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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 1,15-23</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 1,15-23, 11. Mai 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39024 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 188.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 1,15-23</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">188</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 1,15-23, 11. Mai 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1908">KBA 1451</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-05-11">11. Mai 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>469</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-05-11">11. Mai 1919</date>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.15 Eph.1.23">Epheser 1,15-23</ref>
              <quote><p><hi rend="italic" resp="kb">Darum, nachdem ich vernommen von dem bei euch
                    vorhandenen Glauben an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen,
                    höre ich nicht auf, zu danken für euch und euer zu gedenken in meinen Gebeten,
                    daß der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe
                    den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis Gottes, die
                    Erleuchtung der Augen eures Herzens, daß ihr wisset, was für eine Hoffnung euch
                    durch seine Berufung gegeben ist, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes
                    ist für seine Heiligen und was es ist um die überwältigende Größe seiner Kraft
                    für uns, die wir glauben, in der Betätigung der Macht seiner Stärke.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Diese hat er betätigt an Christus, indem er ihn von
                    den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten setzte in der himmlischen Welt
                    über allen Ursprüngen und Gewalten und Kräften und Herrschaften und über Alles,
                    was nur einen Namen haben kann nicht nur in dieser, sondern auch in der
                    zukünftigen Welt, und hat ihm Alles zu Füßen gelegt und hat ihn als Haupt über
                    Alles der Gemeinde gegeben, welche sein Leib ist, die Erfüllung dessen, der
                    selbst Alles in Allen erfüllt.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Gott lebt.</hi> Und Gott ist’s, der regiert.<note xml:id="n01"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-288">«Gott
              ist’s, der regiert» von <persName ref="kbga-actors-5797">S. Wolf</persName> (1752-1810) nach Psalm 97 (GERS [1891] 22; GERS [1952]
              24)</bibl>.</note> Das ist <hi rend="italic">keine religiöse Behauptung.</hi> Kein
            Glaubenssatz. Keine kirchliche Lehre. Das ist die Wahrheit, die allen menschlichen
            Anschauungen von Gott und vom Leben schon vorausgeht. Man kann sie weder beweisen noch
            widerlegen. Wer einen menschlichen Gedanken von Gott <hi rend="italic">beweisen</hi> und
            begründen will, stützt sich immer schon auf die Wahrheit Gottes selbst. Was Wahres daran
            ist, das ist wahr, weil Gott selbst lebt. Es gibt keinen ehrlichen Glauben ohne Gott
            selbst. Und wer einen solchen menschlichen Gedanken von Gott <hi rend="italic">widerlegen</hi> und zunichte machen will [?], was ja auch manchmal nötig ist, stützt
            sich auch auf die Wahrheit Gottes. Er kämpft gegen die Unwahrheit, weil Gott selbst
            lebt. Es gibt auch keinen ehrlichen Unglauben ohne Gott selbst. Gott selbst ist immer
            der <hi rend="italic">Anfang.</hi> Wenn man das merkt, wird man <hi rend="italic">ruhig</hi> und zuversichtlich gegenüber der Verschiedenheit der menschlichen
            Gedanken. Sie können Gott nichts anhaben. Denn sie wären gar nicht da ohne Gott. Man
            wird aber auch <hi rend="italic">demütig</hi> und vorsichtig. Gott ist immer <pb ed="pga" xml:id="p182"/> noch größer als das Wahrste, was wir von ihm denken können.
            Was echt und ehrlich ist in unseren 
            Gedanken, das hat Gott selbst zum Anfänger. Wir können nicht ohne Gott denken. Wir
            können nur fortsetzen und weiter bauen auf dem gelegten Grunde. Dem Anfänger allein
            gebührt die Ehre.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Die <hi rend="italic">Welt hat kein eigenes
              Leben</hi>, ohne Gott, getrennt von Gott. Es ist immer schon unsere eigene <hi rend="italic">Verkehrtheit,</hi> Unvorsichtigkeit und Stümperhaftigkeit, wenn uns
            Beides so <hi rend="italic">auseinanderfällt:</hi> Gott und die Welt, wenn wir Gott <hi rend="italic">nicht mehr begreifen</hi> als den Schöpfer und Erlöser der Welt, sondern
            nur noch als fernes, hohes Gedankenwesen, wenn wir uns <hi rend="italic">die Welt
              erklären</hi> ohne Gott, durch allerlei tote Begriffe wie die Natur, das Schicksal,
            die Geschichte, das Leben, statt zu erkennen, daß nicht viele Namen, sondern nur ein
            Name über Allem ist. Die <hi rend="sans-serif">Welt ist durch Gott</hi> und in
            Gott, von Gott her und zu Gott hin [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref>]. Er ist das Leben ihres Lebens, die Kraft ihrer Kräfte, der Grund
            ihrer Gründe. Was wir sonst sagen können, sagen wir nur, weil wir <hi rend="italic">zuerst Gott gesagt</hi> haben. Wir sagen immer zuerst Gott, ob wir’s wissen oder
            nicht wissen, wollen oder nicht wollen. Wenn wir nachher so anders fortfahren und die
            Welt und das Leben ansehen, als ob Gott nicht wäre, nicht lebte und regierte, so <hi rend="italic">verstehen wir uns selbst falsch</hi>, werden uns selbst untreu. Wir
            haben dann <hi rend="sans-serif">die Folgen</hi> zu tragen, und es sind bitter
            schmerzliche Folgen, aber die Wahrheit, die am Anfang steht, heben wir damit nicht auf,
            ihr können wir damit nichts antun, sie ist dann eben ohne uns Wahrheit. <hi rend="italic">Heidentum</hi>, Götzendienst, Gottlosigkeit, Weltsinn sind schlimme
            Finsternis, aber auch die Finsternis gibt Zeugnis dem Lichte; denn ohne Licht wäre keine
            Finsternis. <hi rend="italic">Sünde</hi> ist Abfall, und es ist schaurig [?] wahr, daß
            wir im Großen und Kleinen immer wieder abfallen von der Wahrheit in die Lüge, von der
            Kraft in die Schwachheit, von der Liebe in die Kälte, aber indem wir abfallen vom Leben,
            geben wir Zeugnis, daß wir einst im Leben gestanden sind. Das <hi rend="italic">Leid</hi> des Lebens bringt uns hart zum Bewußtsein, wie verkehrt unser Zustand ist,
            aber indem wir leiden, seufzen, klagen, uns nicht ergeben können und wollen, anerkennen
            wir, daß es etwas Unverkehrtes gibt, daß das Leid nicht unser Anfang ist, sondern eine
            verkehrte, unrechtmäßige Folge. <hi rend="italic">Der Tod</hi>, der ans Ende unseres
            Lebens ein großes Nichts setzt, ist darum so <pb ed="pga" xml:id="p183"/> finster und
            unerklärlich, weil nur das Leben, der Sinn, die Ewigkeit klar ist und klar sein kann.
            Für das Nichts aber, für die Auflösung, für die Verwüstung haben wir von Haus aus keinen
            Begriff, kein Verständnis; nur mit größter Mühe können wir uns an den Gedanken gewöhnen,
            daß es wirklich aus sein soll mit uns. Nie wird es  uns ganz gelingen, uns damit auszusöhnen; wir haben eben immer im
            Anfang Gott gesagt. <hi rend="sans-serif">Das Geheimnis des Lebens</hi> besteht
            nicht darin, ob es einen Gott gibt über der Welt und den Menschen. Diese Frage ist <hi rend="italic">entschieden</hi>, bevor sie aufgeworfen ist. Gott selbst ist <hi rend="italic">nicht geheimnisvoll</hi>, nicht verborgen, nicht tief. In ihm <hi rend="italic">leben</hi>, weben und sind wir [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. - Aber geheimnisvoll ist die Frage, wie wir <hi rend="italic">zu Gott stehen</hi>, wie wir <hi rend="italic">fortfahren</hi> mit dem,
            was sowieso unser Anfang ist, ob wir zu Gott <hi rend="italic">Nein oder Ja</hi> sagen.
            Nein heißt Heidentum, Sünde, Leid und endlich Tod. Ja heißt Wahrheit, Friede und Freude,
            ewiges Leben. An Gott entscheidet es sich <hi rend="italic">immer</hi>, das Geheimnis
            besteht darin, <hi rend="italic">wie</hi> es sich entscheiden soll, <hi rend="italic">was</hi> wir von Gott ergreifen und erfahren wollen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber <hi rend="italic">nicht wir
              sind’s</hi>, die Gott <hi rend="italic">erwählen</hi>, sondern <hi rend="sans-serif">er ist’s, der uns</hi> erwählt zur Wahrheit und zum Leben. <hi rend="italic">Nicht er tritt</hi> auf unseren guten Weg, sondern wir müssen auf seinen
            Weg treten. <hi rend="italic">Nicht in uns liegt</hi> die Sicherheit des guten Weges,
            sondern in ihm. <hi rend="italic">Nicht wir können uns</hi> bewegen auf diesem Weg, wir
            können uns nur leiten lassen von ihm. - Wir <hi rend="italic">sind</hi> nur, weil Gott
            ist. Wir <hi rend="italic">leben</hi> nur, weil wir in ihm leben. Wir können nur <hi rend="italic">Ja sagen</hi> zu seiner Regierung. Er ist immer der <hi rend="italic">Erste</hi>, nicht nur einmal, sondern immer wieder. - Ein <hi rend="italic">eigenes
              Sein</hi>, Leben und Leiten des Menschen ist schon der Irrtum, die Verkehrtheit.
            Gerade damit werden wir uns selbst untreu, verstehen wir uns selbst falsch, daß wir <hi rend="italic">selbst etwas machen</hi> wollen, statt immer wieder zuerst Gott zu
            sagen. - Wir können nicht ernst genug machen damit, daß <hi rend="italic">Gott unser
              Anfang</hi> ist. An dem Tag, wo Gott <hi rend="italic">uns nicht neu</hi> ist, wo wir
            bereits eine Sicherheit und Gewöhnung Gott gegenüber in uns selbst haben, ein «Ich weiß
            schon», «Ich bin schon», «Ich habe schon», an dem Tag irren wir uns an Gott und
            verkehren die Wahrheit in Ungerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">Röm. 1,18</ref>]. Darum das <hi rend="sans-serif">Merkwürdige in
              unserem Text</hi>, daß <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> den Ephesern schreibt, <hi rend="italic">er danke</hi>
            Gott unablässig für ihren Glauben und ihre Liebe, und dann doch fortfährt: ich gedenke
            euer in meinem Gebet, daß der Vater [der Herrlichkeit] <hi rend="italic">euch gebe</hi>
            den Geist <pb ed="pga" xml:id="p184"/> der Weisheit und der Offenbarung in der
            Erkenntnis Gottes, als ob ihr Glaube und ihre Liebe noch <hi rend="italic">gar
              nichts</hi> wären, als ob ihnen die Hauptsache noch <hi rend="italic">fehle</hi>, als
            ob zu dem Großen und Schönen, das sie schon hätten, noch etwas ganz <hi rend="italic">Anderes</hi>, Neues hinzukommen müsse. Und gerade das meint er in der Tat. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat
            eben <hi rend="italic">Gott verstanden.</hi> Ein <hi rend="italic">Pfarrer</hi> von
            heutzutage würde wahrscheinlich gesagt haben: euer Glaube und eure Liebe müssen noch
            wachsen, noch mehr und immer noch mehr Glauben und Liebe müßt ihr haben, weiter und
            weiter müßt ihr gehen auf dem 
            eingeschlagenen guten Weg, noch viel inniger, eifriger, ernster und tätiger müßt ihr
            werden! So sind wir’s gewöhnt aus tausend Predigten und Andachtsschriften. So redet man
            auch außerhalb der Kirche: noch ernster muß man’s nehmen mit seinen Pflichten, noch
            geduldiger im stillen Tragen des Leides, noch mehr Aufklärung müssen wir bekommen, noch
            mehr Fortschritte erzielen. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> aber</hi> freut sich zwar über das,
            was schon da ist an Göttlichem in seinen Freunden, dann aber stellt er es doch ganz
            deutlich auf die Seite, redet nicht mehr davon, schlägt einen ganz neuen, feierlichen
            Ton an von <hi rend="italic">Gott, dem Vater</hi> [der Herrlichkeit], als ob sie, die
            guten Christen in <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName>, das zum ersten Male hörten, sagt kein Wort von: noch mehr!,
            sondern verweist sie auf etwas ganz Neues und Anderes, auf etwas, das von einer ganz
            anderen Seite komme als ihr Glaube und ihre Liebe, auf einen neuen Anfang. <hi rend="italic">Das Vorwärts</hi>, das er ihnen offenbar zurufen will, heißt nicht:
            vorwärts auf eurem guten Weg!, sondern: vorwärts von Gott her! Er ermahnt sie nicht im
            Christentum, wie wir uns immer ermahnen und ermahnen lassen wollen in dem, was wir in
            uns selbst sind und von uns aus denken und treiben. Er sagt ihnen: ich gedenke euer in
            meinem Gebet, er <hi rend="italic">betet für sie</hi> um das, was nur Gott selbst von
            sich aus tun kann. Er sagt ihnen nicht: denkt etwas! tut etwas!, sondern er stellt sie
            vor die Tatsache, daß ihnen etwas <hi rend="italic">gegeben werden könne</hi> und müsse.
            Dieses Gegebenwerden, um das man nur beten kann, ist <hi rend="italic">das Neue.</hi>
            Hier fängt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> an, von Gott zu reden. Euer Glaube und eure Liebe ist jetzt schon das
            Alte. Es ist euer eigener Glaube und eure eigene Liebe. Gottes Güte habt ihr dieses
            Eigene zu verdanken, gewiß. Aber Gottes Güte ist alle Morgen neu [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Klagel.3.22 Klage.3.66">Klagel. 3,22f.</ref>]. Bleibt nicht dabei stehen. Gott ist
            ein Gott von heute. Heute müßt ihr seine Stimme hören [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.95.7">Ps. 95,7</ref>]. <hi rend="italic">Der Geist</hi> in der
            Erkenntnis Gottes, das ist’s!|</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p185" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">Der Geist</hi> ist das Göttliche. Der Geist ist aber nicht euer Geist,
            sondern Gottes Geist, Gottes eigene Macht, Gottes eigener Weg, Gottes eigenes Ziel,
            Gottes eigenes Reich. Mit Gott wird’s dann ernst, wenn der Mensch über sein Eigenes
            hinauskommt, und das ist auch für den gläubigsten und liebevollsten Menschen das Neueste
            vom Neuen. Ein <hi rend="italic">Geist der Weisheit</hi> ist dieser Geist, weil er uns
            unterscheiden lehrt, unerbittlich zurückstellen das Menschliche hinter dem Göttlichen.
            Und ein <hi rend="italic">Geist der Offenbarung</hi>, weil er uns ein Zutrauen gibt, uns
            die Sinne öffnet für das Göttliche, das sich alle Tage gerade im Menschlichen zeigen
            kann. <hi rend="italic">Erkannt</hi> will Gott sein, erfaßt als der, der noch nicht von
            uns erfaßt ist, ein Schritt will getan sein von ihm zu uns, immer
               neue Schritte. <hi rend="italic">Erleuchtet</hi> müssen die Augen unseres Herzens werden durch das Licht selbst, denn
            was sind Augen ohne Licht? Das Licht ist zuerst und dann die Augen! So rückt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">Gott selbst</hi> in den Vordergrund, seine Erwählung, seine Schöpfung,
            seine Größe und Barmherzigkeit. Was wir schon verstanden haben, was wir schon glauben
            und wissen, tun und denken, sind und haben, das ist noch nicht Gott, ist heute nicht
            mehr Gott. Gott ist der, der alle Morgen zu uns sagt: <hi rend="italic">Ich, ich
              allein</hi>, nicht ihr! Was wir sind, das fließt aus diesem: Ich allein! Was wir sein
            werden, das muß wieder aus dieser Quelle fließen.</p>
          <p><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> würde <hi rend="sans-serif">auch in der heutigen Zeit</hi> und zu uns
            nicht anders reden. Wir können auch heute aufrichtigerweise nichts Anderes in der Bibel
            finden als diesen dringenden Hinweis auf Gott selbst. Ich glaube <hi rend="italic">nicht</hi>, <hi rend="italic">daß <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> viel auszusetzen hätte</hi> an unserem
            Glauben und unserer Liebe. Er würde wahrscheinlich viel mehr davon sehen als wir, viel
            mehr Echtes, Schönes, Wirksames, Lebendiges. Er würde wie damals Gott danken dafür. Er
            würde wahrscheinlich zu uns sagen, euer <hi rend="italic">Christentum</hi>, eure Kirche,
            eure Frömmigkeit, auch eure sonstige <hi rend="italic">Haltung</hi>, eure Moral und
            fortschrittliche Gesinnung ist ganz recht. Eure <hi rend="italic">Predigten</hi> und
            euer Schulwesen und eure Fürsorgetätigkeiten, eure <hi rend="italic">Gemeinschaften</hi>
            und eure Heilsarmee, euer <hi rend="italic">Genossenschaftswesen</hi> und euer
            Sozialismus, das soll einmal klar anerkannt sein im Lichte des Gottes, der von niemand
            mehr verlangt, als er sein und geben kann. Es ist ja in dem allem viel Ernstes und
            Gutes. Gott sei gelobt dafür! <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hätte aber sicher <hi rend="italic">gegen uns</hi>,
            daß wir eigentlich <hi rend="italic">stecken geblieben</hi> sind in dem allem, statt
            darüber hinauszuschauen, uns dar<pb ed="pga" xml:id="p186" break="no"/>über hinausführen
            zu lassen. Er hätte an uns <hi rend="italic">auszusetzen</hi>, daß wir noch so befangen
            sind in der Meinung, wir bräuchten nun bloß immer noch ein wenig <hi rend="italic">weiterzukommen</hi> in diesem Eigenen, Menschlichen von gestern her. Er hätte <hi rend="italic">uns zu fragen</hi>, ob wir noch nicht gemerkt haben, daß Gott ein <hi rend="italic">Gott von heute</hi> ist, ob wir noch nicht verstanden haben, daß unser
            Glaube und unsere Liebe von gestern, wenn es dabei bleibt, <hi rend="italic">endigen
              muß</hi> mit Weltkrieg, mit Revolution, mit Friedenskonferenzen, die besser
            Unfriedenskonferenzen heißen würden<note xml:id="n02">Die sogenannten <orgName ref="kbga-actors-9861">Pariser
              Friedensverträge</orgName> mit <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> ( <date when="1919-06-28">28.6.1919</date>),
              <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName> ( <date when="1919-09-10">10.9.1919</date>), <placeName ref="kbga-places-1353">Bulgarien</placeName>, <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName> und der
              <placeName ref="kbga-places-419">Türkei</placeName> verdienen den Namen «Verträge» nicht, weil die Verlierer von den Verhandlungen
              ausgeschlossen und die Bedingungen ihnen diktiert wurden.</note>, ob es uns noch nicht
            aufgegangen ist, daß das beste und edelste Wollen und Laufen des Menschen <hi rend="italic">nicht auf dem guten Weg bleiben kann</hi> ohne die Erleuchtung der Augen
            unseres Herzens, die von der anderen Seite, von Gott selbst herkommt. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> würde <hi rend="italic">staunen</hi> darüber, daß wir nicht mehr Bedürfnis und Freiheit und Lust
            haben, nach Gott selbst zu fragen, nach dem Geist der Weisheit und der Offenbarung, nach
            diesem Neuen, Anderen, von Gott uns zu Gebenden, durch das allein unser Glaube und
            unsere Liebe  hoffnungsvoll, fruchtbar,
            zukunftsreif werden könnte. <hi rend="italic">Wißt ihr denn</hi>, würde er uns fragen,
            was für eine Hoffnung euch durch Gottes Berufung gegeben ist, was der Reichtum der
            Herrlichkeit seines Erbes ist und was es ist um die überwältigende Größe seiner Kraft
            für uns, die wir glauben? <hi rend="italic">Wenn ihr’s wißt</hi>, warum <hi rend="italic">merkt</hi> man euch nicht mehr an davon, noch in der Kirche und noch in
            den Kapellen, noch Gotteskindern und noch christlichen Weltkindern<note xml:id="n03">=
              weder in der Kirche noch in den Kapellen, weder [bei] Gotteskindern noch [bei]
              christlichen Weltkindern.</note>? <hi rend="italic">Warum seid ihr</hi> dann trotz
            allem Christentum so kühl, so unfroh, so unsicher, so unentschlossen, so eng, so
            trostlos? Warum <hi rend="italic">leistet</hi> euer Christentum nicht mehr in der
            dunklen Welt? <hi rend="italic">Wenn ihr’s aber nicht wißt</hi>, warum merkt ihr nicht,
            was fehlt?, warum bleibt ihr so hartnäckig auf den alten Geleisen? Warum laßt ihr euch
            nicht weiterführen? Warum fragt ihr nicht ganz anders, viel hungriger und durstiger,
            viel ernster und aufrichtiger nach Gott selbst, nach dem leben<pb ed="pga" xml:id="p187" break="no"/>digen Anfang des Lebens, der das [?] Einzige wäre, was euch heute helfen
            könnte? <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> würde auch für uns <hi rend="italic">um Erkenntnis bitten.</hi> Denn von
            Gott selbst her muß es auch heute kommen, wenn Gott selbst wieder verstanden werden
            soll.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Es ist im Grund also <hi rend="italic">auch
              das kein Geheimnis</hi>, ob es sich an Gott zum Ja oder zum Nein, zum Leben oder zum
            Tod entscheiden soll für die Welt und den Menschen, ob die Regierung Gottes uns zum
            Segen oder zum Fluch, zur Gnade oder zum Gericht ausschlagen soll. Die Frage kann für
            soundsoviel Menschen <hi rend="italic">in Dunkel gehüllt</hi> sein, man kann aber die
            Augen dafür bekommen, daß sie beantwortet ist. Der gute Weg kann im Einzelnen <hi rend="italic">millionenfach verfehlt</hi> werden, im Ganzen ist er eröffnet und
            gangbar. <hi rend="italic">Sonst hätte <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nicht</hi> um Erkenntnis beten können für
            seine Freunde. Was man selber gar nicht kennt, darum kann man auch für Andere nicht
            bitten. <hi rend="sans-serif"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kannte aber Christus.</hi> Wir spüren es
            seinen Worten noch heute an, daß Christus kennen etwas ganz Unermeßliches bedeutet.
            Christus ist <hi rend="italic">mehr als Glaube und Liebe</hi>, mehr als Christentum und
            Fortschritt. Christus ist <hi rend="italic">das große Vorwärts</hi> von Gott her.
            Christus ist <hi rend="italic">die Entscheidung</hi> für den guten Weg, Gottes eigene
            Entscheidung. Christus ist das Ja, das Gott selbst gesprochen auf die Frage, ob die Welt
            und der Mensch Gnade und Segen von ihm empfangen sollen oder nicht. In Christus ist <hi rend="italic">die Betätigung der Stärke Gottes.</hi> Gott ist kein bloßer Gedanke,
            nicht nur die letzte Einheit, der Hintergrund der Welt. Gott ist stark, er hat eine
            Kraft und braucht sie. Er tut etwas. Es gibt eine Geschichte Gottes. Es ist ein
            Entschluß in Gott, und dieser Entschluß bricht hervor, ist hervorgebrochen. Gott steht
            nicht über  den Parteien zwischen Leben
            und Tod, er hat Partei ergriffen. Das Licht ist mehr als die Finsternis. Das Gute ist
            größer als das Böse. <hi rend="italic">In Christus ist aber auch der Sieg Gottes.</hi>
            Ihm ist durch seine Auferweckung von den Toten eine Einführung in die himmlische Welt
            widerfahren, die unserer ganzen jetzigen Welt zu Gute kommt. In ihm hat es Gottes Kraft
            über alle widerstrebenden Kräfte gewonnen, und dieses Gewinnen macht sich weiter geltend
            unter uns. Durch ihn haben Sünde, Leid und Tod eine Widerlegung bekommen, die nicht mehr
            vergessen werden kann. Christus ist <hi rend="italic">der Anfang einer neuen
              Menschheit.</hi> Wir sind jetzt schon erwählt, neu geschaffen, erlöst in ihm. Gott
            selbst ist in ihm herein<pb ed="pga" xml:id="p188" break="no"/>getreten unter uns. Er
            bleibt nicht allein, er zieht uns hinein in das große göttliche Ja und Vorwärts. Er das
            Haupt und wir die Glieder<note xml:id="n04">«Er das Haupt, wir seine Glieder»: aus der
              1. Strophe des nach der Predigt gesungenen Liedes (s. Liedangaben).</note>. Er der,
            der uns erfüllen will und kann, wir, die von ihm erfüllt werden sollen. Wir sind seine
            Gemeinde, aber nicht nur wir, Viele, Alle. Niemand ist draußen. Wir können zu niemand
            mehr Nein sagen, nachdem Gott in Christus Ja zu uns gesagt hat. Das ist die <hi rend="sans-serif">Wahrheit unseres Lebens.</hi> Verborgen und doch nicht
            verborgen. Die Erkenntnis, die uns fehlt und doch nicht ganz fehlt, ist die <hi rend="italic">Erkenntnis des Heilands.</hi> Sofern sie uns nicht ganz fehlt, müssen
            wir mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> helfen, füreinander <hi rend="italic">zu beten.</hi> Sofern sie uns
            fehlt, müssen wir uns wenigstens <hi rend="italic">offen halten</hi>, daß das Gebet
            Anderer für uns nicht vergeblich sei. Es handelt sich bei der Erkenntnis Gottes um ein
            ständiges Tragen und Getragenwerden unter den Christen. Wenn wir treu sind darin, kann
            es nicht vergeblich sein.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-49" type="song"> Nr. 20 «Singt, singt Jehovah neue Lieder»,
              nach älteren Übertragungen zu Psalm 98, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 55,1.2.4 «Singt,
              singt dem Herren neue Lieder»; ebenso EG 286,1.2) </bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-21" type="song">Nr. 161 «Herz und Herz vereint zusammen» von<persName ref="kbga-actors-441">
              N. L. von Zinzendorf </persName>/ <persName ref="kbga-actors-579">Chr. Gregor</persName> und <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 4.5 (RG [1998] 793,4.6; EG
              251,4.5)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
