Lukas 24,2-3
Auferstehung1
Dieb Bibel redet offen, ehrlich und deutlich von Gott. Sie kann jedenfalls nichts dafür, wenn wir uns von Gott unklare, widerspruchsvolle Begriffe machen. An ihr liegt’s nicht, wenn Gott in unseren Gedanken und darum dann auch in unserem Leben in einen gewissen Nebel von Unbestimmtheitc gehüllt ist, so daß man nie ganz sicher weiß: gilt’s eigentlich oder gilt’s nicht? Sie ist nicht Schuld daran, wenn wir von Gott nur so geheimnisvoll zu flüstern wagen, obwohld wir gerne an ihn glauben würdene; wenn wir uns fast genieren, mitf ihm zu rechnen als mit einer Tatsache, obwohl wir es doch so gerneg möchten; wenn, |153 unser Reden von ihm fast immer ein so hohles, erkenntnisarmes Dröhnen ist, obwohl wir es doch so gut und ernst meinen. Die Bibel schenkt uns klaren Wein ein darüber, wie sie esh meint, wenn sie von Gott redet. Wir haben volle Freiheit, es anders zu meineni ˹, auch gut und ernst, aber anders als die Bibel˺. Aber wenn wir bei diesen unseren anderen Meinungen in Verwirrung und auf allerlei Sandbänke von Unbefriedigung geraten, wollenj wir uns wenigstens in Erinnerung rufen, daß in dem Bilde, das uns die Bibel von Gott gibt, diese Verwirrung, dieses Unbefriedigende nichtk vorhanden ist. Wir haben bei dieser Erinnerung noch einmall volle Freiheit, trotzdem bei unseren Meinungen zu bleiben. Aber wir tun das dann auf unsere eigene Verantwortung und müssen die Folgenm, die das für unser Leben hat, selbst tragen. Denn es hat Folgen für unser Leben, wenn wir mit Gott nicht aus noch einn wissen ˹in unseren Gedanken˺. Und es hat ebenfalls Folgen für unser Leben, wenn wir eine klare, deutliche Erkenntnis Gotteso bekommen.p
2 «Sieq fanden den Stein abgewälzt von dem Grabe und gingen hinein und
fanden den Leib des Herrn Jesu nicht.» Das ist offen,
ehrlichr ˹und deutlich˺ geredet von Gott. «Da müssen
die Hüter alle vom Grabe hinweg;
flugs in das römische Reich hinein gegriffen, daß sich nicht einer mehr da durfte sehen
lassen. Also kann Gott ˹auch˺ wohl heutigen Tages noch tun, wenn man ihm nur vertraute.
Dünkt es dich unmöglich, schadet nicht; nein, ders Glaube muß gleich ein trunkener Gedanke sein, den die Welt
verachtet, als würde nimmer nichts draus. Aber laß dich nur nicht anfechten, so sollst
du sehen und erfahren, daß |154 ein solcher Gedanke, ob er
gleich närrisch scheint, den größten Trost mit sich bringen soll». Das sind Worte aus
einer Osterpredigt von
Die Bibel behauptet durchaus nicht, daß Gott und w-die
göttlichen Taten ohnehin bekannte oder ohne weiteres verständliche Dinge seien. Sie sagt
nirgends, daß der Glaube jedermanns Ding sei [vgl.
Wenn Gott etwas sagt oder tut, dann wird damit so oder so in der alten Welt etwas
sichtbar von der neuen.-aa Zeit ist
nicht Ewigkeit und Ewigkeit ist nicht Zeit.˺ So weist uns die Bibelzitat
Es
kommt gleichsam zu einem Durchbruch aus der Ewigkeit in die Zeitab , aus dem Jenseits ins
Diesseitsac .
«Flugs in das römische Reich hinein gegriffen», wie
Man kann sich an diesem Bilde Gottes, das kein Bild istar, stoßen. Man kann aber gerade so gut dazu kommen, sich zu sagen, daß es eigentlich viel vernünftiger, natürlicher, zusammenhängender ist als˺, |157 die Bilderas , die wir uns sonst ˹und selbst˺ von Gott machen. Es beruht auf der einfachen Einsicht, daß Gott eben - Gott ist. Es ist freilich ein großes, kühnes Wagnis, das einzusehen, daß Gott Gott ist. ˹Eben dieses Wagnis ist nicht jedermanns Ding.˺ Ist es aber einmal gewagt, so ist es dochat wieder etwas Einfaches.
Es hat wohl jeder Mensch Zeiten, wo er sich stößt an den Wundergeschichtenau der Bibel und
besondersav an der
Ostergeschichte von der Auferstehung Jesu von den Toten. ˹Es muß auch immer etwas in
uns übrig bleiben, das sich daran
stößt.˺ Es wäre gar nicht gut, wenn wir uns nicht stoßen würden daran; denn das wäre 4
nicht ein Zeichen von Glauben, sondern nur ein Zeichen davon, aw-daß wir noch nicht gemerkt, um was es sich beim Glauben handelt. Der
Zweifel ist der bessere Weg zur Erkenntnis Gottes als das blinde, sichere, begeisterte
Annehmen. Ja, ein solches Annehmen ist überhaupt kein Weg. Die Jünger Jesu haben auch
gezweifelt [
Ich meine das nicht sobc , als ob es so etwas wie
einen Zwang gäbe, diebd Ostergeschichte ˹und die anderen Wundergeschichten, die ja
nur ihre Strahlen sind,˺ als wirklich und wahr zu glaubenbe , als ob es ein
Zeichen hervorragender Gottesgemeinschaft, ein besonderes Verdienst wäre, das zu
tunbf , oder als ob man
˹auch nur˺ ein ˹Fünklein von˺ Mißtrauen haben dürfte gegen Menschen, die diesen
Mitteilungen der Bibel stutzig, fragendbg oder sogar offen ablehnend ˹und mißbilligend˺ gegenüberstehen und
dagegen protestierenbh . ˹Nun ja, in der Tat, wir protestieren! Es ist in uns allen, es war
auch in
Nur das möchte ich sagen, daß es jedenfalls doch möglich istbs, diese Ostergeschichte von der Auferstehungbt Jesu und vom leeren |160 Grab ruhig ˹und wörtlich so˺ anzunehmen, wie sie dasteht. ˹Als letzter Ausblick ist auch das möglich.˺ Mir scheint das von Jahr zu Jahr einfacherbu , als wenn man sie nur deutet, als wennbv man an den Ostern über den Frühling ˹oder über die Revolution˺ predigt, die uns ja allerdings auch etwas zu sagen habenbw von den Taten Gottes, aber doch nur dann, wenn wir irgend vorherbx einen starken, deutlichen Begriff davon haben, wer und was Gott ist.
Man sagt oft, daß es uns Menschen der heutigen welterfahrenen Zeit besonders schwer falle, das wirklichby so anzunehmen, daß Gott einen Toten zu neuem Leben erweckte, sein Grab öffnete und ihn sichtbar und leiblich unter den Lebenden erscheinen ließbz . Denn wir haben heute mehr als frühere Geschlechter einen starken Sinn für den Zusammenhang, für die eiserne und ausnahmsloseca Notwendigkeit, die in unserer jetzigen Weltcb regiert. cc-Dieser Sinn für die Welt könnte uns aber den Sinn für Gott ebenso gut öffnen wie verschließen. Wer so genau unterrichtet ist über die schrankenlose Herrschaft des Todes, wie wir es dank der neueren Natur- und Geschichtsforschung sind, der müßte eigentlich mit der Zeit dazu kommen, die ebenso schrankenlose Herrschaft des Lebens, um deren Aufrichtung es sich in der Bibel handelt, ebenso begreiflich zu finden. Kann die eine mehr sein |161 als ein Gleichnis der anderen? Müssen wir notwendig 6 im Gleichnis stehen bleiben? Muß uns das Gleichnis ein Hindernis werden, zur Sache voranzudringen? Beweist uns nur, daß es in dem, was wir Natur und Geschichte nennen, keine Ausnahme, keine Sprünge gibt! Um so-cc verstehen wir, daß Gott sich in diese Welt nicht schickt. Und das ist’s ja eben, was die Bibel auch behauptet.cd-Ist die Welt Welt, so ist Gott Gott. Hat die Welt ihre Eigenart, so hat Gott die seinige-cd Den Gesetzen der Natur und der Geschichte entsprechen die Gesetze des Himmelreiches.ce Hängt hier Alles ausnahmslos zusammen, so ist auch dort ein lückenloser, grenzenloser Zusammenhang. Heißt’s hiercf unerbittlich: Tod!, so heißt’s dortcg ebenso unerbittlich: Leben! ch- Warum ist uns die Erforschung und Gestaltung und Verschönerung der leiblichen Seite des Daseins so wichtig geworden? Warum ist gerade innerhalb der Christenheit der Sozialismus aufgekommen? Weil uns dieses unerbittliche: Leben! sehr wohl bewußt ist, weil uns bewußt ist, daß es kein Leben gibt ohne Leiblichkeit. Woher andrerseits die verbissene Begeisterung, mit der wir den Tod als das oberste Gesetz alles leiblichen Lebens verkündigen und glauben? Warum ist der Materialismus gerade innerhalb der Christenheit möglich geworden? Weil wir uns der Begrenztheit, der Diesseitigkeit alles dessen, was wir |162 als Leben und Leiblichkeit kennen, bewußt sind und es nicht lassen können, gerade nach der Grenze, nach dem hin zu blicken, was wir bei unserer stürmischen Frage nach dem Leben eigentlich meinen. Wir widersprechen uns und widersprechen uns doch nicht. Wir meinen eben das ewige Leben. Wir müßten nur besser wissen, was wir tun, wir modernen Menschen. Der Ausblick auf die leibliche Auferstehung liegt uns näher, als wir meinen.
Wissen, was wir tun, ist freilich eine große Sache. Das heißt Gott erkennen, und das ist nie leicht, sondern immer ein Wagnis. Es sei denn,
daß jemand von neuem geboren werde [
163 Gott der Schöpfer! Das ist’s!cn Nicht nur die
Natur, wie wir sie begreifen, nicht nur das Gute, das wir zu fassen und zu tun vermögen,
nicht nur der wohlbekannte Menschengeist in uns, sondern der Schöpfer eines neuen
Wesens.co So ist er in Jesus Christuscp erschienen, nicht erst in der Ostergeschichte, sie war
nur das Tüpflein aufs I, sondern in jedem Wort, in jeder Tat seines Lebens ˹; auch die
Bergpredigt ist voll leiblicher Auferstehung˺. So will Gottcq auch heute und unter uns Gott sein und werden.
cr-Alles Große, das sich uns heute im Geist
ankündigt, jedes wirkliche Vorwärts, jeder wirkliche Trost, jede ernsthafte Hilfe und
Sicherheit, die uns werden, - sie sind neues Wesen, sie sind nicht das Resultat einer
Entwicklung, sondern das Resultat einer Schöpfung, einer Osterauferstehung. Sie wollen
auch nicht Geist bleiben, sie fragen nach Körpern. Sie kamen und kommen und werden
kommen,-cr weil Gott spricht und trägt alle Dinge durch sein kräftigescs Wort [
164 Wir wollen uns in Freiheit darin üben und
daran gewöhnen, von Gott das Größere, von der Welt das Kleinere zu denken.ct Wir wollen uns mit Ohren, Herz
und Mundcu einlassen auf das Neue, das Gottcv im Wesen ist ˹, es ist uns neu, aber
nicht ferne˺. Wir wollen die Augen öffnen für die lebendige Bewegung der kommenden Welt,
deren Ordnungen wir doch schon kennen, deren Kräfte uns doch schon spürbar sind.cw
cx-Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen [
- Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von
Chr. F. Gellert , Strophen 1-3 (RG [1998] 482,1.2.-; EG 115,1-3) - Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von
J. J. Schütz , Strophen 1-3 (RG [1998] 240,1-3; EG 326,1-3)