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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Lukas 24,36-43</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Lukas 24,36-43, 27. April 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39022 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 172.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Lukas 24,36-43</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">172</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 24,36-43, 27. April 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1906">KBA 1449</ref>. </bibl>
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          <head><idno>467</idno></head>
          <dateline> <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-76">Leutwil</placeName></hi> und <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-426">Seon</placeName></hi>, Sonntag, den
            <date when="1919-04-27">27. April 1919</date><note xml:id="n01">In <placeName ref="kbga-places-76">Leutwil</placeName> vertrat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Freund <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> (Kanzeltausch?); in <placeName ref="kbga-places-426">Seon</placeName>, ca. 5 km nördlich von <placeName ref="kbga-places-76">Leutwil</placeName>, vertrat er den von beiden Freunden sehr geschätzten Pfarrer <persName ref="kbga-actors-529">Max Dietschi</persName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p018#fn_n01">S. 18, Anm.1</ref></bibl>).</note>
            </dateline>
          
          
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.36 Lk.24.43">Lukas 24,36-43</ref>
            <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Da sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich, meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße: ich bin’s selber. Fühlet mich an und sehet: denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe. Und da er das sagte, zeigte er ihnen Hände und Füße. Da sie aber noch nicht glaubten vor Freuden und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm vor ein Stück von gebratenem Fisch und Honigseim. Und er nahm’s und aß vor ihnen.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
         
        </div>
        <div type="main">
            <p> <hi rend="italic">1.</hi> «Er selbst, Jesus, trat mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!» <hi rend="italic">So läßt Gott</hi> sein <hi rend="italic">Licht</hi> triumphieren über allen irdischen Dämmerungen. So richtet er sein <hi rend="italic">Recht</hi> auf und verteidigt es gegen die verkehrten, traurigen Anschauungen der Menschen. So bestätigt und <hi rend="italic">erfüllt</hi> er das Tiefste, was als Ahnung und Sehnsucht doch auch im Menschen lebt. So setzt er das <hi rend="italic">Ende</hi> einer alten Ordnung und den Anfang einer neuen. So offenbart er in unserer Welt der Sünde, des Jammers und der Sterblichkeit seine <hi rend="italic">Wahrheit</hi>, die im Ursprung war und die zuletzt allein Wahrheit sein wird. So spricht er ein neues Mal: <hi rend="italic">es werde!</hi> und es wird [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.3">Gen. 1,3</ref>], es wird eine neue Kreatur, Schöpfung, Welt, ein neuer Mensch mit neuen Augen und Ohren, ein neuer Himmel und eine neue Erde, nicht wie die vorigen waren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.17">Jes. 65,17</ref>], sondern von oben her das alles, reine, volle, ganze Gottesgedanken und Gottestaten und Gottesworte. So beweist und bewährt Gott, daß er <hi rend="italic">Gott</hi> ist. Morgenglanz der <hi rend="italic">Ewigkeit</hi><note xml:id="n02">Eingangslied; s. unten.</note> geht auf über denen, die da saßen in Finsternis und Schatten des Todes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.79">Lk. 1,79</ref>]. <hi rend="italic">Jesus, auferstanden</hi> von den Toten, er zeigt das alles, er bringt es, er setzt es in Kraft und Wirksamkeit, <hi rend="italic">er ist es.</hi> Er erklärt und beschreibt es nicht nur, er verheißt und verkündigt es nicht nur, <hi rend="italic">er ist es .</hi> Denn die Welt Gottes mit ihrem Frieden und ihrer Klarheit <hi rend="italic">hilft uns nicht</hi>, solange sie <pb ed="pga" xml:id="p166"/> nur beschrieben und verkündigt wird. Das ist der Jammer der Kirche, daß wir hier immer noch so tief im bloßen Beschreiben und Verkündigen drin stecken. Die Welt Gottes <hi rend="italic">hilft uns</hi> von dem Augenblick an, wo sie nicht nur besprochen und gemalt und gefühlt wird, sondern ist und wirkt als sichtbares, greifbares Leben. Denn <hi rend="italic">die Wahrheit</hi> hat es an sich, daß sie sich nicht begnügen kann mit Worten und Bildern, sondern nach dem Leben drängt. <hi rend="italic">Bevor</hi> das geschieht, bleibt sie uns verborgen, können wir zweifeln, zaudern, schwanken, irren. Die Erkenntnis der Wahrheit ist <hi rend="italic">Lebensoffenbarung.</hi> Jesus, er selbst, mitten unter den Menschen, mit seiner Friedensbotschaft, wie er am Ostertag unter seine Jünger trat, ist <hi rend="italic">Lebensoffenbarung.</hi> <hi rend="italic">Leiblich auferstanden</hi>, bewies und bewährte er die Herrlichkeit Gottes. Darum ist Jesus die <hi rend="italic">Hilfe</hi> für die Menschheit. Er ist es, indem er in der Kraft Gottes ein <hi rend="italic">Neues</hi> schafft und setzt.</p> <!-- leerzeile -->
            <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Ich brauche es wohl kaum erst auszusprechen, daß Jesus uns Menschen  von heutzutage <hi rend="italic">erst zum allerkleinsten Teil</hi> das ist, was er eigentlich ist, die Kraft Gottes, die eine neue Kreatur hervorbringt. Wir <hi rend="italic">stehen insgesamt noch tief</hi> in den Ordnungen und Kräften einer alten Welt, die er überwunden und erledigt hat. Bei uns steht Alles <hi rend="italic">erst im Werden</hi>, im Kommen, im Zukünftigen. Wir sind im besten Fall <hi rend="italic">in Bewegung</hi> gesetzt, der großen Lebensoffenbarung entgegen. Wir leben davon, daß wir <hi rend="italic">in Bewegung gesetzt</hi> sind. Jesus ist <hi rend="italic">auferstanden.</hi> Das Ziel ist uns gegeben, dem wir entgegengehen, und der Anlauf ist uns gegeben, daß wir ihm wirklich entgegengehen. Weil Jesus lebt, darum <hi rend="italic">fehlt es auch uns nicht</hi> ganz an Lebenskräften des Mutes, der Liebe, der Geduld. Es gibt sogar <hi rend="italic">Augenblicke und Lagen</hi>, da wird dieses Jesusleben in der Menschheit jetzt schon so stark, daß im kleinen Kreis und für eine kurze Zeit etwas fast Vollkommenes entsteht, ein Stücklein Himmel auf Erden. Wir müßten nur besser die Augen auftun, so würden wir merken, daß dieses «Jesus mitten unter uns» auch uns gar nichts so Fernes und Unmögliches ist. Aber es ist doch <hi rend="italic">immer nur ein Stücklein</hi>, ein Teil von dem «Jesus selbst», wie er dort unter seine Jünger getreten ist. Wenn wir das Ganze unseres Lebens ansehen, müssen wir uns gestehen, daß uns <hi rend="italic">das Ganze des Jesuslebens</hi>, das dort erschienen ist, noch fremd ist. Die kleinen Lichter, die uns etwa aufgehen, können uns doch nur sehnsüchtig [machen] nach dem <pb ed="pga" xml:id="p167"/> großen Licht, dem <hi rend="italic">Licht vom unerschaffnen Lichte</hi><note xml:id="n03">Aus der ersten Zeile des Eingangsliedes.</note>. Tausende von Konfirmanden haben jetzt Jesus kennen, vielleicht sogar lieben gelernt, aber was <hi rend="italic">Jesus eigentlich ist</hi>, das muß er ihnen und uns allen erst werden. Ostern liegt hinter uns, das große Ostern, das über die Jünger Jesu kam wie Erdbeben und Sonnenaufgang, und die Osterfeier, in der wir uns alljährlich dankbar jenes Ereignisses erinnern, aber <hi rend="italic">die Auferstehung liegt nicht hinter uns</hi>, sondern vor uns. Die Hauptsache der Ostergeschichte kommt erst.</p>
            <p><hi rend="italic">Die Gefahr</hi> ist immer vorhanden, daß sie vielleicht nicht kommt. Wir müßten viel mehr erschrecken über die Möglichkeit, daß uns auch Ostern wieder ein <hi rend="italic">Wort und Bild</hi> wird, wo es doch Ereignis und Leben sein will. -<note xml:id="n04">Markierung durch senkrechten Blaustiftstrich.</note> Was hilft uns die schönste Erinnerung an Jesus, wenn sie uns <hi rend="italic">nicht vorwärtsführt</hi>, wenn wir uns begnügen lassen an dem, was wir vielleicht vom Jesusleben schon kennen und haben? Es liegt Alles, Alles daran, daß die Bewegung, die dort angehoben, <hi rend="italic">weitergeht.</hi> Das <hi rend="sans-serif">Stücklein,</hi> das wir jetzt haben, strebt nach dem Ganzen. Das <hi rend="sans-serif">Fünklein,</hi> das jetzt glüht, will zum Feuer werden. Das <hi rend="sans-serif">Bächlein,</hi> das jetzt fließt, eilt dem Meer entgegen. -<note xml:id="n05">Markierung durch senkrechten Blaustiftstrich.</note> <hi rend="italic">So stehen wir heute da</hi>, <hi rend="sans-serif">dankbar</hi> und doch sehnsüchtig, <hi rend="sans-serif">befriedigt</hi> und doch ungenügsam, <hi rend="sans-serif">reich</hi> und doch arm, in der <hi rend="sans-serif">Erkenntnis</hi>  der Klarheit Gottes im Angesichte Christi [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.6">2.Kor. 4,6</ref>] und doch voll Verlangen nach einer vollendeten und abschließenden Erscheinung des Heilands. Wir haben etwas <hi rend="sans-serif">gehört</hi> von seiner Botschaft: Friede sei mit euch!, aber nicht wahr, wir möchten und wir müssen und wir werden das ja noch einmal ganz, ganz anders hören.</p> <!-- leerzeile -->
            <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Unterdessen wollen wir uns freuen darüber, daß wir in einer Zeit leben, in der von Jesus, von seinem Kreuz und seinem Leben, wenigstens wieder geredet wird. Das war ja <hi rend="italic">das Hoffnungsvolle</hi> in der Lage auch jener Jünger, bevor er selbst mitten unter sie trat: sie <hi rend="italic">redeten davon.</hi> Dieses Reden war durchaus nicht umsonst. Damit machten sie es ihm gewissermaßen möglich, in ihre Mitte zu treten, und bereiteten sich selbst darauf vor, ihn zu sehen, wenn auch das, was sie dann zu sehen bekamen, viel größer und schöner war als das, was sie darüber <pb ed="pga" xml:id="p168"/> gedacht und gesagt hatten. Ein <hi rend="italic">aufrichtiges, ernstes Reden</hi> und Hören von Jesus im Gedanken an seine Auferstehung ist mehr als bloße Worte. Wir können daran denken, wie in der ersten Zeit durch das Aussprechen des Namens Jesu Wunder und Zeichen getan worden sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.3.6">Act. 3,6</ref>]. <hi rend="italic">Jesus bekennt</hi> sich eben zu denen, die von ihm reden müssen, weil sie keine andere Wahl haben, weil sie außer ihm keinen Trost, keine Hilfe, keine Hoffnung haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.20">Act. 4,20</ref>]. Wo man das Wenige, das wir von der Auferstehung erkennen, <hi rend="italic">bewegt in seinem Herzen</hi>, da wird fortzu<note xml:id="n06"> = immerfort.</note> Vieles daraus, und die Bahn wird frei, daß einmal ein Ganzes daraus werden kann. Das ist das Hoffnungsvolle an unserer Zeit, daß <hi rend="italic">von Jesus wieder geredet wird</hi> in weitesten Kreisen. <hi rend="italic">Vielleicht nicht so</hi>, wie wir es in der Kirche gewohnt sind, aber eigentlich nur um so stärker, aufrichtiger, ernster. Unsere Zeit hat im Gegensatz zu früheren wieder ein starkes Empfinden für die <hi rend="italic">Not der Welt,</hi> für die <hi rend="italic">Gottverlassenheit</hi> des Menschen, wie er jetzt ist. Sie läßt sich nicht mehr so schnell darüber hinweg <hi rend="italic">trösten</hi>, sie spürt, wie <hi rend="italic">unerträglich</hi> eigentlich Alles ist, was der Mensch zu seiner eigenen Erlösung unternimmt und unternehmen muß. Wo man von dieser Not ehrlich, ganz <hi rend="italic">ehrlich redet</hi>, da redet man doch von Jesus, gleichviel ob nun sein Name dabei genannt wird oder nicht. Unsere Zeit ist der <hi rend="italic">bloßen Worte müde</hi> geworden und will Taten sehen und Taten tun<note xml:id="n07"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V.214f. (Vorspiel auf dem Theater)</bibl>: 
                <q rend="block">
                  <lg> <l>Der Worte sind genug gewechselt,</l> 
                <l>Laßt mich auch endlich Taten sehn!</l></lg></q></note>. Mögen wir uns <hi rend="italic">irren</hi> in dem, was wir tun möchten, mögen wir vielfach aus alten nur wieder in <hi rend="italic">neue</hi> Worte hinein geraten. All dieses Reden aus der Sehnsucht nach Kraft und Leben, das heute hörbar durch die Welt geht, ist recht verstanden ein <hi rend="italic">Reden von dem</hi>, der eben die Lebensoffenbarung ist, von Jesus. Unsere Zeit hat wieder Sinn und <hi rend="italic">Gefühl für das Ganze,</hi>  das Vollkommene. <hi rend="italic">Warum</hi> kann die Menschheit nach den furchtbaren Anstrengungen und Leiden der letzten fünf Jahre nicht zur Ruhe kommen, <hi rend="italic">warum</hi> zieht sie es vor, sich selber noch ganz aufzureiben und zu zerfleischen an fast wahnsinnigen Gedanken und Taten?<note xml:id="n08">Es ist beispielsweise an die wiederholten Unruhen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> zu denken (<date to="1919-04-17" from="1919-04-06">6./7. April 1919</date>: Ausrufung der Räterepublik Bayern in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName>) und an die wachsende Zentralisierung in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> nach dem 8. Parteitag der <orgName ref="kbga-actors-10428">KPR</orgName> (<date to="1919-03-23" from="1919-03-18">18.-
            23.3.1919)</date>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p169"/> Schrecklich das alles, ja wohl, aber doch auch nur ein Anzeichen dafür, daß der heutige Mensch beim Halben, Teilweisen, Vorläufigen <hi rend="italic">nicht stehen bleiben</hi> möchte. Zu tief ist er <hi rend="italic">erschrocken</hi> über sich selbst, <hi rend="italic">zu groß</hi> ist die Hoffnung, die in ihm lebt. Wahrhaftig, wer, von dieser Hoffnung <hi rend="italic">bewegt, heute reden</hi> muß, der redet von Jesus, und wenn er dem sogenannten Christentum noch so fern stünde. |</p>
            <p>Unsere Zeit weiß aber auch dies, daß das, was ihr fehlt und wonach sie sich sehnt, <hi rend="italic">etwas Persönliches, Lebendiges</hi> sein muß, nicht nur eine neue Idee, nicht nur eine bessere Ordnung, nicht nur andere Verhältnisse, sondern ein <hi rend="italic">Mensch</hi> wie wir, aber ein ganz <hi rend="italic">anderer</hi> Mensch, ein Mensch voll <hi rend="italic">Geist und Kraft</hi>, ein Mensch, der sagen könnte, was wir alle nicht sagen können, und geben, was wir alle nicht geben können, ein Mensch, der in der Not unserer Welt drinstünde und doch aus ihr herauszuführen die Macht hätte. Es ist merkwürdig, wie davon heute eigentlich überall <hi rend="italic">geredet wird:</hi> bei den Gelehrten, bei der Jugend, bei den Künstlern, bei den Arbeitern: <hi rend="italic">Einer, Einer sollte jetzt kommen</hi>, einer, der mehr wäre als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName>, einer, der von oben her das wäre, was <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName> von unten her sein möchte<note xml:id="n09">Am <date when="1919-04-13">13. April</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Dazu eine Serie von Bolschewiki-Abenden im <orgName ref="kbga-actors-9909">Arbeiterverein</orgName> mit Betrachtungen über die <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName>’schen Vorder- und Hintergründe». <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Manuskripte dazu werden in Abteilung III der Gesamtausgabe veröffentlicht werden.</note>, ein Reformator und Revolutionär und Organisator, ein Denker und Prophet in einer Person. Einer, der alledem, was uns jetzt als Hoffnung bewegt, greifbar, sichtbar <hi rend="italic">Gestalt gäbe.</hi> Von was reden sie denn anders, sie alle, die jeder auf seine Weise von diesem Einen reden, der jetzt nötig wäre, als eben <hi rend="italic">von Jesus</hi>, der es ja verheißen hat, daß er erscheinen werde, sein Werk zu vollenden. Mögen sie ihm jetzt in der Verwirrung auch andere Namen geben, es ist doch im Grunde <hi rend="italic">sein Name</hi>, der heute auf allen Lippen liegt. Wir wollen uns auch darüber freuen, daß in unserer Zeit auch <hi rend="italic">in der Kirche</hi> wieder ehrlicher und deutlicher von Jesus geredet wird und daß das Gehör und die Aufmerksamkeit dafür <hi rend="italic">im Wachsen</hi> begriffen ist. Viel Feierliches und Rührendes aus früheren Zeiten mag uns darüber abhanden gekommen sein, und dem mögen nun Manche nachweinen, dafür fangen wir aber, ehrlicher, an, deutlicher zu verstehen, um was es sich <hi rend="italic">handelt</hi>, wenn wir am Sonntag hier zusammenkommen, haben wieder einen gewissen Sinn bekommen <pb ed="pga" xml:id="p170"/> für das <hi rend="italic">Neue</hi>, Ewige, Umwälzende im Christentum, eine Offenheit für das eigentliche <hi rend="italic">Jesusleben</hi>, um das es sich ja handelt, wenn das Göttliche zur Sprache kommt. Ist es das <hi rend="italic">Verdienst</hi> der Gemeinde oder  das Verdienst der Pfarrer, oder ist’s nicht <hi rend="italic">Jesus selber</hi>, der uns nötigt, in dieser neuen Weise von ihm zu reden und zu hören? Könnten wir es tun, wenn wir es nicht <hi rend="italic">müßten</hi>, wenn es nicht in der <hi rend="italic">Luft läge</hi>, in der offenen Bibel sowohl wie in der allgemeinen Weltlage, daß heute von Jesus, von den Gottesgedanken, Gottestaten und Gottesworten in Jesus wieder offen und freudig und dringlich geredet würde?</p> <!-- leerzeile -->
            <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Daß es <hi rend="italic">nicht beim Reden bleibt</hi>, dazu müssen wir nun freilich Sorge tragen. Wir wissen ja: <hi rend="italic">Reden an sich</hi> hilft uns nichts. Reden an sich ist die <hi rend="italic">Verborgenheit</hi> der Wahrheit, ist das <hi rend="italic">verschlossene</hi> Grab, mit Siegeln verschlossen, von den Heiden bewacht. Reden an sich ist sogar <hi rend="italic">gefährlich.</hi> Es hat schon oft solche hoffnungsvollen <hi rend="italic">Zeiten</hi> gegeben wie die heutige, und dann wurde den Menschen das Reden so wichtig, daß sie die Hoffnung selbst vergaßen und den Fortgang der Bewegung vernachlässigten und die neue Erscheinung des Heilands unmöglich machten. Es kam jedenfalls schon dort bei den Jüngern am Abend des Ostertages <hi rend="italic">sehr darauf an,</hi> wie und was sie von Jesus redeten. Wir hören ja, wie allerlei in ihnen war, was der Erscheinung des Auferstandenen stark <hi rend="italic">zuwider</hi> war: Furcht und Schrecken und Gedanken, die in ihren Herzen aufstiegen, wie es heißt. <hi rend="italic">Wäre das alles noch stärker</hi> in ihnen gewesen, etwa so wie jetzt auch bei uns, so wäre es auch dort beim bloßen Reden geblieben, und Jesus hätte nicht in ihre Mitte treten können. Es muß aber trotz Allem <hi rend="italic">etwas Offenes in ihnen</hi> gewesen sein, das stärker war als ihre teilweise Verschlossenheit, und dieses Offene ermöglichte es Jesus, unter sie zu treten. Diese <hi rend="italic">Offenheit wieder zu bekommen</hi>, wird die Hauptaufgabe für unsere Zeit sein, wenn es uns ernst ist mit unserem Reden von Jesus. <hi rend="italic">Nicht das Reden tut’s,</hi> sondern daß wir durch das Reden immer <hi rend="italic">merkiger</hi><note xml:id="n10">= aufmerksamer.</note> und gelehriger werden für Jesus selbst, immer <hi rend="italic">bereiter</hi>, empfänglicher, empfindlicher für sein bevorstehendes neues Auftreten, immer <hi rend="italic">erwartungsvoller</hi> für seine Lebensoffenbarung. Ihr Reden von ihm kann uns darin sogar hindern und damit auch ihm selbst im Wege stehen, wenn wir nicht Sorge <pb ed="pga" xml:id="p171"/> tragen. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß <hi rend="italic">die Vollendung des göttlichen Werkes</hi> auf Erden durch die neue Erscheinung des Heilands zwar eine <hi rend="italic">plötzliche Tat</hi> Gottes sein wird, die zur bestimmten Zeit eintreten wird, wenn Alles reif dazu ist, gerade wie die Auferstehung Jesu selbst. Sie wird aber uns nicht plötzlich zum Bewußtsein kommen, sondern <hi rend="italic">nach und nach</hi> wird das neue Jesusleben, das von oben kommt auf den Wolken des Himmels, wie es im Neuen Testament heißt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.26">Mk. 13,26</ref> par.], sich auf der Erde geltend machen in Taten  und Ereignissen, in Befreiungen und veränderten Verhältnissen. Jesus wird <hi rend="italic">nicht da oder dort</hi> sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.21">Mk. 13,21</ref> par.] wie etwa <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName><note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, im April 1538 vom Rat der Stadt ausgewiesen, folgte im September 1541 nach längerem Widerstreben den dringlichen Rufen der Genfer, die ihm mit weitgehenden Zusicherungen für die Gestaltung der Kirchenordnung entgegenkamen.</note> oder <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName> in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName><note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-841">Woodrow Wilson</persName>, von 1913 bis 1921 Präsident der <placeName ref="kbga-places-62">USA</placeName>, formulierte 1918 ein amerikanisches Friedensprogramm und war an der Abschwächung der französischen Forderungen im Versailler Friedensvertrag von 1919 wesentlich beteiligt.</note>, um seine Rolle zu spielen nach Menschenart. Sondern <hi rend="italic">hier und dort wird er sein</hi> als lebendige, persönliche, göttliche und doch menschliche Macht, die die Menschen angreift, beunruhigt, erleuchtet und umgestaltet und ihr Leben damit. Bis sie alle so weit sind, daß sie ihn sehen können, wie er ist. |</p>
            <p>Es wird also <hi rend="italic">Alles darauf ankommen, daß wir offen sind</hi> zu merken, daß er selbst es ist, der da kommt in neuer Macht vom Himmel her. Dieser Offenheit stand schon damals viel im Wege und so erst recht bei uns. Die Jünger haben wohl etwas von ihm gesehen und gehört, aber sie <hi rend="italic">meinten, es sei ein Geist.</hi> Sie hatten vielleicht schon etwas zu viel von ihm geredet und waren nun nur auf etwas <hi rend="italic">Geistiges</hi> gefaßt, merkten nicht, daß es <hi rend="italic">ernst</hi> wurde. Wie es etwa uns geht, wenn wir aus einer schönen <hi rend="italic">Predigt</hi> nach Hause kommen und vor lauter Geist gar nicht merken, daß es nun ernst wird. Wo man <hi rend="italic">zu viele Worte</hi> macht und sich zu sehr verliert und begeistert daran, verliert man leicht den <hi rend="italic">Geschmack</hi> für das Wirkliche. Wir sind <hi rend="italic">heute ziemlich sehr in der Gefahr,</hi> daß wir bei den vielen und schönen Worten, die wir jetzt haben, uns doch nur auf <hi rend="italic">etwas Geistiges</hi> gefaßt machen, auf neue Gedanken, neue Theorien, eine neue Religion und wie diese Gespenster alle heißen. <pb ed="pga" xml:id="p172"/> <hi rend="italic">Nicht umsonst</hi> redet heute schon das einfältigste Zeitungsblatt von dem neuen Geist, der jetzt nächstens kommen müsse. Wir könnten über diesen schönen geistigen Erwartungen leicht <hi rend="italic">die Hauptsache vergessen</hi> und verkennen, die persönliche, lebendige Macht Jesu selbst, die sich da und dort, hier so, dort anders sichtbar und greifbar geltend machen wird, wenn es Zeit ist, und für die dann offene Augen und Ohren nötig sein werden. Vielleicht, daß <hi rend="italic">Jesus in seiner Herrlichkeit uns schon viel näher ist,</hi> als wir denken. Als er am Abend des Ostertages unter seine Jünger trat, da zeigte er ihnen seine Hände und Füße, da aß er mit ihnen. Er wird auch zur Vollendung seines Werkes ebenso <hi rend="italic">menschlich, irdisch</hi> und lebendig in unsere Mitte treten. Nicht als neuer Geist, sondern in lauter neuen <hi rend="italic">Lebenserscheinungen.</hi> Gerade darin, daß er uns so leiblich, lebendig, wirklich, praktisch begegnen wird, wird er sich <hi rend="italic">unterscheiden</hi> von den falschen Christussen, an denen es bis ans Ende nicht fehlen wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.6">Mk. 13,6</ref> par.]. Selig sind, die dann <hi rend="italic">nicht an ihm vorbeisehen</hi>, sondern ihn <hi rend="italic">suchen</hi> dort, wo er zu finden ist. Denn <hi rend="italic">zu denen</hi>, die dann <hi rend="italic">offen</hi> sein werden, nicht nur für Gedanken und Religionen, sondern für seine wachsende Macht im Leben, wird er sagen und sagt es schon heute:  Ich bin’s selber!</p> <!-- leerzeile --> 
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        <div type="songs">
            <head>Lieder:</head> 
            <listBibl type="songs">
                <bibl corresp="kbga-songs-1" type="song"> Nr. 43 «Morgenglanz der Ewigkeit» von <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName>, Strophen 1.4.5 (RG [1998] 572,1.4.5; EG 450,1.4.5) </bibl>
                <bibl corresp="kbga-songs-1" type="song">Nr. 163 «Eine Herde und ein Hirt» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen 2.5.6 (GERS [1952] 385,2.5.6; EKG 220,2.5.6)<note xml:id="n13">Unter die Liednummern hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit Bleistift geschrieben: «162,2,8». Möglicherweise ließ er im Nachmittagsgottesdienst in <placeName ref="kbga-places-426">Seon</placeName> statt des Morgenliedes Nr.43 das <bibl type="song" corresp="kbga-songs-65">Lied Nr.162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von <persName ref="kbga-actors-2805">K. H. von Bogatzky</persName> und <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 2 und 8 singen (RG [1998] 797,2.7; EG 241,2.8</bibl>; jeweils mit Textabweichungen).</note></bibl> 
            </listBibl> 
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</TEI>
