Lukas 24,36-43
1. «Er selbst, Jesus, trat mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!» So läßt Gott sein Licht triumphieren über allen irdischen Dämmerungen. So richtet er sein Recht auf und verteidigt es gegen die verkehrten, traurigen Anschauungen der Menschen. So bestätigt und erfüllt er das Tiefste, was als Ahnung und Sehnsucht doch auch im Menschen lebt. So setzt er das Ende einer alten Ordnung und den Anfang einer neuen. So offenbart er in unserer Welt der Sünde, des Jammers und der Sterblichkeit seine Wahrheit, die im Ursprung war und die zuletzt allein Wahrheit sein wird. So spricht er ein neues Mal: es werde! und es wird [
2. Ich brauche es wohl kaum erst auszusprechen, daß Jesus uns Menschen von heutzutage erst zum allerkleinsten Teil das ist, was er eigentlich ist, die Kraft Gottes, die eine neue Kreatur hervorbringt. Wir stehen insgesamt noch tief in den Ordnungen und Kräften einer alten Welt, die er überwunden und erledigt hat. Bei uns steht Alles erst im Werden, im Kommen, im Zukünftigen. Wir sind im besten Fall in Bewegung gesetzt, der großen Lebensoffenbarung entgegen. Wir leben davon, daß wir in Bewegung gesetzt sind. Jesus ist auferstanden. Das Ziel ist uns gegeben, dem wir entgegengehen, und der Anlauf ist uns gegeben, daß wir ihm wirklich entgegengehen. Weil Jesus lebt, darum fehlt es auch uns nicht ganz an Lebenskräften des Mutes, der Liebe, der Geduld. Es gibt sogar Augenblicke und Lagen, da wird dieses Jesusleben in der Menschheit jetzt schon so stark, daß im kleinen Kreis und für eine kurze Zeit etwas fast Vollkommenes entsteht, ein Stücklein Himmel auf Erden. Wir müßten nur besser die Augen auftun, so würden wir merken, daß dieses «Jesus mitten unter uns» auch uns gar nichts so Fernes und Unmögliches ist. Aber es ist doch immer nur ein Stücklein, ein Teil von dem «Jesus selbst», wie er dort unter seine Jünger getreten ist. Wenn wir das Ganze unseres Lebens ansehen, müssen wir uns gestehen, daß uns das Ganze des Jesuslebens, das dort erschienen ist, noch fremd ist. Die kleinen Lichter, die uns etwa aufgehen, können uns doch nur sehnsüchtig [machen] nach dem |167 großen Licht, dem Licht vom unerschaffnen Lichte3. Tausende von Konfirmanden haben jetzt Jesus kennen, vielleicht sogar lieben gelernt, aber was Jesus eigentlich ist, das muß er ihnen und uns allen erst werden. Ostern liegt hinter uns, das große Ostern, das über die Jünger Jesu kam wie Erdbeben und Sonnenaufgang, und die Osterfeier, in der wir uns alljährlich dankbar jenes Ereignisses erinnern, aber die Auferstehung liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. Die Hauptsache der Ostergeschichte kommt erst.
Die Gefahr ist immer vorhanden, daß sie vielleicht nicht kommt. Wir müßten viel mehr erschrecken über die Möglichkeit, daß uns auch Ostern wieder ein Wort und Bild wird, wo es doch Ereignis und Leben sein will. -4 Was hilft uns die schönste Erinnerung an Jesus, wenn sie uns nicht vorwärtsführt, wenn wir uns begnügen lassen an dem, was wir vielleicht vom Jesusleben schon kennen und haben? Es liegt Alles, Alles daran, daß die Bewegung, die dort angehoben, weitergeht. Das Stücklein, das wir jetzt haben, strebt nach dem Ganzen. Das Fünklein, das jetzt glüht, will zum Feuer werden. Das Bächlein, das jetzt fließt, eilt dem Meer entgegen. -5 So stehen wir heute da, dankbar und doch sehnsüchtig, befriedigt und doch ungenügsam, reich und doch arm, in der Erkenntnis der Klarheit Gottes im Angesichte Christi [vgl.
3. Unterdessen wollen wir uns freuen darüber, daß wir in einer Zeit leben, in der von Jesus, von seinem Kreuz und seinem Leben, wenigstens wieder geredet wird. Das war ja das Hoffnungsvolle in der Lage auch jener Jünger, bevor er selbst mitten unter sie trat: sie redeten davon. Dieses Reden war durchaus nicht umsonst. Damit machten sie es ihm gewissermaßen möglich, in ihre Mitte zu treten, und bereiteten sich selbst darauf vor, ihn zu sehen, wenn auch das, was sie dann zu sehen bekamen, viel größer und schöner war als das, was sie darüber |168 gedacht und gesagt hatten. Ein aufrichtiges, ernstes Reden und Hören von Jesus im Gedanken an seine Auferstehung ist mehr als bloße Worte. Wir können daran denken, wie in der ersten Zeit durch das Aussprechen des Namens Jesu Wunder und Zeichen getan worden sind [
Unsere Zeit weiß aber auch dies, daß das, was ihr fehlt und wonach sie sich sehnt, etwas Persönliches, Lebendiges sein muß, nicht nur eine neue Idee, nicht nur eine bessere Ordnung, nicht nur andere Verhältnisse, sondern ein Mensch wie wir, aber ein ganz anderer Mensch, ein Mensch voll Geist und Kraft, ein Mensch, der sagen könnte, was wir alle nicht sagen können, und geben, was wir alle nicht geben können, ein Mensch, der in der Not unserer Welt drinstünde und doch aus ihr herauszuführen die Macht hätte. Es ist merkwürdig, wie davon heute eigentlich überall geredet wird: bei den Gelehrten, bei der Jugend, bei den Künstlern, bei den Arbeitern: Einer, Einer sollte jetzt kommen, einer, der mehr wäre als
4. Daß es nicht beim Reden bleibt, dazu müssen wir nun freilich Sorge tragen. Wir wissen ja: Reden an sich hilft uns nichts. Reden an sich ist die Verborgenheit der Wahrheit, ist das verschlossene Grab, mit Siegeln verschlossen, von den Heiden bewacht. Reden an sich ist sogar gefährlich. Es hat schon oft solche hoffnungsvollen Zeiten gegeben wie die heutige, und dann wurde den Menschen das Reden so wichtig, daß sie die Hoffnung selbst vergaßen und den Fortgang der Bewegung vernachlässigten und die neue Erscheinung des Heilands unmöglich machten. Es kam jedenfalls schon dort bei den Jüngern am Abend des Ostertages sehr darauf an, wie und was sie von Jesus redeten. Wir hören ja, wie allerlei in ihnen war, was der Erscheinung des Auferstandenen stark zuwider war: Furcht und Schrecken und Gedanken, die in ihren Herzen aufstiegen, wie es heißt. Wäre das alles noch stärker in ihnen gewesen, etwa so wie jetzt auch bei uns, so wäre es auch dort beim bloßen Reden geblieben, und Jesus hätte nicht in ihre Mitte treten können. Es muß aber trotz Allem etwas Offenes in ihnen gewesen sein, das stärker war als ihre teilweise Verschlossenheit, und dieses Offene ermöglichte es Jesus, unter sie zu treten. Diese Offenheit wieder zu bekommen, wird die Hauptaufgabe für unsere Zeit sein, wenn es uns ernst ist mit unserem Reden von Jesus. Nicht das Reden tut’s, sondern daß wir durch das Reden immer merkiger10 und gelehriger werden für Jesus selbst, immer bereiter, empfänglicher, empfindlicher für sein bevorstehendes neues Auftreten, immer erwartungsvoller für seine Lebensoffenbarung. Ihr Reden von ihm kann uns darin sogar hindern und damit auch ihm selbst im Wege stehen, wenn wir nicht Sorge |171 tragen. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß die Vollendung des göttlichen Werkes auf Erden durch die neue Erscheinung des Heilands zwar eine plötzliche Tat Gottes sein wird, die zur bestimmten Zeit eintreten wird, wenn Alles reif dazu ist, gerade wie die Auferstehung Jesu selbst. Sie wird aber uns nicht plötzlich zum Bewußtsein kommen, sondern nach und nach wird das neue Jesusleben, das von oben kommt auf den Wolken des Himmels, wie es im Neuen Testament heißt [vgl.
Es wird also Alles darauf ankommen, daß wir offen sind zu merken, daß er selbst es ist, der da kommt in neuer Macht vom Himmel her. Dieser Offenheit stand schon damals viel im Wege und so erst recht bei uns. Die Jünger haben wohl etwas von ihm gesehen und gehört, aber sie meinten, es sei ein Geist. Sie hatten vielleicht schon etwas zu viel von ihm geredet und waren nun nur auf etwas Geistiges gefaßt, merkten nicht, daß es ernst wurde. Wie es etwa uns geht, wenn wir aus einer schönen Predigt nach Hause kommen und vor lauter Geist gar nicht merken, daß es nun ernst wird. Wo man zu viele Worte macht und sich zu sehr verliert und begeistert daran, verliert man leicht den Geschmack für das Wirkliche. Wir sind heute ziemlich sehr in der Gefahr, daß wir bei den vielen und schönen Worten, die wir jetzt haben, uns doch nur auf etwas Geistiges gefaßt machen, auf neue Gedanken, neue Theorien, eine neue Religion und wie diese Gespenster alle heißen. |172 Nicht umsonst redet heute schon das einfältigste Zeitungsblatt von dem neuen Geist, der jetzt nächstens kommen müsse. Wir könnten über diesen schönen geistigen Erwartungen leicht die Hauptsache vergessen und verkennen, die persönliche, lebendige Macht Jesu selbst, die sich da und dort, hier so, dort anders sichtbar und greifbar geltend machen wird, wenn es Zeit ist, und für die dann offene Augen und Ohren nötig sein werden. Vielleicht, daß Jesus in seiner Herrlichkeit uns schon viel näher ist, als wir denken. Als er am Abend des Ostertages unter seine Jünger trat, da zeigte er ihnen seine Hände und Füße, da aß er mit ihnen. Er wird auch zur Vollendung seines Werkes ebenso menschlich, irdisch und lebendig in unsere Mitte treten. Nicht als neuer Geist, sondern in lauter neuen Lebenserscheinungen. Gerade darin, daß er uns so leiblich, lebendig, wirklich, praktisch begegnen wird, wird er sich unterscheiden von den falschen Christussen, an denen es bis ans Ende nicht fehlen wird [vgl.
- Nr. 43 «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. Knorr von Rosenroth , Strophen 1.4.5 (RG [1998] 572,1.4.5; EG 450,1.4.5)
Nr. 163 «Eine Herde und ein Hirt» von