9. März 1919

Matthäus 9,18-19.23-26

89
458
Matthäus 9,18-19.23-26
[Da er solches mit ihnen redete, siehe, da kam der Obersten einer und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, meine Tochter ist jetzt gestorben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig. Und Jesus stand auf und folgte ihm nach und seine Jünger. Und als er in des Obersten Haus kam und sah die Pfeifer und das Getümmel des Volks, sprach er zu ihnen: Weichet! denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand; da stand das Mägdlein auf. Und dies Gerücht erscholl in dasselbe ganze Land.]

1. Der Tod hatte angeklopft an der Tür des Synagogenvorstehers Jairus in Kapernaum. Hoffnungslos krank lag sein Kind danieder. Unaufhaltsam rückte das bittere Ende näher und näher. Vielleicht war es schon eingetreten, als der Vater sich angsterfüllt mit einer letzten Hoffnung Jesu zu Füßen warf. Es scheint, daß er selber damit gerechnet hat, daß es so sei, noch bevor er es genau wußte: Herr, meine Tochter ist jetzt gestorben! Vielleicht erinnern wir uns aus unserem eigenen Leben an solche Augenblicke furchtbaren Drucks, wo wir Schrecken und Verderben über uns und unsere Lieben unwiderstehlich hereinbrechen sahen. Vielleicht ist es schon geschehen!, dachten wir. Und in dem «Vielleicht» schlummerte drohend das «Schon». Aber wichtiger als solche persönlichen Erinnerungen wäre heute die Erkenntnis, daß unsere ganze Zeit und Lage unter solchem Druck steht. Es kann heute kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die ganze Entwicklung, in der wir uns befinden, sehr schweren und schmerzlichen Ereignissen und Verhältnissen entgegentreibt. Sie werden um so schmerzlicher sein, je weniger wir uns darauf gefaßt machen, je gedankenloser wir uns von der Entwicklung bloß treiben lassen. Sie können vielleicht noch einige Zeit auf sich warten lassen, um dann nur um so unwiderstehlicher über uns hereinzubrechen. Es kann aber geradeso gut sein, daß sie schon unmittelbar bevorstehen, ja vielleicht, ohne daß wir’s ahnen, schon eingetreten sind wie der Tod des Kindes des Jairus. |90 In der Bibel heißen solche schmerzlichen Ereignisse und Verhältnisse «Gerichte». Es ist mit diesem Ausdruck gemeint, daß sie nicht von ungefähr kommen, nicht nach bloßer Naturordnung und auch nicht bloß infolge einzelner Torheiten und Bosheiten der Menschen, sondern gleichsam als reife Früchte eines langen Wachstums, als Rechnungsabschlüsse, wie sie eben von Zeit zu Zeit gemacht werden müssen über Soll und Haben, als Urteilssprüche über lange, verwickelte Prozesse, die niemand überhören kann, weil sie nicht in Worten, sondern in Tatsachen erscheinen. |

So war’s auch im Falle des Jairus. Auch Krankheit und Tod im Leben des einzelnen Menschen sind nicht Zufälle, nicht Naturnotwendigkeiten, sondern eben göttliche Gerichte, die auf lange böse Entwicklungen zurückweisen, auch wenn die in den meisten Fällen äußerlich nicht erkennbar sind. Heute aber sind es nicht Einzelne nur, sondern ganze Völker und Klassen, über die das Gericht hereinbricht. Eine Woge von Unordnung, Gewalt und Schrecken wälzt sich von Osten her über Europa, und sie steht jetzt dicht vor der Tür des Schweizerhauses. Wollte Gott, wir würden merken, was die Stunde geschlagen hat. Ob wir das, was jetzt in Rußland und Deutschland geschieht2, billigen oder mißbilligen, ist sehr gleichgültig. Ob wir uns bemühen, die Kanäle, durch die die böse Flut auch zu uns hereindringen will, künstlich zu verstopfen oder künstlich zu vergrößern, kommt fast aufs Gleiche heraus, sie kommt mit oder ohne Kanäle, sie ist schon da. Wichtig wäre jetzt nur eins, nämlich die Erkenntnis, daß das, was jetzt kommen will, das Ergebnis einer langen Rechnung ist. Wir ernten jetzt die bitteren Früchte, die zur Zeit unserer Großväter und Väter und in unserer eigenen Lebenszeit gewachsen sind. Die Wege der Völker Europas, über deren Richtung uns der Weltkrieg vor Türschluß noch einmal unzweideutige Klarheit gegeben hat, führen unaufhaltsam diesem Ziel entgegen, und so sehr wir auf den bisheri|91gen alten Wegen weitergehen, so sehr werden wir jenes Ziel, vor dem uns mit Recht schaudert, erreichen. Es kann aber auch sein, daß es zu spät ist umzukehren, weil das Ziel schon erreicht ist. Es gab in der Geschichte des Volkes Israel solche Augenblicke, wo die Propheten nach langen vergeblichen Warnungen sagen mußten: nun ist’s zu spät! nun kommt, was kommen muß, und niemand wird es aufhalten [vgl. z. B. Amos 9,1-6]. Ich bin kein Prophet. Ich sage nicht: es ist zu spät. Aber ich sage: es könnte heute bereits zu spät sein für uns.

2. Zu spät! Nämlich zu spät für alle menschlichen Versuche, dem Unheil zu wehren. Wie es für den Jairus zu spät war, sein Kind durch bessere Nahrung oder durch einen Ferienaufenthalt oder durch Zuziehung anderer Ärzte oder durch eine Operation am Leben zu erhalten. Das alles hätte früher geschehen müssen. Jetzt war der Tod schneller als der besorgte Vater. Er war schon da. So könnte es heute zu spät sein für allerlei Menschlichkeiten, zu spät für den Acht-Stunden-Tag, zu spät für die Altersversicherung, zu spät für wohlgemeinte Fürsorgebestrebungen, zu spät für das Bekenntnis: Ich bin ja im Grunde auch sozial gesinnt! Warum ist nicht vor fünf, vor drei Jahren, vor einem Jahr so geredet und vor Allem danach gehandelt worden? Jetzt steht der Tod vor der Tür, und der Tod heißt heute Bolschewismus, Spartakus3 oder wie man das unaufhaltsame östliche Ungetüm nennen mag. Ich bin der Überzeugung, wir würden besser tun, uns wie Jairus einzurichten, als ob es für alle menschlichen Abwehr- und Hilfsversuche bereits zu spät wäre. Das will nicht sagen, man solle die Hände in den Schoß legen, wie man ja auch an einem Sterbebett bis zum letzten Augenblick Alles versucht, um den immer dünner werdenden Lebensfaden nicht abreißen zu lassen. Aber rechnen sollten wir heute mit dem Tode des Patienten, und stellen sollten wir uns heute der Frage: Was dann? Was dann, wenn das Unheil kommt, wenn die Flut auch zu uns hereinbricht und neben vielem, was den Einzelnen jetzt lieb und teuer ist, auch die edelsten Güter unseres Volkes hinwegschwemmt, unsere gei|92stige und moralische Kultur um Jahrhunderte zurückwirft. Es wäre uns besser, wir würden uns diese Frage: Was dann? ernsthaft stellen. Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß diese Flut, die das starke, geistig so hoch stehende Deutschland bereits überschwemmt hat, vor den dünnen Wänden unseres Schweizerhäusleins endgültig Halt machen wird. Was dann?, wenn es heute für die bestgemeinten menschlichen Hilfsversuche - denn von den Christen wollen wir gar nicht reden! - bereits zu spät sein sollte?

3. Dann müßten wir mit Jairus vordringen zu der weiteren Erkenntnis, daß es für die Hilfe, die im wörtlichen, buchstäblichen Sinn von Gott, von oben kommt, nie zu spät ist. Von Gott, von oben, ist die Hilfe, die uns zuteil wird, wenn wir uns ohne Vorbehalt eingestehen, daß das Gericht, das uns trifft, gerecht ist, wenn wir uns eingestehen, daß der Weg, den wir bisher gegangen sind, zu diesem Ziel führen mußte, daß es sich in keiner Weise darum handeln kann, diesen Weg fortzusetzen, sondern darum, einen neuen Anfang zu machen. Alle Versuche, uns an dieser Einsicht vorbeizudrücken, sind menschlich, von unten. Sie werden uns gerade in der heutigen Lage nicht mehr lange helfen. Jairus war demütig und mutig genug, als der Tod schon da war, die Augen und Hände zu erheben nach einem solchen ganz neuen Anfang. Es braucht Beides dazu: Demut und Mut. Diese zwei Eigenschaften gehören überhaupt zusammen. Nur wer von Herzen demütig ist, kann wirklich Mut haben. Aber wer demütig ist, der hat dann auch Mut. Es braucht Demut dazu, diese Wendung zu nehmen nach der Hilfe, die von Gott kommt. Denn es liegt davor eben das Eingeständnis: die Hauptsache hat uns bis jetzt gefehlt, wir sind im Ganzen bis jetzt einen verkehrten Weg gegangen, wir haben es verdient, da zu stehen, wo wir stehen. Es ist dem Jairus, der als Synagogenvorsteher einer der angesehensten und wohl auch religiösesten Leute von Kapernaum war, sicher nicht leicht gefallen, mit diesem stillen Eingeständnis zu Jesus zu gehen. Andere, die mit solcher Bitte zu Jesus kamen, wie etwa der arme Aussätzige [Mt. 8,2 par.] oder der heidnische Hauptmann [Mt. 8,6 par.] hatten es darin viel leichter, weil sie nicht wie Jairus so viel hatten, auf das sie sich etwas einbilden konnten, weil sie zum vornherein geistlich ärmer waren. Es ist auch heute so, daß gerade alle Tüchtigen, rechtlich Denkenden, Gebildeten, religiös Gesinnten es |93 besonders schwer haben, sich einzugestehen: Wir empfangen, was unsere Taten wert sind [Lk. 23,41], wir waren auf einem Holzweg, wir müssen ganz vorne anfangen, auf eine innerste, letzte Verteidigungslinie uns zurückziehen. Gerade solche Menschen, die etwas sind und haben im besten Sinn, können es heute meist gar nicht fassen, daß an unserem bisherigen Wesen wirklich nichts zu retten ist, daß nur Eines uns helfen kann. Wir können aber gerade an Jairus sehen, daß es auch einem ehrenhaften, frommen Menschen möglich ist, diesen neuen Weg anzutreten. Du kannst demütig werden, wer du auch seist, wenn du’s nur merken willst, daß Demut die einzig mögliche Antwort ist auf die jetzt unmittelbar drohende Gerichtszeit. |

Es braucht freilich auch Mut dazu, in solcher Lage, wo alles Alte zusammenzubrechen droht, unverzagt an ein Neues zu glauben. Aber eben: wo Demut ist, da ist dann von selber auch Mut. Wenn es heute so wenig Menschen gibt, die mit wirklichem Mut in die Zukunft blicken, so kommt es sicher davon her, weil es so wenig wirklich demütige Menschen gibt. Vielleicht müßte man schon zu Leuten gehen, die vom Leben ganz tief gebeugt und niedergedrückt, die gleichsam von Natur demütig sind, um diesen Mut zu finden. Wir anderen sind wohl alle noch viel zu gescheit oder zu fromm oder zu reich dazu, um wirklich mutig zu sein. Man muß eben ganz fertig sein mit dem alten Wesen, um den Mut für die Zukunft doch aufzubringen. Es brauchte etwas für Jairus, sich mit dem sicheren Tode seines Kindes abzufinden und sich dann doch an Jesus zu wenden als an den Schöpfer eines neuen Lebens. In den Worten: Aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig! liegt eine Mannestat sondergleichen. Es war eine Tat wie die Abrahams, als er dem Ruf Gottes gehorchte: Zieh aus aus deinem Vaterland [… in ein Land, das ich dir zeigen will (Gen. 12,1)]. Es war nicht selbstverständlich, daß er gehorchte. Es war auch nicht selbstverständlich, daß er als Hundertjähriger noch Bäume pflanzte zu Beerseba, von denen er jedenfalls keine Frucht mehr erwarten durfte [Gen. 21,33]. Mit allen Patriarchen und Propheten und Adventsmenschen hat Jairus den großen Sprung ins Ungewisse gewagt und getan. Wenigen von denen, die mit solcher Bitte zu Jesus kamen, wurde es so schwer zu glauben wie gerade ihm, weil bei Wenigen die offenkundige Wirklichkeit in so starkem Widerspruch stand wie bei ihm zu dem, was er glaubte. |

94 Wir haben es heute vielleicht auch besonders schwer zu glauben. Neues Leben, wo der Tod sein Regiment schon aufgerichtet hat? Eine bessere Zukunft, wo Umwälzungen drohen, die nach den bisherigen Erfahrungen überhaupt Alles zu vernichten drohen? Gerechtigkeit und Frieden, wo der unverhüllte Zorn und Gewaltgeist die Menschheit erst recht zu erfassen scheint? Brüderlichkeit und Hilfe in einem Augenblick, wo Alles schreit: Hassen, hassen wollen wir! Arbeit und Aufbau, wo die Freude am Vernichten über Millionen von Menschen gekommen ist und wo wir von dem allem sagen müssen: es ist nicht unbegreiflich, nicht unverdient, nicht ungerecht, es ist nur zu verständlich nach Allem, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, daß das das Ende ist? Hoffen in der heutigen Lage? Wissen, daß wir an einem Haus bauen, das für den Abbruch reif und bestimmt ist und an dem sehr wahrscheinlich alle Reparaturen umsonst sind, und ruhig ausschauen nach einem neuen Bauplatz und neuem Baumaterial? Glauben, im Ernst an das Gute glauben im Jahr 1919, - das kann nur, wer eben mit Jairus an Gott glaubt. Wohl verständlich, daß Viele heutzutage Augen und Hände müde sinken lassen. Der Glaube ist nicht jedermanns Ding [Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (2.Thess. 3,2]. Aber das soll uns Jairus doch sagen, daß es möglich ist, auch wenn man wie er vor einer Mauer steht, zu glauben. Es ist möglich, mutig zu sein. Wir können ja damit anfangen, was wir wollen, aber das müssen wir uns von ihm sagen lassen: es ist möglich. |

Und das wollen wir uns auch von ihm sagen lassen: Wenn es heute zu spät sein sollte für allerlei Hilfsversuche und Auswege, so ist es jedenfalls für die Hilfe, die von Gott, von oben kommt und nur von dort, nicht zu spät. Es ist auch heute nicht zu spät, rein und göttlich und himmlisch auszuschauen und uns auszustrecken nach der Welt, der kein Tod, kein Weltkrieg, keine Revolution etwas anhaben kann. Wenn wir das tun, dann fällt doch ein großes Licht auf unsere Gegenwart und Zukunft. Wir können an Vielem, an Allem zweifeln, was wir jetzt sind und haben und tun, und es wäre gut, wenn wir einmal gründlich zu Zweiflern würden, aber verzweifeln können wir nicht. Wir können den Untergang erwarten von Allem, was jetzt groß ist in der Welt, aber wir können an kein Vergehen glauben von dem, was wirklich groß ist. Wir können das Gericht kommen sehen, aber keine Vernichtung von dem, was nach seiner Natur nicht vernichtet werden |95 kann. Wir können uns beugen vor der eintretenden Majestät des Todes, aber es gibt keinen ewigen Tod, dem wir uns beugen könnten. Was dann?, fragten wir uns. Was dann, wenn das Schlimmste eintreten sollte und vielleicht schon in Bewegung ist wie in der Geschichte des Jairus? Dann muß das Verwesliche anziehen die Unverweslichkeit, und das Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit [Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (1.Kor. 15,53]. Wir wissen aber, so unser irdisch Haus zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbauet, nicht mit Händen gemacht, der ewig ist, im Himmel [Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (2.Kor. 5,1]. Das ist nicht nur vom Leben der Seelen nach dem Tode gemeint, das will auch leiblich und irdisch und diesseitig wahr werden. Die Erfahrung des Jairus zeigt es uns. «Meine Tochter ist jetzt gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!» O wir ahnen noch gar nicht, was wir machen könnten in dieser Zeit, wo niemand weiß, was er machen soll, wenn wir nur so glauben und so reden würden!

4. Dazu brauchte es nun freilich schon damals eine große Rücksichtslosigkeit, nämlich gegenüber den Pfeifern und dem Getümmel des Volkes, das das Haus des Jairus mit seinen Totenklagen erfüllte. Von allen Hindernissen des Reiches Gottes sind die Klageweiber, die männlichen und die weiblichen, eines von den schlimmsten. Man muß sie sich mit aller Energie vom Leibe halten, denn wo sie sind, da kann man nicht glauben, da geschehen keine Wunder. Sie machen es sich zum Beruf, überall das Irdische, das Menschliche, das Diesseitige zu betonen an den Ereignissen und Verhältnissen. Solange der Himmel blau ist, leben sie friedlich und gedankenlos wie alle Anderen, wenn aber der böse Winter da ist, dann erheben sie ihre Stimmen: Wir haben es immer gesagt! So geht es! So sind die Menschen! So ist die Welt! Sie glauben grundsätzlich nicht an Gott, obwohl sie oft und viel von ihm reden, sie glauben an den Tod! Es ist ihnen ein wahres Fest, zu klagen und zu schelten, und nur dabei werden sie vollkommen ernst. So sind sie gleichsam die Nachteulen und Unken und Krähen des lieben Gottes, die seine Gerichte mit ihrem unvermeidlichen, lauten Gekrächz begleiten. Man muß sehr freundlich und schonend umgehen mit diesen Leuten, besonders wenn man gemerkt hat, daß wir alle, heutzutage besonders, manchmal in Versuchung sind, zu den Klageweibern und Pfeifern zu gehen und Trauerlärm zu machen. Aber man muß ihnen |96 bestimmt und rücksichtslos begegnen: Ich weiß so gut wie ihr, daß Unheil Unheil ist und Unrecht Unrecht und Tod Tod, aber ich erwarte nichts davon, diese Tatsachen zu bejammern. Ich danke für eure feierlichen Andeutungen und Fingerzeige. Wenn ihr mir nicht helfen wollt zu glauben, so hindert mich wenigstens nicht, wenn ich es tun möchte. Weichet! Man sollte das heute laut herausrufen in die Welt und hinein in so manche Häuser und Herzen: Weichet! Haltet euch still und macht euch unsichtbar, wenn ihr nur klagen und schelten wollt. Ihr mit eurem Kopfschütteln und eurem Seufzen, ihr mit euren unerlösten Redensarten vom Schicksal und von der menschlichen Unvollkommenheit und von den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes, ihr seid’s, die ihr Gott im Wege steht! Wir sollten alle darin viel strenger werden auch gegen uns selbst, daß wir es uns nicht alle paar Wochen leisten, in Stimmungen zu versinken, wo wir nur noch zu seufzen wissen: Ja, nun ist es aber so! Was soll das heißen? Nur ohne Gott ist es so und bleibt es so. Mit Gott wird es anders. Gott hat dem Tode nicht dazu Macht gegeben, damit die Klageweiber Arbeit haben, sondern damit wir uns nach dem Leben ausstrecken sollen.

5. Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft! Das war das Wort, das Jesus dem Geschrei und Getue der Klageweiber entgegenstellte. Und dafür mußte er sich von ihnen auslachen lassen. Sie waren doch so viel klüger als er. Sie wußten: Tot ist tot, aus ist aus! Sie nahmen die Welt, wie sie ist, und verhielten sich danach; er aber war ein Schwärmer und Phantast. In der Tat ein merkwürdiges Wort. Jesus hat ein andermal die Lebendigen Tote genannt: «Laß die Toten ihre Toten begraben» [Lk. 9,60]! Diesmal nennt er das tote Kind lebendig. Wir sind immer in Versuchung, bei solchen Bibelstellen zu denken: ja das sind schöne Gedanken, schöne Worte. Wir sollten uns das abgewöhnen. Wenn das nur schön gedacht und schön geredet war von Jesus, dann war es Spielerei. Dann wollte ich es mit den Klageweibern halten, die Alles nehmen, wie es ist, und das Übrige [?] verlachen [?]. Aber Jesus hat mit diesem Wort nicht etwas Schönes sagen wollen, sondern etwas Wahres. Er hat nicht eine tiefe Idee ausgesprochen in einem seltsamen Wortspiel, sondern er hat sehr nüchtern eine Handlung damit eröffnet. Er hat wieder einmal ausgesprochen, was werden sollte. Er hat an Gott gedacht. Und das heißt bei ihm: er hat an sein eigenes Leben gedacht und an seine |97 Aufgabe, zu suchen und zu retten, was verloren ist [Lk. 19,10 par.]. Er hat an Alles gedacht, was er schon getan hatte und was er noch tun wollte in der Erfüllung dieser Aufgabe. Das ist zweierlei: schöne Gedanken und Worte und eine solche Reihe von göttlichen Taten. Für Jesus gehörte das tote Kind bereits hinein in die Reihe der göttlichen Taten, in sein eigenes Heilandsleben. Er stellte es mitten hinein durch sein Wort. Und darum konnte er es schon nicht mehr tot nennen. In Gott ist kein Tod, sind keine Toten. Ihm leben sie alle [Lk. 20,38]. |

Das war eben das große Licht, das der Erkenntnis des Jairus, seiner Demut und seinem Mut antwortete. Wenn wir seine Erkenntnis teilen würden, dann würden uns heute auch Bolschewismus und Spartakismus und wie diese Todeserscheinungen einer untergehenden Weltperiode heißen mögen, in dieses große Licht treten. Schöne Gedanken und schöne Worte lassen sich freilich nicht darüber machen. Häßlich ist häßlich, und schrecklich ist schrecklich, und Tod ist Tod. Wohl aber könnten auch die Gerichte, denen wir heute wahrscheinlich entgegengehen, hineingestellt werden in die große Reihe göttlicher Taten, die auch heute noch nicht zu Ende ist. Sie könnten einen anderen Sinn und einen anderen Inhalt bekommen. Was jetzt Unrecht ist, könnte höchstes Recht, was jetzt Leid ist, könnte Freude, was jetzt Verderben ist, könnte Heil, was jetzt Untergang ist, könnte zum neuen Werden sich gestalten. Denn auch die großen Gerichte, die über die Menschheit gehen, sind nicht das Ende der Wege Gottes, so wenig der Tod des einzelnen Menschen das Ende der Wege Gottes mit ihm ist: Das Ende ist immer Gnade und Leben. Dieses Ende könnte sichtbar werden, so daß wir angesichts des großen Jammers, des blutigsten Unrechts sagen dürften: Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft nur. So könnte es sein, so wahr Gott lebt, wenn Gott heute unserem Glauben antworten könnte, wenn der Heiland heute aussprechen könnte, was werden soll. Wenn wir heute dazu verurteilt sind, in dem, was kommt, nur Unheil und Verderben zu sehen, dann aus dem einen Grunde, weil wir nur noch so schwach in dem Heilandsleben, in der Heilandsbewegung drin stehen, die das Gericht in Gnade verwandelt. Ist es aber so, dann können wir heute vielleicht hilflos, aber nicht ratlos sein. Wir können wissen, was uns nötig ist. Warum rufen wir nicht lauter, nicht sehnsüchtiger, nicht ernsthafter nach dem Strom des Geistes von oben, der den Tod in Leben, den Untergang in Auferstehung verwan|98delt? Warum liegen und sitzen und stehen wir, wo wir uns mit dem Heiland bewegen sollten? Warum lassen wir’s nicht zu, daß er uns wieder mitnehme auf seinen Wegen? Wir würden dann heute schon zu sehen bekommen, daß in Gott keine Toten sind. Denn alle Dinge sind möglich dem, der glaubt [Mk. 9,23].

Lieder:
  • Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von P. Gerhardt, Strophen 1-3.12.13 (RG [1998] 723; EG 324) 🎵
  • Nr. 344 «Jesus, meine Zuversicht» von O. von Schwerin, Strophen 1.6.7 (RG [1998] 478,1.3.4; EG 526,1.6.7; jeweils mit Textabweichungen in der mittleren Strophe) 🎵

Sachfußnoten

1
Barth hielt sich vom 28.2. bis zum 4.3.1919 in Basel auf. Am 2. März hat Barth deshalb nicht gepredigt, sondern sich - durch wen, ist nicht bekannt - vertreten lassen.↩
2
Die «Basler Nachrichten» berichteten aus Rußland z. B. am 5.3.1919 vom Bürgerkrieg vor allem in Petersburg und am 8.3. von einem Appell der Sowjetregierung: es würde binnen eines Monats zur Katastrophe kommen, weil jeden Tag tausende von Arbeitern die Hauptstadt verließen, ohne sich um die Interessen des Landes zu kümmern. Aus Deutschland brachten sie z. B. am 5.3. und 6.3. Meldungen über Straßenkämpfe und Plünderungen in Berlin und Halle, am 8.3. über schwere Kämpfe und zunehmende Plünderungen in Berlin.↩
3
Nach dem römischen Sklavenführer Spartacus († 71 v. Chr.) nannte sich die innerhalb der SPD entstandene Gruppe um Rosa Luxemburg, K. Liebknecht und Fr. Mehring. Die Spartakisten stritten für eine radikale sozialistische Demokratie, beteiligten sich an den Aufständen im Dezember 1918 und gründeten nach dem Bruch mit der USPD am 30.12.1918 die KPD.↩