Epheser 1,1-14
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns mit dem ganzen geistlichen Segen der himmlischen Welt gesegnet hat in Christo.
In ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und untadelig in ihm. In Liebe hat er uns dazu ausersehen, daß wir durch Jesum Christum seine Kinder sein sollten nach dem Wohlgefallen seines Willens zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in seinem Geliebten.
In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade, welche uns reichlich geschenkt ist als vollkommene Weisheit und Klugheit. Er hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen zur Durchführung in der Fülle der Zeiten, wie er es sich vorgenommen, alle Dinge in Christo wieder zusammenzufassen, die himmlischen und die irdischen in ihm.
In ihm sind wir Erben geworden, wir, die wir dazu ausersehen waren nach dem Vorsatz dessen, der Alles nach seines Willens Ratschluß bewirkt, so daß wir zum Lob seiner Herrlichkeit zuerst auf Christum hoffen durften.
In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von unserer Errettung, durch den Glauben an ihn versiegelt worden mit dem Geist der Verheißung, der das Angeld unseres Erbes ist, zur schließlichen Einlösung unseres Eigentums zum Lob seiner Herrlichkeit.
1. Das lebendige Wort Gottes und der lebendige Glaube an dieses Wort, sie bringen eine Veränderung in das Dasein der Menschen. Wir können es nicht in Gedanken ermessen und nicht in Worten ausspre|174chen, wie gründlich, wie weitgreifend, wie folgenschwer diese Veränderung ist. Wir können nur die Tatsache entdecken und anerkennen, daß da eine Macht ist, die uns führt und bewegt und trägt, ohne daß wir ein Ziel und eine Grenze zu sehen vermöchten. Wir können nur dankbar staunen darüber, wie wir doch eigentlich alle von dieser Macht getragen sind, und Leid tragen darüber, daß wir uns nicht noch ganz anders, viel williger, freudiger, völliger von ihr tragen lassen. Wir können nur feststellen, daß alle menschlichen Gedanken und Unternehmungen, Ideen und Revolutionen, so groß und radikal sie uns erscheinen mögen, klein und harmlos und bescheiden sind gegenüber der Veränderung, die durch diese Macht hervorgebracht wird. Wie seltsam verkehrt unsere gewöhnliche Auffassung vom Leben! Wir sehnen uns ja alle nach Veränderung unseres Daseins. Viel zu deutlich sehen wir seine Schranken, seine Irrtümer, seine Rätsel, viel zu eng sind wir alle von Haus aus mit Gott verbunden, als daß wir zufrieden sein könnten mit dem, was jetzt ist. Aber nun sehen und erwarten wir diese Veränderung so seltsam töricht und kurzsichtig und oberflächlich gerade da, wo es keine Veränderung gibt noch geben kann. Wir werden älter. Wir lernen neue Dinge und Menschen kennen. Wir kommen weiter in der Welt. Immer neue Wünsche tauchen in uns auf und werden erfüllt, ganz oder teilweise. Neue Ideen brausen durch die Welt wie Sturmwind und reißen uns mit, dahin und dorthin. Das Bild der Verhältnisse um uns her verändert sich nach und nach, aber unaufhaltsam, und so verändern wir selbst uns, unsere Meinungen, unsere Empfindungen und Neigungen, unser Charakter und unser Weg. Ein bunter, beweglicher Strom des Lebens aus tausend eilenden Wellen, in dem wir oft begeistert, oft mühsam schwimmen. Woher? Wohin? Ist das das Leben, dieses Eilen und Fließen und Drängen und Sich-Vorschieben [?] von der Wiege bis zum Sarge? Ist das die Veränderung, nach der wir uns sehnen? Und das Wort Gottes? Und der Glaube? Wie seltsam diese Ausdrücke im Strom des Lebens! Wenn das, was wir gewöhnlich das Leben nennen, der Strom ist, das Bewegliche, die Veränderung, ja dann ist offenbar das Wort Gottes das Stillstehende, das Unbewegliche, das Tote, dann ist der Glaube die Ruhe, der Aufenthalt, die Pause gleichsam, wo nichts geht, als daß man ein wenig Kräfte sammelt zum neuen Weiterrennen, für neue Entdeckungen und Entwicklungen. Ist es nicht so? Was halten wir |175 von der Bibel? Das alte, alte Buch, nicht wahr, dessen großer Vorzug darin besteht, daß es uns in Ruhe läßt, weil es mit der Zeit und dem Leben, das uns so müde macht, nichts zu tun hat. Was halten wir von unserem Christentum? Ein Ruhehafen [?], nicht wahr, in den alle die von Herzen gern einmünden, die des Treibens ganz oder vorläufig müde2 geworden sind und die sich nach etwas Unbeweglichem sehnen. Was halten wir von der Kirche? Eine Anstalt für die Müden, die Enttäuschten, die Unbefriedigten und für die, die es morgen sein werden, eine kurze Station zur Beruhigung, die sich auch die Welt gern gefallen läßt, um nachher um so munterer ihren eigenen Gang weiterzugehen. Ist’s nicht so? Ist das nicht die allgemeine Auffassung, so allgemein, daß wir fast unmöglich davon lassen können: hier bei uns das Leben, die Bewegung - dort bei Gott der Stillstand, der Tod. Kommt’s nicht auf das heraus, was die berufensten Vertreter der Religion selbst von ihrer Sache sagen? Und ist’s dann ein Wunder, wenn gerade die lebendigsten Menschen keine Zeit, keine Lust, kein Interesse haben für Bibel, Christentum und Kirche? Wir sind noch nicht müde, sagen sie, wir glauben noch an das Leben, später vielleicht, vielleicht auch nicht! Wer will sie verklagen? Wer ihnen Unrecht geben?
Aber wie seltsam eigentlich, daß der Mensch es fertig gebracht hat, die Dinge so vollständig auf den Kopf zu stellen! Es ist eben einfach nicht wahr, daß das sogenannte Leben uns die Veränderung bringt, die wir eigentlich meinen. Sie fehlt uns, wir sehnen uns nach ihr, darum müssen wir sie suchen auf tausend Wegen, und so gibt allerdings auch unser gewöhnliches Leben mit seiner Unruhe Zeugnis von ihrer Wahrheit. Aber wir sind immer wieder die Geprellten, wenn wir sie dort suchen, wo wir sie jetzt suchen. Älter werden heißt nicht anders werden. Neue Erlebnisse sind noch nicht neues Leben. Weiterkommen heißt noch nicht über das Jetzige hinauskommen. Andere Gedanken sind nicht das Gleiche wie andere Menschen. Bessere Verhältnisse sind darum noch nicht gesunde, glückliche, gerechte Verhältnisse. Die Welt ist groß, und die Heimat, die wir suchen, ist weit. Die Schritte, die wir in dieser Welt tun können, sind klein, und das ver|176meintliche Fortschreiten in dieser Welt ist fast immer ein Fortschreiten im Kreis herum. Das Beste an unserem Streben und Bewegen ist unser guter Wille und unsere Sehnsucht selbst, nicht das, was wir erreichen wollen und erreichen. O wer das einmal entdeckt hat: Die Welt steht still, das Leben steht still, wir selbst stehen still, unser ganzes Arbeiten, Eifern, Denken [?] und Kämpfen ist ein großes Stillstehen. Es ist immer das Gleiche mit mir, mit dir, mit unserem Glück und Unglück, mit dem Lauf der Welt und unseres Lebens, heute, morgen, wie gestern, wie vor zehn oder tausend Jahren, wenn nicht - ja eben wenn da nicht etwas Anderes wäre, das Veränderung wirklich bringt, weil es Leben und Bewegung in sich selbst ist. |
Ja, wer das einmal entdeckt hat: unsere große Unruhe ist nur die Ruhe der Ohnmacht, unser Unfriede ist der Friede des Friedhofs, unser vermeintliches Leben ist Tod, wenn nicht ein Anderes dazukommt, das wir immer suchen und nie finden, weil wir es am falschen Ort suchen; wer das entdeckt hat, der hat etwas Großes entdeckt. Denn seht, auch das Zweite ist eben einfach nicht wahr, daß das Göttliche das Unbewegliche, das Stillstehende sei, der Ruhepunkt, zu dem man nur zurückkehrt, wenn’s absolut nicht mehr anders geht, wenn man alles Anderen überdrüssig geworden ist. Ja, so machen wir es freilich, oder so wollen wir’s doch machen, so versuchen wir Menschen immer wieder, Gottes Wort und den Glauben in etwas Träges, Totes zu verwandeln. Aber es gelingt uns eben nicht, sowenig es uns gelingt, in der Welt das Lebendige zu finden, nach dem wir hungern und dürsten. Das hat schon Mancher fast zu seinem Schaden erfahren müssen, wenn er im Ernst anfing, Gott zu suchen. Er suchte Ruhe, und siehe, nun kam eine Unruhe über ihn, gegen die alle Unruhe der Welt Kinderspiel ist. Er öffnete die alte, alte Bibel, und siehe, ihm begegnete darin das Neueste vom Neuen. Er wollte ganz gemächlich ein Christ sein, und siehe, das Christentum wurde ihm zu einem Angriff gegen ihn selbst, aber auch gegen die menschliche Gesellschaft, wie sie jetzt ist, gegen die Gerechtigkeit, die jetzt so heißt, gegen den Frieden, den man jetzt so nennt; zu einem Angriff, der ihn stärker erschütterte als Alles, was er an Veränderungen, Zweifeln, Umwälzungen und Neuerungen im sogenannten Leben der Welt vorher erlebt hatte. Er hatte sich schon damit abgefunden: es ist immer das Gleiche und bleibt immer das Gleiche, abgefunden damit, daß das |177 Leben den Menschen müde macht und nicht frisch, abgefunden mit der Sünde und dem Leid der Menschen, abgefunden mit sich selber, abgefunden mit dem Tod, und als er Gott begegnete, da wurde ihm zum ersten Mal ganz klar: Nein, es bleibt gerade nicht alles gleich, sondern es gibt einen Fortschritt, eine Erneuerung, eine Umkehrung aller Dinge, eine Veränderung vor Allem der Menschen selbst in einem Maß, daß auch unsere kühnsten Erwartungen und Hoffnungen dahinter zurückbleiben. |
Das ist dann die zweite, noch größere Entdeckung, wenn Einer das entdeckt: die Welt steht still, aber das Christentum ist eigentlich der Triumph des ungeahntesten, kühnsten Fortschritts. Das Leben da draußen am Werktag mag ruhig und gelassen und dumpf sein, aber was uns hier in der Kirche bewegt - wenn es uns bewegt - das ist Feuer, Sturm, Erdbeben. Zeitung - Bibel3. Es gibt nichts Bewegteres als einen Menschen, der mit
2. Veränderung durch das lebendige Wort Gottes und durch den lebendigen Glauben - das ist das Evangelium. Wir haben aus unserem Text gehört, wie
- Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben» von
L. A. Gotter , Strophen 1.2.6 (RG [1998] 727,1.2.5 mit Textabweichungen in Str.5) - Nr. 190 «Walte, walte nah und fern, allgewaltig Wort des Herrn» von
J. Fr. Bahnmaier , Strophen 1-5 (RG [1998] 257,1-5)