29. Juni 1919

Epheser 4,17-24

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Tertullian!1
Epheser 4,17-24

So sage ich nun und bezeuge es in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln könnt, wie es die anderen Heiden tun, leer in ihrer Vernunft, verfinstert in ihren Sinnen, entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, weil Unwissenheit in ihnen ist und Verstockung in ihren Herzen, welche sich stumpfsinnig der Genußsucht ergeben haben, um habgierig alles Unreine zu tun.

Ihr aber habt Christus nicht so erfaßt. Ihr habt ihm ja Gehör geschenkt und seid in ihm belehrt worden, wie die Dinge stehen in Jesus: daß ihr den der früheren Richtung entsprechenden alten Menschen, der an der betrügerischen Begierde zu Grunde geht, ablegt, - daß ihr neu werdet durch den Geist in eurer Vernunft und anziehet den neuen Menschen, der Gott entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit.

1. Es ist eine bedenkliche und folgenschwere Sache, sich mit Gott einzulassen. Ein wichtiger Gedanke folgt dem anderen, ein ernster Schritt zieht den anderen nach sich bei den Menschen, denen das widerfahren ist. Da sind Fragen und Aufgaben, da sind Veränderungen und Umwälzungen, da tun sich sehr unerwartete Aussichten auf, da kommt man auf sehr seltsame Wege. Die Menschen, die sich mit Gott eingelassen haben, werden, wenn sie dieser Sache im Ernst nachgingen, alle merkwürdig verwandelt, entweder mächtig umgetrieben oder ganz in die Stille geführt, aber immer verwandelt [?], zerknirscht, gebeugt, geprüft. Ihr Leben wurde ganz anders, als sie gemeint hatten. Es wurde vielleicht schöner und inhaltsreicher, aber jedenfalls nicht leichter, nicht angenehmer. Auch die, denen es noch nicht ganz ernst |241 ist oder nicht mehr ganz ernst, tragen wenigstens Spuren davon, daß sie in Arbeit genommen sind. Wenn wir mehr daran denken würden, daß Gott uns in Arbeit hat, wir würden viel Eigentümliches, Trauriges, Schroffes, das wir aneinander wahrnehmen, viel besser verstehen. Und so ist’s auch mit der Menschheit im Ganzen. Sie hat sich einmal mit Gott eingelassen. Die Weltgeschichte würde sehr anders aussehen ohne Gott. Daß der Mensch von Gott nicht lassen kann, weil Gott vom Menschen nicht lassen will, das hat seine Folgen. Durchaus nicht nur angenehme und erfreuliche Folgen. Wenn ein Kranker sich in die Hände des Arztes gibt, so hat das zunächst auch gar keine angenehmen und erfreulichen Folgen. Die nächsten Folgen der Verbindung zwischen Gott und den Menschen sind immer die, daß Fragen auftauchen und Veränderungen sich anbahnen. Wenn wir überhaupt wählen könnten, ob wir uns mit Gott einlassen wollen oder nicht, wenn uns das nicht ungefragt und ungesucht widerfahren würde, so müßte man den Rat erteilen: Besinne dich zweimal, bevor du es mit Gott wagst. Wenn du ihm den kleinen Finger gibst, so nimmt er deine Hand, und wenn er deine Hand hat, so will er dich ganz haben. Es wäre dir vielleicht besser, dein kleines Leben zu leben, deine kleinen Gedanken zu denken, deinen kleinen Interessen nachzugehen ohne Gott. Deine Freude wäre ungetrübter, dein Leid kleiner, dein Schlaf ruhiger ohne Gott. Es wäre deiner Gesundheit und deinem Gemütsleben zuträglicher, ohne Gott zu sein. Aber man kann diesen Rat nicht geben, denn wir haben uns schon mit Gott eingelassen, und die Folgen sind da. |

Man möchte sich manchmal auch die Geschichte der Menschheit denken ohne diese Verbindung mit Gott. Es stünde dann in der Menschen-Welt, wie es in der Welt der Tiere und Pflanzen steht. Gutes und Böses, Freude und Leid, Leben und Tod gibt es ja offenbar auch dort, aber es scheint dort keine eigentliche Beunruhigung zu geben über diese Gegensätze. Sie werden nie so groß und brennend wie bei uns. Es ist kein Fragen da, kein Ringen nach Veränderung, kein Schmerz über das Unvermeidliche, abgesehen von jenem dumpfen Seufzen der Kreatur, von dem Paulus einmal geredet hat [Röm. 8,19-22]. Es steht Alles still, seit Jahrtausenden, seit Jahrmillionen. Die Tiere und Pflanzen und Steine haben es gut. Sie haben keine Reformation, keinen Sozialismus, keinen Weltkrieg, keine Revolution, keinen Versailler |242 Frieden. Sie sind nicht von dem bewegt, was uns bewegt. Sie haben Gott nicht. Gott hat auch sie, aber ihnen ist’s unbewußt. Sie haben sich mit Gott nicht eingelassen. Nur wir, wir Menschen. Das ist unsere Größe und unser Elend. Wollten wir, daß es anders wäre? Da ist nun eben nichts zu wollen. Die Menschheit hat sich mit Gott eingelassen. Wir können nicht mehr zurück. Es kann sich nur das Eine fragen, ob wir mit Gott vorwärts wollen.

2. Zuerst sieht es ja immer ganz harmlos aus, als handle es sich nur darum, Gott zu verstehen. Das Evangelium Jesu, die frohe Botschaft, daß der Mensch Gottes ist2, zu hören, aufzunehmen, zu begreifen, Ja dazu zu sagen, wie man eben Ja sagt zu dem, was wahr ist. Wie einfach scheint das zu sein, neben all dem Anderen, was wir verstehen, auch noch ein wenig Gott zu verstehen. Man redet, man hört, man denkt ein bißchen, man weiß. Das ist so leicht, so freundlich. Man lebt weiter. Nichts wird anders. Nichts muß anders werden. Wie einfach scheint die Tatsache, daß neben allem Anderen, was in der Welt ist, auch die Botschaft von Jesus da ist. Nach wie vor die Erde unter uns und der Himmel über uns. Nach wie vor die irdischen Notwendigkeiten, die menschliche Unvollkommenheit, die unerreichbare [?] Ferne und Höhe aller Ideale. Die Kirche ist ja auch im Ganzen höchst bescheiden, höchst zurückhaltend mit Gottes Wort, sie gibt sich schnell zufrieden, wenn es von möglichst Vielen verstanden, vielleicht von Zeit zu Zeit in einer neuen Weise verstanden wird. Wer es nicht sonst weiß, könnte schwerlich auf den Gedanken kommen, daß das, was wir Pfarrer alle Sonntage verkündigen, etwas Bedenkliches ist für Alles, was jetzt groß und mächtig ist in der Welt. Es ist eine eitle Selbstüberhebung, wenn Viele meinen, es werde nun bald zu einer Christenverfolgung kommen. Man verfolgt nur das, was gefährlich ist. Die Welt hat keine Ahnung davon, daß das Christentum gefährlich sein könnte. Die deutsche Revolution hat die Kirche ruhig anerkannt.3 Das heutige Christentum ist eben auch nicht gefährlich. Wir |243 stecken eben noch tief im bloßen Verstehen drin. Es ist überraschend, an sich selbst und Anderen zu beobachten, wie rasch der Mensch eigentlich bereit ist, Gott zu verstehen, wenn man es ihm nicht allzu schwer macht. Oft scheint es wirklich ernst zu werden bei uns, wirklich tief zu gehen, nach kurzer Zeit aber wird’s deutlich, daß wir doch nur wieder etwas verstanden haben. Das scheint wirklich eine leichte, billige Sache zu sein. Merkwürdig ist’s nur, daß ein Mann Gottes wie Mose vierzig Jahre alt werden mußte, bis er anfangen konnte, Gott zu verstehen, um dann noch einmal vierzig Jahre in der Wüste zu warten, bis ihm Gott seinen Namen kund tun konnte, erst seinen Namen! [vgl. Num. 14,33f.; Dtn. 34,7; Act. 7,30]. Und als er sich mit Gott einlassen sollte, da wollte er zuerst lange nicht. Er scheute sich [Ex. 3,11]. Wir scheuen uns nicht vor Gott; es scheint uns höchst einfach, mit Gott in Verbindung zu kommen. Ihm schien es schwer, uns scheint es leicht, oder wir möchten doch, daß es uns leicht falle, Gott zu verstehen. Es ist offenbar nicht ganz das Gleiche, was Mose Gott nannte und was wir so nennen.

Was wollen wir dazu sagen? Es ist wahr, es handelt sich ja nur darum, Gott zu verstehen. Gott verstehen ist das ganze Christentum. Aber eben Gott verstehen! Gott ist nicht nur wahr, sondern wirksam, lebendig, kräftig, gewaltig. Wo Gott verstanden wird, da wird ein Keil angesetzt und durchgetrieben. Da ist ein Salz, das greift an und dringt durch. Da wird ein Strom eingeschaltet, der wirkt. Die Blumen im Garten und die Tannen im Wald verstehen Gott vielleicht auch, aber wenn der Mensch Gott versteht, dann kommt’s zu Fragen, zu Aufforderungen, zu Anstößen. Wenn der Mensch versteht, daß Alles unter einer hohen Führung und Leitung steht, dann kommt die Frage über ihn: aber wie stelle ich mich denn zu dieser göttlichen Führung? bin ich denn ein von Gott geleiteter Mensch? will ich’s auch nur sein? Wenn der Mensch versteht, daß Gott die Welt richtet mit Gerechtigkeit, dann kommt die Frage über ihn mit Furcht und Zittern: aber wie soll denn ich mit meinem Leben, mit meinem Beruf, in meiner Stellung der göttlichen Gerechtigkeit gerecht werden? Wenn der Mensch |244 versteht, daß es ein ewiges Leben nach dem Tode und über dem Tode gibt, dann kommt die Aufforderung an ihn mit aller Dringlichkeit, dieses ewige Leben jetzt schon zu leben, damit einst im Sterben etwas da sein kann, das nicht sterben muß. Wenn der Mensch versteht, daß ein guter Wille Gottes vorhanden ist, der geschehen müßte, dann bekommt er einen entscheidenden Anstoß, sein Leben und das der Seinen diesem guten Gotteswillen zur Verfügung zu stellen, ihm nicht mehr durch Gedankenlosigkeit und Frechheit im Wege zu sein, sondern ihm durch die Tat recht zu geben, damit er geschehen kann auf Erden wie im Himmel [vgl. Mt. 6,10]. Nicht, daß er sofort lauter Schönes und Tugendhaftes denken und tun wird. Er wird sich irren. Er wird Fehler begehen. Er wird allerlei Rückwege einschlagen. Aber es kommt darauf nicht an. Wenn der Mensch Gott versteht, Gott versteht als das Größte und Wichtigste, dann kehrt sich jedenfalls etwas um. Es ist nicht mehr Alles nach wie vor. Die Waage neigt sich nach der anderen Seite. Das Herz nimmt eine neue Richtung. Ist Gott das Größte, so ist das, was in der Welt groß ist, nicht mehr ganz groß. Ist Gott wichtig, dann sind die Wichtigkeiten der Welt weniger wichtig. Ist Gott der Herr, dann muß sich die Welt nach ihm richten und nicht umgekehrt. Der Mensch glaubt dann im Leben an das, woran er vorher gezweifelt hat, und zweifelt an dem, woran er vorher geglaubt hat. Er sieht die Fülle dort, wo die Welt das Leere sieht, und sieht Finsternis dort, wo sie das Licht sucht. Er hat andere Augen, darum hat er andere Gedanken, darum gehen seine Füße andere Wege, darum tun seine Hände andere Arbeit, darum führt sein Mund andere Reden. Das Andere ist nicht das Vollkommene, aber das, was von Gott aus nach und nach notwendig und auch möglich wird.

Das ist einfach so. Es ist Gottes Natur so: wo er verstanden wird, da muß der Mensch, durch ihn bewegt, ein Anderer werden. Das Verstehen ist von selbst ein Vergehen und ein Auferstehen. Paulus hat darum die Christen in Ephesus gar nicht extra aufgefordert zu dieser Veränderung, er hat ihnen nicht Moral gepredigt. Er hat nur ausgesprochen, wie es mit der Natur Gottes steht, damit sie und wir uns nicht täuschen sollten. Wo Gott verstanden wird, da ist Moral, da kehrt sich der Grund um im Menschen, sonst ist Gott nicht verstanden. «Ich bezeuge euch in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln könnt, wie es die anderen Heiden tun.» Das ist mehr eine Mitteilung |245 als eine Predigt. Und nachher: «Ihr habt Christus ja Gehör geschenkt und seid in ihm belehrt worden, wie die Dinge stehen in Jesus, daß ihr den alten Menschen ablegt und neu werdet und anziehet den neuen Menschen.» Das ist einfach eine Beschreibung der Ordnung Gottes, auf den sie sich eingelassen haben. Das ist der Grund, auf dem ihr steht, will er ihnen sagen, die Luft, in der ihr atmet, das Wasser, in dem ihr schwimmt. Wenn ein Mensch Gott versteht, dann entscheidet er sich, Gott auch gehorsam zu werden. Wenn ein Stein in einen Teich fällt, dann sinkt er in die Tiefe, er zieht aber auch Wellenkreise auf der Oberfläche. Es kann nicht anders sein.

Auf zwei Punkte möchte ich an Hand unseres Textes noch besonders hinweisen. Paulus sagt den Ephesern: Ihr könnt nicht mehr wandeln, wie die anderen Heiden tun! Damit ist gesagt, daß die Menschen, die Gott verstehen, gleichsam ausgeschieden werden von den anderen Menschen, denen sie bis dahin gleich waren. Das Verständnis Gottes fängt damit an, daß man sich den anderen Menschen absolut gleichstellt und um keinen Preis besser sein will als sie. Es fährt aber damit fort, daß man auf besondere Weise geführt wird und sich um keinen Preis den Anderen gleichstellt. Diesen Weg müssen wir immer wieder gehen. Es ist das Eine so wahr wie das Andere. Gott kann nur die Niedrigen gebrauchen, aber unter den Niedrigen nur die, die sich auf die Höhe wollen führen lassen. Wer Gott versteht, ruft aus der Tiefe zu ihm mit dem aufrichtigen Verlangen, nicht in der Tiefe bleiben zu müssen [vgl. Ps. 130,1]. Wo ein Mensch Gott versteht, da will Gott ein Licht anzünden, das leuchtet zu seiner Ehre. Die anderen Menschen warten darauf, etwas Neues zu sehen an solch einem Menschen. Das ist das eine Bedenkliche, das wir uns vor Augen halten müssen, wenn wir uns mit Gott einlassen.

Das Andere ist das, was Paulus sagt vom Ausziehen des alten und vom Anziehen des neuen Menschen. Das will sagen, daß ein solcher verständiger Mensch nicht nur anders wird als Andere, sondern auch anders als er selber. Die Welt ist so stark gegen uns, weil wir selber auf der Seite der Welt stehen. Alle Lüge und Verkehrtheit der Welt, über die wir seufzen und schelten, sind gewiß in uns selber. Allem Ungöttlichen, das wir an Anderen wahrnehmen, entspricht etwas Ungöttliches in uns selbst. Alles Eifern und Kämpfen, alles Denken und Forschen, alles Glauben und Beten hilft nichts, wenn wir selber nicht |246 anders werden. Das ist eine letzte und tiefste Frage der Aufrichtigkeit, die wir an uns selbst richten müssen, nicht nur einmal, sondern auch das immer wieder: Wer sind wir? Wo stehen wir? Ist’s Ernst damit, daß das Herz die neue Richtung genommen hat? Der alte Mensch ist der ganze Mensch nach Leib und Seele, wie er aussieht und wandelt, wo Gott nicht verstanden oder nur zum Schein verstanden ist. Der neue Mensch ist wieder der ganze Mensch, wenn’s in die andere Richtung geht, vom Verstehen Gottes zum Gehorsam. So kommt der Mensch in Streit mit sich selber. Durch diesen Streit, wenn er ehrlich durchgeführt wird, will ihn Gott zu seinem Werkzeug machen.

So muß ein Christ dastehen, wenn er ein Christ ist. Er ist ein von Gott umgekehrter Mensch. Einsam unter den Anderen, in fortwährender lebendiger Wandlung in sich selbst. «Auswendig Streit, inwendig Furcht», wie Paulus ein andermal gesagt hat [2.Kor. 7,5]. Bedenklich wird es immer sein, so dazustehen. Wenn die Christen es wieder wagen werden, so dazustehen, dann wird das Christentum wieder eine gefährliche Sache werden. Wenn die Kirche es wieder wagen wird, es laut zu sagen, daß es sich im Christentum um diese große Frage und Veränderung handelt, wenn die Menschen selber es stürmisch verlangen werden von den Pfarrern, das und nur das zu hören in der Kirche, dann wird Verschiedenes, was jetzt groß und sicher ist in der Welt, ins Wanken kommen. Das Verstehen Gottes wird dann nicht mehr eine so leichte, wohlfeile Sache sein. Die Kirche wird dann nicht mehr so ruhig anerkannt werden. Die römischen Kaiser wußten, was sie taten, wenn sie die Christen verfolgten. Als der Heide Sokrates den Athenern aufdeckte, daß das Göttliche im Leben der Menschen diese Frage und Veränderung bedeute, da mußte er zur Strafe sofort den Giftbecher trinken. Und als Gott dem Mose seinen Namen offenbarte: Ich bin, der ich bin!, da scheute sich Mose, in seinen Dienst zu treten, denn er dachte an die Frage und an die Veränderung, die ihm aus diesem einfachen: Ich bin, der ich bin! erwachsen könnte [Ex. 3,11-14]. In jenem Haß der Athener und in dieser Scheu des Mose lag ein echtes Verstehen Gottes. Es geht um große Entscheidungen, wenn es um Gott geht.

3. Wir können nicht rückwärts. Wir können nicht wieder heraus aus der Hand Gottes, nachdem wir uns mit ihm eingelassen haben. «So wie |247 die Dinge stehen in Jesus», können wir nicht. Jesus lebt! Das ist das große Hindernis. Der große Schlaf, der jetzt noch über Kirche und Christentum liegt, ist ein vorübergehender Zustand. Er wird ein Ende nehmen. Wir wollen es doch nicht anders, als daß Gott uns in Arbeit habe. Wir wollen lieber das Bedenkliche als das Unechte, lieber das Gefahrvolle als das Faule, lieber die Frage und die Veränderung als den Stillstand und den Tod. Wir fliehen vor dem Ernst des Göttlichen, und wir suchen ihn doch heimlich mit um so größerem Eifer. Wir sagen heimlich Ja zu dem, vor dem wir erschrecken und über das wir uns schon entrüstet [?] haben. Wir wären sonst vielleicht nicht hier. Wir sagen Ja dazu, weil wir wissen, daß es die Wahrheit ist. Und so bleibt uns nichts übrig, als nur mit Gott vorwärts zu gehen vom Verstehen zum Gehorchen, von der Einsicht zur Entscheidung, von der Ahnung zur Gegenwart. Das Leben bietet uns allen Gelegenheiten genug, zu zeigen, wie ernst es uns damit ist. Die nächsten Zeiten mit den großen Fragen, die sie uns allen bringen werden, werden es offenbar machen, wieviele Menschen jetzt schon da sind, die in der Wendung vom alten zum neuen Menschen begriffen sind. Über Allen aber, die es gewagt haben, wagen und wagen werden, wacht4 der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7].

Lieder:
  • Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1-3 (RG [1998] 99,1-3; EG 303,1-3) 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 3.5 (RG [1998] 653,3.5; EG 70,3.5; jeweils «Wie schön leuchtet … » und mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 26. Juni 1919 schrieb Barth an Thurneysen: «Ich las dieser Tage … von Tertullian ‹De resurrectione carnis› 📖: mit der Ahnung, daß in den Kirchenvätern jedenfalls Bedeutendes zu holen wäre zur Verbreiterung und Festigung unserer Basis.» (Bw. Th. I, S. 334 📖) Barths Text - in der von seinem Vater geerbten editio minor von Fr. Oehlers Ausgabe der Opera omnia Tertullians (Leipzig 1854) S. 925-999 📖 - weist zahlreiche Unterstreichungen und Anstreichungen auf. Im Blick auf die vorliegende Predigt hat sich Barth aber offenbar mehr von der theologischen Haltung Tertullians als von einzelnen Aussagen beeinflussen lassen.↩
2
Vgl. oben S. 206, Anm.1.↩
3
Vgl. S. Grundmann, Art. «Kirchenverfassung VI», in: RGG3 III, Sp. 1582 📖: «Mit dem Ende der Monarchie in Deutschland (1918) schwand auch das landesherrliche Kirchenregiment dahin. Die Rechte des Summus Episcopus gingen nach einigen Versuchen der neuen staatlichen Machthaber, sie für sich selbst zu beanspruchen, auf die K[irchen] selbst über. … Die staatliche K[irchen]hoheit hingegen blieb nach herrschender Meinung erhalten. Das wurde mit dem Status der Religionsgesellschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts begründet.»↩
4
Könnte auch «­ruht­» heißen.↩