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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 4,25-5,2</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 4,25-5,2, 6. Juli 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39032 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 255.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 4,25-5,2</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">255</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 4,15-5,2, 6. Juli 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1916">KBA 1459</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-07-06">6. Juli 1919</date>
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          <head><idno>477</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-07-06">6. Juli 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.25 Eph.5.2">Epheser 4,25-5,2</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Darum leget die Lüge ab und redet die <hi rend="spaced">Wahrheit</hi>, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir
                    miteinander Glieder sind.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb"><hi rend="spaced">Zürnet</hi> und sündiget doch
                    nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen, und ihr sollt dem Teufel
                    keinen Raum geben.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Wer <hi rend="spaced">gestohlen</hi> hat, der stehle
                    nicht mehr, sondern gebe sich Mühe, durch seiner Hände Arbeit etwas Gutes zu
                    schaffen, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Was <hi rend="spaced">faule Reden</hi> sind, sollen
                    aus eurem Munde nicht kommen, sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes,
                    das zum Aufbau beiträgt, damit es denen, die es hören, Anteil an der Gnade gebe.
                    Und betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr für den Tag der
                    Erlösung versiegelt seid.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Alles <hi rend="spaced">Bittere</hi>, <hi rend="spaced">Wütende</hi>, <hi rend="spaced">Zornige</hi>, <hi rend="spaced">Lärmende</hi>
                    <hi rend="spaced">und</hi>
                    <hi rend="spaced">Lästerliche</hi> sei mit dem Bösen überhaupt ferne von euch.
                    Werdet dafür gütig gegeneinander, barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott
                    in Christus euch vergeben hat. Tut es ihm also nach als seine geliebten Kinder
                    und wandelt in der Liebe, wie auch Christus euch geliebt hat und hat sich selbst
                    für uns dahin gegeben, eine Gabe und ein Opfer, dessen Duft Gott angenehm
                    ist.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Die Menschen, die Gott ein wenig verstanden haben, <hi rend="italic">müssen mit dem, was sie haben,</hi> sehr treu und fein umgehen. Alles,
            was lebendig ist, und wenn es nur ein Kindlein wäre oder eine Blume, verlangt Sorgfalt
            von uns, damit es wachsen und sich entwickeln kann. Es ist gar schnell etwas
            vernachlässigt, gestört und vielleicht vernichtet. Das Göttliche aber ist das
            Allerlebendigste, was uns gegeben werden kann. Wem es gegeben ist, dem kann man nichts
            Dringenderes zurufen als immer wieder dies Eine: hab Sorge! Sonst wird eigentlich gar
            nichts von ihm verlangt. <hi rend="italic">Gott ist ihm wichtig geworden.</hi> Er hat
            lange ratlos <hi rend="italic">geseufzt</hi> unter den vielen Fragen, die einem
            aufsteigen [?], wenn man sich selber und die Welt besser kennen lernt. Er hat
            schließlich <hi rend="italic">gemerkt</hi>, daß es nicht viele Fragen gibt, sondern nur
            eine und auch nur eine Antwort. Aber diese eine Antwort ist etwas <hi rend="italic">ganz
              Großes</hi>, eine Hilfe von Grund aus, eine Veränderung, die alles Denken übersteigt.
              <hi rend="italic">Es ist noch nicht da</hi>, es kommt erst, es bahnt sich erst an. Was
            jetzt da ist und wenn es das Schönste 
            wäre, das ist nur etwas Vorläufiges. Und was da kommt, das ist ernster, radikaler,
            vollständiger als Alles, was der Mensch sonst <pb ed="pga" xml:id="p249"/> wünscht,
            hofft, erstrebt, es <hi rend="italic">kommt von oben</hi>, von der anderen Seite, es ist
            ein neuer Tag, der anbricht, anders, ganz anders als der heutige Tag, ein «Tag der
            Erlösung», wie es in unserem Text heißt. Und indem es kommt, wirft es doch auch schon
            ein <hi rend="italic">helles Licht in die Gegenwart</hi>, es ist das Ziel, dem die
            Stunden des heutigen Tages entgegeneilen, die Hoffnung und die Sehnsucht, die unser
            jetziges Leben bewegt, die Kraft, die den jetzigen Zustand der Dinge erschüttert, und
            doch auch immer das Band, das Alles zusammenhält, bis die Ernte reif ist. |</p>
          <p><hi rend="italic">Der Mensch aber,</hi> der diese Antwort hört und dieses Licht sieht,
            kommt in einen ganz <hi rend="italic">neuen Zustand</hi>, er wird sehr anders. Er wird
            höchst <hi rend="italic">friedlich</hi>, gerade dadurch, daß er sehr beunruhigt wird.
            Die <hi rend="italic">Last der Sorge</hi> wird ihm abgenommen, gerade dadurch, daß ihm
            die Last einer großen Verantwortung auferlegt wird. Er wird sehr <hi rend="italic">frei
              und selbständig</hi> den Anderen gegenüber, gerade dadurch, daß ihm das ans Herz
            gelegt ist, was alle Anderen ebensowohl angeht wie ihn selbst. Er wird <hi rend="italic">sehr sicher</hi>, gerade dadurch, daß ihm der sichere Boden, auf dem die Menschen
            sonst stehen, unter den Füßen weggezogen ist. Er <hi rend="italic">sieht sehr weit</hi>,
            gerade darum, weil er sich ganz unter die Niedrigen gestellt hat. Das ist <hi rend="italic">kein vollkommener</hi> Zustand. Es ist da sehr viel Dunkles, Fragliches
            dabei, viele Widersprüche. Es kann jetzt nicht anders sein. Aber es ist doch ein großes
              <hi rend="italic">Vorwärts!</hi> hineingekommen in dieses Jetzt. Es vollzieht sich ein
              <hi rend="italic">Übergang.</hi> Der alte Mensch wird abgelegt, der neue angezogen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.22 Eph.4.24">Eph. 4,22-24</ref>]. Das
            Ablegen ist nicht fertig und das Anziehen erst recht nicht, aber Beides ist im Gang. Das
            Leben steht nicht mehr still. Es wird ein bewegtes Leben. Das ist das Einzige, was von
            einem solchen Menschen verlangt ist, daß er <hi rend="italic">diesem Vorwärts! treu
              bleibe.</hi> Es ist ihm eine <hi rend="italic">Arbeit anvertraut</hi>, die jetzt um
            Gottes Willen getan werden muß, und dieser Arbeit muß er sich stellen. Er muß <hi rend="italic">sich hergeben</hi>, nicht widerstehen, nicht ausweichen, <hi rend="italic">nichts Fremdartiges</hi> sich einmischen lassen in den stillen Gang der
            göttlichen Dinge, der da angefangen hat. Denn die <hi rend="italic">Verwandlung</hi>,
            die mit ihm vorgeht vom alten zum neuen Menschen, ist nicht in erster Linie seine
            persönliche, sondern <hi rend="italic">Gottes</hi> Angelegenheit. Es ist Freude <hi rend="italic">im Himmel</hi> über das, was da vorgeht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.7">Lk. 15,7</ref>]. Und die ganze <hi rend="italic">Welt</hi> hat ein Interesse daran. Denn <hi rend="italic">Gott braucht</hi> solche
            Menschen, die in dieser Verwandlung stehen, um seinen Tag und sein Reich näher zu
            bringen. |</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p250" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">Geht’s bei einem solchen Menschen</hi> sauber und ehrlich und
            glücklich  vorwärts, so dient das nicht
            nur zu seiner persönlichen Seligkeit, sondern es bedeutet einen Fortschritt der Sache
            Gottes auf Erden. <hi rend="italic">Kommt’s bei ihm</hi> zu Unreinlichkeiten und
            Stockungen und Verwirrungen, so leidet nicht nur er darunter, sondern Gottes Werk auf
            Erden ist aufgehalten. Darum aber kann man ihm nicht genug zurufen: <hi rend="italic">Trag Sorge</hi> zu dem, was du hast! <hi rend="italic">Es hängt</hi> viel, viel mehr
            davon ab, als du denkst! Geh <hi rend="italic">ganz behutsam</hi> deinen Weg! <hi rend="italic">Alles Andere</hi> ist nicht so wichtig. Das Göttliche, das dir
            anvertraut ist, <hi rend="italic">sorgt schon für sich selber,</hi> es wehrt sich, es
            dringt vor, es macht sich geltend und behauptet sich und vermehrt sich, wenn es nur <hi rend="italic">Raum hat</hi>, wenn es nur wachsen und wirken kann. Deine <hi rend="italic">Schwachheiten</hi> und Unfähigkeiten werden ihm nicht im Wege sein, die
              <hi rend="italic">Beschränktheit</hi> der Leute auch nicht, die <hi rend="italic">Gebrechlichkeit</hi> der christlichen Kirche und die Unvollkommenheit der Christen
            auch nicht. Die großen <hi rend="italic">Meinungsverschiedenheiten</hi> auch zwischen
            den Gutgesinnten auch nicht, die <hi rend="italic">Fehler der Sozialisten</hi> auch
            nicht, die ganzen schweren <hi rend="italic">Gewitterwolken</hi> des sogenannten
            <orgName ref="kbga-actors-9861">Friedens von Versailles</orgName><note xml:id="n01">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p186#fn_n01" type="pub">S. 186, Anm.1</ref>, und <ref target="../volume/39/p227#fn_n07" type="pub">S. 227,
              Anm.7</ref>.</note> auch nicht. Es macht Alles nichts, wenn nur die Bewegung der Menschen,
            die Gott verstanden haben, <hi rend="italic">weitergeht</hi>, wenn das Göttliche nur
            ungestört bei ihnen wirken und wachsen kann. <hi rend="italic">Aber das muß es
              können.</hi> Es wird gar oft <hi rend="italic">gestört</hi> bei ihnen. Darum geht es
            denn auch im Ganzen nicht recht vorwärts. Sie haben eine große <hi rend="italic">Verantwortlichkeit.</hi> Der <hi rend="italic">heilige Geist</hi> will nicht betrübt
            sein, haben wir gelesen. Es ist, wie wenn ein <hi rend="italic">hoher Gast</hi> bei
            solchen Menschen eingekehrt wäre, um da eine wichtige Arbeit auszuführen. Er darf bei
            dieser Arbeit <hi rend="italic">nicht unterbrochen</hi> werden. Der Aufenthalt darf ihm
              <hi rend="italic">nicht verleidet</hi> werden. Solche Menschen können nicht genug
            Achtung geben, daß das Allerlebendigste bei ihnen <hi rend="italic">wirklich leben</hi>
            kann. Wenn es das kann, so ist Alles gut.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Darum sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> den Christen von <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName>:
              <hi rend="italic">leget die Lüge ab und redet die Wahrheit,</hi> ein jeder mit seinem
            Nächsten, weil ihr untereinander Glieder seid. <hi rend="italic">Nicht darum</hi>, weil
            Lügen böse und die Wahrheit Reden gut ist. Das Lügen <hi rend="italic">liegt uns jetzt
              so nahe</hi> und die Wahrheit so ferne, daß uns das wenig hilft. <hi rend="italic">Wir
              werden jetzt doch immer</hi> wieder <pb ed="pga" xml:id="p251"/> lügen, und die
            Wahrheit wird uns jetzt doch immer zu hoch sein. Aber <hi rend="italic">wenn jenes
              göttliche Vorwärts</hi> in unser Leben gekommen, dann wird das anders. Bei diesem
            Vorwärts bleibt die Lüge von selbst <hi rend="italic">zurück</hi> und kommt die Wahrheit
            an den <hi rend="italic">Tag.</hi> Wenn wir diesem Vorwärts treu bleiben, dann <hi rend="italic">können</hi> wir nicht mehr lügen, dann <hi rend="italic">müssen</hi> wir
            die Wahrheit reden. <hi rend="italic">Die Lüge ist</hi> der schöne, aber <hi rend="italic">falsche Schein</hi>, den wir uns geben, solange wir Gott nicht
            verstehen.  Wir möchten <hi rend="italic">groß dastehen</hi> und nicht klein, und darum geben wir uns als etwas
            aus, was wir nicht sind. <hi rend="italic">Der eine</hi> lügt Vornehmheit, der andere
            Tugend, der andere Christentum, der andere soziale Gesinnung, der andere Bildung. Jeder
            möchte <hi rend="italic">etwas darstellen</hi>, je nach seinem Geschmack, und hängt ein
            Fähnlein aus: da, das bin ich!, rechtschaffen, fromm, begeistert, wohltätig - er <hi rend="italic">wehrt sich</hi> dafür, daß man es ihm glaube, und nur er weiß das <hi rend="italic">Geheimnis:</hi> ich bin im Grunde nicht das, als was ich mich ausgebe!
            Wir stürzen uns so in die größten <hi rend="italic">Verwicklungen</hi> und
            Verlegenheiten. Wir <hi rend="italic">mißtrauen</hi> einander alle ein wenig, weil wir
            uns selbst nicht trauen. Es ist eine <hi rend="italic">große heimliche Qual</hi> in der
            menschlichen Gesellschaft, und die heißt Lüge. |</p>
          <p><hi rend="italic">Wenn wir Gott verstehen</hi>, brauchen wir <hi rend="italic">nicht
              mehr</hi> zu lügen. Wer Gott versteht, der begreift, daß <hi rend="italic">darauf gar
              nichts</hi> ankommt, ob man groß oder klein <hi rend="italic">dasteht.</hi> Man kann
            nur etwas <hi rend="italic">sein.</hi> Und zwar kann <hi rend="italic">jeder nur
              das</hi> sein, was <hi rend="italic">er</hi> ist. Wir sind untereinander <hi rend="italic">Glieder</hi> an einem Leib. Wir haben gemeinsame Sache, die gemeinsame
            Not und Hoffnung. Diesem Gemeinsamen ist <hi rend="italic">nur damit gedient</hi>, daß
            jeder Einzelne ehrlich seinen Weg geht. Das Leben ist kein <hi rend="italic">Theaterspiel.</hi> Wer von Gott bewegt ist, der steht unter einer <hi rend="italic">Notwendigkeit:</hi> er muß in jedem Augenblick etwas ganz Bestimmtes sein und nichts
            Anderes daneben. Zu dem, was du bist, <hi rend="italic">mußt du dich bekennen</hi>, und
            wenn es dich noch so genieren würde<note xml:id="n02">Im Mskr. ursprünglich: «Zu dem,
              was er ist, muß er sich bekennen, und wenn er sich noch so genieren würde.» <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat den Satz dann unvollständig in die
              2. Pers. Sing. übertragen; der Hrsg. hat dies ergänzt.</note>. Du kommst dann
            vielleicht weiter, aber <hi rend="italic">im jetzigen Augenblick</hi> darfst du <hi rend="italic">nicht seitwärts</hi> schielen auf den Weg Anderer, die weiter sind,
            darfst <hi rend="italic">keine Früchte</hi> an dich reißen, die für dich noch nicht
            gewachsen sind, darfst auch <hi rend="italic">nicht wehmütig</hi> dich zurücksehnen nach
            etwas, was du nicht mehr bist. <hi rend="italic">Redet die Wahrheit!</hi> Bleibt <pb ed="pga" xml:id="p252"/> in der Reihe! Wagt es, vorbehaltlos zu sagen, zu tun, was
            gerade jetzt gerade für euch ehrlich, ernst und notwendig ist. <hi rend="italic">Alles
              Andere</hi> sind faule Künste. Alles Dastehenwollen bringt Verwirrung in das Werk
            Gottes. <hi rend="italic">Wo die Wahrheit geredet</hi> wird, da freuen sich die Engel im
            Himmel, und wenn es vor den Menschen eine noch so traurige und unangenehme Wahrheit
            wäre. Nicht wahr, weil die Verwandlung vom alten Menschen zum neuen bei euch im Gang
            ist, darum könnt ihr ja nicht anders.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Darum, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: <hi rend="italic">Zürnet und sündiget doch nicht,</hi> die Sonne soll [über eurem Zorn nicht
            untergehen]. Das scheint auch bald gesagt: man solle seinem Zorn Schranken setzen, wenn
            man nicht recht weiß, warum. <hi rend="italic">Warum soll ich nicht</hi> zürnen bis
            morgen oder übermorgen, wenn ich Grund und Recht dazu habe? Wir sind gewiß alle schon in
            Lagen gewesen, wo  wir erst recht zornig
            geworden wären, wenn man uns gepredigt hätte: die Sonne soll … <hi rend="italic">Wenn
              wir aber wissen</hi>, daß wir etwas Heiliges zu hüten und zu verwalten haben in
            unserem Leben, dann sieht die Sache doch anders aus. <hi rend="italic">In der Tat</hi>,
            wir müssen oft zornig werden. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat das</hi> mitnichten verboten.
            Er hat auch zürnen können, lest nur einmal den Galaterbrief! Wer nicht zürnen kann, der
            ist ein Lump. Gerade <hi rend="italic">gegen die Lüge</hi> z. B. gibt’s nichts Anderes
            als Zorn, wenn sie uns begegnet. Wer es <hi rend="italic">mit Gelassenheit</hi> ertragen
            kann, mitanzusehen, was der Größenwahn der Menschen für Verheerungen [?] anrichtet, der
            hat jedenfalls nichts Heiliges zu hüten. <hi rend="italic">Zorn ist Ablehnung</hi>,
            Widerspruch, entschiedenes Nein, und das mit Leidenschaft, aus vollem Herzen. <hi rend="italic">Gott braucht</hi> diesen gerechten Zorn, wie man ein scharfes Messer
            braucht oder ein gefährliches Gift in der Medizin <hi rend="italic">(Jesus hat
              gezürnt</hi>, als er eine Geißel machte aus Schnüren und die Wechsler aus dem Tempel
            trieb [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.15">Joh. 2,15</ref>]. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat
            einmal sogar vom <hi rend="italic">Zorn Gottes selbst</hi> geredet: Gottes Zorn ist
            geoffenbart … [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">Röm. 1,18</ref>].) Aber
            eben: <hi rend="italic">Gott braucht den Zorn</hi>, solange es sein muß, dann legt er
            ihn weg wie ein Werkzeug. «Er wird nicht immer hadern, noch ewiglich Zorn halten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.9">Ps. 103,9</ref>]. Das Werkzeug ist <hi rend="italic">nicht über den Meister.</hi> Das heilsame Messer und das heilsame Gift,
              <hi rend="italic">sie könnten ja auch töten</hi>, wenn ein Pfuscher damit umginge. Das
              <hi rend="italic">darf nicht sein. Gott will nicht</hi> den Tod des Sünders … [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.18.23">Hes. 18,23</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.33.11"><!--Hes.-->33,11</ref>]. Der Zorn ist <hi rend="italic">nur etwas</hi> in Gott. Wer nur zürnen <pb ed="pga" xml:id="p253"/>
            kann, wer <hi rend="italic">nicht aufhören kann</hi> zu zürnen, der hat mit Gott nichts
            zu schaffen. Leidenschaft <hi rend="italic">müssen</hi> wir gelegentlich haben, aber
            wenn die Leidenschaft <hi rend="italic">uns hat</hi>, dann ist es um das Heilige getan.
            Der Teufel bekommt dann Raum, wie es hier heißt, es steht dann das Böse gegen das Böse.
            Der Böse triumphiert hier merkwürdigerweise gerade damit, daß wir’s <hi rend="italic">mit dem Guten übertreiben.</hi> Der Teufel bekommt Raum, wenn wir <hi rend="italic">allzu hoch steigen</hi> in unserer Gerechtigkeit. Wir übersehen es gar leicht, daß
            nicht unsere Leidenschaft das Böse überwinden kann, sondern <hi rend="italic">nur
              Gott</hi> selbst. Wir dürfen ihm nicht ins Handwerk pfuschen, sondern müssen uns
            selbst <hi rend="italic">Schranken setzen.</hi> Es gibt im Zorn einen Punkt, wo es
            heißt: <hi rend="italic">jetzt ist’s genug!</hi>, kein Wort weiter, sonst ist’s ohne
            Gott getan, und wenn’s der ernsteste Zorn wäre. Wenn wir über diesen Punkt <hi rend="italic">hinausgehen</hi>, sündigen wir. Wer Gott ein wenig verstanden hat, der
              <hi rend="italic">hält inne</hi> an diesem Punkt. Dieses Innehalten ist viel mehr als
            die sogenannte Selbstbeherrschung. Es ist vielmehr eine Art <hi rend="italic">Ehrfurcht</hi> vor dem heiligen Geist, der nicht betrübt werden darf.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Und darum, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: <hi rend="italic">wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr,</hi>
             er gebe sich aber Mühe … Es mag uns
            merkwürdig vorkommen, daß er hier die Christen, denen er doch viel Gutes zutraut, vor
            etwas so Grobem wie dem Stehlen warnt. Aber <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hätte vielleicht Manches <hi rend="italic">Diebstahl genannt</hi>, was wir ganz anders nennen. <hi rend="italic">Der Gegensatz</hi> vom Stehlen ist für ihn nicht das Zufriedensein mit dem, was man
            hat, sondern das Geben, das Austeilen. Er will offenbar sagen, daß die Menschen, die von
            Gott bewegt sind, auch <hi rend="italic">in Bezug auf das Eigentum</hi> auf einen neuen
            Weg kommen. Man kann offenbar hier zwei verschiedene Richtungen einschlagen. Am Anfang
            der einen Richtung steht der Grundsatz: <hi rend="italic">Was mein ist, das gehört
              mir!</hi> Das ist der alte Weg. Auf diesem Weg geht es anfangs sehr anständig zu, da
            heißt’s einfach Besitz, Verdienst, Erwerb, Gewinn; dann nennt sich das Ding auf einmal
            Profit, und jeder Geschäftsmann weiß, daß die Sache von da an zweifelhaft wird. Am Ende
            dieses Weges ist Diebstahl, zuerst der feine und dann der grobe, vor dem wir uns
            behüten. Die wenigsten Menschen kommen bis an dieses Ende. Aber es ist ein gerader Weg,
            der von hier nach dort führt, und wer kann von sich sagen, daß er diesen Weg nicht
            kenne? Am Anfang der anderen Richtung steht der Grundsatz: <pb ed="pga" xml:id="p254"/>
            <hi rend="italic">Was mein ist, das gehört Gott!</hi> Das ist der neue Weg. Auch da ist
            zuerst der Besitz. Aber dann kommt eine Freiheit: man kann auch nicht besitzen, man kann
            auch geben, man will auch geben, man tut es auch; das Ende dieses Weges ist vielleicht
            das von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gezeichnete [?]: man arbeitet nicht mehr, um etwas an sich zu raffen,
            sondern um etwas zu haben für Andere. Mögen auch hier wieder jetzt nur wenige dieses
            Ziel erreichen, das ist jedenfalls die Richtung. <hi rend="italic">Zwischen diesen zwei
              Richtungen</hi> haben wir zu wählen. Entweder es geht gegen das Stehlen hin oder gegen
            das Austeilen. Wir gehen wahrscheinlich alle in beide Richtungen zugleich. Aber bei
            diesem Ausgleich kann es nicht bleiben zwischen Nehmen und Geben. <hi rend="italic">Bei
              den Menschen, die von Gott bewegt sind</hi>, wird das Geben das Stärkere. Man hat noch
            nie gehört, daß solche Menschen darum zu Faulenzern [?] geworden wären, sie werden
            vielmehr die Tüchtigsten sein, aber der Gedanke des Eigentums <hi rend="italic">weicht
              gleichsam auf</hi>, sie sind nicht mehr so stark <hi rend="italic">interessiert</hi>,
            die geballten Hände gehen langsam <hi rend="italic">auf</hi>, die <hi rend="italic">Befangenheit</hi> schwindet. Es kommt nur auf die Richtung an. Seht in diese Richtung
            kommt ihr [?], sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, nicht aus Abscheu vor dem Diebstahl, nicht einmal direkt aus
            Nächstenliebe, sondern einfach, weil <hi rend="italic">Geben göttlicher ist als
              Nehmen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.20.35">Act. 20,35</ref>]
            und darum auch naheliegender. Als Gottes liebe Kinder müßt ihr es ihm <hi rend="italic">nachtun.</hi> Aus <hi rend="italic">Respekt</hi> vor seiner Sache, die euch
            anvertraut ist, müßt ihr den alten Weg allmählich dahinten lassen.
            
          </p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top">
            <hi rend="italic">5.</hi> Darum sagt er: <hi rend="italic">was faule Reden sind, soll
              aus eurem Munde nicht kommen,</hi> sondern wenn ihr redet, dann sei es etwas Gutes …
            Faule Reden sind alle Reden, bei denen man <hi rend="italic">eigentlich über nichts
              redet</hi>, zum Beispiel so ziemlich Alles, was über <hi rend="italic">Persönlichkeiten</hi>, ihren Charakter, ihre Fehler geredet wird. Alles, was man nur
            mit dem heimlichen Wunsch sagt, sich selber <hi rend="italic">wichtig zu machen</hi>,
            alles <hi rend="italic">Witzemachen</hi>, das nur den Zweck hat, die Leute zum Lachen zu
            bringen, gleichgiltig über was, Alles, was man sagt, nur damit <hi rend="italic">überhaupt etwas gesagt</hi> werde. Das alles kommt sogar in den besten Familien und
            Gesellschaften vor, und das ist eben - nichts. Aber wir müssen auch hier wieder wissen,
              <hi rend="italic">warum</hi> nichts. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: Weil <hi rend="italic">es faul
              ist.</hi> Das heißt, es wächst nichts daraus, es stirbt ab, noch bevor es da ist, es
            ist den Schall der Stimme nicht wert. Reden miteinander ist eben eine <hi rend="italic">ernste Gelegen<pb ed="pga" xml:id="p255" break="no"/>heit</hi>, vorwärts zu kommen
            miteinander. Menschen, die ein Vorwärts in sich haben, möchten auch mit anderen
            Menschen, denen sie begegnen, vorwärts kommen. Sie sehen <hi rend="italic">immer
              weniger</hi> Befriedigung darin, nutzlos zu plaudern. Ein rechtes Gespräch sollte
            immer ein <hi rend="italic">kleiner Schritt</hi> sein, durch den man ein wenig weiter
            kommt. Wir haben es <hi rend="italic">sehr nötig</hi>, miteinander zu reden. Wir haben
            uns <hi rend="italic">sehr viel</hi> zu sagen. Man sollte es aber auch tun. Wenn wir <hi rend="italic">das Ernste</hi>
            <hi rend="italic">nicht sagen</hi>, das uns eigentlich bewegt, und dafür immer nur das
            Andere, das Sinnlose, so betrüben wir den heiligen Geist. Er wartet darauf, daß wir mit
            unseren Worten <hi rend="italic">bauen helfen.</hi> Das rechte Reden ist ein <hi rend="italic">Mitteilen</hi> von Gnade an die, die es hören. Und Menschen, die das
            göttliche Vorwärts in sich haben, werden von selbst vom faulen Reden zu <hi rend="italic">dieser rechten Rede hingedrängt.</hi></p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">6.</hi> Darum, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: <hi rend="italic">alles
              Bittere, Wütende, Zornige, Lärmende, Lästerliche</hi> sei mit dem Bösen überhaupt
            ferne von euch, werdet aber gütig gegeneinander … Die Welt ist voll von ernsten
            Gegensätzen zwischen den Menschen. Wir stehen mitten drin in diesen Gegensätzen. Zwei
            Arten, sich zu verhalten: das Bittere - das Freundlich<hi rend="italic">werden.</hi> Das
            erste ist <hi rend="italic">Schwachheit</hi>, auch wenn es sehr stark auftritt. Das
            zweite ist <hi rend="italic">Kraft</hi>, auch wenn es schwach erscheint. Warum
            freundlich sein? <hi rend="italic">Weil Gott</hi> uns vergibt und uns liebt. <hi rend="italic">Weil Christus</hi> sich nicht verloren hat in Bitterkeit, sondern sich
            hingegeben in Liebe. Das ist das Göttliche. Das ist unsere Sache. Sorgfalt. Treue. Dann
            erfahren wir auch die Treue Gottes. 
          </p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head> Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-111" type="song"> Nr. 41 «Wach auf, mein Herz, und singe» von
              <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-4.8 (RG [1998] 568,1-4.8; EG 446,1-4.8; jeweils mit geringen
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-11" type="song">Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von
              <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen 1.6.8 (RG [1998] 162,1.5.7; EG 165,1.6.8; jeweils mit geringen
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
