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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 5,3-14</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 5,3-14, 13. Juli 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39033 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 264.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 5,3-14</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">264</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">33</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 5,3-14, 13. Juli 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1917">KBA 1460</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-07-13">13. Juli 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>478</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-07-13">13. Juli 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.3 Eph.5.14">Epheser 5,3-14</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Unzucht aber und alle Unreinheit oder Habsucht
                    soll, wie es sich Heiligen geziemt, nicht einmal in euren Worten vorkommen, auch
                    kein Geschimpfe und weder grobes noch feines Geschwätz, weil das für euch nicht
                    paßt - <hi rend="spaced">wohl aber das Danken</hi>. Denn das merkt euch und
                    begreift es: kein Unzüchtiger, Unreiner oder Habsüchtiger, welcher ist ein
                    Götzendiener, hat Anrecht am Reiche Christi und Gottes.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Da soll euch Keiner darüber täuschen mit schönen
                    Redensarten: Wegen solcher Dinge kommt der Zorn Gottes über die Kinder des
                    Ungehorsams. Werdet nur nicht ihre Genossen! Denn ihr waret einst Finsternis,
                    jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn. So wandelt als Kinder des Lichts - das
                    Licht hat seine Früchte in Allem, was gut, recht und wahr ist - und <hi rend="spaced">bekommt ein Gefühl</hi> für das, was dem Herrn wohlgefällig
                    ist.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Und nehmt nicht Teil an dem unfruchtbaren Tun der
                    Finsternis, <hi rend="spaced">weist es vielmehr offen zurück!</hi> Was im
                    Verborgenen von ihnen getrieben wird, ist ja wohl schandbar, auch nur zu sagen.
                    Aber wenn es offen zurückgewiesen wird, so wird es vom Lichte aufgehellt - und
                    Alles, was aufgehellt wird, wird damit selbst Licht. Darum heißt es: Wache auf,
                    du Schläfer, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus
                  erleuchten!</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Wenn wir’s anfangen zu merken, daß <hi rend="italic">Gott ein
              strenger Herr</hi> ist, so wollen wir uns darüber freuen als über eine große Gnade.
            Peinlich ist’s, wenn wir <hi rend="italic">das Leben</hi> für eine höchst einfache Sache
            halten und gar nicht gewahr werden, in welcher Finsternis wir uns eigentlich befinden -
            wenn dagegen Licht in unsere Augen kommt, so daß wir wenigstens gewahr werden, daß unser
            Leben wirklich Finsternis ist, dann ist das nicht peinlich, sondern sehr erfreulich. Ein
            Unglück ist’s, wenn <hi rend="italic">unsere Gerechtigkeit</hi> noch steif und gerade
            dasteht und wenn wir darum meinen, mit etwas Verstand und gutem Willen oder auch mit
            einigen frommen Gedanken und Rührungen könnten wir unseren Weg getrost gehen - wenn uns
            dagegen das Rückgrat einmal gebrochen wird und wir merken müssen: Alles, Alles, was ich
            gedacht und getan habe und denke und tun werde, das genügt nicht, das befriedigt nicht,
            das führt zu keinem Ziel, dann ist das kein Unglück, sondern das größte Glück, das uns
            widerfahren kann. Schlimm ist’s, wenn wir denken, es sei leicht, <hi rend="italic">es
              Gott recht</hi> zu machen. Gott sei
            ja doch nur ein <pb ed="pga" xml:id="p257"/> klein wenig mehr als das, was man sonst
            Anstand und Moral heißt, und soviel würden wir schon auch fertig bringen, - wenn wir
            dagegen gewahr werden, wie groß Gott ist, wie unendlich weitgreifend seine Sache, wie
            hoch seine Ziele, wie wichtig unsere treue und exakte Mitarbeit, wenn wir gewahr werden,
            was das eigentlich heißt: Gott treu sein, und darüber erschrecken, dann ist das nicht
            schlimm, sondern sehr hoffnungsvoll. Wir sollten Gott loben und preisen, wenn wir einmal
            um diese Ecke gesehen haben. <hi rend="italic">Es ist schade,</hi> daß wir uns so
            gewaltig dagegen <hi rend="italic">sträuben</hi>, uns dahin bringen zu lassen. Es ist
            schade, daß wir uns oft, wenn wir schon dort waren, so unaufrichtig die Augen <hi rend="italic">verschlossen</hi> vor der Wahrheit und dann natürlich nicht sahen, was
            dort zu sehen war. Es ist schade, daß so <hi rend="italic">viele Betrübte</hi>,
            Gedrückte, Kranke, die eigentlich dieser Gnade ganz nahe waren, sich so gar nicht wollen
            sagen lassen, daß jetzt ihre gute Stunde angebrochen sei. Es ist schade, daß wir so oft
            schon <hi rend="italic">ganz tief beunruhigt</hi>, ergriffen, erschüttert waren, ganz
            voll von der heilsamen Frage nach Gott - daß wir es dann doch wieder fertig brachten,
            auf irgend einem Weg oder Weglein zurückzufliehen in die vorige Sicherheit und
            Bequemlichkeit und Einfachheit. Es ist schade, nein, es ist nicht nur Schade, sondern es
            ist ein großer <hi rend="italic">Jammer</hi>, daß es so ist. Denn das ist das große
            Hindernis <hi rend="italic">zwischen uns und Gott</hi>, das viele Klarheiten, viele
            Hilfen, Erleichterungen und Siege, die wir jetzt schon haben könnten, unmöglich macht.
            Das ist auch das große Hindernis <hi rend="italic">zwischen Gott und der Welt.</hi> Gott
            wollte und könnte unserer armen Welt ganz anders der barmherzige, starke, bewegende Gott
            sein. Aber einer Welt voll ungebrochener, unerschütterter, unzerknirschter Menschen kann
            er es immer noch nicht sein. Wenn wir’s merken und aufrichtig dabei bleiben, daß <hi rend="italic">Furcht und Zittern</hi> das uns Geziemende ist dem Leben und Gott
            gegenüber, dann <hi rend="italic">fängt das Leben</hi> an. Wenn du mich demütigst,
            machst du mich <hi rend="italic">groß</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.18.36">Ps. 18,36</ref>], und: welchen der Herr <hi rend="italic">lieb</hi>
            hat, den züchtiget er [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.6">Hebr. 12,6</ref>].</p>
          <p>Menschen, die in großer <hi rend="italic">Gottesferne</hi> sind, können es leicht
            nehmen. Menschen, die <hi rend="italic">Gott nicht brauchen kann</hi>, können es sich
            mit Gott bequem machen. Menschen, die <hi rend="italic">vor dem Licht und vor der Kraft
              Gottes sicher</hi> sind, können ihre Sicherheit haben und behalten. Wir sollten sie
              <hi rend="italic">nicht</hi> beneiden. Wir sollten <hi rend="italic">Gott danken</hi>,
            wenn wir diesen Vorzug nicht mehr haben. - Wenn uns <hi rend="italic">das Leben
              schwer</hi> wird, so ist es <pb ed="pga" xml:id="p258"/> ein Zeichen der
            Barmherzigkeit Gottes, der sich uns zuwendet. Wenn wir <hi rend="italic">ratlos und
              verlegen</hi> dastehen vor der Heiligkeit und Erhabenheit des Guten, so ist es ein
            Zeichen, daß Gott etwas mit uns im Sinn hat. Wenn <hi rend="italic">viel von uns</hi>
            <hi rend="italic">gefordert</hi> wird, so ist es ein Zeichen, daß uns viel gegeben ist
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.48">Lk. 12,48</ref>]. Wenn <hi rend="italic">wir seufzen</hi>, wenn gerade wir heute seufzen müssen: wie soll es nur
            möglich sein, daß es für uns, für unser Geschlecht, für unsere Zeit und nächste Zukunft
            Licht geben soll nach all dem Dunkel, Heil in all das Unheil hinein, wenn wir klagen
            möchten, daß wir überall nur das Unmögliche sehen, so ist das ein Zeichen, daß gerade
            uns und unserem Geschlecht und unserer Zeit der Schatz der göttlichen Wahrheit und Liebe
            näher gelegt ist als mancher früheren, damit wir treu und sorgfältig damit umgehen, wie
            wir’s am letzten Sonntag gehört haben<note xml:id="n01">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/39/p248#p248">S. 248</ref>.</note>. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
            hat davon so <hi rend="italic">ernst und streng mit den Ephesern geredet</hi>, weil er
            sie als Leute ansah, die in dieser besonderen Gnade Gottes stehen. Wenn er <hi rend="italic">nicht so groß</hi> von ihnen denken würde, wenn er es ihnen <hi rend="italic">nicht zutrauen</hi> würde, daß sie schon in die Hand Gottes gefallen
            seien, dann würde er vielleicht weniger scharf mit ihnen reden. Wenn man in Gott
            miteinander verbunden ist, <hi rend="italic">dann kann man eben</hi> scharf miteinander
            reden. Darum haben schon die Propheten Israels streng und hart mit ihrem Volk geredet,
            während die Heiden einander immer merkwürdig zahm angefaßt haben. Im Frieden Gottes kann
            man <hi rend="italic">offen und unzweideutig miteinander</hi> sein; wenn wir das noch
            nicht können, so ist es nur ein Zeichen, daß wir den Frieden Gottes noch nicht recht
            kennen. Im Frieden Gottes <hi rend="italic">muß man sogar so</hi> streng reden, wie
            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier und andere Male getan hat. Denn da <hi rend="italic">handelt es sich um
              Gott</hi> und nicht um die Menschen. Auf ihn muß man Rücksicht nehmen und nicht auf
            sie. Er will rein sein bei den Reinen und heilig bei den Heiligen, darum darf man da <hi rend="italic">kein Blatt vor den Mund</hi> nehmen, sondern muß Alles beim Namen
            nennen, die Unzucht und das Geschwätz und die Habsucht und die Finsternis, und es wird
            doch <hi rend="italic">kein Zank</hi> und kein Rechthaben daraus. Denn alle die
            Menschen, die sich das sagen lassen müssen, werden doch <hi rend="italic">vor Allem zu
              Gott gerechnet</hi>, bevor sie getadelt und gewarnt werden, und alles Tadeln und
            Warnen ist gleichsam <hi rend="italic">eingebettet in die Gnade Gottes</hi>, in der sie
            alle stehen, der Apostel <hi rend="italic">und</hi> die Epheser. Er sagt ihnen <pb ed="pga" xml:id="p259"/>
            <hi rend="italic">nichts Fremdes</hi>, sondern nur ihr Eigenes. <hi rend="italic">Nichts
              gegen sie</hi>, sondern Alles für sie. <hi rend="italic">Nichts, das ihren Herzen
              weh</hi> tun könnte, sondern Alles aus ihren eigenen Herzen heraus. Und so ist’s bei
            allem Ernst doch eine ernste <hi rend="italic">Freundlichkeit</hi> und ein <hi rend="italic">freundlicher</hi> Ernst, in dem Alles gesagt ist. Wenn wir uns vor Gott
            beugen, können wir es auch fassen und uns sagen lassen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Es ist z. B. <hi rend="italic">ernst und
              streng</hi> geredet, wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, daß <hi rend="italic">kein Unzüchtiger</hi>,
            Unreiner und Habsüchtiger Anrecht habe am Reich Christi und Gottes. Es ist streng geredet, wenn er <hi rend="italic">die
              Habsucht</hi> noch besonders hervorhebt und Götzendienst nennt, als ob er darauf
            hinweisen wollte, daß es sich da um etwas in der Welt sehr Anständiges und Anerkanntes
            handle, das aber durchaus gegen Gott sei. Es ist streng geredet, wenn er fordert: Diese
            Sünden sollen <hi rend="italic">nicht einmal in euren Worten</hi> vorkommen. Es ist
            streng geredet, wenn er <hi rend="italic">alles Geschimpfe</hi> und alles grobe und
            feine Geschwätz rundweg verbietet. Da <hi rend="italic">erschrickt</hi> man und denkt:
            wer kann da selig werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.26">Mk. 10,26</ref> par.]? Da möchte man sich seine <hi rend="italic">Freiheit</hi>
            nehmen, das Böse nicht ganz so bös zu nennen. Da möchte man sich die Erlaubnis sichern,
            wenigstens <hi rend="italic">ausnahmsweise</hi> einen kleinen Ausflug in das Reich des
            Bösen unternehmen zu dürfen, wenn es sich schickt. Da möchte man sich verwahren dagegen,
            daß <hi rend="italic">Habsucht Götzendienst</hi> sei, wo man doch überall die Habsucht
            am Werke sieht. Da möchte man <hi rend="italic">disputieren und fragen</hi>, was denn
            gerade auf dem schwierigen Gebiet zwischen Mann und Weib gut und böse, erlaubt und
            unerlaubt sei. Da möchte man sich mindestens <hi rend="italic">das Recht sichern</hi>,
            das Böse wenigstens in der Form zu genießen, daß man daran denkt und darüber redet und
            reden hört, wie Andere es tun. Da möchte man sich wenigstens das <hi rend="italic">unreine Geschwätz</hi>, mit dem ja noch nichts Unreines getan ist, nicht verbieten
            lassen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat <hi rend="italic">auf das alles nichts</hi> zu antworten - und dies
            ist eben der Ernst der Lage zwischen ihm und den Christen in Ephesus - nur das Eine: <hi rend="italic">es paßt nicht</hi> für euch, es ziemt sich nicht für Heilige. Das ist
              <hi rend="italic">hart und scharf</hi> abgeschnitten. Der Weg des Guten geht
            geradeaus. Links und rechts sind Mauern, wer ausweichen will, der rennt an. Nicht wahr,
            wir spüren es, wie wir hart anrennen, eigentlich fast in allen Punkten. <hi rend="italic">Als Außenstehende</hi> möchten wir in einem gewissen lüsternen
            Freiheitssinn, der dem eigenen Gutdünken und Willen die <pb ed="pga" xml:id="p260"/>
            Zügel schießen lassen möchte, fragen: <hi rend="italic">Warum</hi> paßt es für uns
            nicht? <hi rend="italic">Darum</hi>, antwortet <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, darum, weil ihr <hi rend="italic">Heilige seid</hi>, nicht Vollkommene, nicht Vortreffliche, Sünder sogar, höchst
            Unvollkommene, aber Heilige, Menschen, die Gott lieb hat, erwählte und berufene
            Menschen, Menschen, mit denen sich Gott eingelassen, denen er etwas anvertraut hat. <hi rend="italic">Weil ihr seid, was ihr seid</hi>, darum paßt es nicht für euch. Ihr seid
            eben keine Außenstehenden, ihr könnt <hi rend="italic">keine eigene Sache</hi> mehr
            haben neben der Sache Gottes, <hi rend="italic">keinen eigenen Willen</hi> neben seinem
            Willen. <hi rend="italic">Eure Freiheit</hi> heißt Gehorsam, <hi rend="italic">euer
              Recht</hi> ist das Gute, <hi rend="italic">eure Freude</hi> das Gesetz eures Herrn.
              <hi rend="italic">Ihr könnt</hi> nicht das Böse wollen. Ihr seid dagegen wie [?] <hi rend="italic">abgesperrt</hi> und abgeriegelt. Das Böse ist euch in jeder Form etwas
              <hi rend="italic">Unmögliches.</hi> Tut nicht das Unmögliche! Sollte ich euch <hi rend="italic">zu nahe treten</hi>, etwas Unmögliches von euch
             fordern, wenn ich euch sage, ihr
            sollt nicht tun, was euch unmöglich ist? Seht, so ist das Ernste und Strenge, was er
            ihnen sagt, zugleich das <hi rend="italic">Allerfreundlichste,</hi> was er ihnen sagen
            könnte. Er will es ihnen eben <hi rend="italic">einfach nicht zutrauen</hi>, daß sie von
            sich aus das Böse wollen könnten, er sieht sie sofort und zuerst <hi rend="italic">mit
              Gott in Verbindung.</hi> Darum redet er ihnen so scharf über das Böse, von dem sie die
            Finger lassen müßten. Und das ist zwischen ihnen <hi rend="italic">keine Phantasie,
              keine Übertreibung.</hi> Gott ist eben zwischen ihnen <hi rend="italic">gegenwärtig.</hi> Er müßte Gott einen Lügner heißen, wenn er anders mit ihnen reden
            wollte. So macht er sie im Namen Gottes <hi rend="italic">groß</hi>, indem er sie
            demütigt, und fügt darum das schöne Wort hinzu, daß sie statt allem Geschimpf und
            Geschwätz doch <hi rend="italic">lieber danken sollten</hi>, danken dafür, daß Gott so
            groß ist, danken dafür, daß sie sind, was sie sind, danken dafür, daß durch den Heiland
            so ein starker Riegel gegen das Böse geschoben ist. <hi rend="italic">Das Danken
              wäre</hi> die stärkste Waffe gegen die Sünde und gegen unsere listigen Gründe, vom
            geraden Weg abzuweichen. Danken heißt <hi rend="italic">sich erinnern</hi> an das, was
            wir haben und sind. Das <hi rend="italic">schützt uns</hi> gegen die Versuchung und
            gegen die Meinung, Gott sei zu streng und verlange zu viel. Lobe den Herrn, meine Seele,
            und vergiß nicht, was <hi rend="italic">er dir</hi> Gutes getan hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.2">Ps. 103,2</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Auch das ist <hi rend="italic">streng
              geredet,</hi> wenn es uns da so strikt verwehrt wird, mit den Kindern des Ungehorsams
              <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> und Genossenschaft zu pflegen, am gleichen <hi rend="italic">Seil</hi> zu ziehen, die gewöhnlichen <hi rend="italic">Wege</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p261"/> und Methoden der Welt mitzumachen. Es ist streng geredet,
            wenn wir da so eindringlich gewarnt werden vor den schönen <hi rend="italic">Redensarten</hi>, mit denen wir nur wieder unter den Zorn Gottes kommen. Denn die <hi rend="italic">schönen Redensarten,</hi> die er da meint, sind wirklich schön. Sie
            lauten etwa so: Man muß doch, weil man in der Welt lebt, sich auch der Welt <hi rend="italic">anpassen.</hi> Wenn man z. B. sieht, daß Alle ein wenig <hi rend="italic">lügen</hi>, so muß man auch ein wenig mitlügen, nicht gerade mehr als
            die Anderen, aber doch soviel, um nicht in Nachteil zu kommen. Wenn man sieht, daß fast
            niemand ganz ehrlich <hi rend="italic">versteuert</hi>, muß man’s auch nicht tun. Wenn
            man sieht, daß man nicht gehört und verstanden wird, wenn man fein und bescheiden redet,
            muß man auch <hi rend="italic">grob</hi> werden und auf den Tisch schlagen. Wenn man
            sieht, <hi rend="italic">wie schlau</hi> die Leute sind, muß man auch schlau werden. Und
            dann läßt sich ja das Göttliche immer noch mit dem Weltlichen <hi rend="italic">vereinigen</hi>, indem man ihm neben den vielen anderen Halbheiten auch noch irgendwo
            einen halben Platz in seinem Leben einräumt. Man könnte das alles auch schön sagen, aber
            das sind die schönen Redensarten, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gemeint hat. Er hat <hi rend="italic">auch
              darauf nichts</hi>
            <hi rend="italic">zu antworten.</hi> Vielleicht würde er antworten: <hi rend="italic">Es
              mag wohl sein</hi>, daß man sich anpassen muß, oft gar nicht anders kann, oft ganz
            willenlos, fast unwissentlich mittreibt in der Genossenschaft der Kinder des
            Ungehorsams. Aber das <hi rend="italic">geht uns hier nichts an!</hi>, würde er
            fortfahren. <hi rend="italic">Es bleibt dabei:</hi> um solcher Dinge willen kommt der
            Zorn Gottes auf sie - und auf euch, wenn ihr es ihnen gleich tut. Um solcher Dinge
            willen ist <hi rend="italic">kein Friede</hi> und keine Freude in der Welt. Um solcher
            Dinge willen haben wir es <hi rend="italic">so schwer</hi> im Leben. Es bleibt dabei,
            und es trifft auch euch, ob ihr’s nicht anders wollt oder nicht könnt bei eurem
            Mitmachen. Rechnet damit, daß man auf den Weltwegen und mit den Weltmethoden immer <hi rend="italic">ins Unheil</hi> läuft. |</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">etwas Anderes geht uns hier an.</hi> Neben dem, daß ihr auch
            noch Finsternis seid und in der Finsternis wandelt, <hi rend="italic">seid ihr doch
              schon auch Kinder des Lichts.</hi> Das Licht besteht darin, daß man mit Gott <hi rend="italic">immer auch anders kann</hi>, anders als die Anderen. Vielleicht nur <hi rend="italic">ein klein wenig anders</hi>, versucht’s nur einmal damit, nehmt nur das
            einmal ernst. Redet nicht so viel und so wichtig über das, <hi rend="italic">was ihr
              müßt von der Welt</hi> aus, sondern besinnt euch einmal ernstlich über das, <hi rend="italic">was ihr könnt von Gott aus.</hi> Wandelt als Kinder des Lichts! Seht,
            wie da wieder aus dem Strengen, Ausschließlichen auf einmal <hi rend="italic">das
              Freundliche</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p262"/> wird. Es <hi rend="italic">handelt sich</hi> gar nicht um
            das, was wir <hi rend="italic">allenfalls auch noch mitmachen müssen</hi>, weil wir in
            der Welt sind, wie ja auch der Heiland gesagt hat: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!
            Es handelt sich um <hi rend="italic">das, was man schon kann:</hi> Gott geben, was
            Gottes ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.17">Mk. 12,17</ref> par.]. Ein
              <hi rend="italic">Gefühl bekommen</hi> für den Willen Gottes, einen feinen Tastsinn
            und Geruchssinn, daß man’s wagt, neben dem vielen mitlaufenden Weltlichen jedenfalls <hi rend="italic">auch einen eigenen neuen Weg</hi> anzutreten, zu merken, <hi rend="italic">was nötig</hi> ist und was man <hi rend="italic">unterlassen</hi> kann
            und soll. Fragt nicht: wie weit kann ich gehen mit der Welt?, sondern: wie weit mit
            Gott? Ihr <hi rend="italic">könnt das.</hi> Es ist etwas Eigenes, Neues schon in euch.
            Wagt es nur, damit anzufangen. Die Welt ist noch groß und stark genug in euch und um
            euch, ihr <hi rend="italic">braucht ihr nicht zu helfen</hi>, sie nicht zu
            rechtfertigen. Wandelt ihr <hi rend="italic">als Kinder des Lichts</hi>, die ihr seid
            und soviel ihr’s schon seid. Wenn doch wir Christen nur schon <hi rend="italic">Christen
              wären</hi>, so weit wir’s aufrichtig sein können, es wäre schon Vieles geholfen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Und noch einmal scheint es uns <hi rend="italic">streng geredet,</hi> man müsse nicht nur selbst anfangen, anders zu sein
            als die Anderen, sondern es <hi rend="italic">auch bei den Anderen</hi> offen
            zurückweisen, also den Kampf von Licht und Finsternis auch in der Welt <hi rend="italic">aufnehmen</hi>, 
            das Böse beim <hi rend="italic">Namen nennen</hi> und dagegen
               protestieren und so eigentlich <hi rend="italic">Gott helfen</hi> bei seiner Arbeit. <hi rend="italic">Wenn man daran
              denkt</hi>, wie <hi rend="italic">schwierig</hi> das ist, das in der rechten Weise zu
            tun, <hi rend="italic">wie ungern</hi> man sich selber etwas sagen läßt, geschweige denn
            Andere, wie leicht man da durch eigene Ungeschicklichkeit Alles <hi rend="italic">verdirbt</hi> beim besten Willen, dann steht man da erst recht vor der riesenhaft
            großen Aufgabe des christlichen Lebens. Da werden sich schon damals Manche gesagt haben:
            das ist <hi rend="italic">nichts für mich</hi>, das mögen Andere tun, die es können und
            mögen und dürfen. Was gehen mich die Anderen an? Was geht mich die Welt an? Und wie <hi rend="italic">schwer es uns fällt</hi>, dem Ernst dieser christlichen Pflicht
            nachzukommen, die Wahrheit zu sagen und zwar nicht nur, wie es uns paßt und wie wir
            damit groß tun können, sondern wie wir sie wissen und wie es nötig ist - das wißt ihr
            selbst. Nun, wir mögen auch hier unsere <hi rend="italic">Ausreden und Gründe
              aufeinanderbauen,</hi> so hoch wir wollen, wir kommen dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gegenüber <hi rend="italic">doch nicht weiter</hi>, als daß er uns sagt, daß <hi rend="italic">Licht
              Licht ist</hi>, und Licht muß leuchten. Und wenn die Welt Ja sagt, so mußt du Nein
            sagen, und wenn sie Nein sagt, so mußt du Ja sagen, weil du bist, was <pb ed="pga" xml:id="p263"/> du bist, ein Erlöster Jesu Christi. Die <hi rend="italic">Forderung
              bleibt stehen</hi> in ihrer ganzen Größe. Schweigende Christen sind keine Christen.
              <hi rend="italic">Sieh wohl zu</hi>, ob die Gründe, die du zu deinem Schweigen hast,
            nicht sehr menschliche, weltliche Gründe sind! Du sagst: <hi rend="italic">man hört doch
              nicht</hi> auf mich! Ja, hast du’s denn schon versucht? Es ist merkwürdig, wie die
            Welt manchmal hört, wenn das Rechte gesagt wird, aber es muß eben gesagt werden. Du
            sagst: <hi rend="italic">ich bin nur eine Frau!</hi> Ja, weißt du denn, was Frauen schon
            ausgerichtet haben, wenn sie ihren Männern in aller Liebe das Bessere sagten, das sie
            vielleicht wußten? Du sagst: <hi rend="italic">man wird doch nicht fertig!</hi> Ja, aber
            das ist kein Grund, nicht trotzdem einmal anzufangen, Gott macht dann schon fertig. Wenn
            die Christen nicht so viel geschwiegen hätten, wo sie hätten reden sollen, Gott hätte
            längst fertig machen können. <hi rend="italic">Die Finsternis wartet</hi> darauf, Licht
            zu werden. Es braucht oft wirklich nur ein offenes, ehrliches Wort, so wird sie es. <hi rend="italic">Wach auf, du Schläfer</hi>, und steh auf von den Toten, so wird Christus
            dich erleuchten! So müßten die Christen zur Zeit und zur Unzeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.4.2">2.Tim. 4,2</ref>] laut
            hineinrufen in die Welt. <hi rend="italic">Ob’s vernommen</hi> wird - wie’s aufgenommen
            wird, das geht uns wiederum nichts an. Aber daß wir rufen müssen, das geht uns etwas an.
            Und auch da ist das Strenge gerade wieder das <hi rend="italic">Freundliche.</hi> Freuen
            wollen wir uns darüber, daß <hi rend="italic">mehr von uns verlangt</hi> ist als das
            Gewöhnliche. Wir sollen eben auch keine gewöhnlichen Leute sein. <hi rend="italic">Etwas
              Festliches</hi> müßte man jedem Menschen anspüren, dem so Großes anvertraut ist. Du
              <hi rend="italic">bist nicht nur du</hi>, du bist auch Licht, vielleicht ein kleines Licht, 
              aber Licht, und das ist
            genug. <hi rend="italic">Freu dich darüber</hi> und sei Licht! Die rechte Freudigkeit
            über das, was uns gegeben ist, gibt uns den Mut, die Wahrheit auszusprechen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Seht, wir können nur durch den Heiland <hi rend="italic">glückliche</hi> Menschen werden. So tief <hi rend="italic">gedemütigt</hi> und so hoch erhoben. So <hi rend="italic">streng gehalten</hi> und so
            freundlich geleitet. So <hi rend="italic">gefangen</hi> und so frei. Wir müßten nur
            einsehen [?], wie immer <hi rend="italic">Beides zusammenhängt.</hi>
            <hi rend="italic">Nicht stecken bleiben</hi> im Einen, sondern uns führen lassen vom
            Einen zum Anderen. Dazu muß aber unser Herz weich und zerknirscht und beweglich werden.
            Es ist etwas Großes um einen folgsamen, lenksamen Geist! Dann geht uns <hi rend="italic">das Licht auf</hi> in unserem Leben, und die dunkle Welt bleibt dann nicht dunkel.
            Denn die Christen sollten die Welt <hi rend="italic">nicht anklagen.</hi> Die Welt <hi rend="italic">wartet auf die Christen.</hi></p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <pb ed="pga" xml:id="p264"/>
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-53" type="song"> Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erde» von
              <persName ref="kbga-actors-8754">H. Albert</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 566,1-3; EG 445,1-3; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-46" type="song">Nr. 298 «Mache dich, mein Geist, bereit» von
              <persName ref="kbga-actors-2396">J. B. Freystein</persName>, Strophen 1.3.6 (GERS [1952] 302,1.3.5; EG 387,1.-. 3)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
