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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 2,1-10</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 2,1-10, 18. Mai 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39025 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 197.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 2,1-10</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">197</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 2,1-10, 18. Mai 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1909">KBA 1452</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-05-18">18. Mai 1919</date>
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          <head><idno>470</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName> und
              <placeName ref="kbga-places-418"><hi rend="italic">Madiswil</hi></placeName><note xml:id="n01">Der Gottesdienst «in <persName ref="kbga-actors-27">Peters</persName> bernischem Tempel in <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName>» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p328#p328">S. 328</ref></bibl>) fand am Sonntag abend statt. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bruder war von <placeName ref="kbga-places-248">Laupen</placeName>, obwohl dort im Frühjahr 1918
              wiedergewählt, nach <placeName ref="kbga-places-418">Madiswil</placeName> übersiedelt,
              wo er bis zu seinem Tode 1940 amtierte.</note>, Sonntag, den <date when="1919-05-18">18. Mai 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.1 Eph.2.10">Epheser 2,1-10</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Auch ihr waret tot in euren Übertretungen und
                    Sünden, in welchen ihr einst gewandelt seid nach dem Lauf dieser Welt, nach dem
                    Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit
                    sein Werk treibt in den Kindern des Ungehorsams. Unter welchen auch wir <hi rend="spaced">alle</hi> einst unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten des
                    Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch
                    Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die anderen.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb"><hi rend="spaced">Gott</hi> aber, der da reich ist an
                    Barmherzigkeit, hat uns - um seiner großen Liebe willen, mit der er uns liebt,
                      <hi rend="spaced">obwohl</hi> wir tot waren in den Übertretungen - <hi rend="spaced">samt</hi> Christo lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr
                    gerettet!) und hat uns <hi rend="spaced">samt</hi> ihm auferweckt und <hi rend="spaced">samt</hi> ihm in die himmlische Welt versetzt in Christo Jesu,
                    auf daß er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum
                    seiner Güte gegen uns in Christo Jesu.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Denn aus <hi rend="spaced">Gnade</hi> seid ihr
                    gerettet worden durch den Glauben - und dasselbige nicht aus <hi rend="spaced">euch</hi>: <hi rend="spaced">Gottes</hi> Gabe ist es - nicht aus Werken, auf
                    daß sich nicht jemand rühme. Denn wir sind <hi rend="spaced">sein</hi> Werk,
                    geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, daß
                    wir darin wandeln sollen.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Wir sind umschlossen,</hi> geführt, getragen und bewegt von einer
            Gottesmacht. «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.5">Ps. 139,5</ref>]. Gott ist uns unendlich
            viel mehr als ein bloßer Gedanke, eine kirchliche Lehre, eine begeisterte menschliche
            Meinung. Wir sind <hi rend="italic">mißtrauisch</hi> gegen alle bloßen Gedanken, sogar
            wenn es schöne, fromme Gedanken sind, und wir haben ganz recht. Aber wenn uns jemand
            sagen wollte, Gott sei ein bloßer Gedanke, so könnten wir alle ihm <hi rend="italic">antworten</hi>, daß das nicht wahr ist. Wir könnten es, ohne auch nur einen
            Augenblick zu zögern oder uns zu besinnen. Denn wir wissen es. Ohne daß es uns jemand
            gesagt hat oder zu sagen brauchte, wissen wir, daß Gott <hi rend="italic">das Leben</hi>
            unseres Lebens ist. <hi rend="italic">Wir können zweifeln,</hi> gewiß. Aber es ist
            merkwürdig, wie wir, wenn wir nur ehrlich zweifeln, wenn es uns um die Wahrheit zu tun
            ist, wenn wir <pb ed="pga" xml:id="p190"/> unablässig uns mühend den Dingen auf den
            Grund gehen, <hi rend="italic">vorwärts</hi> geführt werden, wie wir <hi rend="italic">nicht stecken</hi> bleiben können im Nein, wie auch das Zweifeln und gerade das
            Zweifeln  uns <hi rend="italic">helfen</hi> muß zum schließlichen Jasagen. Dann spüren wir’s, daß <hi rend="italic">Gott mehr ist</hi> als unsere Gedanken, daß er der <hi rend="italic">Ursprung und das
              Ziel</hi> unserer Gedanken ist, daß unsere Gedanken wohl <hi rend="italic">irren</hi>
            und schwanken können in der Mitte [?] des Weges, um schließlich das Ziel doch nicht zu
            verfehlen, wenn sie nur dem großen, tapferen Vorwärts treu verbleiben, das ihnen mit auf
            den Weg gegeben ist. Es gibt Gotteszweifler, <hi rend="italic">Gottesleugner</hi>, ja,
            Menschen, die mit ihren irrigen Gedanken scheinbar stehen bleiben dort, wo man nicht
            stehen bleiben sollte, beim Nein. Das ist ein großes <hi rend="italic">Rätsel</hi>, daß
            das möglich ist. Aber es ist doch auch Tatsache, daß gerade solche Menschen dann oft
            durch ihr übriges Leben und Wesen <hi rend="italic">Zeugnis</hi> ablegen müssen von
            Gottes Wahrheit und Liebe. Er ist der Gott auch der Gottesleugner. Er hat schon die
            größten, wichtigsten Dinge ausgerichtet gerade durch solche Gottesleugner. Wer Augen hat
            zu sehen, der sehe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.9">Mk. 4,9</ref>
            par.]. |</p>
          <p><hi rend="italic">Wir können sündigen,</hi> das ist auch wahr. Aber auch wahr ist’s,
            daß wir über die Sünde <hi rend="italic">seufzen</hi> und uns ihrer schämen, wenn sie
            uns bewußt wird. Wir gehen oft lange, lange im Bann einer solchen Übertretung, aber
            nicht wahr, wie <hi rend="italic">sonnenklar</hi> ist es uns im Grunde, daß es wirklich
            ein Bann, eine Gefangenschaft ist, in der wir sind, wie unmöglich ist es uns, das <hi rend="italic">Heimweh</hi> nach der Freiheit loszuwerden. Wir sehen unsere Sünde, und
            wie lange müssen wir sie oft sehen und immer nur sehen, aber wir sehen sie doch
            eigentlich immer als etwas, was <hi rend="italic">nicht zu uns gehört</hi>, <hi rend="italic">zusammengebunden</hi> liegt sie zu unseren Füßen, da: mein Hochmut,
            meine Bequemlichkeit, meine Kleinlichkeit, mein jäher [?], ungöttlicher Eifer, aber <hi rend="italic">das bin nicht ich</hi> - ein fremder Bestandteil ist’s. Es ist auch die
            Gottesmacht über uns, daß wir das alles können. Wir können vor Allem <hi rend="italic">Gott nicht in Verbindung</hi> bringen mit unserer Sünde. Gott will meine Frechheit,
            meine Übereilung [?], Gott macht mich lieblos und eitel! Das ist so unmöglich wie 2 x 2
            = 5. Gott verbündet sich vielmehr immer <hi rend="italic">mit uns gegen</hi> die Sünde.
            Er stellt sich <hi rend="italic">zwischen</hi> uns und sie. Er ist’s, der uns <hi rend="italic">sagt</hi>: das bist nicht du, das kannst du nicht sein. Von ihm her
            heißt’s immer: ihr waret tot in euren Übertretungen und Sünden. Gott aber, der da reich
            ist an Barmherzigkeit, hat uns lebendig gemacht. Dieses «Ihr waret» und dieses <pb ed="pga" xml:id="p191"/> «Gott aber», das wir nicht überhören können, ist die <hi rend="italic">Gottesmacht</hi> auch in unserer Sünde. |</p>
          <p><hi rend="italic">Wir können sterben,</hi> auch das ist wahr. Aber <hi rend="italic">warum wehrt sich</hi> dann unser Körper und unsere Seele so leidenschaftlich gegen
            das Sterben, wenn es tatsächlich unser natürliches, letztes Los sein sollte? Warum <hi rend="italic">sträubt sich Alles</hi> in uns gegen die Vorstellung, daß es mit dem
            Tode  aus, tatsächlich aus sein sollte
            mit uns? Warum können wir nur mit <hi rend="italic">halbem Ohr</hi> hören auf das, was
            da Weltweisheit und ein falsch verstandenes Christentum uns predigen, daß der Tod mit
            seiner Grabesruhe nicht nur das Schicksal, sondern sogar der Erlöser des Menschen sei?
            Warum klammern wir uns <hi rend="italic">an das Leben</hi>, wenn es doch so vergänglich
            ist? Warum gibt’s eine <hi rend="italic">Liebe über den Tod</hi> hinaus, nicht nur auf
            den Grabsteinen, sondern als stärkste Tatsache in vielen, vielen vereinsamten
            Menschenleben? Warum suchen wir alle unserem Leben <hi rend="italic">so viel Inhalt</hi>
            und Wert als möglich zu geben, wenn ja doch Alles für nichts ist, wenn wir ja doch nur
            in ein Gefäß ohne Boden schöpfen? Warum tun wir, mit anderen Worten, als ob <hi rend="italic">nicht Sterben, sondern Leben</hi> die eigentliche Wahrheit wäre? Ahnen
            wir’s etwa, haben wir etwa schon etwas davon gesehen auch in den erlöschenden Augen
            eines Sterbenden, daß <hi rend="italic">Sterben zum Leben</hi> werden könnte, daß <hi rend="italic">ein anderes Leben ist</hi>, an dem wir jetzt bauen im Verborgenen, bis
            von einer anderen Seite die Enthüllung kommt? Wie dem auch sei, wir stehen offenbar auch
            in dieser ernsten Beziehung <hi rend="italic">unter einer höheren Macht</hi>, die
            irgendwie mit dem Leben gegen den Tod verbündet ist. |</p>
          <p>Wir können uns dieser Gottesmacht scheinbar widersetzen durch <hi rend="italic">selbstbewußtes eigenes Tun</hi> unter der Losung: nicht Gotteshilfe, <hi rend="italic">Selbsthilfe</hi><note xml:id="n02">Die von <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName> 1895-1919 herausgegebene
              Wochenschrift «<orgName ref="kbga-actors-4741">Die Hilfe</orgName>» trug den Untertitel «Gotteshilfe, Selbsthilfe, Staatshilfe,
              Bruderhilfe». Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3518"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft</hi> (in:
                Anfänge I, S. 40)</bibl>.</note>! Nicht die Mächte des Himmels, sondern des Menschen
              <hi rend="italic">eigene Kraft!</hi> Nicht das Gute, das von Gott kommt und gefordert
            wird, sondern das Gute, das wir selbst in uns finden und das aus uns selbst <hi rend="italic">fließt!</hi> Aber es ist doch merkwürdig, wie auch unter dieser jetzt so
            oft gehörten Losung der Mensch tatsächlich vor Allem glauben muß an etwas, das größer
            ist als er selbst, wenn er sie ernst nehmen will. Wie er <hi rend="italic">gehorchen</hi>, sich persönlich unterwerfen muß alle Tage, wenn aus die<pb ed="pga" xml:id="p192" break="no"/>sem Eigenen etwas werden soll. Und es ist vor Allem
            merkwürdig, wie das Gute, das die Menschen angeblich aus eigener Kraft anstreben,
            tatsächlich doch immer und <hi rend="italic">überall im Grunde</hi>
            <hi rend="italic">das Gleiche</hi> ist, wenn es wirklich das Gute ist. Wahrheit bleibt
            Wahrheit. Gerechtigkeit bleibt Gerechtigkeit, Liebe bleibt Liebe, gerade als käme das
            Gute eben doch von dem einen Himmel, der sich über allen Menschen wölbt, mögen sich die
            Einzelnen noch so trotzig auf ihre eigenen Ideen und Kräfte berufen. Deutlich erkennbar
            sind die Punkte, wo die verschiedensten menschlichen Bestrebungen, wenn sie lebendig
            sind, aus einer Quelle hervorgehen und einem Ziele schließlich zustreben. Alle ernsthaft
            strebenden Menschen <hi rend="italic">führen offenbar etwas aus</hi>, was nicht aus
            ihnen selbst stammt, dessen sie sich nicht persönlich rühmen können, sondern das höher
            ist als sie, das ihnen sozusagen nur zur Ausführung vorgeschrieben ist. Davon haben
               ganz besonders die <hi rend="italic">Künstler</hi>, die großen Musiker und die Maler aller Zeiten ein starkes Bewußtsein
            gehabt. Ganz wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es beschreibt in unserem Text, daß die guten Werke <hi rend="italic">zuvor bereitet sind</hi> von Gott, daß wir darin wandeln sollen. |</p>
          <p>Und gerade so ist es auch, wenn der Mensch in die schönste, aber auch gefährlichste
            Lage kommt Gott gegenüber, wenn er nämlich <hi rend="italic">fromm wird,</hi> ein
            eigenes Erlebnis macht mit Gott und in ein besonderes Verhältnis zu ihm kommt. Das ist
            darum so schön, weil Gott <hi rend="italic">solche Menschen braucht</hi> und immer
            wieder darauf wartet, daß es solche Menschen gibt, um durch sie zu den anderen Menschen
            zu reden, wie es in der Bibel oft beschrieben ist. Es ist aber darum so gefährlich, weil
            es so leicht geschieht, daß der Mensch gerade dann <hi rend="italic">Gott nicht
              dient</hi>, sondern meint, Gott habe nun ihm zu dienen, und dann entstehen alle die
            Meinungen, Standpunkte, Glaubensrichtungen, Kirchen und Parteien, die für Gott ein so
            schweres Hindernis werden können und oft geworden sind. Aber man darf auch diese Gefahr
            nicht zu ernst nehmen. Es ist eben tatsächlich doch eine merkwürdige <hi rend="italic">Kraftäußerung Gottes</hi>, daß in den verschiedensten Weisen und ohne daß man es
            äußerlich erklären kann, Menschen auf Gott in solch besonderer Weise <hi rend="italic">aufmerksam</hi> werden und sich ihm zuwenden müssen, daß eigentlich alle Menschen
            gewissermaßen ein <hi rend="italic">Organ haben</hi>, kraft dessen ihnen das eines Tages
            auch widerfahren könnte, daß tatsächlich aus jedem <hi rend="italic">Saulus auch ein
              <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></hi> werden kann, und zwar ein brauchbares Werk<pb ed="pga" xml:id="p193" break="no"/>zeug Gottes, nicht notwendig [?] ein Klotz, der dann Gott erst recht im
            Wege liegt, wie es allerdings leider vorkommt. Und es ist eine noch <hi rend="italic">merkwürdigere Kraftäußerung Gottes</hi>, daß alle wirklich frommen Menschen in dem,
            was sie meinen, irgendwie <hi rend="italic">zusammen</hi>kommen und sich verstehen
            können und jedenfalls, wenn auch als verschiedene Werkzeuge, in der gleichen <hi rend="italic">Arbeit</hi> stehen. Da haben wir es ja: Und dasselbige nicht aus euch,
            Gottes Gabe ist es! Und daran dürfen wir uns durch keine religiösen Irrungen und
            Verwirrungen, die etwa vorkommen mögen, irre machen lassen, daß es doch <hi rend="italic">Gottes Macht</hi> ist, die irgendwie das Ganze der Menschen umschließt
            und trägt. |</p>
          <p>Und etwas davon können wir sogar sehen, wenn wir über das Persönliche hinweg <hi rend="italic">in die große Weltgeschichte</hi> hinausblicken, etwa mit den Augen eines
            fleißigen Zeitungslesers. Da scheint einem allerdings auf den ersten Blick das <hi rend="italic">verständlich</hi>, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vom «Lauf dieser Welt» schreibt oder von
            dem «Fürsten, der in der Luft herrscht», oder von dem «Geist, der zu dieser Zeit sein
            Werk treibt in den Kindern des Ungehorsams», z. B., wenn man an die <orgName ref="kbga-actors-9861">Pariser
            Friedenskonferenz</orgName><note xml:id="n03">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p186#fn_n02" type="pub">S. 186, Anm.2</ref>.</note> denkt oder
               an das Verhältnis zwischen Bauern und
            Arbeitern, wie es bei uns in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> in den letzten Jahren geworden ist<note xml:id="n04">Während der Kriegsjahre kam es dadurch zu Spannungen zwischen Arbeitern
              und Bauern, daß die Arbeiter den wirtschaftlichen Problemen viel stärker ausgeliefert
              waren (Teuerung, Aufhebung der Schutzbestimmungen des Fabrikgesetzes) als die Bauern,
              die «am wenigsten verloren», ja zu «Kriegsgewinnlern» wurden (<bibl corresp="kbga-bibls-5430"><hi rend="italic">Handbuch der Schweizer Geschichte</hi>,
                Bd.2, Zürich 1977, S. 1127f.</bibl>)</note>, oder an die große Sehnsucht ganzer
            Völker, die etwas so Tiefes, Vollkommenes meint und es doch nicht weiter bringt als zu
            wüsten, aufrührerischen Gewalttaten, die dann mit ebenso wüster Gewalt wieder
            niedergeschlagen werden müssen<note xml:id="n05">Vor allem ist an den unter Einsatz des
              Militärs unterdrückten Generalstreik in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> im November 1918 zu denken (<bibl corresp="kbga-bibls-5430"><hi rend="italic">Handbuch</hi>, a.a.O., S. 1136-1140</bibl>), aber auch an die
              revolutionären Unruhen und ihre Niederschlagung in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName>.</note>. Da möchte man <hi rend="italic">sich nur
            schämen</hi>, daß die Menschheit sich selber immer noch nicht besser verstanden hat,
            besonders wenn man sich aufrichtigerweise sagt, daß diese Menschheit nicht nur Andere
            sind, sondern zu einem Teil immer auch <hi rend="italic">wir selbst</hi>, daß die
            Weltgeschichte, so weit weg sie geschehen mag, immer auch <pb ed="pga" xml:id="p194"/>
            <hi rend="italic">unsere eigene Geschichte</hi> ist: «Unter welchen auch wir alle einst
            unseren Wandel gehabt haben nach den Lüsten des Fleisches und taten den Willen des
            Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die
            anderen». Aber gerade wenn wir von dieser großen Beschämung etwas empfinden, und man
            kann ihr ja fast nicht ausweichen heute, wenn man nicht ein ganz eitler, selbstgerechter
            Mensch ist, so ist darin doch auch wieder <hi rend="italic">etwas von der großen
              Liebe</hi>, mit der Gott uns geliebt hat, obwohl wir tot waren in den Übertretungen.
            Das, was jetzt geschieht, könnte uns nicht so bewegen, wenn wir nicht <hi rend="italic">schon bewegt</hi> wären davon, daß etwas Anderes geschehen könnte. Wir könnten uns
            nicht so erregen über das Böse, wenn wir nicht von Haus aus <hi rend="italic">auf die
              Seite</hi> des Guten gestellt wären. Wir könnten nicht so mittrauern mit denen, die
            jetzt Sünde tun und Strafe erleiden, wenn wir nicht <hi rend="italic">Gott vor Augen
              hätten</hi>, der auch nicht bloß Zuschauer ist, sondern diese unsere ganze böse Welt
            mitleidsvoll auf dem Herzen trägt. Und so ist’s überhaupt in dieser Welt der Menschen:
            wir beten so viele Götzen an, weil wir überall den <hi rend="italic">lebendigen Gott
              suchen.</hi> Wir stürzen uns in so tiefe Nöte, weil uns <hi rend="italic">so hohe
              Dinge ins Herz</hi> geschrieben sind. Wir sind so ratlos gegenüber den tausend Fragen,
            die sich in der heutigen Lage aufdrängen, weil wir mit unserer eigenen Weisheit zu Ende
            sind, weil Alles heute auf einen <hi rend="italic">neuen Anfang</hi> hindrängt. Sie sind
            wahr, die Worte, mit denen ein Schriftsteller unserer Tage sein Buch überschrieben hat,
            das die Greuel des Krieges schildert: <hi rend="italic">Der Mensch ist gut!</hi><note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-5431"><persName ref="kbga-actors-10430">Leonhard Frank</persName>, <hi rend="italic">Der
                  Mensch ist gut</hi>, Zürich / Leipzig 1917</bibl>. Der Novellenzyklus des 1915 in
              die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> emigrierten Autors wurde bei
              seinem Erscheinen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> sogleich
              verboten. Für sein Manifest gegen den Krieg wurde er 1920 mit dem Kleistpreis
              ausgezeichnet.</note> Nicht weil er aus sich selbst gut ist, aber weil er gegenüber
            allen Greueln, die er tut und leidet, immer und immer wieder getrieben wird von der
            Macht des Guten, von der Macht Gottes selbst.</p>
          <p><hi rend="italic">Gott ist die Macht,</hi> die über uns ist. Es sind noch andere Mächte
            über uns, aber Gott ist der erste auf dem Plan, das entscheidende, das
            nachdrückliche [?], <hi rend="italic">das letzte Wort</hi> wird überall von ihm
            gesprochen. - Sein Wort ist nicht nur in <hi rend="italic">der Bibel.</hi> Oder
            vielmehr: die Bibel erklärt  uns nur das
            Wort Gottes, das wir in unserem Leben tatsächlich hören. - Wir staunen darüber, wie
            wunderbar dieses Gotteswort überall in <pb ed="pga" xml:id="p195"/> unser Leben
            hineingreift, aber noch bevor wir gestaunt haben, ist es bereits <hi rend="italic">wahr
              geworden.</hi> Wir stehen verwundert über das Neue, das es uns verkündigt, und stehen
            doch selber <hi rend="italic">in diesem Neuen</hi> schon drin. Wir begreifen nicht und
              <hi rend="italic">sind doch schon ergriffen.</hi> Wir sind befremdet, zurückhaltend
            und können es doch nicht hindern, daß wir in Gott <hi rend="italic">leben, weben und
              sind</hi>, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ein andermal vor den heidnischen Athenern gesagt hat [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. - «Aus Gnaden
            seid ihr gerettet». Das ist kein schöner Bibelspruch, das ist die tiefste <hi rend="italic">Lebenswahrheit.</hi> Diese Errettung ist jetzt an allen Punkten das <hi rend="italic">Verborgene</hi>, das ans Licht muß, <hi rend="italic">das
              Vergessene</hi>, dessen wir uns wieder erinnern müssen, <hi rend="italic">das
              Unaussprechliche</hi>, für das wir die rechten Worte erst wieder finden müssen, das
              <hi rend="italic">Vernachlässigte</hi>, das wieder Geltung bekommen muß. Aber diese
            Errettung ist <hi rend="italic">geschehen</hi>, sie ist im Gang. Gott ist keine Frage,
            sondern <hi rend="italic">unsere Antwort.</hi> Wir sind nicht draußen, sondern drinnen.
            Wir können suchen, denn wir haben auch schon <hi rend="italic">gefunden.</hi> Wir können
            bitten, denn wir können nicht sagen, es werde uns nicht <hi rend="italic">gegeben.</hi>
            Wir können anklopfen, denn wir wissen von Türen, die bereits <hi rend="italic">aufgetan</hi> sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.]. Wir können hören, wenn uns volle Freiheit verkündigt wird, denn
            das Wörtlein ist <hi rend="italic">gesprochen</hi>, durch das der Fürst, der in der Luft
            herrscht, gebunden ist. Die Rechte des Herrn <hi rend="italic">behält</hi> den Sieg
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.15">Ps. 118,15</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic">Die Macht Gottes ist Jesus.</hi> Nicht das Christentum. Nicht der
            christliche Glaube. Nicht die christliche Liebe. Nicht die christliche Kirche. Nicht die
            christliche Kultur. <hi rend="italic">Jesus selber.</hi> «Am dritten Tage auferstanden
            von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen
            Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten».<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-544"><hi rend="italic">Symbolum
                  Apostolicum</hi>, BSLK, S. 21</bibl>.</note>- <hi rend="sans-serif">Er
              ist’s,</hi> der <hi rend="italic">hinter uns</hi> und über uns steht. Er ist die <hi rend="italic">treibende Gewalt</hi> unseres Lebens. Er ist unsere <hi rend="italic">Ruhe</hi> und unsere Unruhe. Er hat uns unseren Ursprung und unser Ziel in Gott <hi rend="italic">gegeben.</hi> Er ist das entscheidende <hi rend="italic">Übergewicht</hi> für Gott, das wir nirgends ganz verkennen können. Er ist das große
              <hi rend="italic">Vorwärts</hi> von Gott her!, das uns von allen Seiten entgegentritt.
            Er ist’s, in dem unsere <hi rend="italic">Errettung verborgen</hi> ist, die Gemeinschaft
            der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Leibes<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-544">Ebd</bibl>.</note>, die <pb ed="pga" xml:id="p196"/>
            neue, die ewige Welt, von der einst alle Dinge ausgegangen sind, um dereinst in sie
            zurückzukehren. Verborgen und doch <hi rend="italic">nicht unwirksam</hi>, sondern
            gegenwärtig. - <hi rend="sans-serif">Denn er ist’s,</hi> durch den wir uns selbst
            und die Welt schon [?] jetzt <hi rend="italic">verstehen</hi> können, wenn wir uns
               die Augen unseres Herzens öffnen
            lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.18">Eph. 1,18</ref>]. Er
            ist’s, durch den Gott jetzt allen Menschen an allen Enden gebietet, <hi rend="italic">Buße zu tun</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.30">Act. 17,30</ref>], das Größere zu erkennen, dem Großen gehorsam zu werden, in dem sie
            leben und weben und sind durch seine Gnade. <hi rend="italic">Samt ihm</hi> sind wir
            lebendig gemacht, samt ihm auferweckt, samt ihm versetzt in die himmlische Welt. - In
            diesem «samt ihm» ist die <hi rend="italic">Hand des lebendigen Gottes</hi>, der seine
            Macht größer machen will, als sie jetzt ist. Darin liegt die <hi rend="italic">stärkste
              Aufforderung</hi> an uns, Ja zu sagen zu Gottes Macht, damit sie auch durch uns
            wachsen kann. Darin liegt die <hi rend="italic">Bewegung, die Gottes Werk</hi>
            weiterführen will an allen Punkten. - Gott sucht <hi rend="italic">Verstand und
              Gehorsam</hi> auf Erden, um weiterzumachen, um jenes Haus, das nicht von Händen
            gemacht ist, das ewig ist, im Himmel zu vollenden und zu enthüllen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.1">2.Kor. 5,1</ref>]. Unser dumpfes, unbewußtes Wesen
            ist’s, was ihm <hi rend="italic">im Wege</hi> ist.</p>
          <q rend="block">
            <lg>
              <l>Jesu, gib <hi rend="italic">gesunde Augen</hi>, die was taugen,</l>
              <l>rühre unsre Augen an.</l>
              <l>Denn das ist die größte Plage, wenn am Tage</l>
              <l>man das Licht nicht schauen kann!<note xml:id="n09"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-40">Letzte Strophe des Liedes «Hüter, wird die Nacht der
                    Sünden» von <persName ref="kbga-actors-2243">Chr. Fr. Richter</persName> (GERS [1952] 308,8; EKG 266,7)</bibl>. Im Original:
                  «… meine Augen» und «… nicht sehen kann».</note></l>
            </lg></q>
          <p>Jesus ist’s, der <hi rend="italic">hervortreten muß</hi> aus der Verborgenheit, in der
            er jetzt steht, um uns Verstand und Gehorsam zu geben. Aber immer heißt’s für uns ihm
            gegenüber «samt ihm», und so müssen auch wir <hi rend="italic">verstehen und gehorchen
              wollen</hi> kraft der Klarheit, die er uns jetzt schon gibt. Immer aber <hi rend="italic">ist er es und wird er es sein</hi>, durch den Gott uns bezeugt, daß er
            der Schöpfer und Erlöser und Vollender ist, in ihm [sind] Erfüllung und Verheißung und
            neue Erfüllung, auf daß Gott erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen
            Reichtum seiner Güte gegen uns. Wir stehen tief in den Anfängen. Jesus aber lebt. <hi rend="italic">Ihr</hi> sollt ihn <hi rend="italic">hören.</hi></p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <pb ed="pga" xml:id="p197"/>
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-167" type="song"> Nr. 11 «O daß ich tausend Zungen hätte» von
              <persName ref="kbga-actors-5549">J. Mentzer</persName>, Strophen 1.7.11 (RG [1998] 728,1.-. 10; EG 330,1.5.7 mit
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-125" type="song">Nr. 1 «Allein Gott in der Höh sei Ehr» von
              <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName>, Strophen 2.3.4 (RG [1998] 221,2.3.4; EG 179,2.3.4 mit
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
