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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Epheser 1,1-14</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Epheser 1,1-14, 4. Mai 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39023 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 180.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Epheser 1,1-14</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">180</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 1,1-14, 4. Mai 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1907">KBA 1450</ref>. </bibl>
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          <head><idno>468</idno></head>
          <dateline> <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, Sonntag, den
            <date when="1919-05-04">4. Mai 1919</date><note xml:id="n01">Der Epheserbrief war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in jenen Jahren besonders wichtig: 1918 versuchte er eine kursorische Lektüre mit seinen Konfirmanden (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p268#p268">S. 268</ref></bibl>); in seinem ersten Göttinger Semester 1921/1922 hielt er eine einstündige <bibl corresp="kbga-bibls-3464"><ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=46">Vorlesung über Eph.1–2</ref></bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw. Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p741#p741">S. 741</ref></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 142</bibl>). Über die Predigtreihe selbst schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
            <date when="1919-05-21">21.5.1919</date>: «… es geht immer nur in den größten Linien zu, alle Sonntage eigentlich das gleiche, noch ausgesprochener, als wir es ohnehin tun. Die Exegese kostet mich viel Mühe, doch lohnen sich die breiten Flächen, die dabei sichtbar werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p328#p328">S. 328</ref></bibl>).</note>
            </dateline>
         
          
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.1 Eph.1.14">Epheser 1,1-14</ref>
            <quote><p> <hi rend="italic" resp="kb"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, an die Heiligen in <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName> und Gläubigen in Christo Jesu. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesu Christo.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns mit dem ganzen geistlichen Segen der himmlischen Welt gesegnet hat in <hi rend="spaced">Christo</hi>.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">In <hi rend="spaced">ihm</hi> hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und untadelig in ihm. In Liebe hat er uns dazu ausersehen, daß wir durch Jesum Christum seine Kinder sein sollten nach dem Wohlgefallen seines Willens zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in seinem Geliebten.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">In <hi rend="spaced">ihm</hi> haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade, welche uns reichlich geschenkt ist als vollkommene Weisheit und Klugheit. Er hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen zur Durchführung in der Fülle der Zeiten, wie er es sich vorgenommen, alle Dinge in Christo wieder zusammenzufassen, die himmlischen und die irdischen in ihm.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">In <hi rend="spaced">ihm</hi> sind wir Erben geworden, wir, die wir dazu ausersehen waren nach dem Vorsatz dessen, der Alles nach seines Willens Ratschluß bewirkt, so daß wir zum Lob seiner Herrlichkeit zuerst auf Christum hoffen durften.</hi></p>
                <p><hi rend="italic" resp="kb">In <hi rend="spaced">ihm</hi> seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von unserer Errettung, durch den Glauben an ihn versiegelt worden mit dem Geist der Verheißung, der das Angeld unseres Erbes ist, zur schließlichen Einlösung unseres Eigentums zum Lob seiner Herrlichkeit.</hi></p></quote>
            </cit>
          </epigraph>
         
        </div>
        <div type="main">
            <p><hi rend="italic">1.</hi> Das lebendige Wort Gottes und der lebendige Glaube an dieses Wort, sie bringen eine <hi rend="italic">Veränderung</hi> in das Dasein der Menschen. Wir <hi rend="italic">können es nicht</hi> in Gedanken ermessen und nicht in Worten ausspre<pb ed="pga" xml:id="p174" break="no"/>chen, wie gründlich, wie weitgreifend, wie folgenschwer diese Veränderung ist. Wir können nur die Tatsache <hi rend="italic">entdecken</hi> und anerkennen, daß da eine Macht ist, die uns führt und bewegt und trägt, ohne daß wir ein Ziel und eine Grenze zu sehen vermöchten. Wir können nur dankbar <hi rend="italic">staunen</hi> darüber,  wie wir doch eigentlich alle von dieser Macht getragen sind, und <hi rend="italic">Leid tragen</hi> darüber, daß wir uns nicht noch ganz anders, viel williger, freudiger, völliger von ihr tragen lassen. Wir können nur <hi rend="italic">feststellen</hi>, daß alle menschlichen Gedanken und Unternehmungen, Ideen und Revolutionen, so groß und radikal sie uns erscheinen mögen, klein und harmlos und bescheiden sind gegenüber der Veränderung, die durch diese Macht hervorgebracht wird. Wie seltsam verkehrt unsere <hi rend="italic">gewöhnliche Auffassung</hi> vom Leben! Wir <hi rend="italic">sehnen uns ja alle</hi> nach Veränderung unseres Daseins. Viel zu deutlich sehen wir seine <hi rend="italic">Schranken</hi>, seine Irrtümer, seine Rätsel, viel zu eng sind wir alle von Haus aus <hi rend="italic">mit Gott</hi> verbunden, als daß wir zufrieden sein könnten mit dem, was jetzt ist. Aber nun sehen und <hi rend="italic">erwarten wir diese Veränderung</hi> so seltsam töricht und kurzsichtig und oberflächlich gerade da, wo es keine Veränderung gibt noch geben kann. Wir werden <hi rend="italic">älter.</hi> Wir lernen <hi rend="italic">neue Dinge</hi> und Menschen kennen. Wir kommen <hi rend="italic">weiter</hi> in der Welt. Immer neue <hi rend="italic">Wünsche</hi> tauchen in uns auf und werden erfüllt, ganz oder teilweise. Neue <hi rend="italic">Ideen</hi> brausen durch die Welt wie Sturmwind und reißen uns mit, dahin und dorthin. Das Bild der <hi rend="italic">Verhältnisse</hi> um uns her verändert sich nach und nach, aber unaufhaltsam, und so verändern wir selbst uns, unsere Meinungen, unsere Empfindungen und Neigungen, unser Charakter und unser Weg. Ein bunter, beweglicher <hi rend="italic">Strom</hi> des Lebens aus tausend eilenden Wellen, in dem wir oft begeistert, oft mühsam schwimmen. Woher? <hi rend="italic">Wohin?</hi> <hi rend="italic">Ist das</hi> das Leben, dieses Eilen und Fließen und Drängen und Sich-Vorschieben [?] von der Wiege bis zum Sarge? <hi rend="italic">Ist das</hi> die Veränderung, nach der wir uns sehnen? <hi rend="italic">Und das Wort Gottes?</hi> Und der Glaube? Wie seltsam diese Ausdrücke im Strom des Lebens! Wenn das, was wir gewöhnlich das Leben nennen, der <hi rend="italic">Strom</hi> ist, das Bewegliche, die Veränderung, ja dann ist offenbar das Wort Gottes das <hi rend="italic">Stillstehende</hi>, das Unbewegliche, das Tote, dann ist der Glaube die <hi rend="italic">Ruhe</hi>, der Aufenthalt, die Pause gleichsam, wo nichts geht, als daß man ein wenig Kräfte sammelt zum neuen Weiterrennen, für neue Entdeckungen und Entwicklungen. Ist es nicht so? Was halten wir <pb ed="pga" xml:id="p175"/> von der <hi rend="italic">Bibel?</hi> Das alte, alte Buch, nicht wahr, dessen großer Vorzug darin besteht, daß es uns in Ruhe läßt, weil es mit der Zeit und dem Leben, das uns so müde macht, nichts zu tun hat. Was halten wir von unserem <hi rend="italic">Christentum?</hi> Ein Ruhehafen [?], nicht wahr, in den alle die von Herzen gern einmünden, die des Treibens ganz oder vorläufig müde<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1511"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, «Wanderers Nachtlied»</bibl>: <l>Ach, ich bin des Treibens müde …</l></note> geworden sind und die sich nach etwas Unbeweglichem sehnen. Was halten wir von der <hi rend="italic">Kirche?</hi> Eine Anstalt für die Müden, die Enttäuschten, die Unbefriedigten und für die, die es morgen sein werden, eine kurze  Station zur Beruhigung, die sich auch die Welt gern gefallen läßt, um nachher um so munterer ihren eigenen Gang weiterzugehen. <hi rend="italic">Ist’s nicht so?</hi> Ist das nicht die <hi rend="italic">allgemeine</hi> Auffassung, so allgemein, daß wir fast unmöglich davon lassen können: hier <hi rend="italic">bei uns</hi> das Leben, die Bewegung - dort bei Gott der Stillstand, der Tod. Kommt’s nicht auf das heraus, was die berufensten <hi rend="italic">Vertreter</hi> der Religion selbst von ihrer Sache sagen? Und ist’s dann ein Wunder, wenn gerade die lebendigsten Menschen <hi rend="italic">keine Zeit</hi>, keine Lust, kein Interesse haben für Bibel, Christentum und Kirche? Wir sind noch nicht müde, sagen sie, wir glauben noch an das Leben, später vielleicht, vielleicht auch nicht! <hi rend="italic">Wer will</hi> sie verklagen? Wer ihnen Unrecht geben?</p>
            <p>Aber <hi rend="italic">wie seltsam eigentlich,</hi> daß der Mensch es fertig gebracht hat, die Dinge so vollständig auf den Kopf zu stellen! Es ist eben einfach nicht wahr, daß <hi rend="italic">das sogenannte Leben uns die Veränderung bringt</hi>, die wir eigentlich meinen. Sie <hi rend="italic">fehlt uns</hi>, wir sehnen uns nach ihr, darum müssen wir sie <hi rend="italic">suchen</hi> auf tausend Wegen, und so gibt allerdings auch unser gewöhnliches Leben mit seiner Unruhe <hi rend="italic">Zeugnis</hi> von ihrer Wahrheit. Aber wir sind immer wieder die <hi rend="italic">Geprellten</hi>, wenn wir sie dort suchen, wo wir sie jetzt suchen. <hi rend="italic">Älter</hi> werden heißt nicht anders werden. <hi rend="italic">Neue Erlebnisse</hi> sind noch nicht neues Leben. <hi rend="italic">Weiterkommen</hi> heißt noch nicht über das Jetzige hinauskommen. <hi rend="italic">Andere Gedanken</hi> sind nicht das Gleiche wie andere Menschen. <hi rend="italic">Bessere Verhältnisse</hi> sind darum noch nicht gesunde, glückliche, gerechte Verhältnisse. <hi rend="italic">Die Welt</hi> ist groß, und die Heimat, die wir suchen, ist weit. <hi rend="italic">Die Schritte</hi>, die wir in dieser Welt tun können, sind klein, und das ver<pb ed="pga" xml:id="p176" break="no"/>meintliche Fortschreiten in dieser Welt ist fast immer ein Fortschreiten im Kreis herum. <hi rend="italic">Das Beste</hi> an unserem Streben und Bewegen ist unser guter Wille und unsere Sehnsucht selbst, nicht das, was wir erreichen wollen und erreichen. O <hi rend="italic">wer das einmal entdeckt hat:</hi> Die Welt <hi rend="italic">steht still</hi>, das Leben steht still, wir selbst stehen still, unser ganzes Arbeiten, Eifern, Denken [?] und Kämpfen ist ein großes Stillstehen. Es ist immer <hi rend="italic">das Gleiche</hi> mit mir, mit dir, mit unserem Glück und Unglück, mit dem Lauf der Welt und unseres Lebens, heute, morgen, wie gestern, wie vor zehn oder tausend Jahren, wenn nicht - ja eben wenn da nicht etwas <hi rend="italic">Anderes</hi> wäre, das Veränderung wirklich bringt, weil es Leben und Bewegung in sich selbst ist. |</p>
            <p>Ja, wer das einmal entdeckt hat: unsere große Unruhe ist nur die Ruhe der <hi rend="italic">Ohnmacht</hi>, unser Unfriede ist der Friede des <hi rend="italic">Friedhofs</hi>, unser vermeintliches Leben ist <hi rend="italic">Tod</hi>, wenn nicht ein <hi rend="italic">Anderes</hi> dazukommt, das wir immer suchen und nie finden, weil wir es am falschen Ort suchen;  wer das entdeckt hat, der hat etwas Großes entdeckt. Denn seht, auch das Zweite ist eben einfach nicht wahr, daß <hi rend="italic">das Göttliche das Unbewegliche,</hi> das Stillstehende sei, der Ruhepunkt, zu dem man nur zurückkehrt, wenn’s absolut <hi rend="italic">nicht mehr anders</hi> geht, wenn man alles Anderen <hi rend="italic">überdrüssig</hi> geworden ist. Ja, <hi rend="italic">so machen wir es</hi> freilich, oder so wollen wir’s doch machen, so versuchen wir Menschen immer wieder, Gottes Wort und den Glauben in etwas Träges, Totes zu verwandeln. Aber es <hi rend="italic">gelingt uns eben nicht</hi>, sowenig es uns gelingt, in der Welt das Lebendige zu finden, nach dem wir hungern und dürsten. Das hat schon Mancher fast zu seinem Schaden <hi rend="italic">erfahren müssen</hi>, wenn er im Ernst anfing, Gott zu suchen. Er <hi rend="italic">suchte Ruhe</hi>, und siehe, nun kam eine Unruhe über ihn, gegen die alle Unruhe der Welt Kinderspiel ist. Er öffnete die alte, <hi rend="italic">alte Bibel</hi>, und siehe, ihm begegnete darin das Neueste vom Neuen. Er wollte ganz gemächlich <hi rend="italic">ein Christ sein</hi>, und siehe, das Christentum wurde ihm zu einem Angriff gegen ihn selbst, aber auch gegen die menschliche Gesellschaft, wie sie jetzt ist, gegen die Gerechtigkeit, die jetzt so heißt, gegen den Frieden, den man jetzt so nennt; zu einem Angriff, der ihn stärker erschütterte als Alles, was er an Veränderungen, Zweifeln, Umwälzungen und Neuerungen im sogenannten Leben der Welt vorher erlebt hatte. Er hatte sich schon <hi rend="italic">damit abgefunden:</hi> es ist immer das Gleiche und bleibt immer das Gleiche, abgefunden damit, daß das <pb ed="pga" xml:id="p177"/> Leben den Menschen müde macht und nicht frisch, abgefunden mit der Sünde und dem Leid der Menschen, abgefunden mit sich selber, abgefunden mit dem Tod, und als er Gott begegnete, da wurde ihm zum ersten Mal ganz klar: Nein, es bleibt gerade nicht alles gleich, sondern es gibt einen Fortschritt, eine Erneuerung, eine Umkehrung aller Dinge, eine Veränderung vor Allem der Menschen selbst in einem Maß, daß auch unsere kühnsten Erwartungen und Hoffnungen dahinter zurückbleiben. |</p>
            <p>Das ist dann <hi rend="italic">die zweite, noch größere Entdeckung</hi>, wenn Einer das entdeckt: <hi rend="italic">die Welt</hi> steht still, aber das Christentum ist eigentlich der Triumph des ungeahntesten, kühnsten Fortschritts. <hi rend="italic">Das Leben</hi> da draußen am Werktag mag ruhig und gelassen und dumpf sein, aber was uns hier in der Kirche bewegt - wenn es uns bewegt - das ist Feuer, Sturm, Erdbeben. Zeitung - Bibel<note xml:id="n03">Die beiden Stichworte stehen am unteren Rand des Mskr.-blatts und sind durch ein Zeichen hierher verwiesen.</note>. Es gibt nichts Bewegteres als einen Menschen, der mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagen kann: <hi rend="italic">Durch den Willen Gottes bin ich</hi>, was ich bin. Es gibt nichts Stärkeres zu sagen als das alte, scheinbar so kühle [?] und lahme Wort: <hi rend="italic">Gnade sei mit euch</hi> [und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!]. Es gibt nichts, was das  Leben eines Menschen stärker angreifen und beeinflussen könnte, als wenn er zu der Erkenntnis kommt: <hi rend="italic">Gott hat mich erwählt</hi>, ehe der Welt Grund gelegt war! <hi rend="italic">Erlösung durch das Blut Christi</hi>, Vergebung der Sünden, die vollkommene Weisheit und Klugheit, die Gott gibt, seht, das <hi rend="italic">ist sie</hi> eigentlich, die große Veränderung, nach der wir suchen, ohne sie zu finden; wir müßten es nur wieder merken, daß es das ist. Die <hi rend="italic">Wieder-Zusammenfassung aller</hi> jetzt zersprengten, zerrissenen und zerstreuten Dinge in Christus, das ist’s, was <hi rend="italic">wir meinen</hi>, wenn wir träumen von einem vollkommenen Leben, gesunden Seelen in gesunden Körpern<note xml:id="n04">Vgl. das auf Juvenal zurückgehende Sprichwort «<foreign xml:lang="lat">mens sana in corpore sano</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2429">Büchmann, S. 581</bibl>).</note>, von einer Ordnung und Vernunft, die unser Dasein bekommen müßte, vom Himmel, der auf die Erde kommen, und von der Erde, die ins Licht des Himmels treten sollte; wir müßten es nur wieder merken, daß wir tatsächlich das meinen. Wir Menschen <hi rend="italic">Erben einer erneuerten Welt</hi>, Erben, die doch schon einen Anfang, ein Angeld ihres Erbes empfangen haben, den <pb ed="pga" xml:id="p178"/> heiligen Geist, in dem tatsächlich schon etwas, wenn auch vielleicht noch sehr, sehr wenig neu geworden ist, seht <hi rend="italic">darum</hi>, weil wir eine solche Hoffnung haben und ein solches Unterpfand, müssen wir so unruhig fragen und drängen und suchen, gerade in unserer Zeit, nach einer besseren Zukunft, allen Zweifeln und Bedenken, allen unseren eigenen Fehlern und Irrtümern zum Trotz. Wenn wir uns nur selbst verstehen würden, verstehen würden, daß <hi rend="italic">Gottes</hi> Reich das ist, was wir eigentlich erhoffen. Wir <hi rend="italic">müssen es einmal verstehen.</hi> Denn solange wir es nicht verstehen, kann es auch nicht in Erfüllung gehen. Unterdessen steht Gott doch auch schon hinter unserer Unruhe und Sehnsucht, <hi rend="italic">bereit</hi>, unendlich bereit, uns zu segnen mit dem ganzen geistlichen Segen der himmlischen Welt. Der geistliche Segen ist das <hi rend="italic">neue Leben</hi>, das uns zuteil werden soll. Die himmlische Welt ist die <hi rend="italic">neue Welt</hi>, die unter uns erscheinen will. O nein, <hi rend="italic">Gott ist nicht der Unbewegliche, der Stillstand.</hi> Wer es so auffaßt, der <hi rend="italic">kennt ihn nur noch nicht</hi>, versteht sich selbst noch nicht recht. Das muß auf einer <hi rend="italic">Verwechslung</hi> beruhen von Gott und Tod. Dem Tod ist aber die <hi rend="italic">Macht genommen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>], wo Gott das Wort ergreift und Glauben findet. Von Gott her ist Alles <hi rend="italic">in Fluß</hi> und Bewegung. Gott ist immer und in Ewigkeit der <hi rend="italic">Schöpfer</hi>, immer und in Ewigkeit der, der spricht: Siehe, ich mache Alles neu! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>], und was aus Gott geboren ist, das <hi rend="italic">überwindet</hi> die Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. Und sein Reich steht nicht, sondern es <hi rend="italic">kommt</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref> par.].</p> <!-- leerzeile -->
            <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Veränderung durch das lebendige Wort Gottes und durch den lebendigen Glauben - <hi rend="italic">das ist das Evangelium.</hi> Wir haben aus unserem Text gehört,  wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sich gar nicht genug tun konnte, diese Veränderung nach allen Seiten zu <hi rend="italic">entfalten</hi> und ans Licht zu stellen. Wenn man sich Alles genau überlegt, so sieht man, daß er <hi rend="italic">kein Wort zu viel</hi> gesagt hat. Es hat Alles seinen Sinn und seine Beziehung zur <hi rend="italic">Hauptsache.</hi> Von dieser Hauptsache aber kann man gar nicht zu viel sagen. Es würde uns zu weit führen, ihm heute ins Einzelne zu folgen. Es ist schließlich auch Alles, was er uns zu sagen hat, kurz und bündig und einfach <hi rend="italic">enthalten</hi> in den beiden immer wiederholten Wörtlein: <hi rend="italic">in ihm.</hi> In ihm, in Christus, will er sagen, ist die Veränderung. Wir müssen nur Christus anschauen, dann können wir <hi rend="italic">Gott nicht mehr</hi> mit dem Tod verwechseln, dann <hi rend="italic">erkennen wir ihn</hi> als den Lebendigen, den <pb ed="pga" xml:id="p179"/> Schöpfer, den Beweger. <hi rend="italic">Christus spricht</hi> das lebendige Wort und <hi rend="italic">weckt</hi> den lebendigen Glauben. Gott selbst ist’s, der da in der Fülle der Zeiten, als es genug war des Stillstands und des Friedhofswesens in der Menschheit, <hi rend="italic">zur Tat geschritten</hi> ist. Diese Gottestat war <hi rend="italic">Jesus</hi>, der Menschensohn und Gottessohn, sein Leben, sein Sterben, sein Auferstehen von den Toten. In ihm hat er uns <hi rend="italic">gesegnet</hi> und will er uns segnen mit dem ganzen geistlichen Segen der himmlischen Welt. <hi rend="italic">Die Veränderung,</hi> die uns widerfährt, wenn wir durch ihn das Wort der Wahrheit hören und durch ihn zum Glauben erweckt werden, ist so gründlich als möglich. Wir bekommen einen <hi rend="italic">neuen Boden</hi> unter die Füße. Nicht wir sind’s, die unser Leben machen. Nicht die anderen Menschen können uns beeinflussen. Nicht die Verhältnisse können uns bestimmen. Die ganze jetzige Welt versinkt und mit ihr unser Hochmut und unsere Angst. Gott allein bleibt übrig. Er allein ist’s, der uns nach seinem freien Wohlgefallen erwählt und beruft und macht zu dem, was wir sind. Wir kommen unter eine <hi rend="italic">neue Ordnung.</hi> Nicht uns selbst gehören wir, Gott sind wir geheiligt. Nicht nach unseren Begriffen können wir die Welt verstehen, Gott gibt uns die Weisheit dazu und die Klugheit, uns danach zu richten. Nicht wir selbst können uns sicher und gewiß machen, Gott versiegelt uns durch seinen Geist, daß wir im Bund mit ihm stehen. Wir bekommen ein <hi rend="italic">neues Ziel.</hi> Nicht die Welt haben wir zu verbessern. Nicht den Menschen haben wir zu dienen und zu helfen. Nicht wir selbst können unser Lebenszweck sein, auch nicht unsere Heiligung und Seligkeit. Wohl aber muß Alles, was an uns und durch uns geschieht, geschehen zum Lobe seiner Herrlichkeit. Wir leben zur Ehre Gottes. Das ist <hi rend="italic">der neue Mensch</hi> in ihm, in Christus. Dieser neue Mensch verändert Alles. Vor ihm ist nichts sicher. Er fürchtet nichts, er kann Alles. Er macht Alles neu im Himmel und auf Erden. Dieser neue Mensch ist <hi rend="italic">Christus selbst.</hi> Wir sind es <hi rend="italic">auch</hi>, sofern wir Christus hören und ihm glauben. Wir sprechen also  <hi rend="italic">die große Frage und die große Antwort</hi> unseres Lebens aus, wenn wir es wagen, diese zwei Wörtlein: in ihm, in Christus, der Bibel nachzusprechen. Die große <hi rend="italic">Antwort</hi>, denn nicht wahr, wir hören ja, wir glauben ja, wer wollte denn das Gegenteil von sich sagen? Aber auch die große <hi rend="italic">Frage</hi>, denn nicht wahr, das fragt sich doch alle Tage wieder, ob wir wirklich hören und glauben, was Christus uns von Gott und seiner Welt zu sagen hat. Wir sprechen diese zwei Wört<pb ed="pga" xml:id="p180" break="no"/>lein nach: in ihm, in Christus, und <hi rend="italic">sprechen damit</hi> aus, was wir sind und nicht sind, haben und nicht haben, unseren Reichtum und unseren Mangel, unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Wir können doch <hi rend="italic">nichts Besseres</hi> tun, als diese zwei Wörtlein «in ihm» dankbar und demütig nachsprechen und Alles, was sie enthalten, aufmerksam und aufrichtig nachdenken, immer mit dem Willen und der Sehnsucht, Ja dazu zu sagen: Ja, der neue Mensch <hi rend="italic">in ihm</hi> - und <hi rend="italic">wir auch</hi> neue Menschen in ihm - und <hi rend="italic">durch</hi> den neuen Menschen in ihm und in uns der ganze Segen der himmlischen Welt in unser Leben hinein! Durch solches Jasagen werden die zwei Wörtlein und ihr Inhalt allmählich <hi rend="italic">wahr.</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst hat es ja nicht anders gemeint, als daß sie allmählich wahr werden müssen im Leben der Christen und der Christenheit. Aber das darf uns <hi rend="italic">nicht beruhigen</hi> darüber, daß sie an uns so unendlich langsam wahr werden. Das muß uns auffordern, viel ernster zu hören, viel williger zu glauben als bisher. Es muß auch in uns etwas <hi rend="italic">beweglich</hi> werden, wenn wir verstanden haben, was für ein großer Beweger aller Dinge Gott ist in Christus. Also, Mensch Gottes, muß uns das sagen, Gott <hi rend="italic">wartet</hi>, du aber mußt <hi rend="italic">eilen</hi><note xml:id="n05">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2. Petr.3,12</ref>. Die «immerwährende Bewegung zwischen Warten und Eilen» bezeichnete <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als «<persName ref="kbga-actors-47">Blumhardts</persName> Geheimnis» (<bibl corresp="kbga-bibls-3518"><hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft. Friedrich Naumann und Christoph Blumhardt</hi> [1919], in: Anfänge I, S. 48</bibl>).</note>. Laß wahr werden, was wahr ist.</p> <!-- leerzeile --> 
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            <div type="songs">
            <head>Lieder:</head> 
                <listBibl type="songs">
                    <bibl corresp="kbga-songs-27" type="song"> Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben» von <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>, Strophen 1.2.6 (RG [1998] 727,1.2.5 mit Textabweichungen in Str.5)</bibl>
                    <bibl corresp="kbga-songs-126" type="song">Nr. 190 «Walte, walte nah und fern, allgewaltig Wort des Herrn» von <persName ref="kbga-actors-2150">J. Fr. Bahnmaier</persName>, Strophen 1-5 (RG [1998] 257,1-5)</bibl> 
                </listBibl> 
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</text>
</TEI>
