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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 6,1-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 6,1-4, 10. August 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39036 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 295.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 6,1-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">295</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
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        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1919-08-10">10. August 1919</date>
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          <head><idno>481</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName> und <placeName ref="kbga-places-418"><hi rend="italic">Madiswil</hi></placeName><note xml:id="n01">In <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> (Kanton Bern) vertrat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
              den dortigen Pfarrer, seinen Bruder <persName ref="kbga-actors-27">Peter Barth</persName>.</note>, Sonntag, den <date when="1919-08-10">10. August 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.1 Eph.6.4">Epheser 6,1-4</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern im Herrn;
                    denn das ist recht! Ehre deinen Vater und deine Mutter! Dies Gebot liegt am
                    nächsten und hat die Verheißung, daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf
                    Erden.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Und ihr Väter, verbittert eure Kinder nicht, sondern
                    erzieht sie durch die Bildung und Ermahnung des Herrn!</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Eltern und Kinder, Väter und Söhne, Erzieher und Zöglinge,
            Alte und Junge, das ist eine von den Menschheitsfragen, an denen es sich immer wieder
            zeigt und entscheidet, <hi rend="italic">wie es steht</hi> zwischen Himmel und Erde,
            zwischen Gott und den Menschen. Man kann von den Elternfragen und Kinderfragen, von den
            Erziehungsfragen gar nicht reden, ohne daß sich sofort <hi rend="italic">der Blick
              auftut</hi> auf die Lage des Menschen überhaupt, auf die größte Not und auf die größte
            Hoffnung des Menschen. Wie kommt es nur, daß die Erziehungsfrage so <hi rend="italic">unendlich einfach</hi> aussieht und in der Tat auch unendlich einfach ist und dann
            doch auch wieder gar nicht einfach, sondern höchst verworren und schwierig? <hi rend="italic">Ihr Kinder</hi>, seid gehorsam!, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und fügt als einzigen Grund
            hinzu: denn das ist recht! und wir spüren’s: ja, das <hi rend="italic">ist</hi> recht.
            Daran gibt’s nichts zu deuten und zu rütteln. Damit ist Alles gesagt, was gesagt werden
            muß: es ist eben recht, es entspricht einer schlichten, notwendigen Natur- und
            Lebensordnung, daß die Kinder den Eltern gehorsam sind. Sehen wir aber <hi rend="italic">ins Leben</hi> hinein, so sehen wir, wie dieses einfache «Es ist recht» überall in
            Bewegung und Auflösung begriffen ist. Ja, es ist recht!, sagt <hi rend="italic">die
              Jugend</hi>, aber habt ihr Alten das Recht, das gegen uns geltend zu machen? Ist’s
            wirklich natürlich und notwendig, daß wir uns von euch leiten lassen? Ist unsere
            Freiheit nicht auch ein Recht? und haben wir auf unseren Wegen nicht vielleicht mehr
            Recht als ihr Alten auf euren Wegen? Aber auch <hi rend="italic">die Alten</hi> kommen
            mit diesem einfachen «Es ist recht» nicht aus. Auch sie stützen sich den Jungen
            gegenüber nicht ohne weiteres auf das überlegene Recht dieser natürlichen Wahrheit,
            sondern auf ihre Gewalt als Eltern <pb ed="pga" xml:id="p284"/> und Erzieher, oder wenn
            sie weiter blicken, auf ihre kluge Erziehungskraft, mit der sie die Jungen zu leiten und
            zu gewinnen hoffen, ohne daß sie es merken. Woran liegt das nur, daß das Erziehen und
            Sich-erziehen-Lassen so einfach und doch auch so gar nicht einfach ist? Wie kommt es
            ferner, daß die Frage von Alten und Jungen jedem Geschlecht immer wieder so <hi rend="italic">merkwürdig neu</hi> vorkommt?
              <hi rend="italic">So ist’s noch nie</hi> gewesen, klagen die Alten: Kein Gehorsam
            mehr, keine Autorität, kein Respekt! Und die Jungen antworten mit der Gegenklage: So
            ist’s noch nie gewesen, man versteht uns nicht, man unterdrückt uns, einsam und trotzig
            müssen wir unsere neuen Wege gehen. Und es ist auch wirklich eine ganz neue Not, die
            jedes Geschlecht der Menschen da durchmachen und durchkämpfen muß. Wer aber die
            Vergangenheit kennt, der weiß auch, <hi rend="italic">wie alt diese Not</hi> schon ist
            und wie es gar keine Zeit gegeben hat, in der nicht die Alten und die Jungen so
            übereinander geseufzt haben. Woran mag es liegen, dieses ewig Neue und doch so Alte der
            Eltern- und Kinderfragen? Wie kommt es endlich, daß die Meinungen so merkwürdig
            verschieden sind in der Frage, ob man in dieser Sache <hi rend="italic">etwas tun
              könne</hi> oder nicht? Da hört man Eltern und Lehrer mit der <hi rend="italic">größten
              Zuversichtlichkeit</hi> darüber reden, wie sie ihre Kinder zu tüchtigen, glücklichen
            Menschen erziehen wollen, es komme nur darauf an, ihnen die nötige Zeit zu widmen, die
            rechte Ernährung und Anleitung zu geben und später recht klug und unmerklich ihren
            Willen zu leiten. Andere aber <hi rend="italic">zucken die Achseln</hi> und sagen: man
            kann aus keinem Kinde machen, was es nicht ist, und man kann keinem Kinde geben, was man
            selber nicht <hi rend="italic">hat.</hi> Man erreicht mit aller Klugheit und Methode
            nicht viel, man kann ihnen im besten Fall ein Vorbild geben. Das Beste, fügen Manche
            hinzu, was man für die Kinder tun kann, ist, daß man für sie betet. Und ähnlich geht
            [es] dann den heranwachsenden Jungen den Alten gegenüber. Es gibt <hi rend="italic">auch
              hier solche</hi>, die nicht davon ablassen, man könne mit den Alten schon auskommen,
            wenn man es an der nötigen Klugheit und Zurückhaltung nicht fehlen lasse. Und es gibt
            Andere, die <hi rend="italic">das Spiel verloren geben</hi>, alle Erziehung hinter sich
            werfen und auf eigene Faust das Leben von vorne anfangen. Man kann mit den alten Leuten
            doch nichts anfangen! Oft sind’s unter den Alten und Jungen <hi rend="italic">die
              gleichen Menschen</hi>, die zuerst können und dann auf einmal nicht mehr können. Woran
            liegt es nur, daß auch da so ein merkwürdiger Gegensatz ist: <pb ed="pga" xml:id="p285"/> Können und Nicht-Können, eifrig allerlei versuchen und müde die Hände in den Schoß
            legen?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Ja, woran liegt’s? Das ist sicher: eine
            Lebensfrage, bei der das Ja und das Nein so nahe beieinander liegen und sich so laut
            widersprechen, ist <hi rend="italic">eine ernste, tiefe Frage;</hi> nicht eine kleine
            Verlegenheit, in der man sich nur ein wenig besinnen oder beim Nachbarn Rat holen müßte,
            sondern eine Frage, zu deren Lösung es große Entdeckungen und Wendungen braucht. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt von dem Gebot:</hi> Ehre deinen Vater und deine Mutter!, es sei das Gebot, das am nächsten
            liegt, das <hi rend="italic">erste, das wichtigste</hi>, das tiefste Gebot von den
            göttlichen Lebensgeboten, und fügt hinzu: es hat die <hi rend="italic">Verheißung</hi>,
            daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden! Er meint offenbar, es ist <hi rend="italic">ein heiliges Gesetz</hi>, daß immer die Kinder, die Jungen
            ehrfurchtsvoll den Segen in Empfang nehmen, den die Eltern, die Alten von ihren Eltern
            empfangen haben und weitergeben wollen. <hi rend="italic">Israel</hi> soll gesegnet sein
            durch seinen Vater <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, den Gott gesegnet hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.2">Gen. 12,2</ref>], und so jeder Sohn durch seinen Vater. Wie ein Geschlecht
            dem anderen das leibliche Leben schenkt, das wir selbst von den früheren Geschlechtern
            empfangen, so soll die göttliche <hi rend="italic">Wahrheit und Kraft weitergehen</hi>
            und wachsen von Geschlecht zu Geschlecht, von den Vätern zu den Söhnen, von den Müttern
            zu den Töchtern. Ein <hi rend="italic">lebendiger Zusammenhang</hi> soll die Alten
            verbinden mit den Jungen, indem immer die Einen geben, die Anderen nehmen, bis sie
            selbst zu Gebenden werden dürfen. So soll das <hi rend="italic">Reich Gottes Gestalt
              gewinnen</hi> auf der Erden, das das Ziel und der Abschluß der Menschen-Geschichte
            ist, das <hi rend="italic">Reich der Herrlichkeit</hi>, das von Gott verheißen und von
            den Menschen immer ersehnt ist, <hi rend="italic">das Reich des Lebens</hi>, in dem
            Himmel und Erde neu sein werden, in welchem der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid,
            noch Schmerz, noch Geschrei, und alle Tränen abgewischt, denn das Erste ist vergangen
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1">Apk. 21,1</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">4</ref>]. <hi rend="sans-serif">Darum</hi> darf der
            lebendige <hi rend="italic">Zusammenhang zwischen Alten und Jungen nicht verloren
              gehen.</hi> Der göttliche Segen darf von den Alten <hi rend="italic">nicht
              vermindert</hi> und verfälscht und von den Jungen <hi rend="italic">nicht verpaßt</hi>
            und verschleudert werden, sonst steht die Weltgeschichte still, die Bewegung des
            Göttlichen auf der Erde verliert sich, und das Ziel des Ganzen bleibt in unerreichbarer
            Ferne. Es ist also nicht nur eine Menschensache, nicht nur eine Frage des <pb ed="pga" xml:id="p286"/> Anstands, der Tugend und des Glücks, sondern es ist <hi rend="italic">Gottes eigene Sache</hi>, um die es sich handelt zwischen Alten und Jungen.</p>
          <p><hi rend="italic">Sie brennt uns so</hi>, weil unser Herz unruhig ist, bis daß es ruht
            in Gott<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-1312"><persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi> I,1, CSEL
              33, S. 1, Z.8f.</bibl>: «… <foreign xml:lang="lat">inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te</foreign>.»</note>. Sie
            ist <hi rend="italic">einfach</hi> und doch nicht einfach, weil auch der Weg zu Gott das
            Leichteste und das Allerschwerste ist im Leben. Sie ist uns <hi rend="italic">neu</hi>
            und doch alt, weil die Sache Gottes uns immer das Neueste vom Neuen ist, und gerade
            darum die älteste, die ewige Angelegenheit der Menschheit. Sie versetzt uns in das
            seltsame Schwanken von <hi rend="italic">Eifer und Müdigkeit</hi>, weil wir mit Gott
            Taten tun könnten und möchten und sollten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.60.14">Ps. 60,14</ref> par.] und uns doch gestehen müssen, daß wir vor ihm Staub
            und Asche sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.18.27">Gen. 18,27</ref>]. Um
            was handelt es sich in der Erziehung? Es handelt sich darum, daß die <hi rend="italic">Erkenntnis Gottes</hi> groß werde auf der Erde, damit die Erde in das Licht Gottes treten kann. Das ist die <hi rend="italic">Bestimmung</hi> unseres Daseins. Dazu leben wir. Dazu sind wir jung und
            werden wir alt. Kein Wunder, wenn die Erziehungsfrage uns Menschen <hi rend="italic">beunruhigt</hi> und umtreibt. Ist’s wirklich <hi rend="italic">die göttliche Weisheit
              und Fülle</hi>, die das heutige Geschlecht dem nächsten übergeben kann und will? Dann
            müßte das Erziehen und Sich-erziehen-Lassen <hi rend="italic">nicht schwer</hi> sein.
            Wenn die Alten das wirklich Gute <hi rend="italic">zu geben haben</hi>, dann brauchen
            sie nicht zu befürchten, daß es ihnen von den Jungen nicht dankbar abgenommen würde. Und
            wenn den Jungen die <hi rend="italic">lautere Wahrheit und Kraft begegnet</hi>, dann
            kann es ihnen nicht schwer fallen, sie von den Alten demütig und ehrerbietig
            entgegenzunehmen. Und so gab es denn auch in der Tat Zeiten, wo die <hi rend="italic">Erziehung ein helles, schönes Gebiet</hi> des Lebens war, weil Gott selbst durch
            seine wirkliche Gegenwart den Alten half zu erziehen und den Jungen, sich erziehen zu
            lassen. Es kann aber auch sein, daß der göttliche Segen, der groß werden sollte von
            Geschlecht zu Geschlecht, <hi rend="italic">gar nicht vorhanden</hi> oder so verdunkelt
            und verdorben ist, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Da wird dann das Verhältnis von
            Alten und Jungen etwas ganz <hi rend="italic">Äußerliches, Menschliches.</hi> Das sind
            die Zeiten, wo mit der <hi rend="italic">Form Alles in Ordnung</hi> ist. Die Alten
            erziehen und die Jungen gehorchen. Durch Strenge und Klugheit haben es die Alten und
            durch gedankenlose Ergebung haben es die Jungen dahin gebracht, daß Alles <pb ed="pga" xml:id="p287"/>
            <hi rend="italic">stimmt.</hi> Das sind die Zeiten, wo über Erziehung am meisten <hi rend="italic">geredet, geschrieben und gelesen</hi> [?] wird. Das sind die eigentlich
              <hi rend="italic">gottlosen</hi> Zeiten. Gott behüte uns vor diesen Blütezeiten der
            Erziehungskunst! Und wieder gibt es Zeiten, wo ein Geschlecht gewahr wird, daß dem
            Verhältnis von Alten und Jungen <hi rend="italic">der eigentliche Inhalt fehlt</hi>, daß
            die Erkenntnis Gottes gar <hi rend="italic">nicht da ist</hi>, die die Alten geben und
            die Jungen nehmen sollten. Das sind dann die Zeiten, wo die <hi rend="italic">Formen der
              Erziehung zerbrechen.</hi> Unsicher und verlegen stehen jetzt die Alten den Jungen
            gegenüber, trotzig und rebellisch die Jungen den Alten. Autorität und Zucht <hi rend="italic">zerbrechen und zerbröckeln</hi>, und kein Jammergeschrei kann diese böse
            Entwicklung aufhalten. Man hält solche Zeiten für <hi rend="italic">schlimme
            Zeiten</hi>, und sie sind es auch, menschlich betrachtet, vom Himmel aus gesehen sind
            sie jedenfalls <hi rend="italic">hoffnungsvoller</hi> als die Glanzzeiten der Autorität
            und der Musterknaben. Denn der Zusammenbruch der Lüge kann <hi rend="italic">Platz
              schaffen</hi> für die Wahrheit. Ratlose Väter von rebellischen Söhnen können einen <hi rend="italic">Sinn bekommen</hi> für die Hauptsache und für den Weg dazu. Menschliche
            Armut kann <hi rend="italic">der Boden werden</hi> für das Hungern und Dürsten nach dem
            göttlichen Reichtum. Und so können denn Zeiten des Zusammenbruchs aller Erziehung
            <hi rend="italic">zur Vorbereitung werden</hi> für neue Zeiten der Erquickung, des
            lebendigen Zusammenhangs zwischen Alten und Jungen.</p>
          <p>Zu <hi rend="italic">allen Zeiten</hi> aber ist die Erziehungsfrage enthalten in der
            Gottesfrage. Vom <hi rend="italic">Stand der Erkenntnis Gottes</hi> hängt es ab, wie es
            gehen soll zwischen Eltern und Kindern. Von dorther kommt Klarheit und Verwirrung, Ruhe
            und Unruhe, Leben und Tod.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Darum ist Alles, was in unserem Text zur
            Erziehungsfrage gesagt ist, darin enthalten, daß <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von den Kindern <hi rend="italic">Gehorsam im Herrn</hi> und von den Eltern Erziehung in der <hi rend="italic">Bildung und Ermahnung des Herrn</hi> verlangt. Es muß über Eltern und
            Kindern <hi rend="italic">etwas Höheres</hi> sein, etwas Größeres, etwas, bei dem die
            Alten ihr Alter und die Jungen ihre Jugend <hi rend="italic">vergessen können</hi>, weil
            sie beide durch gemeinsame Arbeit davon ganz in Anspruch genommen sind, dann gelingt
            Beides: das Erziehen und das Gehorchen. Dieses Höhere ist <hi rend="italic">der
              Herr.</hi>
            <hi rend="italic">Wir brauchen</hi> eben zum Erziehen und zum Gehorchen wie zu Allem,
            was gelingen soll, einen Herrn. Man könnte auch sagen, wir brauchen <hi rend="italic">einen Zweck</hi>, eine Aufgabe, einen Inhalt, eine Sache, der das Erziehen <pb ed="pga" xml:id="p288"/> und Gehorchen dienen soll. Es ist aber deutlicher und wahrer,
            wenn wir mit dem Neuen Testament sagen: wir <hi rend="italic">brauchen einen Herrn!</hi>
            oder vielmehr: es ist ein Herr da, der uns, die Alten und die Jungen, für seinen Dienst
              <hi rend="italic">brauchen will.</hi> Denn wenn wir uns im Ernst fragen: wozu wir denn
            eigentlich erziehen und gehorchen sollen, dann können wir dazu kommen, einzusehen, daß
            es im Ernst nur <hi rend="italic">einen</hi> Zweck, <hi rend="italic">eine</hi> Aufgabe,
              <hi rend="italic">einen</hi> Inhalt, <hi rend="italic">eine</hi> Sache geben kann, und
            das ist eben die Sache <hi rend="italic">Gottes</hi>, die durch den Herrn, durch den
            Heiland auf der Erde wieder in Fluß und Bewegung gekommen ist. <hi rend="italic">Alles
              Andere sind bloße Formen</hi>, leere Gefäße, keine Inhalte. Wir haben aber <hi rend="italic">Inhalt nötig</hi> zum Leben. <hi rend="italic">Liebe</hi> ist z. B. noch
            kein Inhalt. Man hat Beispiele, daß Eltern und Kinder einander sehr lieb haben und doch
            ganz aneinander vorbeileben. Auch das ist kein Erziehungsinhalt, wenn den Eltern nichts
            Höheres vorschwebt, als ihre Kinder <hi rend="italic">glücklich, tüchtig oder
              selbständig</hi> zu machen. Es fragt sich eben, was das ist: Glück, Tüchtigkeit,
            Selbständigkeit, und wenn man darauf keine klare Antwort hat, können die schmerzlichsten
            Unordnungen und Verwirrungen auch zwischen den besten Eltern und den hoffnungsvollsten
            Kindern nicht ausbleiben. Auch da fehlt der Inhalt, wenn die Eltern jenen <hi rend="italic">Traum träumen</hi>, den Kindern einmal leiblich und geistig das Gute
            zuteil werden zu lassen, das ihnen in ihrem eigenen Leben abging. Es fragt sich eben,
            was dieses Gute ist, und wenn es nicht das Rechte [?] ist, so können die Kinder später
            mit ihren eigenen Kindern dasselbe
            Spiel von vorne anfangen. Es fehlt auch da am Inhalt, wo Eltern, die vielleicht selber
              <hi rend="italic">einen guten menschlichen Weg</hi> eingeschlagen haben, z. B. in
            religiöser Hinsicht, es darauf absehen, ihre Kinder denselben Weg gehen zu lassen. Das
            hat schon die schmerzlichsten Enttäuschungen zur Folge gehabt. Die menschlichen Wege,
            die ein Geschlecht einschlägt, sind fast nie dieselben, die das vorangehende gegangen
            ist. Das alles <hi rend="italic">verbittert die Kinder</hi>, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt. Es
            verbittert, weil es nicht ein hoher Zweck ist, der über Eltern und Kindern steht, weil
            es nicht im Herrn geschieht, sondern die Eltern im Grunde an sich selbst denken, sich
            selbst an ihren Kindern vergrößern und verherrlichen wollen.</p>
          <p>Und so ist auch <hi rend="italic">Vieles, was den Jungen vorschwebt:</hi> Freiheit,
            eigene neue Wege, ungehindertes jugendliches Sich-Entfalten, eine bloße, <hi rend="italic">leere Form</hi> ohne Inhalt. In was willst du frei sein, welche neuen
            Wege <pb ed="pga" xml:id="p289"/> gehen, in was nicht gehindert sein? Wenn du das <hi rend="italic">nicht weißt</hi>, so wirst du es nicht weiter bringen als bis zum öden,
            unfruchtbaren Ungehorsam. Auch du <hi rend="italic">denkst dann an dich selbst</hi>, es
            ist <hi rend="italic">nicht im Herrn</hi> getan, was du tust, und wenn du noch so schöne
            Gründe dafür hättest, und du darfst dich <hi rend="italic">nicht wundern</hi>, wenn du
            mit deiner Rebellion keine Freude, keinen Erfolg davon trägst, sondern nur jene
            eigentümliche <hi rend="italic">Laune</hi> und Unbefriedigung, die man immer davonträgt,
            wenn man etwas tut, das keinen Zweck hat. <hi rend="italic">Die Sache Gottes</hi> aber
            ist ein <hi rend="italic">Inhalt</hi> für das Leben, und für das Erziehen und Gehorchen.
            Man darf sie nur nicht mit irgend einer eigenen Sache oder Menschensache oder
            Geschmackssache oder Parteisache <hi rend="italic">verwechseln.</hi> Es könnte an einem
            Ort Alte und Junge geben, die <hi rend="italic">sich selbst verstehen und
            begreifen</hi>, daß sie zusammen auch so ein Geschlecht <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> bilden, in welchem man
            einen göttlichen Segen zu verwalten, weiterzugeben und zu empfangen hat. Es könnte
            geschehen, daß Alte und Junge gemeinsam darauf aufmerksam werden, daß es <hi rend="italic">nur eine wichtige und wesentliche Frage</hi> gibt im Leben, die Frage:
            was tut Gott? und davon abhängig dann die Frage: was will er mit uns? Diese Frage hat
            der Heiland in entscheidender und allgemeiner Weise in die Menschheit geworfen. Es
            könnte geschehen, daß diese Frage uns einmal <hi rend="italic">brennend wird</hi> über
            allen Fragen, die die Alten und die Jungen für sich selbst haben. Es könnte uns einmal
            aufgehen, wieviel wir eigentlich <hi rend="italic">versäumen und verschütten</hi> [?],
            daß wir an dieser Frage des Heilands und an seiner Aufforderung: Folge du mir nach [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.22">Joh. 21,22</ref>]! so beständig vorbeigehen. Es
            könnte uns geschehen, daß sich einmal <hi rend="italic">unser ganzes Interesse</hi>,
            unsere ganze Sorge, ja unser ganzer leidenschaftlicher Eifer statt um so viele
            Nebenpunkte sammelte um den einen
            Hauptpunkt, wir möchten doch dem Sieg und der Herrschaft Gottes, die sich im Heiland auf
            der Erde angebahnt hat, nicht mehr so sehr im Wege sein. Es könnte uns geschehen, daß
            wir einmal unverwandt anfangen müßten, auf den Heiland und auf seine Sache, die eben <hi rend="italic">Gottes Sache ist, zu sehen.</hi> Ein jeder sein Gesichte [mit steter
            Wendung richte hin nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>]<note xml:id="n03">Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">Strophe 2 des Liedes Nr. 327
              «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS [1952] 325 «Kommt, Kinder …»;
              EG 393)</bibl>.</note>.</p>
          <p>Das wäre auf einmal ein <hi rend="italic">Inhalt und keine Form.</hi> Das wäre auf
            einmal ein <hi rend="italic">Zweck</hi> der Erziehung. Das wäre auf einmal ein <hi rend="italic">Gegenstand</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p290"/> der Erziehung für die Alten und ein Gegenstand der
            Ehrfurcht für die Jungen!</p>
          <p>Gehorsam <hi rend="italic">im Herrn!</hi> Erziehung im Herrn! Laßt uns bitten, suchen
            und anklopfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.], daß
            wir dieses «im Herrn» wieder fassen können, dann gehen auch in der Erziehungsfrage <hi rend="italic">die Türen</hi> wieder auf, die jetzt so fest geschlossen scheinen, <hi rend="italic">langsam</hi> vielleicht, unter Fehlern und Irrtümern und Mißgriffen,
            aber sie werden aufgehen und das göttliche, einfache: <hi rend="italic">So ist es
              recht!</hi> wird zwischen Eltern und Kindern wieder zu Ehren kommen.</p>
          <!-- leerzeile -->

          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Ich möchte schließen mit der Erinnerung an
            einen Mann, an dem mir das <hi rend="italic">Geheimnis</hi> der Erziehung anschaulich
            geworden ist, obwohl er kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es
            denken jetzt Viele an ihn, denen er ein <hi rend="italic">Vorbild in der Nachfolge
              Jesu</hi> geworden ist: <hi rend="italic">Pfarrer <persName ref="kbga-actors-47">Christoph Blumhardt</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-158">Bad
              Boll</placeName>.<note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardt</persName> war am <date when="1919-08-02">2.8.1919</date>
              gestorben. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, der selber <persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardt</persName> wesentliche Einsichten verdankte (vgl.
              <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 96-98</bibl>), veröffentlichte in der Zeitung <bibl corresp="kbga-bibls-1654">«Neuer Freier Aargauer» wenig später
              einen Nachruf: <hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft. Friedrich Naumann und
                Christoph Blumhardt</hi>, nachgedruckt in: Anfänge I, S. 37-49</bibl>.</note></p>
          <p>Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er <hi rend="italic">nur ein
              einziges Anliegen</hi> hatte: das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze
              <hi rend="italic">Freudigkeit und Hoffnung</hi> darauf, daß Gott noch einmal Großes an
            uns Menschen tun will, wenn wir ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er
              <hi rend="italic">verstand alles Böse und alles Leid</hi> auf Erden aus dem einen
            Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen kann in ganzer Herrlichkeit, weil
            seinem Willen noch zu viel geistige Hindernisse im Wege stehen. Es bleibt aber <hi rend="italic">unveränderlich das Ziel</hi>, nein, es kommt näher und näher, daß Jesus
            siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, mitten im Dunkel
            der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat <persName ref="kbga-actors-47">Blumhardt</persName> <hi rend="italic">ein Leben
              lang</hi> in der Stille, nicht von Vielen gekannt und von Vielen mißverstanden, gelebt
            und gebetet.</p>
        </div>
        <div xml:id="d001" type="alternative-text">
          <head>
             Nachschrift<note xml:id="n05">Die hier folgende Nachschrift des
              Schlußteils der Predigt wird zusammen mit einer zweiten, an einigen Stellen
              verkürzten, sonst aber kaum abweichenden Nachschrift im Landeskirchlichen <ref type="archival">Archiv
              Stuttgart (D34, 78.4)</ref> aufbewahrt. Die beiden Nachschriften von unbekannter Hand fanden
              sich im Nachlaß von Pfarrer <persName ref="kbga-actors-623">Eugen Jäckh</persName>, dem Vertreter bzw. Nachfolger <persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardts</persName>
              in der Leitung von <placeName ref="kbga-places-158">Bad Boll</placeName> von 1911 bis 1920. Sie vermitteln einen Eindruck davon,
              wie <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> seinen schriftlich vorbereiteten Text auf der Kanzel ergänzend,
              umstellend, abwandelnd vortrug.</note></head>

          <p><pb ed="pga" xml:id="p291" rend="noPipe"/> Ich möchte schließen mit der Erinnerung an
            einen Mann, an dem mir dieses Geheimnis der Erziehung anschaulich geworden ist, obwohl
            er selbst kein Erzieher war. Er ist vor einer Woche gestorben, und es denken jetzt viele
            an ihn, denen er ein Vorbild in der Nachfolge Jesu und ein Vorbild in der Erkenntnis
            Gottes geworden ist: Pfr. <persName ref="kbga-actors-47">Christoph Blumhardt</persName> in <placeName ref="kbga-places-158">Bad Boll</placeName>.</p>
          <p>Die einzige Bedeutung dieses Mannes lag darin, daß er in seinem Leben ein einziges
            Anliegen hatte: Das Kommen des Reiches Gottes. Er gründete seine ganze Seligkeit und
            Hoffnung darauf, daß Gott nochmal Großes tun will an den Menschen, nein an der gesamten
            Welt, wenn wir Ihn darum bitten und wenn die Zeit dazu da ist. Und er erschaute alles
            Böse und alles Leid aus dem einen Grund, daß Gott jetzt noch nicht auf Erden herrschen
            kann in seiner ganzen Herrlichkeit, weil seinem Willen noch viele geistige Hindernisse
            im Wege stehen. Es bleibt aber unveränderlich das Ziel, nein, es kommt näher und näher,
            daß Jesus siegt, und im Abglanz dieses kommenden Sieges stehen wir heute schon, selig in
            Hoffnung, mitten im Dunkel der Zeiten. In diesem einfachen Gedanken hat Pfr. <persName ref="kbga-actors-47">Blumhardt</persName>
            ein Leben lang in der Stille, von wenigen gekannt und von den meisten mißverstanden,
            gelebt und gebetet.</p>

        </div>
        <div type="main">
          <p><pb ed="pga" xml:id="p292" rend="noPipe"/><hi rend="italic">Wie ein Priester</hi> stand
            er zwischen Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die <hi rend="italic">Zukunft</hi> gerichtet, auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte <hi rend="italic">das Göttliche</hi> wichtiger sein, ernster genommen werden als das Menschliche, <hi rend="italic">die Vergebung</hi> ernster als die Sünde, <hi rend="italic">das
              Kommende</hi> ernster als das
            Gegenwärtige, <hi rend="italic">die Macht der Erlösung</hi> ernster als das Leid, die
              <hi rend="italic">Herrschaft Gottes</hi> in der gottlosen Welt ernster als die
            fragwürdigen Angelegenheiten und Erfolge der sogenannten christlichen Kirche, <hi rend="italic">das Leben</hi> ernster als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden
            sich mühen, <hi rend="italic">von oben, nicht von unten</hi> her über die irdischen
            Dinge zu denken.</p>
          <p>Er war auch <hi rend="italic">Seelsorger</hi>, aber er hat nicht Gott zum Diener der
            Menschen gemacht, sondern die Menschen in den Dienst Gottes gerufen. Er hat sich
            liebevoll und eingehend mit der <hi rend="italic">Natur</hi> und der Naturwissenschaft
            befaßt, aber nur, um Gott und seine überlegene Majestät um so ruhiger zu verehren. Er
            hat sich eine Zeitlang auch sehr ernsthaft in die <hi rend="italic">Politik</hi>
            eingelassen und zwar als Sozialdemokrat, und das zu einer Zeit, wo das für einen Pfarrer
            noch unerhörter und schwieriger war als heute, aber er hat auch die politische Bewegung
            nur gebraucht, um sich und seine Freunde um so tiefer und aufrichtiger hineinzustellen
            in die Bewegung des Reiches, das nicht von dieser Welt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>].</p>
          <p>Gerade <hi rend="italic">durch dieses sein Wesen</hi> und Leben in der Sache Gottes,
            das doch nach außen gar keine Wirkung und keinen Glanz hatte, ist er für Viele ein
            Führer geworden, <hi rend="italic">ein Alter</hi>, bei dem die Jungen einmal nicht das
            Gefühl hatten, es mit einem Alten zu tun zu haben. An Gelehrsamkeit, an Frömmigkeit, an
            praktischer Tätigkeit, an allerlei persönlichen Eigenschaften ist er von hundert Anderen
              <hi rend="italic">übertroffen</hi> worden. Durch die Gewalt des Inhalts, den sein
            Leben hatte, hat er denen, die Ohren hatten zu hören, einen Eindruck gemacht, der ganz
              <hi rend="italic">einzigartig</hi> war. Er war selber der <hi rend="italic">Fortsetzer
              und Schüler seines Vaters</hi>, der diesen Weg vor ihm angetreten hatte, ein seltenes
            Beispiel dafür, wie es stehen könnte zwischen Vätern und Söhnen; und so war auch um ihn
            herum die <hi rend="italic">Ehrfurcht, die Dankbarkeit, die Empfänglichkeit</hi> der
            Jungen etwas Selbstverständliches, Natürliches. Man fühlte: <hi rend="italic">So ist es
              recht!</hi> und beugte sich, nicht vor dem Menschen, aber vor dem, von dem der Mensch
            erfüllt und getrieben war.</p>
        </div>
        <div corresp="d001" type="alternative-text">
          <p><pb ed="pga" xml:id="p293" rend="noPipe"/> Wie ein Priester stand er vor uns, zwischen
            Gott und den Menschen. Der Blick war immer auf die Zukunft gerichtet, und das hieß für
            ihn: Auf die Herrlichkeit Gottes. Immer sollte das Göttliche wichtiger genommen sein als
            das Menschliche, immer das Menschliche aufgenommen und eingetaucht in das Göttliche. Ihm
            war die Vergebung wichtiger als die Sünde, das Kommende wichtiger als Gegenwärtiges, die
            Wege Gottes in der gottlosen Welt wichtiger als die fragwürdigen Sorgen und Erfolge der
            sogenannten christlichen Kirche, die Macht der Erlösung wichtiger als das Leid der Erde,
            das Leben wichtiger als der Tod. Immer wollte er mit seinen Freunden sich darum bemühen,
            von oben, nicht von unten her über menschliche Dinge zu denken und zu reden.</p>
          <p><persName ref="kbga-actors-47">Blumhardt</persName> war Seelsorger, aber er hat Gott nie zum Diener der Menschensachen gemacht,
            sondern ihnen damit geholfen, daß er sie in den Dienst Gottes gerufen hat. Er hat sich
            liebevoll und eingehend mit der Natur und der Naturwissenschaft befaßt, aber nur um Gott
            in seiner Majestät um so ruhiger zu verehren. Er hat sich auch sehr ernsthaft auf die
            Politik eingelassen und zwar als Sozialdemokrat und das zu einer Zeit, wo das für einen
            Pfarrer noch schwieriger und gefährlicher war als heute, und nahm es auf sich, daß ihm
            deshalb der Pfarrertitel abgesprochen wurde, aber er hat auch die politische Bewegung
            nur gebraucht, um sich und seine Freunde tiefer und aufrichtiger hineinzustellen in die
            Bewegung des Reiches, das nicht von dieser Welt ist.</p>
          <p>Gerade durch dieses sein Wesen und Leben in der Sache Gottes allein, das doch nach
            außen kaum eine Wirkung und gar keinen Glanz hatte, ist er für viele ein Wegweiser
            geworden, ein Alter, bei dem die Jungen einmal nicht das Gefühl hatten, es mit einem
            Alten zu tun zu haben, ein «Erzieher» im «Herren», wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt. An Gelehrsamkeit, an
            Frömmigkeit, an praktischer Tätigkeit ist er viel von anderen übertroffen worden, die
            Gewalt des höheren Inhaltes aber, den sein Leben hatte, hat ihnen, die Ohren hatten zu
            hören, einen Eindruck gemacht, der ganz eigenartig war. Er war selber der Schüler seines
            <persName ref="kbga-actors-48">Vaters</persName>, ein Fortsetzer des Weges, den dieser vor ihm gegangen war, ein seltenes Beispiel
            dafür, wie es stehen könnte zwischen Vätern und Söhnen. Darum war dann um ihn herum, als
            er selber älter wurde, die Ehrfurcht,
            die Dankbarkeit, die Empfänglichkeit der Jüngeren etwas Natürliches und
            Selbstverständliches. Man fühlte: «Das ist billig», wie es in unserem Text heißt, und
            beugte sich tief - nicht vor dem Menschen, aber vor der Autorität dessen, wovon dieser
            Mensch erfüllt und getrieben war.</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p294" rend="noPipe"/> Es ist also kein Traum und <hi rend="italic">keine Unmöglichkeit</hi>, daß es zwischen Alten und Jungen anders stehen <hi rend="italic">könnte.</hi> Aber dazu muß das <hi rend="italic">Feuer brennen</hi>, das
            Jesus angezündet hat auf Erden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.49">Lk. 12,49</ref>]. Dazu muß <hi rend="italic">das Ziel</hi>, der Zweck, der Inhalt,
            die Hauptsache wieder auftauchen und groß werden vor unseren Augen. Dazu müssen wir
            wieder in das Licht <hi rend="italic">der Auferstehung und der Zukunft</hi> des
            Heilandes treten, müssen uns <hi rend="italic">bewußt werden</hi>, daß wir in diesem
            Lichte stehen. Gott gebe uns die <hi rend="italic">Augen</hi>, die dazu nötig sind.
          </p>
          <!-- leerzeile -->

        </div>
        <div type="songs">
          <head> Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-36" type="song">Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von
              <persName ref="kbga-actors-1356">I. Franz</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 247,1-3; EG 331,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-127" type="song">Nr. 345 «Ermuntert euch, ihr Frommen» von
              <persName ref="kbga-actors-8761">L. Lorenzen</persName>, Strophen 1.4.9 (GERS [1952] 381,1.-. 8; EG 151,1.4.8)</bibl>
          </listBibl>
        </div>

       <div corresp="d001" type="alternative-text">

          <p><pb ed="pga" xml:id="p295" rend="noPipe"/> Es ist eben kein Traum und keine
            Unmöglichkeit, daß es zwischen den Alten und Jungen anders stehen könnte. Aber dazu muß
            das Feuer brennen, das Jesus angezündet hat auf Erden. Dazu muß das Ziel, der Zweck, der
            Inhalt des Lebens, die Sache des Reiches Gottes wieder auftauchen und groß werden vor
            unseren Sinnen. Dazu müssen wir wieder in das Licht der Auferstehung und der Zukunft des
            Heilandes treten - nein, uns bewußt werden, daß wir in diesem Lichte stehen. Gott gebe
            uns die Augen, die dazu nötig sind.</p>

        </div> 
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
