Epheser 3,1-13
Darum bin ich,
Ihr habt ja gehört von dem Auftrag, den ich an euch habe durch die mir gegebene Gnade Gottes: wie mir durch Offenbarung das Geheimnis bekannt geworden, von dem ich eben in Kürze geschrieben. Wenn ihr das lest, so könnt ihr merken, daß ich das Geheimnis Christi weiß, das in anderen Geschlechtern den Menschenkindern nicht so bekannt gemacht worden ist, wie es jetzt im Geist offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten: daß nämlich die Heiden Miterben, Mitglieder, Mitteilhaber der Verheißung sind in Christo Jesu durch das Evangelium.
Sein Diener bin ich geworden durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir durch Betätigung seiner Kraft gegeben wurde. Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben, den Heiden den unausforschlichen Reichtum Christi zu verkündigen und ans Licht zu bringen, wie es steht mit jenem Geheimnis: welches von Ewigkeit her verborgen war in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, damit jetzt den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt durch die Gemeinde bekannt würde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz Gottes, den er ausgeführt hat in Christo Jesu, unserem Herrn.
In ihm haben wir freien Mut und vertrauensvollen Zugang (zu Gott) durch den Glauben an ihn. Darum bitte ich euch, nicht zu verzagen wegen der Bedrängnisse, die ich für euch leide, welche für euch eine Ehre sind.
1. Der Mensch ist Gottes1. Das ist die einfache, die große, die direkte Wahrheit. Das ist das Evangelium. Das ist die Sache, die Jesus seinen Jüngern hinterließ bei seiner Himmelfahrt. Dazu sollten sie Stellung nehmen, das begreifen, aus dem heraus denken und leben lernen, das verkündigen. Denn das war die Sache Jesu selbst. Das Resultat seines Daseins als Mensch unter Menschen. Die Errungenschaft seines Lebens, Sterbens und Auferstehens. Ein neuer Abschnitt fing nun an in |207 der Geschichte des Heilands und der Welt. Er trat für seine Person wieder zurück in die Verborgenheit Gottes. In der Welt aber war nun das Neue ausgesprochen, das ausgesprochen werden mußte: Der Mensch ist Gottes. Das muß sich nun in der Welt bewähren, entfalten und durchsetzen, bis die Dinge reif sind zu einer neuen, entscheidenden Wendung von Gott her. Das ist das Christentum, wenn man es so nennen will, in kürzesten Worten.
2. Der Mensch ist Gottes. Nicht der religiöse, der kirchliche Mensch. Nicht der gute, der edle Mensch. Sondern der Mensch als Mensch, der Mensch als solcher, du und ich. Der Jude und der Heide, der Gläubige und der Ungläubige, der Gerechte und der Ungerechte. Diese Unterschiede sind nicht gleichgiltig, nicht unwichtig. Aber Gott hat sie durchbrochen. Er hat Beschlag gelegt auf etwas Erstes, Ursprüngliches, Unmittelbares im Menschen, das noch nicht gut und böse ist, auf ihn selber. Diese Hand Gottes, die auf den Menschen gelegt ist, ist nun das Wichtigste. Sie ist das Licht, in dem er eigentlich steht, die Macht, von der er eigentlich geführt, getragen und bewegt wird. Sie ist sein Wesen. Sie ist die Lebenswahrheit, die nun vor Allem berücksichtigt werden muß, weil sie tatsächlich am meisten Bedeutung hat. Es gibt noch andere ernste Lebenswahrheiten, aber es kann keine ernster sein als diese. |
Der Mensch hat z. B. seine Gerechtigkeit. Wir alle haben sie. Guter Charakter, lustige Gesinnung, fortschrittliche Ideen, inneres Leben, christliche Gedanken und christlicher Eifer, respektable Arbeit, die wir leisten, guter Einfluß, den wir haben, das ist unsere Gerechtigkeit, unser Judentum. Wir wollen dankbar sein dafür, wir wollen Tag für Tag daraus zu machen suchen, was wir nur können. Aber unsere Gerechtigkeit ist nicht der Mittelpunkt unseres Lebens, wir leben nicht von ihr, sie ist nicht das Licht, das uns leuchtet, und nicht die Macht, die uns bewegt. Wir können uns ihrer nicht rühmen. Wenn wir es doch tun, wenn wir sie mit Gott verwechseln, erleben wir die bittersten Enttäuschungen. Sie kann uns nicht verhindern, daß wir bei aller Vortrefflichkeit im Einzelnen im Ganzen einen verkehrten Weg einschlagen (davon haben wir gerade in der Gegenwart gewaltige Beispiele), nicht verhindern bei allem Guten, was wir im Sinn haben, Unheil anzurichten, nicht verhindern, uns bei den besten Absichten |208 mit den Menschen zu entzweien und zu verfeinden, nicht verhindern, beim besten Willen müde, mutlos und alt zu werden. - Was den Menschen auf den rechten Weg stellt, zum wirklichen Segen macht, mit den anderen Menschen einigt und ihn selbst aufrecht hält, das ist nie seine Gerechtigkeit, sein Judentum, sondern immer Gott selbst, wenn er den Ruf und die Botschaft hört von der anderen Seite, daß er Gottes ist. |
Und so hat der Mensch auch seine Ungerechtigkeit. Unsere Charakterlosigkeit, unsere Sinnlichkeit und Gesinnungslosigkeit, unsere Faulheit und Nachgiebigkeit und Eigenliebe, das Tierische und Giftige in uns. Das ist unser Heidentum. Wir wollen alle Tage aufs Neue erschrecken über die Finsternis, in der wir wandeln, wir wollen uns aufrichtig sagen lassen, was dazu zu sagen, und ehrlich dagegen tun, was zu tun ist. - Aber nicht unsere Ungerechtigkeit ist’s, die uns ins Verderben bringt. Es gibt eine Finsternis, die größer ist als diese Finsternis. Sie kann uns bei aller Verstocktheit, in der wir sind, nicht hindern, zu seufzen über uns selbst, sie kann uns bei aller Schande, in der wir sitzen, nicht hindern, uns unserer Sünde zu schämen. Sie kann uns nicht hindern, zu schauen nach dem Guten, das uns so ferne ist. Sie kann die Liebe nicht abtöten. Unser Herz bleibt unruhig in uns2. - Was uns verdammt und verdirbt, ist nicht unsere Ungerechtigkeit, unser Heidentum, sondern Gott selbst, wenn wir uns die Ohren verstopfen und die Botschaft nicht hören wollen, daß wir Gottes sind. |
So treffen Gerechte und Ungerechte, Juden und Heiden zusammen in
dem Punkt, daß bei beiden Alles auf Gott selbst ankommt. So sind
beide in seiner Hand. Er nimmt uns nicht
an um unserer Gerechtigkeit willen, und er verwirft uns
nicht um unserer Ungerechtigkeit willen. Und er steht doch auch nicht
unparteiisch und leer zwischen drin, um den Menschen sich selbst zu überlassen.
Denn eben weil er Gott ist, will er nicht verdammen und
verderben, sondern helfen und erretten. Sein Ruf, der an uns
ergeht, ist mächtiger als die Taubheit der Gerechten und der Ungerechten. Er läßt sie
nicht, wie sie sind, er schafft aus zweien einen neuen Menschen
[
Seht, dort sind wir zu Hause. Dieser durchdringende Ruf Gottes selbst ist’s, der uns im Innersten bewegt. Dieser Sieg Gottes ist’s, von dem wir heimlich leben, ob wir’s wissen oder
nicht, von dem alle wirklich guten Kräfte, alle tatsächlichen Segnungen, die wir jetzt
schon erfahren, ausgehen. Diese neue Gerechtigkeit Gottes ist’s, die uns beunruhigt und beruhigt, die uns straft und begnadigt,
die uns treibt und stille macht, die unsere heutige Welt im
Innersten erschüttert und gleichzeitig zusammenhält. - Weil Gott gerecht ist, darum muß die Menschheit hungern und dürsten
nach der Gerechtigkeit [vgl.
3. Aber das ist ein
Geheimnis.
Es ist darüber eine große Blindheit in unserer heutigen Kirche
und Christenheit, auch unter den Wohlmeinenden und Eifrigen. Man redet vom Reich Gottes, als ob das das Selbstverständlichste von der Welt
wäre. Man macht den großen Schritt der Erkenntnis so klein, daß
er eigentlich gar kein Schritt mehr ist. Man nimmt das Wort des Lebens und der Hoffnung
in den Mund und macht damit, was einem gerade einfällt. Man hat
es damit erreicht, daß das Salz ziemlich dumm geworden ist [vgl.
4. Ich möchte euch darauf hinweisen, mit
welchem Nachdruck und Gewicht in unserem Text von dieser einfachen Wahrheit geredet ist.
Von der Kraft, sich für die neue Weltgeschichte zu entscheiden, sagt Paulus, sie sei
eine Betätigung der Kraft Gottes. Das ist eine andere Seite der
Sache. Gott selbst ist am Werk, wo ein Mensch zur Erkenntnis
Gottes kommt. Es handelt sich nicht um unser Klügeln und Studieren3. Gott selbst ist das Licht, das das
Auge erleuchtet, so daß es das Licht
sehen kann. Ohne Licht kein Auge. Es handelt sich nur darum, daß das Auge sich nicht
eigenwillig schließe vor dem Licht, das da ist. Es ist aber Gottes
Sache, wann und wo er für die einzelnen Menschen da sein will mit seinem Lichte.
Er geht in der Betätigung seiner Kraft seinen eigenen Weg, und
darum müssen wir auch warten können auf das volle Klarwerden und ja nichts übereilen und
vorausnehmen. Daß durch diese einfache Wahrheit, daß in Christus der Mensch Gottes ist,
sogar den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt die
mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt gemacht wird, das ist ein besonders großer und
kühner Gedanke. Es gibt eben im Himmel und auf der Erde nicht nur trotzige und verzagte
Menschenherzen [vgl.
Auf der Erde aber und in unserem sichtbaren Leben dürfen wir uns unterdessen nicht wundern und aufhalten über das Leiden, das mit der Wahrheit Gottes immer verbunden ist. So bequem und glatt kann’s nicht zugehen, wenn Gottes Gerechtigkeit an den Tag kommt. Das erfordert Geburtswehen, die nicht umgangen werden können. Die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit der Menschen setzen sich zur Wehr, wenn ihnen durch den Heiland das Ende angekündigt wird. Je größer die Erkenntnis Gottes, um so größer die Widrigkeiten und Bedrängnisse, die sich dabei in den Weg stellen. Man kann dazu nur das sagen, daß der Mut und der Zugang zu Gott dabei immer noch ein wenig größer sind bei Menschen, die diesen Weg trotzdem weitergehen wollen.
5. Seht, das ist die Sache Jesu, die Sache,
die er selbst auf Erden bewegt hat und die er den Seinigen auf
Erden zur weiteren Bewegung hinterlassen hat. Sie muß bewegt
werden, darum ist sie ein Geheimnis für die, die sich noch nicht bewegen wollen. Den Ruf Gottes hören heißt sich mitbewegen, mitarbeiten, mittragen an dieser Sache. Es soll durchgekämpft werden, was er ans Licht gebracht, daß der Mensch
Gottes ist. Das Beste daran ist, daß es seine Sache ist. Er treibt sie. Wir führen nur aus. Er ist
zur Rechten Gottes, sein bewegender Arm, kraft dessen es vorwärts geht, kraft dessen
auch wir vorwärts kommen. Das Geheimnis wird immer größer und herrlicher, das Erkennen
immer reicher, je deutlicher uns das wird: es ist seine Sache.
Jesus selbst, der Anfänger und Vollender der einfachen Lebenswahrheit [vgl.
Das Neue, das er gebracht hat und das seiner vollen Enthüllung [?] entgegengeht, umgibt uns doch schon auch auf der tiefsten Stufen. Wir atmen die neue Luft. Wir haben Hoffnung. Er ist nicht umsonst über die Erde gegangen.
- Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König»
von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1.2.11 (RG [1998] 492,1.3b.4b.11; EG 123,1.3b.4b.11) - Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen»
von
K. H. von Bogatzky /A. Knapp , Strophen 1.2.8 (RG [1998] 797,1.2.7; EG 241,1.2.8; jeweils mit Textabweichungen)