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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Lukas 23,33.39-43</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Lukas 23,33.39-43, 18. April 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 146.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Lukas 23,33.39-43</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">146</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 23,33.39-43 (Karfreitag), 18. April 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1903">KBA 1446</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-04-18">18. April 1919</date>
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          <head><idno>464</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, den <date when="1919-04-18">18. April 1919</date>
          </dateline>
          <head type="event">Karfreitag</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.33">Lukas 23,33</ref>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.39 Lk.23.43">.39–43</ref>
            <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin, denn wir empfangen, was unsre Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes getan. Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Christus ist bei den Sündern</hi> und nicht bei den Heiligen. Das ist
            die unzweideutige Wahrheit des Karfreitags. Rechts und links die Übeltäter, in der Mitte
            er, mit ihnen in gleicher Verdammnis und Not. Das ist’s. Wer sich daran stoßen will und
            muß, der stoße sich. Wer aber Ohren hat zu hören, der höre [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.9">Mk. 4,9</ref> par.]. Ob er wohl reich war, ward er doch arm
            um unsertwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.8.9">2.Kor. 8,9</ref>]! Es ist in diesem völligen Armwerden des
            Heilands <hi rend="italic">eine Gottesordnung,</hi> die wir immer aufs neue lebendig
            begreifen müssen. Denn die Erlösung, die uns der Heiland bringt, das Licht, das er
            verbreitet, die Kraft, die er schenkt, ist selber etwas Lebendiges, Besonderes. <hi rend="italic">Sie kommt nicht</hi> zu uns wie Regen und Schnee vom Himmel,
            gleichgiltig wo wir stehen, sondern an einer ganz bestimmten Stelle des Menschenlebens,
            dort nämlich, wo die Schuld, die die Menschheit trägt, als Schuld erkannt, und die
            Strafe, die auf ihr liegt, als Strafe ertragen wird. Solange die Menschen <hi rend="italic">sich noch rühmen</hi> können: ich bin gerecht! ich bin glücklich!,
            solange kann sie nicht kommen. Solange wir uns in dieser jetzigen Welt noch sicher und
              <hi rend="italic">wohl fühlen</hi> können, kann die zukünftige Welt für uns nicht
            anbrechen. Solange wir uns irgendwie auf der <hi rend="italic">Höhe des Lebens</hi>
            aufhalten wollen, kann Gott nicht mit uns reden von dem, was er im Sinn hat, und nicht
            an uns tun, was wir nötig haben. Denn das Göttliche ist <hi rend="italic">etwas
              Neues.</hi> Es kann nur da eintreten, wo man mit dem Alten fertig ist. <hi rend="italic">Jesus ist von</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p140"/>
            <hi rend="italic">Anfang an</hi> zielbewußt dieser scheinbar so dunklen Stelle des
            Menschenlebens, der wir so gerne ausweichen würden, entgegen gegangen. Dort hat er <hi rend="italic">angeklopft.</hi> Dort, unter den Zöllnern und Sündern, hat er seine <hi rend="italic">Gesellen</hi> gesucht und gefunden. Dort, unter den Armen, Kranken und
            Leidenden hat er seine Herrlichkeit <hi rend="italic">offenbart.</hi> Dort hat er den
              <hi rend="italic">Hebel</hi> angesetzt, um freien Durchgang zu schaffen zwischen Gott
            und den Menschen. Schritt für Schritt vorwärtsgehend hat er alle Befriedigten und Satten
              <hi rend="italic">hinter sich zurück</hi>gelassen, zuletzt auch seine eigenen Jünger,
            bis er ganz allein war, rechts und links die gekreuzigten Übeltäter, er selbst
            gekreuzigt, ausgestoßen, dem Tode überliefert. <hi rend="italic">Dort, wo Alles zu Ende
              war</hi>, was wir Gerechtigkeit und Glück, Erfolg und Hoffnung nennen, hatte
               das Königreich der Wahrheit seinen
            Anfang und Ursprung. <hi rend="italic">Die Menschen haben auch helfen müssen,</hi> diese
            Gottesordnung zu vollziehen, indem sie ihn zu den Übeltätern und in den Tod stießen. In
            unserer jetzigen Welt kann der Reichtum des Heilands nur als <hi rend="italic">Armut</hi> auftreten. Seine Frömmigkeit mußte sich von den Menschen <hi rend="italic">Gotteslästerung</hi> heißen lassen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.64">Mk. 14,64</ref> par.] und seine Gerechtigkeit <hi rend="italic">Aufruhr</hi> und
            Empörung. Sie waren aber das <hi rend="italic">Neue.</hi> Das Alte mußte das Neue hassen
            und verurteilen. Die Feinde Jesu mußten auf ihre Weise auch <hi rend="italic">Ja
              sagen</hi> dazu, daß Christus zu den Sündern und Leidenden gehört.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Es fragt sich nun nur, ob man dazu nicht
            auch auf eine andere Weise Ja sagen könnte. Es ist etwas in uns, <hi rend="italic">das
              sich dagegen wehrt,</hi> vom Kreuz her, aus dieser Tiefe des Lebens, aus dieser
            größten Armut und Demut heraus Hilfe und Gotteskraft und Leben zu erwarten. Zweifel [?]:
              <hi rend="italic">Etwas Starkes</hi>, Großes und Glänzendes, das uns wohl gefallen
            würde und an dem wir uns halten könnten, wäre uns lieber. Wenn wir Christus so ansehen
            in der Gesellschaft der Übeltäter und in der gleichen Not mit ihnen, so möchte uns der
            Gedanke kommen, <hi rend="italic">ob er denn wirklich Christus</hi>, ein Helfer und
            Heiland für uns sei. Wir kommen oft unwillkürlich auf <hi rend="italic">ähnliche
              Gedanken, wie sie die Feinde</hi> Jesu bewegt haben, die ihn zu den Sündern stießen,
            nachdem sie gemerkt hatten, daß er wirklich zu den Sündern gehen wollte. Es graute ihnen
            eben vor dem <hi rend="italic">Neuen</hi>, das da anfängt, wo unser ganzes altes Wesen
            zu Ende ist. Es graute ihnen vor dem <hi rend="italic">Gott</hi>, der erst zu den
            Menschen kommt, die mit sich selbst fertig geworden sind. Es graute ihnen vor der
              Über<pb ed="pga" xml:id="p141" break="no"/>macht der <hi rend="italic">Gnade</hi>, die
            unsere ganze Welt sündig und tot nennt, um sie ganz zu erneuern und zu beleben. Sie
            sahen darin nur die große, zweifelnde <hi rend="italic">Frage</hi>, die er an sie alle
            richtete, die <hi rend="italic">Erschütterung</hi> alles Bisherigen, die diese Frage mit
            sich brachte, die <hi rend="italic">Unruhe</hi>, die ihnen in ihrer Ruhe bereitet wurde.
            Sie sahen an ihm selbst nur seine merkwürdige <hi rend="italic">Schwachheit</hi>, das
            Kleine an ihm, das Fehlen aller menschlichen Größe. Darum <hi rend="italic">haßten</hi>
            und verachteten sie ihn. Darum gaben sie ihn <hi rend="italic">dem Tode preis</hi> als
            einen Feind der Welt und des Menschengeschlechts<note xml:id="n01">Laut <persName ref="kbga-actors-4496">Tacitus</persName> war das
              «<foreign xml:lang="lat">odium generis humani</foreign>» der Christen hauptsächlicher Grund für ihre Verfolgung im
              Römischen Reich (<bibl corresp="kbga-bibls-2445"><hi rend="italic">Annalen</hi> XV,44</bibl>).</note>. |</p>
          <p>So hat offenbar auch <hi rend="italic">der eine der beiden Übeltäter</hi> von Christus
            gedacht. «Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!» Ihn ärgerte der große <hi rend="italic">Anspruch</hi>, den dieser Mensch stellte, verglichen mit der großen
            Schwachheit, in der er ihn sah. Wenn er <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> gewesen wäre, er hätte ihn
              <hi rend="italic">auch zum Tode gebracht.</hi> Er fühlte sich auch <hi rend="italic">beleidigt</hi> durch die zweifelnde [?] Frage …<note xml:id="n02">Der nachträglich
              hinzugefügte Satz verweist, wenn die Entzifferung zutrifft, auf «die große, zweifelnde
              Frage», von der im vorangehenden Absatz die Rede ist.</note> Er sah <hi rend="italic">aber auch aus</hi> nach etwas 
            Gewaltigem, Wohlgefälligem und fand es nicht bei Jesus. Er ist <hi rend="italic">ein
              Beispiel</hi> dafür, daß man mit Christus gekreuzigt sein kann, ohne darum mit
            Christus zu leben. - Man kann in der <hi rend="italic">Tiefe</hi> des Lebens sein, ein
            Sünder unter Sündern, ein Kranker unter Kranken, ein Sterbender unter Sterbenden und
            dabei immer noch beharrlich <hi rend="italic">vorbeisehen</hi> an der Gottestüre [?],
            die sich gerade in dieser Tiefe öffnen könnte. - Man kann durch alle Lebensumstände und
            Zeitzustände <hi rend="italic">getrieben</hi> und gezwungen sein zur Demut und immer
            noch sich <hi rend="italic">ärgern</hi> an der Demut Christi, immer noch sich <hi rend="italic">wehren</hi> dagegen, selber demütig zu werden. - Es kann einem alles
            Alte, alle eigene Gerechtigkeit, alle eigene Hoffnung <hi rend="italic">genommen</hi>
            sein, und die Möglichkeit ist vorhanden, daß man sich immer noch <hi rend="italic">wehrt</hi> gegen das Eingeständnis, daß das Alte wirklich vergangen ist, daß ein
            Neues nun tatsächlich werden muß [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. - Wir können mit vollständig <hi rend="italic">leeren Händen</hi>
            dastehen und doch noch immer <hi rend="italic">nicht merken</hi> wollen, daß wir leer
            sind und leer bleiben werden, wenn wir nun nicht Gott die Ehre geben. - Wenn wir <hi rend="italic">in diesem trotzigen Irrtum,</hi> in dieser Abscheu vor der Demut
            verharren wollen, dann müssen wir uns endgiltig <hi rend="italic">abwenden</hi> von dem
            Jesus, der <pb ed="pga" xml:id="p142"/> der Zöllner und Sünder Geselle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt. 11,19</ref>], der Ausgestoßenen und Geächteten
            mitleidender Bruder gewesen ist. Ich brauche nicht erst zu sagen, wie viel an unserem
            heutigen sogenannten <hi rend="italic">Christentum</hi> bei aller Verherrlichung, die
            man Christus zuteil werden läßt, einfach darin besteht, daß man über diese <hi rend="italic">Demut Jesu hinweggeht</hi>, als ob sie nicht vorhanden wäre.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber, liebe Freunde, dieser <hi rend="italic">Irrtum ist nicht notwendig</hi> und unvermeidlich. Wir müssen nicht
            durchaus Nein sagen zu dem Jesus, der zu den Sündern gegangen ist und mit den Sündern
            wie ein Sünder gelitten hat. Er selbst kann uns noch etwas Anderes sagen. Ich meine
            jetzt nicht das, daß wir mit den Kindern [?] <hi rend="italic">Mitleid</hi> mit ihm
            haben können und sollen wegen der Leiden, die er durchzumachen hatte. Und auch das
            nicht, daß wir ihn <hi rend="italic">bewundern</hi> wegen des Heldenmuts, den er dabei
            gezeigt hat. Er braucht unser Mitleid und unsere Bewunderung nicht, und beides hilft uns
            auch nicht. Sie sind keine Antwort auf die Frage des Karfreitags. Wir könnten aber auf
            den Gedanken kommen, daß gerade in diesem Herabsteigen Jesu in die tiefste Tiefe des
            Lebens etwas unvergleichlich <hi rend="italic">Starkes</hi> liegt, eine Tat, die viel
            bedeutsamer und folgenschwerer ist als alle Kriegstaten, Erfindungen und Entdeckungen,
            alle gescheiten Gedanken und tugendhaften Handlungen, alle Gebete und Predigten und was
            uns sonst immer als glänzend und wohlgefällig erscheinen mag. Denn
              wir können es ja doch nicht leugnen,
            daß <hi rend="italic">diese Tiefen des Lebens</hi> tatsächlich da sind; nur, wenn wir
            ganz unaufrichtig sind, können wir uns über den […]<note xml:id="n03">Ein Wort wegen
              Beschädigung des Manuskriptblattes unleserlich.</note> darüber hinwegsetzen. Die Sünde
            ist eine <hi rend="italic">Tatsache</hi>, die Krankheit ist eine Tatsache, der Tod ist
            eine Tatsache. Es ist <hi rend="italic">keine Sekunde und kein Ort</hi>, wo nicht
            gefehlt, gelitten, geseufzt, gestorben wird. Wenn’s nicht uns angeht, so geht’s zufällig
            jetzt andere an, was tut’s, es ist doch unser und ihr gemeinsames Leben, morgen, heute,
            noch in der nächsten Stunde kann es uns selbst angehen. <hi rend="italic">Was hilft uns
              alle Schönheit</hi> und Vernunft, wenn da beständig ein Rätsel auf uns wartet, das wir
            nicht zu lösen vermögen? <hi rend="italic">Was helfen uns die Höhen</hi> des Lebens,
            wenn diese Tiefen immer dicht daneben sein dürfen ohne Licht, ohne Erklärung, ohne Grund
            und Sinn? (Wir können es fertig bringen, das <hi rend="italic">lange zu übersehen</hi>,
            und uns <pb ed="pga" xml:id="p143"/> immer noch in einer gewissen Zufriedenheit und
            Hoffnung bewegen. Man kann am Rande des Grabes stehen, man kann sozusagen über dem
            Abgrund wandeln und das immer noch übersehen.) Wer es einmal gemerkt hat, der weiß, daß
            von diesen unerklärlichen Tatsachen der Sünde und des Todes aus ein <hi rend="italic">Schatten auf das ganze Leben</hi>, auf die ganze jetzige Welt fällt. Wer diesen
            Schatten einmal gesehen hat, der vergißt ihn nicht wieder, der kann <hi rend="italic">nicht wieder froh</hi> werden. Er weiß, <hi rend="italic">was der Mensch ist</hi> und
            was das Leben. Er weiß zu viel, um wieder froh zu werden. In der Tiefe, in die er
            hineingesehen, ist ihm <hi rend="italic">das Ganze</hi> der Welt und des Lebens und des
            Menschenwesens fraglich, rätselhaft, unheimlich geworden. Er <hi rend="italic">glaubt
              nicht mehr</hi> an das, womit man sich gewöhnlich aufmuntern, trösten, beruhigen will.
            Es beruhigt ja Alles nur teilweise, nur vorläufig, nur augenblicklich. Gibt es keine
            ganze Ruhe?|</p>
          <p>Wem diese <hi rend="italic">Frage</hi> nach dem Ganzen des Lebens einmal gekommen ist,
            der sieht sich dann unwillkürlich um nach <hi rend="italic">einem, der neben uns</hi>
            stünde in der Tiefe und uns da gerade die Hoffnung mehren könnte. <hi rend="italic">Neben uns müßte er stehen</hi>, in der Sünde und im Tode müßte er bei uns sein; denn
            was hilft uns alles das, was nur auf die <hi rend="italic">Sonnenseite</hi> des Lebens
            paßt, was helfen uns alle Erinnerungen an eine <hi rend="italic">Gerechtigkeit und an
              ein Glück</hi>, an das wir nicht mehr glauben können? Aber <hi rend="italic">Hoffnung</hi> müßte er uns machen gerade in der Tiefe, <hi rend="italic">sündlos</hi>
            müßte er sein in der Sünde, <hi rend="italic">Leben</hi> müßte er uns offenbaren im
            Tode, <hi rend="italic">Herrlichkeit</hi> in der Schande, <hi rend="italic">Macht</hi>
            in der Schwachheit, ein <hi rend="italic">Neues</hi> müßte er uns offenbaren im
            Zusammenbruch des Alten, ein <hi rend="italic">wirklich</hi> Neues, ein Neues, das nicht
            wieder alt werden kann. Ein <hi rend="italic">Licht</hi> müßte er uns leuchten lassen,
            aber nicht eins von den Lichtern, die verlöschen, sondern ein ewiges Licht, das Leid und
            Freude, Himmel und Hölle umfaßt und umstrahlt. Von 
            <hi rend="italic">Gott</hi> müßte er uns reden, aber nicht von dem Gott der braven [?],
            zufriedenen Leute, die das Leben nicht kennen, sondern von dem lebendigen Gott, der die
            Welt richtet, weil er die Welt lieb hat. Das wäre die <hi rend="italic">starke, die
              stärkste Tat</hi>, nach der uns eines Tages der Hunger und der Durst kommen könnte.
              <hi rend="italic">Warum sollten sie uns nicht</hi> kommen?|</p>
          <p><hi rend="italic">Dem anderen Übeltäter am Kreuz</hi> sind sie gekommen, der <hi rend="italic">Hunger und Durst</hi> und - die Erfüllung damit. Ihm <hi rend="italic">graute es nicht vor Jesus</hi>, weil er ein anderes Leben ankündigte und von den
            Menschen verlangte, denn <pb ed="pga" xml:id="p144"/> ihm war dieses jetzige Leben auch
            fraglich geworden. Er <hi rend="italic">wehrte sich nicht gegen den Gott</hi>, vor dem
            alle Menschen Sünder sind, denn er meinte keinen Augenblick, etwas Anderes zu sein. Er
              <hi rend="italic">verabscheute die Demut nicht</hi> mehr, denn er hatte in der Demut
            die einzige, die letzte mögliche Sicherheit gefunden. Er <hi rend="italic">entrüstete
              sich nicht mehr</hi> über das Neue, denn auch er war mit dem Alten fertig geworden. -
            Er <hi rend="italic">verstand Gott</hi>, in der Tiefe seiner Not verstand er ihn, darum
            fürchtete er ihn, setzte ihm keinen Widerspruch mehr entgegen. Er <hi rend="italic">verstand seine eigene Verdammnis</hi>, darum erwartete er keine kleine Hilfe und
            Errettung mehr wie sein Gefährte, nur noch die Erlösung von der Verdammnis selbst. Er
              <hi rend="italic">verstand sich selber</hi>, darum gab er sich selbst unrecht: wir
            empfangen, was unsere Taten wert sind. - Eben darum nahm er auch <hi rend="italic">nicht
              Anstoß</hi> an der Schwachheit und Niedrigkeit Jesu. Er <hi rend="italic">erschrak
              über die Welt</hi>, die Jesus dahin gebracht hatte, obwohl er nichts Ungeschicktes
            getan, aber nicht darüber, das Jesus das hatte geschehen lassen. Das mußte so sein. <hi rend="italic">Hier gerade</hi>, in der Schwachheit und Niedrigkeit konnte er an ihn
            glauben, dem, der <hi rend="italic">zu ihnen</hi>, den Sündern und Sterbenden gekommen,
            der <hi rend="italic">versucht</hi> war wie er [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.15">Hebr. 4,15</ref>], der <hi rend="italic">seines</hi>gleichen geworden, dem
            konnte er es <hi rend="italic">abnehmen</hi> und glauben, daß die Hoffnung kein
            leerer [?] Wahn ist, daß es ein anderes Leben, eine Gotteswelt gibt. - <hi rend="italic">Wie weit</hi> ist dieser Mensch gekommen in kürzester Frist, <hi rend="italic">weiter</hi> als Alle, die ihn als Verbrecher verurteilt und verabscheut hatten, <hi rend="italic">weiter</hi> als die Frommen in Israel alle, <hi rend="italic">weiter</hi> als die Jünger Jesu selbst. Er wagt es, <hi rend="italic">Jesus zu
              erkennen</hi>, wo alle ihn mißverstehen mußten. Er wagt es, seine Finsternis <hi rend="italic">Licht</hi> zu nennen, seine Schande <hi rend="italic">Herrlichkeit</hi>,
            seine Schwachheit <hi rend="italic">Kraft.</hi> Er wagt es, seine Not und die Not Jesu
            und die Not dieses ganzen jetzigen Lebens zu <hi rend="italic">übersehen und zu
              vergessen</hi> und Jesus einen König zu nennen: Jesus, gedenke an mich, wenn du in
            dein Reich kommst! Es ist <hi rend="italic">merkwürdig</hi>, überaus merkwürdig, dieses
            Verstehen, dieses Anrufen, dieses Suchen, Bitten und Anklopfen, dieser neue Weg, der in
            letzter Stunde in der tiefsten Tiefe eingeschlagen wird. Über was wollen wir
               uns mehr <hi rend="italic">verwundern:</hi> über die große Frage, die in diesem Menschen entstanden ist, oder
            über die große Antwort, die er gefunden hat? Wir wollen uns nicht damit aufhalten, uns
            zu verwundern über dieses <hi rend="italic">Bild eines Menschen, der Gott gefunden in
              Christus.</hi> Wir wollen es nur <hi rend="italic">anschauen</hi> und uns freuen
            darüber, daß es offenbar <hi rend="italic">möglich</hi> ist, sich <pb ed="pga" xml:id="p145"/> nicht zu irren Jesus gegenüber, zu sehen, was kein Auge gesehen, und
            zu hören, was kein Ohr gehört, was Gott denen schenkt, die ihn liebhaben [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>; vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi>
            <hi rend="italic">Es lohnt sich,</hi> mit diesem Übeltäter zu <hi rend="italic">hungern</hi> und zu dürsten und satt zu werden. Es lohnt sich, mit diesem
            Ausgestoßenen <hi rend="italic">Nein</hi> zu sagen nach der einen Seite und Ja nach der
            anderen. Es lohnt sich, das <hi rend="italic">Leben mit seinem Auge</hi> zu betrachten.
            Wir brauchen ihn <hi rend="italic">nicht zu loben</hi> wegen seines aufrichtigen Nein,
            und wir brauchen ihn auch <hi rend="italic">nicht zu bedauern</hi> wegen des
            schmerzlichen Loses, das er danach zu tragen hatte bis zum bitteren Ende. Er braucht
            unsere Gefühle nicht. Es handelt sich um <hi rend="italic">Größeres.</hi> Sein Leben
            hatte in diesen paar letzten bösen Stunden seiner qualvollen Todesstrafe den <hi rend="italic">wichtigeren, wertvolleren Inhalt</hi> als so viele, viele gesunde,
            ehrbare Menschenleben in dreißig oder siebzig Jahren. Denn dieses Sünderleben und
            Leidensleben [?], das bereits von der Finsternis des Todes umgeben war, hatte nur <hi rend="italic">eine Hoffnung,</hi> ein Ziel, eine Bestimmung. «Heute noch wirst du mit
            mir im Paradiese sein.» Das ist’s! <hi rend="italic">Darum ist Christus</hi> in die
            Finsternis dieser Welt hineingegangen, um den Menschen, die da wohnen, die Hoffnung zu
            geben. Wir müssen es nur <hi rend="italic">aufrichtig bekennen</hi>, daß wir da wohnen,
            dann gibt er sie uns, dann haben wir sie schon. Wer die ganze Not der Welt und das ganze
            Licht des Heilands <hi rend="italic">erkannt</hi> hat, der hat sie. Wer <hi rend="italic">aus der Wahrheit</hi> ist und sich nicht irren will, der hört dann seine
            Stimme [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.37">Joh. 18,37</ref>]. Es gibt
            hinfort <hi rend="italic">keine Tiefe des Lebens</hi> mehr, in der diese Stimme nicht zu
            hören wäre. Keinen, gar <hi rend="italic">keinen gottlosen Höllenwinkel</hi> des
            Menschenlebens soll es hinfort mehr geben, in dem das nicht zu hören wäre: heute noch
            sollst du mit mir im Paradiese sein! <hi rend="italic">Das Paradies</hi> ist das
            vollendete Gottesreich, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten, das ewige
              Leben.<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-544"><hi rend="italic">Symbolum Apostolicum</hi>, BSLK 21</bibl>.</note>
            - Auf dieses Kommende <hi rend="italic">warten</hi>, das heißt ein gerechter [?],
            lebendiger Mensch sein. Denn dieses Kommende wirft sein <hi rend="italic">Licht</hi>
            voraus, macht seine <hi rend="italic">Wirkungen</hi> im Voraus geltend, wirft einen <hi rend="italic">Abglanz</hi> auch auf das, was jetzt ist. Wer in diesem Abglanz des
            Zukünftigen <hi rend="italic">steht</hi>, in diesem Morgenglanz der Ewigkeit<note xml:id="n05"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Lied Nr.43 (RG [1998] 572; EG 450)</bibl>.</note>, der kann nicht <hi rend="italic">mehr</hi>
            <pb ed="pga" xml:id="p146"/> begehren, der kann nicht gerechter, nicht glücklicher sein,
            und  wenn er ein sterbender Sünder
            wäre. - |</p>
          <p><hi rend="italic">Sind wir nicht</hi> Sünder? Sind wir nicht Sterbende allesamt? Wollen
            wir nicht <hi rend="italic">hineintreten</hi> in dieses Licht? Ist der kostbare Preis
            des Blutes Christi nicht <hi rend="italic">bezahlt</hi> dafür, daß wir da hineintreten
            und auf das Künftige hoffen dürfen? O daß wir gerade heute <hi rend="italic">ein
              Christentum bekämen,</hi> das den großen Ruf <hi rend="italic">Vorwärts!</hi> wieder
            hören würde, der vom Kreuze Christi her in unsere Finsternis hinein ertönt! Ein
            Christentum, das weniger von Christus redet und besser auf seine Stimme <hi rend="italic">hört.</hi> Ein Christentum, das <hi rend="italic">wahrhaftig und
              demütig</hi> genug ist, Christus zu sehen, wie er gewesen ist. Ein Christentum, das
              <hi rend="italic">Gott die Ehre gibt</hi>, um dafür jetzt schon, heute noch etwas zu
            schauen von den vorlaufenden Strahlen seiner Herrlichkeit. Aber ein solches Christentum
            können wir uns nicht nur wünschen, wir müssen es auch <hi rend="italic">wollen</hi>, im
            Ernst wollen. Denn an <hi rend="italic">Gott</hi>, von dem alle gute und vollkommene
            Gabe kommt [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.17">Jak. 1,17</ref>], kann es nicht
            fehlen, wenn wir es noch nicht haben. Ihm sei <hi rend="italic">Dank</hi>, der uns den
            Sieg gegeben hat in Jesus Christus [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>].<note xml:id="n06">Auf der leeren Rückseite des Manuskriptblattes
              sind drei Zahlen notiert: wohl die Nummern der Lieder <bibl type="song" corresp="kbga-songs-84">112 (s. Liedangaben)</bibl>, <bibl type="song" corresp="kbga-songs-104">225 («Ist
              Gott für mich, so trete»)</bibl> und <bibl type="song" corresp="kbga-songs-165">258 («Dir will ich danken bis zum Grabe»)</bibl>, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
              vielleicht in die engere Auswahl für den Karfreitagsgottesdienst genommen
              hatte.</note></p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-84" type="song"> Nr. 112 «O Haupt voll Blut und Wunden» von
              <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 445,1-3; EG 85,1.2.4 mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-20" type="song">Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von
              <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1.3.9 (RG [1998] 724,1.3.8; EG 325,1.3.8; jeweils mit geringen
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
