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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 9,27-31</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 9,27-31, 16. März 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 104.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 9,27-31</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">104</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 9,27-31, 16. März 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1898">KBA 1441</ref>. </bibl>
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          <dateline> <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den
            <date when="1919-03-16">16. März 1919</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.27 Mt.9.31">Matthäus 9,27-31</ref>
            <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Da Jesus von dannen fürbaß ging, folgten ihm zwei Blinde nach, die schrieen und sprachen: Ach, du Sohn <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName>, erbarme dich unser! Und da er heimkam, traten die Blinden zu ihm. Und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, daß ich euch solches tun kann? Da sprachen sie zu ihm: Herr, ja. Da rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben. Und ihre Augen wurden geöffnet. Und Jesus bedrohte sie und sprach: Sehet zu, daß es niemand erfahre! Aber sie gingen aus und machten ihn ruchbar im selben ganzen Lande.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
         
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            <p> <hi rend="italic">1.</hi> Wenn das <hi rend="italic">Reich Gottes den Menschen nahe kommt,</hi> dann müssen sie aus ihrer tiefen Not heraus <hi rend="italic">reden</hi> von ihrem Leid und von ihrer Sehnsucht. Vielleicht ist es nicht immer <hi rend="italic">schön</hi> und erfreulich, das anzuhören, denn es kommt oft heraus wie das Heulen eines Sturmwinds oder wie das Todesgeschrei eines verwundeten Tieres. Aber es entspricht einer höheren [?] Notwendigkeit, daß es kommt. Man darf sich nicht aufhalten über das Schreckliche, das es an sich hat, man muß an seine tiefste <hi rend="italic">Ursache</hi> denken. Wenn das Reich Gottes den Menschen nahe kommt, dann wird es ihnen eben <hi rend="italic">bewußt</hi>, daß ihre Not nicht Ordnung ist, sondern Unordnung, nicht Recht, sondern Unrecht. Sie erkennen in einem dumpfen Instinkt die Möglichkeit einer <hi rend="italic">Hilfe.</hi> Sie strecken sich in wildem Begehren <hi rend="italic">aus</hi> nach dem Helfer. Diese ganze innere Bewegung, die ihren Grund hat in einer Bewegung Gottes selbst, kommt dann heraus in einem <hi rend="italic">lauten Rufen</hi>, wie hier in der Geschichte der zwei Blinden: Ach du Sohn <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName>, erbarme dich unser! Oft auch in etwas anderen Worten. Oft ist etwas mehr Jammer dabei, oder Zorn oder Enttäuschung, oder auch Hoffnung und Freudigkeit. Aber wir sollten uns <hi rend="italic">darüber</hi> nicht mehr täuschen: wenn die Not der Menschen so zum Reden oder zum Schreien kommt, dann ist das Reich Gottes nahe. Sie würden nicht reden, sie würden schweigen, wenn das Reich Gottes ihnen ferne wäre.</p>
            <p>Es gibt freilich auch ein <hi rend="italic">schweigendes Elend,</hi> ein schweigendes Zukurzkommen, ein schweigendes Unrechtleiden, und es läßt sich viel Schönes darüber sagen. Es hat auch <hi rend="italic">etwas Göttliches</hi>, wenn die Leidenden und Benachteiligten das, was sie drückt, in schweigendem Heldenmut ertragen können und wenn die menschliche Gesellschaft <pb ed="pga" xml:id="p100"/> in ihrer Arbeit und Fortentwicklung nicht gestört wird durch das Seufzen und Hilferufen derer, die dabei unter die Räder kommen. Menschlich geredet sind das die <hi rend="italic">schönen Zeiten</hi> und Zustände. Gott tut uns oft den Gefallen, wenn man’s so nennen darf, uns solche Zeiten und Zustände zu schenken. Aber wir sollten sie <hi rend="italic">nicht zu laut</hi> rühmen und nicht zu heftig verlangen, es dürfe und dürfe nichts Anderes geben als dieses schweigende Elend. Wie viele Jahre mögen die <hi rend="italic">blinden Bettler</hi>, von deren Schreien uns unsere Geschichte erzählt, geschwiegen haben. Gott war auch dabei, aber es war doch etwas Unnatürliches und Unheimliches. Ich sah diese Woche die Gefangenen in <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-116">Lenzburg</placeName></hi><note xml:id="n01">In dem Städtchen <placeName ref="kbga-places-116">Lenzburg</placeName> befindet sich die 1868 neu gegründete kantonale Strafanstalt des Aargaus.</note>; sie machten gerade ihren Mittagsspaziergang Einer hinter dem Anderen, die Köpfe gesenkt, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, immer und immer wieder im Kreis herum, schweigend, bis ihre Zeit um war. Es wird wohl so sein, daß Gott irgendwie damit einverstanden ist, daß es so sein muß, aber es ist etwas Grauenhaftes um dieses Schweigen unglücklicher Menschen. Die Völker <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-297">Rußlands</placeName></hi> haben auch geschwiegen tausend Jahre lang unter dem Druck, unter dem sie standen.<note xml:id="n02">Die altrussische Chronik läßt die Geschichte Rußlands mit dem Kiewer Reich der Waräger-Fürsten beginnen. Im Jahre 882 n. Chr. soll Fürst Oleg mit seinem Zug nach <placeName ref="kbga-places-1478">Kiew</placeName> die nördlichen und südlichen Herrschaftsbereiche vereinigt haben. Bis zur Februarrevolution von 1917 wurde das russische Volk stets autoritär regiert.</note> Gott war auch dabei, wie sollte er nicht, und es wohnte doch das Entsetzen in diesem Schweigen.</p>
                <p>Wir <hi rend="italic">dürfen aber nicht verwechseln</hi> das, was Gott bloß zuläßt, und das, was er eigentlich will. Es gibt Zeiten und Zustände, da geschieht Alles bloß unter <hi rend="italic">göttlicher Zulassung</hi>, nicht ohne Gott, unter seinem Regiment, aber doch sozusagen in seiner Abwesenheit, hinter seinem Rücken. Nur sehr von weitem ist er dabei, nur als Zuschauer gleichsam, ohne daß er die Verantwortung übernimmt für das, was geschieht, ohne daß seine Absichten dabei in Erfüllung gehen. Dieser Haltung Gottes in solchen Zeiten mag das schweigende Elend entsprechen. Es hat seine Schönheit und seine Notwendigkeit, aber das Höchste ist es nicht. Es gibt demgegenüber andere Zeiten und Zustände, da kündigt sich an und bricht hervor, <hi rend="italic">was Gott eigentlich will.</hi> <pb ed="pga" xml:id="p101"/> Gott hat einen Grimm gegen Sünde und Tod und Alles, was dazu gehört. Gott will heben [?], helfen, befreien, erlösen, gutmachen [?]. Wenn Gott den Menschen nahe tritt, wenn er ihnen sein Angesicht zuwendet, so daß sie wieder merken, was er will, dann müssen sie reden und vielleicht schreien in ihrer Not. Von diesen Zeiten und Zuständen redet <hi rend="italic">die Bibel.</hi> Von den anderen redet sie nicht. Die Bibel schweigt vom Schweigen. Sie ist die Geschichte von Menschen, die nicht mehr schweigen konnten von der Not der Welt. Sie mußten es der großen Nähe Gottes wegen aussprechen, was fehlt, und sie mußten nach Hilfe rufen. Im heiligen Mittelpunkt der Bibel, in der Leidensgeschichte, heißt es nicht: Und Jesus schwieg und starb!, sondern: und Jesus schrie laut und verschied [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.37">Mk. 15,37</ref> par.], als ob er mit diesem Schrei die Not und die Sehnsucht der ganzen Menschheit hätte zusammenfassen und zum Ausdruck bringen müssen. Menschlich betrachtet würde uns vielleicht das Andere besser gefallen. Aber Gott hat seine eigenen Gedanken und Wege [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8 Jes.55.9">Jes. 55,8f.</ref>].</p>
                <p>Wir sollten <hi rend="italic">den Wink, den uns die Bibel</hi> gerade in dieser Beziehung gibt, wohl beachten. Er könnte uns lehren die Zeichen der Zeit verstehen. Wenn es vom Schweigen zum Reden und vielleicht zum Schreien kommt, dann ist schon die Hilfe und der Helfer nicht fern. <hi rend="italic">Wäre Christus</hi> nicht Gottes Sohn gewesen, dann hätte er schweigend sterben können wie Millionen  Andere. Ohne den Heiland hätten die <hi rend="italic">zwei Blinden</hi> vielleicht noch ihr Leben lang schweigen können. Wenn das, was <hi rend="italic">heute auf uns wartet</hi>, nur Gericht und Finsternis wäre, dann würde jetzt dumpfes Schweigen regieren in der Menschheit. Danken wir Gott dafür, daß dem nicht so ist. Freuen wir uns darüber, daß die Not heute zu schreien anfängt. Wenn solches anfängt zu geschehen, so seht auf und erhebt eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung nahet [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.21.28">Lk. 21,28</ref>].</p> <!-- leerzeile -->
                <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Wenn die Menschen nicht mehr schweigen können von ihrer Not und Sehnsucht, dann ist immer auch ein wenig <hi rend="italic">Glaube dabei.</hi> Und wenn nun das Reich Gottes ihnen nahe tritt, dann muß auch ihr Glaube reden, bekennen, sich einen Ausdruck verschaffen. Glaube ist die <hi rend="italic">Zuversicht:</hi> es gibt ein Können, eine Kraft, eine Macht, die helfen muß und helfen wird. Die zwei Blinden haben geglaubt: du bist der Sohn <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName>, der Messias. Ja, Herr, haben sie Jesus geantwortet auf seine <pb ed="pga" xml:id="p102"/> Frage: wir glauben, daß du uns solches tun kannst. Sie haben sich darauf <hi rend="italic">gestützt</hi> und verlassen, daß eine entscheidende Wendung geschehen sei zu Gunsten der armen Welt. Sie haben sich <hi rend="italic">ausgestreckt</hi> nach einem vorhandenen [?] Trost und Heil. Sie haben <hi rend="italic">appelliert</hi> an den im Himmel gefaßten Beschluß, daß es nun auf der Erde vorwärts gehen solle. Sie haben den großen <hi rend="italic">Schritt getan</hi>, zu rechnen mit einem göttlichen Wirken, Handeln und Eingreifen. Sie haben also nicht nur gejammert, geklagt und getrotzt. Das alles ist an sich unfruchtbar und tot. Es war nicht nur ein Nein, sondern <hi rend="italic">ein Ja</hi> in ihrem Reden und Schreien. Dieses Ja ist der Glaube. <hi rend="italic">Er muß heraus</hi>, er muß sich aussprechen. Denn damit, daß auch er nicht schweigt, sondern redet, zeigen wir, daß es uns Ernst ist mit unserer Not und Sehnsucht, daß wir nicht bloß ein gefühlvolles [?] Spiel damit treiben.</p>
                <p>Es gibt freilich auch einen <hi rend="italic">schweigenden Glauben,</hi> einen schweigenden Mut, eine schweigende Entschlossenheit, und auch darin ist etwas Göttliches. Es gibt eine wohlbegreifliche Scheu vor der <hi rend="italic">Sicherheit</hi> des Glaubens, die sich mit dem Bekenntnis auch ans Licht wagt, eine keusche Scheu, den <hi rend="italic">Namen Gottes</hi> in den Mund zu nehmen, bevor man es darf, eine vorsichtige Scheu, mit dem <hi rend="italic">Göttlichen zu rechnen</hi> als mit einem sicheren Posten, bevor er sicher ist. Es gibt Zeiten [?] und Zustände, wo der Glaube überhaupt erst reifen, wachsen und <hi rend="italic">werden</hi> muß, wo es klar werden muß, ob es <hi rend="italic">nicht bloße Worte</hi> sind, wenn wir sagen: ich glaube an das Gute, ich glaube an Gott, ich glaube an Gottes Macht auf der Erde, wo es sich zeigen muß, ob es uns <hi rend="italic">eigentlich ernst</hi> ist mit unserer Not und Sehnsucht, so ernst, daß wir wirklich unser Anliegen auf Gott, den lebendigen Gott, werfen können und dürfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.55.23">Ps. 55,23</ref>]. Jesus hat diese Scheu <hi rend="italic">anerkannt</hi> als berechtigt und notwendig. Er hat jene Blinden nicht sofort veranlaßt, sich auszusprechen. Er hat sie mit Absicht warten lassen. Es wäre uns wohl gerade in der heutigen Zeit gut, wenn wir uns das sagen würden, daß der Glaube, den wir ja alle haben möchten, einer <hi rend="italic">Wartezeit</hi> und Reifezeit bedarf, bevor er sich als wirklicher Glaube hinstellen und bekennen darf. Wir würden dann weniger Enttäuschungen erleben.</p>
                <p>Aber wir sollten auch in dieser Beziehung <hi rend="italic">das Schweigen nicht für das Höchste</hi> halten. Man sollte <hi rend="italic">nicht sagen</hi>, das Göttliche sei so hoch und heilig, daß man gar nicht davon reden dürfe. <hi rend="italic">Gott erlaubt es uns</hi> vielleicht lange, lange, zu schweigen, unsicher und schwankend zu sein, <pb ed="pga" xml:id="p103"/> sogar zu zweifeln. Gott ist auch mit den Zweiflern auf seine Weise. Aber das kann doch nur ein <hi rend="italic">vorläufiger Zustand</hi> sein. Gott erlaubt uns auch Manches, was er eigentlich nicht will. Wir dürfen nicht schwanken und zweifeln <hi rend="italic">wollen.</hi> Wir dürfen nicht einen <hi rend="italic">Genuß</hi> und eine Befriedigung sehen in einer gewissen Unsicherheit. Und darum dürfen wir auch nicht ewig schweigen wollen. <hi rend="italic">Der Weg</hi> muß vorwärts gehen vom Schweigen zum Reden, von der Unsicherheit zur Sicherheit, vielleicht langsam, aber doch vorwärts. <hi rend="italic">Stillstand</hi> liebt Gott nicht. Wenn sein Reich uns nahe tritt, können wir nicht stillstehen. Wenn es uns ernst ist, müssen wir es <hi rend="italic">zeigen und sagen und betätigen</hi>, daß es uns ernst [ist]. Der Glaube, der in der Stille entsteht, muß einem Augenblick <hi rend="italic">entgegen wachsen</hi>, wo er sich nicht mehr scheut, wo wir uns gleichsam binden und festlegen durch entschlossene Worte und entschiedene Stellungnahmen. Mit ewig unsicheren Leuten, mit Leuten, die sich immer Alles noch offen lassen wollen, kann Gott nichts anfangen. «Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.27">Mt. 10,27</ref> par.].</p> <!-- leerzeile -->
                <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Und so steht es nun doch auch mit den <hi rend="italic">Erfahrungen von Heil und Erlösung,</hi> die man in der Nähe des Reiches Gottes machen kann. Solche Erfahrung haben die <hi rend="italic">zwei Blinden</hi> machen dürfen, weil sie nicht nur geschrien haben von ihrer Not und Sehnsucht, sondern auch geglaubt an eine Hilfe, die den Menschen entgegenkommt von oben. «Er rührte ihre Augen an, und ihre Augen wurden geöffnet». Es geschehen eben tatsächlich <hi rend="italic">neue Dinge</hi> in der Nähe des Reiches Gottes. Denen, denen es ernst ist, geht da ein <hi rend="italic">Licht</hi> auf und kommt eine Kraft zu. Unmögliche Dinge werden <hi rend="italic">möglich.</hi> Eine große <hi rend="italic">Verwandlung</hi> und Erneuerung hebt an. So war es wenigstens damals in jener großen Gotteszeit. Wir wissen noch wenig davon, aber es kann und soll auch wieder dazu kommen. Solche Erfahrungen drängen dann von selbst <hi rend="italic">ans Licht.</hi> Sie haben den Trieb in sich, sich der Welt bekannt zu geben, denn sie sind ja ihrer Natur nach nicht nur für Einzelne, sondern für die ganze <hi rend="italic">Welt</hi> bestimmt. So kann es uns nicht wundern, daß wir hören: sie gingen hin und <hi rend="italic">machten ihn ruchbar</hi> im ganzen Lande. <hi rend="italic">Gegen das ausdrückliche Verbot</hi> Jesu. Er hat seine Gründe gehabt dafür. Es ist gefährlich, wenn man aus solchen Erfahrungen und Bewährungen, innen und außen, <hi rend="italic">ein Wesen macht.</hi> Es ist gefährlich, das Göttli<pb ed="pga" xml:id="p104" break="no"/>che Menschen <hi rend="italic">anzupreisen und zu zeigen</hi>, die es vielleicht noch gar nicht als Göttliches fassen können. Es ist gefährlich, das Göttliche mit <hi rend="italic">dem Menschlichen</hi> zu vermischen, wie es dabei fast notwendig geschieht. Gar leicht vergißt man das und vergessen die Anderen den Zweck solcher Erlebnisse, der ja nur darin bestehen kann, auf viel Größeres aufmerksam zu machen und hinzuweisen. Das Göttliche verlangt eine gewisse <hi rend="italic">Schonzeit</hi>, damit wir und die Anderen <hi rend="italic">begreifen</hi> können, um wie Großes es sich dabei im Grunde handelt. Wir würden gut tun, uns dem Verbot Jesu sozusagen unbedingt zu unterwerfen, wenn wir überhaupt von solchen Erfahrungen etwas wissen. Es stünde anders um das Reich Gottes, wenn die Christen nicht so plaudersüchtig wären.</p>
                <p>Aber auch da wird <hi rend="italic">das Schweigen nicht das Höchste und Letzte sein.</hi> Die zwei Blinden werden <hi rend="italic">nicht getadelt</hi> und gestraft wegen ihres Ungehorsams. Sie mußten vielleicht ungehorsam sein. <hi rend="italic">Wes das Herz voll ist</hi> [, des geht der Mund über (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.34">Mt. 12,34</ref> par.)]. Es kann die Stadt [, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.14">Mt. 5,14</ref>)]. Gott gebe uns ein volles Herz, Gott mache uns zur Stadt auf dem Berge, Gott mache uns zum Licht im Hause [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref>]. Gott gebe uns Erfahrungen, die danach drängen, zu leuchten und bekannt zu werden. Dann <hi rend="italic">darf es auch sein</hi>, dann ist auch da die Zeit des Schweigens vorbei.<note xml:id="n03">Zu dieser Predigt gibt es keine Liedangaben.</note>  </p>
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