29. Mai 1919

Epheser 3,1-13

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472
Himmelfahrt
Epheser 3,1-13

Darum bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden.

Ihr habt ja gehört von dem Auftrag, den ich an euch habe durch die mir gegebene Gnade Gottes: wie mir durch Offenbarung das Geheimnis bekannt geworden, von dem ich eben in Kürze geschrieben. Wenn ihr das lest, so könnt ihr merken, daß ich das Geheimnis Christi weiß, das in anderen Geschlechtern den Menschenkindern nicht so bekannt gemacht worden ist, wie es jetzt im Geist offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten: daß nämlich die Heiden Miterben, Mitglieder, Mitteilhaber der Verheißung sind in Christo Jesu durch das Evangelium.

Sein Diener bin ich geworden durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir durch Betätigung seiner Kraft gegeben wurde. Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben, den Heiden den unausforschlichen Reichtum Christi zu verkündigen und ans Licht zu bringen, wie es steht mit jenem Geheimnis: welches von Ewigkeit her verborgen war in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, damit jetzt den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt durch die Gemeinde bekannt würde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz Gottes, den er ausgeführt hat in Christo Jesu, unserem Herrn.

In ihm haben wir freien Mut und vertrauensvollen Zugang (zu Gott) durch den Glauben an ihn. Darum bitte ich euch, nicht zu verzagen wegen der Bedrängnisse, die ich für euch leide, welche für euch eine Ehre sind.

1. Der Mensch ist Gottes1. Das ist die einfache, die große, die direkte Wahrheit. Das ist das Evangelium. Das ist die Sache, die Jesus seinen Jüngern hinterließ bei seiner Himmelfahrt. Dazu sollten sie Stellung nehmen, das begreifen, aus dem heraus denken und leben lernen, das verkündigen. Denn das war die Sache Jesu selbst. Das Resultat seines Daseins als Mensch unter Menschen. Die Errungenschaft seines Lebens, Sterbens und Auferstehens. Ein neuer Abschnitt fing nun an in |207 der Geschichte des Heilands und der Welt. Er trat für seine Person wieder zurück in die Verborgenheit Gottes. In der Welt aber war nun das Neue ausgesprochen, das ausgesprochen werden mußte: Der Mensch ist Gottes. Das muß sich nun in der Welt bewähren, entfalten und durchsetzen, bis die Dinge reif sind zu einer neuen, entscheidenden Wendung von Gott her. Das ist das Christentum, wenn man es so nennen will, in kürzesten Worten.

2. Der Mensch ist Gottes. Nicht der religiöse, der kirchliche Mensch. Nicht der gute, der edle Mensch. Sondern der Mensch als Mensch, der Mensch als solcher, du und ich. Der Jude und der Heide, der Gläubige und der Ungläubige, der Gerechte und der Ungerechte. Diese Unterschiede sind nicht gleichgiltig, nicht unwichtig. Aber Gott hat sie durchbrochen. Er hat Beschlag gelegt auf etwas Erstes, Ursprüngliches, Unmittelbares im Menschen, das noch nicht gut und böse ist, auf ihn selber. Diese Hand Gottes, die auf den Menschen gelegt ist, ist nun das Wichtigste. Sie ist das Licht, in dem er eigentlich steht, die Macht, von der er eigentlich geführt, getragen und bewegt wird. Sie ist sein Wesen. Sie ist die Lebenswahrheit, die nun vor Allem berücksichtigt werden muß, weil sie tatsächlich am meisten Bedeutung hat. Es gibt noch andere ernste Lebenswahrheiten, aber es kann keine ernster sein als diese. |

Der Mensch hat z. B. seine Gerechtigkeit. Wir alle haben sie. Guter Charakter, lustige Gesinnung, fortschrittliche Ideen, inneres Leben, christliche Gedanken und christlicher Eifer, respektable Arbeit, die wir leisten, guter Einfluß, den wir haben, das ist unsere Gerechtigkeit, unser Judentum. Wir wollen dankbar sein dafür, wir wollen Tag für Tag daraus zu machen suchen, was wir nur können. Aber unsere Gerechtigkeit ist nicht der Mittelpunkt unseres Lebens, wir leben nicht von ihr, sie ist nicht das Licht, das uns leuchtet, und nicht die Macht, die uns bewegt. Wir können uns ihrer nicht rühmen. Wenn wir es doch tun, wenn wir sie mit Gott verwechseln, erleben wir die bittersten Enttäuschungen. Sie kann uns nicht verhindern, daß wir bei aller Vortrefflichkeit im Einzelnen im Ganzen einen verkehrten Weg einschlagen (davon haben wir gerade in der Gegenwart gewaltige Beispiele), nicht verhindern bei allem Guten, was wir im Sinn haben, Unheil anzurichten, nicht verhindern, uns bei den besten Absichten |208 mit den Menschen zu entzweien und zu verfeinden, nicht verhindern, beim besten Willen müde, mutlos und alt zu werden. - Was den Menschen auf den rechten Weg stellt, zum wirklichen Segen macht, mit den anderen Menschen einigt und ihn selbst aufrecht hält, das ist nie seine Gerechtigkeit, sein Judentum, sondern immer Gott selbst, wenn er den Ruf und die Botschaft hört von der anderen Seite, daß er Gottes ist. |

Und so hat der Mensch auch seine Ungerechtigkeit. Unsere Charakterlosigkeit, unsere Sinnlichkeit und Gesinnungslosigkeit, unsere Faulheit und Nachgiebigkeit und Eigenliebe, das Tierische und Giftige in uns. Das ist unser Heidentum. Wir wollen alle Tage aufs Neue erschrecken über die Finsternis, in der wir wandeln, wir wollen uns aufrichtig sagen lassen, was dazu zu sagen, und ehrlich dagegen tun, was zu tun ist. - Aber nicht unsere Ungerechtigkeit ist’s, die uns ins Verderben bringt. Es gibt eine Finsternis, die größer ist als diese Finsternis. Sie kann uns bei aller Verstocktheit, in der wir sind, nicht hindern, zu seufzen über uns selbst, sie kann uns bei aller Schande, in der wir sitzen, nicht hindern, uns unserer Sünde zu schämen. Sie kann uns nicht hindern, zu schauen nach dem Guten, das uns so ferne ist. Sie kann die Liebe nicht abtöten. Unser Herz bleibt unruhig in uns2. - Was uns verdammt und verdirbt, ist nicht unsere Ungerechtigkeit, unser Heidentum, sondern Gott selbst, wenn wir uns die Ohren verstopfen und die Botschaft nicht hören wollen, daß wir Gottes sind. |

So treffen Gerechte und Ungerechte, Juden und Heiden zusammen in dem Punkt, daß bei beiden Alles auf Gott selbst ankommt. So sind beide in seiner Hand. Er nimmt uns nicht an um unserer Gerechtigkeit willen, und er verwirft uns nicht um unserer Ungerechtigkeit willen. Und er steht doch auch nicht unparteiisch und leer zwischen drin, um den Menschen sich selbst zu überlassen. Denn eben weil er Gott ist, will er nicht verdammen und verderben, sondern helfen und erretten. Sein Ruf, der an uns ergeht, ist mächtiger als die Taubheit der Gerechten und der Ungerechten. Er läßt sie nicht, wie sie sind, er schafft aus zweien einen neuen Menschen [Eph. 2,15], über den Trümmern zweier alter Welten eine neue, seine Welt. Gerechtigkeit ist nun nicht mehr, |209 was von unten, sondern was von oben kommt, nicht mehr das, was wir machen und bauen [?] können, sondern was von selbst wächst, wo man’s versteht, daß Gott Sieger ist, versteht, daß Gerechte und Ungerechte sich nur in Demut beugen können vor ihm, nicht mehr das alte Wesen, das von unserem Glauben und guten Willen abhängig ist, sondern das neue Wesen, das Gott selbst, der Schöpfer aller Dinge, hervorbringt in uns und durch uns, das Haus, das nicht mit Händen gemacht ist, das ewig ist, im Himmel [2.Kor. 5,1]. |

Seht, dort sind wir zu Hause. Dieser durchdringende Ruf Gottes selbst ist’s, der uns im Innersten bewegt. Dieser Sieg Gottes ist’s, von dem wir heimlich leben, ob wir’s wissen oder nicht, von dem alle wirklich guten Kräfte, alle tatsächlichen Segnungen, die wir jetzt schon erfahren, ausgehen. Diese neue Gerechtigkeit Gottes ist’s, die uns beunruhigt und beruhigt, die uns straft und begnadigt, die uns treibt und stille macht, die unsere heutige Welt im Innersten erschüttert und gleichzeitig zusammenhält. - Weil Gott gerecht ist, darum muß die Menschheit hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6] und trägt sie doch schon in sich. Muß sie das Böse hassen und bekämpfen und weiß doch schon, daß es gerichtet ist. Muß sie den Frieden suchen und ist ihm doch schon so unendlich nahe. Der Mensch ist Gottes. Wir sprechen damit wieder Alles aus, was wir sind und nicht sind, was wir haben und was uns fehlt, unsere Größe und unseren Jammer, was wir schon gehört haben und was wir noch hören müssen, und doch über allem Hin und Her, Auf und Nieder auch das, was uns in entscheidender Weise vorwärts führt, das Wort des Lebens und der Hoffnung, die Botschaft des Heils, die nicht verziehen kann und nicht verziehen wird, sich zu erfüllen. Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat [1.Kor. 15,57].

3. Aber das ist ein Geheimnis. Paulus hat zwar gesagt, er habe Kunde davon und es sei sein von Gott gegebener Beruf, es auch Anderen zu verkündigen. Er spricht es auch ganz offen aus, um was es sich handelt: «daß nämlich die Heiden Mit-Erben, Mit-Glieder, Mit-Teilhaber der Verheißung seien in Christo Jesu durch das Evangelium». Aber er nennt es doch immer wieder ein Geheimnis. Er will offenbar, daß die, die das lesen oder hören, sich zu dem, was da gesagt wird, verhalten, wie man sich eben zu einem Geheimnis verhält, nämlich |210 fragend, überlegend, forschend, suchend, bittend, anklopfend [vgl. Mt. 7,7 par.]. Ein Geheimnis ist ein heimlicher Schatz, der nicht gehoben werden muß. Eine Tür, die nicht aufgehen soll. Eine Entdeckung, die noch nicht gemacht ist. Von einem Geheimnis soll man nicht tun, als ob man es schon wüßte. Ein Geheimnis soll man nicht behandeln, als ob man damit fertig wäre. Ein Geheimnis soll man nicht ausplaudern, nicht breittreten, wenn man etwas davon gemerkt hat. Nicht zu rasch kleine Münze machen aus dem bißchen Gold, das vielleicht schon am Tage ist. Nicht zu rasch ausbrechen in allerlei Gedanken, Pläne, Unternehmungen und Worte, wenn man etwas verstanden hat. Es muß immer dabei bleiben: die Hauptsache ist noch nicht da, noch nicht erschienen. Es kommt erst. Es wird erst. Mit einem Geheimnis muß man respektvoll, keusch umgehen. Und vor Allem mit aufmerksam gespannter Erwartung. Aber mit einer tätigen, eifrigen, bewegten Erwartung, mit einer Erwartung, die eindringen und immer weiter eindringen möchte. |

Paulus zielt offenbar auf das hin, was er im Epheserbrief öfters Erkenntnis nennt. Zur Erkenntnis sollen die Christen kommen. Am Anfang des Briefes hat er ihnen gesagt, daß er sich über ihren Glauben und ihre Liebe freue, daß er aber darum bete, daß Gott ihnen gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung zur Erkenntnis Gottes, Erleuchtung der Augen ihres Herzens [1,15-18]. Das ist ein wichtiger Schritt vom menschlichen Glauben und Lieben zur Erkenntnis Gottes. Das eigentlich Göttliche ist und bleibt immer ein Geheimnis, das erkannt sein will. Man kann es zwar aussprechen, ganz einfach aussprechen: die Heiden sind Miterben, Mitglieder, Mitteilhaber der Verheißung, der Mensch ist Gottes - aber fasse es, wer’s fassen kann [Mt. 19,12], ein Gemeinplatz, eine Alltagsweisheit, eine schöne Kanzelrede ist das nicht. Billig ist das nicht zu haben. |

Es ist darüber eine große Blindheit in unserer heutigen Kirche und Christenheit, auch unter den Wohlmeinenden und Eifrigen. Man redet vom Reich Gottes, als ob das das Selbstverständlichste von der Welt wäre. Man macht den großen Schritt der Erkenntnis so klein, daß er eigentlich gar kein Schritt mehr ist. Man nimmt das Wort des Lebens und der Hoffnung in den Mund und macht damit, was einem gerade einfällt. Man hat es damit erreicht, daß das Salz ziemlich dumm geworden ist [vgl. Mt. 5,13]. Der unerforschliche Reichtum Christi hat |211 sich verwandelt in die unerforschliche Armut des heutigen Christentums. Die Welt muß es erst wieder lernen, das Göttliche ernst zu nehmen. Es ist aber dafür gesorgt, daß sie es wieder lernen wird. Das Neue Testament sorgt immer wieder selbst dafür. Die Botschaft, daß Gott allein gerecht ist, daß die Gerechten Buße tun müssen und daß den Ungerechten ihre Sünden vergeben sind, diese Botschaft erregt doch immer und überall wieder Staunen und Anstoß und gibt den Ehrlichen Anlaß zum Fragen und Suchen, und Beides ist recht so. Es bleibt doch immer wieder dabei: Wer Ohren hat zu hören, der höre [Mk. 4,9 par.]! Es gibt Ohren, die das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner [Lk. 18,9-14] hören, und solche, die es nicht hören. Im Geheimnis will Gott erkannt werden, und im Geheimnis will Gott erkannt werden. Es ist eben ein Geheimnis, daß der Mensch Gottes ist.

4. Ich möchte euch darauf hinweisen, mit welchem Nachdruck und Gewicht in unserem Text von dieser einfachen Wahrheit geredet ist. Paulus nennt sich selbst den Gefangenen Christi Jesu für euch Heiden. Die einfache Wahrheit, daß der Mensch Gottes ist, die in Christus offenbar geworden, hat ihn also gefangen genommen, gebunden, gefesselt. Sie ist also, wenn wir sie verstehen, eine Macht, die uns beherrscht. Wir können dann also nicht mehr viel Anderes erwarten und wollen außer diesem Einen, daß es immer wahrer würde. Die alleinige Gerechtigkeit Gottes zieht immer mehr alle unsere Sinne und Gedanken auf sich, man sieht unwillkürlich Alles immer mehr in diesem Lichte, und man verliert allmählich den Geschmack an all dem, was von dieser Hauptsache ablenkt. Es wäre kein gutes Zeichen für unsere Erkenntnis Gottes, wenn wir von dieser immer kräftigeren Richtung auf die Hauptsache nichts wüßten. Paulus sagt, durch Offenbarung sei ihm das Geheimnis bekannt gemacht worden. Damit ist gesagt, daß dieses Verstehen etwas Neues ist, das im Menschen auftaucht, ein Schritt, den er tut, ein Ereignis, das sich an ihm vollzieht. Eine alte Verfassung ist erledigt und abgetan, und nun geschieht etwas wie eine Schöpfung. Das kann uns nicht wundern. Die Einsicht, daß Gott der Herr ist, der selbst regiert, ist eben nicht nur eine andere, sondern eine uns ganz neue Einsicht. Sie braucht nicht plötzlich aufzutauchen, sie kann uns ganz allmählich kommen. Aber darüber dürfen wir uns nicht täuschen, daß die Erkenntnis Gottes nicht nur ein Deckel [?] ist |212 über unsere gewöhnlichen Erkenntnisse, sondern daß mit ihr eine von der bisherigen gänzlich verschiedene Richtung unseres Lebens angetreten wird. Paulus sagt aber auch, daß diese einfache Wahrheit einen großen Schnitt mache zwischen einst und jetzt. Frühere Geschlechter haben nicht gewußt, was uns jetzt offenbar ist. Es hat freilich immer Menschen gegeben, die es wußten, daß der Mensch Gottes ist, vielleicht waren es sogar zu allen Zeiten gleichmäßig Viele oder Wenige, und diese waren dann zu allen Zeiten öffentlich oder im Verborgenen die Träger des lebendigen Wortes. Aber einmal ist das, was sie wußten, sichtbar und greifbar wahr geworden auf der Erde, einmal ist das Wort Fleisch geworden [Joh. 1,14], und dieses Ereignis, diese große Offenbarung in der Welt, teilt nun nicht nur unsere Lebensgeschichte, sondern die Weltgeschichte in zwei Teile. In der alten Welt kämpfen die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit der Menschen, in der neuen führt Gott selbst das Wort. Wir helfen alle entweder alte oder neue Weltgeschichte machen. Es ist also eine große Verantwortlichkeit dabei, ob wir Gott erkennen oder nicht erkennen. |

Von der Kraft, sich für die neue Weltgeschichte zu entscheiden, sagt Paulus, sie sei eine Betätigung der Kraft Gottes. Das ist eine andere Seite der Sache. Gott selbst ist am Werk, wo ein Mensch zur Erkenntnis Gottes kommt. Es handelt sich nicht um unser Klügeln und Studieren3. Gott selbst ist das Licht, das das Auge erleuchtet, so daß es das Licht sehen kann. Ohne Licht kein Auge. Es handelt sich nur darum, daß das Auge sich nicht eigenwillig schließe vor dem Licht, das da ist. Es ist aber Gottes Sache, wann und wo er für die einzelnen Menschen da sein will mit seinem Lichte. Er geht in der Betätigung seiner Kraft seinen eigenen Weg, und darum müssen wir auch warten können auf das volle Klarwerden und ja nichts übereilen und vorausnehmen. Daß durch diese einfache Wahrheit, daß in Christus der Mensch Gottes ist, sogar den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt die mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt gemacht wird, das ist ein besonders großer und kühner Gedanke. Es gibt eben im Himmel und auf der Erde nicht nur trotzige und verzagte Menschenherzen [vgl. Jer. 17,9], die sich dem Siege Gottes noch widersetzen, sondern auch mehr unpersönliche Geisteskräfte, Ideen, Bewegungen, die einst vom Menschen aus|213gegangen sind und nun den Menschen ihrerseits wieder beherrschen. Die Zahl dieser Herrschaften ist viel größer, als wir denken. Wenn wir sie sehen könnten, wir würden erschrecken darüber, wieviel Fremdartiges da ist, von dem wir abhängig sind. Wenn der Mensch wieder Gottes wird in Christus, so ist das nicht nur eine Veränderung seines Herzens, sondern ein Triumph der Weisheit Gottes. Denn Gott möchte mit diesem Fremdartigen einmal aufräumen. Es paßt nicht zu seinen Gedanken, daß wir so beherrscht und abhängig sind. Auch für die himmlische, die unsichtbare Welt hat Gottes Gerechtigkeit ihre entscheidende Bedeutung. So hat die Umwälzung in uns durch die Erkenntnis Gottes die weitesten Folgen. |

Auf der Erde aber und in unserem sichtbaren Leben dürfen wir uns unterdessen nicht wundern und aufhalten über das Leiden, das mit der Wahrheit Gottes immer verbunden ist. So bequem und glatt kann’s nicht zugehen, wenn Gottes Gerechtigkeit an den Tag kommt. Das erfordert Geburtswehen, die nicht umgangen werden können. Die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit der Menschen setzen sich zur Wehr, wenn ihnen durch den Heiland das Ende angekündigt wird. Je größer die Erkenntnis Gottes, um so größer die Widrigkeiten und Bedrängnisse, die sich dabei in den Weg stellen. Man kann dazu nur das sagen, daß der Mut und der Zugang zu Gott dabei immer noch ein wenig größer sind bei Menschen, die diesen Weg trotzdem weitergehen wollen.

5. Seht, das ist die Sache Jesu, die Sache, die er selbst auf Erden bewegt hat und die er den Seinigen auf Erden zur weiteren Bewegung hinterlassen hat. Sie muß bewegt werden, darum ist sie ein Geheimnis für die, die sich noch nicht bewegen wollen. Den Ruf Gottes hören heißt sich mitbewegen, mitarbeiten, mittragen an dieser Sache. Es soll durchgekämpft werden, was er ans Licht gebracht, daß der Mensch Gottes ist. Das Beste daran ist, daß es seine Sache ist. Er treibt sie. Wir führen nur aus. Er ist zur Rechten Gottes, sein bewegender Arm, kraft dessen es vorwärts geht, kraft dessen auch wir vorwärts kommen. Das Geheimnis wird immer größer und herrlicher, das Erkennen immer reicher, je deutlicher uns das wird: es ist seine Sache. Jesus selbst, der Anfänger und Vollender der einfachen Lebenswahrheit [vgl. Hebr. 12,2]. Unterdessen mag’s heißen:

214 Ich auch auf der tiefsten Stufen,
Ich will glauben, zeugen, rufen,
Weil ich doch nur Pilgrim bin4.

Das Neue, das er gebracht hat und das seiner vollen Enthüllung [?] entgegengeht, umgibt uns doch schon auch auf der tiefsten Stufen. Wir atmen die neue Luft. Wir haben Hoffnung. Er ist nicht umsonst über die Erde gegangen.

Lieder:
  • Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1.2.11 (RG [1998] 492,1.3b.4b.11; EG 123,1.3b.4b.11) 🎵
  • Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von K. H. von Bogatzky / A. Knapp, Strophen 1.2.8 (RG [1998] 797,1.2.7; EG 241,1.2.8; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. den besonders für die dritte Periode im Leben Chr. Blumhardts charakteristischen Ausruf «Ihr Menschen seid Gottes!», den R. Lejeune dem 3. Band der von ihm herausgegebenen Auswahl aus Chr. Blumhardts Predigten, Andachten und Schriften (Zürich / Leipzig 1928) 📖 zum Titel gegeben hat.↩
2
Vgl. A. Augustinus, Confessiones I,1, CSEL 33, S. 1, Z.8f 📖.: «… inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»↩
3
= Grübeln, Nachdenken.↩
4
Aus der letzten Strophe des Eingangsliedes «Jesus Christus herrscht als König» 🎵 (s. Liedangaben).↩