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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 3,1-13</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 3,1-13, 29. Mai 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39027 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 214.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 3,1-13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">214</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 3,1-13 (Himmelfahrt), 29. Mai 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1911">KBA 1454</ref>. </bibl>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>472</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, den <date when="1919-05-29">29. Mai 1919</date>
          </dateline>

          <head type="event">Himmelfahrt</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.1 Eph.3.13">Epheser 3,1-13</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Darum bin ich, <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der Gefangene Christi
                    Jesu für euch Heiden.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Ihr habt ja gehört von dem <hi rend="spaced">Auftrag</hi>, den ich an euch habe durch die mir gegebene Gnade Gottes: wie
                    mir durch Offenbarung das Geheimnis bekannt geworden, von dem ich eben in Kürze
                    geschrieben. Wenn ihr das lest, so könnt ihr merken, daß ich das Geheimnis
                    Christi weiß, das in anderen Geschlechtern den Menschenkindern <hi rend="spaced">nicht</hi> so bekannt gemacht worden ist, wie es <hi rend="spaced">jetzt</hi>
                    im Geist offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten: daß nämlich die
                    Heiden <hi rend="spaced">Mit</hi>erben, <hi rend="spaced">Mit</hi>glieder, <hi rend="spaced">Mit</hi>teilhaber der Verheißung sind in Christo Jesu durch das
                    Evangelium.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Sein <hi rend="spaced">Diener</hi> bin ich geworden
                    durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir durch Betätigung seiner Kraft gegeben
                    wurde. <hi rend="spaced">Mir</hi>, dem Geringsten unter allen Heiligen, ist
                    diese Gnade gegeben, den Heiden den unausforschlichen <hi rend="spaced">Reichtum
                      Christi</hi> zu verkündigen und <hi rend="spaced">ans Licht</hi> zu bringen,
                    wie es steht mit jenem Geheimnis: welches von Ewigkeit her <hi rend="spaced">verborgen</hi> war in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, damit <hi rend="spaced">jetzt</hi> den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt durch die Gemeinde
                      <hi rend="spaced">bekannt</hi> würde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach
                    dem ewigen Vorsatz Gottes, den er ausgeführt hat in Christo Jesu, unserem
                    Herrn.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">In ihm haben wir freien Mut und vertrauensvollen
                    Zugang (zu Gott) durch den Glauben an ihn. Darum bitte ich euch, nicht zu
                    verzagen wegen der Bedrängnisse, die ich für euch leide, welche für euch eine
                    Ehre sind.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Der Mensch ist Gottes</hi><note xml:id="n01">Vgl. den besonders für
              die dritte Periode im Leben <persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardts</persName> charakteristischen Ausruf «Ihr Menschen
              seid Gottes!», den <persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName> dem 3. Band der von ihm herausgegebenen Auswahl aus
              <bibl corresp="kbga-bibls-2407"><persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardts</persName> <hi rend="italic">Predigten, Andachten und Schriften</hi> (Zürich /
              Leipzig 1928)</bibl> zum Titel gegeben hat.</note>. Das ist die einfache, die große, die
            direkte <hi rend="italic">Wahrheit.</hi> Das ist das <hi rend="italic">Evangelium.</hi>
            Das ist die Sache, die Jesus seinen Jüngern hinterließ bei seiner Himmelfahrt. Dazu
            sollten sie Stellung nehmen, das begreifen, aus dem heraus denken und leben lernen, das
            verkündigen. Denn das war die <hi rend="italic">Sache Jesu selbst.</hi> Das <hi rend="italic">Resultat</hi> seines Daseins als Mensch unter Menschen. Die <hi rend="italic">Errungenschaft</hi> seines Lebens, Sterbens und Auferstehens. Ein neuer
              <hi rend="italic">Abschnitt</hi> fing nun an in <pb ed="pga" xml:id="p207"/> der
            Geschichte des Heilands und der Welt. <hi rend="italic">Er trat</hi> für seine Person
            wieder zurück in die Verborgenheit Gottes. In der <hi rend="italic">Welt</hi> aber war
            nun das Neue ausgesprochen, das ausgesprochen werden mußte: Der Mensch ist Gottes.
               Das muß sich nun in der Welt <hi rend="italic">bewähren</hi>, entfalten und durchsetzen, bis die Dinge reif sind zu
            einer neuen, entscheidenden Wendung von Gott her. Das ist <hi rend="italic">das
              Christentum</hi>, wenn man es so nennen will, in kürzesten Worten.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic">Der Mensch</hi> ist Gottes. Nicht der religiöse, der kirchliche
            Mensch. Nicht der gute, der edle Mensch. Sondern der Mensch als Mensch, der Mensch als
            solcher, du und ich. Der Jude <hi rend="italic">und</hi> der Heide, der Gläubige <hi rend="italic">und</hi> der Ungläubige, der Gerechte <hi rend="italic">und</hi> der
            Ungerechte. Diese <hi rend="italic">Unterschiede</hi> sind nicht gleichgiltig, nicht
            unwichtig. Aber Gott hat sie durchbrochen. Er hat Beschlag gelegt auf etwas <hi rend="italic">Erstes</hi>, Ursprüngliches, Unmittelbares im Menschen, das noch nicht
            gut und böse ist, auf ihn selber. Diese <hi rend="italic">Hand Gottes</hi>, die auf den
            Menschen gelegt ist, ist nun das Wichtigste. Sie ist das <hi rend="italic">Licht</hi>,
            in dem er eigentlich steht, die <hi rend="italic">Macht</hi>, von der er eigentlich
            geführt, getragen und bewegt wird. Sie ist sein <hi rend="italic">Wesen.</hi> Sie ist
            die <hi rend="italic">Lebenswahrheit</hi>, die nun vor Allem berücksichtigt werden muß,
            weil sie tatsächlich am meisten Bedeutung hat. Es gibt noch <hi rend="italic">andere</hi> ernste Lebenswahrheiten, aber es kann keine ernster sein als diese. |</p>
          <p>Der Mensch hat z. B. <hi rend="italic">seine Gerechtigkeit.</hi> Wir alle <hi rend="italic">haben</hi>
            <hi rend="italic">sie</hi>. Guter Charakter, lustige Gesinnung, fortschrittliche Ideen,
            inneres Leben, christliche Gedanken und christlicher Eifer, respektable Arbeit, die wir
            leisten, guter Einfluß, den wir haben, das ist unsere Gerechtigkeit, unser Judentum. Wir
            wollen <hi rend="italic">dankbar</hi> sein dafür, wir wollen Tag für Tag daraus zu
            machen suchen, was wir nur können. Aber unsere Gerechtigkeit ist <hi rend="italic">nicht
              der Mittelpunkt</hi> unseres Lebens, wir leben nicht von ihr, sie ist nicht das Licht,
            das uns leuchtet, und nicht die Macht, die uns bewegt. Wir können uns ihrer <hi rend="italic">nicht rühmen.</hi> Wenn wir es doch tun, wenn wir sie mit Gott
            verwechseln, erleben wir die bittersten Enttäuschungen. Sie kann uns nicht verhindern,
            daß wir bei aller Vortrefflichkeit im Einzelnen im Ganzen einen <hi rend="italic">verkehrten Weg</hi> einschlagen (davon haben wir gerade in der Gegenwart gewaltige
            Beispiele), nicht verhindern bei allem Guten, was wir im Sinn haben, <hi rend="italic">Unheil anzurichten</hi>, nicht verhindern, uns bei den besten Absichten <pb ed="pga" xml:id="p208"/> mit den Menschen <hi rend="italic">zu entzweien und zu
            verfeinden</hi>, nicht verhindern, beim besten Willen <hi rend="italic">müde</hi>, <hi rend="italic">mutlos und alt</hi> zu werden. - Was den Menschen auf den <hi rend="italic">rechten Weg</hi> stellt, zum wirklichen Segen macht, mit den anderen
            Menschen <hi rend="italic">einigt</hi> und ihn selbst <hi rend="italic">aufrecht</hi>
            hält, das ist nie seine Gerechtigkeit, sein Judentum, sondern immer <hi rend="italic">Gott selbst</hi>, wenn er den Ruf und die Botschaft hört von der anderen Seite, daß
            er Gottes ist. |
          </p>
          <p> Und so hat der Mensch auch seine <hi rend="italic">Ungerechtigkeit.</hi> Unsere Charakterlosigkeit, unsere Sinnlichkeit und
            Gesinnungslosigkeit, unsere Faulheit und Nachgiebigkeit und Eigenliebe, das Tierische
            und Giftige in uns. Das ist unser Heidentum. Wir wollen alle Tage aufs Neue <hi rend="italic">erschrecken</hi> über die Finsternis, in der wir wandeln, wir wollen uns
            aufrichtig <hi rend="italic">sagen lassen</hi>, was dazu zu sagen, und ehrlich dagegen
              <hi rend="italic">tun</hi>, was zu tun ist. - Aber <hi rend="italic">nicht unsere
              Ungerechtigkeit</hi> ist’s, die uns ins Verderben bringt. Es gibt eine <hi rend="italic">Finsternis</hi>, die größer ist als diese Finsternis. Sie kann uns bei
            aller Verstocktheit, in der wir sind, nicht hindern, <hi rend="italic">zu seufzen</hi>
            über uns selbst, sie kann uns bei aller Schande, in der wir sitzen, nicht hindern, uns
            unserer Sünde <hi rend="italic">zu schämen.</hi> Sie kann uns nicht hindern, <hi rend="italic">zu schauen</hi> nach dem Guten, das uns so ferne ist. Sie kann <hi rend="italic">die Liebe</hi> nicht abtöten. <hi rend="italic">Unser Herz</hi> bleibt
            unruhig in uns<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1312"><persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi>
              I,1, CSEL 33, S. 1, Z.8f</bibl>.: «… <foreign xml:lang="lat">inquietum est cor nostrum, donec requiescat in
              te</foreign>.»</note>. - Was uns verdammt und verdirbt, ist nicht unsere Ungerechtigkeit, unser
            Heidentum, sondern <hi rend="italic">Gott selbst</hi>, wenn wir uns die Ohren verstopfen
            und die Botschaft nicht hören wollen, daß wir Gottes sind. |</p>
          <p>So treffen Gerechte und Ungerechte, <hi rend="italic">Juden und Heiden zusammen</hi> in
            dem Punkt, daß bei beiden Alles auf Gott selbst <hi rend="italic">ankommt.</hi> So sind
            beide <hi rend="italic">in seiner Hand.</hi> Er nimmt uns <hi rend="italic">nicht
              an</hi> um unserer Gerechtigkeit willen, und er <hi rend="italic">verwirft uns</hi>
            nicht um unserer Ungerechtigkeit willen. Und er steht doch auch <hi rend="italic">nicht
              unparteiisch</hi> und leer zwischen drin, um den Menschen sich selbst zu überlassen.
            Denn eben <hi rend="italic">weil er Gott ist</hi>, will er nicht verdammen und
            verderben, sondern helfen und erretten. <hi rend="italic">Sein Ruf</hi>, der an uns
            ergeht, ist mächtiger als die Taubheit der Gerechten und der Ungerechten. Er läßt sie
            nicht, wie sie sind, er schafft aus zweien <hi rend="italic">einen neuen</hi> Menschen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.15">Eph. 2,15</ref>], über den Trümmern zweier
            alter Welten <hi rend="italic">eine neue</hi>, seine Welt. Gerechtigkeit ist nun <hi rend="italic">nicht mehr, <pb ed="pga" xml:id="p209"/> was von unten</hi>, sondern was
            von oben kommt, <hi rend="italic">nicht mehr das, was wir machen</hi> und bauen [?]
            können, sondern was von selbst wächst, wo man’s versteht, daß Gott Sieger ist, versteht,
            daß Gerechte und Ungerechte sich nur in Demut beugen können vor ihm, <hi rend="italic">nicht mehr das alte Wesen</hi>, das von unserem Glauben und guten Willen abhängig
            ist, sondern das neue Wesen, das Gott selbst, der Schöpfer aller Dinge, hervorbringt in
            uns und durch uns, das Haus, das nicht mit Händen gemacht ist, das ewig ist, im Himmel
              [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.1">2.Kor. 5,1</ref>]. |</p>
          <p>Seht, <hi rend="italic">dort sind wir zu Hause.</hi> Dieser durchdringende <hi rend="italic">Ruf Gottes</hi> selbst ist’s, der uns im Innersten bewegt. Dieser <hi rend="italic">Sieg Gottes</hi> ist’s, von dem wir heimlich leben, ob wir’s wissen oder
            nicht, von dem alle wirklich guten Kräfte, alle tatsächlichen Segnungen, die wir jetzt
            schon erfahren,  ausgehen. Diese <hi rend="italic">neue Gerechtigkeit</hi> Gottes ist’s, die uns <hi rend="italic">beunruhigt</hi> und beruhigt, die uns <hi rend="italic">straft</hi> und begnadigt,
            die uns <hi rend="italic">treibt</hi> und stille macht, die unsere heutige Welt im
            Innersten <hi rend="italic">erschüttert</hi> und gleichzeitig zusammenhält. - <hi rend="italic">Weil Gott gerecht</hi> ist, darum muß die Menschheit hungern und dürsten
            nach der Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]
            und trägt sie doch schon in sich. Muß sie <hi rend="italic">das Böse hassen</hi> und
            bekämpfen und weiß doch schon, daß es gerichtet ist. Muß sie <hi rend="italic">den
              Frieden suchen</hi> und ist ihm doch schon so unendlich nahe. <hi rend="italic">Der
              Mensch ist Gottes.</hi> Wir sprechen damit wieder Alles aus, was wir <hi rend="italic">sind</hi> und nicht sind, was wir <hi rend="italic">haben</hi> und was uns fehlt,
            unsere <hi rend="italic">Größe</hi> und unseren Jammer, was wir schon <hi rend="italic">gehört</hi> haben und was wir noch hören müssen, und doch über allem Hin und Her, Auf
            und Nieder auch das, was uns in entscheidender Weise <hi rend="italic">vorwärts
              führt</hi>, das Wort des <hi rend="italic">Lebens</hi> und der Hoffnung, die Botschaft
              <hi rend="italic">des Heils</hi>, die nicht verziehen kann und nicht verziehen wird,
            sich zu <hi rend="italic">erfüllen.</hi> Gott sei Dank, der uns den Sieg <hi rend="italic">gegeben</hi> hat [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber <hi rend="italic">das ist ein
              Geheimnis.</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat zwar gesagt, er habe <hi rend="italic">Kunde</hi> davon und
            es sei sein von Gott gegebener <hi rend="italic">Beruf</hi>, es auch Anderen zu
            verkündigen. Er spricht es auch <hi rend="italic">ganz offen aus</hi>, um was es sich
            handelt: «daß nämlich die Heiden Mit-Erben, Mit-Glieder, Mit-Teilhaber der Verheißung
            seien in Christo Jesu durch das Evangelium». Aber er nennt es doch immer wieder ein <hi rend="italic">Geheimnis.</hi> Er will offenbar, daß die, die das lesen oder hören,
            sich zu dem, was da gesagt wird, verhalten, wie man sich eben <hi rend="italic">zu einem
              Geheimnis verhält</hi>, nämlich <pb ed="pga" xml:id="p210"/> fragend, überlegend,
            forschend, suchend, bittend, anklopfend [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.]. Ein Geheimnis ist ein heimlicher <hi rend="italic">Schatz</hi>,
            der nicht gehoben werden muß. Eine <hi rend="italic">Tür</hi>, die nicht aufgehen soll.
            Eine <hi rend="italic">Entdeckung</hi>, die noch nicht gemacht ist. Von einem Geheimnis
            soll man nicht tun, als ob man es schon <hi rend="italic">wüßte.</hi> Ein Geheimnis soll
            man nicht behandeln, als ob man damit <hi rend="italic">fertig</hi> wäre. Ein Geheimnis
            soll man nicht <hi rend="italic">ausplaudern</hi>, nicht breittreten, wenn man etwas
            davon gemerkt hat. Nicht zu rasch <hi rend="italic">kleine Münze</hi> machen aus dem
            bißchen Gold, das vielleicht schon am Tage ist. Nicht zu rasch <hi rend="italic">ausbrechen</hi> in allerlei Gedanken, Pläne, Unternehmungen und Worte, wenn man etwas
            verstanden hat. Es muß immer dabei bleiben: die Hauptsache ist <hi rend="italic">noch
              nicht da</hi>, noch nicht erschienen. Es kommt erst. Es wird erst. Mit einem Geheimnis
            muß man <hi rend="italic">respektvoll</hi>, keusch umgehen. Und vor Allem mit aufmerksam
            gespannter <hi rend="italic">Erwartung.</hi> Aber mit einer tätigen, eifrigen, bewegten
            Erwartung, mit einer Erwartung, die eindringen und immer weiter eindringen möchte. |
            
          </p>
          <p> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zielt offenbar auf das hin, was er im Epheserbrief öfters
              <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> nennt. Zur Erkenntnis sollen die Christen kommen. Am
            Anfang des Briefes hat er ihnen gesagt, daß er sich über ihren Glauben und ihre Liebe
              <hi rend="italic">freue</hi>, daß er aber <hi rend="italic">darum</hi> bete, daß Gott
            ihnen gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung zur Erkenntnis Gottes, Erleuchtung
            der Augen ihres Herzens [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.15 Mt.1.18">1,15-18</ref>]. Das
            ist ein <hi rend="italic">wichtiger Schritt</hi> vom menschlichen Glauben und Lieben zur
            Erkenntnis Gottes. <hi rend="italic">Das eigentlich Göttliche</hi> ist und bleibt immer
            ein Geheimnis, das erkannt sein will. Man kann es zwar <hi rend="italic">aussprechen</hi>, ganz einfach aussprechen: die Heiden sind Miterben, Mitglieder,
            Mitteilhaber der Verheißung, der Mensch ist Gottes - aber <hi rend="italic">fasse es,
              wer’s fassen</hi> kann [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.12">Mt. 19,12</ref>],
            ein Gemeinplatz, eine Alltagsweisheit, eine schöne Kanzelrede ist das nicht. Billig ist
            das nicht zu haben. |</p>
          <p>Es ist darüber <hi rend="italic">eine große Blindheit</hi> in unserer heutigen Kirche
            und Christenheit, auch unter den Wohlmeinenden und Eifrigen. Man redet vom <hi rend="italic">Reich Gottes</hi>, als ob das das Selbstverständlichste von der Welt
            wäre. Man macht den großen Schritt der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> so klein, daß
            er eigentlich gar kein Schritt mehr ist. Man nimmt das Wort des Lebens und der Hoffnung
              <hi rend="italic">in den Mund</hi> und macht damit, was einem gerade einfällt. Man hat
            es damit erreicht, daß das Salz ziemlich dumm geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Mt. 5,13</ref>]. Der unerforschliche <hi rend="italic">Reichtum Christi</hi> hat <pb ed="pga" xml:id="p211"/> sich verwandelt in die
            unerforschliche Armut des heutigen Christentums. Die Welt muß es <hi rend="italic">erst
              wieder lernen</hi>, das Göttliche ernst zu nehmen. Es ist aber <hi rend="italic">dafür
              gesorgt,</hi> daß sie es wieder lernen wird. Das Neue Testament sorgt immer wieder
            selbst dafür. Die Botschaft, daß Gott allein gerecht ist, daß die Gerechten Buße tun
            müssen und daß den Ungerechten ihre Sünden vergeben sind, diese Botschaft erregt doch
            immer und überall wieder <hi rend="italic">Staunen und Anstoß</hi> und gibt den
            Ehrlichen <hi rend="italic">Anlaß zum Fragen</hi> und Suchen, und Beides ist recht so.
            Es bleibt doch immer wieder dabei: <hi rend="italic">Wer Ohren hat</hi> zu hören, der
            höre [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.9">Mk. 4,9</ref> par.]! Es gibt Ohren, die
            das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk. 18,9-14</ref>] hören, und solche, die es nicht hören. Im <hi rend="italic">Geheimnis</hi> will Gott erkannt werden, und im Geheimnis will Gott <hi rend="italic">erkannt</hi> werden. Es ist eben ein Geheimnis, daß der Mensch Gottes ist.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Ich möchte euch darauf hinweisen, mit
            welchem Nachdruck und Gewicht in unserem Text von dieser einfachen Wahrheit geredet ist.
            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nennt sich selbst den <hi rend="italic">Gefangenen Christi Jesu für euch
              Heiden.</hi> Die einfache Wahrheit, daß der Mensch Gottes ist, die in Christus
            offenbar geworden, hat ihn also gefangen genommen, gebunden, <hi rend="italic">gefesselt.</hi> Sie ist also, wenn 
            wir sie verstehen, eine <hi rend="italic">Macht</hi>, die uns beherrscht. Wir können
            dann also <hi rend="italic">nicht mehr viel Anderes</hi> erwarten und wollen außer
            diesem Einen, daß es immer wahrer würde. Die alleinige Gerechtigkeit Gottes zieht immer
            mehr <hi rend="italic">alle unsere Sinne und Gedanken auf sich</hi>, man sieht
            unwillkürlich Alles immer mehr in diesem Lichte, und man verliert allmählich den
            Geschmack an all dem, was von dieser Hauptsache ablenkt. Es wäre <hi rend="italic">kein
              gutes Zeichen</hi> für unsere Erkenntnis Gottes, wenn wir von dieser immer kräftigeren
            Richtung auf die Hauptsache nichts wüßten. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, <hi rend="italic">durch
              Offenbarung</hi> sei ihm das Geheimnis bekannt gemacht worden. Damit ist gesagt, daß
            dieses Verstehen <hi rend="italic">etwas Neues</hi> ist, das im Menschen auftaucht, ein
            Schritt, den er tut, ein Ereignis, das sich an ihm vollzieht. Eine alte Verfassung ist
            erledigt und abgetan, und nun geschieht etwas wie eine <hi rend="italic">Schöpfung.</hi>
            Das kann uns nicht wundern. <hi rend="italic">Die Einsicht</hi>, daß Gott der Herr ist,
            der selbst regiert, ist eben nicht nur eine andere, sondern eine uns ganz neue Einsicht.
            Sie braucht nicht plötzlich aufzutauchen, sie kann uns ganz <hi rend="italic">allmählich</hi> kommen. Aber darüber dürfen wir uns nicht täuschen, daß die
            Erkenntnis Gottes nicht nur ein Deckel [?] ist <pb ed="pga" xml:id="p212"/> über unsere
            gewöhnlichen Erkenntnisse, sondern daß mit ihr eine von der bisherigen gänzlich <hi rend="italic">verschiedene Richtung</hi> unseres Lebens angetreten wird. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt
            aber auch, daß diese einfache Wahrheit einen großen <hi rend="italic">Schnitt mache
              zwischen einst und jetzt.</hi> Frühere Geschlechter haben nicht gewußt, was uns jetzt
            offenbar ist. Es hat freilich <hi rend="italic">immer Menschen gegeben</hi>, die es
            wußten, daß der Mensch Gottes ist, vielleicht waren es sogar zu allen Zeiten gleichmäßig
            Viele oder Wenige, und diese waren dann zu allen Zeiten öffentlich oder im Verborgenen
            die Träger des lebendigen Wortes. Aber einmal ist das, was sie wußten, sichtbar und
            greifbar <hi rend="italic">wahr geworden auf der Erde</hi>, einmal ist das Wort Fleisch
            geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], und dieses
            Ereignis, diese große Offenbarung in der Welt, teilt nun nicht nur unsere
            Lebensgeschichte, sondern die Weltgeschichte in <hi rend="italic">zwei Teile.</hi> In
            der alten Welt kämpfen die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit der Menschen, in der
            neuen führt Gott selbst das Wort. Wir <hi rend="italic">helfen</hi> alle entweder alte
            oder neue Weltgeschichte machen. Es ist also eine große <hi rend="italic">Verantwortlichkeit</hi> dabei, ob wir Gott erkennen oder nicht erkennen. |</p>
          <p>Von der Kraft, sich für die neue Weltgeschichte zu entscheiden, sagt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, sie sei
            eine <hi rend="italic">Betätigung der Kraft Gottes.</hi> Das ist eine andere Seite der
            Sache. <hi rend="italic">Gott selbst ist am Werk</hi>, wo ein Mensch zur Erkenntnis
            Gottes kommt. Es handelt sich nicht um unser Klügeln und Studieren<note xml:id="n03">=
              Grübeln, Nachdenken.</note>. <hi rend="italic">Gott selbst ist das Licht</hi>, das das
            Auge erleuchtet, so daß  es das Licht
            sehen kann. Ohne Licht kein Auge. Es handelt sich nur darum, daß das Auge sich nicht
            eigenwillig schließe vor dem Licht, das da ist. <hi rend="italic">Es ist aber Gottes
              Sache</hi>, wann und wo er für die einzelnen Menschen da sein will mit seinem Lichte.
            Er geht in der Betätigung seiner Kraft <hi rend="italic">seinen eigenen Weg</hi>, und
            darum müssen wir auch warten können auf das volle Klarwerden und ja nichts übereilen und
            vorausnehmen. Daß durch diese einfache Wahrheit, daß in Christus der Mensch Gottes ist,
            sogar den <hi rend="italic">Mächten und Gewalten der himmlischen Welt</hi> die
            mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt gemacht wird, das ist ein besonders großer und
            kühner Gedanke. Es gibt eben im Himmel und auf der Erde nicht nur trotzige und verzagte
            Menschenherzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.17.9">Jer. 17,9</ref>], die
            sich dem Siege Gottes noch widersetzen, sondern auch mehr <hi rend="italic">unpersönliche Geisteskräfte</hi>, Ideen, Bewegungen, die einst vom Menschen aus<pb ed="pga" xml:id="p213" break="no"/>gegangen sind und nun den Menschen ihrerseits
            wieder beherrschen. <hi rend="italic">Die Zahl</hi> dieser Herrschaften ist viel größer,
            als wir denken. Wenn wir sie <hi rend="italic">sehen könnten</hi>, wir würden
            erschrecken darüber, wieviel Fremdartiges da ist, von dem wir abhängig sind. Wenn der
            Mensch wieder Gottes wird in Christus, so ist das nicht nur eine Veränderung seines
            Herzens, sondern ein <hi rend="italic">Triumph</hi> der <hi rend="italic">Weisheit
              Gottes.</hi> Denn Gott möchte mit diesem Fremdartigen einmal aufräumen. Es paßt nicht
            zu seinen Gedanken, daß wir so beherrscht und abhängig sind. Auch <hi rend="italic">für
              die himmlische, die unsichtbare Welt</hi> hat Gottes Gerechtigkeit ihre entscheidende
            Bedeutung. So hat die Umwälzung in uns durch die Erkenntnis Gottes die weitesten
            Folgen. |</p>
          <p>Auf der Erde aber und in unserem sichtbaren Leben dürfen wir uns unterdessen <hi rend="italic">nicht wundern und aufhalten über das Leiden,</hi> das mit der Wahrheit
            Gottes immer verbunden ist. So <hi rend="italic">bequem und glatt</hi> kann’s nicht
            zugehen, wenn Gottes Gerechtigkeit an den Tag kommt. Das erfordert <hi rend="italic">Geburtswehen</hi>, die nicht umgangen werden können. Die Gerechtigkeit und die
            Ungerechtigkeit der Menschen <hi rend="italic">setzen sich zur Wehr</hi>, wenn ihnen
            durch den Heiland das Ende angekündigt wird. Je größer die Erkenntnis Gottes, um so
            größer die <hi rend="italic">Widrigkeiten und Bedrängnisse</hi>, die sich dabei in den
            Weg stellen. Man kann dazu nur das sagen, daß der <hi rend="italic">Mut und der Zugang
              zu Gott</hi> dabei immer noch ein wenig größer sind bei Menschen, die diesen Weg
            trotzdem weitergehen wollen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Seht, das ist die Sache Jesu, die Sache,
            die er selbst auf Erden <hi rend="italic">bewegt</hi> hat und die er den Seinigen auf
            Erden zur weiteren Bewegung hinterlassen hat. Sie muß <hi rend="italic">bewegt</hi>
            werden, darum ist sie ein Geheimnis für die, die sich noch nicht bewegen wollen. Den <hi rend="italic">Ruf Gottes hören</hi> heißt  sich mitbewegen, mitarbeiten, mittragen an dieser Sache. Es soll <hi rend="italic">durchgekämpft</hi> werden, was er ans Licht gebracht, daß der Mensch
            Gottes ist. Das Beste daran ist, daß es <hi rend="italic">seine</hi> Sache ist. <hi rend="italic">Er</hi> treibt sie. <hi rend="italic">Wir</hi> führen nur aus. Er ist
            zur Rechten Gottes, sein bewegender Arm, kraft dessen es vorwärts geht, kraft dessen
            auch wir vorwärts kommen. Das Geheimnis wird immer größer und herrlicher, das Erkennen
            immer reicher, je deutlicher uns das wird: es ist <hi rend="italic">seine</hi> Sache.
            Jesus selbst, der Anfänger und Vollender der einfachen Lebenswahrheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.2">Hebr. 12,2</ref>]. Unterdessen mag’s heißen:</p>
          <q rend="block">
            <lg>
              <l><pb ed="pga" xml:id="p214" rend="noPipe"/> Ich auch <hi rend="italic">auf der
                  tiefsten Stufen</hi>,</l>
              <l>Ich will glauben, zeugen, rufen,</l>
              <l>Weil ich doch nur Pilgrim bin<note xml:id="n04">Aus der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-15">letzten Strophe des
                  Eingangsliedes «Jesus Christus herrscht als König»</bibl> (s. Liedangaben).</note>.</l>
            </lg></q>
          <p><hi rend="italic">Das Neue</hi>, das er gebracht hat und das seiner vollen
            Enthüllung [?] entgegengeht, <hi rend="italic">umgibt uns doch schon</hi> auch auf der
            tiefsten Stufen. Wir atmen <hi rend="italic">die neue Luft.</hi> Wir haben Hoffnung. Er
            ist <hi rend="italic">nicht umsonst</hi> über die Erde gegangen.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-15" type="song"> Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König»
              von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1.2.11 (RG [1998] 492,1.3b.4b.11; EG
              123,1.3b.4b.11)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-65" type="song">Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen»
              von <persName ref="kbga-actors-2805">K. H. von Bogatzky</persName> / <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 1.2.8 (RG [1998] 797,1.2.7; EG 241,1.2.8;
              jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
