6. Juli 1919

Epheser 4,25-5,2

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Epheser 4,25-5,2

Darum leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir miteinander Glieder sind.

Zürnet und sündiget doch nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen, und ihr sollt dem Teufel keinen Raum geben.

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern gebe sich Mühe, durch seiner Hände Arbeit etwas Gutes zu schaffen, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe.

Was faule Reden sind, sollen aus eurem Munde nicht kommen, sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes, das zum Aufbau beiträgt, damit es denen, die es hören, Anteil an der Gnade gebe. Und betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr für den Tag der Erlösung versiegelt seid.

Alles Bittere, Wütende, Zornige, Lärmende und Lästerliche sei mit dem Bösen überhaupt ferne von euch. Werdet dafür gütig gegeneinander, barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat. Tut es ihm also nach als seine geliebten Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus euch geliebt hat und hat sich selbst für uns dahin gegeben, eine Gabe und ein Opfer, dessen Duft Gott angenehm ist.

1. Die Menschen, die Gott ein wenig verstanden haben, müssen mit dem, was sie haben, sehr treu und fein umgehen. Alles, was lebendig ist, und wenn es nur ein Kindlein wäre oder eine Blume, verlangt Sorgfalt von uns, damit es wachsen und sich entwickeln kann. Es ist gar schnell etwas vernachlässigt, gestört und vielleicht vernichtet. Das Göttliche aber ist das Allerlebendigste, was uns gegeben werden kann. Wem es gegeben ist, dem kann man nichts Dringenderes zurufen als immer wieder dies Eine: hab Sorge! Sonst wird eigentlich gar nichts von ihm verlangt. Gott ist ihm wichtig geworden. Er hat lange ratlos geseufzt unter den vielen Fragen, die einem aufsteigen [?], wenn man sich selber und die Welt besser kennen lernt. Er hat schließlich gemerkt, daß es nicht viele Fragen gibt, sondern nur eine und auch nur eine Antwort. Aber diese eine Antwort ist etwas ganz Großes, eine Hilfe von Grund aus, eine Veränderung, die alles Denken übersteigt. Es ist noch nicht da, es kommt erst, es bahnt sich erst an. Was jetzt da ist und wenn es das Schönste wäre, das ist nur etwas Vorläufiges. Und was da kommt, das ist ernster, radikaler, vollständiger als Alles, was der Mensch sonst |249 wünscht, hofft, erstrebt, es kommt von oben, von der anderen Seite, es ist ein neuer Tag, der anbricht, anders, ganz anders als der heutige Tag, ein «Tag der Erlösung», wie es in unserem Text heißt. Und indem es kommt, wirft es doch auch schon ein helles Licht in die Gegenwart, es ist das Ziel, dem die Stunden des heutigen Tages entgegeneilen, die Hoffnung und die Sehnsucht, die unser jetziges Leben bewegt, die Kraft, die den jetzigen Zustand der Dinge erschüttert, und doch auch immer das Band, das Alles zusammenhält, bis die Ernte reif ist. |

Der Mensch aber, der diese Antwort hört und dieses Licht sieht, kommt in einen ganz neuen Zustand, er wird sehr anders. Er wird höchst friedlich, gerade dadurch, daß er sehr beunruhigt wird. Die Last der Sorge wird ihm abgenommen, gerade dadurch, daß ihm die Last einer großen Verantwortung auferlegt wird. Er wird sehr frei und selbständig den Anderen gegenüber, gerade dadurch, daß ihm das ans Herz gelegt ist, was alle Anderen ebensowohl angeht wie ihn selbst. Er wird sehr sicher, gerade dadurch, daß ihm der sichere Boden, auf dem die Menschen sonst stehen, unter den Füßen weggezogen ist. Er sieht sehr weit, gerade darum, weil er sich ganz unter die Niedrigen gestellt hat. Das ist kein vollkommener Zustand. Es ist da sehr viel Dunkles, Fragliches dabei, viele Widersprüche. Es kann jetzt nicht anders sein. Aber es ist doch ein großes Vorwärts! hineingekommen in dieses Jetzt. Es vollzieht sich ein Übergang. Der alte Mensch wird abgelegt, der neue angezogen [Eph. 4,22-24]. Das Ablegen ist nicht fertig und das Anziehen erst recht nicht, aber Beides ist im Gang. Das Leben steht nicht mehr still. Es wird ein bewegtes Leben. Das ist das Einzige, was von einem solchen Menschen verlangt ist, daß er diesem Vorwärts! treu bleibe. Es ist ihm eine Arbeit anvertraut, die jetzt um Gottes Willen getan werden muß, und dieser Arbeit muß er sich stellen. Er muß sich hergeben, nicht widerstehen, nicht ausweichen, nichts Fremdartiges sich einmischen lassen in den stillen Gang der göttlichen Dinge, der da angefangen hat. Denn die Verwandlung, die mit ihm vorgeht vom alten zum neuen Menschen, ist nicht in erster Linie seine persönliche, sondern Gottes Angelegenheit. Es ist Freude im Himmel über das, was da vorgeht [vgl. Lk. 15,7]. Und die ganze Welt hat ein Interesse daran. Denn Gott braucht solche Menschen, die in dieser Verwandlung stehen, um seinen Tag und sein Reich näher zu bringen. |

250 Geht’s bei einem solchen Menschen sauber und ehrlich und glücklich vorwärts, so dient das nicht nur zu seiner persönlichen Seligkeit, sondern es bedeutet einen Fortschritt der Sache Gottes auf Erden. Kommt’s bei ihm zu Unreinlichkeiten und Stockungen und Verwirrungen, so leidet nicht nur er darunter, sondern Gottes Werk auf Erden ist aufgehalten. Darum aber kann man ihm nicht genug zurufen: Trag Sorge zu dem, was du hast! Es hängt viel, viel mehr davon ab, als du denkst! Geh ganz behutsam deinen Weg! Alles Andere ist nicht so wichtig. Das Göttliche, das dir anvertraut ist, sorgt schon für sich selber, es wehrt sich, es dringt vor, es macht sich geltend und behauptet sich und vermehrt sich, wenn es nur Raum hat, wenn es nur wachsen und wirken kann. Deine Schwachheiten und Unfähigkeiten werden ihm nicht im Wege sein, die Beschränktheit der Leute auch nicht, die Gebrechlichkeit der christlichen Kirche und die Unvollkommenheit der Christen auch nicht. Die großen Meinungsverschiedenheiten auch zwischen den Gutgesinnten auch nicht, die Fehler der Sozialisten auch nicht, die ganzen schweren Gewitterwolken des sogenannten Friedens von Versailles1 auch nicht. Es macht Alles nichts, wenn nur die Bewegung der Menschen, die Gott verstanden haben, weitergeht, wenn das Göttliche nur ungestört bei ihnen wirken und wachsen kann. Aber das muß es können. Es wird gar oft gestört bei ihnen. Darum geht es denn auch im Ganzen nicht recht vorwärts. Sie haben eine große Verantwortlichkeit. Der heilige Geist will nicht betrübt sein, haben wir gelesen. Es ist, wie wenn ein hoher Gast bei solchen Menschen eingekehrt wäre, um da eine wichtige Arbeit auszuführen. Er darf bei dieser Arbeit nicht unterbrochen werden. Der Aufenthalt darf ihm nicht verleidet werden. Solche Menschen können nicht genug Achtung geben, daß das Allerlebendigste bei ihnen wirklich leben kann. Wenn es das kann, so ist Alles gut.

2. Darum sagt Paulus den Christen von Ephesus: leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil ihr untereinander Glieder seid. Nicht darum, weil Lügen böse und die Wahrheit Reden gut ist. Das Lügen liegt uns jetzt so nahe und die Wahrheit so ferne, daß uns das wenig hilft. Wir werden jetzt doch immer wieder |251 lügen, und die Wahrheit wird uns jetzt doch immer zu hoch sein. Aber wenn jenes göttliche Vorwärts in unser Leben gekommen, dann wird das anders. Bei diesem Vorwärts bleibt die Lüge von selbst zurück und kommt die Wahrheit an den Tag. Wenn wir diesem Vorwärts treu bleiben, dann können wir nicht mehr lügen, dann müssen wir die Wahrheit reden. Die Lüge ist der schöne, aber falsche Schein, den wir uns geben, solange wir Gott nicht verstehen. Wir möchten groß dastehen und nicht klein, und darum geben wir uns als etwas aus, was wir nicht sind. Der eine lügt Vornehmheit, der andere Tugend, der andere Christentum, der andere soziale Gesinnung, der andere Bildung. Jeder möchte etwas darstellen, je nach seinem Geschmack, und hängt ein Fähnlein aus: da, das bin ich!, rechtschaffen, fromm, begeistert, wohltätig - er wehrt sich dafür, daß man es ihm glaube, und nur er weiß das Geheimnis: ich bin im Grunde nicht das, als was ich mich ausgebe! Wir stürzen uns so in die größten Verwicklungen und Verlegenheiten. Wir mißtrauen einander alle ein wenig, weil wir uns selbst nicht trauen. Es ist eine große heimliche Qual in der menschlichen Gesellschaft, und die heißt Lüge. |

Wenn wir Gott verstehen, brauchen wir nicht mehr zu lügen. Wer Gott versteht, der begreift, daß darauf gar nichts ankommt, ob man groß oder klein dasteht. Man kann nur etwas sein. Und zwar kann jeder nur das sein, was er ist. Wir sind untereinander Glieder an einem Leib. Wir haben gemeinsame Sache, die gemeinsame Not und Hoffnung. Diesem Gemeinsamen ist nur damit gedient, daß jeder Einzelne ehrlich seinen Weg geht. Das Leben ist kein Theaterspiel. Wer von Gott bewegt ist, der steht unter einer Notwendigkeit: er muß in jedem Augenblick etwas ganz Bestimmtes sein und nichts Anderes daneben. Zu dem, was du bist, mußt du dich bekennen, und wenn es dich noch so genieren würde2. Du kommst dann vielleicht weiter, aber im jetzigen Augenblick darfst du nicht seitwärts schielen auf den Weg Anderer, die weiter sind, darfst keine Früchte an dich reißen, die für dich noch nicht gewachsen sind, darfst auch nicht wehmütig dich zurücksehnen nach etwas, was du nicht mehr bist. Redet die Wahrheit! Bleibt |252 in der Reihe! Wagt es, vorbehaltlos zu sagen, zu tun, was gerade jetzt gerade für euch ehrlich, ernst und notwendig ist. Alles Andere sind faule Künste. Alles Dastehenwollen bringt Verwirrung in das Werk Gottes. Wo die Wahrheit geredet wird, da freuen sich die Engel im Himmel, und wenn es vor den Menschen eine noch so traurige und unangenehme Wahrheit wäre. Nicht wahr, weil die Verwandlung vom alten Menschen zum neuen bei euch im Gang ist, darum könnt ihr ja nicht anders.

3. Darum, sagt Paulus: Zürnet und sündiget doch nicht, die Sonne soll [über eurem Zorn nicht untergehen]. Das scheint auch bald gesagt: man solle seinem Zorn Schranken setzen, wenn man nicht recht weiß, warum. Warum soll ich nicht zürnen bis morgen oder übermorgen, wenn ich Grund und Recht dazu habe? Wir sind gewiß alle schon in Lagen gewesen, wo wir erst recht zornig geworden wären, wenn man uns gepredigt hätte: die Sonne soll … Wenn wir aber wissen, daß wir etwas Heiliges zu hüten und zu verwalten haben in unserem Leben, dann sieht die Sache doch anders aus. In der Tat, wir müssen oft zornig werden. Paulus hat das mitnichten verboten. Er hat auch zürnen können, lest nur einmal den Galaterbrief! Wer nicht zürnen kann, der ist ein Lump. Gerade gegen die Lüge z. B. gibt’s nichts Anderes als Zorn, wenn sie uns begegnet. Wer es mit Gelassenheit ertragen kann, mitanzusehen, was der Größenwahn der Menschen für Verheerungen [?] anrichtet, der hat jedenfalls nichts Heiliges zu hüten. Zorn ist Ablehnung, Widerspruch, entschiedenes Nein, und das mit Leidenschaft, aus vollem Herzen. Gott braucht diesen gerechten Zorn, wie man ein scharfes Messer braucht oder ein gefährliches Gift in der Medizin (Jesus hat gezürnt, als er eine Geißel machte aus Schnüren und die Wechsler aus dem Tempel trieb [Joh. 2,15]. Paulus hat einmal sogar vom Zorn Gottes selbst geredet: Gottes Zorn ist geoffenbart … [Röm. 1,18].) Aber eben: Gott braucht den Zorn, solange es sein muß, dann legt er ihn weg wie ein Werkzeug. «Er wird nicht immer hadern, noch ewiglich Zorn halten» [Ps. 103,9]. Das Werkzeug ist nicht über den Meister. Das heilsame Messer und das heilsame Gift, sie könnten ja auch töten, wenn ein Pfuscher damit umginge. Das darf nicht sein. Gott will nicht den Tod des Sünders … [vgl. Hes. 18,23; ]. Der Zorn ist nur etwas in Gott. Wer nur zürnen |253 kann, wer nicht aufhören kann zu zürnen, der hat mit Gott nichts zu schaffen. Leidenschaft müssen wir gelegentlich haben, aber wenn die Leidenschaft uns hat, dann ist es um das Heilige getan. Der Teufel bekommt dann Raum, wie es hier heißt, es steht dann das Böse gegen das Böse. Der Böse triumphiert hier merkwürdigerweise gerade damit, daß wir’s mit dem Guten übertreiben. Der Teufel bekommt Raum, wenn wir allzu hoch steigen in unserer Gerechtigkeit. Wir übersehen es gar leicht, daß nicht unsere Leidenschaft das Böse überwinden kann, sondern nur Gott selbst. Wir dürfen ihm nicht ins Handwerk pfuschen, sondern müssen uns selbst Schranken setzen. Es gibt im Zorn einen Punkt, wo es heißt: jetzt ist’s genug!, kein Wort weiter, sonst ist’s ohne Gott getan, und wenn’s der ernsteste Zorn wäre. Wenn wir über diesen Punkt hinausgehen, sündigen wir. Wer Gott ein wenig verstanden hat, der hält inne an diesem Punkt. Dieses Innehalten ist viel mehr als die sogenannte Selbstbeherrschung. Es ist vielmehr eine Art Ehrfurcht vor dem heiligen Geist, der nicht betrübt werden darf.

4. Und darum, sagt Paulus: wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, er gebe sich aber Mühe … Es mag uns merkwürdig vorkommen, daß er hier die Christen, denen er doch viel Gutes zutraut, vor etwas so Grobem wie dem Stehlen warnt. Aber Paulus hätte vielleicht Manches Diebstahl genannt, was wir ganz anders nennen. Der Gegensatz vom Stehlen ist für ihn nicht das Zufriedensein mit dem, was man hat, sondern das Geben, das Austeilen. Er will offenbar sagen, daß die Menschen, die von Gott bewegt sind, auch in Bezug auf das Eigentum auf einen neuen Weg kommen. Man kann offenbar hier zwei verschiedene Richtungen einschlagen. Am Anfang der einen Richtung steht der Grundsatz: Was mein ist, das gehört mir! Das ist der alte Weg. Auf diesem Weg geht es anfangs sehr anständig zu, da heißt’s einfach Besitz, Verdienst, Erwerb, Gewinn; dann nennt sich das Ding auf einmal Profit, und jeder Geschäftsmann weiß, daß die Sache von da an zweifelhaft wird. Am Ende dieses Weges ist Diebstahl, zuerst der feine und dann der grobe, vor dem wir uns behüten. Die wenigsten Menschen kommen bis an dieses Ende. Aber es ist ein gerader Weg, der von hier nach dort führt, und wer kann von sich sagen, daß er diesen Weg nicht kenne? Am Anfang der anderen Richtung steht der Grundsatz: |254 Was mein ist, das gehört Gott! Das ist der neue Weg. Auch da ist zuerst der Besitz. Aber dann kommt eine Freiheit: man kann auch nicht besitzen, man kann auch geben, man will auch geben, man tut es auch; das Ende dieses Weges ist vielleicht das von Paulus gezeichnete [?]: man arbeitet nicht mehr, um etwas an sich zu raffen, sondern um etwas zu haben für Andere. Mögen auch hier wieder jetzt nur wenige dieses Ziel erreichen, das ist jedenfalls die Richtung. Zwischen diesen zwei Richtungen haben wir zu wählen. Entweder es geht gegen das Stehlen hin oder gegen das Austeilen. Wir gehen wahrscheinlich alle in beide Richtungen zugleich. Aber bei diesem Ausgleich kann es nicht bleiben zwischen Nehmen und Geben. Bei den Menschen, die von Gott bewegt sind, wird das Geben das Stärkere. Man hat noch nie gehört, daß solche Menschen darum zu Faulenzern [?] geworden wären, sie werden vielmehr die Tüchtigsten sein, aber der Gedanke des Eigentums weicht gleichsam auf, sie sind nicht mehr so stark interessiert, die geballten Hände gehen langsam auf, die Befangenheit schwindet. Es kommt nur auf die Richtung an. Seht in diese Richtung kommt ihr [?], sagt Paulus, nicht aus Abscheu vor dem Diebstahl, nicht einmal direkt aus Nächstenliebe, sondern einfach, weil Geben göttlicher ist als Nehmen [vgl. Act. 20,35] und darum auch naheliegender. Als Gottes liebe Kinder müßt ihr es ihm nachtun. Aus Respekt vor seiner Sache, die euch anvertraut ist, müßt ihr den alten Weg allmählich dahinten lassen.

5. Darum sagt er: was faule Reden sind, soll aus eurem Munde nicht kommen, sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes … Faule Reden sind alle Reden, bei denen man eigentlich über nichts redet, zum Beispiel so ziemlich Alles, was über Persönlichkeiten, ihren Charakter, ihre Fehler geredet wird. Alles, was man nur mit dem heimlichen Wunsch sagt, sich selber wichtig zu machen, alles Witzemachen, das nur den Zweck hat, die Leute zum Lachen zu bringen, gleichgiltig über was, Alles, was man sagt, nur damit überhaupt etwas gesagt werde. Das alles kommt sogar in den besten Familien und Gesellschaften vor, und das ist eben - nichts. Aber wir müssen auch hier wieder wissen, warum nichts. Paulus sagt: Weil es faul ist. Das heißt, es wächst nichts daraus, es stirbt ab, noch bevor es da ist, es ist den Schall der Stimme nicht wert. Reden miteinander ist eben eine ernste Gelegen|255heit, vorwärts zu kommen miteinander. Menschen, die ein Vorwärts in sich haben, möchten auch mit anderen Menschen, denen sie begegnen, vorwärts kommen. Sie sehen immer weniger Befriedigung darin, nutzlos zu plaudern. Ein rechtes Gespräch sollte immer ein kleiner Schritt sein, durch den man ein wenig weiter kommt. Wir haben es sehr nötig, miteinander zu reden. Wir haben uns sehr viel zu sagen. Man sollte es aber auch tun. Wenn wir das Ernste nicht sagen, das uns eigentlich bewegt, und dafür immer nur das Andere, das Sinnlose, so betrüben wir den heiligen Geist. Er wartet darauf, daß wir mit unseren Worten bauen helfen. Das rechte Reden ist ein Mitteilen von Gnade an die, die es hören. Und Menschen, die das göttliche Vorwärts in sich haben, werden von selbst vom faulen Reden zu dieser rechten Rede hingedrängt.

6. Darum, sagt Paulus: alles Bittere, Wütende, Zornige, Lärmende, Lästerliche sei mit dem Bösen überhaupt ferne von euch, werdet aber gütig gegeneinander … Die Welt ist voll von ernsten Gegensätzen zwischen den Menschen. Wir stehen mitten drin in diesen Gegensätzen. Zwei Arten, sich zu verhalten: das Bittere - das Freundlichwerden. Das erste ist Schwachheit, auch wenn es sehr stark auftritt. Das zweite ist Kraft, auch wenn es schwach erscheint. Warum freundlich sein? Weil Gott uns vergibt und uns liebt. Weil Christus sich nicht verloren hat in Bitterkeit, sondern sich hingegeben in Liebe. Das ist das Göttliche. Das ist unsere Sache. Sorgfalt. Treue. Dann erfahren wir auch die Treue Gottes.

Lieder:
  • Nr. 41 «Wach auf, mein Herz, und singe» von P. Gerhardt, Strophen 1-4.8 (RG [1998] 568,1-4.8; EG 446,1-4.8; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen, Strophen 1.6.8 (RG [1998] 162,1.5.7; EG 165,1.6.8; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 186, Anm.1, und S. 227, Anm.7.↩
2
Im Mskr. ursprünglich: «Zu dem, was er ist, muß er sich bekennen, und wenn er sich noch so genieren würde.» Barth hat den Satz dann unvollständig in die 2. Pers. Sing. übertragen; der Hrsg. hat dies ergänzt.↩