Epheser 2,1-10
Auch ihr waret tot in euren Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt seid nach dem Lauf dieser Welt, nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk treibt in den Kindern des Ungehorsams. Unter welchen auch wir alle einst unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten des Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die anderen.
Gott aber, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns - um seiner großen Liebe willen, mit der er uns liebt, obwohl wir tot waren in den Übertretungen - samt Christo lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet!) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in die himmlische Welt versetzt in Christo Jesu, auf daß er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Güte gegen uns in Christo Jesu.
Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben - und dasselbige nicht aus euch: Gottes Gabe ist es - nicht aus Werken, auf daß sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen.
1.
Wir sind umschlossen, geführt, getragen und bewegt von einer
Gottesmacht. «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir» [
Wir können sündigen, das ist auch wahr. Aber auch wahr ist’s, daß wir über die Sünde seufzen und uns ihrer schämen, wenn sie uns bewußt wird. Wir gehen oft lange, lange im Bann einer solchen Übertretung, aber nicht wahr, wie sonnenklar ist es uns im Grunde, daß es wirklich ein Bann, eine Gefangenschaft ist, in der wir sind, wie unmöglich ist es uns, das Heimweh nach der Freiheit loszuwerden. Wir sehen unsere Sünde, und wie lange müssen wir sie oft sehen und immer nur sehen, aber wir sehen sie doch eigentlich immer als etwas, was nicht zu uns gehört, zusammengebunden liegt sie zu unseren Füßen, da: mein Hochmut, meine Bequemlichkeit, meine Kleinlichkeit, mein jäher [?], ungöttlicher Eifer, aber das bin nicht ich - ein fremder Bestandteil ist’s. Es ist auch die Gottesmacht über uns, daß wir das alles können. Wir können vor Allem Gott nicht in Verbindung bringen mit unserer Sünde. Gott will meine Frechheit, meine Übereilung [?], Gott macht mich lieblos und eitel! Das ist so unmöglich wie 2 x 2 = 5. Gott verbündet sich vielmehr immer mit uns gegen die Sünde. Er stellt sich zwischen uns und sie. Er ist’s, der uns sagt: das bist nicht du, das kannst du nicht sein. Von ihm her heißt’s immer: ihr waret tot in euren Übertretungen und Sünden. Gott aber, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns lebendig gemacht. Dieses «Ihr waret» und dieses |191 «Gott aber», das wir nicht überhören können, ist die Gottesmacht auch in unserer Sünde. |
Wir können sterben, auch das ist wahr. Aber warum wehrt sich dann unser Körper und unsere Seele so leidenschaftlich gegen das Sterben, wenn es tatsächlich unser natürliches, letztes Los sein sollte? Warum sträubt sich Alles in uns gegen die Vorstellung, daß es mit dem Tode aus, tatsächlich aus sein sollte mit uns? Warum können wir nur mit halbem Ohr hören auf das, was da Weltweisheit und ein falsch verstandenes Christentum uns predigen, daß der Tod mit seiner Grabesruhe nicht nur das Schicksal, sondern sogar der Erlöser des Menschen sei? Warum klammern wir uns an das Leben, wenn es doch so vergänglich ist? Warum gibt’s eine Liebe über den Tod hinaus, nicht nur auf den Grabsteinen, sondern als stärkste Tatsache in vielen, vielen vereinsamten Menschenleben? Warum suchen wir alle unserem Leben so viel Inhalt und Wert als möglich zu geben, wenn ja doch Alles für nichts ist, wenn wir ja doch nur in ein Gefäß ohne Boden schöpfen? Warum tun wir, mit anderen Worten, als ob nicht Sterben, sondern Leben die eigentliche Wahrheit wäre? Ahnen wir’s etwa, haben wir etwa schon etwas davon gesehen auch in den erlöschenden Augen eines Sterbenden, daß Sterben zum Leben werden könnte, daß ein anderes Leben ist, an dem wir jetzt bauen im Verborgenen, bis von einer anderen Seite die Enthüllung kommt? Wie dem auch sei, wir stehen offenbar auch in dieser ernsten Beziehung unter einer höheren Macht, die irgendwie mit dem Leben gegen den Tod verbündet ist. |
Wir können uns dieser Gottesmacht scheinbar widersetzen durch selbstbewußtes eigenes Tun unter der Losung: nicht Gotteshilfe, Selbsthilfe2! Nicht die Mächte des Himmels, sondern des Menschen
eigene Kraft! Nicht das Gute, das von Gott kommt und gefordert
wird, sondern das Gute, das wir selbst in uns finden und das aus uns selbst fließt! Aber es ist doch merkwürdig, wie auch unter dieser jetzt so
oft gehörten Losung der Mensch tatsächlich vor Allem glauben muß an etwas, das größer
ist als er selbst, wenn er sie ernst nehmen will. Wie er gehorchen, sich persönlich unterwerfen muß alle Tage, wenn aus die|192sem Eigenen etwas werden soll. Und es ist vor Allem
merkwürdig, wie das Gute, das die Menschen angeblich aus eigener Kraft anstreben,
tatsächlich doch immer und überall im Grunde
das Gleiche ist, wenn es wirklich das Gute ist. Wahrheit bleibt
Wahrheit. Gerechtigkeit bleibt Gerechtigkeit, Liebe bleibt Liebe, gerade als käme das
Gute eben doch von dem einen Himmel, der sich über allen Menschen wölbt, mögen sich die
Einzelnen noch so trotzig auf ihre eigenen Ideen und Kräfte berufen. Deutlich erkennbar
sind die Punkte, wo die verschiedensten menschlichen Bestrebungen, wenn sie lebendig
sind, aus einer Quelle hervorgehen und einem Ziele schließlich zustreben. Alle ernsthaft
strebenden Menschen führen offenbar etwas aus, was nicht aus
ihnen selbst stammt, dessen sie sich nicht persönlich rühmen können, sondern das höher
ist als sie, das ihnen sozusagen nur zur Ausführung vorgeschrieben ist. Davon haben
ganz besonders die Künstler, die großen Musiker und die Maler aller Zeiten ein starkes Bewußtsein
gehabt. Ganz wie
Und gerade so ist es auch, wenn der Mensch in die schönste, aber auch gefährlichste Lage kommt Gott gegenüber, wenn er nämlich fromm wird, ein eigenes Erlebnis macht mit Gott und in ein besonderes Verhältnis zu ihm kommt. Das ist darum so schön, weil Gott solche Menschen braucht und immer wieder darauf wartet, daß es solche Menschen gibt, um durch sie zu den anderen Menschen zu reden, wie es in der Bibel oft beschrieben ist. Es ist aber darum so gefährlich, weil es so leicht geschieht, daß der Mensch gerade dann Gott nicht dient, sondern meint, Gott habe nun ihm zu dienen, und dann entstehen alle die Meinungen, Standpunkte, Glaubensrichtungen, Kirchen und Parteien, die für Gott ein so schweres Hindernis werden können und oft geworden sind. Aber man darf auch diese Gefahr nicht zu ernst nehmen. Es ist eben tatsächlich doch eine merkwürdige Kraftäußerung Gottes, daß in den verschiedensten Weisen und ohne daß man es äußerlich erklären kann, Menschen auf Gott in solch besonderer Weise aufmerksam werden und sich ihm zuwenden müssen, daß eigentlich alle Menschen gewissermaßen ein Organ haben, kraft dessen ihnen das eines Tages auch widerfahren könnte, daß tatsächlich aus jedem Saulus auch ein Paulus werden kann, und zwar ein brauchbares Werk|193zeug Gottes, nicht notwendig [?] ein Klotz, der dann Gott erst recht im Wege liegt, wie es allerdings leider vorkommt. Und es ist eine noch merkwürdigere Kraftäußerung Gottes, daß alle wirklich frommen Menschen in dem, was sie meinen, irgendwie zusammenkommen und sich verstehen können und jedenfalls, wenn auch als verschiedene Werkzeuge, in der gleichen Arbeit stehen. Da haben wir es ja: Und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es! Und daran dürfen wir uns durch keine religiösen Irrungen und Verwirrungen, die etwa vorkommen mögen, irre machen lassen, daß es doch Gottes Macht ist, die irgendwie das Ganze der Menschen umschließt und trägt. |
Und etwas davon können wir sogar sehen, wenn wir über das Persönliche hinweg in die große Weltgeschichte hinausblicken, etwa mit den Augen eines
fleißigen Zeitungslesers. Da scheint einem allerdings auf den ersten Blick das verständlich, was
Gott ist die Macht, die über uns ist. Es sind noch andere Mächte
über uns, aber Gott ist der erste auf dem Plan, das entscheidende, das
nachdrückliche [?], das letzte Wort wird überall von ihm
gesprochen. - Sein Wort ist nicht nur in der Bibel. Oder
vielmehr: die Bibel erklärt uns nur das
Wort Gottes, das wir in unserem Leben tatsächlich hören. - Wir staunen darüber, wie
wunderbar dieses Gotteswort überall in |195 unser Leben
hineingreift, aber noch bevor wir gestaunt haben, ist es bereits wahr
geworden. Wir stehen verwundert über das Neue, das es uns verkündigt, und stehen
doch selber in diesem Neuen schon drin. Wir begreifen nicht und
sind doch schon ergriffen. Wir sind befremdet, zurückhaltend
und können es doch nicht hindern, daß wir in Gott leben, weben und
sind, wie es
2.
Die Macht Gottes ist Jesus. Nicht das Christentum. Nicht der
christliche Glaube. Nicht die christliche Liebe. Nicht die christliche Kirche. Nicht die
christliche Kultur. Jesus selber. «Am dritten Tage auferstanden
von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen
Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten».7- Er
ist’s, der hinter uns und über uns steht. Er ist die treibende Gewalt unseres Lebens. Er ist unsere Ruhe und unsere Unruhe. Er hat uns unseren Ursprung und unser Ziel in Gott gegeben. Er ist das entscheidende Übergewicht für Gott, das wir nirgends ganz verkennen können. Er ist das große
Vorwärts von Gott her!, das uns von allen Seiten entgegentritt.
Er ist’s, in dem unsere Errettung verborgen ist, die Gemeinschaft
der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Leibes8, die |196
neue, die ewige Welt, von der einst alle Dinge ausgegangen sind, um dereinst in sie
zurückzukehren. Verborgen und doch nicht unwirksam, sondern
gegenwärtig. - Denn er ist’s, durch den wir uns selbst
und die Welt schon [?] jetzt verstehen können, wenn wir uns
die Augen unseres Herzens öffnen
lassen [vgl.
Jesus ist’s, der hervortreten muß aus der Verborgenheit, in der er jetzt steht, um uns Verstand und Gehorsam zu geben. Aber immer heißt’s für uns ihm gegenüber «samt ihm», und so müssen auch wir verstehen und gehorchen wollen kraft der Klarheit, die er uns jetzt schon gibt. Immer aber ist er es und wird er es sein, durch den Gott uns bezeugt, daß er der Schöpfer und Erlöser und Vollender ist, in ihm [sind] Erfüllung und Verheißung und neue Erfüllung, auf daß Gott erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Güte gegen uns. Wir stehen tief in den Anfängen. Jesus aber lebt. Ihr sollt ihn hören.
- Nr. 11 «O daß ich tausend Zungen hätte» von
J. Mentzer , Strophen 1.7.11 (RG [1998] 728,1.-. 10; EG 330,1.5.7 mit Textabweichungen) - Nr. 1 «Allein Gott in der Höh sei Ehr» von
N. Decius , Strophen 2.3.4 (RG [1998] 221,2.3.4; EG 179,2.3.4 mit Textabweichungen)