23. März 1919

Matthäus 26,47-56

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Matthäus 26,47-56
[Und als Jesus noch redete, siehe, da kam Judas, der Zwölf einer, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Stangen von den Hohenpriestern und Ältesten des Volks. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den greifet. Und alsbald trat er zu Jesu und sprach: Gegrüßet seist du, Rabbi! und küßte ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, warum bist du gekommen? Da traten sie hinzu und legten die Hände an Jesum und griffen ihn. Und siehe, einer aus denen, die mit Jesu waren, reckte die Hand aus und zog sein Schwert aus und schlug des Hohenpriesters Knecht und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel? Wie würde aber die Schrift erfüllet? Es muß also gehen. Zu der Stunde sprach Jesus zu den Scharen: Ihr seid ausgegangen wie zu einem Mörder mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen. Bin ich doch täglich gesessen bei euch und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber das ist alles geschehen, daß erfüllet würden die Schriften der Propheten. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.]

1. Das Leben Jesu war die Geschichte einer großen Erscheinung und Entfaltung von himmlischen Kräften. Immer wieder lesen wir in den Evangelien den Ausdruck: sie erstaunten [z. B. Mk. 6,2], sie entsetzten sich [Mk. 2,12], sie priesen Gott, der solche Macht den Menschen gegeben [Mt. 9,8]. Schon damals haben also die Leute den Eindruck gehabt, daß es da mit Gott in einer ganz besonderen, ungeahnten Weise ernst werde, ernster als bei den Frömmsten und Besten, die man kannte, ernster als in der ganzen, mit tiefer Ehrfurcht studierten Geschichte Israels. Das Göttliche verlor seine Ferne und Höhe, es war nicht mehr so geistig und unnahbar, es trat zum Greifen deutlich und sichtbar ins Leben hinein. Noch war es freilich nicht das Allgemeine, nicht die Luft, in der jedermann lebte. Man konnte sich ihm fernhalten, sich ihm widersetzen. Aber es stand doch unmittelbar vor der Tür für jedermann. Es konnte jeden Augenblick eintreten. Man mußte beständig damit rechnen als mit etwas durchaus Möglichem und Wahrscheinlichem. Eine Macht wurde die Wahrheit, nicht ein bloßer Ge|106danke; es war offenkundig, wie sie wirkte, wie sie die Grundlagen des menschlichen Gemeinschaftslebens berührte und bewegte, wie sie Einzelne gänzlich aus ihrer alten Bahn [?] rief und in neue Richtungen trieb. Eine Macht wurde das Gute aus einem bloßen Ziel, es konnte nicht mehr geleugnet werden, wie es sich regte und lebendig wurde auch in Solchen, die ihm am fernsten waren, die am tiefsten standen auf der moralischen Stufenleiter. Eine Macht wurde die Hilfe aus bloßem Wünschen und teilweisen Unternehmungen; es war klar, daß Jesus die Wurzeln des Leidens und des Todes überwand und angriff und auszureißen vermochte. Wie von einem geheimnisvollen Mittelpunkt aus strahlen da nach allen Seiten Kräfte, Vergebungen, Erlösungen, Erneuerungen.

2. Die Leidensgeschichte führt uns in diesen Mittelpunkt hinein. Wenn wir sie verstehen, so können wir die Nähe Gottes, die damals stattfand, begreifen. Bekommen eine Erklärung für die außerordentlichen Wirkungen, die damals von dieser Gottesnähe ausgegangen sind. Bekommen einen Maßstab, an dem wir diese Wirkungen unterscheiden können von anderen unechten, falschgöttlichen Wirkungen, wie sie auch vorgekommen sind und noch vorkommen. Bekommen einen Begriff, warum unsere Zeit so arm ist an echten himmlischen Kräften. Bekommen vielleicht auch eine Andeutung darüber, was geschehen müßte, damit diese Kräfte für uns in unserer Zeit wieder lebendig werden.

Wenn man die Evangelien oberflächlich liest, so ergreift einen eine große Enttäuschung von der Stelle an, wo Jesus sagt, daß er nun nach Jerusalem gehen müsse, um zu leiden und zu sterben [Mt. 16,21 par.]. Es kommt einem vor, das sei ein Widerspruch zu allem Vorangehenden. Man erwartet nach all den Kraftwirkungen des Reiches Gottes in Worten und Taten, daß es immer schöner und besser hätte werden sollen. Statt dessen kommt der Tod. Man hat schon gesagt, auch Jesus selbst habe sich zwar gottergeben, aber doch nicht ohne leise Bitterkeit in diese Wendung gefunden. In Wirklichkeit kommen wir gerade bei dieser Wendung an die Quelle, aus der Alles, was vorher geschah, geflossen ist. Die Evangelisten des Neuen Testaments jedenfalls haben den Tod Jesu nicht als eine störende Veränderung, ein Rätsel, ein bedauerliches Mißgeschick aufgefaßt, sie sind über dieses Ereignis nicht |107 hinweggegangen, sondern haben es mit liebevoller Aufmerksamkeit in allen Einzelheiten geschildert, als ob sie uns sagen wollten: Seht, nun kommt die Hauptsache, der Grund und die Erklärung von Allem. Es ist merkwürdig genug, aber es ist so: Im Leben Jesu ist das Spätere im Grunde das Frühere, das Erste, die Ursache. Die Kraft seines Lebens ist sein Tod. Seine Siegesgeschichte wurzelt in seiner Leidensgeschichte. Der Evangelist Matthäus z. B. sagt einmal ziemlich am Anfang seiner Erzählung von Jesus: «er trieb die Geister aus durch das Wort und machte allerlei Kranke gesund, auf daß erfüllt würde [, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht:] Er hat unsere Schwachheiten auf sich genommen, und unsere Krankheiten hat er getragen» [Mt. 8,16f.], wie wenn er zum vornherein feststellen wollte: seht, der Mann, der so Großes vollbracht hat, ist der Knecht Gottes, der die Last und das Leiden der Welt nicht umgangen, sondern mit Wissen und Wollen auf sich genommen hat. Ich glaube, er hat Jesus nicht schlecht verstanden. Vielleicht würde man die Evangelien am besten rückwärts lesen: zuerst die Auferstehungsgeschichte, um uns sagen zu lassen, daß es sich um ein Neues, Göttliches, Himmlisches handelt bei Jesus, dann die Leidensgeschichte, um zu begreifen, wie dieses Göttliche auf der alten Erde Fuß fassen und Wurzel schlagen konnte, zuletzt die Taten und Worte Jesu, um den Baum in seinen Früchten kennen zu lernen [vgl. Mt. 7,17-20]. Die Leidensgeschichte ist jedenfalls der Schlüssel, ohne den wir es nicht machen können, wenn sich uns das Geheimnis des nahe herbeigekommenen Gottesreiches erschließen soll.

3. Wir wollen nun unseren Text, die Erzählung von der Gefangennahme Jesu, für sich selber reden lassen. Gerade sie zeigt uns auf den ersten Blick einen starken Gegensatz zu der vorhergehenden Kraft- und Siegesgeschichte. Wo ist der Mann, dessen Wort erst Entsetzen und Anbetung erwirkte, der Mann, in dessen Nähe die Blinden den Messias, den Davidssohn, erkannten [Mt. 9,27], der Mann, der die Gesetze der Naturgewalten in sich trug, so daß sie ihm gehorsam waren [Mk. 4,41 par.]? Hier sehen wir ihn auf einmal nichts wirken, nichts ausrichten, überhaupt nichts tun, nicht einmal den Versuch dazu machen, nur leiden, nur annehmen, nur mit sich geschehen lassen. Der große Feind, die Sündenfinsternis der Welt, der er im Namen seines |108 Königs und Vaters so oft den Krieg angesagt, steht riesengroß da - und er nimmt den Kampf nicht auf, sondern läßt sie gewähren. Judas, diese schreckliche Mischung von Mammonssünde und frommer Heuchelei1, darf seinen dunklen Weg zu Ende gehen - und kein Wort fällt, um diesen bösen Geist auszutreiben und sein Werk zu zerstören. Mit Schwertern und Stangen dürfen sie kommen und Hand an ihn legen - und kein Zeichen geschieht, um diesen plumpen Gewaltigen zu bedeuten, daß hier hohe Interessen auf dem Spiel stehen. Vor Verzweiflung fliehen alle Jünger, entsetzt nicht sowohl über das hereinbrechende Unglück selbst als darüber, das Jesus selbst offenbar das Spiel verloren gab, entsetzt über sein furchtbares Wort: Es muß also gehen! - und kein Versuch ward gemacht, sie zurückzuhalten, sie aufzuklären, einsam bleibt der Heiland zurück in der Hand seiner Feinde. Hinter all dieser Finsternis aber steht der Tod, das Gericht, das nach göttlichem Urteil der Sünde folgen muß. Gewinnt es die Sünde, so gewinnt es auch der Tod. Wie hatte Jesus darum gerungen in seiner Kraft- und Siegeszeit, dieses Urteil aufzuheben, Gott in den Arm zu fallen zugunsten der sündigen Menschheit. Der Tod muß es nicht gewinnen, hatte er so oft verkündigt in Worten und Taten. «Gott leben sie alle» [Lk. 20,38], hatte er gerufen über den Gräbern. Nun mußte der Tod doch sein. Er selbst ging ihm inmitten seiner Häscher festen Schritts geradeswegs entgegen. Ist das nicht der Verzicht, der Rückzug, die Niederlage? Wo sind die strahlenden Kräfte Gottes hingekommen?, möchten wir fragen.

Eine direkte Verbindung besteht jedenfalls zwischen der Leidensgeschichte Jesu und seiner Siegesgeschichte. Sie ist ausgesprochen gerade in dem Wort: es muß also gehen!, das die Jünger so schaurig berührt hat, daß sie darum die Flucht ergriffen haben, überhaupt in |109 der Auffassung Jesu, es müsse sich auch jetzt nur erfüllen, was Gott beschlossen und wovon die Propheten geredet. Diese Auffassung hatte er immer gehabt, auch in seiner Kampf- und Kraftzeit. Wir sehen daraus, auch wenn es uns schwer fällt, das Warum? zu begreifen, daß Jesus sein Leben und sein Sterben, sein Siegen und sein Unterliegen unter die gleiche Gottesordnung gestellt hat. Wir müssen aber noch weiter gehen. Die strahlenden Gotteskräfte sind auch in der Nacht von Gethsemane nicht ganz verschwunden. Sie sind zurückgehalten, unter Verschluß gelegt, aber sie sind da. Das zeigt sich an der Art, wie der Verräter Judas behandelt wird. Es ist schwer zu sagen, warum Judas seinen Meister gerade mit einem Kuß verraten hat. Jedenfalls wollte Judas damit tun, als ob nichts wäre, der bösen Sache den guten Schein geben, als ob er nur als Jünger den Meister begrüße wie einst und immer. Eine Lüge auf alle Fälle. Sie hält nicht Stand vor Jesus. Judas darf nicht meinen, es sei ihm gelungen zu lügen. Freund, wozu du gekommen bist, das tue! Sei, was du bist2, sei’s im Bösen, wenn du’s nicht im Guten sein kannst, aber sei’s! Wolle nicht etwas anderes sein, als du bist! Das Gericht, das in dieser Abfertigung lag, war auch Gottes Kraft, wenn auch zurückgehaltene. Das zeigt sich noch deutlicher in dem merkwürdigen Wort von den zwölf Legionen Engeln, die ihm zu Hilfe eilen könnten, wenn es jetzt sein sollte. Warum sollte es nicht sein? Offenbar hat Jesus eine noch wichtigere Aufgabe gekannt, als die ihm anvertrauten Gotteskräfte spielen und wirken zu lassen. Er stand jetzt vor dieser wichtigeren Aufgabe. Aber sie standen ihm auch in diesem Augenblick zur Verfügung. Es war sein freier Wille, keine Notwendigkeit, kein Schicksal, wenn er jetzt nicht Gebrauch machte davon. |

Und nun stehen wir schon unmittelbar vor der Sache selber. Jesus hat sich hingegeben. Das Unheil ist nicht über ihn gekommen als etwas Stärkeres - gegen das Stärkere hätte er eine noch stärkere Gegenwehr erheben können -, er hat es in Freiheit auf sich genommen. Gerade in unserem Text steht Jesus frei da, königlich. Obwohl er nur leidet - er ist’s, der handelt. Er handelt, indem er leidet. Er ist nicht von einem bösen Zufall überrumpelt worden, er selbst ist der Angreifer. Der Tod überfällt ihn nicht, er ist’s, der den Tod überfällt: da |110 bin ich, da hast du mich! Triumphierend kann er es seinen Feinden vorhalten: ich bin täglich bei euch gesessen und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen! Ihr konntet nicht, ihr durftet nicht! Nun könnt ihr und dürft ihr. Nun habt ihr freien Lauf mit euren Stangen und Schwertern. Aber nicht weil ihr es jetzt wollt, sondern weil Gott es jetzt will, weil ich selbst es jetzt will. Jesus hat sich den Folgen der menschlichen Sünde persönlich nicht entzogen; er hat sich ihnen unterzogen. Sein Bild ist das eines Menschen, der nicht nach einem Ausweg sucht vor der drohenden Last des Weltlebens. Er sieht sie auftauchen, ihm näher und näher kommen. Er will nicht vergessen, übersehen, sich betäuben, sich erleichtern, sein Teil Anderen zuschieben oder klein machen, ausweichen auf Nebenwege, wo das Leid nicht so groß, das Gericht nicht so scharf ist. Er will nicht alle die Künste anwenden, die wir anwenden, wenn es uns klar wird, daß das Leben ohne Gott eine Last ist. Er will nur eines: tragen, tragen! Er hat schwer genommen, was schwer ist, und darum hat er es nicht unter Lächeln getan, sondern unter Tränen, aber er hat es genommen. Er hat sich gebeugt wie noch Keiner, er hat sich zunichte machen lassen. Er ist dem Leid auf den Grund gegangen, er hat den bitteren Kelch ausgetrunken bis auf die Neige [Mt. 26,42 par.]. Ein Volk hat sich verirrt im Urwald, kann nicht mehr vorwärts noch rückwärts. Nun macht sich Einer auf und geht den Leidensweg rückwärts, fürchtet sich nicht vor Sümpfen, Gestrüpp, Schlangen und wilden Tieren, die so manchem zum Verderben geworden, geht rückwärts bis auf den Anfang, bis auf den Punkt, wo der Irrtum anfing und mit dem Irrtum der Leidensweg. Vor dem Irrtum aber war die Wahrheit. Von der wiedergefundenen Wahrheit aus kann der rechte Weg gesucht und gefunden werden. Der Leidensweg des Einen wird die Vielen auf den rechten Weg führen. Diese freie, persönliche, völlige Hingabe Jesu war das Geheimnis seiner Kräfte. Diese Hingabe war Gottes Wille. Jesus war Gott gehorsam. Gottes Wille geschah in seinem Sterben. Darum war Gott der Welt damals so nahe. Darum war das Göttliche damals beinahe etwas Gewöhnliches. Darum gab es damals Mächte der Wahrheit, Mächte der Güte, Mächte der Hilfe. Es strömten alle diese lebendigen Wasser aus der tiefen Quelle der Hingabe Jesu. Weil er litt unter der Folge der Sünde, konnte er sie vergeben. Weil er der Not der Welt den Lauf ließ, konnte er ihr einen Damm entgegenstel|111len. Weil er starb, konnte er das Leben ans Licht bringen. Diese Hingabe kann man nicht nachmachen. Man kann zwar Vieles unternehmen gegen den Bösen und gegen das Leid in der Welt, aber wenn es nicht aus dieser Quelle kommt, so kann es keine Dauer und Kraft haben. Und wenn eine Zeit, ein Geschlecht Mangel leidet an echtem Leben, am Sieg des Göttlichen, dann wird es auf die Dauer keine andere Auskunft geben, als daß es wird in das Licht dieses Sterbens, dieser Niederlage treten.

4. Das blitzende Schwert, mit dem Petrus seinem Herrn zu Hilfe kommen wollte, mußte Jesus ablehnen. An sich ist zwar dieses Schwert keine unerfreuliche Erscheinung in der Leidensgeschichte. Nicht nur darum, weil es zeigt, daß es den Jüngern Jesu wenigstens an Mut und an ehrlicher Entrüstung und an Energie nicht gefehlt hat. Es beleuchtet auch die Lage, es nennt Lüge Lüge, Roheit Roheit. Es spricht es aus, daß nach menschlichem Ermessen die Lage verdorben ist, so verdorben, daß nur noch Gewalt helfen kann. Jesus hat nicht vor der Gewalt an sich einen Abscheu gehabt. Er hat gewußt, daß es Lagen gibt im irdischen Leben, wo Gewalt notwendig wird, er hat sogar selbst einmal Gewalt geübt: als er die Krämer und Wechsler mit einer Geißel aus Stricken aus dem Tempel trieb [Joh. 2,15]. Die menschliche Torheit und Bosheit schafft sich selber Verlegenheiten, wo gar nichts Anderes möglich ist, als [daß] ein Mensch durch die Anderen Strafe erleiden muß. Es ist dann ein göttliches Gericht, was ihm an Leiden, Demütigungen oder Beleidigungen durch die Anderen widerfährt. In diesem Sinn hat dort auch Petrus erst [?] für Gott das Schwert gezogen und geschwungen.

Aber wo das geschieht, da geschieht es doch immer auf einer niederen Stufe. Gott mag es zulassen, Gott mag es sogar wollen nur in einer gewissen Verlegenheit, aber näher kommt er den Menschen nicht dadurch, daß sie sich gegenseitig strafen für ihre Sünden. Die Menschen sind dabei sozusagen unter sich. Das Göttliche steht still und wartet. Himmlische Kräfte sind noch nie davon ausgegangen, daß man einander geschlagen hat, sei’s nun in Gedanken, Worten oder Taten. Kriege und Revolutionen, Wahlen und Abstimmungen, Strafen und Machtbeweise jeder Art der einen Menschen über die anderen sind unvermeidlich, aber nur als göttliche Gerichte. Quellen der Erlösung sind |112 solche Ereignisse nicht. Sie vermehren das Leiden der Menschheit, sie führen tiefer und tiefer in den Urwald der Not hinein, nicht rückwärts zurück auf den Irrtum, der die Not verursacht, und darüber hinaus in die Wahrheit hinein. «Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.» Darum hat Jesus das Schwert des Petrus abgelehnt. «Stecke es an seinen Ort!» Es handelt sich jetzt nicht darum, das Gericht Gottes walten zu lassen, sondern seiner Gnade Raum zu geben. Der Gnade Gottes ist die Gewalt, die wir gegeneinander brauchen, im Wege. Das Schwert des Petrus war eine fremde, störende, ungehörige Erscheinung in dem Augenblick, wo es sich darum handelte, durch freie, persönliche, völlige Hingabe die Nähe Gottes zu suchen, den himmlischen Kräften den Zugang frei zu machen auf der Erde. Dreinschlagen ist etwas anderes als sich hingeben. Jesus hat sein Heiligtum, das Heiligtum der Menschheit, die Quelle der Kraft, gehütet, indem er sich nicht wehrte für sich und auch anderen nicht erlaubte, sich für ihn zu wehren. Wir wollen ihm dankbar sein dafür. Es war der größere Sieg, als wenn er [und] die Jünger es im Kampf mit den Knechten der Hohepriester gewonnen hätten. Durch das, was er getan hat, indem er gelitten hat, statt zu schlagen, ist der Sieg von oben möglich geworden, ohne den alle Siege, die von unten erfochten werden können, die Not doch nur vermehren können. Indem er gelitten hat ohne Widerrede und Widerstand, bekam das Göttliche Spielraum. Es war ein neues Verhalten auf der alten Erde. In diesem neuen Verhalten lag das Geheimnis einer besseren Zukunft. Es wird an uns sein, uns durch das unschuldige Leiden Christi das Vertrauen stärken zu lassen auf die bessere Zukunft, die aus diesem neuen Verhalten wächst.

Lieder3:
  • Nr. 117 «O Lamm Gottes, unschuldig am Kreuzesstamm geschlachtet» nach N. Decius (RG [1998] 437 mit teilweise abweichendem Text; vgl. zu Strophe 1 EG 190. 1) 🎵
  • Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt (RG [1998] 99; EG 303) 🎵

Sachfußnoten

1
Die Gestalt des Judas hat Barth fast Jahr für Jahr beschäftigt; vgl. Predigten 1913, S. 108 📖 «die scheue, verlogene, unglückliche Gestalt des Judas»; Predigten 1916, S. 149 📖 «der finstere Wahnsinn des Judas»; Predigten 1917, S. 109 📖 «Armer Judas!» 1940/41 wird Barth in einem großen Judas-Exkurs schreiben: «Judas ist neben Jesus selbst in gewissem Sinn die wichtigste Figur des Neuen Testamentes», weil er in «durch und durch sündigem Handeln» aktiv tätig war «in der Vollstreckung dessen, was Gottes Wille war», des Gottes, der seinen Sohn für uns alle dahingegeben hat [Röm.   8,32] (KD II/2, S. 508-563; Zitate S. 558f. 📖).↩
2
Vgl. oben S. 22, Anm.5.↩
3
Strophenangaben fehlen.↩