1.
Der Tod hatte angeklopft an der Tür des Synagogenvorstehers
Jairus in Kapernaum. Hoffnungslos krank lag sein Kind danieder. Unaufhaltsam rückte das
bittere Ende näher und näher. Vielleicht war es schon eingetreten, als der Vater sich
angsterfüllt mit einer letzten Hoffnung Jesu zu Füßen warf. Es scheint, daß er selber
damit gerechnet hat, daß es so sei, noch bevor er es genau wußte: Herr, meine Tochter
ist jetzt gestorben! Vielleicht erinnern wir uns aus unserem eigenen Leben an solche Augenblicke furchtbaren Drucks, wo wir Schrecken und
Verderben über uns und unsere Lieben unwiderstehlich hereinbrechen sahen. Vielleicht ist
es schon geschehen!, dachten wir. Und in dem «Vielleicht» schlummerte drohend das
«Schon». Aber wichtiger als solche persönlichen Erinnerungen wäre heute die Erkenntnis,
daß unsere ganze Zeit und Lage unter solchem Druck steht. Es kann
heute kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die ganze
Entwicklung, in der wir uns befinden, sehr schweren und schmerzlichen Ereignissen
und Verhältnissen entgegentreibt. Sie werden um so schmerzlicher
sein, je weniger wir uns darauf gefaßt machen, je gedankenloser wir uns von der
Entwicklung bloß treiben lassen. Sie können vielleicht noch einige Zeit auf sich warten lassen, um dann nur um so unwiderstehlicher über
uns hereinzubrechen. Es kann aber geradeso gut sein, daß sie schon unmittelbar bevorstehen, ja vielleicht, ohne daß wir’s ahnen, schon eingetreten
sind wie der Tod des Kindes des Jairus. |90 In der Bibel heißen
solche schmerzlichen Ereignisse und Verhältnisse «Gerichte». Es ist mit diesem Ausdruck gemeint, daß sie nicht von ungefähr
kommen, nicht nach bloßer Naturordnung und auch nicht bloß infolge einzelner Torheiten
und Bosheiten der Menschen, sondern gleichsam als reife Früchte
eines langen Wachstums, als Rechnungsabschlüsse, wie sie eben von
Zeit zu Zeit gemacht werden müssen über Soll und Haben, als Urteilssprüche über lange, verwickelte Prozesse, die niemand überhören kann,
weil sie nicht in Worten, sondern in Tatsachen erscheinen. |
So war’s auch im Falle des Jairus. Auch Krankheit und Tod im
Leben des einzelnen Menschen sind nicht Zufälle, nicht Naturnotwendigkeiten, sondern
eben göttliche Gerichte, die auf lange böse Entwicklungen zurückweisen, auch wenn die in
den meisten Fällen äußerlich nicht erkennbar sind. Heute aber sind es nicht Einzelne
nur, sondern ganze
Völker und Klassen, über die das Gericht hereinbricht. Eine Woge
von Unordnung, Gewalt und Schrecken wälzt sich von Osten her über Europa, und sie steht
jetzt dicht vor der Tür des Schweizerhauses. Wollte Gott, wir würden merken, was die Stunde geschlagen hat. Ob wir das, was jetzt in
Rußland und Deutschland geschieht2, billigen oder mißbilligen, ist sehr gleichgültig. Ob wir uns
bemühen, die Kanäle, durch die die böse Flut auch zu uns
hereindringen will, künstlich zu verstopfen oder künstlich zu vergrößern, kommt fast
aufs Gleiche heraus, sie kommt mit oder ohne Kanäle, sie ist schon da. Wichtig wäre
jetzt nur eins, nämlich die Erkenntnis, daß das, was jetzt kommen
will, das Ergebnis einer langen Rechnung ist. Wir ernten jetzt
die bitteren Früchte, die zur Zeit unserer Großväter und Väter und in unserer eigenen
Lebenszeit gewachsen sind. Die Wege der Völker Europas, über
deren Richtung uns der Weltkrieg vor Türschluß noch einmal unzweideutige Klarheit
gegeben hat, führen unaufhaltsam diesem Ziel entgegen, und so sehr wir auf den
bisheri|91gen alten Wegen weitergehen, so sehr
werden wir jenes Ziel, vor dem uns mit Recht schaudert, erreichen. Es kann aber auch
sein, daß es zu spät ist umzukehren, weil das Ziel
schon erreicht ist. Es gab in der Geschichte des Volkes Israel solche
Augenblicke, wo die Propheten nach langen vergeblichen Warnungen sagen mußten:
nun ist’s zu spät! nun kommt, was kommen muß, und niemand wird es aufhalten [vgl. z. B.
Amos 9,1-6]. Ich bin kein Prophet.
Ich sage nicht: es ist zu spät. Aber ich sage: es könnte heute
bereits zu spät sein für uns.
2. Zu spät! Nämlich zu spät für alle menschlichen Versuche, dem Unheil zu wehren. Wie
es für den Jairus zu spät war, sein Kind durch bessere Nahrung
oder durch einen Ferienaufenthalt oder durch Zuziehung anderer Ärzte oder durch eine
Operation am Leben zu erhalten. Das alles hätte früher geschehen
müssen. Jetzt war der Tod schneller als der besorgte Vater. Er
war schon da. So könnte es heute zu spät sein für allerlei
Menschlichkeiten, zu spät für den Acht-Stunden-Tag, zu spät für die
Altersversicherung, zu spät für wohlgemeinte Fürsorgebestrebungen, zu spät für das
Bekenntnis: Ich bin ja im Grunde auch sozial gesinnt! Warum ist nicht vor fünf, vor drei
Jahren, vor einem Jahr so geredet und vor Allem danach gehandelt
worden? Jetzt steht der Tod vor der Tür, und der Tod heißt heute
Bolschewismus, Spartakus3 oder wie man das unaufhaltsame östliche Ungetüm nennen mag. Ich bin der
Überzeugung, wir würden besser tun, uns wie Jairus einzurichten, als
ob es für alle menschlichen Abwehr- und Hilfsversuche bereits zu spät wäre. Das
will nicht sagen, man solle die Hände in
den Schoß legen, wie man ja auch an einem Sterbebett bis zum letzten Augenblick Alles versucht, um den immer dünner werdenden Lebensfaden nicht
abreißen zu lassen. Aber rechnen sollten wir heute mit dem Tode
des Patienten, und stellen sollten wir uns heute der Frage: Was
dann? Was dann, wenn das Unheil kommt, wenn die Flut auch zu uns hereinbricht und
neben vielem, was den Einzelnen jetzt lieb und teuer ist, auch die edelsten Güter
unseres Volkes hinwegschwemmt, unsere gei|92stige und moralische Kultur um Jahrhunderte zurückwirft. Es wäre uns besser, wir würden uns diese Frage: Was
dann? ernsthaft stellen. Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich,
daß diese Flut, die das starke, geistig so hoch stehende Deutschland bereits
überschwemmt hat, vor den dünnen Wänden unseres Schweizerhäusleins endgültig Halt machen
wird. Was dann?, wenn es heute für die bestgemeinten menschlichen
Hilfsversuche - denn von den Christen wollen wir gar nicht reden! - bereits zu spät sein sollte?
3. Dann müßten wir mit Jairus vordringen zu der weiteren Erkenntnis, daß es für die Hilfe, die im
wörtlichen, buchstäblichen Sinn von Gott, von oben
kommt, nie zu spät ist. Von Gott, von oben, ist die Hilfe, die
uns zuteil wird, wenn wir uns ohne Vorbehalt eingestehen, daß das
Gericht, das uns trifft, gerecht ist, wenn wir uns eingestehen, daß der Weg, den
wir bisher gegangen sind, zu diesem Ziel führen mußte, daß es
sich in keiner Weise darum handeln kann, diesen Weg fortzusetzen, sondern darum, einen
neuen Anfang zu machen. Alle Versuche, uns an dieser Einsicht
vorbeizudrücken, sind menschlich, von unten. Sie werden uns gerade in der heutigen Lage
nicht mehr lange helfen. Jairus war demütig und mutig
genug, als der Tod schon da war, die Augen und Hände zu erheben nach einem solchen ganz neuen Anfang. Es braucht Beides dazu: Demut und
Mut. Diese zwei Eigenschaften gehören überhaupt zusammen. Nur wer
von Herzen demütig ist, kann wirklich Mut haben. Aber wer demütig ist, der hat dann auch
Mut. Es braucht Demut dazu, diese Wendung zu nehmen nach der
Hilfe, die von Gott kommt. Denn es liegt davor eben das Eingeständnis: die Hauptsache hat uns bis jetzt gefehlt,
wir sind im Ganzen bis jetzt einen verkehrten Weg gegangen, wir
haben es verdient, da zu stehen, wo wir stehen. Es ist dem Jairus, der als Synagogenvorsteher einer der angesehensten und wohl
auch religiösesten Leute von Kapernaum war, sicher nicht leicht gefallen, mit diesem
stillen Eingeständnis zu Jesus zu gehen. Andere, die mit solcher
Bitte zu Jesus kamen, wie etwa der arme Aussätzige [Mt. 8,2 par.] oder der heidnische Hauptmann [Mt. 8,6
par.] hatten es darin viel leichter, weil sie nicht wie Jairus so viel hatten, auf das
sie sich etwas einbilden konnten, weil sie zum vornherein geistlich ärmer waren. Es ist
auch heute so, daß gerade alle
Tüchtigen, rechtlich Denkenden, Gebildeten, religiös Gesinnten es |93 besonders schwer haben, sich einzugestehen: Wir empfangen, was unsere
Taten wert sind [Lk. 23,41], wir waren
auf einem Holzweg, wir müssen ganz vorne anfangen, auf eine innerste, letzte
Verteidigungslinie uns zurückziehen. Gerade solche Menschen, die etwas
sind und haben im besten Sinn, können es heute meist gar nicht fassen, daß an
unserem bisherigen Wesen wirklich nichts zu retten ist, daß nur Eines uns helfen kann.
Wir können aber gerade an Jairus sehen, daß es auch einem ehrenhaften, frommen Menschen
möglich ist, diesen neuen Weg anzutreten. Du kannst demütig
werden, wer du auch seist, wenn du’s nur merken willst, daß Demut die einzig mögliche
Antwort ist auf die jetzt unmittelbar drohende Gerichtszeit. |
Es braucht freilich auch Mut dazu, in solcher Lage, wo alles
Alte zusammenzubrechen droht, unverzagt an ein Neues zu glauben.
Aber eben: wo Demut ist, da ist dann von selber auch Mut. Wenn es
heute so wenig Menschen gibt, die mit wirklichem Mut in die
Zukunft blicken, so kommt es sicher davon her, weil es so wenig wirklich demütige
Menschen gibt. Vielleicht müßte man schon zu Leuten gehen, die vom Leben ganz tief
gebeugt und niedergedrückt, die gleichsam von Natur demütig sind, um diesen Mut zu
finden. Wir anderen sind wohl alle noch viel zu gescheit oder zu
fromm oder zu reich dazu, um wirklich mutig zu sein. Man muß eben ganz
fertig sein mit dem alten Wesen, um den Mut für die Zukunft doch aufzubringen. Es
brauchte etwas für Jairus, sich mit dem sicheren Tode seines
Kindes abzufinden und sich dann doch an Jesus zu wenden als an den Schöpfer eines neuen
Lebens. In den Worten: Aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!
liegt eine Mannestat sondergleichen. Es war eine Tat wie die
Abrahams, als er dem Ruf Gottes gehorchte: Zieh aus aus deinem Vaterland [… in ein Land,
das ich dir zeigen will (Gen. 12,1)].
Es war nicht selbstverständlich, daß er gehorchte. Es war auch nicht selbstverständlich,
daß er als Hundertjähriger noch Bäume pflanzte zu Beerseba, von denen er jedenfalls keine Frucht mehr erwarten durfte [Gen. 21,33]. Mit allen Patriarchen und Propheten und Adventsmenschen
hat Jairus den großen Sprung ins Ungewisse gewagt und getan. Wenigen von denen, die mit solcher Bitte zu Jesus kamen, wurde es
so schwer zu glauben wie gerade ihm, weil bei Wenigen die offenkundige Wirklichkeit in
so starkem Widerspruch stand wie bei ihm
zu dem, was er glaubte. |
94
Wir haben es heute vielleicht auch besonders schwer zu
glauben. Neues Leben, wo der Tod sein Regiment schon aufgerichtet
hat? Eine bessere Zukunft, wo Umwälzungen drohen, die nach den
bisherigen Erfahrungen überhaupt Alles zu vernichten drohen? Gerechtigkeit und Frieden, wo der unverhüllte Zorn und Gewaltgeist die
Menschheit erst recht zu erfassen scheint? Brüderlichkeit und
Hilfe in einem Augenblick, wo Alles schreit: Hassen, hassen wollen wir! Arbeit und Aufbau, wo die Freude am Vernichten über Millionen von
Menschen gekommen ist und wo wir von dem allem sagen müssen: es ist nicht unbegreiflich, nicht unverdient, nicht ungerecht, es ist nur zu
verständlich nach Allem, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, daß das das
Ende ist? Hoffen in der heutigen Lage? Wissen, daß wir an einem Haus bauen, das für den Abbruch reif und bestimmt ist
und an dem sehr wahrscheinlich alle Reparaturen umsonst sind, und ruhig ausschauen nach
einem neuen Bauplatz und neuem Baumaterial? Glauben, im Ernst an
das Gute glauben im Jahr 1919, - das kann nur, wer eben mit Jairus an Gott glaubt. Wohl verständlich, daß Viele heutzutage Augen und Hände müde sinken
lassen. Der Glaube ist nicht jedermanns Ding [Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (2.Thess. 3,2]. Aber das soll uns Jairus doch sagen,
daß es möglich ist, auch wenn man wie er vor einer Mauer steht,
zu glauben. Es ist möglich, mutig zu sein. Wir können ja damit anfangen, was wir wollen,
aber das müssen wir uns von ihm sagen lassen: es ist möglich. |
Und das wollen wir uns auch von ihm sagen lassen: Wenn es heute zu spät sein sollte für
allerlei Hilfsversuche und Auswege, so ist es jedenfalls für die Hilfe, die von Gott,
von oben kommt und nur von dort, nicht zu spät. Es ist
auch heute nicht zu spät, rein und göttlich und himmlisch auszuschauen und uns auszustrecken nach der Welt, der kein Tod, kein Weltkrieg,
keine Revolution etwas anhaben kann. Wenn wir das tun, dann fällt doch ein großes Licht auf unsere Gegenwart und Zukunft. Wir können an Vielem, an
Allem zweifeln, was wir jetzt sind und haben und tun, und es wäre
gut, wenn wir einmal gründlich zu Zweiflern würden, aber verzweifeln können wir nicht.
Wir können den Untergang erwarten von Allem, was jetzt groß ist
in der Welt, aber wir können an kein Vergehen glauben von dem, was wirklich groß ist.
Wir können das Gericht kommen sehen, aber keine Vernichtung von
dem, was nach seiner Natur nicht vernichtet werden |95 kann.
Wir können uns beugen vor der eintretenden Majestät des Todes,
aber es gibt keinen ewigen Tod, dem wir uns beugen könnten. Was dann?, fragten wir uns. Was dann, wenn das Schlimmste
eintreten sollte und vielleicht schon
in Bewegung ist wie in der Geschichte des Jairus? Dann muß das
Verwesliche anziehen die Unverweslichkeit, und das Sterbliche muß anziehen die
Unsterblichkeit [Mk. 16,15)]. Lasset
euer Licht leuchten [vor den Leuten (1.Kor. 15,53]. Wir wissen aber, so unser irdisch Haus zerbrochen wird, daß wir
einen Bau haben, von Gott erbauet, nicht mit Händen gemacht,
der ewig ist, im Himmel [Mk. 16,15)].
Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (2.Kor. 5,1]. Das ist nicht nur vom Leben der Seelen nach dem Tode gemeint, das
will auch leiblich und irdisch und diesseitig wahr werden. Die
Erfahrung des Jairus zeigt es uns. «Meine Tochter ist jetzt gestorben, aber komm und
lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!» O wir ahnen noch gar nicht, was wir machen könnten in dieser Zeit, wo niemand weiß, was er machen soll,
wenn wir nur so glauben und so reden würden!
4. Dazu brauchte es nun freilich schon damals
eine große Rücksichtslosigkeit, nämlich gegenüber den
Pfeifern und dem Getümmel des Volkes, das das Haus des Jairus mit seinen Totenklagen
erfüllte. Von allen Hindernissen des Reiches Gottes sind die
Klageweiber, die männlichen und die weiblichen, eines von den schlimmsten. Man muß sie
sich mit aller Energie vom Leibe halten, denn wo sie sind, da
kann man nicht glauben, da geschehen keine Wunder. Sie machen es sich zum Beruf, überall
das Irdische, das Menschliche, das Diesseitige zu betonen an den
Ereignissen und Verhältnissen. Solange der Himmel blau ist, leben sie friedlich und
gedankenlos wie alle Anderen, wenn aber der böse Winter da ist, dann erheben sie ihre
Stimmen: Wir haben es immer gesagt! So geht es! So sind die
Menschen! So ist die Welt! Sie glauben grundsätzlich nicht an
Gott, obwohl sie oft und viel von ihm reden, sie glauben an den Tod! Es ist ihnen
ein wahres Fest, zu klagen und zu schelten, und nur dabei werden
sie vollkommen ernst. So sind sie gleichsam die Nachteulen und Unken
und Krähen des lieben Gottes, die seine Gerichte mit ihrem unvermeidlichen,
lauten Gekrächz begleiten. Man muß sehr freundlich und schonend
umgehen mit diesen Leuten, besonders wenn man gemerkt
hat, daß wir alle, heutzutage besonders, manchmal in Versuchung sind, zu den
Klageweibern und Pfeifern zu gehen und Trauerlärm zu machen. Aber man muß ihnen |96
bestimmt und rücksichtslos begegnen: Ich weiß so gut wie ihr, daß
Unheil Unheil ist und Unrecht Unrecht und Tod Tod, aber ich erwarte
nichts davon, diese Tatsachen zu bejammern. Ich danke für
eure feierlichen Andeutungen und Fingerzeige. Wenn ihr mir nicht helfen wollt zu
glauben, so hindert mich wenigstens nicht, wenn ich es tun
möchte. Weichet! Man sollte das heute laut herausrufen in die
Welt und hinein in so manche Häuser und
Herzen: Weichet! Haltet euch still und macht euch unsichtbar,
wenn ihr nur klagen und schelten wollt. Ihr mit eurem Kopfschütteln und eurem Seufzen,
ihr mit euren unerlösten Redensarten vom Schicksal und von der menschlichen
Unvollkommenheit und von den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes, ihr seid’s, die ihr
Gott im Wege steht! Wir sollten alle darin viel strenger werden auch
gegen uns selbst, daß wir es uns nicht alle paar Wochen leisten, in Stimmungen zu
versinken, wo wir nur noch zu seufzen wissen: Ja, nun ist es aber so! Was soll das
heißen? Nur ohne Gott ist es so und bleibt es so. Mit Gott wird
es anders. Gott hat dem Tode nicht dazu Macht gegeben, damit die Klageweiber Arbeit
haben, sondern damit wir uns nach dem Leben ausstrecken sollen.
5.
Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft! Das war
das Wort, das Jesus dem Geschrei und Getue der Klageweiber entgegenstellte. Und dafür
mußte er sich von ihnen auslachen lassen. Sie waren doch so viel
klüger als er. Sie wußten: Tot ist tot,
aus ist aus! Sie nahmen die Welt, wie sie ist, und verhielten
sich danach; er aber war ein Schwärmer und Phantast. In der Tat ein merkwürdiges Wort. Jesus hat ein andermal die Lebendigen Tote genannt: «Laß die
Toten ihre Toten begraben» [Lk. 9,60]!
Diesmal nennt er das tote Kind lebendig. Wir sind immer in
Versuchung, bei solchen Bibelstellen zu denken: ja das sind schöne Gedanken, schöne Worte. Wir sollten uns das abgewöhnen. Wenn das nur
schön gedacht und schön geredet war von Jesus, dann war es Spielerei. Dann wollte ich es
mit den Klageweibern halten, die Alles nehmen, wie es ist, und das Übrige [?]
verlachen [?]. Aber Jesus hat mit diesem Wort nicht etwas Schönes sagen wollen, sondern
etwas Wahres. Er hat nicht eine tiefe Idee ausgesprochen in
einem seltsamen Wortspiel, sondern er hat sehr nüchtern eine
Handlung damit eröffnet. Er hat wieder einmal ausgesprochen, was werden sollte. Er hat an Gott gedacht. Und das heißt
bei ihm: er hat an sein eigenes Leben gedacht und an seine |97 Aufgabe, zu suchen und zu retten, was verloren ist [Lk. 19,10 par.]. Er hat an Alles gedacht,
was er schon getan hatte und was er noch
tun wollte in der Erfüllung dieser Aufgabe. Das ist zweierlei: schöne Gedanken und Worte und eine solche Reihe von göttlichen Taten.
Für Jesus gehörte das tote Kind bereits hinein in die
Reihe der göttlichen Taten, in sein eigenes Heilandsleben. Er stellte es mitten hinein
durch sein Wort. Und darum konnte er es schon nicht mehr tot
nennen. In Gott ist kein Tod, sind keine Toten. Ihm leben sie alle [Lk. 20,38]. |
Das war eben das große Licht, das der
Erkenntnis des Jairus, seiner Demut und seinem Mut antwortete. Wenn wir seine Erkenntnis
teilen würden, dann würden uns heute auch Bolschewismus
und Spartakismus und wie diese Todeserscheinungen einer untergehenden Weltperiode heißen
mögen, in dieses große Licht treten. Schöne Gedanken und schöne
Worte lassen sich freilich nicht darüber machen. Häßlich ist häßlich, und schrecklich
ist schrecklich, und Tod ist Tod. Wohl aber könnten auch die Gerichte, denen wir heute
wahrscheinlich entgegengehen, hineingestellt werden in die große
Reihe göttlicher Taten, die auch heute noch nicht zu Ende ist. Sie könnten einen anderen
Sinn und einen anderen Inhalt bekommen. Was jetzt Unrecht ist,
könnte höchstes Recht, was jetzt Leid ist, könnte Freude, was jetzt Verderben ist, könnte Heil, was jetzt Untergang ist, könnte zum neuen Werden sich
gestalten. Denn auch die großen Gerichte, die über die Menschheit gehen, sind nicht das Ende der Wege Gottes, so wenig der Tod des einzelnen
Menschen das Ende der Wege Gottes mit ihm ist: Das Ende ist immer Gnade und Leben.
Dieses Ende könnte sichtbar werden, so daß wir angesichts des
großen Jammers, des blutigsten Unrechts sagen dürften: Das Mägdlein ist nicht tot,
sondern es schläft nur. So könnte es sein, so wahr Gott lebt,
wenn Gott heute unserem Glauben antworten könnte, wenn der
Heiland heute aussprechen könnte, was werden soll. Wenn wir heute
dazu verurteilt sind, in dem, was kommt, nur Unheil und
Verderben zu sehen, dann aus dem einen Grunde, weil wir nur noch so
schwach in dem Heilandsleben, in der Heilandsbewegung drin stehen, die das
Gericht in Gnade verwandelt. Ist es aber so, dann können wir heute vielleicht hilflos,
aber nicht ratlos sein. Wir können wissen, was uns nötig ist. Warum rufen wir nicht lauter, nicht sehnsüchtiger, nicht
ernsthafter nach dem Strom des Geistes von oben, der den Tod in Leben, den Untergang in
Auferstehung verwan|98delt? Warum liegen und sitzen
und stehen wir, wo wir uns mit dem Heiland bewegen sollten? Warum
lassen wir’s nicht zu, daß er uns wieder mitnehme auf seinen
Wegen? Wir würden dann heute schon zu sehen bekommen, daß in Gott keine Toten
sind. Denn alle Dinge sind möglich dem, der glaubt [Mk. 9,23].