welche neuen
Wege |289 gehen, in was nicht gehindert sein? Wenn du das nicht weißt, so wirst du es nicht weiter bringen als bis zum öden,
unfruchtbaren Ungehorsam. Auch du denkst dann an dich selbst, es
ist nicht im Herrn getan, was du tust, und wenn du noch so schöne
Gründe dafür hättest, und du darfst dich nicht wundern, wenn du
mit deiner Rebellion keine Freude, keinen Erfolg davon trägst, sondern nur jene
eigentümliche Laune und Unbefriedigung, die man immer davonträgt,
wenn man etwas tut, das keinen Zweck hat. Die Sache Gottes aber
ist ein Inhalt für das Leben, und für das Erziehen und Gehorchen.
Man darf sie nur nicht mit irgend einer eigenen Sache oder Menschensache oder
Geschmackssache oder Parteisache verwechseln. Es könnte an einem
Ort Alte und Junge geben, die sich selbst verstehen und
begreifen, daß sie zusammen auch so ein Geschlecht
Das wäre auf einmal ein Inhalt und keine Form. Das wäre auf einmal ein Zweck der Erziehung. Das wäre auf einmal ein Gegenstand |290 der Erziehung für die Alten und ein Gegenstand der Ehrfurcht für die Jungen!
Gehorsam im Herrn! Erziehung im Herrn! Laßt uns bitten, suchen
und anklopfen [vgl.
4. Ich möchte schließen mit der Erinnerung an
einen Mann, an dem mir das Geheimnis der Erziehung anschaulich
geworden ist, obwohl er kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es
denken jetzt Viele an ihn, denen er ein Vorbild in der Nachfolge
Jesu geworden ist: Pfarrer
Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er nur ein einziges Anliegen hatte: das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze Freudigkeit und Hoffnung darauf, daß Gott noch einmal Großes an uns Menschen tun will, wenn wir ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er verstand alles Böse und alles Leid auf Erden aus dem einen Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen kann in ganzer Herrlichkeit, weil seinem Willen noch zu viel geistige Hindernisse im Wege stehen. Es bleibt aber unveränderlich das Ziel, nein, es kommt näher und näher, daß Jesus siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, mitten im Dunkel der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat Blumhardt ein Leben lang in der Stille, nicht von Vielen gekannt und von Vielen mißverstanden, gelebt und gebetet.
Nachschrift5
291 Ich möchte schließen mit der Erinnerung an
einen Mann, an dem mir dieses Geheimnis der Erziehung anschaulich geworden ist, obwohl
er selbst kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es denken jetzt viele
an ihn, denen er ein Vorbild in der Nachfolge Jesu und ein Vorbild in der Erkenntnis
Gottes geworden ist: Pfr.
Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er in seinem Leben ein einziges Anliegen hatte: Das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze Seligkeit und Hoffnung darauf, daß Gott nochmal Großes tun will an den Menschen, nein an der gesamten Welt, wenn wir Ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er erschaute alles Böse und alles Leid aus dem einen Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen kann in seiner ganzen Herrlichkeit, weil seinem Willen noch viele geistige Hindernisse im Wege stehen. Es bleibt aber unveränderlich das Ziel, nein, es kommt näher und näher, daß Jesus siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, selig in Hoffnung, mitten im Dunkel der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat Pfr. Blumhardt ein Leben lang in der Stille, von wenigen gekannt und von den meisten mißverstanden, gelebt und gebetet.
292Wie ein Priester stand er zwischen Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die Zukunft gerichtet, auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte das Göttliche wichtiger sein, ernster genommen werden als das Menschliche, die Vergebung ernster als die Sünde, das Kommende ernster als das Gegenwärtige, die Macht der Erlösung ernster als das Leid, die Herrschaft Gottes in der gottlosen Welt ernster als die fragwürdigen Angelegenheiten und Erfolge der sogenannten christlichen Kirche, das Leben ernster als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden sich mühen, von oben, nicht von unten her über die irdischen Dinge zu denken.
Er war auch Seelsorger, aber er hat nicht Gott zum Diener der
Menschen gemacht, sondern die Menschen in den Dienst Gottes gerufen. Er hat sich
liebevoll und eingehend mit der Natur und der Naturwissenschaft
befaßt, aber nur, um Gott und seine überlegene Majestät um so ruhiger zu verehren. Er
hat sich eine Zeitlang auch sehr ernsthaft in die Politik
eingelassen und zwar als Sozialdemokrat, und das zu einer Zeit, wo das für einen Pfarrer
noch unerhörter und schwieriger war als heute, aber er hat auch die politische Bewegung
nur gebraucht, um sich und seine Freunde um so tiefer und aufrichtiger hineinzustellen
in die Bewegung des Reiches, das nicht von dieser Welt ist [vgl.
Gerade durch dieses sein Wesen und Leben in der Sache Gottes, das doch nach außen gar keine Wirkung und keinen Glanz hatte, ist er für Viele ein Führer geworden, ein Alter, bei dem die Jungen einmal nicht das Gefühl hatten, es mit einem Alten zu tun zu haben. An Gelehrsamkeit, an Frömmigkeit, an praktischer Tätigkeit, an allerlei persönlichen Eigenschaften ist er von hundert Anderen übertroffen worden. Durch die Gewalt des Inhalts, den sein Leben hatte, hat er denen, die Ohren hatten zu hören, einen Eindruck gemacht, der ganz einzigartig war. Er war selber der Fortsetzer und Schüler seines Vaters, der diesen Weg vor ihm angetreten hatte, ein seltenes Beispiel dafür, wie es stehen könnte zwischen Vätern und Söhnen; und so war auch um ihn herum die Ehrfurcht, die Dankbarkeit, die Empfänglichkeit der Jungen etwas Selbstverständliches, Natürliches. Man fühlte: So ist es recht! und beugte sich, nicht vor dem Menschen, aber vor dem, von dem der Mensch erfüllt und getrieben war.
293 Wie ein Priester stand er vor uns, zwischen Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die Zukunft gerichtet, und das hieß für ihn: Auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte das Göttliche wichtiger genommen sein als das Menschliche, immer das Menschliche aufgenommen und eingetaucht in das Göttliche. Ihm war die Vergebung wichtiger als die Sünde, das Kommende wichtiger als Gegenwärtiges, die Wege Gottes in der gottlosen Welt wichtiger als die fragwürdigen Sorgen und Erfolge der sogenannten christlichen Kirche, die Macht der Erlösung wichtiger als das Leid der Erde, das Leben wichtiger als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden sich darum bemühen, von oben, nicht von unten her über menschliche Dinge zu denken und zu reden.
Gerade durch dieses sein Wesen und Leben in der Sache Gottes allein, das doch nach
außen kaum eine Wirkung und gar keinen Glanz hatte, ist er für viele ein Wegweiser
geworden, ein Alter, bei dem die Jungen einmal nicht das Gefühl hatten, es mit einem
Alten zu tun zu haben, ein «Erzieher» im «Herren», wie
294 Es ist also kein Traum und keine Unmöglichkeit, daß es zwischen Alten und Jungen anders stehen könnte. Aber dazu muß das Feuer brennen, das
Jesus angezündet hat auf Erden [vgl.
- Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz , Strophen 1-3 (RG [1998] 247,1-3; EG 331,1-3) - Nr. 345 «Ermuntert euch, ihr Frommen» von
L. Lorenzen , Strophen 1.4.9 (GERS [1952] 381,1.-. 8; EG 151,1.4.8)
295 Es ist eben kein Traum und keine Unmöglichkeit, daß es zwischen den Alten und Jungen anders stehen könnte. Aber dazu muß das Feuer brennen, das Jesus angezündet hat auf Erden. Dazu muß das Ziel, der Zweck, der Inhalt des Lebens, die Sache des Reiches Gottes wieder auftauchen und groß werden vor unseren Sinnen. Dazu müssen wir wieder in das Licht der Auferstehung und der Zukunft des Heilandes treten - nein, uns bewußt werden, daß wir in diesem Lichte stehen. Gott gebe uns die Augen, die dazu nötig sind.