Epheser 1,15-23
Darum, nachdem ich vernommen von dem bei euch vorhandenen Glauben an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch und euer zu gedenken in meinen Gebeten, daß der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes, die Erleuchtung der Augen eures Herzens, daß ihr wisset, was für eine Hoffnung euch durch seine Berufung gegeben ist, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes ist für seine Heiligen und was es ist um die überwältigende Größe seiner Kraft für uns, die wir glauben, in der Betätigung der Macht seiner Stärke.
Diese hat er betätigt an Christus, indem er ihn von den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten setzte in der himmlischen Welt über allen Ursprüngen und Gewalten und Kräften und Herrschaften und über Alles, was nur einen Namen haben kann nicht nur in dieser, sondern auch in der zukünftigen Welt, und hat ihm Alles zu Füßen gelegt und hat ihn als Haupt über Alles der Gemeinde gegeben, welche sein Leib ist, die Erfüllung dessen, der selbst Alles in Allen erfüllt.
1. Gott lebt. Und Gott ist’s, der regiert.1 Das ist keine religiöse Behauptung. Kein Glaubenssatz. Keine kirchliche Lehre. Das ist die Wahrheit, die allen menschlichen Anschauungen von Gott und vom Leben schon vorausgeht. Man kann sie weder beweisen noch widerlegen. Wer einen menschlichen Gedanken von Gott beweisen und begründen will, stützt sich immer schon auf die Wahrheit Gottes selbst. Was Wahres daran ist, das ist wahr, weil Gott selbst lebt. Es gibt keinen ehrlichen Glauben ohne Gott selbst. Und wer einen solchen menschlichen Gedanken von Gott widerlegen und zunichte machen will [?], was ja auch manchmal nötig ist, stützt sich auch auf die Wahrheit Gottes. Er kämpft gegen die Unwahrheit, weil Gott selbst lebt. Es gibt auch keinen ehrlichen Unglauben ohne Gott selbst. Gott selbst ist immer der Anfang. Wenn man das merkt, wird man ruhig und zuversichtlich gegenüber der Verschiedenheit der menschlichen Gedanken. Sie können Gott nichts anhaben. Denn sie wären gar nicht da ohne Gott. Man wird aber auch demütig und vorsichtig. Gott ist immer |182 noch größer als das Wahrste, was wir von ihm denken können. Was echt und ehrlich ist in unseren Gedanken, das hat Gott selbst zum Anfänger. Wir können nicht ohne Gott denken. Wir können nur fortsetzen und weiter bauen auf dem gelegten Grunde. Dem Anfänger allein gebührt die Ehre.
2. Die Welt hat kein eigenes
Leben, ohne Gott, getrennt von Gott. Es ist immer schon unsere eigene Verkehrtheit, Unvorsichtigkeit und Stümperhaftigkeit, wenn uns
Beides so auseinanderfällt: Gott und die Welt, wenn wir Gott nicht mehr begreifen als den Schöpfer und Erlöser der Welt, sondern
nur noch als fernes, hohes Gedankenwesen, wenn wir uns die Welt
erklären ohne Gott, durch allerlei tote Begriffe wie die Natur, das Schicksal,
die Geschichte, das Leben, statt zu erkennen, daß nicht viele Namen, sondern nur ein
Name über Allem ist. Die Welt ist durch Gott und in
Gott, von Gott her und zu Gott hin [vgl.
3. Aber nicht wir
sind’s, die Gott erwählen, sondern er ist’s, der uns erwählt zur Wahrheit und zum Leben. Nicht er tritt auf unseren guten Weg, sondern wir müssen auf seinen
Weg treten. Nicht in uns liegt die Sicherheit des guten Weges,
sondern in ihm. Nicht wir können uns bewegen auf diesem Weg, wir
können uns nur leiten lassen von ihm. - Wir sind nur, weil Gott
ist. Wir leben nur, weil wir in ihm leben. Wir können nur Ja sagen zu seiner Regierung. Er ist immer der Erste, nicht nur einmal, sondern immer wieder. - Ein eigenes
Sein, Leben und Leiten des Menschen ist schon der Irrtum, die Verkehrtheit.
Gerade damit werden wir uns selbst untreu, verstehen wir uns selbst falsch, daß wir selbst etwas machen wollen, statt immer wieder zuerst Gott zu
sagen. - Wir können nicht ernst genug machen damit, daß Gott unser
Anfang ist. An dem Tag, wo Gott uns nicht neu ist, wo wir
bereits eine Sicherheit und Gewöhnung Gott gegenüber in uns selbst haben, ein «Ich weiß
schon», «Ich bin schon», «Ich habe schon», an dem Tag irren wir uns an Gott und
verkehren die Wahrheit in Ungerechtigkeit [vgl.
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Der Geist ist das Göttliche. Der Geist ist aber nicht euer Geist,
sondern Gottes Geist, Gottes eigene Macht, Gottes eigener Weg, Gottes eigenes Ziel,
Gottes eigenes Reich. Mit Gott wird’s dann ernst, wenn der Mensch über sein Eigenes
hinauskommt, und das ist auch für den gläubigsten und liebevollsten Menschen das Neueste
vom Neuen. Ein Geist der Weisheit ist dieser Geist, weil er uns
unterscheiden lehrt, unerbittlich zurückstellen das Menschliche hinter dem Göttlichen.
Und ein Geist der Offenbarung, weil er uns ein Zutrauen gibt, uns
die Sinne öffnet für das Göttliche, das sich alle Tage gerade im Menschlichen zeigen
kann. Erkannt will Gott sein, erfaßt als der, der noch nicht von
uns erfaßt ist, ein Schritt will getan sein von ihm zu uns, immer
neue Schritte. Erleuchtet müssen die Augen unseres Herzens werden durch das Licht selbst, denn
was sind Augen ohne Licht? Das Licht ist zuerst und dann die Augen! So rückt
Paulus würde auch in der heutigen Zeit und zu uns
nicht anders reden. Wir können auch heute aufrichtigerweise nichts Anderes in der Bibel
finden als diesen dringenden Hinweis auf Gott selbst. Ich glaube nicht, daß Paulus viel auszusetzen hätte an unserem
Glauben und unserer Liebe. Er würde wahrscheinlich viel mehr davon sehen als wir, viel
mehr Echtes, Schönes, Wirksames, Lebendiges. Er würde wie damals Gott danken dafür. Er
würde wahrscheinlich zu uns sagen, euer Christentum, eure Kirche,
eure Frömmigkeit, auch eure sonstige Haltung, eure Moral und
fortschrittliche Gesinnung ist ganz recht. Eure Predigten und
euer Schulwesen und eure Fürsorgetätigkeiten, eure Gemeinschaften
und eure Heilsarmee, euer Genossenschaftswesen und euer
Sozialismus, das soll einmal klar anerkannt sein im Lichte des Gottes, der von niemand
mehr verlangt, als er sein und geben kann. Es ist ja in dem allem viel Ernstes und
Gutes. Gott sei gelobt dafür! Paulus hätte aber sicher gegen uns,
daß wir eigentlich stecken geblieben sind in dem allem, statt
darüber hinauszuschauen, uns dar|186über hinausführen
zu lassen. Er hätte an uns auszusetzen, daß wir noch so befangen
sind in der Meinung, wir bräuchten nun bloß immer noch ein wenig weiterzukommen in diesem Eigenen, Menschlichen von gestern her. Er hätte uns zu fragen, ob wir noch nicht gemerkt haben, daß Gott ein Gott von heute ist, ob wir noch nicht verstanden haben, daß unser
Glaube und unsere Liebe von gestern, wenn es dabei bleibt, endigen
muß mit Weltkrieg, mit Revolution, mit Friedenskonferenzen, die besser
Unfriedenskonferenzen heißen würden2, ob es uns noch nicht
aufgegangen ist, daß das beste und edelste Wollen und Laufen des Menschen nicht auf dem guten Weg bleiben kann ohne die Erleuchtung der Augen
unseres Herzens, die von der anderen Seite, von Gott selbst herkommt.
4. Es ist im Grund also auch
das kein Geheimnis, ob es sich an Gott zum Ja oder zum Nein, zum Leben oder zum
Tod entscheiden soll für die Welt und den Menschen, ob die Regierung Gottes uns zum
Segen oder zum Fluch, zur Gnade oder zum Gericht ausschlagen soll. Die Frage kann für
soundsoviel Menschen in Dunkel gehüllt sein, man kann aber die
Augen dafür bekommen, daß sie beantwortet ist. Der gute Weg kann im Einzelnen millionenfach verfehlt werden, im Ganzen ist er eröffnet und
gangbar. Sonst hätte Paulus nicht um Erkenntnis beten können für
seine Freunde. Was man selber gar nicht kennt, darum kann man auch für Andere nicht
bitten. Paulus kannte aber Christus. Wir spüren es
seinen Worten noch heute an, daß Christus kennen etwas ganz Unermeßliches bedeutet.
Christus ist mehr als Glaube und Liebe, mehr als Christentum und
Fortschritt. Christus ist das große Vorwärts von Gott her.
Christus ist die Entscheidung für den guten Weg, Gottes eigene
Entscheidung. Christus ist das Ja, das Gott selbst gesprochen auf die Frage, ob die Welt
und der Mensch Gnade und Segen von ihm empfangen sollen oder nicht. In Christus ist die Betätigung der Stärke Gottes. Gott ist kein bloßer Gedanke,
nicht nur die letzte Einheit, der Hintergrund der Welt. Gott ist stark, er hat eine
Kraft und braucht sie. Er tut etwas. Es gibt eine Geschichte Gottes. Es ist ein
Entschluß in Gott, und dieser Entschluß bricht hervor, ist hervorgebrochen. Gott steht
nicht über den Parteien zwischen Leben
und Tod, er hat Partei ergriffen. Das Licht ist mehr als die Finsternis. Das Gute ist
größer als das Böse. In Christus ist aber auch der Sieg Gottes.
Ihm ist durch seine Auferweckung von den Toten eine Einführung in die himmlische Welt
widerfahren, die unserer ganzen jetzigen Welt zu Gute kommt. In ihm hat es Gottes Kraft
über alle widerstrebenden Kräfte gewonnen, und dieses Gewinnen macht sich weiter geltend
unter uns. Durch ihn haben Sünde, Leid und Tod eine Widerlegung bekommen, die nicht mehr
vergessen werden kann. Christus ist der Anfang einer neuen
Menschheit. Wir sind jetzt schon erwählt, neu geschaffen, erlöst in ihm. Gott
selbst ist in ihm herein|188getreten unter uns. Er
bleibt nicht allein, er zieht uns hinein in das große göttliche Ja und Vorwärts. Er das
Haupt und wir die Glieder4. Er der,
der uns erfüllen will und kann, wir, die von ihm erfüllt werden sollen. Wir sind seine
Gemeinde, aber nicht nur wir, Viele, Alle. Niemand ist draußen. Wir können zu niemand
mehr Nein sagen, nachdem Gott in Christus Ja zu uns gesagt hat. Das ist die Wahrheit unseres Lebens. Verborgen und doch nicht
verborgen. Die Erkenntnis, die uns fehlt und doch nicht ganz fehlt, ist die Erkenntnis des Heilands. Sofern sie uns nicht ganz fehlt, müssen
wir mit
- Nr. 20 «Singt, singt Jehovah neue Lieder»,
nach älteren Übertragungen zu Psalm 98, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 55,1.2.4 «Singt,
singt dem Herren neue Lieder»; ebenso EG 286,1.2)
- Nr. 161 «Herz und Herz vereint zusammen» von
N. L. von Zinzendorf /Chr. Gregor undA. Knapp , Strophen 4.5 (RG [1998] 793,4.6; EG 251,4.5)