18. Mai 1919

Epheser 2,1-10

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Epheser 2,1-10

Auch ihr waret tot in euren Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt seid nach dem Lauf dieser Welt, nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk treibt in den Kindern des Ungehorsams. Unter welchen auch wir alle einst unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten des Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die anderen.

Gott aber, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns - um seiner großen Liebe willen, mit der er uns liebt, obwohl wir tot waren in den Übertretungen - samt Christo lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet!) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in die himmlische Welt versetzt in Christo Jesu, auf daß er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Güte gegen uns in Christo Jesu.

Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben - und dasselbige nicht aus euch: Gottes Gabe ist es - nicht aus Werken, auf daß sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen.

1. Wir sind umschlossen, geführt, getragen und bewegt von einer Gottesmacht. «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir» [Ps. 139,5]. Gott ist uns unendlich viel mehr als ein bloßer Gedanke, eine kirchliche Lehre, eine begeisterte menschliche Meinung. Wir sind mißtrauisch gegen alle bloßen Gedanken, sogar wenn es schöne, fromme Gedanken sind, und wir haben ganz recht. Aber wenn uns jemand sagen wollte, Gott sei ein bloßer Gedanke, so könnten wir alle ihm antworten, daß das nicht wahr ist. Wir könnten es, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder uns zu besinnen. Denn wir wissen es. Ohne daß es uns jemand gesagt hat oder zu sagen brauchte, wissen wir, daß Gott das Leben unseres Lebens ist. Wir können zweifeln, gewiß. Aber es ist merkwürdig, wie wir, wenn wir nur ehrlich zweifeln, wenn es uns um die Wahrheit zu tun ist, wenn wir |190 unablässig uns mühend den Dingen auf den Grund gehen, vorwärts geführt werden, wie wir nicht stecken bleiben können im Nein, wie auch das Zweifeln und gerade das Zweifeln uns helfen muß zum schließlichen Jasagen. Dann spüren wir’s, daß Gott mehr ist als unsere Gedanken, daß er der Ursprung und das Ziel unserer Gedanken ist, daß unsere Gedanken wohl irren und schwanken können in der Mitte [?] des Weges, um schließlich das Ziel doch nicht zu verfehlen, wenn sie nur dem großen, tapferen Vorwärts treu verbleiben, das ihnen mit auf den Weg gegeben ist. Es gibt Gotteszweifler, Gottesleugner, ja, Menschen, die mit ihren irrigen Gedanken scheinbar stehen bleiben dort, wo man nicht stehen bleiben sollte, beim Nein. Das ist ein großes Rätsel, daß das möglich ist. Aber es ist doch auch Tatsache, daß gerade solche Menschen dann oft durch ihr übriges Leben und Wesen Zeugnis ablegen müssen von Gottes Wahrheit und Liebe. Er ist der Gott auch der Gottesleugner. Er hat schon die größten, wichtigsten Dinge ausgerichtet gerade durch solche Gottesleugner. Wer Augen hat zu sehen, der sehe [vgl. Mk. 4,9 par.]. |

Wir können sündigen, das ist auch wahr. Aber auch wahr ist’s, daß wir über die Sünde seufzen und uns ihrer schämen, wenn sie uns bewußt wird. Wir gehen oft lange, lange im Bann einer solchen Übertretung, aber nicht wahr, wie sonnenklar ist es uns im Grunde, daß es wirklich ein Bann, eine Gefangenschaft ist, in der wir sind, wie unmöglich ist es uns, das Heimweh nach der Freiheit loszuwerden. Wir sehen unsere Sünde, und wie lange müssen wir sie oft sehen und immer nur sehen, aber wir sehen sie doch eigentlich immer als etwas, was nicht zu uns gehört, zusammengebunden liegt sie zu unseren Füßen, da: mein Hochmut, meine Bequemlichkeit, meine Kleinlichkeit, mein jäher [?], ungöttlicher Eifer, aber das bin nicht ich - ein fremder Bestandteil ist’s. Es ist auch die Gottesmacht über uns, daß wir das alles können. Wir können vor Allem Gott nicht in Verbindung bringen mit unserer Sünde. Gott will meine Frechheit, meine Übereilung [?], Gott macht mich lieblos und eitel! Das ist so unmöglich wie 2 x 2 = 5. Gott verbündet sich vielmehr immer mit uns gegen die Sünde. Er stellt sich zwischen uns und sie. Er ist’s, der uns sagt: das bist nicht du, das kannst du nicht sein. Von ihm her heißt’s immer: ihr waret tot in euren Übertretungen und Sünden. Gott aber, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns lebendig gemacht. Dieses «Ihr waret» und dieses |191 «Gott aber», das wir nicht überhören können, ist die Gottesmacht auch in unserer Sünde. |

Wir können sterben, auch das ist wahr. Aber warum wehrt sich dann unser Körper und unsere Seele so leidenschaftlich gegen das Sterben, wenn es tatsächlich unser natürliches, letztes Los sein sollte? Warum sträubt sich Alles in uns gegen die Vorstellung, daß es mit dem Tode aus, tatsächlich aus sein sollte mit uns? Warum können wir nur mit halbem Ohr hören auf das, was da Weltweisheit und ein falsch verstandenes Christentum uns predigen, daß der Tod mit seiner Grabesruhe nicht nur das Schicksal, sondern sogar der Erlöser des Menschen sei? Warum klammern wir uns an das Leben, wenn es doch so vergänglich ist? Warum gibt’s eine Liebe über den Tod hinaus, nicht nur auf den Grabsteinen, sondern als stärkste Tatsache in vielen, vielen vereinsamten Menschenleben? Warum suchen wir alle unserem Leben so viel Inhalt und Wert als möglich zu geben, wenn ja doch Alles für nichts ist, wenn wir ja doch nur in ein Gefäß ohne Boden schöpfen? Warum tun wir, mit anderen Worten, als ob nicht Sterben, sondern Leben die eigentliche Wahrheit wäre? Ahnen wir’s etwa, haben wir etwa schon etwas davon gesehen auch in den erlöschenden Augen eines Sterbenden, daß Sterben zum Leben werden könnte, daß ein anderes Leben ist, an dem wir jetzt bauen im Verborgenen, bis von einer anderen Seite die Enthüllung kommt? Wie dem auch sei, wir stehen offenbar auch in dieser ernsten Beziehung unter einer höheren Macht, die irgendwie mit dem Leben gegen den Tod verbündet ist. |

Wir können uns dieser Gottesmacht scheinbar widersetzen durch selbstbewußtes eigenes Tun unter der Losung: nicht Gotteshilfe, Selbsthilfe2! Nicht die Mächte des Himmels, sondern des Menschen eigene Kraft! Nicht das Gute, das von Gott kommt und gefordert wird, sondern das Gute, das wir selbst in uns finden und das aus uns selbst fließt! Aber es ist doch merkwürdig, wie auch unter dieser jetzt so oft gehörten Losung der Mensch tatsächlich vor Allem glauben muß an etwas, das größer ist als er selbst, wenn er sie ernst nehmen will. Wie er gehorchen, sich persönlich unterwerfen muß alle Tage, wenn aus die|192sem Eigenen etwas werden soll. Und es ist vor Allem merkwürdig, wie das Gute, das die Menschen angeblich aus eigener Kraft anstreben, tatsächlich doch immer und überall im Grunde das Gleiche ist, wenn es wirklich das Gute ist. Wahrheit bleibt Wahrheit. Gerechtigkeit bleibt Gerechtigkeit, Liebe bleibt Liebe, gerade als käme das Gute eben doch von dem einen Himmel, der sich über allen Menschen wölbt, mögen sich die Einzelnen noch so trotzig auf ihre eigenen Ideen und Kräfte berufen. Deutlich erkennbar sind die Punkte, wo die verschiedensten menschlichen Bestrebungen, wenn sie lebendig sind, aus einer Quelle hervorgehen und einem Ziele schließlich zustreben. Alle ernsthaft strebenden Menschen führen offenbar etwas aus, was nicht aus ihnen selbst stammt, dessen sie sich nicht persönlich rühmen können, sondern das höher ist als sie, das ihnen sozusagen nur zur Ausführung vorgeschrieben ist. Davon haben ganz besonders die Künstler, die großen Musiker und die Maler aller Zeiten ein starkes Bewußtsein gehabt. Ganz wie Paulus es beschreibt in unserem Text, daß die guten Werke zuvor bereitet sind von Gott, daß wir darin wandeln sollen. |

Und gerade so ist es auch, wenn der Mensch in die schönste, aber auch gefährlichste Lage kommt Gott gegenüber, wenn er nämlich fromm wird, ein eigenes Erlebnis macht mit Gott und in ein besonderes Verhältnis zu ihm kommt. Das ist darum so schön, weil Gott solche Menschen braucht und immer wieder darauf wartet, daß es solche Menschen gibt, um durch sie zu den anderen Menschen zu reden, wie es in der Bibel oft beschrieben ist. Es ist aber darum so gefährlich, weil es so leicht geschieht, daß der Mensch gerade dann Gott nicht dient, sondern meint, Gott habe nun ihm zu dienen, und dann entstehen alle die Meinungen, Standpunkte, Glaubensrichtungen, Kirchen und Parteien, die für Gott ein so schweres Hindernis werden können und oft geworden sind. Aber man darf auch diese Gefahr nicht zu ernst nehmen. Es ist eben tatsächlich doch eine merkwürdige Kraftäußerung Gottes, daß in den verschiedensten Weisen und ohne daß man es äußerlich erklären kann, Menschen auf Gott in solch besonderer Weise aufmerksam werden und sich ihm zuwenden müssen, daß eigentlich alle Menschen gewissermaßen ein Organ haben, kraft dessen ihnen das eines Tages auch widerfahren könnte, daß tatsächlich aus jedem Saulus auch ein Paulus werden kann, und zwar ein brauchbares Werk|193zeug Gottes, nicht notwendig [?] ein Klotz, der dann Gott erst recht im Wege liegt, wie es allerdings leider vorkommt. Und es ist eine noch merkwürdigere Kraftäußerung Gottes, daß alle wirklich frommen Menschen in dem, was sie meinen, irgendwie zusammenkommen und sich verstehen können und jedenfalls, wenn auch als verschiedene Werkzeuge, in der gleichen Arbeit stehen. Da haben wir es ja: Und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es! Und daran dürfen wir uns durch keine religiösen Irrungen und Verwirrungen, die etwa vorkommen mögen, irre machen lassen, daß es doch Gottes Macht ist, die irgendwie das Ganze der Menschen umschließt und trägt. |

Und etwas davon können wir sogar sehen, wenn wir über das Persönliche hinweg in die große Weltgeschichte hinausblicken, etwa mit den Augen eines fleißigen Zeitungslesers. Da scheint einem allerdings auf den ersten Blick das verständlich, was Paulus vom «Lauf dieser Welt» schreibt oder von dem «Fürsten, der in der Luft herrscht», oder von dem «Geist, der zu dieser Zeit sein Werk treibt in den Kindern des Ungehorsams», z. B., wenn man an die Pariser Friedenskonferenz3 denkt oder an das Verhältnis zwischen Bauern und Arbeitern, wie es bei uns in der Schweiz in den letzten Jahren geworden ist4, oder an die große Sehnsucht ganzer Völker, die etwas so Tiefes, Vollkommenes meint und es doch nicht weiter bringt als zu wüsten, aufrührerischen Gewalttaten, die dann mit ebenso wüster Gewalt wieder niedergeschlagen werden müssen5. Da möchte man sich nur schämen, daß die Menschheit sich selber immer noch nicht besser verstanden hat, besonders wenn man sich aufrichtigerweise sagt, daß diese Menschheit nicht nur Andere sind, sondern zu einem Teil immer auch wir selbst, daß die Weltgeschichte, so weit weg sie geschehen mag, immer auch |194 unsere eigene Geschichte ist: «Unter welchen auch wir alle einst unseren Wandel gehabt haben nach den Lüsten des Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die anderen». Aber gerade wenn wir von dieser großen Beschämung etwas empfinden, und man kann ihr ja fast nicht ausweichen heute, wenn man nicht ein ganz eitler, selbstgerechter Mensch ist, so ist darin doch auch wieder etwas von der großen Liebe, mit der Gott uns geliebt hat, obwohl wir tot waren in den Übertretungen. Das, was jetzt geschieht, könnte uns nicht so bewegen, wenn wir nicht schon bewegt wären davon, daß etwas Anderes geschehen könnte. Wir könnten uns nicht so erregen über das Böse, wenn wir nicht von Haus aus auf die Seite des Guten gestellt wären. Wir könnten nicht so mittrauern mit denen, die jetzt Sünde tun und Strafe erleiden, wenn wir nicht Gott vor Augen hätten, der auch nicht bloß Zuschauer ist, sondern diese unsere ganze böse Welt mitleidsvoll auf dem Herzen trägt. Und so ist’s überhaupt in dieser Welt der Menschen: wir beten so viele Götzen an, weil wir überall den lebendigen Gott suchen. Wir stürzen uns in so tiefe Nöte, weil uns so hohe Dinge ins Herz geschrieben sind. Wir sind so ratlos gegenüber den tausend Fragen, die sich in der heutigen Lage aufdrängen, weil wir mit unserer eigenen Weisheit zu Ende sind, weil Alles heute auf einen neuen Anfang hindrängt. Sie sind wahr, die Worte, mit denen ein Schriftsteller unserer Tage sein Buch überschrieben hat, das die Greuel des Krieges schildert: Der Mensch ist gut!6 Nicht weil er aus sich selbst gut ist, aber weil er gegenüber allen Greueln, die er tut und leidet, immer und immer wieder getrieben wird von der Macht des Guten, von der Macht Gottes selbst.

Gott ist die Macht, die über uns ist. Es sind noch andere Mächte über uns, aber Gott ist der erste auf dem Plan, das entscheidende, das nachdrückliche [?], das letzte Wort wird überall von ihm gesprochen. - Sein Wort ist nicht nur in der Bibel. Oder vielmehr: die Bibel erklärt uns nur das Wort Gottes, das wir in unserem Leben tatsächlich hören. - Wir staunen darüber, wie wunderbar dieses Gotteswort überall in |195 unser Leben hineingreift, aber noch bevor wir gestaunt haben, ist es bereits wahr geworden. Wir stehen verwundert über das Neue, das es uns verkündigt, und stehen doch selber in diesem Neuen schon drin. Wir begreifen nicht und sind doch schon ergriffen. Wir sind befremdet, zurückhaltend und können es doch nicht hindern, daß wir in Gott leben, weben und sind, wie es Paulus ein andermal vor den heidnischen Athenern gesagt hat [vgl. Act. 17,28]. - «Aus Gnaden seid ihr gerettet». Das ist kein schöner Bibelspruch, das ist die tiefste Lebenswahrheit. Diese Errettung ist jetzt an allen Punkten das Verborgene, das ans Licht muß, das Vergessene, dessen wir uns wieder erinnern müssen, das Unaussprechliche, für das wir die rechten Worte erst wieder finden müssen, das Vernachlässigte, das wieder Geltung bekommen muß. Aber diese Errettung ist geschehen, sie ist im Gang. Gott ist keine Frage, sondern unsere Antwort. Wir sind nicht draußen, sondern drinnen. Wir können suchen, denn wir haben auch schon gefunden. Wir können bitten, denn wir können nicht sagen, es werde uns nicht gegeben. Wir können anklopfen, denn wir wissen von Türen, die bereits aufgetan sind [vgl. Mt. 7,7 par.]. Wir können hören, wenn uns volle Freiheit verkündigt wird, denn das Wörtlein ist gesprochen, durch das der Fürst, der in der Luft herrscht, gebunden ist. Die Rechte des Herrn behält den Sieg [Ps. 118,15].

2. Die Macht Gottes ist Jesus. Nicht das Christentum. Nicht der christliche Glaube. Nicht die christliche Liebe. Nicht die christliche Kirche. Nicht die christliche Kultur. Jesus selber. «Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten».7- Er ist’s, der hinter uns und über uns steht. Er ist die treibende Gewalt unseres Lebens. Er ist unsere Ruhe und unsere Unruhe. Er hat uns unseren Ursprung und unser Ziel in Gott gegeben. Er ist das entscheidende Übergewicht für Gott, das wir nirgends ganz verkennen können. Er ist das große Vorwärts von Gott her!, das uns von allen Seiten entgegentritt. Er ist’s, in dem unsere Errettung verborgen ist, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Leibes8, die |196 neue, die ewige Welt, von der einst alle Dinge ausgegangen sind, um dereinst in sie zurückzukehren. Verborgen und doch nicht unwirksam, sondern gegenwärtig. - Denn er ist’s, durch den wir uns selbst und die Welt schon [?] jetzt verstehen können, wenn wir uns die Augen unseres Herzens öffnen lassen [vgl. Eph. 1,18]. Er ist’s, durch den Gott jetzt allen Menschen an allen Enden gebietet, Buße zu tun [Act. 17,30], das Größere zu erkennen, dem Großen gehorsam zu werden, in dem sie leben und weben und sind durch seine Gnade. Samt ihm sind wir lebendig gemacht, samt ihm auferweckt, samt ihm versetzt in die himmlische Welt. - In diesem «samt ihm» ist die Hand des lebendigen Gottes, der seine Macht größer machen will, als sie jetzt ist. Darin liegt die stärkste Aufforderung an uns, Ja zu sagen zu Gottes Macht, damit sie auch durch uns wachsen kann. Darin liegt die Bewegung, die Gottes Werk weiterführen will an allen Punkten. - Gott sucht Verstand und Gehorsam auf Erden, um weiterzumachen, um jenes Haus, das nicht von Händen gemacht ist, das ewig ist, im Himmel zu vollenden und zu enthüllen [vgl. 2.Kor. 5,1]. Unser dumpfes, unbewußtes Wesen ist’s, was ihm im Wege ist.

Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen,
rühre unsre Augen an.
Denn das ist die größte Plage, wenn am Tage
man das Licht nicht schauen kann!9

Jesus ist’s, der hervortreten muß aus der Verborgenheit, in der er jetzt steht, um uns Verstand und Gehorsam zu geben. Aber immer heißt’s für uns ihm gegenüber «samt ihm», und so müssen auch wir verstehen und gehorchen wollen kraft der Klarheit, die er uns jetzt schon gibt. Immer aber ist er es und wird er es sein, durch den Gott uns bezeugt, daß er der Schöpfer und Erlöser und Vollender ist, in ihm [sind] Erfüllung und Verheißung und neue Erfüllung, auf daß Gott erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Güte gegen uns. Wir stehen tief in den Anfängen. Jesus aber lebt. Ihr sollt ihn hören.

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Lieder:
  • Nr. 11 «O daß ich tausend Zungen hätte» von J. Mentzer, Strophen 1.7.11 (RG [1998] 728,1.-. 10; EG 330,1.5.7 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 1 «Allein Gott in der Höh sei Ehr» von N. Decius, Strophen 2.3.4 (RG [1998] 221,2.3.4; EG 179,2.3.4 mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Der Gottesdienst «in Peters bernischem Tempel in Madiswil» (Bw. Th. I, S. 328 📖) fand am Sonntag abend statt. Barths Bruder war von Laupen, obwohl dort im Frühjahr 1918 wiedergewählt, nach Madiswil übersiedelt, wo er bis zu seinem Tode 1940 amtierte.↩
2
Die von Friedrich Naumann 1895-1919 herausgegebene Wochenschrift «Die Hilfe» trug den Untertitel «Gotteshilfe, Selbsthilfe, Staatshilfe, Bruderhilfe». Vgl. K. Barth, Vergangenheit und Zukunft (in: Anfänge I, S. 40) 📖.↩
3
Vgl. oben S. 186, Anm.2.↩
4
Während der Kriegsjahre kam es dadurch zu Spannungen zwischen Arbeitern und Bauern, daß die Arbeiter den wirtschaftlichen Problemen viel stärker ausgeliefert waren (Teuerung, Aufhebung der Schutzbestimmungen des Fabrikgesetzes) als die Bauern, die «am wenigsten verloren», ja zu «Kriegsgewinnlern» wurden (Handbuch der Schweizer Geschichte, Bd.2, Zürich 1977, S. 1127f. 📖)↩
5
Vor allem ist an den unter Einsatz des Militärs unterdrückten Generalstreik in der Schweiz im November 1918 zu denken (Handbuch, a.a.O., S. 1136-1140 📖), aber auch an die revolutionären Unruhen und ihre Niederschlagung in Deutschland und Österreich.↩
6
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut, Zürich / Leipzig 1917 📖. Der Novellenzyklus des 1915 in die Schweiz emigrierten Autors wurde bei seinem Erscheinen in Deutschland sogleich verboten. Für sein Manifest gegen den Krieg wurde er 1920 mit dem Kleistpreis ausgezeichnet.↩
7
Symbolum Apostolicum, BSLK, S. 21 📖.↩
8
Ebd 📖.↩
9
Letzte Strophe des Liedes «Hüter, wird die Nacht der Sünden» von Chr. Fr. Richter (GERS [1952] 308,8; EKG 266,7) 🎵. Im Original: «… meine Augen» und «… nicht sehen kann».↩