11. Mai 1919

Epheser 1,15-23

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Epheser 1,15-23

Darum, nachdem ich vernommen von dem bei euch vorhandenen Glauben an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch und euer zu gedenken in meinen Gebeten, daß der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes, die Erleuchtung der Augen eures Herzens, daß ihr wisset, was für eine Hoffnung euch durch seine Berufung gegeben ist, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes ist für seine Heiligen und was es ist um die überwältigende Größe seiner Kraft für uns, die wir glauben, in der Betätigung der Macht seiner Stärke.

Diese hat er betätigt an Christus, indem er ihn von den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten setzte in der himmlischen Welt über allen Ursprüngen und Gewalten und Kräften und Herrschaften und über Alles, was nur einen Namen haben kann nicht nur in dieser, sondern auch in der zukünftigen Welt, und hat ihm Alles zu Füßen gelegt und hat ihn als Haupt über Alles der Gemeinde gegeben, welche sein Leib ist, die Erfüllung dessen, der selbst Alles in Allen erfüllt.

1. Gott lebt. Und Gott ist’s, der regiert.1 Das ist keine religiöse Behauptung. Kein Glaubenssatz. Keine kirchliche Lehre. Das ist die Wahrheit, die allen menschlichen Anschauungen von Gott und vom Leben schon vorausgeht. Man kann sie weder beweisen noch widerlegen. Wer einen menschlichen Gedanken von Gott beweisen und begründen will, stützt sich immer schon auf die Wahrheit Gottes selbst. Was Wahres daran ist, das ist wahr, weil Gott selbst lebt. Es gibt keinen ehrlichen Glauben ohne Gott selbst. Und wer einen solchen menschlichen Gedanken von Gott widerlegen und zunichte machen will [?], was ja auch manchmal nötig ist, stützt sich auch auf die Wahrheit Gottes. Er kämpft gegen die Unwahrheit, weil Gott selbst lebt. Es gibt auch keinen ehrlichen Unglauben ohne Gott selbst. Gott selbst ist immer der Anfang. Wenn man das merkt, wird man ruhig und zuversichtlich gegenüber der Verschiedenheit der menschlichen Gedanken. Sie können Gott nichts anhaben. Denn sie wären gar nicht da ohne Gott. Man wird aber auch demütig und vorsichtig. Gott ist immer |182 noch größer als das Wahrste, was wir von ihm denken können. Was echt und ehrlich ist in unseren Gedanken, das hat Gott selbst zum Anfänger. Wir können nicht ohne Gott denken. Wir können nur fortsetzen und weiter bauen auf dem gelegten Grunde. Dem Anfänger allein gebührt die Ehre.

2. Die Welt hat kein eigenes Leben, ohne Gott, getrennt von Gott. Es ist immer schon unsere eigene Verkehrtheit, Unvorsichtigkeit und Stümperhaftigkeit, wenn uns Beides so auseinanderfällt: Gott und die Welt, wenn wir Gott nicht mehr begreifen als den Schöpfer und Erlöser der Welt, sondern nur noch als fernes, hohes Gedankenwesen, wenn wir uns die Welt erklären ohne Gott, durch allerlei tote Begriffe wie die Natur, das Schicksal, die Geschichte, das Leben, statt zu erkennen, daß nicht viele Namen, sondern nur ein Name über Allem ist. Die Welt ist durch Gott und in Gott, von Gott her und zu Gott hin [vgl. Röm. 11,36]. Er ist das Leben ihres Lebens, die Kraft ihrer Kräfte, der Grund ihrer Gründe. Was wir sonst sagen können, sagen wir nur, weil wir zuerst Gott gesagt haben. Wir sagen immer zuerst Gott, ob wir’s wissen oder nicht wissen, wollen oder nicht wollen. Wenn wir nachher so anders fortfahren und die Welt und das Leben ansehen, als ob Gott nicht wäre, nicht lebte und regierte, so verstehen wir uns selbst falsch, werden uns selbst untreu. Wir haben dann die Folgen zu tragen, und es sind bitter schmerzliche Folgen, aber die Wahrheit, die am Anfang steht, heben wir damit nicht auf, ihr können wir damit nichts antun, sie ist dann eben ohne uns Wahrheit. Heidentum, Götzendienst, Gottlosigkeit, Weltsinn sind schlimme Finsternis, aber auch die Finsternis gibt Zeugnis dem Lichte; denn ohne Licht wäre keine Finsternis. Sünde ist Abfall, und es ist schaurig [?] wahr, daß wir im Großen und Kleinen immer wieder abfallen von der Wahrheit in die Lüge, von der Kraft in die Schwachheit, von der Liebe in die Kälte, aber indem wir abfallen vom Leben, geben wir Zeugnis, daß wir einst im Leben gestanden sind. Das Leid des Lebens bringt uns hart zum Bewußtsein, wie verkehrt unser Zustand ist, aber indem wir leiden, seufzen, klagen, uns nicht ergeben können und wollen, anerkennen wir, daß es etwas Unverkehrtes gibt, daß das Leid nicht unser Anfang ist, sondern eine verkehrte, unrechtmäßige Folge. Der Tod, der ans Ende unseres Lebens ein großes Nichts setzt, ist darum so |183 finster und unerklärlich, weil nur das Leben, der Sinn, die Ewigkeit klar ist und klar sein kann. Für das Nichts aber, für die Auflösung, für die Verwüstung haben wir von Haus aus keinen Begriff, kein Verständnis; nur mit größter Mühe können wir uns an den Gedanken gewöhnen, daß es wirklich aus sein soll mit uns. Nie wird es uns ganz gelingen, uns damit auszusöhnen; wir haben eben immer im Anfang Gott gesagt. Das Geheimnis des Lebens besteht nicht darin, ob es einen Gott gibt über der Welt und den Menschen. Diese Frage ist entschieden, bevor sie aufgeworfen ist. Gott selbst ist nicht geheimnisvoll, nicht verborgen, nicht tief. In ihm leben, weben und sind wir [Act. 17,28]. - Aber geheimnisvoll ist die Frage, wie wir zu Gott stehen, wie wir fortfahren mit dem, was sowieso unser Anfang ist, ob wir zu Gott Nein oder Ja sagen. Nein heißt Heidentum, Sünde, Leid und endlich Tod. Ja heißt Wahrheit, Friede und Freude, ewiges Leben. An Gott entscheidet es sich immer, das Geheimnis besteht darin, wie es sich entscheiden soll, was wir von Gott ergreifen und erfahren wollen.

3. Aber nicht wir sind’s, die Gott erwählen, sondern er ist’s, der uns erwählt zur Wahrheit und zum Leben. Nicht er tritt auf unseren guten Weg, sondern wir müssen auf seinen Weg treten. Nicht in uns liegt die Sicherheit des guten Weges, sondern in ihm. Nicht wir können uns bewegen auf diesem Weg, wir können uns nur leiten lassen von ihm. - Wir sind nur, weil Gott ist. Wir leben nur, weil wir in ihm leben. Wir können nur Ja sagen zu seiner Regierung. Er ist immer der Erste, nicht nur einmal, sondern immer wieder. - Ein eigenes Sein, Leben und Leiten des Menschen ist schon der Irrtum, die Verkehrtheit. Gerade damit werden wir uns selbst untreu, verstehen wir uns selbst falsch, daß wir selbst etwas machen wollen, statt immer wieder zuerst Gott zu sagen. - Wir können nicht ernst genug machen damit, daß Gott unser Anfang ist. An dem Tag, wo Gott uns nicht neu ist, wo wir bereits eine Sicherheit und Gewöhnung Gott gegenüber in uns selbst haben, ein «Ich weiß schon», «Ich bin schon», «Ich habe schon», an dem Tag irren wir uns an Gott und verkehren die Wahrheit in Ungerechtigkeit [vgl. Röm. 1,18]. Darum das Merkwürdige in unserem Text, daß Paulus den Ephesern schreibt, er danke Gott unablässig für ihren Glauben und ihre Liebe, und dann doch fortfährt: ich gedenke euer in meinem Gebet, daß der Vater [der Herrlichkeit] euch gebe den Geist |184 der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes, als ob ihr Glaube und ihre Liebe noch gar nichts wären, als ob ihnen die Hauptsache noch fehle, als ob zu dem Großen und Schönen, das sie schon hätten, noch etwas ganz Anderes, Neues hinzukommen müsse. Und gerade das meint er in der Tat. Paulus hat eben Gott verstanden. Ein Pfarrer von heutzutage würde wahrscheinlich gesagt haben: euer Glaube und eure Liebe müssen noch wachsen, noch mehr und immer noch mehr Glauben und Liebe müßt ihr haben, weiter und weiter müßt ihr gehen auf dem eingeschlagenen guten Weg, noch viel inniger, eifriger, ernster und tätiger müßt ihr werden! So sind wir’s gewöhnt aus tausend Predigten und Andachtsschriften. So redet man auch außerhalb der Kirche: noch ernster muß man’s nehmen mit seinen Pflichten, noch geduldiger im stillen Tragen des Leides, noch mehr Aufklärung müssen wir bekommen, noch mehr Fortschritte erzielen. Paulus aber freut sich zwar über das, was schon da ist an Göttlichem in seinen Freunden, dann aber stellt er es doch ganz deutlich auf die Seite, redet nicht mehr davon, schlägt einen ganz neuen, feierlichen Ton an von Gott, dem Vater [der Herrlichkeit], als ob sie, die guten Christen in Ephesus, das zum ersten Male hörten, sagt kein Wort von: noch mehr!, sondern verweist sie auf etwas ganz Neues und Anderes, auf etwas, das von einer ganz anderen Seite komme als ihr Glaube und ihre Liebe, auf einen neuen Anfang. Das Vorwärts, das er ihnen offenbar zurufen will, heißt nicht: vorwärts auf eurem guten Weg!, sondern: vorwärts von Gott her! Er ermahnt sie nicht im Christentum, wie wir uns immer ermahnen und ermahnen lassen wollen in dem, was wir in uns selbst sind und von uns aus denken und treiben. Er sagt ihnen: ich gedenke euer in meinem Gebet, er betet für sie um das, was nur Gott selbst von sich aus tun kann. Er sagt ihnen nicht: denkt etwas! tut etwas!, sondern er stellt sie vor die Tatsache, daß ihnen etwas gegeben werden könne und müsse. Dieses Gegebenwerden, um das man nur beten kann, ist das Neue. Hier fängt Paulus an, von Gott zu reden. Euer Glaube und eure Liebe ist jetzt schon das Alte. Es ist euer eigener Glaube und eure eigene Liebe. Gottes Güte habt ihr dieses Eigene zu verdanken, gewiß. Aber Gottes Güte ist alle Morgen neu [vgl. Klagel. 3,22f.]. Bleibt nicht dabei stehen. Gott ist ein Gott von heute. Heute müßt ihr seine Stimme hören [vgl. Ps. 95,7]. Der Geist in der Erkenntnis Gottes, das ist’s!|

185 Der Geist ist das Göttliche. Der Geist ist aber nicht euer Geist, sondern Gottes Geist, Gottes eigene Macht, Gottes eigener Weg, Gottes eigenes Ziel, Gottes eigenes Reich. Mit Gott wird’s dann ernst, wenn der Mensch über sein Eigenes hinauskommt, und das ist auch für den gläubigsten und liebevollsten Menschen das Neueste vom Neuen. Ein Geist der Weisheit ist dieser Geist, weil er uns unterscheiden lehrt, unerbittlich zurückstellen das Menschliche hinter dem Göttlichen. Und ein Geist der Offenbarung, weil er uns ein Zutrauen gibt, uns die Sinne öffnet für das Göttliche, das sich alle Tage gerade im Menschlichen zeigen kann. Erkannt will Gott sein, erfaßt als der, der noch nicht von uns erfaßt ist, ein Schritt will getan sein von ihm zu uns, immer neue Schritte. Erleuchtet müssen die Augen unseres Herzens werden durch das Licht selbst, denn was sind Augen ohne Licht? Das Licht ist zuerst und dann die Augen! So rückt Paulus Gott selbst in den Vordergrund, seine Erwählung, seine Schöpfung, seine Größe und Barmherzigkeit. Was wir schon verstanden haben, was wir schon glauben und wissen, tun und denken, sind und haben, das ist noch nicht Gott, ist heute nicht mehr Gott. Gott ist der, der alle Morgen zu uns sagt: Ich, ich allein, nicht ihr! Was wir sind, das fließt aus diesem: Ich allein! Was wir sein werden, das muß wieder aus dieser Quelle fließen.

Paulus würde auch in der heutigen Zeit und zu uns nicht anders reden. Wir können auch heute aufrichtigerweise nichts Anderes in der Bibel finden als diesen dringenden Hinweis auf Gott selbst. Ich glaube nicht, daß Paulus viel auszusetzen hätte an unserem Glauben und unserer Liebe. Er würde wahrscheinlich viel mehr davon sehen als wir, viel mehr Echtes, Schönes, Wirksames, Lebendiges. Er würde wie damals Gott danken dafür. Er würde wahrscheinlich zu uns sagen, euer Christentum, eure Kirche, eure Frömmigkeit, auch eure sonstige Haltung, eure Moral und fortschrittliche Gesinnung ist ganz recht. Eure Predigten und euer Schulwesen und eure Fürsorgetätigkeiten, eure Gemeinschaften und eure Heilsarmee, euer Genossenschaftswesen und euer Sozialismus, das soll einmal klar anerkannt sein im Lichte des Gottes, der von niemand mehr verlangt, als er sein und geben kann. Es ist ja in dem allem viel Ernstes und Gutes. Gott sei gelobt dafür! Paulus hätte aber sicher gegen uns, daß wir eigentlich stecken geblieben sind in dem allem, statt darüber hinauszuschauen, uns dar|186über hinausführen zu lassen. Er hätte an uns auszusetzen, daß wir noch so befangen sind in der Meinung, wir bräuchten nun bloß immer noch ein wenig weiterzukommen in diesem Eigenen, Menschlichen von gestern her. Er hätte uns zu fragen, ob wir noch nicht gemerkt haben, daß Gott ein Gott von heute ist, ob wir noch nicht verstanden haben, daß unser Glaube und unsere Liebe von gestern, wenn es dabei bleibt, endigen muß mit Weltkrieg, mit Revolution, mit Friedenskonferenzen, die besser Unfriedenskonferenzen heißen würden2, ob es uns noch nicht aufgegangen ist, daß das beste und edelste Wollen und Laufen des Menschen nicht auf dem guten Weg bleiben kann ohne die Erleuchtung der Augen unseres Herzens, die von der anderen Seite, von Gott selbst herkommt. Paulus würde staunen darüber, daß wir nicht mehr Bedürfnis und Freiheit und Lust haben, nach Gott selbst zu fragen, nach dem Geist der Weisheit und der Offenbarung, nach diesem Neuen, Anderen, von Gott uns zu Gebenden, durch das allein unser Glaube und unsere Liebe hoffnungsvoll, fruchtbar, zukunftsreif werden könnte. Wißt ihr denn, würde er uns fragen, was für eine Hoffnung euch durch Gottes Berufung gegeben ist, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes ist und was es ist um die überwältigende Größe seiner Kraft für uns, die wir glauben? Wenn ihr’s wißt, warum merkt man euch nicht mehr an davon, noch in der Kirche und noch in den Kapellen, noch Gotteskindern und noch christlichen Weltkindern3? Warum seid ihr dann trotz allem Christentum so kühl, so unfroh, so unsicher, so unentschlossen, so eng, so trostlos? Warum leistet euer Christentum nicht mehr in der dunklen Welt? Wenn ihr’s aber nicht wißt, warum merkt ihr nicht, was fehlt?, warum bleibt ihr so hartnäckig auf den alten Geleisen? Warum laßt ihr euch nicht weiterführen? Warum fragt ihr nicht ganz anders, viel hungriger und durstiger, viel ernster und aufrichtiger nach Gott selbst, nach dem leben|187digen Anfang des Lebens, der das [?] Einzige wäre, was euch heute helfen könnte? Paulus würde auch für uns um Erkenntnis bitten. Denn von Gott selbst her muß es auch heute kommen, wenn Gott selbst wieder verstanden werden soll.

4. Es ist im Grund also auch das kein Geheimnis, ob es sich an Gott zum Ja oder zum Nein, zum Leben oder zum Tod entscheiden soll für die Welt und den Menschen, ob die Regierung Gottes uns zum Segen oder zum Fluch, zur Gnade oder zum Gericht ausschlagen soll. Die Frage kann für soundsoviel Menschen in Dunkel gehüllt sein, man kann aber die Augen dafür bekommen, daß sie beantwortet ist. Der gute Weg kann im Einzelnen millionenfach verfehlt werden, im Ganzen ist er eröffnet und gangbar. Sonst hätte Paulus nicht um Erkenntnis beten können für seine Freunde. Was man selber gar nicht kennt, darum kann man auch für Andere nicht bitten. Paulus kannte aber Christus. Wir spüren es seinen Worten noch heute an, daß Christus kennen etwas ganz Unermeßliches bedeutet. Christus ist mehr als Glaube und Liebe, mehr als Christentum und Fortschritt. Christus ist das große Vorwärts von Gott her. Christus ist die Entscheidung für den guten Weg, Gottes eigene Entscheidung. Christus ist das Ja, das Gott selbst gesprochen auf die Frage, ob die Welt und der Mensch Gnade und Segen von ihm empfangen sollen oder nicht. In Christus ist die Betätigung der Stärke Gottes. Gott ist kein bloßer Gedanke, nicht nur die letzte Einheit, der Hintergrund der Welt. Gott ist stark, er hat eine Kraft und braucht sie. Er tut etwas. Es gibt eine Geschichte Gottes. Es ist ein Entschluß in Gott, und dieser Entschluß bricht hervor, ist hervorgebrochen. Gott steht nicht über den Parteien zwischen Leben und Tod, er hat Partei ergriffen. Das Licht ist mehr als die Finsternis. Das Gute ist größer als das Böse. In Christus ist aber auch der Sieg Gottes. Ihm ist durch seine Auferweckung von den Toten eine Einführung in die himmlische Welt widerfahren, die unserer ganzen jetzigen Welt zu Gute kommt. In ihm hat es Gottes Kraft über alle widerstrebenden Kräfte gewonnen, und dieses Gewinnen macht sich weiter geltend unter uns. Durch ihn haben Sünde, Leid und Tod eine Widerlegung bekommen, die nicht mehr vergessen werden kann. Christus ist der Anfang einer neuen Menschheit. Wir sind jetzt schon erwählt, neu geschaffen, erlöst in ihm. Gott selbst ist in ihm herein|188getreten unter uns. Er bleibt nicht allein, er zieht uns hinein in das große göttliche Ja und Vorwärts. Er das Haupt und wir die Glieder4. Er der, der uns erfüllen will und kann, wir, die von ihm erfüllt werden sollen. Wir sind seine Gemeinde, aber nicht nur wir, Viele, Alle. Niemand ist draußen. Wir können zu niemand mehr Nein sagen, nachdem Gott in Christus Ja zu uns gesagt hat. Das ist die Wahrheit unseres Lebens. Verborgen und doch nicht verborgen. Die Erkenntnis, die uns fehlt und doch nicht ganz fehlt, ist die Erkenntnis des Heilands. Sofern sie uns nicht ganz fehlt, müssen wir mit Paulus helfen, füreinander zu beten. Sofern sie uns fehlt, müssen wir uns wenigstens offen halten, daß das Gebet Anderer für uns nicht vergeblich sei. Es handelt sich bei der Erkenntnis Gottes um ein ständiges Tragen und Getragenwerden unter den Christen. Wenn wir treu sind darin, kann es nicht vergeblich sein.

Lieder:
  • Nr. 20 «Singt, singt Jehovah neue Lieder», nach älteren Übertragungen zu Psalm 98, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 55,1.2.4 «Singt, singt dem Herren neue Lieder»; ebenso EG 286,1.2) 🎵
  • Nr. 161 «Herz und Herz vereint zusammen» vonN. L. von Zinzendorf/ Chr. Gregor und A. Knapp, Strophen 4.5 (RG [1998] 793,4.6; EG 251,4.5) 🎵

Sachfußnoten

1
«Gott ist’s, der regiert» von S. Wolf (1752-1810) nach Psalm 97 (GERS [1891] 22; GERS [1952] 24) 🎵.↩
2
Die sogenannten Pariser Friedensverträge mit Deutschland ( 28.6.1919), Österreich ( 10.9.1919), Bulgarien, Ungarn und der Türkei verdienen den Namen «Verträge» nicht, weil die Verlierer von den Verhandlungen ausgeschlossen und die Bedingungen ihnen diktiert wurden.↩
3
= weder in der Kirche noch in den Kapellen, weder [bei] Gotteskindern noch [bei] christlichen Weltkindern.↩
4
«Er das Haupt, wir seine Glieder»: aus der 1. Strophe des nach der Predigt gesungenen Liedes (s. Liedangaben).↩