Matthäus 9,20-22
1. Das Reich Gottes, das Jesus verkündigt und offenbart hat, ist etwas Ganzes. Jesus hat die Menschen vor eine Wahl, vor eine Entscheidung gestellt: Ja oder Nein! Alles oder nichts!1 Wenn das, was heutzutage in Kirche und Kapelle2 gepredigt wird, wirklich Jesus ist, dann kann es auch heute nicht anders sein. Wenn wir es nicht merken, daß es ums Ganze geht und daß wir vor eine Wahl gestellt sind, dann ist’s ein Zeichen dafür, das wir noch etwas Anderes predigen als das, was Jesus gepredigt hat, oder aber ein Zeichen dafür, daß wir die Ohren noch nicht haben, um das wirkliche Wort Jesu zu hören. Wir können das Reich Gottes nicht halb verstehen, wir verstehen es ganz oder dann gar nicht. Wir können Jesus nicht halb annehmen; wir nehmen ihn ganz an oder dann gar nicht. Die Tür ist entweder offen oder geschlossen; etwas drittes gibt es nicht. Wir können das Himmelreich nicht verbinden mit irgendwelchen irdischen Anschauungen, Gewohnheiten und Verhältnissen. Wie man’s auch ansehen mag, das Göttliche entweicht dabei immer, und was zurückbleibt, ist immer etwas sehr Menschliches. Wir haben volle Freiheit, die Finger zu lassen vom Göttlichen, und sind nicht notwendig schlechtere oder unglücklichere Menschen, wenn wir von dieser Freiheit Gebrauch machen. Wir haben aber nicht die Freiheit, das Göttliche uns anzupassen, denn es will sich selber3 sein und seinen eigenen Weg mit uns gehen. Das Reich Gottes drängt sich uns nicht auf, es läßt aber auch nicht mit sich markten. Wir machen uns selbst und die Welt nicht im geringsten besser, wenn wir aus dem neuen Kleid des Gottesreiches ein Stück, das uns paßt, herausschneiden, um unser altes Kleid damit zu flicken. Und |80 wir leisten Gott nicht den geringsten Dienst, wenn wir den neuen Wein seiner Wahrheit in alte Schläuche gießen.4 Im Gegenteil: das Vermitteln, das Ausgleichen, das Anpassen und Verbinden schadet uns, vermehrt die Verwirrung in der Welt, macht Gott Unehre, und wenn wir die beste Absicht dabei hätten. Wie es in dem Liede heißt: Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel!5
2. Wenn wir uns das haben sagen lassen, dann
können wir uns jetzt auch etwas Anderes sagen lassen. Jesus hat das Reich Gottes mit
Vorliebe mit kleinen, feinen, unscheinbaren Dingen verglichen:
nicht mit einem Bergsturz, der auf einmal kommt und Alles zudeckt, nicht mit einem
Wolkenbruch, der einem nur die Wahl
läßt, durch und durch naß zu werden oder in ein Haus zu flüchten, nicht mit einem
Meteorstein, der aus einer unbekannten Sternenwelt auf die Erde gesaust kommt: So da bin
ich, macht mit mir, was ihr wollt - sondern mit ein wenig Salz [vgl.
Da lernen wir nun etwas Neues. Das Reich Gottes, das mit seinem
entschiedenen: Alles oder Nichts! so gewaltig seinen eigenen Weg geht, ist doch zugleich
etwas Barmherziges, Geduldiges, Feines. Es ist gewaltig, aber nicht grob. Es ist kriegerisch, aber nicht
zänkisch. Es ist so hoch über uns wie der Himmel über der Erde
[vgl.
Wir sollen offenbar ins Reich Gottes, das uns etwas so absolut Neues bringt, nicht hineingeworfen werden wie Buben, die man schwimmen lehren will, sondern wir sollen die Freiheit haben, einmal einen Anfang zu machen, einen schüchternen, verlegenen, furchtsamen, ungeschickten Anfang, wenn’s nur ein Anfang ist. Wir haben volle Freiheit anzufangen, wo wir wollen, bei einer eigenen Not oder bei der Not Anderer, im inneren Leben oder im äußeren, bei der aufmerksamen Betrachtung der Bibel oder bei der ebenso aufmerksamen Betrachtung der Weltereignisse, beim Beten oder beim Arbeiten, es ist alles recht, wenn’s nur ein Anfang ist. Wir können’s bei solchem Anfang auch ganz natürlich halten, wie es uns entspricht, der eine stürmischer und der andere gemächlicher, der eine mehr in seinen Gedanken, der andere mehr durch frisches Tun - wenn’s eben nur ein Anfang ist. Wir werden darum nicht gescholten, weil es nur ein Anfang und nicht das Ganze ist. Wenn’s ein rechter Anfang ist, dann ist’s eben doch der Anfang des Ganzen. Es sind ja alles nur Säume am Kleid des Heilands, die wir jetzt anrühren, einerlei, wenn’s nur der Heiland ist, dann gehört auch der Saum zu ihm, und indem wir ihn anrühren, wird uns geholfen. Es kann in einem ganz kleinen Verstehen das große, volle Verstehen stecken und in einem kleinen Annehmen das große, ganze Annehmen, wie eben im Samen verborgen ein ganzer Baum mit hunderten von Früchten stecken kann. Wenn wir dieses Kleine haben, in dem das Große enthalten ist, so kann sofort auch zu uns gesagt werden: Sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Und niemand ist zu schwach, niemand zu alt, niemand zu unverständig, niemand zu ungläubig, um dieses Kleine zu haben. Es wird wohl von Gott aus betrachtet nicht anders sein, als daß wir alle nur ein solches Kleines haben. Wir wollen froh sein, daß wir darum nicht verworfen, sondern mit diesem Kleinen angenommen sind. Das ist die Barmherzigkeit, die Geduld, die Langmut des Gottesreiches.
83 3. Aber bei dem Ja oder Nein!, Entweder - Oder! des Heilands muß es darum doch bleiben. Es bleibt dabei: die Tür ist entweder offen oder zu, ein drittes gibt es nicht. Wir dürfen schamhaft, hilflos, unklar anfangen und sind alle darauf angewiesen, daß wir das dürfen. Aber wir müssen anfangen. Es kann sich nicht wieder darum handeln, daß wir eben doch vom Heiland, vom Christentum, von der Wahrheit nehmen, was gerade uns paßt. Sondern darum handelt es sich, daß er uns vorläufig soviel geben kann, als er gerade uns geben kann. Wir können nicht gleich die ganze Wahrheit erkennen und unser Leben danach gestalten, niemand verlangt das von uns. Wohl aber müssen wir einmal erkennen, merken, zugeben, daß die Wahrheit die Wahrheit ist.
Wir müssen merken, daß es nur
eine
Quelle gibt, die unseren Durst, und nur ein Brot, das unseren Hunger stillen kann. Wir müssen merken, daß
es nur einen Gott gibt. Wieviel wir
trinken von diesem Wasser und essen von diesem Brot, wie stark oder schwach wir
glauben an diesen einen Gott, darauf kommt so viel zunächst nicht
an. Wohl aber müssen wir es lassen, daneben immer noch anderes
Brot zu essen, Wasser zu trinken, Götter anzubeten. Es darf z. B. nicht sein, daß wir
neben der erkannten Wahrheit dann noch eine eigene Meinung haben,
so schön das sonst ist, sonst haben wir eben die Wahrheit nicht erkannt. Es geht nicht
an, daß wir neben der Weisheit Gottes auch noch eine besondere Zeitungsweisheit anerkennen, sonst haben wir eben Gott nicht verstanden. Es geht
nicht an, daß wir auf Gott vertrauen und ungefähr ebenso stark auf unsere gesicherte finanzielle Stellung, sonst vertrauen wir eben nicht auf Gott. Es
geht nicht an, daß wir das Christentum eine schöne, ernste Sache sein lassen und uns
daneben imponieren lassen von Büchern und Tagesgrößen, die bei
Lichte besehen oft gerade das Gegenteil des Christentums vertreten. Wie wir Stellung
nehmen wollen zu dem Einen, was wir nötig haben, darin haben wir
weiteste Freiheit, aber es muß einmal die Erkenntnis in uns
durchbrechen, daß wir nur Eines nötig haben, nur auf Eines hoffen können [vgl.
84 Wenn wir das
einmal gemerkt haben, ich muß drinnen sein, ich muß von dem Einen Alles erwarten
und Alles von dem Einen, dann ist’s ganz unmöglich, daß wir vom
Christentum fernerhin [?] so naschen und pflücken mögen, was uns paßt, dann sind wir in der Lage, von Gott zu empfangen, soviel er gerade uns gerade
jetzt geben kann. In dieser fruchtbaren [?] Lage war aber jene kranke
Frau. «Sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Kleid anrühre, so werde ich
gesund werden.» Das war ihre offene Tür. Sie hat sich von dem Vielen abgewandt und dem
Einen zugewandt. Im Markusevangelium lesen wir von ihr: «Sie hatte viel erlitten von
vielen Ärzten und hatte all ihr Gut darob verzehrt und half ihr nichts, sondern vielmehr
ward es ärger mit ihr» [
Das heißt Anfangen mit dem Reich Gottes. Wir dürfen
anfangen. Wir sollen gar nicht mit der Tür ins Haus fallen. Nicht dazu sollen wir uns
entscheiden, vollkommen zu werden, aber dazu, einmal anzufangen.
Nicht dazu, fromm zu werden, aber dazu, Christen zu werden, d. h.
Christusleute, Leute, die in Christus die eine Wahrheit und Hilfe erkannt haben. In
dieser Hinsicht bleibt’s also dabei: Ja oder Nein! Alles oder
nichts! Die Geduld und Güte Gottes, die unsere Schwachheit erträgt, darf uns nicht
vergessen machen, daß eben sie uns zur Buße leiten will [vgl.
Denn bemerken wir wohl: nicht der Schwachheit und Torheit und nicht dem Aberglauben
dieser Frau hat Jesus Recht gegeben, nicht das hat er
an ihr gerühmt und anerkannt, daß sie nur den Saum seines Kleides
berührte und sich nicht getraute, sich frei und offen an ihn zu wenden. Sondern das hat
er gerühmt an ihr, was nicht Schwachheit und Furcht war, das bißchen Glauben, das sie trotz Allem hatte, das Energische,
Entschiedene, Einseitige an ihr, das sich ihm zuwandte. Er hat ihre Unvollkommenheit übersehen und geschont, aber er hat ihr nicht gesagt: deine
Unvollkommenheit hat dir geholfen, sondern: dein Glaube hat dir
geholfen! Ein wenig Salz genügt, aber es muß Salz sein und nicht
Sand oder Sägmehl. Ein kleines Licht genügt, aber es muß ein
Licht sein und nicht Finsternis. Ein Samenkörnlein genügt, aber
es muß lebendiger Same sein und nicht ein Kieselsteinchen. Glaube wie
ein Senfkorn genügt, aber es muß Glaube sein [vgl.
86 4. Zum Schluß einige Worte über die Kraft Gottes in Jesus. Sei getrost, meine Tochter! Sei kühn, sei mutig, sei stark! Da sehen wir’s, er verachtet sie nicht wegen ihres schwachen Benehmens, wie wir uns verachten müssen gegenseitig wegen unseres Benehmens. Ja, wir müssen. Wir stehen unter einem unglückseligen Zwang, daß wir einander nicht verstehen, daß wir so oft nicht sehen, wie in dem Kleinen, das wir aneinander wahrnehmen, das Große verborgen ist. Wir sehen und hören nur das Stammeln und Stolpern der Anderen und trauen ihnen nicht zu, daß so ein lebendiger Anfang zum Gottesreich in ihnen verborgen sein könnte. Darum bleibt denn so viel Göttliches, Zukunftsvolles verborgen in den Menschen. Wir sollten uns helfen, es an den Tag zu bringen, statt uns zu verachten. Jesus hat der Frau auch helfen müssen. Das war seine Gotteskraft, daß er durch die Hülle von Schwachheit hindurchbrechen und ihr helfen konnte, obwohl sie schwach und töricht war.
Aber eben, er läßt sie auch nicht in der Schwachheit, er billigt es durchaus nicht, wie sie sich benimmt, er stellt sie auf einen anderen Weg. Wir bringen’s noch etwa so weit, daß wir einander verstehen, aber dann lassen wir uns erst recht sitzen in unserer Schwachheit. Er ist einmal so, man muß es ihm lassen! Das ist nicht die Barmherzigkeit des Gottesreiches. Wir sollten uns nicht nur dulden und ertragen, wir sollten uns gegenseitig auf die Füße helfen. Jesus hat das Benehmen [?] dieser Frau nicht als etwas Definitives anerkannt, er hat ihr gesagt: Das Beste, das in dir ist, das du im Grunde hast, muß nun hervorbrechen, das Große aus dem Kleinen, die Fortführung aus dem verheißungsvollen Anfang. Sei nur, was du im Grunde bist9, nimm ihn ernst, deinen Glauben! Solches Reden miteinander wäre Gotteskraft, wenn wir’s könnten.
Dein Glaube! Es war der Frau sicher etwas
Neues, daß das, was in ihr war, Glaube sei. Es ist noch anderen Leuten so
gegangen: sie hörten es zuerst aus dem Munde Jesu, daß sie gläubig seien [vgl.
- Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott»
von
A. E. Fröhlich (1796-1865), Strophen 1-3 (RG [1998] 507, 1-2) - Nr. 352 «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron
erblickt» von
J. T. Hermes (1738-1821), Strophen 1.2.5 (Reichs-Lieder 565)