Epheser 4,25-5,2
Darum leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir miteinander Glieder sind.
Zürnet und sündiget doch nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen, und ihr sollt dem Teufel keinen Raum geben.
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern gebe sich Mühe, durch seiner Hände Arbeit etwas Gutes zu schaffen, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe.
Was faule Reden sind, sollen aus eurem Munde nicht kommen, sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes, das zum Aufbau beiträgt, damit es denen, die es hören, Anteil an der Gnade gebe. Und betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr für den Tag der Erlösung versiegelt seid.
Alles Bittere, Wütende, Zornige, Lärmende und Lästerliche sei mit dem Bösen überhaupt ferne von euch. Werdet dafür gütig gegeneinander, barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat. Tut es ihm also nach als seine geliebten Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus euch geliebt hat und hat sich selbst für uns dahin gegeben, eine Gabe und ein Opfer, dessen Duft Gott angenehm ist.
1. Die Menschen, die Gott ein wenig verstanden haben, müssen mit dem, was sie haben, sehr treu und fein umgehen. Alles, was lebendig ist, und wenn es nur ein Kindlein wäre oder eine Blume, verlangt Sorgfalt von uns, damit es wachsen und sich entwickeln kann. Es ist gar schnell etwas vernachlässigt, gestört und vielleicht vernichtet. Das Göttliche aber ist das Allerlebendigste, was uns gegeben werden kann. Wem es gegeben ist, dem kann man nichts Dringenderes zurufen als immer wieder dies Eine: hab Sorge! Sonst wird eigentlich gar nichts von ihm verlangt. Gott ist ihm wichtig geworden. Er hat lange ratlos geseufzt unter den vielen Fragen, die einem aufsteigen [?], wenn man sich selber und die Welt besser kennen lernt. Er hat schließlich gemerkt, daß es nicht viele Fragen gibt, sondern nur eine und auch nur eine Antwort. Aber diese eine Antwort ist etwas ganz Großes, eine Hilfe von Grund aus, eine Veränderung, die alles Denken übersteigt. Es ist noch nicht da, es kommt erst, es bahnt sich erst an. Was jetzt da ist und wenn es das Schönste wäre, das ist nur etwas Vorläufiges. Und was da kommt, das ist ernster, radikaler, vollständiger als Alles, was der Mensch sonst |249 wünscht, hofft, erstrebt, es kommt von oben, von der anderen Seite, es ist ein neuer Tag, der anbricht, anders, ganz anders als der heutige Tag, ein «Tag der Erlösung», wie es in unserem Text heißt. Und indem es kommt, wirft es doch auch schon ein helles Licht in die Gegenwart, es ist das Ziel, dem die Stunden des heutigen Tages entgegeneilen, die Hoffnung und die Sehnsucht, die unser jetziges Leben bewegt, die Kraft, die den jetzigen Zustand der Dinge erschüttert, und doch auch immer das Band, das Alles zusammenhält, bis die Ernte reif ist. |
Der Mensch aber, der diese Antwort hört und dieses Licht sieht,
kommt in einen ganz neuen Zustand, er wird sehr anders. Er wird
höchst friedlich, gerade dadurch, daß er sehr beunruhigt wird.
Die Last der Sorge wird ihm abgenommen, gerade dadurch, daß ihm
die Last einer großen Verantwortung auferlegt wird. Er wird sehr frei
und selbständig den Anderen gegenüber, gerade dadurch, daß ihm das ans Herz
gelegt ist, was alle Anderen ebensowohl angeht wie ihn selbst. Er wird sehr sicher, gerade dadurch, daß ihm der sichere Boden, auf dem die Menschen
sonst stehen, unter den Füßen weggezogen ist. Er sieht sehr weit,
gerade darum, weil er sich ganz unter die Niedrigen gestellt hat. Das ist kein vollkommener Zustand. Es ist da sehr viel Dunkles, Fragliches
dabei, viele Widersprüche. Es kann jetzt nicht anders sein. Aber es ist doch ein großes
Vorwärts! hineingekommen in dieses Jetzt. Es vollzieht sich ein
Übergang. Der alte Mensch wird abgelegt, der neue angezogen
[
250
Geht’s bei einem solchen Menschen sauber und ehrlich und
glücklich vorwärts, so dient das nicht
nur zu seiner persönlichen Seligkeit, sondern es bedeutet einen Fortschritt der Sache
Gottes auf Erden. Kommt’s bei ihm zu Unreinlichkeiten und
Stockungen und Verwirrungen, so leidet nicht nur er darunter, sondern Gottes Werk auf
Erden ist aufgehalten. Darum aber kann man ihm nicht genug zurufen: Trag Sorge zu dem, was du hast! Es hängt viel, viel mehr
davon ab, als du denkst! Geh ganz behutsam deinen Weg! Alles Andere ist nicht so wichtig. Das Göttliche, das dir
anvertraut ist, sorgt schon für sich selber, es wehrt sich, es
dringt vor, es macht sich geltend und behauptet sich und vermehrt sich, wenn es nur Raum hat, wenn es nur wachsen und wirken kann. Deine Schwachheiten und Unfähigkeiten werden ihm nicht im Wege sein, die
Beschränktheit der Leute auch nicht, die Gebrechlichkeit der christlichen Kirche und die Unvollkommenheit der Christen
auch nicht. Die großen Meinungsverschiedenheiten auch zwischen
den Gutgesinnten auch nicht, die Fehler der Sozialisten auch
nicht, die ganzen schweren Gewitterwolken des sogenannten
2. Darum sagt
Wenn wir Gott verstehen, brauchen wir nicht mehr zu lügen. Wer Gott versteht, der begreift, daß darauf gar nichts ankommt, ob man groß oder klein dasteht. Man kann nur etwas sein. Und zwar kann jeder nur das sein, was er ist. Wir sind untereinander Glieder an einem Leib. Wir haben gemeinsame Sache, die gemeinsame Not und Hoffnung. Diesem Gemeinsamen ist nur damit gedient, daß jeder Einzelne ehrlich seinen Weg geht. Das Leben ist kein Theaterspiel. Wer von Gott bewegt ist, der steht unter einer Notwendigkeit: er muß in jedem Augenblick etwas ganz Bestimmtes sein und nichts Anderes daneben. Zu dem, was du bist, mußt du dich bekennen, und wenn es dich noch so genieren würde2. Du kommst dann vielleicht weiter, aber im jetzigen Augenblick darfst du nicht seitwärts schielen auf den Weg Anderer, die weiter sind, darfst keine Früchte an dich reißen, die für dich noch nicht gewachsen sind, darfst auch nicht wehmütig dich zurücksehnen nach etwas, was du nicht mehr bist. Redet die Wahrheit! Bleibt |252 in der Reihe! Wagt es, vorbehaltlos zu sagen, zu tun, was gerade jetzt gerade für euch ehrlich, ernst und notwendig ist. Alles Andere sind faule Künste. Alles Dastehenwollen bringt Verwirrung in das Werk Gottes. Wo die Wahrheit geredet wird, da freuen sich die Engel im Himmel, und wenn es vor den Menschen eine noch so traurige und unangenehme Wahrheit wäre. Nicht wahr, weil die Verwandlung vom alten Menschen zum neuen bei euch im Gang ist, darum könnt ihr ja nicht anders.
3. Darum, sagt
4. Und darum, sagt
5. Darum sagt er: was faule Reden sind, soll aus eurem Munde nicht kommen, sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes … Faule Reden sind alle Reden, bei denen man eigentlich über nichts redet, zum Beispiel so ziemlich Alles, was über Persönlichkeiten, ihren Charakter, ihre Fehler geredet wird. Alles, was man nur mit dem heimlichen Wunsch sagt, sich selber wichtig zu machen, alles Witzemachen, das nur den Zweck hat, die Leute zum Lachen zu bringen, gleichgiltig über was, Alles, was man sagt, nur damit überhaupt etwas gesagt werde. Das alles kommt sogar in den besten Familien und Gesellschaften vor, und das ist eben - nichts. Aber wir müssen auch hier wieder wissen, warum nichts. Paulus sagt: Weil es faul ist. Das heißt, es wächst nichts daraus, es stirbt ab, noch bevor es da ist, es ist den Schall der Stimme nicht wert. Reden miteinander ist eben eine ernste Gelegen|255heit, vorwärts zu kommen miteinander. Menschen, die ein Vorwärts in sich haben, möchten auch mit anderen Menschen, denen sie begegnen, vorwärts kommen. Sie sehen immer weniger Befriedigung darin, nutzlos zu plaudern. Ein rechtes Gespräch sollte immer ein kleiner Schritt sein, durch den man ein wenig weiter kommt. Wir haben es sehr nötig, miteinander zu reden. Wir haben uns sehr viel zu sagen. Man sollte es aber auch tun. Wenn wir das Ernste nicht sagen, das uns eigentlich bewegt, und dafür immer nur das Andere, das Sinnlose, so betrüben wir den heiligen Geist. Er wartet darauf, daß wir mit unseren Worten bauen helfen. Das rechte Reden ist ein Mitteilen von Gnade an die, die es hören. Und Menschen, die das göttliche Vorwärts in sich haben, werden von selbst vom faulen Reden zu dieser rechten Rede hingedrängt.
6. Darum, sagt
- Nr. 41 «Wach auf, mein Herz, und singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1-4.8 (RG [1998] 568,1-4.8; EG 446,1-4.8; jeweils mit geringen Textabweichungen) - Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von
G. Tersteegen , Strophen 1.6.8 (RG [1998] 162,1.5.7; EG 165,1.6.8; jeweils mit geringen Textabweichungen)