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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 4,17-24</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 4,17-24, 29. Juni 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39031 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 247.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 4,17-24</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">247</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">31</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 4,17-24, 29. Juni 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1915">KBA 1458</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-06-29">29. Juni 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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      <div type="sermon">
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        <div type="opener">
          <head><idno>476</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-06-29">29. Juni 1919</date>
          </dateline>

          <argument>
            <ab><hi rend="italic">Tertullian!</hi><note xml:id="n01">Am <date when="1919-06-26">26. Juni 1919</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an
                  <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Ich las dieser Tage … von
                  <bibl corresp="kbga-bibls-4156"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName> ‹De
                  resurrectione carnis›</bibl>: mit der Ahnung, daß in den Kirchenvätern
                jedenfalls Bedeutendes zu holen wäre zur Verbreiterung und Festigung unserer Basis.»
                  (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p334#p334">S. 334</ref></bibl>) Barths Text - in der von
                seinem <persName ref="kbga-actors-21">Vater</persName> geerbten editio minor von Fr. Oehlers Ausgabe der <bibl corresp="kbga-bibls-5435"><hi rend="italic">Opera omnia</hi> <persName ref="kbga-actors-798">Tertullians</persName> (Leipzig
                  1854) S. 925-999</bibl> - weist zahlreiche Unterstreichungen und Anstreichungen
                auf. Im Blick auf die vorliegende Predigt hat sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> aber offenbar mehr von der theologischen Haltung Tertullians als
                von einzelnen Aussagen beeinflussen lassen.</note></ab>
          </argument>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.17 Eph.4.24">Epheser 4,17-24</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">So sage ich nun und bezeuge es in dem Herrn, daß
                    ihr nicht mehr wandeln könnt, wie es die <hi rend="spaced">anderen</hi> Heiden
                    tun, <hi rend="spaced">leer</hi> in ihrer Vernunft, <hi rend="spaced">verfinstert</hi> in ihren Sinnen, <hi rend="spaced">entfremdet</hi> dem
                    Leben, das aus Gott ist, weil Unwissenheit in ihnen ist und Verstockung in ihren
                    Herzen, welche sich stumpfsinnig der Genußsucht ergeben haben, um habgierig
                    alles Unreine zu tun.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Ihr aber habt Christus nicht <hi rend="spaced">so</hi> erfaßt. Ihr habt ihm ja Gehör geschenkt und seid in ihm belehrt
                    worden, wie die Dinge stehen in Jesus: daß ihr den der <hi rend="spaced">früheren</hi> Richtung entsprechenden alten Menschen, der an der
                    betrügerischen Begierde zu Grunde geht, <hi rend="spaced">ablegt</hi>, - daß ihr
                      <hi rend="spaced">neu</hi> werdet durch den Geist in eurer Vernunft und
                    anziehet den <hi rend="spaced">neuen</hi> Menschen, der <hi rend="spaced">Gott</hi> entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und
                    Heiligkeit.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Es ist eine bedenkliche und folgenschwere Sache, <hi rend="italic">sich mit Gott einzulassen.</hi> Ein wichtiger <hi rend="italic">Gedanke</hi> folgt dem anderen, ein ernster <hi rend="italic">Schritt</hi> zieht den
            anderen nach sich bei den Menschen, denen das widerfahren ist. Da sind <hi rend="italic">Fragen</hi> und Aufgaben, da sind <hi rend="italic">Veränderungen</hi> und
            Umwälzungen, da tun sich sehr unerwartete <hi rend="italic">Aussichten</hi> auf, da
            kommt man auf sehr seltsame Wege. <hi rend="italic">Die Menschen, die sich</hi> mit Gott
            eingelassen haben, werden, wenn sie dieser Sache im Ernst nachgingen, alle merkwürdig
              <hi rend="italic">verwandelt</hi>, entweder mächtig umgetrieben oder ganz in die
            Stille geführt, aber immer verwandelt [?], zerknirscht, gebeugt, geprüft. <hi rend="italic">Ihr Leben</hi> wurde ganz anders, als sie gemeint hatten. Es wurde
            vielleicht schöner und inhaltsreicher, aber jedenfalls nicht leichter, nicht angenehmer.
              <hi rend="italic">Auch die</hi>, denen es noch nicht ganz ernst <pb ed="pga" xml:id="p241"/> ist oder nicht mehr ganz ernst, tragen wenigstens Spuren davon, daß
            sie in Arbeit genommen sind. Wenn wir mehr daran denken würden, daß Gott uns in Arbeit
            hat, wir würden viel Eigentümliches, Trauriges, Schroffes, das wir aneinander
            wahrnehmen, viel besser verstehen. Und so ist’s auch mit der <hi rend="italic">Menschheit im Ganzen.</hi> Sie hat sich einmal mit Gott eingelassen. Die
            Weltgeschichte würde sehr <hi rend="italic">anders aussehen</hi> ohne Gott. Daß der
            Mensch von Gott nicht lassen kann, weil Gott vom Menschen nicht lassen will, das hat <hi rend="italic">seine Folgen.</hi> Durchaus nicht nur angenehme und erfreuliche Folgen. Wenn ein Kranker sich in die
            Hände des Arztes gibt, so hat das zunächst auch gar keine angenehmen und erfreulichen
            Folgen. <hi rend="italic">Die nächsten Folgen</hi> der Verbindung zwischen Gott und den
            Menschen sind immer die, daß Fragen auftauchen und Veränderungen sich anbahnen. Wenn wir
            überhaupt <hi rend="italic">wählen könnten</hi>, ob wir uns mit Gott einlassen wollen
            oder nicht, wenn uns das nicht ungefragt und ungesucht widerfahren würde, so müßte man
              <hi rend="italic">den Rat erteilen: Besinne dich</hi> zweimal, bevor du es mit Gott
            wagst. Wenn du ihm den <hi rend="italic">kleinen Finger gibst</hi>, so nimmt er deine
            Hand, und wenn er deine Hand hat, so will er dich ganz haben. Es wäre dir vielleicht <hi rend="italic">besser</hi>, dein kleines Leben zu leben, deine kleinen Gedanken zu
            denken, deinen kleinen Interessen nachzugehen ohne Gott. Deine Freude wäre <hi rend="italic">ungetrübter</hi>, dein Leid kleiner, dein Schlaf ruhiger ohne Gott. Es
            wäre deiner Gesundheit und deinem Gemütsleben <hi rend="italic">zuträglicher</hi>, ohne
            Gott zu sein. Aber man kann diesen Rat <hi rend="italic">nicht geben</hi>, denn wir
            haben uns schon mit Gott eingelassen, und die Folgen sind da. |</p>
          <p>Man möchte sich manchmal auch <hi rend="italic">die Geschichte der Menschheit
              denken</hi> ohne diese Verbindung mit Gott. Es stünde dann in der Menschen-Welt, wie
            es in der <hi rend="italic">Welt der Tiere und Pflanzen</hi> steht. Gutes und Böses,
            Freude und Leid, Leben und Tod gibt es ja offenbar auch dort, aber es scheint dort keine
            eigentliche <hi rend="italic">Beunruhigung</hi> zu geben über diese Gegensätze. Sie
            werden nie <hi rend="italic">so groß</hi> und brennend wie bei uns. Es ist <hi rend="italic">kein Fragen</hi> da, <hi rend="italic">kein Ringen</hi> nach
            Veränderung, <hi rend="italic">kein Schmerz</hi> über das Unvermeidliche, abgesehen von
            jenem dumpfen Seufzen der Kreatur, von dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> einmal geredet hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.19 Röm.8.22">Röm. 8,19-22</ref>]. Es steht Alles still,
            seit Jahrtausenden, seit Jahrmillionen. Die Tiere und Pflanzen und Steine <hi rend="italic">haben es gut.</hi> Sie haben keine Reformation, keinen Sozialismus,
            keinen Weltkrieg, keine Revolution, keinen <orgName ref="kbga-actors-9861">Versailler <pb ed="pga" xml:id="p242"/>
            Frieden</orgName>. Sie sind <hi rend="italic">nicht von dem bewegt</hi>, was uns bewegt. Sie <hi rend="italic">haben Gott nicht.</hi> Gott hat auch sie, aber ihnen ist’s unbewußt. Sie
            haben sich mit Gott nicht eingelassen. <hi rend="italic">Nur wir, wir Menschen.</hi> Das
            ist unsere Größe und unser Elend. <hi rend="italic">Wollten wir</hi>, daß es anders
            wäre? Da ist nun eben nichts zu wollen. Die Menschheit <hi rend="italic">hat</hi> sich
            mit Gott eingelassen. Wir können nicht mehr zurück. Es kann sich <hi rend="italic">nur
              das Eine</hi> fragen, ob wir mit Gott vorwärts wollen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Zuerst sieht es ja immer ganz harmlos aus,
            als handle es sich nur darum, <hi rend="italic">Gott zu verstehen.</hi> Das Evangelium
            Jesu, die frohe Botschaft, daß der Mensch Gottes ist<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p206#fn_n01" type="pub">S. 206,
              Anm.1</ref>.</note>, zu hören, aufzunehmen, zu begreifen, Ja dazu zu sagen, wie man eben Ja
            sagt zu dem, was wahr ist. <hi rend="italic">Wie einfach</hi>
            scheint das zu sein, neben all dem
            Anderen, was wir verstehen, auch noch ein wenig Gott zu verstehen. Man redet, man hört,
            man denkt ein bißchen, man weiß. Das ist so leicht, so freundlich. Man lebt weiter.
            Nichts wird anders. Nichts muß anders werden. <hi rend="italic">Wie einfach</hi> scheint
            die Tatsache, daß neben allem Anderen, was in der Welt ist, auch die Botschaft von Jesus
            da ist. Nach wie vor die Erde unter uns und der Himmel über uns. Nach wie vor die
            irdischen Notwendigkeiten, die menschliche Unvollkommenheit, die unerreichbare [?] Ferne
            und Höhe aller Ideale. <hi rend="italic">Die Kirche</hi> ist ja auch im Ganzen höchst
            bescheiden, höchst zurückhaltend mit Gottes Wort, sie gibt sich schnell zufrieden, wenn
            es von möglichst Vielen verstanden, vielleicht von Zeit zu Zeit in einer neuen Weise
            verstanden wird. Wer es nicht sonst weiß, könnte schwerlich auf den Gedanken kommen, daß
            das, was wir Pfarrer alle Sonntage verkündigen, <hi rend="italic">etwas
              Bedenkliches</hi> ist für Alles, was jetzt groß und mächtig ist in der Welt. Es ist
            eine eitle Selbstüberhebung, wenn Viele meinen, es werde nun bald zu einer
            Christenverfolgung kommen. Man verfolgt nur das, was gefährlich ist. Die Welt hat keine
            Ahnung davon, daß das Christentum gefährlich sein könnte. Die deutsche Revolution hat
            die Kirche ruhig anerkannt.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5436">S. Grundmann, Art. «Kirchenverfassung VI», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> III,
                Sp. 1582</bibl>: «Mit dem Ende der Monarchie in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> (1918) schwand auch das landesherrliche Kirchenregiment
              dahin. Die Rechte des Summus Episcopus gingen nach einigen Versuchen der neuen
              staatlichen Machthaber, sie für sich selbst zu beanspruchen, auf die K[irchen]
              selbst über. … Die staatliche K[irchen]hoheit hingegen blieb nach herrschender Meinung
              erhalten. Das wurde mit dem Status der Religionsgesellschaften als Körperschaften des
              öffentlichen Rechts begründet.»</note> Das heutige Christentum <hi rend="italic">ist</hi> eben auch nicht gefährlich. Wir <pb ed="pga" xml:id="p243"/> stecken eben
            noch <hi rend="italic">tief im bloßen Verstehen drin.</hi> Es ist überraschend, an sich
            selbst und Anderen zu beobachten, wie rasch der Mensch eigentlich <hi rend="italic">bereit ist</hi>, Gott zu verstehen, wenn man es ihm nicht allzu schwer macht. Oft <hi rend="italic">scheint es wirklich ernst</hi> zu werden bei uns, wirklich tief zu
            gehen, nach kurzer Zeit aber wird’s deutlich, daß wir <hi rend="italic">doch nur wieder
              etwas verstanden</hi> haben. Das scheint wirklich eine <hi rend="italic">leichte,
              billige</hi> Sache zu sein. Merkwürdig ist’s nur, daß <hi rend="italic">ein Mann
              Gottes wie <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></hi> vierzig Jahre alt werden mußte, bis er <hi rend="italic">anfangen</hi> konnte, Gott zu verstehen, um dann noch einmal vierzig Jahre in der
            Wüste zu warten, bis ihm Gott <hi rend="italic">seinen Namen</hi> kund tun konnte, erst
            seinen Namen! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Num.14.33 Num.14.34">Num. 14,33f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.34.7">Dtn. 34,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.7.30">Act. 7,30</ref>].
            Und als er sich mit Gott einlassen sollte, da wollte er zuerst lange nicht. <hi rend="italic">Er scheute sich</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.11">Ex. 3,11</ref>]. Wir scheuen uns nicht vor Gott; es scheint uns höchst einfach, mit
            Gott in Verbindung zu kommen. <hi rend="italic">Ihm schien es schwer</hi>, uns scheint
            es leicht, oder wir möchten doch, daß es uns leicht falle, Gott zu verstehen. Es ist
            offenbar <hi rend="italic">nicht ganz das Gleiche</hi>, was <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> Gott nannte und was wir
            so nennen.</p>
          <p>Was wollen wir dazu sagen? Es ist wahr, es handelt sich ja nur darum, Gott zu <hi rend="italic">verstehen.</hi> Gott verstehen ist das ganze Christentum. <hi rend="italic">Aber eben Gott</hi> verstehen! <hi rend="italic">Gott ist nicht nur
              wahr</hi>, sondern <hi rend="italic">wirksam</hi>, lebendig,
               kräftig, gewaltig. Wo Gott verstanden
            wird, da wird ein <hi rend="italic">Keil</hi> angesetzt und durchgetrieben. Da ist ein
            Salz, das greift an und dringt durch. Da wird ein Strom eingeschaltet, der wirkt. <hi rend="italic">Die Blumen im Garten</hi> und die Tannen im Wald verstehen Gott
            vielleicht auch, aber <hi rend="italic">wenn der Mensch Gott versteht</hi>, dann kommt’s
            zu Fragen, zu Aufforderungen, zu Anstößen. Wenn der Mensch versteht, daß Alles unter
            einer hohen <hi rend="italic">Führung und Leitung</hi> steht, dann kommt die Frage über
            ihn: aber wie stelle ich mich denn zu dieser göttlichen Führung? bin ich denn ein von
            Gott geleiteter Mensch? will ich’s auch nur sein? Wenn der Mensch versteht, daß Gott <hi rend="italic">die Welt richtet mit Gerechtigkeit</hi>, dann kommt die Frage über ihn
            mit Furcht und Zittern: aber wie soll denn ich mit meinem Leben, mit meinem Beruf, in
            meiner Stellung der göttlichen Gerechtigkeit gerecht werden? Wenn der Mensch <pb ed="pga" xml:id="p244"/> versteht, daß es <hi rend="italic">ein ewiges Leben nach dem
              Tode</hi> und über dem Tode gibt, dann kommt die Aufforderung an ihn mit aller
            Dringlichkeit, dieses ewige Leben jetzt schon zu leben, damit einst im Sterben etwas da
            sein kann, das nicht sterben muß. Wenn der Mensch versteht, daß <hi rend="italic">ein
              guter Wille Gottes vorhanden ist</hi>, der geschehen müßte, dann bekommt er einen
            entscheidenden Anstoß, sein Leben und das der Seinen diesem guten Gotteswillen zur
            Verfügung zu stellen, ihm nicht mehr durch Gedankenlosigkeit und Frechheit im Wege zu
            sein, sondern ihm durch die Tat recht zu geben, damit <hi rend="italic">er</hi>
            geschehen kann auf Erden wie im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]. <hi rend="italic">Nicht, daß er sofort</hi> lauter
            Schönes und Tugendhaftes denken und tun wird. Er wird sich irren. Er wird Fehler
            begehen. Er wird allerlei Rückwege einschlagen. Aber es kommt darauf nicht an. Wenn der
            Mensch Gott versteht, <hi rend="italic">Gott</hi> versteht als das Größte und
            Wichtigste, dann <hi rend="italic">kehrt sich jedenfalls etwas um.</hi> Es ist <hi rend="italic">nicht mehr Alles</hi> nach wie vor. <hi rend="italic">Die Waage</hi>
            neigt sich nach der anderen Seite. <hi rend="italic">Das Herz</hi> nimmt eine neue
            Richtung. Ist Gott <hi rend="italic">das Größte</hi>, so ist das, was in der Welt groß
            ist, nicht mehr ganz groß. Ist Gott <hi rend="italic">wichtig</hi>, dann sind die
            Wichtigkeiten der Welt weniger wichtig. Ist Gott der <hi rend="italic">Herr</hi>, dann
            muß sich die Welt nach ihm richten und nicht umgekehrt. Der Mensch <hi rend="italic">glaubt</hi> dann im Leben an das, woran er vorher gezweifelt hat, und zweifelt an
            dem, woran er vorher geglaubt hat. Er sieht die <hi rend="italic">Fülle</hi> dort, wo
            die Welt das Leere sieht, und sieht <hi rend="italic">Finsternis</hi> dort, wo sie das
            Licht sucht. Er hat andere <hi rend="italic">Augen</hi>, darum hat er andere <hi rend="italic">Gedanken</hi>, darum gehen seine <hi rend="italic">Füße</hi> andere
            Wege, darum tun seine <hi rend="italic">Hände</hi> andere Arbeit, darum führt sein <hi rend="italic">Mund</hi> andere Reden. Das Andere ist nicht das Vollkommene, aber das,
            was <hi rend="italic">von Gott aus</hi> nach und nach notwendig und auch möglich wird.
            
          </p>
          <p>
            <hi rend="italic">Das ist einfach so.</hi> Es ist <hi rend="italic">Gottes Natur</hi>
            so: wo er verstanden wird, da muß der Mensch, durch ihn bewegt, ein <hi rend="italic">Anderer</hi> werden. Das Verstehen ist von selbst ein <hi rend="italic">Vergehen und
              ein Auferstehen.</hi>
            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat darum</hi> die Christen in <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName> gar nicht extra
            aufgefordert zu dieser Veränderung, er hat ihnen nicht Moral gepredigt. Er hat nur <hi rend="italic">ausgesprochen</hi>, wie es mit der Natur Gottes steht, damit sie und wir
            uns nicht täuschen sollten. Wo Gott verstanden wird, <hi rend="italic">da ist
            Moral</hi>, da <hi rend="italic">kehrt</hi> sich der Grund um im Menschen, sonst ist
            Gott nicht verstanden. «<hi rend="italic">Ich bezeuge euch</hi> in dem Herrn, daß ihr
            nicht mehr wandeln <hi rend="italic">könnt</hi>, wie es die anderen Heiden tun.» Das ist
            mehr eine <hi rend="italic">Mitteilung</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p245"/> als eine Predigt. Und nachher: «Ihr habt Christus ja Gehör
            geschenkt und seid in ihm belehrt worden, <hi rend="italic">wie die Dinge stehen in
              Jesus</hi>, daß ihr den alten Menschen ablegt und neu werdet und anziehet den neuen
            Menschen.» Das ist einfach eine <hi rend="italic">Beschreibung</hi> der Ordnung Gottes,
            auf den sie sich eingelassen haben. Das ist der <hi rend="italic">Grund</hi>, auf dem
            ihr steht, will er ihnen sagen, die <hi rend="italic">Luft</hi>, in der ihr atmet, das
              <hi rend="italic">Wasser</hi>, in dem ihr schwimmt. Wenn ein Mensch Gott versteht,
            dann <hi rend="italic">entscheidet er sich</hi>, Gott auch gehorsam zu werden. Wenn ein
            Stein in einen Teich fällt, dann sinkt er in die Tiefe, er <hi rend="italic">zieht aber
              auch Wellenkreise</hi> auf der Oberfläche. Es kann nicht anders sein.</p>
          <p><hi rend="italic">Auf zwei Punkte</hi> möchte ich an Hand unseres Textes noch besonders
            hinweisen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt den Ephesern: Ihr könnt nicht mehr wandeln, <hi rend="italic">wie
              die anderen Heiden tun!</hi> Damit ist gesagt, daß die Menschen, die Gott verstehen,
            gleichsam <hi rend="italic">ausgeschieden werden</hi> von den anderen Menschen, denen
            sie bis dahin gleich waren. Das Verständnis Gottes <hi rend="italic">fängt damit
            an</hi>, daß man sich den anderen Menschen absolut gleichstellt und um keinen Preis
            besser sein will als sie. Es <hi rend="italic">fährt aber damit fort</hi>, daß man auf
            besondere Weise geführt wird und sich um keinen Preis den Anderen gleichstellt. Diesen
            Weg müssen wir immer wieder gehen. Es ist das Eine so wahr wie das Andere. Gott kann nur
            die <hi rend="italic">Niedrigen</hi> gebrauchen, aber unter den Niedrigen nur die, die
            sich auf die <hi rend="italic">Höhe</hi> wollen führen lassen. Wer Gott versteht, ruft
              <hi rend="italic">aus der Tiefe</hi> zu ihm mit dem aufrichtigen Verlangen, <hi rend="italic">nicht in der Tiefe</hi> bleiben zu müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.130.1">Ps. 130,1</ref>]. Wo ein Mensch Gott versteht, da
            will Gott ein <hi rend="italic">Licht anzünden</hi>, das leuchtet zu seiner Ehre. Die
            anderen Menschen <hi rend="italic">warten darauf</hi>, etwas Neues zu sehen an solch
            einem Menschen. Das ist das eine Bedenkliche, das wir uns vor Augen halten müssen, wenn
            wir uns mit Gott einlassen.</p>
          <p>Das Andere ist das, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt vom Ausziehen des alten und vom <hi rend="italic">Anziehen des neuen Menschen.</hi> Das will sagen, daß ein solcher verständiger Mensch
            nicht nur anders wird als Andere, sondern auch <hi rend="italic">anders
                 als er selber.</hi> Die Welt ist so
            stark gegen uns, weil wir <hi rend="italic">selber auf der Seite</hi> der Welt stehen.
            Alle Lüge und Verkehrtheit der Welt, über die wir seufzen und schelten, sind gewiß <hi rend="italic">in uns selber.</hi> Allem Ungöttlichen, das wir an Anderen wahrnehmen,
            entspricht etwas <hi rend="italic">Ungöttliches in uns selbst.</hi> Alles Eifern und
            Kämpfen, alles Denken und Forschen, alles Glauben und Beten hilft nichts, wenn wir <hi rend="italic">selber nicht <pb ed="pga" xml:id="p246"/> anders</hi> werden. Das ist
            eine letzte und tiefste <hi rend="italic">Frage der Aufrichtigkeit</hi>, die wir an uns
            selbst richten müssen, nicht nur einmal, sondern auch das immer wieder: Wer sind wir? Wo
            stehen wir? Ist’s Ernst damit, daß das Herz die neue Richtung genommen hat? Der alte
            Mensch ist <hi rend="italic">der ganze Mensch</hi> nach Leib und Seele, wie er aussieht
            und wandelt, wo Gott nicht verstanden oder nur zum Schein verstanden ist. Der neue
            Mensch ist wieder <hi rend="italic">der ganze Mensch</hi>, wenn’s in die andere Richtung
            geht, vom Verstehen Gottes zum Gehorsam. So kommt der Mensch <hi rend="italic">in
              Streit</hi> mit sich selber. Durch diesen Streit, wenn er ehrlich durchgeführt wird,
            will ihn Gott zu seinem <hi rend="italic">Werkzeug</hi> machen.</p>
          <p><hi rend="italic">So muß ein Christ dastehen,</hi> wenn er ein Christ ist. Er ist ein
            von Gott <hi rend="italic">umgekehrter</hi> Mensch. <hi rend="italic">Einsam</hi> unter
            den Anderen, in fortwährender lebendiger <hi rend="italic">Wandlung</hi> in sich selbst.
            «Auswendig Streit, inwendig Furcht», wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ein andermal gesagt hat [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.7.5">2.Kor. 7,5</ref>].
              <hi rend="italic">Bedenklich</hi> wird es immer sein, so dazustehen. Wenn die Christen
            es wieder wagen werden, so dazustehen, dann wird das Christentum wieder eine <hi rend="italic">gefährliche Sache</hi> werden. Wenn die Kirche es wieder wagen wird, es
            laut zu sagen, daß es sich im Christentum um diese große Frage und Veränderung handelt,
            wenn die Menschen selber es stürmisch verlangen werden von den Pfarrern, das und nur das
            zu hören in der Kirche, dann wird Verschiedenes, was jetzt groß und sicher ist in der
            Welt, <hi rend="italic">ins Wanken</hi> kommen. Das Verstehen Gottes wird dann nicht
            mehr eine so leichte, <hi rend="italic">wohlfeile</hi> Sache sein. Die Kirche wird dann
            nicht mehr so ruhig <hi rend="italic">anerkannt</hi> werden. Die <hi rend="italic">römischen Kaiser</hi> wußten, was sie taten, wenn sie die Christen verfolgten. Als
            der Heide <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName></hi> den Athenern aufdeckte, daß das Göttliche im
            Leben der Menschen diese Frage und Veränderung bedeute, da mußte er zur Strafe sofort
            den Giftbecher trinken. Und als <hi rend="italic">Gott dem <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seinen Namen</hi>
            offenbarte: Ich bin, der ich bin!, da scheute sich <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, in seinen Dienst zu treten,
            denn er dachte an die Frage und an die Veränderung, die ihm aus diesem einfachen: Ich
            bin, der ich bin! erwachsen könnte [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.11 Ex.3.14">Ex. 3,11-14</ref>]. In jenem Haß der Athener und in dieser
            Scheu des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> lag ein echtes <hi rend="italic">Verstehen Gottes.</hi> Es geht um große
              <hi rend="italic">Entscheidungen</hi>, wenn es um Gott geht.
            
          </p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top">
            <hi rend="italic">3.</hi>
            <hi rend="italic">Wir können nicht rückwärts.</hi>
            <hi rend="italic">Wir können nicht wieder heraus</hi> aus der Hand Gottes, nachdem wir
            uns mit ihm eingelassen haben. «So wie <pb ed="pga" xml:id="p247"/> die Dinge stehen in
            Jesus», <hi rend="italic">können</hi> wir nicht. <hi rend="italic">Jesus lebt!</hi> Das
            ist das große Hindernis. <hi rend="italic">Der große Schlaf</hi>, der jetzt noch über
            Kirche und Christentum liegt, ist ein vorübergehender Zustand. Er wird ein Ende nehmen.
              <hi rend="italic">Wir wollen es doch nicht</hi> anders, als daß Gott uns in Arbeit
            habe. Wir wollen <hi rend="italic">lieber</hi> das Bedenkliche als das Unechte, lieber
            das Gefahrvolle als das Faule, lieber die Frage und die Veränderung als den Stillstand
            und den Tod. Wir fliehen vor dem Ernst des Göttlichen, und wir <hi rend="italic">suchen
              ihn doch</hi> heimlich mit um so größerem Eifer. Wir <hi rend="italic">sagen heimlich
              Ja</hi> zu dem, vor dem wir erschrecken und über das wir uns schon entrüstet [?]
            haben. Wir wären sonst vielleicht nicht hier. Wir sagen Ja dazu, <hi rend="italic">weil
              wir wissen</hi>, daß es die Wahrheit ist. Und so bleibt uns nichts übrig, als nur <hi rend="italic">mit Gott vorwärts</hi> zu gehen vom Verstehen zum <hi rend="italic">Gehorchen</hi>, von der Einsicht zur <hi rend="italic">Entscheidung</hi>, von der
            Ahnung zur <hi rend="italic">Gegenwart.</hi> Das Leben bietet uns allen Gelegenheiten
            genug, zu <hi rend="italic">zeigen, wie ernst</hi> es uns damit ist. Die nächsten Zeiten
            mit den großen Fragen, die sie uns allen bringen werden, werden es <hi rend="italic">offenbar machen, wieviele Menschen</hi> jetzt schon da sind, die in der Wendung vom
            alten zum neuen Menschen begriffen sind. <hi rend="italic">Über Allen aber</hi>, die es
            gewagt haben, wagen und wagen werden, wacht<note xml:id="n04">Könnte auch «­ruht­»
              heißen.</note> der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-62" type="song"> Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von
              <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 99,1-3; EG 303,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-48" type="song">Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der
              Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName>, Strophen 3.5 (RG [1998] 653,3.5; EG 70,3.5; jeweils «Wie
              schön leuchtet … » und mit Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
        
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
