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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 9,18-19.23-26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 9,18-19.23-26, 9. März 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39013 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 98.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 9,18-19.23-26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">98</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 9,18-19.23-26, 9. März 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1897">KBA 1440</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-03-09">9. März 1919</date>
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          <head><idno>458</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-03-09">9. März 1919</date><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hielt sich vom <date when="1919-02-28">28.2.</date> bis
              zum <date when="1919-03-04">4.3.1919</date> in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> auf. Am <date when="1919-03-02">2. März</date> hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> deshalb
              nicht gepredigt, sondern sich - durch wen, ist nicht bekannt - vertreten
              lassen.</note>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.18 Mt.9.19">Matthäus 9,18-19</ref>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.23 Mt.9.26">.23-26</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Da er solches mit ihnen redete, siehe, da kam der
                  Obersten einer und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, meine Tochter ist jetzt
                  gestorben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig. Und Jesus
                  stand auf und folgte ihm nach und seine Jünger. Und als er in des Obersten Haus
                  kam und sah die Pfeifer und das Getümmel des Volks, sprach er zu ihnen: Weichet!
                  denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als
                  aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand; da
                  stand das Mägdlein auf. Und dies Gerücht erscholl in dasselbe ganze
                Land.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Der Tod hatte angeklopft</hi> an der Tür des Synagogenvorstehers
            <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> in <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName>. Hoffnungslos krank lag sein Kind danieder. Unaufhaltsam rückte das
            bittere Ende näher und näher. Vielleicht war es schon eingetreten, als der Vater sich
            angsterfüllt mit einer letzten Hoffnung Jesu zu Füßen warf. Es scheint, daß er selber
            damit gerechnet hat, daß es so sei, noch bevor er es genau wußte: Herr, meine Tochter
            ist jetzt gestorben! Vielleicht erinnern wir uns aus unserem eigenen Leben an <hi rend="italic">solche Augenblicke</hi> furchtbaren Drucks, wo wir Schrecken und
            Verderben über uns und unsere Lieben unwiderstehlich hereinbrechen sahen. Vielleicht ist
            es schon geschehen!, dachten wir. Und in dem «Vielleicht» schlummerte drohend das
            «Schon». Aber wichtiger als solche persönlichen Erinnerungen wäre heute die Erkenntnis,
            daß <hi rend="italic">unsere ganze Zeit und Lage</hi> unter solchem Druck steht. Es kann
            heute kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß <hi rend="italic">die ganze
              Entwicklung</hi>, in der wir uns befinden, sehr schweren und schmerzlichen Ereignissen
            und Verhältnissen entgegentreibt. Sie werden <hi rend="italic">um so schmerzlicher
              sein</hi>, je weniger wir uns darauf gefaßt machen, je gedankenloser wir uns von der
            Entwicklung bloß treiben lassen. Sie können vielleicht noch einige Zeit <hi rend="italic">auf sich warten</hi> lassen, um dann nur um so unwiderstehlicher über
            uns hereinzubrechen. Es kann aber geradeso gut sein, daß sie schon <hi rend="italic">unmittelbar bevorstehen</hi>, ja vielleicht, ohne daß wir’s ahnen, schon eingetreten
            sind wie der Tod des Kindes des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName>. <pb ed="pga" xml:id="p090"/> In der Bibel heißen
            solche schmerzlichen Ereignisse und Verhältnisse <hi rend="sans-serif">«Gerichte».</hi> Es ist mit diesem Ausdruck gemeint, daß sie nicht von ungefähr
            kommen, nicht nach bloßer Naturordnung und auch nicht bloß infolge einzelner Torheiten
            und Bosheiten der Menschen, sondern gleichsam als reife <hi rend="italic">Früchte</hi>
            eines langen Wachstums, als Rechnungs<hi rend="italic">abschlüsse</hi>, wie sie eben von
            Zeit zu Zeit gemacht werden müssen über Soll und Haben, als <hi rend="italic">Urteils</hi>sprüche über lange, verwickelte Prozesse, die niemand überhören kann,
            weil sie nicht in Worten, sondern in Tatsachen erscheinen. |</p>
          <p>So war’s auch im Falle des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName>. Auch <hi rend="italic">Krankheit und Tod</hi> im
            Leben des einzelnen Menschen sind nicht Zufälle, nicht Naturnotwendigkeiten, sondern
            eben göttliche Gerichte, die auf lange böse Entwicklungen zurückweisen, auch wenn die in
            den meisten Fällen äußerlich nicht erkennbar sind. Heute aber sind es nicht Einzelne
            nur, sondern <hi rend="italic">ganze</hi>
            
            <hi rend="italic">Völker und Klassen</hi>, über die das Gericht hereinbricht. Eine Woge
            von Unordnung, Gewalt und Schrecken wälzt sich von Osten her über Europa, und sie steht
            jetzt dicht vor der Tür des Schweizerhauses. Wollte Gott, <hi rend="sans-serif">wir würden merken,</hi> was die Stunde geschlagen hat. Ob wir das, was jetzt in
            Rußland und Deutschland geschieht<note xml:id="n02">Die «<orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName>» berichteten
              aus <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> z. B. am <date when="1919-03-05">5.3.1919</date> vom Bürgerkrieg vor allem
              in <placeName ref="kbga-places-886">Petersburg</placeName> und am <date when="1919-03-08">8.3.</date> von einem Appell der Sowjetregierung: es würde binnen eines
              Monats zur Katastrophe kommen, weil jeden Tag tausende von Arbeitern die Hauptstadt
              verließen, ohne sich um die Interessen des Landes zu kümmern. Aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> brachten
              sie z. B. am <date when="1919-03-05">5.3.</date> und <date when="1919-03-06">6.3.</date> Meldungen über Straßenkämpfe und Plünderungen in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> und
              <placeName ref="kbga-places-29">Halle</placeName>, am <date when="1919-03-08">8.3.</date> über schwere Kämpfe und zunehmende Plünderungen in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>.</note>, <hi rend="italic">billigen</hi> oder mißbilligen, ist sehr gleichgültig. Ob wir uns
            bemühen, die <hi rend="italic">Kanäle</hi>, durch die die böse Flut auch zu uns
            hereindringen will, künstlich zu verstopfen oder künstlich zu vergrößern, kommt fast
            aufs Gleiche heraus, sie kommt mit oder ohne Kanäle, sie ist schon da. Wichtig wäre
            jetzt nur eins, nämlich die <hi rend="italic">Erkenntnis</hi>, daß das, was jetzt kommen
            will, das Ergebnis einer langen Rechnung ist. Wir <hi rend="italic">ernten jetzt</hi>
            die bitteren Früchte, die zur Zeit unserer Großväter und Väter und in unserer eigenen
            Lebenszeit gewachsen sind. <hi rend="italic">Die Wege</hi> der Völker Europas, über
            deren Richtung uns der Weltkrieg vor Türschluß noch einmal unzweideutige Klarheit
            gegeben hat, führen unaufhaltsam diesem Ziel entgegen, und so sehr wir auf den
              bisheri<pb ed="pga" xml:id="p091" break="no"/>gen alten Wegen weitergehen, so sehr
            werden wir jenes Ziel, vor dem uns mit Recht schaudert, erreichen. Es kann aber auch
            sein, daß es <hi rend="sans-serif">zu spät</hi> ist umzukehren, weil das Ziel
            schon erreicht ist. Es gab in der Geschichte des Volkes Israel <hi rend="italic">solche
              Augenblicke</hi>, wo die Propheten nach langen vergeblichen Warnungen sagen mußten:
            nun ist’s zu spät! nun kommt, was kommen muß, und niemand wird es aufhalten [vgl. z. B.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Am.9.1 Am.9.6">Amos 9,1-6</ref>]. Ich bin kein Prophet.
              <hi rend="italic">Ich sage nicht:</hi> es ist zu spät. Aber ich sage: es könnte heute
            bereits zu spät sein für uns.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Zu spät! Nämlich zu spät <hi rend="sans-serif">für alle menschlichen Versuche,</hi> dem Unheil zu wehren. Wie
            es für den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName></hi> zu spät war, sein Kind durch bessere Nahrung
            oder durch einen Ferienaufenthalt oder durch Zuziehung anderer Ärzte oder durch eine
            Operation am Leben zu erhalten. Das alles hätte <hi rend="italic">früher</hi> geschehen
            müssen. Jetzt war der Tod <hi rend="italic">schneller</hi> als der besorgte Vater. Er
            war schon da. So könnte es heute zu spät sein für <hi rend="sans-serif">allerlei
              Menschlichkeiten,</hi> zu spät für den Acht-Stunden-Tag, zu spät für die
            Altersversicherung, zu spät für wohlgemeinte Fürsorgebestrebungen, zu spät für das
            Bekenntnis: Ich bin ja im Grunde auch sozial gesinnt! Warum ist nicht vor fünf, vor drei
            Jahren, vor einem Jahr <hi rend="italic">so geredet</hi> und vor Allem danach gehandelt
            worden? Jetzt steht <hi rend="italic">der Tod vor der Tür</hi>, und der Tod heißt heute
            Bolschewismus, Spartakus<note xml:id="n03">Nach dem römischen Sklavenführer <persName ref="kbga-actors-10425">Spartacus</persName>
              († 71 v. Chr.) nannte sich die innerhalb der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> entstandene Gruppe um <persName ref="kbga-actors-1381">Rosa Luxemburg</persName>,
              <persName ref="kbga-actors-1117">K. Liebknecht</persName> und <persName ref="kbga-actors-10426">Fr. Mehring</persName>. Die <orgName ref="kbga-actors-9755">Spartakisten</orgName> stritten für eine radikale
              sozialistische Demokratie, beteiligten sich an den Aufständen im Dezember 1918 und
              gründeten nach dem Bruch mit der <orgName ref="kbga-actors-9877">USPD</orgName> am <date when="1918-12-30">30.12.1918</date> die
              <orgName ref="kbga-actors-8624">KPD</orgName>.</note> oder wie man das unaufhaltsame östliche Ungetüm nennen mag. Ich bin der
            Überzeugung, wir würden besser tun, uns wie <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> <hi rend="italic">einzurichten, als
              ob</hi> es für alle menschlichen Abwehr- und Hilfsversuche bereits zu spät wäre. Das
            will  nicht sagen, man solle die Hände in
            den Schoß legen, wie man ja auch an einem Sterbebett bis zum letzten Augenblick <hi rend="italic">Alles versucht</hi>, um den immer dünner werdenden Lebensfaden nicht
            abreißen zu lassen. Aber <hi rend="italic">rechnen</hi> sollten wir heute mit dem Tode
            des Patienten, und stellen sollten wir uns heute der Frage: <hi rend="italic">Was
              dann?</hi> Was dann, wenn das Unheil kommt, wenn die Flut auch zu uns hereinbricht und
            neben vielem, was den Einzelnen jetzt lieb und teuer ist, auch die edelsten Güter
            unseres Volkes <hi rend="italic">hinwegschwemmt</hi>, unsere gei<pb ed="pga" xml:id="p092" break="no"/>stige und moralische Kultur um Jahrhunderte <hi rend="italic">zurückwirft.</hi> Es wäre uns besser, wir würden uns diese Frage: Was
            dann? ernsthaft stellen. Denn es ist <hi rend="italic">nicht sehr wahrscheinlich</hi>,
            daß diese Flut, die das starke, geistig so hoch stehende Deutschland bereits
            überschwemmt hat, vor den dünnen Wänden unseres Schweizerhäusleins endgültig Halt machen
            wird. <hi rend="italic">Was dann?</hi>, wenn es heute für die bestgemeinten menschlichen
            Hilfsversuche - denn von den Christen wollen wir gar nicht reden! - bereits <hi rend="italic">zu spät</hi> sein sollte?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Dann müßten wir mit <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> <hi rend="italic">vordringen</hi> zu der weiteren Erkenntnis, daß es für die Hilfe, die im
            wörtlichen, buchstäblichen Sinn <hi rend="sans-serif">von Gott, von oben</hi>
            kommt, nie zu spät ist. Von Gott, von oben, ist <hi rend="italic">die</hi> Hilfe, die
            uns zuteil wird, wenn wir uns ohne Vorbehalt eingestehen, daß <hi rend="italic">das
              Gericht, das uns trifft, gerecht</hi> ist, wenn wir uns eingestehen, daß der Weg, den
            wir bisher gegangen sind, <hi rend="italic">zu diesem Ziel führen mußte</hi>, daß es
            sich in keiner Weise darum handeln kann, diesen Weg fortzusetzen, sondern darum, einen
              <hi rend="italic">neuen Anfang zu machen.</hi> Alle Versuche, uns an dieser Einsicht
            vorbeizudrücken, sind menschlich, von unten. Sie werden uns gerade in der heutigen Lage
            nicht mehr lange helfen. <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> war <hi rend="sans-serif">demütig und mutig
              genug,</hi> als der Tod schon da war, die Augen und Hände zu <hi rend="italic">erheben</hi> nach einem solchen ganz neuen Anfang. Es braucht Beides dazu: Demut und
            Mut. Diese <hi rend="italic">zwei Eigenschaften</hi> gehören überhaupt zusammen. Nur wer
            von Herzen demütig ist, kann wirklich Mut haben. Aber wer demütig ist, der hat dann auch
            Mut. Es braucht <hi rend="italic">Demut</hi> dazu, diese Wendung zu nehmen nach der
            Hilfe, die von Gott kommt. Denn es liegt davor eben das <hi rend="italic">Eingeständnis:</hi> die Hauptsache hat uns bis jetzt <hi rend="italic">gefehlt</hi>,
            wir sind im Ganzen bis jetzt einen <hi rend="italic">verkehrten</hi> Weg gegangen, wir
            haben es <hi rend="italic">verdient</hi>, da zu stehen, wo wir stehen. Es ist dem <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName></hi>, der als Synagogenvorsteher einer der angesehensten und wohl
            auch religiösesten Leute von <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> war, sicher nicht leicht gefallen, mit diesem
            stillen Eingeständnis zu Jesus zu gehen. <hi rend="italic">Andere</hi>, die mit solcher
            Bitte zu Jesus kamen, wie etwa der arme Aussätzige [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.2">Mt. 8,2</ref> par.] oder der heidnische  Hauptmann [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.6">Mt. 8,6</ref>
            par.] hatten es darin viel leichter, weil sie nicht wie <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> so viel hatten, auf das
            sie sich etwas einbilden konnten, weil sie zum vornherein geistlich ärmer waren. Es ist
              <hi rend="sans-serif">auch heute so,</hi> daß gerade <hi rend="italic">alle
              Tüchtigen</hi>, rechtlich Denkenden, Gebildeten, religiös Gesinnten es <pb ed="pga" xml:id="p093"/> besonders schwer haben, sich einzugestehen: Wir empfangen, was unsere
            Taten wert sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.41">Lk. 23,41</ref>], wir waren
            auf einem Holzweg, wir müssen ganz vorne anfangen, auf eine innerste, letzte
            Verteidigungslinie uns zurückziehen. Gerade solche <hi rend="italic">Menschen, die etwas
              sind und haben</hi> im besten Sinn, können es heute meist gar nicht fassen, daß an
            unserem bisherigen Wesen wirklich nichts zu retten ist, daß nur Eines uns helfen kann.
            Wir können aber gerade an <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> sehen, daß es auch einem ehrenhaften, frommen Menschen
              <hi rend="italic">möglich ist, diesen neuen Weg anzutreten.</hi> Du kannst demütig
            werden, wer du auch seist, wenn du’s nur merken willst, daß Demut die einzig mögliche
            Antwort ist auf die jetzt unmittelbar drohende Gerichtszeit. |</p>
          <p>Es braucht freilich auch <hi rend="italic">Mut</hi> dazu, in solcher Lage, wo alles
            Alte zusammenzubrechen droht, unverzagt <hi rend="italic">an ein Neues zu glauben.</hi>
            Aber eben: <hi rend="italic">wo Demut ist</hi>, da ist dann von selber auch Mut. Wenn es
            heute <hi rend="italic">so wenig Menschen</hi> gibt, die mit wirklichem Mut in die
            Zukunft blicken, so kommt es sicher davon her, weil es so wenig wirklich demütige
            Menschen gibt. Vielleicht müßte man schon zu Leuten gehen, die vom Leben ganz tief
            gebeugt und niedergedrückt, die gleichsam von Natur demütig sind, um diesen Mut zu
            finden. Wir anderen sind wohl alle noch <hi rend="italic">viel zu gescheit</hi> oder zu
            fromm oder zu reich dazu, um wirklich mutig zu sein. Man muß eben <hi rend="italic">ganz
              fertig sein</hi> mit dem alten Wesen, um den Mut für die Zukunft doch aufzubringen. Es
            brauchte etwas für <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName></hi>, sich mit dem sicheren Tode seines
            Kindes abzufinden und sich dann doch an Jesus zu wenden als an den Schöpfer eines neuen
            Lebens. In den Worten: Aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!
            liegt eine <hi rend="italic">Mannestat</hi> sondergleichen. Es war eine Tat wie die
            Abrahams, als er dem Ruf Gottes gehorchte: Zieh aus aus deinem Vaterland [… in ein Land,
            das ich dir zeigen will (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.1">Gen. 12,1</ref>)].
            Es war nicht selbstverständlich, daß er gehorchte. Es war auch nicht selbstverständlich,
            daß er als Hundertjähriger noch Bäume pflanzte zu Beerseba, von denen <hi rend="italic">er</hi> jedenfalls keine Frucht mehr erwarten durfte [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.21.33">Gen. 21,33</ref>]. Mit allen Patriarchen und Propheten und Adventsmenschen
            hat <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> den großen <hi rend="italic">Sprung ins Ungewisse</hi> gewagt und getan. <hi rend="italic">Wenigen</hi> von denen, die mit solcher Bitte zu Jesus kamen, wurde es
            so schwer zu glauben wie gerade ihm, weil bei Wenigen die offenkundige Wirklichkeit in
            so starkem Widerspruch stand  wie bei ihm
            zu dem, was er glaubte. |</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p094" rend="noPipe"/>
            <hi rend="sans-serif">Wir haben es heute</hi> vielleicht auch besonders schwer zu
            glauben. <hi rend="italic">Neues Leben</hi>, wo der Tod sein Regiment schon aufgerichtet
            hat? Eine <hi rend="italic">bessere Zukunft</hi>, wo Umwälzungen drohen, die nach den
            bisherigen Erfahrungen überhaupt Alles zu vernichten drohen? <hi rend="italic">Gerechtigkeit und Frieden</hi>, wo der unverhüllte Zorn und Gewaltgeist die
            Menschheit erst recht zu erfassen scheint? <hi rend="italic">Brüderlichkeit und
              Hilfe</hi> in einem Augenblick, wo Alles schreit: Hassen, hassen wollen wir! <hi rend="italic">Arbeit und Aufbau</hi>, wo die Freude am Vernichten über Millionen von
            Menschen gekommen ist und wo wir von dem allem sagen müssen: es ist <hi rend="italic">nicht unbegreiflich</hi>, nicht unverdient, nicht ungerecht, es ist nur zu
            verständlich nach Allem, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, daß das das
            Ende ist? <hi rend="italic">Hoffen</hi> in der heutigen Lage? <hi rend="italic">Wissen</hi>, daß wir an einem Haus bauen, das für den Abbruch reif und bestimmt ist
            und an dem sehr wahrscheinlich alle Reparaturen umsonst sind, und ruhig ausschauen nach
            einem neuen Bauplatz und neuem Baumaterial? <hi rend="italic">Glauben</hi>, im Ernst an
            das Gute glauben im Jahr 1919, - das kann nur, wer eben mit <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> an Gott glaubt. <hi rend="italic">Wohl verständlich</hi>, daß Viele heutzutage Augen und Hände müde sinken
            lassen. Der Glaube ist nicht jedermanns Ding [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.3.2">2.Thess. 3,2</ref>]. Aber das soll uns <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> doch sagen,
            daß es <hi rend="italic">möglich ist</hi>, auch wenn man wie er vor einer Mauer steht,
            zu glauben. Es ist möglich, mutig zu sein. Wir können ja damit anfangen, was wir wollen,
            aber das müssen wir uns von ihm sagen lassen: es ist möglich. |</p>
          <p>Und das wollen wir uns auch von ihm sagen lassen: Wenn es heute zu spät sein sollte für
            allerlei Hilfsversuche und Auswege, so ist es jedenfalls für die Hilfe, die von Gott,
            von oben kommt und nur von dort, <hi rend="sans-serif">nicht zu spät.</hi> Es ist
            auch heute nicht zu spät, rein und göttlich und himmlisch <hi rend="italic">auszuschauen</hi> und uns auszustrecken nach der Welt, der kein Tod, kein Weltkrieg,
            keine Revolution etwas anhaben kann. Wenn wir das tun, dann fällt doch <hi rend="italic">ein großes Licht</hi> auf unsere Gegenwart und Zukunft. Wir können an Vielem, an
            Allem <hi rend="italic">zweifeln</hi>, was wir jetzt sind und haben und tun, und es wäre
            gut, wenn wir einmal gründlich zu Zweiflern würden, aber verzweifeln können wir nicht.
            Wir können den <hi rend="italic">Untergang</hi> erwarten von Allem, was jetzt groß ist
            in der Welt, aber wir können an kein Vergehen glauben von dem, was wirklich groß ist.
            Wir können <hi rend="italic">das Gericht</hi> kommen sehen, aber keine Vernichtung von
            dem, was nach seiner Natur nicht vernichtet werden <pb ed="pga" xml:id="p095"/> kann.
            Wir können uns beugen vor der eintretenden <hi rend="italic">Majestät des Todes</hi>,
            aber es gibt keinen ewigen Tod, dem wir uns beugen könnten. <hi rend="sans-serif">Was dann?,</hi> fragten wir uns. Was dann, wenn das Schlimmste
               eintreten sollte und vielleicht schon
            in Bewegung ist wie in der Geschichte des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName>? Dann muß <hi rend="italic">das
              Verwesliche</hi> anziehen die Unverweslichkeit, und das Sterbliche muß anziehen die
            Unsterblichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>)]. Lasset
            euer Licht leuchten [vor den Leuten (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>]. Wir wissen aber, so unser irdisch Haus zerbrochen wird, daß wir
              <hi rend="italic">einen Bau</hi> haben, von Gott erbauet, nicht mit Händen gemacht,
            der ewig ist, im Himmel [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>)].
            Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.1">2.Kor. 5,1</ref>]. Das ist nicht nur vom Leben der Seelen nach dem Tode gemeint, das
            will auch leiblich und irdisch und diesseitig <hi rend="italic">wahr werden.</hi> Die
            Erfahrung des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> zeigt es uns. «Meine Tochter ist jetzt gestorben, aber komm und
            lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!» O wir ahnen noch gar nicht, was wir <hi rend="italic">machen könnten</hi> in dieser Zeit, wo niemand weiß, was er machen soll,
            wenn wir nur so glauben und so reden würden!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Dazu brauchte es nun freilich schon damals
            eine <hi rend="sans-serif">große Rücksichtslosigkeit,</hi> nämlich gegenüber den
            Pfeifern und dem Getümmel des Volkes, das das Haus des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName> mit seinen Totenklagen
            erfüllte. Von allen <hi rend="italic">Hindernissen des Reiches Gottes</hi> sind die
            Klageweiber, die männlichen und die weiblichen, eines von den schlimmsten. Man muß sie
            sich mit aller Energie <hi rend="italic">vom Leibe</hi> halten, denn wo sie sind, da
            kann man nicht glauben, da geschehen keine Wunder. Sie machen es sich zum Beruf, überall
            das Irdische, das Menschliche, <hi rend="italic">das Diesseitige zu betonen</hi> an den
            Ereignissen und Verhältnissen. Solange der Himmel blau ist, leben sie friedlich und
            gedankenlos wie alle Anderen, wenn aber der böse Winter da ist, dann erheben sie ihre
            Stimmen: <hi rend="italic">Wir haben es immer gesagt!</hi> So geht es! So sind die
            Menschen! So ist die Welt! <hi rend="italic">Sie glauben grundsätzlich nicht an
              Gott</hi>, obwohl sie oft und viel von ihm reden, sie glauben an den Tod! Es ist ihnen
            ein wahres Fest, zu <hi rend="italic">klagen und zu schelten</hi>, und nur dabei werden
            sie vollkommen ernst. So sind sie gleichsam die <hi rend="italic">Nachteulen und Unken
              und Krähen</hi> des lieben Gottes, die seine Gerichte mit ihrem unvermeidlichen,
            lauten Gekrächz begleiten. Man muß sehr <hi rend="italic">freundlich</hi> und schonend
              <hi rend="sans-serif">umgehen</hi> mit diesen Leuten, besonders wenn man gemerkt
            hat, daß wir alle, heutzutage besonders, manchmal in Versuchung sind, zu den
            Klageweibern und Pfeifern zu gehen und Trauerlärm zu machen. Aber man muß ihnen <pb ed="pga" xml:id="p096"/>
            <hi rend="italic">bestimmt</hi> und rücksichtslos begegnen: Ich weiß so gut wie ihr, daß
            Unheil Unheil ist und Unrecht Unrecht und Tod Tod, aber ich <hi rend="italic">erwarte
              nichts davon</hi>, diese Tatsachen zu bejammern. <hi rend="italic">Ich danke</hi> für
            eure feierlichen Andeutungen und Fingerzeige. Wenn ihr mir nicht helfen wollt zu
            glauben, so <hi rend="italic">hindert mich wenigstens nicht</hi>, wenn ich es tun
            möchte. <hi rend="italic">Weichet!</hi> Man sollte das heute laut herausrufen in die
               Welt und hinein in so manche Häuser und
            Herzen: Weichet! <hi rend="italic">Haltet euch still</hi> und macht euch unsichtbar,
            wenn ihr nur klagen und schelten wollt. Ihr mit eurem Kopfschütteln und eurem Seufzen,
            ihr mit euren unerlösten Redensarten vom Schicksal und von der menschlichen
            Unvollkommenheit und von den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes, ihr seid’s, die ihr
            Gott im Wege steht! Wir sollten alle darin <hi rend="italic">viel strenger werden auch
              gegen uns selbst</hi>, daß wir es uns nicht alle paar Wochen leisten, in Stimmungen zu
            versinken, wo wir nur noch zu seufzen wissen: Ja, nun ist es aber so! Was soll das
            heißen? <hi rend="italic">Nur ohne Gott</hi> ist es so und bleibt es so. Mit Gott wird
            es anders. Gott hat dem Tode nicht dazu Macht gegeben, damit die Klageweiber Arbeit
            haben, sondern damit wir uns nach dem Leben ausstrecken sollen.</p>
         
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi>
            <hi rend="sans-serif">Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft!</hi> Das war
            das Wort, das Jesus dem Geschrei und Getue der Klageweiber entgegenstellte. Und dafür
            mußte er sich von ihnen <hi rend="italic">auslachen</hi> lassen. Sie waren doch so viel
              <hi rend="italic">klüger</hi> als er. Sie <hi rend="italic">wußten:</hi> Tot ist tot,
            aus ist aus! Sie nahmen die Welt, <hi rend="italic">wie sie ist</hi>, und verhielten
            sich danach; er aber war ein Schwärmer und Phantast. In der Tat ein <hi rend="italic">merkwürdiges</hi> Wort. Jesus hat ein andermal die Lebendigen Tote genannt: «Laß die
            Toten ihre Toten begraben» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.60">Lk. 9,60</ref>]!
            Diesmal nennt er das tote Kind lebendig. Wir sind immer <hi rend="sans-serif">in
              Versuchung,</hi> bei solchen Bibelstellen zu denken: ja das sind <hi rend="italic">schöne Gedanken, schöne Worte.</hi> Wir sollten uns das abgewöhnen. Wenn das nur
            schön gedacht und schön geredet war von Jesus, dann war es Spielerei. Dann wollte ich es
            mit den Klageweibern halten, die Alles nehmen, wie es ist, und das Übrige [?]
            verlachen [?]. Aber Jesus hat mit diesem Wort nicht etwas Schönes sagen wollen, sondern
              <hi rend="italic">etwas Wahres.</hi> Er hat nicht eine tiefe Idee ausgesprochen in
            einem seltsamen Wortspiel, sondern er hat sehr nüchtern <hi rend="italic">eine
              Handlung</hi> damit eröffnet. Er hat wieder einmal ausgesprochen, <hi rend="italic">was werden sollte.</hi> Er hat <hi rend="italic">an Gott</hi> gedacht. Und das heißt
            bei ihm: er hat an <hi rend="italic">sein eigenes Leben</hi> gedacht und an seine <pb ed="pga" xml:id="p097"/> Aufgabe, zu suchen und zu retten, was verloren ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.10">Lk. 19,10</ref> par.]. Er hat an Alles gedacht,
            was er schon <hi rend="italic">getan</hi> hatte und was er <hi rend="italic">noch
              tun</hi> wollte in der Erfüllung dieser Aufgabe. Das ist <hi rend="italic">zweierlei:</hi> schöne Gedanken und Worte und eine solche Reihe von göttlichen Taten.
            Für Jesus <hi rend="sans-serif">gehörte das tote Kind bereits</hi> hinein in die
            Reihe der göttlichen Taten, in sein eigenes Heilandsleben. Er stellte es mitten hinein
            durch sein Wort. Und darum konnte er es <hi rend="italic">schon nicht mehr tot</hi>
            nennen. In Gott ist kein Tod, sind keine Toten. Ihm leben sie alle [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.20.38">Lk. 20,38</ref>]. | 
          </p>
          <p> Das war eben das <hi rend="italic">große Licht</hi>, das der
            Erkenntnis des <persName ref="kbga-actors-10424">Jairus</persName>, seiner Demut und seinem Mut antwortete. Wenn wir seine Erkenntnis
            teilen würden, dann <hi rend="sans-serif">würden uns heute auch</hi> Bolschewismus
            und Spartakismus und wie diese Todeserscheinungen einer untergehenden Weltperiode heißen
            mögen, <hi rend="italic">in dieses große Licht treten.</hi> Schöne Gedanken und schöne
            Worte lassen sich freilich nicht darüber machen. Häßlich ist häßlich, und schrecklich
            ist schrecklich, und Tod ist Tod. Wohl aber könnten auch die Gerichte, denen wir heute
            wahrscheinlich entgegengehen, <hi rend="italic">hineingestellt werden</hi> in die große
            Reihe göttlicher Taten, die auch heute noch nicht zu Ende ist. Sie könnten einen anderen
            Sinn und einen <hi rend="italic">anderen Inhalt</hi> bekommen. Was jetzt Unrecht ist,
            könnte <hi rend="italic">höchstes Recht</hi>, was jetzt Leid ist, könnte <hi rend="italic">Freude</hi>, was jetzt Verderben ist, könnte <hi rend="italic">Heil</hi>, was jetzt Untergang ist, könnte zum <hi rend="italic">neuen Werden</hi> sich
            gestalten. Denn auch die großen Gerichte, die über die Menschheit gehen, sind <hi rend="italic">nicht das Ende</hi> der Wege Gottes, so wenig der Tod des einzelnen
            Menschen das Ende der Wege Gottes mit ihm ist: Das Ende ist immer Gnade und Leben.
            Dieses Ende könnte <hi rend="italic">sichtbar</hi> werden, so daß wir angesichts des
            großen Jammers, des blutigsten Unrechts sagen dürften: Das Mägdlein ist nicht tot,
            sondern es <hi rend="italic">schläft nur.</hi> So könnte es sein, so wahr Gott lebt,
            wenn Gott heute <hi rend="italic">unserem Glauben antworten</hi> könnte, wenn der
            Heiland heute <hi rend="italic">aussprechen</hi> könnte, was werden soll. Wenn wir heute
              <hi rend="italic">dazu verurteilt</hi> sind, in dem, was kommt, nur Unheil und
            Verderben zu sehen, dann aus dem einen Grunde, weil wir <hi rend="italic">nur noch so
              schwach</hi> in dem Heilandsleben, in der Heilandsbewegung drin stehen, die das
            Gericht in Gnade verwandelt. Ist es aber so, dann können wir heute vielleicht hilflos,
            aber <hi rend="italic">nicht ratlos</hi> sein. Wir können wissen, was uns nötig ist. <hi rend="italic">Warum rufen wir nicht</hi> lauter, nicht sehnsüchtiger, nicht
            ernsthafter nach dem Strom des Geistes von oben, der den Tod in Leben, den Untergang in
            Auferstehung verwan<pb ed="pga" xml:id="p098" break="no"/>delt? Warum liegen und sitzen
            und stehen wir, wo wir uns mit dem Heiland <hi rend="italic">bewegen sollten?</hi> Warum
            lassen wir’s nicht zu, daß er uns wieder <hi rend="italic">mitnehme auf seinen
              Wegen?</hi> Wir würden dann heute schon zu sehen bekommen, daß in Gott keine Toten
            sind. Denn alle Dinge sind möglich dem, der glaubt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.23">Mk. 9,23</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-222" type="song"> Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von
              <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3.12.13 (RG [1998] 723; EG 324)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-89" type="song">Nr. 344 «Jesus, meine Zuversicht» von <persName ref="kbga-actors-8792">O. von
              Schwerin</persName>, Strophen 1.6.7 (RG [1998] 478,1.3.4; EG 526,1.6.7; jeweils mit
              Textabweichungen in der mittleren Strophe) </bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
