Epheser 5,15-20
So gebt nun genau acht, wie ihr euren Wandel führt: nicht als Unweise, sondern als Weise! Kaufet den rechten Augenblick aus, denn es sind schlimme Zeiten. Darum werdet nicht unbesonnen, sondern lernet verstehen, was jeweilen der Wille des Herrn ist.
Und berauscht euch nicht mit Wein, denn darin ist etwas Heilloses, sondern werdet des Geistes voll. Redet zueinander in Psalmen, Gesängen und Liedern, wie sie der Geist eingibt, singet und musizieret in euren Herzen dem Herrn.
Danket Gott, dem Vater immer und für Alles im Namen unseres Herrn Jesu Christi.
1. Es ist nicht leicht, von der großen
Lebensweisheit zu reden, die in diesen Worten liegt, und es ist noch weniger leicht, sie
sich anzueignen und danach zu tun. Wir werden das noch deutlicher sehen bei den nächsten
Stellen, wo
Sie ist Weisheit für das Leben von Menschen, mit denen sich Gott
eingelassen hat und sie sich mit ihm. Andere Menschen können nichts damit
anfangen. Sie ist Weisheit für das Leben von Menschen, für die im Himmel gleichsam ein Interesse vorhanden ist, weil Gott etwas mit ihnen im Sinne
hat, weil er sie in Arbeit genommen hat. Das sind Menschen, in denen etwas weich geworden ist, weil sie tief erschrocken sind über sich und über die
Welt und sich erheben [?] durch ein Hoffnungslicht, das ihnen aufgegangen ist. Sie sind
in ein sehr ernstes Gericht gekommen, das ihnen alle Einbildungen
und Träume über ihr Verhältnis zu Gott genommen hat, und nun haben sie eigentlich Gott
gegenüber nur noch Respekt, Scheu, höchste Aufmerksamkeit wie
2.
So gebt nun genau acht, wie ihr euren Wandel führt!
Dieses Acht-Geben ist nicht das, was man sonst so nennt. Wir
geben z. B. sehr genau acht, uns durch das, was wir sagen und tun, keine Nachteile zuzuziehen, wir sind gewohnt, da sehr genau zu wachen.
Aber das ist hier nicht gemeint. Als
Christ muß man es wagen, manchmal einen offenkundigen Nachteil auf sich zu nehmen. Wir
geben acht, unsere Zwecke und Wünsche möglichst vollständig zu
erreichen. Mögen wir’s tun, aber das ist hier nicht gemeint. Im Gegenteil, wir müssen es
als Christen sehr oft riskieren, uns durch alle unsere Zwecke und Wünsche einen Strich
machen zu lassen. Wir geben acht, niemand vor den Kopf zu stoßen.
Das ist eine löbliche und vorsichtige Absicht, aber auch das ist hier nicht gemeint. Ein
Christ muß manchmal durch das, was er sagt und tut, die Leute vor den Kopf stoßen und
muß die Folgen hinnehmen. Es handelt sich um etwas Höheres. Wir können auch einmal das
Gleichnis vom Schauspieler gebrauchen (es soll aber nur ein
Gleichnis sein!): Es handelt sich darum, daß wir die Rolle, wie
man dort sagt, die uns übergeben ist, genau und getreu durchführen. Uns nicht stören lassen durch das, was die Anderen spielen und nicht
etwas zu spielen anfangen, was nur unserem eigenen Sinn und Geschmack entspricht, aber
nicht zum Ganzen paßt. Wer auf dem Theater einen König zu spielen hat, darf sich nicht
wie ein Bettler benehmen. Darin liegt die ganze Weisheit: Wissen, was
man ist und was Einem auf getragen ist, und dann sich selber und seiner Sache nicht untreu werden. Die Gefahr und die Versuchung ist nicht das
Böse, nicht das Schlechte, aber das Fremde, das, was uns nichts
angeht. Holzwege im Wald sind ja auch Wege, aber wer ein Ziel
erreichen möchte und sollte, darf sich auf Holzwege nicht einlassen. Das Fremde kann von anderen Menschen zu uns kommen, oder es kann in uns |269 selbst aufsteigen. Es ist und bleibt immer das Fremde, das,
was zu dem Göttlichen, das uns aufgetragen ist, nicht paßt - was
sich für Heilige nicht schickt, wie
3.
«Kaufet den rechten Augenblick aus, denn es sind schlimme Zeiten.
Darum werdet nicht unbesonnen, sondern lernet verstehen, was jeweilen der Wille des
Herrn ist.» Da hören wir, daß die christliche Lebensweisheit etwas ganz besonders
Merkiges4, Gelehriges,
Aufmerksames ist. Vor Allem müssen wir merken, daß die Zeiten im Allgemeinen schlimme Zeiten sind. Die Erde steht jetzt unter einem Schatten, unter einem Fluch. Der Mensch ganz besonders befindet
sich in einer Gefangenschaft, die jetzt noch nicht aufgehoben
ist. Die Befreiung bahnt sich erst an, die in Christus einst kommen soll. Gewisse kleine
Verbesserungen und Veränderungen sind auch in diesen schlimmen
Zeiten möglich. Aber von dem Guten, auf das ein Christ hofft,
will sich oft während langer Stunden, Tage und Jahre nichts zeigen. Es ist und bleibt
dann Alles irdisch unvollkommen. Man muß merken, daß das so ist und so
sein muß. Alle christlichen Grundsätze und aller gute Wille kann nichts daran
ändern, bis der Tag anbricht, an dem Gott an diesem Zustand etwas
ändert. Unser Leben kann also nur |270 ein Hinzielen und Vorbereiten auf diesen Tag der Veränderung sein, unterdessen ist
es ein Tragen und Ertragen eines Zustandes, der nun eben durch Gott aufgehoben werden
muß. Im Winter kann man mit seltenen Ausnahmen keine Blumen
blühen sehen. Es gibt aber solche Ausnahmen, sagt
Das ist das zweite, was wir merken müssen: daß es solche besonderen Augenblicke gibt mitten in den schlimmen Zeiten. Die müssen wir dann auskaufen, das heißt, Alles dransetzen, damit wir dann auch bekommen, was sie uns zu bieten haben. Wir sind wie in einer belagerten Stadt, wo man im Allgemeinen Hunger leiden muß. Dann und wann aber bietet sich eine günstige Gelegenheit. Dann muß man nicht länger geduldig warten, sondern rasch zugreifen. Wenn wir merkiger wären diesen vorlaufenden Strahlen Gottes gegenüber, in dieser Stunde, wo es gilt zuzugreifen, wir könnten mehr ewiges Licht haben schon im jetzigen Dunkel, wir würden uns dann auch ruhiger darein finden, daß das Dunkel wirklich nur durch das ewige Licht gehoben [?] werden kann. Und dann, in diesen besonderen Augenblicken gilt es, besonnen zu sein und zu verstehen, was da jeweilen der Wille des Herrn ist. |
Das ist das dritte, für das wir einen Merks5
bekommen müssen. Was dann nehmen, wenn sich uns oft für einen
Augenblick der ganze Reichtum Gottes auftut6? Was dann sagen, wenn einmal etwas gesagt
werden könnte? Was dann tun, wenn wir merken: nun könnte einmal
etwas getan werden? Gerade da fehlt man besonders leicht. Man ist zu langsam oder man fährt zu schnell zu. Man fährt rechts,
wo man links |271 fahren sollte. Man redet grob, wo man fein,
und fein, wo man grob reden sollte. Die Weisheit besteht eben
nicht nur darin, daß man schweigt und wartet, und nicht nur darin, daß man den
Augenblick ergreift, wo es eine Ausnahme geben kann, sondern auch darin, in diesem
rechten Augenblick das Rechte zu ergreifen. Denn jeder Augenblick hat seinen besonderen Sinn, seine besondere
Bedeutung. Wer ein Christ ist, der kann dieses Besondere aus solchen Augenblicken herausholen und fährt nicht daneben. Wie es im Prediger
4. Und so steht es wohl auch mit dem, was
Entweder man hat die Freude nicht in sich, weil man sich nicht
in einer Lebensbewegung befindet, dann muß man den Freudenrausch irgendwo außer sich suchen. «Im Wein», sagt Paulus. Man könnte heute auch
sagen: im Vereinsleben, im Kinematograph, auf der Reitschule. Das sind ganz natürliche,
begreifliche Vorgänge: was sie nicht haben, das müssen sie
suchen. Aber Paulus hat recht: «es liegt etwas Heilloses darin», nicht im Wein an
sich, aber darin, daß man die Freude im Wein und in den anderen Zerstreuungen suchen muß, weil man sie nicht in sich hat. Sie
lachen, weil sie nicht fröhlich sind, sie schmücken sich,
weil sie nicht schön sind, sie tanzen, weil sie keine Bewegung haben. Dieser böse Ursprung in
der Gottlosigkeit gibt Vielem, was sich Freude nennt, so etwas
Hohles, Leeres, Künstliches, Unbefriedigendes. Es ist keine
Freude in dieser Freude. Es ist etwas von Grund aus Törichtes darin, wie der Prediger Salomo ein andermal sagt: Das Lachen der
Narren ist wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen (
272 Es könnte auch anders sein: Man könnte die Freude auch in sich haben. Das ist das
Christliche. Wer die Freude wirklich in sich hat, der ist eben darin auf dem
christlichen Weg, auch wenn er es sonst noch nicht eben weit gebracht auf diesem Weg.
Werdet des Geistes voll!, sagt
«Redet zueinander … » Wir müssen dabei nun nicht gerade an das Gesangbuch denken. Es steht eben auch im Gesangbuch Vieles, was nicht gerade vom Geist eingegeben ist. Was aber von Gott eingegeben ist, was ein Mensch sagt oder tut, weil der Geist in ihm Raum hat, das ist Psalm, Gesang und Lied, das ist dem Herrn angenehm. Es ist Freude in dieser Freude. Man hat oft gesagt, im Himmel werde einmal ein ewiges Singen und Musizieren sein, und nur die Narren können behaupten, daß das langweilig werden könnte, weil sie nicht wissen, was schön und zwar ewig schön ist. Christen wissen es, und darum können sie sich schon jetzt und in der Trübsal von Herzen freuen. Wie merkwürdig können wir an diesen Freuden im Herzen vorbeilaufen [?], die uns so nahe liegen. Werdet des Geistes voll, dann könnt ihr lachen, dann seid ihr schön, dann habt ihr Unterhaltung, die nicht aufhört. Und noch einmal: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
5. Das letzte Wort für heute ist das schwerste: Danket dem Herrn immer und für Alles im Namen unseres Herrn Jesu Christi! Nicht
wahr, das ist wirklich zu viel für uns. Da merken wir gar zu
deutlich, daß wir nicht die Leute sind, die sich von Paulus können ermahnen |273 lassen. Da sehen wir aber auch, wo Alles
herkommt und wo Alles hin will: Das Achtgeben und das Warten und das rechte Sich-Freuen,
von dem wir heute gehört haben. Es ruht eben Alles auf dem Grunde des Dankens. «Immer und für Alles», sagt
- Nr. 6 «Lobe den Herren, den mächtigen König
der Ehren» von
J. Neander , Strophen 1.2.5 (RG [1998] 242,1.2.5; EG 317,1.2.5 mit Textabweichungen) - Nr. 175 «Die Gnade sei mit allen» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1-4.8 (Reichs-Lieder 640,1-3.-.6)