Epheser 4,17-24
So sage ich nun und bezeuge es in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln könnt, wie es die anderen Heiden tun, leer in ihrer Vernunft, verfinstert in ihren Sinnen, entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, weil Unwissenheit in ihnen ist und Verstockung in ihren Herzen, welche sich stumpfsinnig der Genußsucht ergeben haben, um habgierig alles Unreine zu tun.
Ihr aber habt Christus nicht so erfaßt. Ihr habt ihm ja Gehör geschenkt und seid in ihm belehrt worden, wie die Dinge stehen in Jesus: daß ihr den der früheren Richtung entsprechenden alten Menschen, der an der betrügerischen Begierde zu Grunde geht, ablegt, - daß ihr neu werdet durch den Geist in eurer Vernunft und anziehet den neuen Menschen, der Gott entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit.
1. Es ist eine bedenkliche und folgenschwere Sache, sich mit Gott einzulassen. Ein wichtiger Gedanke folgt dem anderen, ein ernster Schritt zieht den anderen nach sich bei den Menschen, denen das widerfahren ist. Da sind Fragen und Aufgaben, da sind Veränderungen und Umwälzungen, da tun sich sehr unerwartete Aussichten auf, da kommt man auf sehr seltsame Wege. Die Menschen, die sich mit Gott eingelassen haben, werden, wenn sie dieser Sache im Ernst nachgingen, alle merkwürdig verwandelt, entweder mächtig umgetrieben oder ganz in die Stille geführt, aber immer verwandelt [?], zerknirscht, gebeugt, geprüft. Ihr Leben wurde ganz anders, als sie gemeint hatten. Es wurde vielleicht schöner und inhaltsreicher, aber jedenfalls nicht leichter, nicht angenehmer. Auch die, denen es noch nicht ganz ernst |241 ist oder nicht mehr ganz ernst, tragen wenigstens Spuren davon, daß sie in Arbeit genommen sind. Wenn wir mehr daran denken würden, daß Gott uns in Arbeit hat, wir würden viel Eigentümliches, Trauriges, Schroffes, das wir aneinander wahrnehmen, viel besser verstehen. Und so ist’s auch mit der Menschheit im Ganzen. Sie hat sich einmal mit Gott eingelassen. Die Weltgeschichte würde sehr anders aussehen ohne Gott. Daß der Mensch von Gott nicht lassen kann, weil Gott vom Menschen nicht lassen will, das hat seine Folgen. Durchaus nicht nur angenehme und erfreuliche Folgen. Wenn ein Kranker sich in die Hände des Arztes gibt, so hat das zunächst auch gar keine angenehmen und erfreulichen Folgen. Die nächsten Folgen der Verbindung zwischen Gott und den Menschen sind immer die, daß Fragen auftauchen und Veränderungen sich anbahnen. Wenn wir überhaupt wählen könnten, ob wir uns mit Gott einlassen wollen oder nicht, wenn uns das nicht ungefragt und ungesucht widerfahren würde, so müßte man den Rat erteilen: Besinne dich zweimal, bevor du es mit Gott wagst. Wenn du ihm den kleinen Finger gibst, so nimmt er deine Hand, und wenn er deine Hand hat, so will er dich ganz haben. Es wäre dir vielleicht besser, dein kleines Leben zu leben, deine kleinen Gedanken zu denken, deinen kleinen Interessen nachzugehen ohne Gott. Deine Freude wäre ungetrübter, dein Leid kleiner, dein Schlaf ruhiger ohne Gott. Es wäre deiner Gesundheit und deinem Gemütsleben zuträglicher, ohne Gott zu sein. Aber man kann diesen Rat nicht geben, denn wir haben uns schon mit Gott eingelassen, und die Folgen sind da. |
Man möchte sich manchmal auch die Geschichte der Menschheit
denken ohne diese Verbindung mit Gott. Es stünde dann in der Menschen-Welt, wie
es in der Welt der Tiere und Pflanzen steht. Gutes und Böses,
Freude und Leid, Leben und Tod gibt es ja offenbar auch dort, aber es scheint dort keine
eigentliche Beunruhigung zu geben über diese Gegensätze. Sie
werden nie so groß und brennend wie bei uns. Es ist kein Fragen da, kein Ringen nach
Veränderung, kein Schmerz über das Unvermeidliche, abgesehen von
jenem dumpfen Seufzen der Kreatur, von dem
2. Zuerst sieht es ja immer ganz harmlos aus,
als handle es sich nur darum, Gott zu verstehen. Das Evangelium
Jesu, die frohe Botschaft, daß der Mensch Gottes ist2, zu hören, aufzunehmen, zu begreifen, Ja dazu zu sagen, wie man eben Ja
sagt zu dem, was wahr ist. Wie einfach
scheint das zu sein, neben all dem
Anderen, was wir verstehen, auch noch ein wenig Gott zu verstehen. Man redet, man hört,
man denkt ein bißchen, man weiß. Das ist so leicht, so freundlich. Man lebt weiter.
Nichts wird anders. Nichts muß anders werden. Wie einfach scheint
die Tatsache, daß neben allem Anderen, was in der Welt ist, auch die Botschaft von Jesus
da ist. Nach wie vor die Erde unter uns und der Himmel über uns. Nach wie vor die
irdischen Notwendigkeiten, die menschliche Unvollkommenheit, die unerreichbare [?] Ferne
und Höhe aller Ideale. Die Kirche ist ja auch im Ganzen höchst
bescheiden, höchst zurückhaltend mit Gottes Wort, sie gibt sich schnell zufrieden, wenn
es von möglichst Vielen verstanden, vielleicht von Zeit zu Zeit in einer neuen Weise
verstanden wird. Wer es nicht sonst weiß, könnte schwerlich auf den Gedanken kommen, daß
das, was wir Pfarrer alle Sonntage verkündigen, etwas
Bedenkliches ist für Alles, was jetzt groß und mächtig ist in der Welt. Es ist
eine eitle Selbstüberhebung, wenn Viele meinen, es werde nun bald zu einer
Christenverfolgung kommen. Man verfolgt nur das, was gefährlich ist. Die Welt hat keine
Ahnung davon, daß das Christentum gefährlich sein könnte. Die deutsche Revolution hat
die Kirche ruhig anerkannt.3 Das heutige Christentum ist eben auch nicht gefährlich. Wir |243 stecken eben
noch tief im bloßen Verstehen drin. Es ist überraschend, an sich
selbst und Anderen zu beobachten, wie rasch der Mensch eigentlich bereit ist, Gott zu verstehen, wenn man es ihm nicht allzu schwer macht. Oft scheint es wirklich ernst zu werden bei uns, wirklich tief zu
gehen, nach kurzer Zeit aber wird’s deutlich, daß wir doch nur wieder
etwas verstanden haben. Das scheint wirklich eine leichte,
billige Sache zu sein. Merkwürdig ist’s nur, daß ein Mann
Gottes wie
Was wollen wir dazu sagen? Es ist wahr, es handelt sich ja nur darum, Gott zu verstehen. Gott verstehen ist das ganze Christentum. Aber eben Gott verstehen! Gott ist nicht nur
wahr, sondern wirksam, lebendig,
kräftig, gewaltig. Wo Gott verstanden
wird, da wird ein Keil angesetzt und durchgetrieben. Da ist ein
Salz, das greift an und dringt durch. Da wird ein Strom eingeschaltet, der wirkt. Die Blumen im Garten und die Tannen im Wald verstehen Gott
vielleicht auch, aber wenn der Mensch Gott versteht, dann kommt’s
zu Fragen, zu Aufforderungen, zu Anstößen. Wenn der Mensch versteht, daß Alles unter
einer hohen Führung und Leitung steht, dann kommt die Frage über
ihn: aber wie stelle ich mich denn zu dieser göttlichen Führung? bin ich denn ein von
Gott geleiteter Mensch? will ich’s auch nur sein? Wenn der Mensch versteht, daß Gott die Welt richtet mit Gerechtigkeit, dann kommt die Frage über ihn
mit Furcht und Zittern: aber wie soll denn ich mit meinem Leben, mit meinem Beruf, in
meiner Stellung der göttlichen Gerechtigkeit gerecht werden? Wenn der Mensch |244 versteht, daß es ein ewiges Leben nach dem
Tode und über dem Tode gibt, dann kommt die Aufforderung an ihn mit aller
Dringlichkeit, dieses ewige Leben jetzt schon zu leben, damit einst im Sterben etwas da
sein kann, das nicht sterben muß. Wenn der Mensch versteht, daß ein
guter Wille Gottes vorhanden ist, der geschehen müßte, dann bekommt er einen
entscheidenden Anstoß, sein Leben und das der Seinen diesem guten Gotteswillen zur
Verfügung zu stellen, ihm nicht mehr durch Gedankenlosigkeit und Frechheit im Wege zu
sein, sondern ihm durch die Tat recht zu geben, damit er
geschehen kann auf Erden wie im Himmel [vgl.
Das ist einfach so. Es ist Gottes Natur
so: wo er verstanden wird, da muß der Mensch, durch ihn bewegt, ein Anderer werden. Das Verstehen ist von selbst ein Vergehen und
ein Auferstehen.
Auf zwei Punkte möchte ich an Hand unseres Textes noch besonders
hinweisen.
Das Andere ist das, was Paulus sagt vom Ausziehen des alten und vom Anziehen des neuen Menschen. Das will sagen, daß ein solcher verständiger Mensch nicht nur anders wird als Andere, sondern auch anders als er selber. Die Welt ist so stark gegen uns, weil wir selber auf der Seite der Welt stehen. Alle Lüge und Verkehrtheit der Welt, über die wir seufzen und schelten, sind gewiß in uns selber. Allem Ungöttlichen, das wir an Anderen wahrnehmen, entspricht etwas Ungöttliches in uns selbst. Alles Eifern und Kämpfen, alles Denken und Forschen, alles Glauben und Beten hilft nichts, wenn wir selber nicht |246 anders werden. Das ist eine letzte und tiefste Frage der Aufrichtigkeit, die wir an uns selbst richten müssen, nicht nur einmal, sondern auch das immer wieder: Wer sind wir? Wo stehen wir? Ist’s Ernst damit, daß das Herz die neue Richtung genommen hat? Der alte Mensch ist der ganze Mensch nach Leib und Seele, wie er aussieht und wandelt, wo Gott nicht verstanden oder nur zum Schein verstanden ist. Der neue Mensch ist wieder der ganze Mensch, wenn’s in die andere Richtung geht, vom Verstehen Gottes zum Gehorsam. So kommt der Mensch in Streit mit sich selber. Durch diesen Streit, wenn er ehrlich durchgeführt wird, will ihn Gott zu seinem Werkzeug machen.
So muß ein Christ dastehen, wenn er ein Christ ist. Er ist ein
von Gott umgekehrter Mensch. Einsam unter
den Anderen, in fortwährender lebendiger Wandlung in sich selbst.
«Auswendig Streit, inwendig Furcht», wie
3.
Wir können nicht rückwärts.
Wir können nicht wieder heraus aus der Hand Gottes, nachdem wir
uns mit ihm eingelassen haben. «So wie |247 die Dinge stehen in
Jesus», können wir nicht. Jesus lebt! Das
ist das große Hindernis. Der große Schlaf, der jetzt noch über
Kirche und Christentum liegt, ist ein vorübergehender Zustand. Er wird ein Ende nehmen.
Wir wollen es doch nicht anders, als daß Gott uns in Arbeit
habe. Wir wollen lieber das Bedenkliche als das Unechte, lieber
das Gefahrvolle als das Faule, lieber die Frage und die Veränderung als den Stillstand
und den Tod. Wir fliehen vor dem Ernst des Göttlichen, und wir suchen
ihn doch heimlich mit um so größerem Eifer. Wir sagen heimlich
Ja zu dem, vor dem wir erschrecken und über das wir uns schon entrüstet [?]
haben. Wir wären sonst vielleicht nicht hier. Wir sagen Ja dazu, weil
wir wissen, daß es die Wahrheit ist. Und so bleibt uns nichts übrig, als nur mit Gott vorwärts zu gehen vom Verstehen zum Gehorchen, von der Einsicht zur Entscheidung, von der
Ahnung zur Gegenwart. Das Leben bietet uns allen Gelegenheiten
genug, zu zeigen, wie ernst es uns damit ist. Die nächsten Zeiten
mit den großen Fragen, die sie uns allen bringen werden, werden es offenbar machen, wieviele Menschen jetzt schon da sind, die in der Wendung vom
alten zum neuen Menschen begriffen sind. Über Allen aber, die es
gewagt haben, wagen und wagen werden, wacht4 der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft [vgl.
- Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von
J. D. Herrnschmidt , Strophen 1-3 (RG [1998] 99,1-3; EG 303,1-3) - Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der
Morgenstern» von
Ph. Nicolai , Strophen 3.5 (RG [1998] 653,3.5; EG 70,3.5; jeweils «Wie schön leuchtet … » und mit Textabweichungen)