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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 26,57-68</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 26,57-68, 30. März 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 119.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 26,57-68</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">119</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 26,57-68, 30. März 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1900">KBA 1443</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-03-30">30. März 1919</date>
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          <head><idno>461</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-03-30">30. März 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.57 Mt.26.68">Matthäus 26,57-68</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Die aber Jesum gegriffen hatten, führten ihn zu
                  dem Hohenpriester <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>, dahin die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt
                  hatten. <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> aber folgte ihm nach von ferne bis in den Palast des Hohenpriesters
                  und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, auf daß er sähe, wo es hinaus
                  wollte. Die Hohenpriester aber und Ältesten und der ganze Rat suchten falsch
                  Zeugnis wider Jesum, auf daß sie ihn töteten, und fanden keins. Und wiewohl viel
                  falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch keins. Zuletzt traten herzu zwei
                  falsche Zeugen und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen
                  und in drei Tagen ihn bauen. Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm:
                  Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen? Aber Jesus schwieg
                  still. Und der Hohepriester antwortete und sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei
                  dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du seist Christus, der Sohn Gottes.
                  Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an wird’s geschehen,
                  daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in
                  den Wolken des Himmels. Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er
                  hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiteres Zeugnis? Siehe, jetzt habt ihr seine
                  Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie antworteten und sprachen: Er ist des
                  Todes schuldig! Da spieen sie aus in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten.
                  Etliche aber schlugen ihn ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christe, wer
                  ist’s, der dich schlug?]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Wir sind beim Anhören dieser Geschichte in Versuchung, über
            die ungerechten Richter des Heilands ein zu scharfes Urteil zu fällen. Es waren <hi rend="italic">keine gottlosen Menschen;</hi> sie waren auf ihre Weise <hi rend="italic">auch von Gott bewegt</hi> und getrieben, nicht ausgeschaltet, nicht auf
            die Seite geworfen. Im Gegenteil: Sie nahmen in Gottes Gedanken und Plänen eine
            besonders <hi rend="italic">schöne und ehrenvolle Stellung</hi> ein: sie waren ja die
            Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes Israel. Es war ihnen viel
            anvertraut, und es wurde viel von ihnen erwartet. Er hat sie <hi rend="italic">auch dann
              nicht</hi> einfach und endgültig verworfen, als sie ihr ungerechtes Urteil schon
            gefällt hatten und als es vollzogen war, sonst hätte Jesus nicht noch in letzter Stunde
            gerade für sie gebetet [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.34">Lk. 23,34</ref>]. Die
            Menschen können heute stehen und morgen fallen, Gott behält sich uns allen gegenüber <hi rend="italic">die Freiheit</hi> vor, uns doch noch zu gebrauchen zu seiner Ehre und in
            dieser Absicht immer wieder bei uns anzuklop<pb ed="pga" xml:id="p114" break="no"/>fen,
            viel länger, als wir es ihm zutrauen. Wir können aus dieser Geschichte nur das sehen: es
            ist durchaus <hi rend="italic">möglich, daß Menschen</hi>, die direkt unter den Augen
            Gottes leben und wirken, doch einmal in ganz falsche, verkehrte Stellungen zu Gott
            geraten können. Davor ist allerdings kein Mensch ganz sicher. Man kann viel Gnade haben
            und kann sie wieder verlieren. Man kann auf den rechten Weg gestellt sein und kann sich
            an der entscheidenden Stelle doch irren. Aber daß <hi rend="italic">Gottes Geduld</hi>
            weitere Grenzen hat als die unsrige, das sollten wir nicht vergessen. Wir würden sonst
            uns selber treffen; denn wir hätten auch unter jenen ungerechten Richtern sein
            können.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic">Bei Gott ist kein Ansehen der Person</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Chr.19.7">2.Chr. 19,7</ref> u. ö.]. Gott geht wohl mit einzelnen
            Menschen, auch wohl mit ganzen Völkern und Gruppen von Menschen eine Zeitlang, solange
            es ihm möglich ist. Aber er hat keine <hi rend="italic">Lieblinge</hi> ein für allemal,
            keine <hi rend="italic">Partei</hi> oder Richtung, der er sich unauflöslich verschreiben
            würde. Es gibt keine menschliche <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, die ewig und
            absolut darauf gehen könnte: ich bin göttliche Gerechtigkeit. Auch in dieser Beziehung
            behält er [sich] seine <hi rend="italic">Freiheit</hi> vor. Wenn es sich darum handelt,
            zu wissen, wer wir sind, so müssen wir antworten: wir sind <hi rend="italic">Sünder</hi>, mit kleinen Unterschieden gewiß, aber nicht mit solchen, die vor Gott
            wichtig sind. Und wenn wir wissen wollen, was wir brauchen, so müssen wir wissen, daß
            wir alle etwas <hi rend="italic">Neues</hi>
             brauchen, eine erlösende Gewalt, die
            von oben kommt, daß wir werden müssen, was Gott aus uns macht, nicht was wir aus uns
            selbst sind und aus uns selbst machen können.</p>
          <p>Die <hi rend="italic">Ungerechtigkeit der Richter des Heilands</hi> war, menschlich
            betrachtet, höchste Gerechtigkeit. Die <hi rend="italic">Entrüstung</hi> des
            Hohenpriesters, der sein Kleid zerriß, war echt. Das allgemeine <hi rend="italic">Entsetzen</hi> über die vermeintliche Gotteslästerung Jesu war aufrichtig. Sogar die
              <hi rend="italic">Schmach und Verhöhnung</hi>, die sie ihm zuletzt antaten, kam nicht
            einfach aus Gemeinheit, sondern aus ehrlichem Zorn über das Böse. Denn das Gute lag
            ihnen am Herzen. Die <hi rend="italic">Gründe</hi>, die sie gegen Jesus vorbrachten,
            waren nach ihrer heiligen Überzeugung ernste, wichtige, schwerwiegende Gründe, nicht
            falsche Zeugnisse, sondern Wahrheit; es hätte andere Augen gebraucht, als sie hatten, um
            ihre Fadenscheinigkeit zu durchschauen; wir an ihrer Stelle hätten sie wohl auch nicht
            erkannt. Oder welcher wohlmeinende Mensch hätte noch nie nach Gründen <pb ed="pga" xml:id="p115"/> gesucht und sich Gründe gemacht, wenn er keine hatte? Sie hatten auch
              <hi rend="italic">keinen persönlichen Haß</hi> gegen Jesus; sie waren ganz sachlich,
            sie waren sich bewußt, als Vaterlands- und Volksfreunde zu handeln: Es ist besser, daß
            ein Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.11.50">Joh. 11,50</ref>]! Und ihr innerster Grund war ihr <hi rend="italic">Eifer um Gott.</hi> Sie wollten nichts für sich selbst, Alles für Gott.
            Und nun war diese ihre Gerechtigkeit doch ganz offenkundig <hi rend="italic">Ungerechtigkeit.</hi> Mit all ihrer Ehrlichkeit und Überzeugung und eifrigen
            Sachlichkeit haben sie das reine Göttliche, <hi rend="italic">das</hi> Göttliche, das
            von Gott kommt, abgelehnt und verworfen. Diese Geschichte ist wie ein <hi rend="italic">Abschluß</hi> aller menschlichen Gerechtigkeit. Auf ihrem Gipfel, über den wir auch
            nicht hinauskommen werden trotz aller vermeintlichen Fortschritte, kommt sie gerade so
            weit, um zu Gott <hi rend="italic">Nein!</hi> zu sagen. Das ist wie eine <hi rend="italic">Mahnung an alle Starken</hi> im Glauben und in der Tugend: Was du bist
            und denkst und tust, das rettet dich nicht! Mit Gott gehen heißt alle Tage einen neuen
            Anfang machen in tiefster Demut. Es ist aber auch eine <hi rend="italic">Ermutigung an
              alle Schwachen:</hi> Deine Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit und Feigheit soll dich
            nicht verdammen. Du darfst und kannst mit allen Frommen und Gerechten dort einen neuen
            Anfang machen, wo es nichts, gar nichts zu rühmen gibt.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi>
            <hi rend="italic">Gottes Sache im Leben der Menschen</hi> ist eben eine eigene Sache,
            eine besonders große Angelegenheit für sich. Sie läßt sich <hi rend="italic">nicht
              verwechseln</hi> noch vermischen mit menschlichen Sachen, heißen sie wie sie wollen.
              <hi rend="italic">Gottes Reich</hi> ist weiter und höher als alle menschlichen
            Absichten und Pläne. <hi rend="italic">Gott gehorchen</hi>, das ist mehr als alle menschliche Größe. <hi rend="italic">Gottes Geist</hi> ist ein anderer Geist als der edelste Menschengeist. Das ist auch
            wieder etwas von der göttlichen <hi rend="italic">Freiheit,</hi> die uns Menschen zugute
            kommt, wenn wir offen sind. Das Göttliche läßt sich <hi rend="italic">nicht
              einkapseln</hi>, so daß man sagen könnte: Nur hier oder nur da ist es. Man kann es
            nicht auf die Dauer <hi rend="italic">einschließen</hi> und gefangennehmen in
            irgendwelchen menschlichen Formen. Man hat es oft <hi rend="italic">versucht</hi>, aber
            es sprengt sie; es ist zu groß dazu. Die Menschen, die Gott so einfangen wollen für ihre
            eigenen Gedanken, Pläne, Taten und Gewohnheiten, müssen alle früher oder später, ohne es
            zu wollen, an irgend einem Punkte in Widerspruch zu Gott geraten, und dann <hi rend="italic">trennt eben Gott seinen Weg</hi> von ihren Wegen und geht in freiem Lauf
              <pb ed="pga" xml:id="p116"/> weiter zu Anderen, die vorher teilnahmslos abseits
            standen. Nur indem man <hi rend="italic">sich ganz beugt</hi> vor der heiligen
            Eigenmacht Gottes, bleibt man in seiner Gemeinschaft. Aber das ist etwas Großes. |</p>
          <p>Daran hat es offenbar den Juden gefehlt. <hi rend="italic">Sie priesen Gott zu
              laut</hi> als ihren Gott, sie riefen zu laut und zu sicher: Hier ist Gott, und Gott
            ist mit uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.7.4">Jer. 7,4</ref>]! Und nun
            geschah das Merkwürdige, daß sie <hi rend="italic">an Gott zuschanden</hi> wurden gerade
            in dem Augenblick, als er ihnen ganz nahe trat im Heiland. <hi rend="italic">Gerade weil
              es</hi> das rein Göttliche war, das ihnen hier begegnete, entging es ihnen. Hätte
            Jesus etwas <hi rend="italic">Kleineres vertreten</hi> als Gottes Reich, sie hätten ihn
            nicht verurteilt. Hätte Jesus <hi rend="italic">weniger gewollt</hi> und verlangt als
            Gehorsam gegen Gott, sie hätten ihn schweigend anerkannt. Hätte Jesus einen
            gemäßigteren, <hi rend="italic">beschränkteren Geist</hi> gezeigt als den göttlichen
            Geist, sie hätten ihn mit Freuden willkommen geheißen. <hi rend="italic">Sie glaubten an
              Gott</hi>, sie verstanden Gott. Aber weil sie heimlich ihren Gott aus ihm gemacht
            hatten, glaubten und verstanden sie nun einen gemischten, verwässerten, vermenschlichten
            Gott. Über <hi rend="italic">den Gott, der heilig</hi> und lebendig, gerecht und
            barmherzig ist, erschraken sie, als er ihnen nahe trat. Den <hi rend="italic">Gott, der
              eine alte Welt stürzt</hi>, um eine neue zu schaffen, konnten sie nur hassen. <hi rend="italic">Den Gott, der neue Herzen</hi> in neuen Menschen haben will, erkannten
            sie nicht als ihren Gott. Als Jesus ihnen einmal im Namen dieses Gottes gesagt hatte:
            mag euer Tempel zerfallen, ich will ihn wieder bauen in drei Tagen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.19">Joh. 2,19</ref>]!, da konnten sie diese Worte nur als ein
            Attentat auffassen auf Alles, was ihnen lieb und teuer war. Und als Jesus ihnen jetzt
            auf ihr dringendes Fragen Bescheid gab: ich <hi rend="italic">bin</hi> Christus, der
            Sohn Gottes, da konnten sie darin nur eine Beleidigung sehen gegen <hi rend="italic">ihren</hi> Gott. Denn <hi rend="italic">ihr</hi> Gott hatte <hi rend="italic">keinen
              Sohn</hi> auf der Erde, <hi rend="italic">ihr</hi> Gott wurde <hi rend="italic">nicht
              Mensch, ihr</hi> Gott rührte <hi rend="italic">die Welt</hi> nicht an, sondern wohnte
            in sicherer Ferne, 
            <hi rend="italic">ihr</hi> Gott tat <hi rend="italic">keine Wunder</hi> und verlangte
            nichts Unmögliches, ihr Gott verlangte nur, daß man an ihn <hi rend="italic">glaubte</hi> und über ihn predigte und den Anstand wahrte, <hi rend="italic">ihr</hi>
            Gott <hi rend="italic">war schön</hi>, erhaben, friedlich, gnädig, aber nicht so
            unheimlich lebendig, wahr, revolutionär. In <hi rend="italic">Jesus begegnete ihnen</hi>
            gerade dieses Lebendige, Vollkommene, etwas, das ihnen eine neue Welt verkündigte,
            etwas, das sie vor eine Entscheidung stellte. Das konnten sie nicht als Gott anerkennen.
            Sie konnten es nur <hi rend="italic">entrüstet verwerfen</hi> als eine Lästerung <hi rend="italic">ihres</hi> Gottes. Sie hätten sich jetzt <hi rend="italic">frei
              machen</hi> sollen für den wirklichen <pb ed="pga" xml:id="p117"/> Gott. Sie hätten
            jetzt dem <hi rend="italic">Wink</hi>, den ihnen das Leben gab, folgen sollen. Sie
            hätten sich jetzt <hi rend="italic">beugen sollen</hi> vor der heiligen Eigenmacht
            Gottes. Dann wäre Alles gut geworden. Man kann sich ja irren und krank werden. Man kann
            aber auch seinen Irrtum einsehen und wieder gesund werden. Leider waren sie <hi rend="italic">schon zu fest</hi> und zu sicher. Sie konnten nicht mehr neu anfangen.
            Er ist <hi rend="italic">des Todes schuldig!</hi>, urteilten sie und sprachen ihr
            eigenes Urteil. Nun mußte <hi rend="italic">Gott seinen Weg trennen</hi> von ihren
            Wegen. Nun wurde Gott frei für andere Menschen. Die Zeit der Heiden brach an. Es geht
            immer wieder so. Was ist das Judentum für Gott und was das Christentum? Was Kirche und
            was Religion?, wenn die Menschen sich doch lauter eigene Götter machen nach ihrem Bilde
            und dabei beharren und ihn selbst nicht mehr verstehen? <hi rend="italic">Wo Sinn</hi>
            und Gefühl ist für ihn selbst, <hi rend="italic">da</hi> ist Gott und fragt nicht, wer
            die Menschen sind noch wie sie heißen. «Unter allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht
            tut, der ist ihm angenehm» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.35">Act.
            10,35</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi>
            <hi rend="italic">Jesus aber schwieg.</hi> Die Gerechtigkeit der Menschen mit ihren
            Mißverständnissen und Blindheiten, mit ihren Scheingründen und falschen Anklagen brauste
            an ihm vorüber. Er trat nicht darauf ein. Er ließ sich auf kein Gefecht ein. Er schwieg.
              <hi rend="italic">Nicht aus</hi> Befangenheit oder Unsicherheit. Auch <hi rend="italic">nicht aus</hi> Hochmut und Verachtung. Auch nicht aus dem modernen
            Vorurteil, daß man über Gott doch nicht streiten, doch nichts Rechtes sagen könne. Es
            wäre im Gegenteil sehr viel Gutes und Notwendiges zu sagen gewesen in jener dunklen
            Stunde. Aber <hi rend="italic">nicht Alles</hi>, was allenfalls gesagt werden könnte,
            muß immer und überall gesagt werden. <hi rend="italic">Gott hat seine besonderen
              Stunden</hi>, Stunden des Redens und Stunden des Schweigens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.7">Pred. 3,7</ref>] und vielleicht neue Stunden des Redens,
            jedes zu seiner Zeit und nach seiner Ordnung. Das ist wiederum Gottes <hi rend="italic">Freiheit.</hi> Jesus war ganz durchdrungen und beherrscht von dieser göttlichen
            Freiheit. Er hatte vorher geredet, und er redete später wieder. <hi rend="italic">Jetzt</hi> konnte er schweigen. <hi rend="italic">Die Gerechtigkeit</hi> der Menschen
            und die Sicherheit, mit der sie
            verharrten bei <hi rend="italic">ihrem</hi> Gott, hatten eine Höhe erreicht, daß der
            lebendige Gott nur schweigen und warten konnte. Sie mußte ihren <hi rend="italic">Lauf
              nehmen</hi>, sich erfüllen, sich ausleben [?] und auswirken, um schließlich sich
            selbst zu richten. Jesus <hi rend="italic">folgte Gott</hi>, darum schwieg und wartete
              <pb ed="pga" xml:id="p118"/> auch er. Freilich <hi rend="italic">zog er dabei den
              Kürzeren.</hi> Er mußte <hi rend="italic">leiden</hi>, weil er sich nicht verteidigte.
            Er mußte den bösen <hi rend="italic">Schein</hi> auf sich nehmen, indem er gegen die
            Torheit und Bosheit seiner Gegner nicht antwortete. Er zog sich <hi rend="italic">den
              Tod zu</hi>, indem er sich nicht wehrte, wie es in solcher Lage üblich ist. <hi rend="italic">Gott selbst</hi> sollte jetzt das Wort führen. Das <hi rend="italic">Gericht</hi> sollte nicht aufgehalten werden. Es <hi rend="italic">war Alles so
              weit</hi>, daß die Menschen ihren Willen haben mußten, und wenn es ihn das Leben
            kostete. Wenn sie ihren Willen hatten, konnte das geschehen, was ihren Willen brechen
            sollte. Es konnte in jener Stunde <hi rend="italic">der Sache Gottes</hi> nicht
            wirksamer gedient werden als durch das Schweigen und Leiden Jesu.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi>
            <hi rend="italic">Im Sterben Jesu lag das Geheimnis seiner Kraft.</hi> Welch ein <hi rend="italic">Widerspruch</hi> in jener Stunde! Seine ungerechten Richter sahen nur
              <hi rend="italic">seinen Tod</hi> voraus, der bei ihnen beschlossene Sache war, er
            aber die größte Vermehrung und Entfaltung und Wirkung seines Lebens. Sie dachten: nun
            sind wir <hi rend="italic">fertig mit ihm!</hi> Er dachte: nun fängt’s an. Sie <hi rend="italic">triumphierten</hi> über seine Schwachheit, die ihnen einen leichten Sieg
            ermöglichte, er triumphierte über den Sieg Gottes, der durch diesen Sieg der Menschen
            zustande kam. <hi rend="italic">Sie waren Viele</hi>, er nur Einer. Sie hatten für sich
            das ganze Recht und die ganze Kraft des <hi rend="italic">Augenblicks und des
              Augenscheins.</hi> Er sah hin auf das Recht und die Macht, die die Zukunft ihm geben
            sollte: Von nun an [wird’s geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur
            Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels]! <hi rend="italic">Was bedürfen
              wir</hi> weiter Zeugnis?, haben die ungerechten Richter darauf geantwortet. Für sie
            war Alles klar und entschieden: Frevelhaft war sein Anspruch, nichtig seine Hoffnung.
            Wir müssen uns noch einmal ehrlich gestehen, daß wir uns höchstwahrscheinlich auch auf
            ihre Seite geschlagen hätten. <hi rend="italic">Gott aber</hi> stand in großer Freiheit
            auf der anderen Seite. Das Sterben des Heilands war <hi rend="italic">stärker</hi> als
            das gesunde Leben seiner Feinde, sein Schweigen <hi rend="italic">stärker</hi> als ihre
            vielen Worte, seine Niederlage <hi rend="italic">stärker</hi> als ihr Sieg. Was sie
            getan haben, war <hi rend="italic">schließlich dasselbe</hi>, was die Menschen immer
            getan haben. Es braucht keine besondere Weisheit und keinen besonderen Heldenmut, um
            Gott jenes Nein! entgegenzuschreien, das in ihrem Urteil über Jesus lag. Sie haben damit
            nur ausgesprochen: Da endigt der Mensch, auch der fromme, der gerechte Mensch, daß er
            vor Gott, vor Gott selber erschrickt
            und sich gegen ihn wehrt. Jesus aber hat in <pb ed="pga" xml:id="p119"/> seinem Sterben
              <hi rend="italic">die Quelle eröffnet</hi>, aus der etwas Neues gekommen ist ins
            Menschenleben. Er hat den <hi rend="italic">Gehorsam</hi> bewiesen, den die Anderen
            verweigerten. Dieser sein Gehorsam wurde von nun an eine <hi rend="italic">Macht Gottes
              auf der Erde</hi>, eine Macht der Vergebung für alle die Ungehorsamen. Es gibt einen
            neuen <hi rend="italic">Anfang</hi> für Gerechte und Ungerechte. Es gibt eine große <hi rend="italic">Gelegenheit</hi>, Gott zu fürchten und Recht zu tun, für Alle ohne
            Ausnahme [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.10.35">Act. 10,35</ref>]. Es gibt
            eine <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> Gottes, auf die man zurückkommen kann, wer man
            auch sei, wenn man der menschlichen Gerechtigkeit müde geworden ist. Die Menschen
            wollten zerstören, Gott aber <hi rend="italic">schuf und baute.</hi> Sie wollten
            löschen, er aber zündete sein <hi rend="italic">Feuer an</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.49">Lk. 12,49</ref>]. Sie gedachten es böse zu machen, er aber
            hat es <hi rend="italic">gut gemacht</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.50.20">Gen. 50,20</ref>]. Wir wollen uns getrost zu jenen Menschen stellen, im
            Bewußtsein, daß dort gerade das kräftige <hi rend="italic">Wort der Erlösung</hi>
            gesprochen worden ist, von dem alle Dinge von nun an getragen sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.1.3">Hebr. 1,3</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-79" type="song"> Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du
              verbrochen» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 440,1.3.4; EG 81,1.3.4)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-65" type="song">Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen»
              von <persName ref="kbga-actors-2805">K. H. von Bogatzky</persName>, Strophen 1.2.8 (RG [1998] 797,1.2.7; EG 241,1.2.8; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>

        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
