20. Juli 1919

Epheser 5,15-20

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Epheser 5,15-20

So gebt nun genau acht, wie ihr euren Wandel führt: nicht als Unweise, sondern als Weise! Kaufet den rechten Augenblick aus, denn es sind schlimme Zeiten. Darum werdet nicht unbesonnen, sondern lernet verstehen, was jeweilen der Wille des Herrn ist.

Und berauscht euch nicht mit Wein, denn darin ist etwas Heilloses, sondern werdet des Geistes voll. Redet zueinander in Psalmen, Gesängen und Liedern, wie sie der Geist eingibt, singet und musizieret in euren Herzen dem Herrn.

Danket Gott, dem Vater immer und für Alles im Namen unseres Herrn Jesu Christi.

1. Es ist nicht leicht, von der großen Lebensweisheit zu reden, die in diesen Worten liegt, und es ist noch weniger leicht, sie sich anzueignen und danach zu tun. Wir werden das noch deutlicher sehen bei den nächsten Stellen, wo Paulus über das Verhältnis von Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Herren und Knechten redet. Das sind Gedanken, und so auch die, die wir soeben gehört haben, die uns zunächst nur von ferne grüßen und die sich sehr seltsam ausnehmen, wenn wir sie auf unser jetziges Leben beziehen. Sie machen uns aufmerksam auf eine klare, lebendige Gottesordnung. Aber dann kommt sofort ein großes Wenn und Aber! Man kann nicht nur heimgehen und sich vornehmen: nun will ich leben und mich verhalten, wie es im Epheserbrief beschrieben ist. Und man kann noch weniger hingehen und Andere verurteilen, weil man sieht, daß sie auch nicht danach tun. Es kommt sehr darauf an, wer man ist und wo man steht und wie es überhaupt heutzutage steht zwischen Gott und den Menschen. Das ist das große Wenn und Aber, das sich zwischen uns und den Ermahnungen des Paulus erhebt. Wir können nicht darüber hinweghüpfen. Diese Ermahnungen sind feine Blumen, die nur auf einem ganz bestimmten Boden und in einem ganz bestimmten Klima gedeihen können. Paulus hat sie an Leute gerichtet, die er vorher eindringlich daran erinnert hat, daß sie «in Christus» seien, in der großen neuen Schöpfung des Menschen und der Welt von Gott her. Es fragt sich, ob wir uns daran auch schon haben erinnern lassen. Paulus hat ihnen zugerufen: Leget den alten Menschen ab und erneuert euch durch den Geist in eurer Vernunft und ziehet den neuen Menschen an [4,22-24]. |266 Es fragt sich, ob wir auch in dieser Verwandlung stehen. Paulus hat sie mit einem großen Zutrauen trotz ihrer Schwächen und Unvollkommenheiten Kinder des Lichts genannt [5,9]. Schwächen und Unvollkommenheiten haben wir freilich auch, es fragt sich aber, ob wir uns trotzdem zutrauen dürfen, uns Kinder des Lichts zu heißen, und jedenfalls dürfen wir uns nicht verwundern, wenn wir bei den Anderen das nicht finden, was eben von den Kindern des Lichts zu erwarten ist. Wenn wir das in einem gewissen christlichen Eifer übersehen, so gleichen wir einem Törichten, der ernten will, wo gar nichts gesät worden ist. Wir gleichen dann einem Schiff, das mit gespannten Segeln und eingelegten Rudern auf dem Sand am Ufer steht. Man kann nicht fahren, wenn man nicht im Wasser ist. Man kann die Lebensweisheit der Bibel nicht fassen, wenn man nicht in der Lebensbewegung der Bibel drin steht. |

Sie ist Weisheit für das Leben von Menschen, mit denen sich Gott eingelassen hat und sie sich mit ihm. Andere Menschen können nichts damit anfangen. Sie ist Weisheit für das Leben von Menschen, für die im Himmel gleichsam ein Interesse vorhanden ist, weil Gott etwas mit ihnen im Sinne hat, weil er sie in Arbeit genommen hat. Das sind Menschen, in denen etwas weich geworden ist, weil sie tief erschrocken sind über sich und über die Welt und sich erheben [?] durch ein Hoffnungslicht, das ihnen aufgegangen ist. Sie sind in ein sehr ernstes Gericht gekommen, das ihnen alle Einbildungen und Träume über ihr Verhältnis zu Gott genommen hat, und nun haben sie eigentlich Gott gegenüber nur noch Respekt, Scheu, höchste Aufmerksamkeit wie Mose, als er seine Schuhe ausziehen mußte, um mit Gott zu reden [Ex. 3,5]. Dafür ist ihnen Gott etwas höchst Nahes, Bestimmtes, Starkes geworden. Sie können nur noch Großes und Gutes von ihm erwarten. Sie stehen unter einer Gnade. Sie wissen, wie man zuletzt und im Grunde mit ihm dran ist: das Letzte, das Ziel ist ein göttlicher Sieg und Triumph. Auf diesen Sieg warten sie, und ihr Leben ist eine Bewegung nach diesem Ziel hin. Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach [Phil. 3,12]. Der heilige Geist hat wenigstens Raum. Das heißt in Christus sein. Denn Christus ist der große unsichtbare Beweger und Träger dieser Menschen. Für solche Menschen gelten dann die Lebenseinsichten und Lebensregeln, die Paulus hier andeutet. Gelten sie für uns? Für die heutige Christenheit? Für die |267 sogenannten1 Christen in den Kirchen? Für die sogenannten Christen in den Kapellen2? Für die anderen sogenannten Christen, die weder von der Kirche noch von der Kapelle etwas erwarten? Geht es uns an, wenn Paulus uns hier anredet: gebt genau acht, wie ihr euren Wandel führt, ihr Christen, ihr in Christus? Sind wir in Christus? Können wir seine Winke und Weisungen gebrauchen, befolgen? Können wir auch nur von dieser Weisheit reden, sie hören, den Versuch wagen, danach zu tun? Wenn diese Fragen sich schmerzlich und unruhig [?] in uns hineinbohren, wenn sie uns zu schaffen machen, dann ist’s recht. Sie sollen uns zu schaffen machen.

2. So gebt nun genau acht, wie ihr euren Wandel führt! Calvin hat zu dieser Stelle die Bemerkung gemacht, ein Christ stehe in der Welt wie ein Schauspieler auf der Theaterbühne. Jedes Wort, das er sagt, wird gehört, jeder Schritt, den er tut, jede Miene, die er verzieht, wird beobachtet. Alles, was er tut und nicht tut, ist wichtig. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Aber nicht die Augen der Menschen allein sind es, die freilich auch, vor allem aber die Augen Gottes und der Engel.3 Der Ort, wo ein solcher Mensch oder solche Menschen stehen, ist gleichsam ein wichtiger Punkt auf der Landkarte des Reiches Gottes. An solchen Orten ist ja immer die Möglichkeit vorhanden, daß es mit der Sache Gottes vorwärts gehen könnte, daß der eigentliche große Segen, mit dem Gott die Erde noch segnen will, ein wenig weiter reichen, daß der Tag Jesu Christi, der die Vollendung bringt, um Einiges näher rücken könnte. Wenn solche Menschen recht weich und beweglich in Gottes Hand bleiben, dann tritt damit für die ganze Welt eine Veränderung ein. Je tiefer es bei solchen Menschen geht, um so größer kann die Veränderung werden. Es ist aber auch die andere Möglichkeit vorhanden, daß sie einrosten [?] und zurückkommen, daß ihnen das, was sie haben, wieder verloren geht. Die anderen Menschen |268 merken es vielleicht nicht, sie freuen sich vielleicht sogar darüber, wenn die Christen immer wieder gewöhnlich werden, aber Gott und alle Engel trauern darüber. Es geht dann nicht vorwärts in der Welt. Es kommt darauf an, daß die Christen genau acht geben, wie sie wandeln. «Nicht als Unweise, sondern als Weise», sagt Paulus hierzu. Solche Menschen haben ja eine gewisse Weisheit in sich: sie kennen das Ziel, dem Alles zustrebt und dienen muß, sie wissen auch im Einzelnen, was diesem Ziel jeweilen dient oder nicht dient. Sie müssen sein, was sie sind. Sie sind Weise. Sie müssen sich als Weise bewähren und nicht als Unweise. Darauf müssen sie genau acht geben. |

Dieses Acht-Geben ist nicht das, was man sonst so nennt. Wir geben z. B. sehr genau acht, uns durch das, was wir sagen und tun, keine Nachteile zuzuziehen, wir sind gewohnt, da sehr genau zu wachen. Aber das ist hier nicht gemeint. Als Christ muß man es wagen, manchmal einen offenkundigen Nachteil auf sich zu nehmen. Wir geben acht, unsere Zwecke und Wünsche möglichst vollständig zu erreichen. Mögen wir’s tun, aber das ist hier nicht gemeint. Im Gegenteil, wir müssen es als Christen sehr oft riskieren, uns durch alle unsere Zwecke und Wünsche einen Strich machen zu lassen. Wir geben acht, niemand vor den Kopf zu stoßen. Das ist eine löbliche und vorsichtige Absicht, aber auch das ist hier nicht gemeint. Ein Christ muß manchmal durch das, was er sagt und tut, die Leute vor den Kopf stoßen und muß die Folgen hinnehmen. Es handelt sich um etwas Höheres. Wir können auch einmal das Gleichnis vom Schauspieler gebrauchen (es soll aber nur ein Gleichnis sein!): Es handelt sich darum, daß wir die Rolle, wie man dort sagt, die uns übergeben ist, genau und getreu durchführen. Uns nicht stören lassen durch das, was die Anderen spielen und nicht etwas zu spielen anfangen, was nur unserem eigenen Sinn und Geschmack entspricht, aber nicht zum Ganzen paßt. Wer auf dem Theater einen König zu spielen hat, darf sich nicht wie ein Bettler benehmen. Darin liegt die ganze Weisheit: Wissen, was man ist und was Einem auf getragen ist, und dann sich selber und seiner Sache nicht untreu werden. Die Gefahr und die Versuchung ist nicht das Böse, nicht das Schlechte, aber das Fremde, das, was uns nichts angeht. Holzwege im Wald sind ja auch Wege, aber wer ein Ziel erreichen möchte und sollte, darf sich auf Holzwege nicht einlassen. Das Fremde kann von anderen Menschen zu uns kommen, oder es kann in uns |269 selbst aufsteigen. Es ist und bleibt immer das Fremde, das, was zu dem Göttlichen, das uns aufgetragen ist, nicht paßt - was sich für Heilige nicht schickt, wie Paulus früher gesagt hat [5,3]. Es gibt eine gewisse Art, über Andere zu denken, eine gewisse Art, sich selbst zu bedauern, einen gewissen Ton zu reden, einen gewissen Ausdruck im Gesicht, einen gewissen Eifer und eine gewisse Geduld, eine gewisse Zufriedenheit und eine gewisse Unzufriedenheit, eine gewisse Sicherheit und ein gewisses Schwanken, die uns fremd sind, wenn wir in Christus sind. Wir dürfen nicht in dieses Fremde verfallen. Das Fremde liegt uns immer unendlich nahe, näher fast, als wir uns selbst sind. Eben darum heißt es genau acht geben. Unser Leben muß einen reinen Ton geben. Das Unnötige, das Unerleuchtete, das Zufällige, das Eigenwillige muß allmählich zurücktreten, und hervortreten muß das, was von oben her notwendig, hell, wichtig ist. Dazu müssen wir acht geben, genau acht geben, das heißt auf alles Einzelne acht geben, denn das Leben setzt sich aus Einzelheiten zusammen. Das ist das «Wandeln als Weise». Es ist nicht jedermanns Sache [vgl. 2.Thess. 3,2]. Wer Ohren hat zu hören, der höre [Mk. 4,9 par.].

3. «Kaufet den rechten Augenblick aus, denn es sind schlimme Zeiten. Darum werdet nicht unbesonnen, sondern lernet verstehen, was jeweilen der Wille des Herrn ist.» Da hören wir, daß die christliche Lebensweisheit etwas ganz besonders Merkiges4, Gelehriges, Aufmerksames ist. Vor Allem müssen wir merken, daß die Zeiten im Allgemeinen schlimme Zeiten sind. Die Erde steht jetzt unter einem Schatten, unter einem Fluch. Der Mensch ganz besonders befindet sich in einer Gefangenschaft, die jetzt noch nicht aufgehoben ist. Die Befreiung bahnt sich erst an, die in Christus einst kommen soll. Gewisse kleine Verbesserungen und Veränderungen sind auch in diesen schlimmen Zeiten möglich. Aber von dem Guten, auf das ein Christ hofft, will sich oft während langer Stunden, Tage und Jahre nichts zeigen. Es ist und bleibt dann Alles irdisch unvollkommen. Man muß merken, daß das so ist und so sein muß. Alle christlichen Grundsätze und aller gute Wille kann nichts daran ändern, bis der Tag anbricht, an dem Gott an diesem Zustand etwas ändert. Unser Leben kann also nur |270 ein Hinzielen und Vorbereiten auf diesen Tag der Veränderung sein, unterdessen ist es ein Tragen und Ertragen eines Zustandes, der nun eben durch Gott aufgehoben werden muß. Im Winter kann man mit seltenen Ausnahmen keine Blumen blühen sehen. Es gibt aber solche Ausnahmen, sagt Paulus. Kaufet den rechten Augenblick aus, gerade weil die Zeiten im Allgemeinen schlimm sind. Es gibt Augenblicke, die unterbrechen jetzt schon die Regel, die sind gleichsam vorlaufende Strahlen des kommenden großen Lichts. Es gibt Augenblicke, da kann man etwas verstehen, ein gutes Wort sagen oder hören, etwas Rechtes tun, was dann nicht nur eine kleine Verbesserung und Veränderung ist, sondern, wenn auch noch nicht das neue Haus, das unser wartet [vgl. 2.Kor. 5,1], so doch ein Steinlein dazu. Unerwartet kommen solche Gelegenheiten, rasch treten sie an uns heran, rasch gehen sie benützt oder unbenützt vorüber. |

Das ist das zweite, was wir merken müssen: daß es solche besonderen Augenblicke gibt mitten in den schlimmen Zeiten. Die müssen wir dann auskaufen, das heißt, Alles dransetzen, damit wir dann auch bekommen, was sie uns zu bieten haben. Wir sind wie in einer belagerten Stadt, wo man im Allgemeinen Hunger leiden muß. Dann und wann aber bietet sich eine günstige Gelegenheit. Dann muß man nicht länger geduldig warten, sondern rasch zugreifen. Wenn wir merkiger wären diesen vorlaufenden Strahlen Gottes gegenüber, in dieser Stunde, wo es gilt zuzugreifen, wir könnten mehr ewiges Licht haben schon im jetzigen Dunkel, wir würden uns dann auch ruhiger darein finden, daß das Dunkel wirklich nur durch das ewige Licht gehoben [?] werden kann. Und dann, in diesen besonderen Augenblicken gilt es, besonnen zu sein und zu verstehen, was da jeweilen der Wille des Herrn ist. |

Das ist das dritte, für das wir einen Merks5 bekommen müssen. Was dann nehmen, wenn sich uns oft für einen Augenblick der ganze Reichtum Gottes auftut6? Was dann sagen, wenn einmal etwas gesagt werden könnte? Was dann tun, wenn wir merken: nun könnte einmal etwas getan werden? Gerade da fehlt man besonders leicht. Man ist zu langsam oder man fährt zu schnell zu. Man fährt rechts, wo man links |271 fahren sollte. Man redet grob, wo man fein, und fein, wo man grob reden sollte. Die Weisheit besteht eben nicht nur darin, daß man schweigt und wartet, und nicht nur darin, daß man den Augenblick ergreift, wo es eine Ausnahme geben kann, sondern auch darin, in diesem rechten Augenblick das Rechte zu ergreifen. Denn jeder Augenblick hat seinen besonderen Sinn, seine besondere Bedeutung. Wer ein Christ ist, der kann dieses Besondere aus solchen Augenblicken herausholen und fährt nicht daneben. Wie es im Prediger Salomo beschrieben ist, cap. 3,1-8. Aber auch das alles: das Ertragen der schlimmen Zeiten, das Auskaufen des rechten Augenblicks, das gute Treffen, wenn ein solches Ziel sich bietet - auch das alles ist nicht für jedermann. Sondern wer Ohren hat zu hören, der höre.

4. Und so steht es wohl auch mit dem, was Paulus über die rechte Freude sagt: Berauschet euch nicht mit Wein … Es ist ganz natürlich und recht, daß der Mensch sich freuen will. Er soll es auch. Der Trieb, uns zu freuen, ist auch ein Zeichen, daß wir zu Gott gehören. Aber in der Art, wie wir uns freuen, kommt es zum Vorschein, wer wir sind und wie wir mit Gott dran sind. Die Freude gehört auch zum Leben, aber indem wir uns freuen, kommen wir vorwärts oder rückwärts.

Entweder man hat die Freude nicht in sich, weil man sich nicht in einer Lebensbewegung befindet, dann muß man den Freudenrausch irgendwo außer sich suchen. «Im Wein», sagt Paulus. Man könnte heute auch sagen: im Vereinsleben, im Kinematograph, auf der Reitschule. Das sind ganz natürliche, begreifliche Vorgänge: was sie nicht haben, das müssen sie suchen. Aber Paulus hat recht: «es liegt etwas Heilloses darin», nicht im Wein an sich, aber darin, daß man die Freude im Wein und in den anderen Zerstreuungen suchen muß, weil man sie nicht in sich hat. Sie lachen, weil sie nicht fröhlich sind, sie schmücken sich, weil sie nicht schön sind, sie tanzen, weil sie keine Bewegung haben. Dieser böse Ursprung in der Gottlosigkeit gibt Vielem, was sich Freude nennt, so etwas Hohles, Leeres, Künstliches, Unbefriedigendes. Es ist keine Freude in dieser Freude. Es ist etwas von Grund aus Törichtes darin, wie der Prediger Salomo ein andermal sagt: Das Lachen der Narren ist wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen (7,6). Und auf den bösen Freudenrausch folgt die ebenso bittere Ernüchterung.

272 Es könnte auch anders sein: Man könnte die Freude auch in sich haben. Das ist das Christliche. Wer die Freude wirklich in sich hat, der ist eben darin auf dem christlichen Weg, auch wenn er es sonst noch nicht eben weit gebracht auf diesem Weg. Werdet des Geistes voll!, sagt Paulus. Das ist auch ein Freudenrausch, aber er kommt nicht von außen, sondern von innen, nicht grob, sondern fein, nicht aus der Welt, sondern aus der Tiefe Gottes. Wenn der Geist Raum gewinnt in uns, dann drängt er von selbst das Niedere, Dumpfe, Finstere zurück, das uns traurig macht, und tut die Quellen der Lust auf, die sonst nur verborgen in uns rauschen. Wer mit Gott an der Arbeit ist, nämlich an der Arbeit Gottes, der kann dann auch mit Gott feiern. Ein Herz, das gehorsam geworden ist, das kann dann auch spielen in Gott. Es braucht nicht zu laufen und zu kaufen [?], um Freude zu haben, es hat das Freudige-Schöne und Glänzende, es macht es sich selber. Es gibt manchmal solche Menschen, die es verstehen, sich und Anderen immer Festlein zu machen aus gar nichts, wie Gott die Welt geschaffen aus nichts. Die Kinder haben darin etwas besonders Christliches an sich, daß sie das können. |

«Redet zueinander … » Wir müssen dabei nun nicht gerade an das Gesangbuch denken. Es steht eben auch im Gesangbuch Vieles, was nicht gerade vom Geist eingegeben ist. Was aber von Gott eingegeben ist, was ein Mensch sagt oder tut, weil der Geist in ihm Raum hat, das ist Psalm, Gesang und Lied, das ist dem Herrn angenehm. Es ist Freude in dieser Freude. Man hat oft gesagt, im Himmel werde einmal ein ewiges Singen und Musizieren sein, und nur die Narren können behaupten, daß das langweilig werden könnte, weil sie nicht wissen, was schön und zwar ewig schön ist. Christen wissen es, und darum können sie sich schon jetzt und in der Trübsal von Herzen freuen. Wie merkwürdig können wir an diesen Freuden im Herzen vorbeilaufen [?], die uns so nahe liegen. Werdet des Geistes voll, dann könnt ihr lachen, dann seid ihr schön, dann habt ihr Unterhaltung, die nicht aufhört. Und noch einmal: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

5. Das letzte Wort für heute ist das schwerste: Danket dem Herrn immer und für Alles im Namen unseres Herrn Jesu Christi! Nicht wahr, das ist wirklich zu viel für uns. Da merken wir gar zu deutlich, daß wir nicht die Leute sind, die sich von Paulus können ermahnen |273 lassen. Da sehen wir aber auch, wo Alles herkommt und wo Alles hin will: Das Achtgeben und das Warten und das rechte Sich-Freuen, von dem wir heute gehört haben. Es ruht eben Alles auf dem Grunde des Dankens. «Immer und für Alles», sagt Paulus. Das ist’s eben, was wir nicht verstehen. Wir meinen, daß wir oft und für sehr Vieles nicht zu danken, sondern uns darüber zu beklagen haben. Wir fühlen uns oft so gefangen, so eingeschränkt, so unbefriedigend gestellt in unseren Verhältnissen, unter den Menschen, unter denen wir leben müssen, in unserem Beruf. Wir möchten mit den Wolken dann ziehen weit, weit weg von hier oder doch ein klein wenig in eine andere Lage, denken wir. Für was denn danken, wenn es uns doch nicht wohl ist? Da müßte es sich dann eben zeigen, ob wir das Christentum begriffen haben. Es ist recht, wenn wir die Gefangenschaft empfinden und eine brennende Sehnsucht nach Befreiung. Aber wir müssen die große Sehnsucht in uns aufnehmen an Stelle der kleinen Sehnsüchte. Bei allen Veränderungen, die wir jetzt fertig bringen, ist die große Sehnsucht, die dahinter steht, das Wertvolle; die Veränderungen selbst sind alle klein, und die Unzufriedenheit wird sich binnen Kurzem wieder einstellen, wenn wir nicht einmal zur Ruhe kommen in der großen Sehnsucht. Die große Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben von Gott her bringt uns mit Gott in Verbindung. Mit Gott kann man aber nicht in Verbindung sein, ohne ihn zu loben, ihm Recht zu geben, auch im Voraus, auch ohne scheinbaren Grund. Gottes Liebe zu uns ist auch grundlos. Und er ist auch jetzt schon Gott, wo wir noch nicht im Himmel sind. Darum müssen wir ihn auch schon im Voraus loben. Danken heißt Gott loben im Voraus. Wenn wir das begreifen, können wir es auch. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi können wir es. Er ist der offene Zugang zu Gott, immer und für Alles. Sollten wir wirklich nicht Ohren haben, das zu hören?7

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Lieder:
  • Nr. 6 «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren» von J. Neander, Strophen 1.2.5 (RG [1998] 242,1.2.5; EG 317,1.2.5 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 175 «Die Gnade sei mit allen» von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1-4.8 (Reichs-Lieder 640,1-3.-.6) 🎵

Sachfußnoten

1
Das Adjektiv «sogenannten» ist im Mskr. hier und in den beiden folgenden Sätzen zwischen den Zeilen nachgetragen.↩
2
«Kapellen» meint hier die Versammlungsräume der freikirchlichen, meist pietistischen Gemeinschaften.↩
3
J. Calvin, Commentarius in Epistulam Pauli ad Ephesios, in: Opera omnia, Vol. LI (CR LXXIX), Sp. 220 📖: «Debent igitur [sc. fideles], ac si in celeberrimo theatro essent, vivere: quia sub conspectu Dei et angelorum vivunt.»↩
4
= Waches, Wahrnehmungsfähiges.↩
5
= ein Gespür.↩
6
Mskr.: «auftun»; Korrektur vom Hrsg.↩
7
Auf dem freien Teil der letzten Mskr.-Seite findet sich folgende Bleistift-Notiz (Anlaß unbekannt):
Die Begründung des guten Willens
Der Ernst des Lebens
Die Weisheit der Zielbewußten
↩