Matthäus 9,27-31
1. Wenn das Reich Gottes den Menschen nahe kommt, dann müssen sie aus ihrer tiefen Not heraus reden von ihrem Leid und von ihrer Sehnsucht. Vielleicht ist es nicht immer schön und erfreulich, das anzuhören, denn es kommt oft heraus wie das Heulen eines Sturmwinds oder wie das Todesgeschrei eines verwundeten Tieres. Aber es entspricht einer höheren [?] Notwendigkeit, daß es kommt. Man darf sich nicht aufhalten über das Schreckliche, das es an sich hat, man muß an seine tiefste Ursache denken. Wenn das Reich Gottes den Menschen nahe kommt, dann wird es ihnen eben bewußt, daß ihre Not nicht Ordnung ist, sondern Unordnung, nicht Recht, sondern Unrecht. Sie erkennen in einem dumpfen Instinkt die Möglichkeit einer Hilfe. Sie strecken sich in wildem Begehren aus nach dem Helfer. Diese ganze innere Bewegung, die ihren Grund hat in einer Bewegung Gottes selbst, kommt dann heraus in einem lauten Rufen, wie hier in der Geschichte der zwei Blinden: Ach du Sohn
Es gibt freilich auch ein schweigendes Elend, ein schweigendes Zukurzkommen, ein schweigendes Unrechtleiden, und es läßt sich viel Schönes darüber sagen. Es hat auch etwas Göttliches, wenn die Leidenden und Benachteiligten das, was sie drückt, in schweigendem Heldenmut ertragen können und wenn die menschliche Gesellschaft |100 in ihrer Arbeit und Fortentwicklung nicht gestört wird durch das Seufzen und Hilferufen derer, die dabei unter die Räder kommen. Menschlich geredet sind das die schönen Zeiten und Zustände. Gott tut uns oft den Gefallen, wenn man’s so nennen darf, uns solche Zeiten und Zustände zu schenken. Aber wir sollten sie nicht zu laut rühmen und nicht zu heftig verlangen, es dürfe und dürfe nichts Anderes geben als dieses schweigende Elend. Wie viele Jahre mögen die blinden Bettler, von deren Schreien uns unsere Geschichte erzählt, geschwiegen haben. Gott war auch dabei, aber es war doch etwas Unnatürliches und Unheimliches. Ich sah diese Woche die Gefangenen in
Wir dürfen aber nicht verwechseln das, was Gott bloß zuläßt, und das, was er eigentlich will. Es gibt Zeiten und Zustände, da geschieht Alles bloß unter göttlicher Zulassung, nicht ohne Gott, unter seinem Regiment, aber doch sozusagen in seiner Abwesenheit, hinter seinem Rücken. Nur sehr von weitem ist er dabei, nur als Zuschauer gleichsam, ohne daß er die Verantwortung übernimmt für das, was geschieht, ohne daß seine Absichten dabei in Erfüllung gehen. Dieser Haltung Gottes in solchen Zeiten mag das schweigende Elend entsprechen. Es hat seine Schönheit und seine Notwendigkeit, aber das Höchste ist es nicht. Es gibt demgegenüber andere Zeiten und Zustände, da kündigt sich an und bricht hervor, was Gott eigentlich will. |101 Gott hat einen Grimm gegen Sünde und Tod und Alles, was dazu gehört. Gott will heben [?], helfen, befreien, erlösen, gutmachen [?]. Wenn Gott den Menschen nahe tritt, wenn er ihnen sein Angesicht zuwendet, so daß sie wieder merken, was er will, dann müssen sie reden und vielleicht schreien in ihrer Not. Von diesen Zeiten und Zuständen redet die Bibel. Von den anderen redet sie nicht. Die Bibel schweigt vom Schweigen. Sie ist die Geschichte von Menschen, die nicht mehr schweigen konnten von der Not der Welt. Sie mußten es der großen Nähe Gottes wegen aussprechen, was fehlt, und sie mußten nach Hilfe rufen. Im heiligen Mittelpunkt der Bibel, in der Leidensgeschichte, heißt es nicht: Und Jesus schwieg und starb!, sondern: und Jesus schrie laut und verschied [
Wir sollten den Wink, den uns die Bibel gerade in dieser Beziehung gibt, wohl beachten. Er könnte uns lehren die Zeichen der Zeit verstehen. Wenn es vom Schweigen zum Reden und vielleicht zum Schreien kommt, dann ist schon die Hilfe und der Helfer nicht fern. Wäre Christus nicht Gottes Sohn gewesen, dann hätte er schweigend sterben können wie Millionen Andere. Ohne den Heiland hätten die zwei Blinden vielleicht noch ihr Leben lang schweigen können. Wenn das, was heute auf uns wartet, nur Gericht und Finsternis wäre, dann würde jetzt dumpfes Schweigen regieren in der Menschheit. Danken wir Gott dafür, daß dem nicht so ist. Freuen wir uns darüber, daß die Not heute zu schreien anfängt. Wenn solches anfängt zu geschehen, so seht auf und erhebt eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung nahet [
2. Wenn die Menschen nicht mehr schweigen können von ihrer Not und Sehnsucht, dann ist immer auch ein wenig Glaube dabei. Und wenn nun das Reich Gottes ihnen nahe tritt, dann muß auch ihr Glaube reden, bekennen, sich einen Ausdruck verschaffen. Glaube ist die Zuversicht: es gibt ein Können, eine Kraft, eine Macht, die helfen muß und helfen wird. Die zwei Blinden haben geglaubt: du bist der Sohn
Es gibt freilich auch einen schweigenden Glauben, einen schweigenden Mut, eine schweigende Entschlossenheit, und auch darin ist etwas Göttliches. Es gibt eine wohlbegreifliche Scheu vor der Sicherheit des Glaubens, die sich mit dem Bekenntnis auch ans Licht wagt, eine keusche Scheu, den Namen Gottes in den Mund zu nehmen, bevor man es darf, eine vorsichtige Scheu, mit dem Göttlichen zu rechnen als mit einem sicheren Posten, bevor er sicher ist. Es gibt Zeiten [?] und Zustände, wo der Glaube überhaupt erst reifen, wachsen und werden muß, wo es klar werden muß, ob es nicht bloße Worte sind, wenn wir sagen: ich glaube an das Gute, ich glaube an Gott, ich glaube an Gottes Macht auf der Erde, wo es sich zeigen muß, ob es uns eigentlich ernst ist mit unserer Not und Sehnsucht, so ernst, daß wir wirklich unser Anliegen auf Gott, den lebendigen Gott, werfen können und dürfen [vgl.
Aber wir sollten auch in dieser Beziehung das Schweigen nicht für das Höchste halten. Man sollte nicht sagen, das Göttliche sei so hoch und heilig, daß man gar nicht davon reden dürfe. Gott erlaubt es uns vielleicht lange, lange, zu schweigen, unsicher und schwankend zu sein, |103 sogar zu zweifeln. Gott ist auch mit den Zweiflern auf seine Weise. Aber das kann doch nur ein vorläufiger Zustand sein. Gott erlaubt uns auch Manches, was er eigentlich nicht will. Wir dürfen nicht schwanken und zweifeln wollen. Wir dürfen nicht einen Genuß und eine Befriedigung sehen in einer gewissen Unsicherheit. Und darum dürfen wir auch nicht ewig schweigen wollen. Der Weg muß vorwärts gehen vom Schweigen zum Reden, von der Unsicherheit zur Sicherheit, vielleicht langsam, aber doch vorwärts. Stillstand liebt Gott nicht. Wenn sein Reich uns nahe tritt, können wir nicht stillstehen. Wenn es uns ernst ist, müssen wir es zeigen und sagen und betätigen, daß es uns ernst [ist]. Der Glaube, der in der Stille entsteht, muß einem Augenblick entgegen wachsen, wo er sich nicht mehr scheut, wo wir uns gleichsam binden und festlegen durch entschlossene Worte und entschiedene Stellungnahmen. Mit ewig unsicheren Leuten, mit Leuten, die sich immer Alles noch offen lassen wollen, kann Gott nichts anfangen. «Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern» [
3. Und so steht es nun doch auch mit den Erfahrungen von Heil und Erlösung, die man in der Nähe des Reiches Gottes machen kann. Solche Erfahrung haben die zwei Blinden machen dürfen, weil sie nicht nur geschrien haben von ihrer Not und Sehnsucht, sondern auch geglaubt an eine Hilfe, die den Menschen entgegenkommt von oben. «Er rührte ihre Augen an, und ihre Augen wurden geöffnet». Es geschehen eben tatsächlich neue Dinge in der Nähe des Reiches Gottes. Denen, denen es ernst ist, geht da ein Licht auf und kommt eine Kraft zu. Unmögliche Dinge werden möglich. Eine große Verwandlung und Erneuerung hebt an. So war es wenigstens damals in jener großen Gotteszeit. Wir wissen noch wenig davon, aber es kann und soll auch wieder dazu kommen. Solche Erfahrungen drängen dann von selbst ans Licht. Sie haben den Trieb in sich, sich der Welt bekannt zu geben, denn sie sind ja ihrer Natur nach nicht nur für Einzelne, sondern für die ganze Welt bestimmt. So kann es uns nicht wundern, daß wir hören: sie gingen hin und machten ihn ruchbar im ganzen Lande. Gegen das ausdrückliche Verbot Jesu. Er hat seine Gründe gehabt dafür. Es ist gefährlich, wenn man aus solchen Erfahrungen und Bewährungen, innen und außen, ein Wesen macht. Es ist gefährlich, das Göttli|104che Menschen anzupreisen und zu zeigen, die es vielleicht noch gar nicht als Göttliches fassen können. Es ist gefährlich, das Göttliche mit dem Menschlichen zu vermischen, wie es dabei fast notwendig geschieht. Gar leicht vergißt man das und vergessen die Anderen den Zweck solcher Erlebnisse, der ja nur darin bestehen kann, auf viel Größeres aufmerksam zu machen und hinzuweisen. Das Göttliche verlangt eine gewisse Schonzeit, damit wir und die Anderen begreifen können, um wie Großes es sich dabei im Grunde handelt. Wir würden gut tun, uns dem Verbot Jesu sozusagen unbedingt zu unterwerfen, wenn wir überhaupt von solchen Erfahrungen etwas wissen. Es stünde anders um das Reich Gottes, wenn die Christen nicht so plaudersüchtig wären.
Aber auch da wird das Schweigen nicht das Höchste und Letzte sein. Die zwei Blinden werden nicht getadelt und gestraft wegen ihres Ungehorsams. Sie mußten vielleicht ungehorsam sein. Wes das Herz voll ist [, des geht der Mund über (