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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 26,47-56</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 26,47-56, 23. März 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 112.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 26,47-56</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">112</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 26,47-56, 23. März 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1899">KBA 1442</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-03-23">23. März 1919</date>
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          <head><idno>460</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-03-23">23. März 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.47 Mt.26.56">Matthäus 26,47-56</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Und als Jesus noch redete, siehe, da kam <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>,
                  der Zwölf einer, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Stangen von den
                  Hohenpriestern und Ältesten des Volks. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen
                  gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den greifet. Und alsbald
                  trat er zu Jesu und sprach: Gegrüßet seist du, Rabbi! und küßte ihn. Jesus aber
                  sprach zu ihm: Mein Freund, warum bist du gekommen? Da traten sie hinzu und legten
                  die Hände an Jesum und griffen ihn. Und siehe, einer aus denen, die mit Jesu
                  waren, reckte die Hand aus und zog sein Schwert aus und schlug des Hohenpriesters
                  Knecht und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an
                  seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder
                  meinst du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuschickte mehr
                  denn zwölf Legionen Engel? Wie würde aber die Schrift erfüllet? Es muß also gehen.
                  Zu der Stunde sprach Jesus zu den Scharen: Ihr seid ausgegangen wie zu einem
                  Mörder mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen. Bin ich doch täglich gesessen
                  bei euch und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber das
                  ist alles geschehen, daß erfüllet würden die Schriften der Propheten. Da verließen
                  ihn alle Jünger und flohen.]</hi>
              </quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Das Leben Jesu war die Geschichte einer großen <hi rend="italic">Erscheinung und Entfaltung von himmlischen Kräften.</hi> Immer wieder
            lesen wir in den Evangelien den Ausdruck: sie erstaunten [z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.2">Mk. 6,2</ref>], sie entsetzten sich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.12">Mk. 2,12</ref>], sie priesen Gott, der solche Macht
            den Menschen gegeben [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.8">Mt. 9,8</ref>].
            Schon damals haben also die Leute den Eindruck gehabt, daß es da mit Gott in einer ganz
            besonderen, ungeahnten Weise <hi rend="italic">ernst werde</hi>, ernster als bei den
            Frömmsten und Besten, die man kannte, ernster als in der ganzen, mit tiefer Ehrfurcht
            studierten Geschichte Israels. Das Göttliche <hi rend="italic">verlor seine Ferne</hi>
            und Höhe, es war nicht mehr so geistig und unnahbar, es trat zum Greifen deutlich und
            sichtbar ins Leben hinein. Noch war es freilich <hi rend="italic">nicht das
              Allgemeine</hi>, nicht die Luft, in der jedermann lebte. Man konnte sich ihm
            fernhalten, sich ihm widersetzen. Aber es stand doch unmittelbar <hi rend="italic">vor
              der Tür</hi> für jedermann. Es konnte jeden Augenblick eintreten. Man mußte beständig
            damit rechnen als mit etwas durchaus Möglichem und Wahrscheinlichem. Eine Macht wurde
            die <hi rend="italic">Wahrheit</hi>, nicht ein bloßer Ge<pb ed="pga" xml:id="p106" break="no"/>danke; es war offenkundig, wie sie wirkte, wie sie die Grundlagen des
            menschlichen Gemeinschaftslebens berührte und bewegte, wie sie Einzelne gänzlich aus
            ihrer alten Bahn [?] rief und in neue Richtungen trieb. Eine Macht wurde <hi rend="italic">das Gute</hi> aus einem bloßen Ziel, es konnte nicht mehr geleugnet
            werden, wie es sich regte und lebendig wurde auch in Solchen, die ihm am fernsten waren,
            die am tiefsten standen auf der moralischen Stufenleiter. Eine Macht wurde die <hi rend="italic">Hilfe</hi> aus bloßem Wünschen und teilweisen Unternehmungen; es war
            klar, daß Jesus die Wurzeln des Leidens und des Todes überwand und angriff und
            auszureißen vermochte. Wie von einem geheimnisvollen Mittelpunkt aus <hi rend="italic">strahlen da</hi> nach allen Seiten Kräfte, Vergebungen, Erlösungen, Erneuerungen.</p>
          
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Die Leidensgeschichte führt uns in diesen
              <hi rend="italic">Mittelpunkt hinein.</hi> Wenn wir sie verstehen, so können wir die
              <hi rend="italic">Nähe Gottes</hi>, die damals stattfand, begreifen. Bekommen eine <hi rend="italic">Erklärung</hi> für die außerordentlichen Wirkungen, die damals von
            dieser Gottesnähe ausgegangen sind. Bekommen einen <hi rend="italic">Maßstab</hi>, an
            dem wir diese Wirkungen unterscheiden können von anderen unechten, falschgöttlichen
            Wirkungen, wie sie auch vorgekommen sind und noch vorkommen. Bekommen einen Begriff,
            warum <hi rend="italic">unsere Zeit so arm</hi>
             ist an echten himmlischen Kräften.
            Bekommen vielleicht auch eine Andeutung darüber, was <hi rend="italic">geschehen
              müßte</hi>, damit diese Kräfte für uns in unserer Zeit wieder lebendig werden.</p>
          <p>Wenn man die Evangelien oberflächlich liest, so ergreift einen eine <hi rend="sans-serif">große</hi>
            <hi rend="italic">Enttäuschung</hi> von der Stelle an, wo Jesus sagt, daß er nun nach
            Jerusalem gehen müsse, um zu leiden und zu sterben [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.21">Mt. 16,21</ref> par.]. Es kommt einem vor, das sei ein <hi rend="italic">Widerspruch</hi> zu allem Vorangehenden. Man erwartet nach all den
            Kraftwirkungen des Reiches Gottes in Worten und Taten, daß es <hi rend="italic">immer
              schöner</hi> und besser hätte werden sollen. Statt dessen kommt der Tod. Man hat schon
            gesagt, auch Jesus selbst habe sich zwar gottergeben, aber doch nicht ohne leise <hi rend="italic">Bitterkeit</hi> in diese Wendung gefunden. In Wirklichkeit kommen wir
            gerade bei dieser Wendung <hi rend="italic">an die Quelle,</hi> aus der Alles, was
            vorher geschah, geflossen ist. <hi rend="italic">Die Evangelisten des Neuen
              Testaments</hi> jedenfalls haben den Tod Jesu nicht als eine störende Veränderung, ein
            Rätsel, ein bedauerliches Mißgeschick aufgefaßt, sie sind über dieses Ereignis <hi rend="italic">nicht <pb ed="pga" xml:id="p107"/> hinweg</hi>gegangen, sondern haben es
            mit liebevoller Aufmerksamkeit in allen Einzelheiten geschildert, als ob sie uns sagen
            wollten: Seht, nun kommt die <hi rend="italic">Hauptsache</hi>, der Grund und die
            Erklärung von Allem. Es ist merkwürdig genug, aber es ist so: Im Leben Jesu ist das
            Spätere im Grunde <hi rend="italic">das Frühere</hi>, das Erste, die Ursache. Die Kraft
            seines Lebens ist sein <hi rend="italic">Tod.</hi> Seine Siegesgeschichte wurzelt in
            seiner <hi rend="italic">Leidens</hi>geschichte. Der Evangelist <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> z. B. sagt
            einmal ziemlich am Anfang seiner Erzählung von Jesus: «er trieb die Geister aus durch
            das Wort und machte allerlei Kranke gesund, auf daß erfüllt würde [, was gesagt ist
            durch den Propheten <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName>, der da spricht:] Er hat unsere Schwachheiten auf sich
            genommen, und unsere Krankheiten hat er getragen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.16 Mt.8.17">Mt. 8,16f.</ref>], wie wenn er zum vornherein feststellen
            wollte: seht, der Mann, der so Großes vollbracht hat, ist <hi rend="italic">der Knecht
              Gottes</hi>, der die Last und das Leiden der Welt nicht umgangen, sondern mit Wissen
            und Wollen auf sich genommen hat. Ich glaube, er hat Jesus nicht schlecht verstanden.
            Vielleicht würde man die Evangelien am besten <hi rend="italic">rückwärts lesen:</hi>
            zuerst die Auferstehungsgeschichte, um uns sagen zu lassen, daß es sich um ein Neues,
            Göttliches, Himmlisches handelt bei Jesus, dann die Leidensgeschichte, um zu begreifen,
            wie dieses Göttliche auf der alten Erde Fuß fassen und Wurzel schlagen konnte, zuletzt
            die Taten und Worte Jesu, um den Baum in seinen Früchten kennen zu lernen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.17 Mt.7.20">Mt. 7,17-20</ref>]. Die
            Leidensgeschichte ist jedenfalls <hi rend="italic">der Schlüssel</hi>, ohne den wir es
            nicht machen können, wenn sich uns das Geheimnis des nahe
               herbeigekommenen Gottesreiches
            erschließen soll.</p>
          
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Wir wollen nun unseren Text, die Erzählung
            von der Gefangennahme Jesu, für sich selber reden lassen. Gerade sie zeigt uns auf den
            ersten Blick einen <hi rend="italic">starken Gegensatz</hi> zu der vorhergehenden Kraft-
            und Siegesgeschichte. <hi rend="italic">Wo ist</hi> der Mann, dessen Wort erst Entsetzen
            und Anbetung erwirkte, der Mann, in dessen Nähe die Blinden den Messias, den Davidssohn,
            erkannten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.27">Mt. 9,27</ref>], der Mann,
            der die Gesetze der Naturgewalten in sich trug, so daß sie ihm gehorsam waren [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.41">Mk. 4,41</ref> par.]? Hier sehen wir ihn
            auf einmal <hi rend="italic">nichts wirken</hi>, nichts ausrichten, überhaupt nichts
            tun, nicht einmal den Versuch dazu machen, nur leiden, nur annehmen, nur mit sich
            geschehen lassen. Der große Feind, die <hi rend="italic">Sündenfinsternis der Welt</hi>,
            der er im Namen seines <pb ed="pga" xml:id="p108"/> Königs und Vaters so oft den Krieg
            angesagt, steht riesengroß da - und er nimmt den Kampf nicht auf, sondern läßt sie
            gewähren. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName></hi>, diese schreckliche Mischung von Mammonssünde und
            frommer Heuchelei<note xml:id="n01">Die Gestalt des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> fast Jahr für Jahr beschäftigt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2337">Predigten 1913, <ref type="pub-" target="../volume/08/p108#p108">S. 108</ref></bibl> «die scheue, verlogene,
              unglückliche Gestalt des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>»; <bibl corresp="kbga-bibls-829">Predigten 1916,
                <ref type="pub" target="../volume/29/p149#p149">S. 149</ref></bibl> «der finstere Wahnsinn des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>»; <bibl corresp="kbga-bibls-3512">Predigten 1917, <ref type="pub-" target="../volume/32/p109#p109">S. 109</ref></bibl> «Armer <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>!» 1940/41 wird <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem großen <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>-Exkurs schreiben:
              «<persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> ist neben Jesus selbst in gewissem Sinn die wichtigste Figur des Neuen
              Testamentes», weil er in «durch und durch sündigem Handeln» aktiv tätig war «in der
              Vollstreckung dessen, was Gottes Wille war», des Gottes, der seinen Sohn für uns alle
              dahingegeben hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.32">Röm.   8,32</ref>]
                (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 508-563; Zitate S. 558f.</bibl>).</note>,
            darf seinen dunklen Weg zu Ende gehen - und kein Wort fällt, um diesen bösen Geist
            auszutreiben und sein Werk zu zerstören. Mit Schwertern und Stangen dürfen sie kommen
            und <hi rend="italic">Hand an ihn legen</hi> - und kein Zeichen geschieht, um diesen
            plumpen Gewaltigen zu bedeuten, daß hier hohe Interessen auf dem Spiel stehen. Vor
            Verzweiflung <hi rend="italic">fliehen alle Jünger</hi>, entsetzt nicht sowohl über das
            hereinbrechende Unglück selbst als darüber, das Jesus selbst offenbar das Spiel verloren
            gab, entsetzt über sein furchtbares Wort: Es muß also gehen! - und kein Versuch ward
            gemacht, sie zurückzuhalten, sie aufzuklären, einsam bleibt der Heiland zurück in der
            Hand seiner Feinde. Hinter all dieser Finsternis aber steht <hi rend="italic">der
              Tod</hi>, das Gericht, das nach göttlichem Urteil der Sünde folgen muß. Gewinnt es die
            Sünde, so gewinnt es auch der Tod. Wie hatte Jesus darum gerungen in seiner Kraft- und
            Siegeszeit, dieses Urteil aufzuheben, Gott in den Arm zu fallen zugunsten der sündigen
            Menschheit. Der Tod muß es nicht gewinnen, hatte er so oft verkündigt in Worten und
            Taten. «Gott leben sie alle» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.20.38">Lk.
              20,38</ref>], hatte er gerufen über den Gräbern. Nun mußte der Tod doch sein. Er
            selbst ging ihm inmitten seiner Häscher festen Schritts geradeswegs entgegen. Ist das
            nicht der Verzicht, der Rückzug, die Niederlage? Wo sind die strahlenden Kräfte Gottes
            hingekommen?, möchten wir fragen.</p>
          <p><hi rend="italic">Eine</hi>
            <hi rend="italic">direkte Verbindung</hi> besteht jedenfalls zwischen der
            Leidensgeschichte Jesu und seiner Siegesgeschichte. Sie ist ausgesprochen gerade in dem
            Wort: <hi rend="italic">es muß also gehen!</hi>, das die Jünger so schaurig berührt hat,
            daß sie darum die Flucht ergriffen haben, überhaupt in 
            <pb ed="pga" xml:id="p109"/> der Auffassung Jesu, es müsse sich auch jetzt nur erfüllen,
            was Gott beschlossen und wovon die Propheten geredet. Diese Auffassung hatte er <hi rend="italic">immer gehabt</hi>, auch in seiner Kampf- und Kraftzeit. Wir sehen
            daraus, auch wenn es uns schwer fällt, das Warum? zu begreifen, daß Jesus sein Leben und
            sein Sterben, sein Siegen und sein Unterliegen unter die gleiche <hi rend="italic">Gottesordnung</hi> gestellt hat. Wir müssen aber noch weiter gehen. Die strahlenden
              <hi rend="italic">Gotteskräfte</hi> sind auch in der Nacht von Gethsemane nicht ganz
            verschwunden. Sie sind zurückgehalten, unter Verschluß gelegt, aber sie sind da. Das
            zeigt sich an der Art, wie der Verräter <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> behandelt</hi> wird. Es
            ist schwer zu sagen, warum <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> seinen Meister gerade mit einem Kuß verraten hat.
            Jedenfalls wollte <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> damit tun, als ob nichts wäre, der bösen Sache den guten Schein
            geben, als ob er nur als Jünger den Meister begrüße wie einst und immer. Eine <hi rend="italic">Lüge</hi> auf alle Fälle. Sie <hi rend="italic">hält nicht Stand</hi>
            vor Jesus. <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> darf nicht meinen, es sei ihm gelungen zu lügen. Freund, wozu du
            gekommen bist, das tue! <hi rend="italic">Sei, was du bist</hi><note xml:id="n02">Vgl.
              oben <ref target="../volume/39/p022#fn_n05" type="pub">S. 22, Anm.5</ref>.</note>, sei’s im Bösen, wenn du’s nicht im Guten sein kannst, aber
            sei’s! Wolle nicht etwas anderes sein, als du bist! Das Gericht, das in dieser
            Abfertigung lag, war auch Gottes Kraft, wenn auch zurückgehaltene. Das zeigt sich noch
            deutlicher in dem merkwürdigen Wort von den <hi rend="italic">zwölf Legionen
            Engeln</hi>, die ihm zu Hilfe eilen könnten, wenn es jetzt sein sollte. Warum sollte es
            nicht sein? Offenbar hat Jesus eine <hi rend="italic">noch wichtigere Aufgabe</hi>
            gekannt, als die ihm anvertrauten Gotteskräfte spielen und wirken zu lassen. Er stand
            jetzt vor dieser wichtigeren Aufgabe. Aber sie standen ihm auch in diesem Augenblick <hi rend="italic">zur Verfügung.</hi> Es war sein <hi rend="italic">freier Wille</hi>,
            keine Notwendigkeit, kein Schicksal, wenn er jetzt nicht Gebrauch machte davon. |</p>
          <p>Und nun stehen wir schon unmittelbar vor <hi rend="italic">der Sache selber.</hi> Jesus
            hat sich hingegeben. Das Unheil ist <hi rend="italic">nicht über ihn gekommen</hi> als
            etwas Stärkeres - gegen das Stärkere hätte er eine noch stärkere Gegenwehr erheben
            können -, er hat es in <hi rend="italic">Freiheit</hi> auf sich genommen. Gerade in
            unserem Text steht Jesus frei da, königlich. Obwohl er nur leidet - er ist’s, der <hi rend="italic">handelt.</hi> Er handelt, indem er leidet. Er ist nicht von einem bösen
            Zufall überrumpelt worden, er selbst ist der <hi rend="italic">Angreifer.</hi> Der Tod
            überfällt ihn nicht, er ist’s, der <hi rend="italic">den Tod überfällt:</hi> da <pb ed="pga" xml:id="p110"/> bin ich, da hast du mich! Triumphierend kann er es seinen
            Feinden vorhalten: ich bin täglich bei euch gesessen und habe gelehrt im Tempel, und ihr
            habt mich nicht gegriffen! <hi rend="italic">Ihr konntet nicht, ihr durftet nicht!</hi>
            Nun könnt ihr und dürft ihr. Nun habt ihr freien Lauf mit euren Stangen und Schwertern.
            Aber nicht weil ihr es jetzt wollt, sondern <hi rend="italic">weil Gott</hi>
            
            <hi rend="italic">es jetzt will</hi>, weil ich selbst es jetzt will. Jesus hat sich den
            Folgen der menschlichen Sünde <hi rend="sans-serif">persönlich nicht
              entzogen;</hi> er hat sich ihnen unterzogen. Sein Bild ist das eines Menschen, der <hi rend="italic">nicht nach einem Ausweg</hi> sucht vor der drohenden Last des
            Weltlebens. Er sieht sie <hi rend="italic">auftauchen</hi>, ihm näher und näher kommen.
            Er will <hi rend="italic">nicht vergessen</hi>, übersehen, sich betäuben, sich
            erleichtern, sein Teil Anderen zuschieben oder klein machen, ausweichen auf Nebenwege,
            wo das Leid nicht so groß, das Gericht nicht so scharf ist. Er will <hi rend="italic">nicht alle die Künste</hi> anwenden, die wir anwenden, wenn es uns klar wird, daß das
            Leben ohne Gott eine Last ist. Er will nur eines: <hi rend="italic">tragen</hi>, tragen!
            Er hat <hi rend="italic">schwer genommen</hi>, was schwer ist, und darum hat er es nicht
            unter Lächeln getan, sondern unter Tränen, aber er hat es genommen. Er hat <hi rend="italic">sich gebeugt</hi> wie noch Keiner, er hat sich zunichte machen lassen.
            Er ist <hi rend="italic">dem Leid auf den Grund gegangen</hi>, er hat den bitteren Kelch
            ausgetrunken bis auf die Neige [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.42">Mt.
              26,42</ref> par.]. Ein Volk hat sich verirrt im Urwald, kann nicht mehr vorwärts noch
            rückwärts. Nun macht sich Einer auf und geht den <hi rend="italic">Leidensweg
              rückwärts</hi>, fürchtet sich nicht vor Sümpfen, Gestrüpp, Schlangen und wilden
            Tieren, die so manchem zum Verderben geworden, geht rückwärts <hi rend="italic">bis auf
              den Anfang</hi>, bis auf den Punkt, wo der Irrtum anfing und mit dem Irrtum der
            Leidensweg. Vor dem Irrtum aber war die <hi rend="italic">Wahrheit.</hi> Von der
            wiedergefundenen Wahrheit aus kann <hi rend="italic">der rechte Weg gesucht</hi> und
            gefunden werden. Der Leidensweg des Einen wird <hi rend="italic">die Vielen</hi> auf den
            rechten Weg führen. Diese freie, persönliche, völlige Hingabe Jesu war <hi rend="italic">das Geheimnis seiner Kräfte.</hi> Diese Hingabe war <hi rend="italic">Gottes
              Wille.</hi> Jesus war Gott gehorsam. Gottes Wille geschah in seinem Sterben. Darum war
            Gott der Welt damals <hi rend="italic">so nahe.</hi> Darum war das Göttliche damals
            beinahe <hi rend="italic">etwas Gewöhnliches.</hi> Darum gab es damals <hi rend="italic">Mächte</hi> der Wahrheit, Mächte der Güte, Mächte der Hilfe. Es strömten alle diese
            lebendigen Wasser aus der tiefen <hi rend="italic">Quelle der Hingabe</hi> Jesu. <hi rend="italic">Weil er litt</hi> unter der Folge der Sünde, konnte er sie vergeben. <hi rend="italic">Weil er der Not</hi> der Welt den Lauf ließ, konnte er ihr einen Damm
              entgegenstel<pb ed="pga" xml:id="p111" break="no"/>len. <hi rend="italic">Weil er
              starb</hi>, konnte er das Leben ans Licht bringen. Diese Hingabe kann man <hi rend="italic">nicht nachmachen.</hi> Man kann zwar Vieles unternehmen gegen den Bösen
            und gegen das Leid in der Welt, aber wenn es nicht aus dieser Quelle kommt, so kann es
            keine Dauer und Kraft haben. Und wenn eine Zeit, ein Geschlecht <hi rend="italic">Mangel
              leidet</hi> an echtem Leben, am Sieg des Göttlichen, dann wird es auf die Dauer keine
            andere Auskunft geben, als daß es wird in das Licht dieses Sterbens, dieser Niederlage
            treten. 
          </p>
         
          <p rend="margin-top">
            <hi rend="italic">4.</hi>
            <hi rend="italic">Das blitzende Schwert,</hi> mit dem <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> seinem Herrn zu Hilfe
            kommen wollte, mußte Jesus ablehnen. An sich ist zwar dieses Schwert <hi rend="italic">keine unerfreuliche Erscheinung</hi> in der Leidensgeschichte. Nicht nur darum, weil
            es zeigt, daß es den Jüngern Jesu wenigstens an <hi rend="italic">Mut</hi> und an
            ehrlicher Entrüstung und an Energie nicht gefehlt hat. Es beleuchtet auch die <hi rend="italic">Lage</hi>, es nennt Lüge Lüge, Roheit Roheit. Es spricht es aus, daß
            nach menschlichem Ermessen die Lage verdorben ist, so verdorben, daß nur noch Gewalt
            helfen kann. Jesus hat nicht vor der <hi rend="italic">Gewalt an sich</hi> einen Abscheu
            gehabt. Er hat gewußt, daß es Lagen gibt im irdischen Leben, wo Gewalt <hi rend="italic">notwendig</hi> wird, er hat sogar selbst einmal <hi rend="italic">Gewalt geübt:</hi>
            als er die Krämer und Wechsler mit einer Geißel aus Stricken aus dem Tempel trieb [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.15">Joh. 2,15</ref>]. Die menschliche <hi rend="italic">Torheit und Bosheit</hi> schafft sich selber Verlegenheiten, wo gar
            nichts Anderes möglich ist, als [daß] ein Mensch durch die Anderen Strafe erleiden muß.
            Es ist dann ein <hi rend="italic">göttliches Gericht</hi>, was ihm an Leiden,
            Demütigungen oder Beleidigungen durch die Anderen widerfährt. In diesem Sinn hat dort
            auch <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> <hi rend="italic">erst [?] für</hi> Gott das Schwert gezogen und
            geschwungen.</p>
          <p>Aber wo das geschieht, da <hi rend="italic">geschieht es doch immer</hi> auf einer
            niederen Stufe. Gott mag es <hi rend="italic">zulassen</hi>, Gott mag es sogar wollen
            nur in einer gewissen Verlegenheit, aber <hi rend="italic">näher</hi> kommt er den
            Menschen nicht dadurch, daß sie sich gegenseitig strafen für ihre Sünden. Die Menschen
            sind dabei sozusagen <hi rend="italic">unter sich.</hi> Das Göttliche steht still und
              <hi rend="italic">wartet.</hi> Himmlische <hi rend="italic">Kräfte</hi> sind noch nie
            davon ausgegangen, daß man einander geschlagen hat, sei’s nun in Gedanken, Worten oder
            Taten. Kriege und Revolutionen, Wahlen und Abstimmungen, Strafen und Machtbeweise jeder
            Art der einen Menschen über die anderen sind unvermeidlich, aber nur als göttliche
            Gerichte. <hi rend="italic">Quellen der Erlösung</hi> sind <pb ed="pga" xml:id="p112"/>
            solche Ereignisse nicht. Sie <hi rend="italic">vermehren</hi> das Leiden der Menschheit,
            sie führen tiefer und tiefer in den Urwald der Not hinein, nicht rückwärts zurück auf
            den Irrtum, der die Not verursacht, und darüber hinaus in die Wahrheit hinein. «Wer das
            Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.» Darum hat Jesus <hi rend="italic">das
              Schwert des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> abgelehnt.</hi> «Stecke es an seinen Ort!» Es handelt sich jetzt
            nicht darum, das Gericht Gottes walten zu lassen, sondern seiner <hi rend="italic">Gnade
              Raum zu geben.</hi> Der Gnade Gottes ist die Gewalt, die wir gegeneinander brauchen,
              <hi rend="italic">im Wege.</hi> Das Schwert des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> war eine <hi rend="italic">fremde</hi>, störende, ungehörige Erscheinung in dem Augenblick, wo es sich darum
            handelte, durch freie, persönliche, völlige Hingabe die Nähe Gottes zu suchen, den
            himmlischen Kräften den Zugang frei zu machen auf der Erde. Dreinschlagen ist <hi rend="italic">etwas anderes</hi> als sich hingeben. Jesus
               hat sein Heiligtum, das Heiligtum der
            Menschheit, die <hi rend="italic">Quelle der Kraft, gehütet</hi>, indem er sich nicht
            wehrte für sich und auch anderen nicht erlaubte, sich für ihn zu wehren. Wir wollen ihm
              <hi rend="italic">dankbar</hi> sein dafür. Es war der <hi rend="italic">größere
              Sieg</hi>, als wenn er [und] die Jünger es im Kampf mit den Knechten der Hohepriester
            gewonnen hätten. Durch das, was er getan hat, indem er gelitten hat, statt zu schlagen,
            ist der <hi rend="italic">Sieg von oben möglich</hi> geworden, ohne den alle Siege, die
            von unten erfochten werden können, die Not doch nur vermehren können. Indem er gelitten
            hat ohne Widerrede und Widerstand, bekam das Göttliche <hi rend="italic">Spielraum.</hi>
            Es war ein <hi rend="italic">neues Verhalten</hi> auf der alten Erde. In diesem neuen
            Verhalten lag das Geheimnis einer <hi rend="italic">besseren Zukunft.</hi> Es wird an
            uns sein, uns durch das unschuldige Leiden Christi das <hi rend="italic">Vertrauen</hi>
            stärken zu lassen auf die bessere Zukunft, die aus diesem <hi rend="italic">neuen</hi>
            Verhalten wächst.</p>
        </div>
        
        <div type="songs">
          <head>Lieder<note xml:id="n03">Strophenangaben fehlen.</note>:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-75" type="song"> Nr. 117 «O Lamm Gottes, unschuldig am
              Kreuzesstamm geschlachtet» nach <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName> (RG [1998] 437 mit teilweise abweichendem
              Text; vgl. zu Strophe 1 EG 190. 1)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-62" type="song">Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von
              <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName> (RG [1998] 99; EG 303)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
