Matthäus 26,57-68
1. Wir sind beim Anhören dieser Geschichte in Versuchung, über
die ungerechten Richter des Heilands ein zu scharfes Urteil zu fällen. Es waren keine gottlosen Menschen; sie waren auf ihre Weise auch von Gott bewegt und getrieben, nicht ausgeschaltet, nicht auf
die Seite geworfen. Im Gegenteil: Sie nahmen in Gottes Gedanken und Plänen eine
besonders schöne und ehrenvolle Stellung ein: sie waren ja die
Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes Israel. Es war ihnen viel
anvertraut, und es wurde viel von ihnen erwartet. Er hat sie auch dann
nicht einfach und endgültig verworfen, als sie ihr ungerechtes Urteil schon
gefällt hatten und als es vollzogen war, sonst hätte Jesus nicht noch in letzter Stunde
gerade für sie gebetet [
2.
Bei Gott ist kein Ansehen der Person [
Die Ungerechtigkeit der Richter des Heilands war, menschlich
betrachtet, höchste Gerechtigkeit. Die Entrüstung des
Hohenpriesters, der sein Kleid zerriß, war echt. Das allgemeine Entsetzen über die vermeintliche Gotteslästerung Jesu war aufrichtig. Sogar die
Schmach und Verhöhnung, die sie ihm zuletzt antaten, kam nicht
einfach aus Gemeinheit, sondern aus ehrlichem Zorn über das Böse. Denn das Gute lag
ihnen am Herzen. Die Gründe, die sie gegen Jesus vorbrachten,
waren nach ihrer heiligen Überzeugung ernste, wichtige, schwerwiegende Gründe, nicht
falsche Zeugnisse, sondern Wahrheit; es hätte andere Augen gebraucht, als sie hatten, um
ihre Fadenscheinigkeit zu durchschauen; wir an ihrer Stelle hätten sie wohl auch nicht
erkannt. Oder welcher wohlmeinende Mensch hätte noch nie nach Gründen |115 gesucht und sich Gründe gemacht, wenn er keine hatte? Sie hatten auch
keinen persönlichen Haß gegen Jesus; sie waren ganz sachlich,
sie waren sich bewußt, als Vaterlands- und Volksfreunde zu handeln: Es ist besser, daß
ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe [
3. Gottes Sache im Leben der Menschen ist eben eine eigene Sache, eine besonders große Angelegenheit für sich. Sie läßt sich nicht verwechseln noch vermischen mit menschlichen Sachen, heißen sie wie sie wollen. Gottes Reich ist weiter und höher als alle menschlichen Absichten und Pläne. Gott gehorchen, das ist mehr als alle menschliche Größe. Gottes Geist ist ein anderer Geist als der edelste Menschengeist. Das ist auch wieder etwas von der göttlichen Freiheit, die uns Menschen zugute kommt, wenn wir offen sind. Das Göttliche läßt sich nicht einkapseln, so daß man sagen könnte: Nur hier oder nur da ist es. Man kann es nicht auf die Dauer einschließen und gefangennehmen in irgendwelchen menschlichen Formen. Man hat es oft versucht, aber es sprengt sie; es ist zu groß dazu. Die Menschen, die Gott so einfangen wollen für ihre eigenen Gedanken, Pläne, Taten und Gewohnheiten, müssen alle früher oder später, ohne es zu wollen, an irgend einem Punkte in Widerspruch zu Gott geraten, und dann trennt eben Gott seinen Weg von ihren Wegen und geht in freiem Lauf |116 weiter zu Anderen, die vorher teilnahmslos abseits standen. Nur indem man sich ganz beugt vor der heiligen Eigenmacht Gottes, bleibt man in seiner Gemeinschaft. Aber das ist etwas Großes. |
Daran hat es offenbar den Juden gefehlt. Sie priesen Gott zu
laut als ihren Gott, sie riefen zu laut und zu sicher: Hier ist Gott, und Gott
ist mit uns [vgl.
4.
Jesus aber schwieg. Die Gerechtigkeit der Menschen mit ihren
Mißverständnissen und Blindheiten, mit ihren Scheingründen und falschen Anklagen brauste
an ihm vorüber. Er trat nicht darauf ein. Er ließ sich auf kein Gefecht ein. Er schwieg.
Nicht aus Befangenheit oder Unsicherheit. Auch nicht aus Hochmut und Verachtung. Auch nicht aus dem modernen
Vorurteil, daß man über Gott doch nicht streiten, doch nichts Rechtes sagen könne. Es
wäre im Gegenteil sehr viel Gutes und Notwendiges zu sagen gewesen in jener dunklen
Stunde. Aber nicht Alles, was allenfalls gesagt werden könnte,
muß immer und überall gesagt werden. Gott hat seine besonderen
Stunden, Stunden des Redens und Stunden des Schweigens [vgl.
5.
Im Sterben Jesu lag das Geheimnis seiner Kraft. Welch ein Widerspruch in jener Stunde! Seine ungerechten Richter sahen nur
seinen Tod voraus, der bei ihnen beschlossene Sache war, er
aber die größte Vermehrung und Entfaltung und Wirkung seines Lebens. Sie dachten: nun
sind wir fertig mit ihm! Er dachte: nun fängt’s an. Sie triumphierten über seine Schwachheit, die ihnen einen leichten Sieg
ermöglichte, er triumphierte über den Sieg Gottes, der durch diesen Sieg der Menschen
zustande kam. Sie waren Viele, er nur Einer. Sie hatten für sich
das ganze Recht und die ganze Kraft des Augenblicks und des
Augenscheins. Er sah hin auf das Recht und die Macht, die die Zukunft ihm geben
sollte: Von nun an [wird’s geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur
Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels]! Was bedürfen
wir weiter Zeugnis?, haben die ungerechten Richter darauf geantwortet. Für sie
war Alles klar und entschieden: Frevelhaft war sein Anspruch, nichtig seine Hoffnung.
Wir müssen uns noch einmal ehrlich gestehen, daß wir uns höchstwahrscheinlich auch auf
ihre Seite geschlagen hätten. Gott aber stand in großer Freiheit
auf der anderen Seite. Das Sterben des Heilands war stärker als
das gesunde Leben seiner Feinde, sein Schweigen stärker als ihre
vielen Worte, seine Niederlage stärker als ihr Sieg. Was sie
getan haben, war schließlich dasselbe, was die Menschen immer
getan haben. Es braucht keine besondere Weisheit und keinen besonderen Heldenmut, um
Gott jenes Nein! entgegenzuschreien, das in ihrem Urteil über Jesus lag. Sie haben damit
nur ausgesprochen: Da endigt der Mensch, auch der fromme, der gerechte Mensch, daß er
vor Gott, vor Gott selber erschrickt
und sich gegen ihn wehrt. Jesus aber hat in |119 seinem Sterben
die Quelle eröffnet, aus der etwas Neues gekommen ist ins
Menschenleben. Er hat den Gehorsam bewiesen, den die Anderen
verweigerten. Dieser sein Gehorsam wurde von nun an eine Macht Gottes
auf der Erde, eine Macht der Vergebung für alle die Ungehorsamen. Es gibt einen
neuen Anfang für Gerechte und Ungerechte. Es gibt eine große Gelegenheit, Gott zu fürchten und Recht zu tun, für Alle ohne
Ausnahme [vgl.
- Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du
verbrochen» von
J. Heermann , Strophen 1-3 (RG [1998] 440,1.3.4; EG 81,1.3.4) - Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen»
von
K. H. von Bogatzky , Strophen 1.2.8 (RG [1998] 797,1.2.7; EG 241,1.2.8; jeweils mit Textabweichungen)