23. Februar 1919

Matthäus 9,20-22

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Matthäus 9,20-22
[Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre den Blutgang gehabt, trat von hinten zu ihm und rührte seines Kleides Saum an. Denn sie sprach bei sich selbst: Möchte ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich gesund. Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter; dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zu derselben Stunde.]

1. Das Reich Gottes, das Jesus verkündigt und offenbart hat, ist etwas Ganzes. Jesus hat die Menschen vor eine Wahl, vor eine Entscheidung gestellt: Ja oder Nein! Alles oder nichts!1 Wenn das, was heutzutage in Kirche und Kapelle2 gepredigt wird, wirklich Jesus ist, dann kann es auch heute nicht anders sein. Wenn wir es nicht merken, daß es ums Ganze geht und daß wir vor eine Wahl gestellt sind, dann ist’s ein Zeichen dafür, das wir noch etwas Anderes predigen als das, was Jesus gepredigt hat, oder aber ein Zeichen dafür, daß wir die Ohren noch nicht haben, um das wirkliche Wort Jesu zu hören. Wir können das Reich Gottes nicht halb verstehen, wir verstehen es ganz oder dann gar nicht. Wir können Jesus nicht halb annehmen; wir nehmen ihn ganz an oder dann gar nicht. Die Tür ist entweder offen oder geschlossen; etwas drittes gibt es nicht. Wir können das Himmelreich nicht verbinden mit irgendwelchen irdischen Anschauungen, Gewohnheiten und Verhältnissen. Wie man’s auch ansehen mag, das Göttliche entweicht dabei immer, und was zurückbleibt, ist immer etwas sehr Menschliches. Wir haben volle Freiheit, die Finger zu lassen vom Göttlichen, und sind nicht notwendig schlechtere oder unglücklichere Menschen, wenn wir von dieser Freiheit Gebrauch machen. Wir haben aber nicht die Freiheit, das Göttliche uns anzupassen, denn es will sich selber3 sein und seinen eigenen Weg mit uns gehen. Das Reich Gottes drängt sich uns nicht auf, es läßt aber auch nicht mit sich markten. Wir machen uns selbst und die Welt nicht im geringsten besser, wenn wir aus dem neuen Kleid des Gottesreiches ein Stück, das uns paßt, herausschneiden, um unser altes Kleid damit zu flicken. Und |80 wir leisten Gott nicht den geringsten Dienst, wenn wir den neuen Wein seiner Wahrheit in alte Schläuche gießen.4 Im Gegenteil: das Vermitteln, das Ausgleichen, das Anpassen und Verbinden schadet uns, vermehrt die Verwirrung in der Welt, macht Gott Unehre, und wenn wir die beste Absicht dabei hätten. Wie es in dem Liede heißt: Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel!5

2. Wenn wir uns das haben sagen lassen, dann können wir uns jetzt auch etwas Anderes sagen lassen. Jesus hat das Reich Gottes mit Vorliebe mit kleinen, feinen, unscheinbaren Dingen verglichen: nicht mit einem Bergsturz, der auf einmal kommt und Alles zudeckt, nicht mit einem Wolkenbruch, der einem nur die Wahl läßt, durch und durch naß zu werden oder in ein Haus zu flüchten, nicht mit einem Meteorstein, der aus einer unbekannten Sternenwelt auf die Erde gesaust kommt: So da bin ich, macht mit mir, was ihr wollt - sondern mit ein wenig Salz [vgl. Mt. 5,13], mit einem Lichtlein, das in einem dunklen Hause scheint [Mt. 5,15], mit einem Stück Sauerteig mitten in drei Scheffel Mehl [Mt. 13,33 par.] und besonders gern mit dem Samenkörnlein, das still unter der harten Erde auf seine Stunde wartet [Mk. 4,31f. par.; Mk. 4,26-29]. Und auch in unserem Text hören wir von einem kleinen, feinen, unscheinbaren Auftreten des Gottesreiches, von der kranken Frau, die von hinten an Jesus herantrat und den Saum seines Kleides anrührte, und die von Jesus nicht eine Anklage hören muß wegen ihrer Schwachheit oder Halbheit oder Unentschiedenheit, sondern das schöne, hilfreiche Wort: Sei getrost (eigentlich: Sei mutig! Sei stark!), meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen!

Da lernen wir nun etwas Neues. Das Reich Gottes, das mit seinem entschiedenen: Alles oder Nichts! so gewaltig seinen eigenen Weg geht, ist doch zugleich etwas Barmherziges, Geduldiges, Feines. Es ist gewaltig, aber nicht grob. Es ist kriegerisch, aber nicht zänkisch. Es ist so hoch über uns wie der Himmel über der Erde [vgl. Jes. 55,9], aber ist nicht vornehm und unhöflich wie manche Leute, denen es zu wohl ist. |81 Es paßt sich uns nicht an, aber es kommt uns entgegen, es geht auf uns ein. Es stellt uns vor eine Wahl, aber es preßt uns nicht an die Wand, und es setzt uns nicht den Revolver auf die Brust. Es will uns in eine Bewegung versetzen, aber damit verlangt es nicht etwas Unnatürliches von uns, sondern im Gegenteil, daß wir ganz natürlich seien. Alles Gewaltsame, Erzwungene, Gemachte, Künstliche ist ihm im Tiefsten zuwider, und wenn es noch so schön wäre. Man kann das Reich Gottes nicht schlimmer mißverstehen, als wenn man meint, man müsse allerlei Gedanken annehmen, die man nicht für wahr hält, man müsse allerlei tun, von dessen Richtigkeit und Notwendigkeit man doch gar nicht überzeugt ist, man müsse allerlei Gefühle, Erfahrungen und Erlebnisse haben, die einem im Grunde fremd sind. Das Reich Gottes kommt zu uns mit einer wahrhaft mütterlichen Schonung. Von neuem geboren [Joh. 3,3]! Wie die Kinder [Mt. 18,3]!6 Es läßt jedes Menschenkind mit seinem Charakter und in seinen Verhältnissen und mit seinem besonderen Lebenslauf durchaus gelten. Es verlangt nicht von uns, daß wir Purzelbäume schlagen und den Hochstand machen. Es verlangt nicht von uns, daß wir unser Leben umkrempeln in ein schnurstracks göttliches Leben voll Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl. Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (1.Kor. 13,13] und unsere Welt in eine schnurstracks göttliche Welt voll Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit7. So tönt es freilich in manchen Bekehrungspredigten, und so versuchen sie jetzt in Rußland und da und dort in Deutschland, das Reich Gottes aufzurichten8. Da ist allerdings das Alles oder nichts! des Gottesreiches bis zu einem gewissen Grad verstanden. Aber gerade das Freie, Natürliche, Gütige des Gottesreiches wird da nicht verstanden. Im Neuen Testament geht es entschieden anders zu als bei den geistlichen Erweckungsbewegungen und bei den weltlichen Revolutionsbewe|82gungen. Jesus wirft den Menschen nicht um. Er ist zufrieden, wenn nur ein wenig Salz, ein kleines Licht, ein kleiner Same da ist. Die kranke Frau bekommt Recht, obwohl sie nur von hinten den Saum seines Kleides berührt. Das ist nicht viel, das ist schwach, ängstlich, ein wenig abergläubisch. Keine Bekehrung, kein Glaubensbekenntnis, keine Heilserfahrung, kein moralischer Aufschwung! Sie berührte den Saum seines Kleides. Für Jesus ist das genug.

Wir sollen offenbar ins Reich Gottes, das uns etwas so absolut Neues bringt, nicht hineingeworfen werden wie Buben, die man schwimmen lehren will, sondern wir sollen die Freiheit haben, einmal einen Anfang zu machen, einen schüchternen, verlegenen, furchtsamen, ungeschickten Anfang, wenn’s nur ein Anfang ist. Wir haben volle Freiheit anzufangen, wo wir wollen, bei einer eigenen Not oder bei der Not Anderer, im inneren Leben oder im äußeren, bei der aufmerksamen Betrachtung der Bibel oder bei der ebenso aufmerksamen Betrachtung der Weltereignisse, beim Beten oder beim Arbeiten, es ist alles recht, wenn’s nur ein Anfang ist. Wir können’s bei solchem Anfang auch ganz natürlich halten, wie es uns entspricht, der eine stürmischer und der andere gemächlicher, der eine mehr in seinen Gedanken, der andere mehr durch frisches Tun - wenn’s eben nur ein Anfang ist. Wir werden darum nicht gescholten, weil es nur ein Anfang und nicht das Ganze ist. Wenn’s ein rechter Anfang ist, dann ist’s eben doch der Anfang des Ganzen. Es sind ja alles nur Säume am Kleid des Heilands, die wir jetzt anrühren, einerlei, wenn’s nur der Heiland ist, dann gehört auch der Saum zu ihm, und indem wir ihn anrühren, wird uns geholfen. Es kann in einem ganz kleinen Verstehen das große, volle Verstehen stecken und in einem kleinen Annehmen das große, ganze Annehmen, wie eben im Samen verborgen ein ganzer Baum mit hunderten von Früchten stecken kann. Wenn wir dieses Kleine haben, in dem das Große enthalten ist, so kann sofort auch zu uns gesagt werden: Sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Und niemand ist zu schwach, niemand zu alt, niemand zu unverständig, niemand zu ungläubig, um dieses Kleine zu haben. Es wird wohl von Gott aus betrachtet nicht anders sein, als daß wir alle nur ein solches Kleines haben. Wir wollen froh sein, daß wir darum nicht verworfen, sondern mit diesem Kleinen angenommen sind. Das ist die Barmherzigkeit, die Geduld, die Langmut des Gottesreiches.

83 3. Aber bei dem Ja oder Nein!, Entweder - Oder! des Heilands muß es darum doch bleiben. Es bleibt dabei: die Tür ist entweder offen oder zu, ein drittes gibt es nicht. Wir dürfen schamhaft, hilflos, unklar anfangen und sind alle darauf angewiesen, daß wir das dürfen. Aber wir müssen anfangen. Es kann sich nicht wieder darum handeln, daß wir eben doch vom Heiland, vom Christentum, von der Wahrheit nehmen, was gerade uns paßt. Sondern darum handelt es sich, daß er uns vorläufig soviel geben kann, als er gerade uns geben kann. Wir können nicht gleich die ganze Wahrheit erkennen und unser Leben danach gestalten, niemand verlangt das von uns. Wohl aber müssen wir einmal erkennen, merken, zugeben, daß die Wahrheit die Wahrheit ist.

Wir müssen merken, daß es nur eine Quelle gibt, die unseren Durst, und nur ein Brot, das unseren Hunger stillen kann. Wir müssen merken, daß es nur einen Gott gibt. Wieviel wir trinken von diesem Wasser und essen von diesem Brot, wie stark oder schwach wir glauben an diesen einen Gott, darauf kommt so viel zunächst nicht an. Wohl aber müssen wir es lassen, daneben immer noch anderes Brot zu essen, Wasser zu trinken, Götter anzubeten. Es darf z. B. nicht sein, daß wir neben der erkannten Wahrheit dann noch eine eigene Meinung haben, so schön das sonst ist, sonst haben wir eben die Wahrheit nicht erkannt. Es geht nicht an, daß wir neben der Weisheit Gottes auch noch eine besondere Zeitungsweisheit anerkennen, sonst haben wir eben Gott nicht verstanden. Es geht nicht an, daß wir auf Gott vertrauen und ungefähr ebenso stark auf unsere gesicherte finanzielle Stellung, sonst vertrauen wir eben nicht auf Gott. Es geht nicht an, daß wir das Christentum eine schöne, ernste Sache sein lassen und uns daneben imponieren lassen von Büchern und Tagesgrößen, die bei Lichte besehen oft gerade das Gegenteil des Christentums vertreten. Wie wir Stellung nehmen wollen zu dem Einen, was wir nötig haben, darin haben wir weiteste Freiheit, aber es muß einmal die Erkenntnis in uns durchbrechen, daß wir nur Eines nötig haben, nur auf Eines hoffen können [vgl. Lk. 10,42]. Wenn wir neben dem Einen immer auch noch etwas Anderes haben wollen, dann haben wir das Eine sicher nicht. Man kann und darf ein sehr unvollkommener Christ sein, aber man kann nicht zwei Herren dienen [Mt. 6,24 par.]. Sonst sind wir eben draußen und nicht drinnen.

84 Wenn wir das einmal gemerkt haben, ich muß drinnen sein, ich muß von dem Einen Alles erwarten und Alles von dem Einen, dann ist’s ganz unmöglich, daß wir vom Christentum fernerhin [?] so naschen und pflücken mögen, was uns paßt, dann sind wir in der Lage, von Gott zu empfangen, soviel er gerade uns gerade jetzt geben kann. In dieser fruchtbaren [?] Lage war aber jene kranke Frau. «Sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Kleid anrühre, so werde ich gesund werden.» Das war ihre offene Tür. Sie hat sich von dem Vielen abgewandt und dem Einen zugewandt. Im Markusevangelium lesen wir von ihr: «Sie hatte viel erlitten von vielen Ärzten und hatte all ihr Gut darob verzehrt und half ihr nichts, sondern vielmehr ward es ärger mit ihr» [Mk. 5,26]. Ja, so kann es einem gehen mit den Herren Ärzten, aber nicht nur mit den Ärzten, sondern überhaupt mit den anderen Meinungen, Weisheiten und Wahrheiten, die neben der einen etwas sein und gelten wollen. Und da besteht nun das Entweder - Oder des Gottesreiches darin, daß wir das Vielerlei einmal von Herzen satt bekommen und zu uns selbst sprechen: Ich bin schwach und dumm und ungeschickt, und in weiter, weiter Ferne nur sehe ich den Heiland und Erlöser der Welt, so daß ich Mühe habe, auch nur den Saum seines Kleids zu berühren, aber das alles soll mich nun nicht mehr abhalten, Alles hinter mich zu werfen und es auf ihn allein abzusehen! Ich habe viel von mir selbst erwartet, viel von den Menschen, viel von meiner Familie und von meinen Gesinnungsgenossen, viel vom natürlichen Fortschritt und von glücklichen Zufällen. Ich habe viele Hoffnungen kommen und wieder gehen sehen. Ich bin nun eigentlich auf dem Punkt, zu versinken in dumpfer Enttäuschung oder in einer ebenso dumpfen, faulen Zufriedenheit. Nun aber will ich’s mit Gott wagen und mit dem, den er gesandt hat, Jesus Christus [vgl. Joh. 17,3], will Alles darauf abstellen, daß bei ihm Licht ist und Kraft ist und daß am Ende der Welt er stehen wird als der Sieger und so auch am Ende meines Lebens, und wenn’s so ist, so kann und will ich ihm mein Leben jetzt schon anvertrauen, obwohl ich’s nicht verdiene, eine der Seinigen zu sein. Verdient oder unverdient, würdig oder unwürdig, bei ihm werde ich gesund werden! Seht, so kurz [?] und direkt und kühn hat die kranke Frau ihre Augen auf den Heiland geworfen: Das ist mein Mann! Das ist der Eine, der mir helfen kann. Sie war schwach, abergläubisch, töricht - was man will, aber es war in ihren Gedanken |85 und in ihrem Herzen ein freies, verwegenes Stürmen des Himmelreichs [vgl. Mt. 11,12], ähnlich wie bei jenem Aussätzigen (Wenn du willst [, kannst du mich wohl reinigen (Mk. 1,40 par.)].) und beim Hauptmann von Kapernaum (Sprich nur ein Wort [, so wird mein Knecht gesund (Mt. 8,8 par.)].), nur wahrscheinlich viel direkter und persönlicher noch als bei jenen, weil sie eine Frau war.

Das heißt Anfangen mit dem Reich Gottes. Wir dürfen anfangen. Wir sollen gar nicht mit der Tür ins Haus fallen. Nicht dazu sollen wir uns entscheiden, vollkommen zu werden, aber dazu, einmal anzufangen. Nicht dazu, fromm zu werden, aber dazu, Christen zu werden, d. h. Christusleute, Leute, die in Christus die eine Wahrheit und Hilfe erkannt haben. In dieser Hinsicht bleibt’s also dabei: Ja oder Nein! Alles oder nichts! Die Geduld und Güte Gottes, die unsere Schwachheit erträgt, darf uns nicht vergessen machen, daß eben sie uns zur Buße leiten will [vgl. Röm. 2,4] und nicht in eine andauernde Verstocktheit hinein.

Denn bemerken wir wohl: nicht der Schwachheit und Torheit und nicht dem Aberglauben dieser Frau hat Jesus Recht gegeben, nicht das hat er an ihr gerühmt und anerkannt, daß sie nur den Saum seines Kleides berührte und sich nicht getraute, sich frei und offen an ihn zu wenden. Sondern das hat er gerühmt an ihr, was nicht Schwachheit und Furcht war, das bißchen Glauben, das sie trotz Allem hatte, das Energische, Entschiedene, Einseitige an ihr, das sich ihm zuwandte. Er hat ihre Unvollkommenheit übersehen und geschont, aber er hat ihr nicht gesagt: deine Unvollkommenheit hat dir geholfen, sondern: dein Glaube hat dir geholfen! Ein wenig Salz genügt, aber es muß Salz sein und nicht Sand oder Sägmehl. Ein kleines Licht genügt, aber es muß ein Licht sein und nicht Finsternis. Ein Samenkörnlein genügt, aber es muß lebendiger Same sein und nicht ein Kieselsteinchen. Glaube wie ein Senfkorn genügt, aber es muß Glaube sein [vgl. Mt. 17,20 par.]. Die Masse tut’s nicht, die Größe, die Hitze, die Gewalt des Geistes tut’s nicht, aber es muß lebendiger Geist sein und nicht totes Fleisch, was in uns ist. Gott ist zufrieden, wenn er jenes Kleine bei uns findet. Aber nicht darum ist er damit zufrieden, weil es klein ist, sondern weil es das Große in sich enthält. Wenn es das Große nicht enthält, dann ist alle Barmherzigkeit, mit der Gott uns schont und aufnimmt und trägt, vergeblich.

86 4. Zum Schluß einige Worte über die Kraft Gottes in Jesus. Sei getrost, meine Tochter! Sei kühn, sei mutig, sei stark! Da sehen wir’s, er verachtet sie nicht wegen ihres schwachen Benehmens, wie wir uns verachten müssen gegenseitig wegen unseres Benehmens. Ja, wir müssen. Wir stehen unter einem unglückseligen Zwang, daß wir einander nicht verstehen, daß wir so oft nicht sehen, wie in dem Kleinen, das wir aneinander wahrnehmen, das Große verborgen ist. Wir sehen und hören nur das Stammeln und Stolpern der Anderen und trauen ihnen nicht zu, daß so ein lebendiger Anfang zum Gottesreich in ihnen verborgen sein könnte. Darum bleibt denn so viel Göttliches, Zukunftsvolles verborgen in den Menschen. Wir sollten uns helfen, es an den Tag zu bringen, statt uns zu verachten. Jesus hat der Frau auch helfen müssen. Das war seine Gotteskraft, daß er durch die Hülle von Schwachheit hindurchbrechen und ihr helfen konnte, obwohl sie schwach und töricht war.

Aber eben, er läßt sie auch nicht in der Schwachheit, er billigt es durchaus nicht, wie sie sich benimmt, er stellt sie auf einen anderen Weg. Wir bringen’s noch etwa so weit, daß wir einander verstehen, aber dann lassen wir uns erst recht sitzen in unserer Schwachheit. Er ist einmal so, man muß es ihm lassen! Das ist nicht die Barmherzigkeit des Gottesreiches. Wir sollten uns nicht nur dulden und ertragen, wir sollten uns gegenseitig auf die Füße helfen. Jesus hat das Benehmen [?] dieser Frau nicht als etwas Definitives anerkannt, er hat ihr gesagt: Das Beste, das in dir ist, das du im Grunde hast, muß nun hervorbrechen, das Große aus dem Kleinen, die Fortführung aus dem verheißungsvollen Anfang. Sei nur, was du im Grunde bist9, nimm ihn ernst, deinen Glauben! Solches Reden miteinander wäre Gotteskraft, wenn wir’s könnten.

Dein Glaube! Es war der Frau sicher etwas Neues, daß das, was in ihr war, Glaube sei. Es ist noch anderen Leuten so gegangen: sie hörten es zuerst aus dem Munde Jesu, daß sie gläubig seien [vgl. Mk. 10,52; Lk.7,50 u. ö.]. Es muß über sie gekommen sein wie die große Überraschung, wie ein Geschenk: Wahrhaftig, er sagt: ich glaube! Ich hätte mich gar nie getraut von mir aus, dieses Kühne und doch so Furchtsame, dieses Freie und doch so Verborgene da in mir Glauben zu |87 heißen. Es war auch ein Geschenk. Sie hatte sich nicht vorgesetzt: ich will glauben! Sondern der Glaube war in ihr geschaffen worden, sie mußte glauben. Ihr Verdienst war nur der [?], daß sie sich nicht wehrte, als sie glauben mußte. Denken wir daran: die Kraft Gottes schafft den Glauben. Ein Glaube, den wir uns selbst machen, ist nicht Glaube. Wenn wir glauben, so ist’s eine Gabe Gottes, die da ist, bevor wir den rechten Namen dafür wissen, und wenn wir ihn wissen, werden wir uns nichts darauf einbilden. Es ist eine sehr ernste Frage, ob Jesus von dem, was in uns ist, sagen würde: dein Glaube; dein Glaube hat dir geholfen. Es ist eine Treue Gottes, eine Gnade, eine Barmherzigkeit, wenn ein Mensch glaubt. Eben darum, weil Gott dabei die Hauptsache ist und nicht der Mensch, hilft der Glaube. Er hat schon geholfen. Es ist eine neue Lage geschaffen, wo man glaubt. Wenn geglaubt wird auf der Erde, kann Gott vom Himmel her wirken. Nicht durch Suggestion oder Magnetismus10, nicht durch heftiges Beten, sondern damit, daß er Gott ist auf Erden wie im Himmel. Wo geglaubt wird, da kann Gott auch Verderbensmächten wie einer solchen Krankheit Halt gebieten. Diese Mächte gehören nicht notwendig zur Welt, nur zur Welt ohne Gott. Wenn Gott wieder zu seinem Recht kommt in der Welt, wird ihnen ein Ziel gesetzt. Solange wir sie ohne Ziel und Schranken wüten sehen, müssen wir denken, daß es mit dem, was Jesus Glauben genannt hat, auch nicht weit her sein kann unter uns. Wenn wir die Kraft Gottes einmal wieder erkennen würden, wird sie nicht nur Glauben in uns schaffen, sondern durch den Glauben auch Hilfe, Gesundheit, Freude. Doch wir wollen nicht mit einem Seufzer schließen, sondern uns freuen darüber, daß diese Gotteskraft einmal auf der Erde erschienen ist und uns gezeigt hat, wohin der Weg führt. Wollen uns freuen über jeden Lichtstrahl, der von dort her auch zu uns dringt, und in Aufrichtigkeit das Unsere tun, daß ihrer mehrere werden können.

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Lieder:
  • Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott» von A. E. Fröhlich (1796-1865), Strophen 1-3 (RG [1998] 507, 1-2) 🎵
  • Nr. 352 «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes (1738-1821), Strophen 1.2.5 (Reichs-Lieder 565) 🎵

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 77, Anm.5.↩
2
Vgl. oben S. 51, Anm.1.↩
3
= es selber.↩
4
Vgl. die Predigt Nr. 456.↩
5
Aus Strophe 4 des Liedes Nr. 52 «Der Mond ist aufgegangen» von M. Claudius (RG [1998] 599; EG 482) 🎵.↩
6
Die beiden biblischen Anspielungen hat Barth nachträglich als Stichworte eingefügt.↩
7
Liberté, égalité, fraternité! war die Devise der französischen Revolution; vgl. Büchmann, S. 647 📖.↩
8
Im November 1918 hatten sich in ca. 50 deutschen Städten als oberste politische Organe Arbeiter- und Soldatenräte gebildet; Ph. Scheidemann hatte in Berlin, K. Eisner in München die Republik ausgerufen. Die Revolution hatte in Deutschland allerdings keine Chance. Bereits im Januar 1919 wurden die Führer der KPD, K. Liebknecht und Rosa Luxemburg, im Februar K. Eisner ermordet.↩
9
Vgl. oben S. 22, Anm.5.↩
10
«Magnetismus animalis» nannte der Arzt Fr. A. Mesmer (1734-1815) sein stets umstrittenes, aber teilweise erfolgreiches Heilverfahren, dessen Wirkung auf einem universellen, von Mensch zu Mensch mit Hilfe von Magneten oder magnetisierten Gegenständen übertragbaren Fluidum beruhen sollte. Mesmer gilt als Vorläufer der Hypnotherapie.↩