13. Juli 1919

Epheser 5,3-14

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Epheser 5,3-14

Unzucht aber und alle Unreinheit oder Habsucht soll, wie es sich Heiligen geziemt, nicht einmal in euren Worten vorkommen, auch kein Geschimpfe und weder grobes noch feines Geschwätz, weil das für euch nicht paßt - wohl aber das Danken. Denn das merkt euch und begreift es: kein Unzüchtiger, Unreiner oder Habsüchtiger, welcher ist ein Götzendiener, hat Anrecht am Reiche Christi und Gottes.

Da soll euch Keiner darüber täuschen mit schönen Redensarten: Wegen solcher Dinge kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Werdet nur nicht ihre Genossen! Denn ihr waret einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn. So wandelt als Kinder des Lichts - das Licht hat seine Früchte in Allem, was gut, recht und wahr ist - und bekommt ein Gefühl für das, was dem Herrn wohlgefällig ist.

Und nehmt nicht Teil an dem unfruchtbaren Tun der Finsternis, weist es vielmehr offen zurück! Was im Verborgenen von ihnen getrieben wird, ist ja wohl schandbar, auch nur zu sagen. Aber wenn es offen zurückgewiesen wird, so wird es vom Lichte aufgehellt - und Alles, was aufgehellt wird, wird damit selbst Licht. Darum heißt es: Wache auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!

1. Wenn wir’s anfangen zu merken, daß Gott ein strenger Herr ist, so wollen wir uns darüber freuen als über eine große Gnade. Peinlich ist’s, wenn wir das Leben für eine höchst einfache Sache halten und gar nicht gewahr werden, in welcher Finsternis wir uns eigentlich befinden - wenn dagegen Licht in unsere Augen kommt, so daß wir wenigstens gewahr werden, daß unser Leben wirklich Finsternis ist, dann ist das nicht peinlich, sondern sehr erfreulich. Ein Unglück ist’s, wenn unsere Gerechtigkeit noch steif und gerade dasteht und wenn wir darum meinen, mit etwas Verstand und gutem Willen oder auch mit einigen frommen Gedanken und Rührungen könnten wir unseren Weg getrost gehen - wenn uns dagegen das Rückgrat einmal gebrochen wird und wir merken müssen: Alles, Alles, was ich gedacht und getan habe und denke und tun werde, das genügt nicht, das befriedigt nicht, das führt zu keinem Ziel, dann ist das kein Unglück, sondern das größte Glück, das uns widerfahren kann. Schlimm ist’s, wenn wir denken, es sei leicht, es Gott recht zu machen. Gott sei ja doch nur ein |257 klein wenig mehr als das, was man sonst Anstand und Moral heißt, und soviel würden wir schon auch fertig bringen, - wenn wir dagegen gewahr werden, wie groß Gott ist, wie unendlich weitgreifend seine Sache, wie hoch seine Ziele, wie wichtig unsere treue und exakte Mitarbeit, wenn wir gewahr werden, was das eigentlich heißt: Gott treu sein, und darüber erschrecken, dann ist das nicht schlimm, sondern sehr hoffnungsvoll. Wir sollten Gott loben und preisen, wenn wir einmal um diese Ecke gesehen haben. Es ist schade, daß wir uns so gewaltig dagegen sträuben, uns dahin bringen zu lassen. Es ist schade, daß wir uns oft, wenn wir schon dort waren, so unaufrichtig die Augen verschlossen vor der Wahrheit und dann natürlich nicht sahen, was dort zu sehen war. Es ist schade, daß so viele Betrübte, Gedrückte, Kranke, die eigentlich dieser Gnade ganz nahe waren, sich so gar nicht wollen sagen lassen, daß jetzt ihre gute Stunde angebrochen sei. Es ist schade, daß wir so oft schon ganz tief beunruhigt, ergriffen, erschüttert waren, ganz voll von der heilsamen Frage nach Gott - daß wir es dann doch wieder fertig brachten, auf irgend einem Weg oder Weglein zurückzufliehen in die vorige Sicherheit und Bequemlichkeit und Einfachheit. Es ist schade, nein, es ist nicht nur Schade, sondern es ist ein großer Jammer, daß es so ist. Denn das ist das große Hindernis zwischen uns und Gott, das viele Klarheiten, viele Hilfen, Erleichterungen und Siege, die wir jetzt schon haben könnten, unmöglich macht. Das ist auch das große Hindernis zwischen Gott und der Welt. Gott wollte und könnte unserer armen Welt ganz anders der barmherzige, starke, bewegende Gott sein. Aber einer Welt voll ungebrochener, unerschütterter, unzerknirschter Menschen kann er es immer noch nicht sein. Wenn wir’s merken und aufrichtig dabei bleiben, daß Furcht und Zittern das uns Geziemende ist dem Leben und Gott gegenüber, dann fängt das Leben an. Wenn du mich demütigst, machst du mich groß [Ps. 18,36], und: welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er [Hebr. 12,6].

Menschen, die in großer Gottesferne sind, können es leicht nehmen. Menschen, die Gott nicht brauchen kann, können es sich mit Gott bequem machen. Menschen, die vor dem Licht und vor der Kraft Gottes sicher sind, können ihre Sicherheit haben und behalten. Wir sollten sie nicht beneiden. Wir sollten Gott danken, wenn wir diesen Vorzug nicht mehr haben. - Wenn uns das Leben schwer wird, so ist es |258 ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, der sich uns zuwendet. Wenn wir ratlos und verlegen dastehen vor der Heiligkeit und Erhabenheit des Guten, so ist es ein Zeichen, daß Gott etwas mit uns im Sinn hat. Wenn viel von uns gefordert wird, so ist es ein Zeichen, daß uns viel gegeben ist [vgl. Lk. 12,48]. Wenn wir seufzen, wenn gerade wir heute seufzen müssen: wie soll es nur möglich sein, daß es für uns, für unser Geschlecht, für unsere Zeit und nächste Zukunft Licht geben soll nach all dem Dunkel, Heil in all das Unheil hinein, wenn wir klagen möchten, daß wir überall nur das Unmögliche sehen, so ist das ein Zeichen, daß gerade uns und unserem Geschlecht und unserer Zeit der Schatz der göttlichen Wahrheit und Liebe näher gelegt ist als mancher früheren, damit wir treu und sorgfältig damit umgehen, wie wir’s am letzten Sonntag gehört haben1. Paulus hat davon so ernst und streng mit den Ephesern geredet, weil er sie als Leute ansah, die in dieser besonderen Gnade Gottes stehen. Wenn er nicht so groß von ihnen denken würde, wenn er es ihnen nicht zutrauen würde, daß sie schon in die Hand Gottes gefallen seien, dann würde er vielleicht weniger scharf mit ihnen reden. Wenn man in Gott miteinander verbunden ist, dann kann man eben scharf miteinander reden. Darum haben schon die Propheten Israels streng und hart mit ihrem Volk geredet, während die Heiden einander immer merkwürdig zahm angefaßt haben. Im Frieden Gottes kann man offen und unzweideutig miteinander sein; wenn wir das noch nicht können, so ist es nur ein Zeichen, daß wir den Frieden Gottes noch nicht recht kennen. Im Frieden Gottes muß man sogar so streng reden, wie Paulus hier und andere Male getan hat. Denn da handelt es sich um Gott und nicht um die Menschen. Auf ihn muß man Rücksicht nehmen und nicht auf sie. Er will rein sein bei den Reinen und heilig bei den Heiligen, darum darf man da kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern muß Alles beim Namen nennen, die Unzucht und das Geschwätz und die Habsucht und die Finsternis, und es wird doch kein Zank und kein Rechthaben daraus. Denn alle die Menschen, die sich das sagen lassen müssen, werden doch vor Allem zu Gott gerechnet, bevor sie getadelt und gewarnt werden, und alles Tadeln und Warnen ist gleichsam eingebettet in die Gnade Gottes, in der sie alle stehen, der Apostel und die Epheser. Er sagt ihnen |259 nichts Fremdes, sondern nur ihr Eigenes. Nichts gegen sie, sondern Alles für sie. Nichts, das ihren Herzen weh tun könnte, sondern Alles aus ihren eigenen Herzen heraus. Und so ist’s bei allem Ernst doch eine ernste Freundlichkeit und ein freundlicher Ernst, in dem Alles gesagt ist. Wenn wir uns vor Gott beugen, können wir es auch fassen und uns sagen lassen.

2. Es ist z. B. ernst und streng geredet, wenn Paulus sagt, daß kein Unzüchtiger, Unreiner und Habsüchtiger Anrecht habe am Reich Christi und Gottes. Es ist streng geredet, wenn er die Habsucht noch besonders hervorhebt und Götzendienst nennt, als ob er darauf hinweisen wollte, daß es sich da um etwas in der Welt sehr Anständiges und Anerkanntes handle, das aber durchaus gegen Gott sei. Es ist streng geredet, wenn er fordert: Diese Sünden sollen nicht einmal in euren Worten vorkommen. Es ist streng geredet, wenn er alles Geschimpfe und alles grobe und feine Geschwätz rundweg verbietet. Da erschrickt man und denkt: wer kann da selig werden [vgl. Mk. 10,26 par.]? Da möchte man sich seine Freiheit nehmen, das Böse nicht ganz so bös zu nennen. Da möchte man sich die Erlaubnis sichern, wenigstens ausnahmsweise einen kleinen Ausflug in das Reich des Bösen unternehmen zu dürfen, wenn es sich schickt. Da möchte man sich verwahren dagegen, daß Habsucht Götzendienst sei, wo man doch überall die Habsucht am Werke sieht. Da möchte man disputieren und fragen, was denn gerade auf dem schwierigen Gebiet zwischen Mann und Weib gut und böse, erlaubt und unerlaubt sei. Da möchte man sich mindestens das Recht sichern, das Böse wenigstens in der Form zu genießen, daß man daran denkt und darüber redet und reden hört, wie Andere es tun. Da möchte man sich wenigstens das unreine Geschwätz, mit dem ja noch nichts Unreines getan ist, nicht verbieten lassen. Paulus hat auf das alles nichts zu antworten - und dies ist eben der Ernst der Lage zwischen ihm und den Christen in Ephesus - nur das Eine: es paßt nicht für euch, es ziemt sich nicht für Heilige. Das ist hart und scharf abgeschnitten. Der Weg des Guten geht geradeaus. Links und rechts sind Mauern, wer ausweichen will, der rennt an. Nicht wahr, wir spüren es, wie wir hart anrennen, eigentlich fast in allen Punkten. Als Außenstehende möchten wir in einem gewissen lüsternen Freiheitssinn, der dem eigenen Gutdünken und Willen die |260 Zügel schießen lassen möchte, fragen: Warum paßt es für uns nicht? Darum, antwortet Paulus, darum, weil ihr Heilige seid, nicht Vollkommene, nicht Vortreffliche, Sünder sogar, höchst Unvollkommene, aber Heilige, Menschen, die Gott lieb hat, erwählte und berufene Menschen, Menschen, mit denen sich Gott eingelassen, denen er etwas anvertraut hat. Weil ihr seid, was ihr seid, darum paßt es nicht für euch. Ihr seid eben keine Außenstehenden, ihr könnt keine eigene Sache mehr haben neben der Sache Gottes, keinen eigenen Willen neben seinem Willen. Eure Freiheit heißt Gehorsam, euer Recht ist das Gute, eure Freude das Gesetz eures Herrn. Ihr könnt nicht das Böse wollen. Ihr seid dagegen wie [?] abgesperrt und abgeriegelt. Das Böse ist euch in jeder Form etwas Unmögliches. Tut nicht das Unmögliche! Sollte ich euch zu nahe treten, etwas Unmögliches von euch fordern, wenn ich euch sage, ihr sollt nicht tun, was euch unmöglich ist? Seht, so ist das Ernste und Strenge, was er ihnen sagt, zugleich das Allerfreundlichste, was er ihnen sagen könnte. Er will es ihnen eben einfach nicht zutrauen, daß sie von sich aus das Böse wollen könnten, er sieht sie sofort und zuerst mit Gott in Verbindung. Darum redet er ihnen so scharf über das Böse, von dem sie die Finger lassen müßten. Und das ist zwischen ihnen keine Phantasie, keine Übertreibung. Gott ist eben zwischen ihnen gegenwärtig. Er müßte Gott einen Lügner heißen, wenn er anders mit ihnen reden wollte. So macht er sie im Namen Gottes groß, indem er sie demütigt, und fügt darum das schöne Wort hinzu, daß sie statt allem Geschimpf und Geschwätz doch lieber danken sollten, danken dafür, daß Gott so groß ist, danken dafür, daß sie sind, was sie sind, danken dafür, daß durch den Heiland so ein starker Riegel gegen das Böse geschoben ist. Das Danken wäre die stärkste Waffe gegen die Sünde und gegen unsere listigen Gründe, vom geraden Weg abzuweichen. Danken heißt sich erinnern an das, was wir haben und sind. Das schützt uns gegen die Versuchung und gegen die Meinung, Gott sei zu streng und verlange zu viel. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat [Ps. 103,2].

3. Auch das ist streng geredet, wenn es uns da so strikt verwehrt wird, mit den Kindern des Ungehorsams Gemeinschaft und Genossenschaft zu pflegen, am gleichen Seil zu ziehen, die gewöhnlichen Wege |261 und Methoden der Welt mitzumachen. Es ist streng geredet, wenn wir da so eindringlich gewarnt werden vor den schönen Redensarten, mit denen wir nur wieder unter den Zorn Gottes kommen. Denn die schönen Redensarten, die er da meint, sind wirklich schön. Sie lauten etwa so: Man muß doch, weil man in der Welt lebt, sich auch der Welt anpassen. Wenn man z. B. sieht, daß Alle ein wenig lügen, so muß man auch ein wenig mitlügen, nicht gerade mehr als die Anderen, aber doch soviel, um nicht in Nachteil zu kommen. Wenn man sieht, daß fast niemand ganz ehrlich versteuert, muß man’s auch nicht tun. Wenn man sieht, daß man nicht gehört und verstanden wird, wenn man fein und bescheiden redet, muß man auch grob werden und auf den Tisch schlagen. Wenn man sieht, wie schlau die Leute sind, muß man auch schlau werden. Und dann läßt sich ja das Göttliche immer noch mit dem Weltlichen vereinigen, indem man ihm neben den vielen anderen Halbheiten auch noch irgendwo einen halben Platz in seinem Leben einräumt. Man könnte das alles auch schön sagen, aber das sind die schönen Redensarten, die Paulus gemeint hat. Er hat auch darauf nichts zu antworten. Vielleicht würde er antworten: Es mag wohl sein, daß man sich anpassen muß, oft gar nicht anders kann, oft ganz willenlos, fast unwissentlich mittreibt in der Genossenschaft der Kinder des Ungehorsams. Aber das geht uns hier nichts an!, würde er fortfahren. Es bleibt dabei: um solcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes auf sie - und auf euch, wenn ihr es ihnen gleich tut. Um solcher Dinge willen ist kein Friede und keine Freude in der Welt. Um solcher Dinge willen haben wir es so schwer im Leben. Es bleibt dabei, und es trifft auch euch, ob ihr’s nicht anders wollt oder nicht könnt bei eurem Mitmachen. Rechnet damit, daß man auf den Weltwegen und mit den Weltmethoden immer ins Unheil läuft. |

Aber etwas Anderes geht uns hier an. Neben dem, daß ihr auch noch Finsternis seid und in der Finsternis wandelt, seid ihr doch schon auch Kinder des Lichts. Das Licht besteht darin, daß man mit Gott immer auch anders kann, anders als die Anderen. Vielleicht nur ein klein wenig anders, versucht’s nur einmal damit, nehmt nur das einmal ernst. Redet nicht so viel und so wichtig über das, was ihr müßt von der Welt aus, sondern besinnt euch einmal ernstlich über das, was ihr könnt von Gott aus. Wandelt als Kinder des Lichts! Seht, wie da wieder aus dem Strengen, Ausschließlichen auf einmal das Freundliche |262 wird. Es handelt sich gar nicht um das, was wir allenfalls auch noch mitmachen müssen, weil wir in der Welt sind, wie ja auch der Heiland gesagt hat: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist! Es handelt sich um das, was man schon kann: Gott geben, was Gottes ist [Mk. 12,17 par.]. Ein Gefühl bekommen für den Willen Gottes, einen feinen Tastsinn und Geruchssinn, daß man’s wagt, neben dem vielen mitlaufenden Weltlichen jedenfalls auch einen eigenen neuen Weg anzutreten, zu merken, was nötig ist und was man unterlassen kann und soll. Fragt nicht: wie weit kann ich gehen mit der Welt?, sondern: wie weit mit Gott? Ihr könnt das. Es ist etwas Eigenes, Neues schon in euch. Wagt es nur, damit anzufangen. Die Welt ist noch groß und stark genug in euch und um euch, ihr braucht ihr nicht zu helfen, sie nicht zu rechtfertigen. Wandelt ihr als Kinder des Lichts, die ihr seid und soviel ihr’s schon seid. Wenn doch wir Christen nur schon Christen wären, so weit wir’s aufrichtig sein können, es wäre schon Vieles geholfen.

4. Und noch einmal scheint es uns streng geredet, man müsse nicht nur selbst anfangen, anders zu sein als die Anderen, sondern es auch bei den Anderen offen zurückweisen, also den Kampf von Licht und Finsternis auch in der Welt aufnehmen, das Böse beim Namen nennen und dagegen protestieren und so eigentlich Gott helfen bei seiner Arbeit. Wenn man daran denkt, wie schwierig das ist, das in der rechten Weise zu tun, wie ungern man sich selber etwas sagen läßt, geschweige denn Andere, wie leicht man da durch eigene Ungeschicklichkeit Alles verdirbt beim besten Willen, dann steht man da erst recht vor der riesenhaft großen Aufgabe des christlichen Lebens. Da werden sich schon damals Manche gesagt haben: das ist nichts für mich, das mögen Andere tun, die es können und mögen und dürfen. Was gehen mich die Anderen an? Was geht mich die Welt an? Und wie schwer es uns fällt, dem Ernst dieser christlichen Pflicht nachzukommen, die Wahrheit zu sagen und zwar nicht nur, wie es uns paßt und wie wir damit groß tun können, sondern wie wir sie wissen und wie es nötig ist - das wißt ihr selbst. Nun, wir mögen auch hier unsere Ausreden und Gründe aufeinanderbauen, so hoch wir wollen, wir kommen dem Paulus gegenüber doch nicht weiter, als daß er uns sagt, daß Licht Licht ist, und Licht muß leuchten. Und wenn die Welt Ja sagt, so mußt du Nein sagen, und wenn sie Nein sagt, so mußt du Ja sagen, weil du bist, was |263 du bist, ein Erlöster Jesu Christi. Die Forderung bleibt stehen in ihrer ganzen Größe. Schweigende Christen sind keine Christen. Sieh wohl zu, ob die Gründe, die du zu deinem Schweigen hast, nicht sehr menschliche, weltliche Gründe sind! Du sagst: man hört doch nicht auf mich! Ja, hast du’s denn schon versucht? Es ist merkwürdig, wie die Welt manchmal hört, wenn das Rechte gesagt wird, aber es muß eben gesagt werden. Du sagst: ich bin nur eine Frau! Ja, weißt du denn, was Frauen schon ausgerichtet haben, wenn sie ihren Männern in aller Liebe das Bessere sagten, das sie vielleicht wußten? Du sagst: man wird doch nicht fertig! Ja, aber das ist kein Grund, nicht trotzdem einmal anzufangen, Gott macht dann schon fertig. Wenn die Christen nicht so viel geschwiegen hätten, wo sie hätten reden sollen, Gott hätte längst fertig machen können. Die Finsternis wartet darauf, Licht zu werden. Es braucht oft wirklich nur ein offenes, ehrliches Wort, so wird sie es. Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten! So müßten die Christen zur Zeit und zur Unzeit [vgl. 2.Tim. 4,2] laut hineinrufen in die Welt. Ob’s vernommen wird - wie’s aufgenommen wird, das geht uns wiederum nichts an. Aber daß wir rufen müssen, das geht uns etwas an. Und auch da ist das Strenge gerade wieder das Freundliche. Freuen wollen wir uns darüber, daß mehr von uns verlangt ist als das Gewöhnliche. Wir sollen eben auch keine gewöhnlichen Leute sein. Etwas Festliches müßte man jedem Menschen anspüren, dem so Großes anvertraut ist. Du bist nicht nur du, du bist auch Licht, vielleicht ein kleines Licht, aber Licht, und das ist genug. Freu dich darüber und sei Licht! Die rechte Freudigkeit über das, was uns gegeben ist, gibt uns den Mut, die Wahrheit auszusprechen.

5. Seht, wir können nur durch den Heiland glückliche Menschen werden. So tief gedemütigt und so hoch erhoben. So streng gehalten und so freundlich geleitet. So gefangen und so frei. Wir müßten nur einsehen [?], wie immer Beides zusammenhängt. Nicht stecken bleiben im Einen, sondern uns führen lassen vom Einen zum Anderen. Dazu muß aber unser Herz weich und zerknirscht und beweglich werden. Es ist etwas Großes um einen folgsamen, lenksamen Geist! Dann geht uns das Licht auf in unserem Leben, und die dunkle Welt bleibt dann nicht dunkel. Denn die Christen sollten die Welt nicht anklagen. Die Welt wartet auf die Christen.

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Lieder:
  • Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erde» von H. Albert, Strophen 1-3 (RG [1998] 566,1-3; EG 445,1-3; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 298 «Mache dich, mein Geist, bereit» von J. B. Freystein, Strophen 1.3.6 (GERS [1952] 302,1.3.5; EG 387,1.-. 3) 🎵