Matthäus 9,16-17
1. Jesus hat in diesen Worten gewarnt, nicht vor der Sünde, nicht vor der Welt, nicht vor dem Teufel, sondern vor sich selbst, vor dem Gottesreich, vor dem neuen Licht, der neuen Kraft, der neuen Liebe, der neuen Weltordnung, die er gebracht hat. Man soll es mit diesem Neuen ja nicht halten wie einer, der töricht von einem neuen Kleid ein Stück abschneidet, um ein altes damit zu flicken, oder wie einer, der jungen gärenden Most in alte abgenutzte Weinschläuche faßt. Sonst gehe das Neue zu Grunde und das Alte, das man damit in Verbindung gebracht, erst recht. Lieber solle man die Finger ganz lassen vom Neuen, lieber sich begnügen mit dem alten ungeflickten Kleid, lieber verzichten auf den jungen Most!
Das sind notwendige Worte bis auf den heutigen Tag. An wen mag Jesus sie gerichtet haben? Man kann an Verschiedene denken.
a) Vielleicht waren es solche, die wie der reiche Jüngling [
b) Vielleicht waren die, die Jesus mit diesen Gleichnissen
warnte, seine eigenen
Jünger, die von
heiligem Eifer erfaßt waren, sich nach allen Seiten zu ergießen,
das Neue, das sie bei ihm gefunden, auszubreiten und an den Mann
zu bringen, die bei jeder Gelegenheit brannten zu zeugen: wir
wissen etwas, was ihr noch nicht wißt, empfehlend hinzuweisen auf
ihre Sache als auf das Heilmittel für alle Schäden des Lebens und der Weltverhältnisse
oder doch darüber zu diskutieren mit Andersdenkenden: mit den
Pharisäern, mit Heiden, mit den Jüngern des Johannes [vgl.
Jesus hat seinen Jüngern geantwortet: Ja, es ist recht, gehet
hin in alle Welt und verkündiget [das Evangelium aller Kreatur (
c) Vielleicht hat Jesus seinen Jüngern mit diesen Gleichnissen auch geantwortet auf bestimmte schlimme Erfahrungen, die sie mit dem Reich Gottes gemacht haben. Schlimme Erfahrungen mit dem Reich Gottes, ist das möglich? Bringt denn das Christentum nicht unter allen Umständen Segen, Klarheit und Frieden? Nein, nicht unter allen Umständen.
Nur da, wo das Christentum das neue Kleid
ist, das die Menschen anziehen, nur da, wo es ganz sein kann, was
es ist, nur da, wo das Reich Gottes seinen eigenen Weg gehen
kann, nur da, wo das Göttliche sich frei entfalten kann, nur da,
wo die Menschen nicht nur dies und jenes Neue und Göttliche annehmen und ergreifen,
sondern das Neue, das Reich Gottes selbst, wo sie sich hinstellen auf den neuen Boden und hinein in
die neue Luft, nur da macht man gute Erfahrungen mit dem Reich Gottes, da ist es dann allerdings der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl.
Im anderen Fall aber, wenn wir zum Göttlichen nicht Sorge tragen, wenn wir von ihm verlangen, daß es sich uns und der Welt anpasse, wenn wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir sein Licht leuchten lassen, dann müssen wir schlimme Erfahrungen damit machen. Das törichte Losschneiden vom neuen Kleid, um damit das alte zu flicken, verdirbt nicht nur das neue, sondern auch das alte. Je schöner der Flick4 ist, um so weniger schön macht er sich als Flick. Je fester er ist, um so größer wird das Loch sein, das er ins alte Kleid macht. «Der Riß wird ärger».
Die Jünger werden solche Erfahrungen gemacht haben. Wir haben’s
den Leuten bezeugt: Suchet Gott, so werdet ihr leben [
Und nun könnten wir im Namen des Christentums unserer Zeit fortfahren und zu Jesus sagen: Wir haben dich gepredigt und angepriesen, und immer deutlicher wird es, daß die Welt ihren eigenen Gang geht ohne dich! Wir treiben Fürsorge für Arme und Kranke, und immer gewaltiger wird der böse Riß, der durch unsere Gesellschaft geht! Wir bekehren einige Trinker, und um so mehr rafft die taumelnde Genußsucht im Ganzen! Wir bauen und schmücken Kirchen, wir gründen immer neue Gemeinschaften, eröffnen immer neue christliche Stiftungen, und die große Mehrzahl läßt es lachend geschehen, weil sie sich um so sicherer fühlt vor uns, solange wir so gut beschäftigt sind. Wir erreichen es im besten Fall, daß Einige dem Wort Gehör geben und auch diese Einigen nur mit Auswahl, soweit ihr Charakter, ihre Familien, die ganze Lebensrichtung, in der sie stehen, es ihnen zugibt, und um so deutlicher wird es, daß der Mensch als Ganzer dir nicht Gehör geben will noch kann. Daß das Kleid, das er jetzt trägt, alt und verschlissen und unbrauchbar ist, das wissen wir wohl, das weiß der Mensch, aber wir, deine Jünger, wir haben trotz aller Anstrengung nicht, womit wir seine Blöße bekleiden könnten. «Der Riß wird ärger», was wir auch versuchen.
Auf solche bösen, schmerzlichen Erfahrungen mit dem Reich Gottes wird unser Text die Antwort sein. Ja, seht ihr, antwortet er seinen betrübten
Jüngern, das ist nun eben die große Frage, ob es das Reich Gottes
selbst ist, was ihr vertretet und verkündigt. Es wird schwerlich
das Reich Gottes selbst sein; das könnte den Riß nicht ärger machen, denn das ist ein neues Ganzes aus einem Stück; das könnte nicht Verwirrung und Ärgernis anrichten, das könnte die Gegensätze nicht ver|74schärfen und
vergrößern, denn das ist die Herrschaft Gottes, der allen Widerspruch, alle Gegensätze
und Gegenwirkungen aufhebt. Mit dem Reich Gottes macht man keine
schlimmen Erfahrungen. Wohl aber macht man die, wenn man nur
mit einem Fetzen vom Reich Gottes arbeiten und helfen will, und wenn’s gleich
noch so ein schönes Stück wäre. Wenn’s immer nur ein Teil des
Göttlichen sein soll, ihr Christen, der Teil, der euch gerade zusagt oder erreichbar zu
sein scheint, ein Teil ohne den anderen Teil, ohne das Ganze,
dann wirkt das Göttliche gefährlich, das wirkt wie Sprengpulver, wo und wie man es auch
anwendet. Freiheit ohne Heiligkeit, Heiligkeit ohne Erbarmen,
Erbarmen ohne Kraft, Kraft ohne Licht, Licht ohne Weisheit, Weisheit ohne Eifer, Eifer
ohne Herzlichkeit, Herzlichkeit ohne Gerechtigkeit und weiter: die Kirche ohne die Welt, die Welt ohne die Bibel, die Bibel ohne deine eigene
Seele, deine eigene Seele ohne die Not und Hoffnung der menschlichen Gesellschaft, die
Menschheit ohne Gott, Gott ohne den Heiland, der Heiland ohne ein freudiges, volles,
unbedingtes Ja - reißt Fetzen heraus, wo ihr wollt, aus dem
wunderbaren, neuen Kleid des Gottesreiches; solange ihr nur Fetzen habt, kann das alles
nur zersetzen, zerstören, auseinanderreißen, den Riß ärger
machen. Verwundert es euch, wenn ihr’s erfahren müßt, daß es so ist? Habe ich es euch
nicht gesagt, daß es im Dienst des Gottesreiches nie nur auf das Eine
ankommt, sondern immer auch auf das Andere? daß man das Göttliche nicht teilen kann, weil jeder Teil sofort nach dem Ganzen strebt?
Seid klug wie die Schlangen und [ohne Falsch wie die Tauben!
(
d) Vielleicht wenden sich diese Worte aber auch noch nach einer
anderen Seite. Wir wissen aus der Lebensgeschichte Jesu in den Evangelien, daß er je
länger je mehr umgeben war von furchtsamen und mißtrauischen
Seelen, die in ihm einen Zerstörer der bisherigen göttlichen
und menschlichen Ordnungen sahen. Die Einen warfen ihm vor, er untergrabe die
Grundlagen des Staates, die Anderen klagten ihn an, er
diskreditiere und verunmögliche die Stellung der Kirche im
Volksleben. Die Pharisäer hatten es gegen ihn, weil er die Moral
auf den Kopf stelle und die Frömmigkeit erschüttere. Aus nächster
Nähe mußte er es hören, daß er auch das Familienleben nicht wert
halte [vgl.
Aber freilich: Jesus hat nie bestritten, daß die alten Ordnungen
eben dadurch, daß etwas Besseres an ihre Stelle kommt, außer
Kraft gesetzt werden. Der Most sprengt nun einmal die
alten Schläuche. Er will es nicht. Aber weil er Most ist, so gärt er. Und weil er gärt,
so sprengt er, was alt und morsch ist. So das Reich Gottes. Es
hat keine besondere Freude am Umsturz, es ist nicht seine Absicht umzustürzen, aber es
läßt sich auch nicht leugnen, daß es tatsächlich den Umsturz bedeutet für alle bloß
menschlichen oder menschlich verderbten Gottesordnungen. Es stürzt freilich auf seine eigene Weise, nicht mit der äußerlichen Gewalt von
Stimmenmehrheit oder gar von Maschinengewehren, sondern mit der innerlichen Gewalt, mit
der das Tannenwürzelchen im Felsenspalt, wenn es wächst, zuletzt den Felsen zerbricht.
Aber es läßt sich nicht leugnen: es stürzt, es zerbricht, es ist
nichts, gar nichts Altes, Menschliches sicher vor dem Gottesreich. «Er übet Gewalt mit
seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die
Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und
läßt die Reichen leer» [
Man kann einen doppelten Sinn finden in dieser Warnung. Sie ist einerseits eine freundliche Fürsorge für jene ängstlichen und mißtrauischen Seelen:
Seht, sagt er ihnen, ich möchte euch davor bewahren, daß ihr immer so
überrascht seid, wenn im Evangelium der Angriff auf die alten Ordnungen zum
Vorschein kommt. Ich sage es euch nun ein
für allemal: dieser Angriff ist im Evangelium tatsächlich
vorhanden und wird immer wieder an den Tag kommen, einfach darum, |77 weil es wirklich die Botschaft von einer neuen
Ordnung ist. Und alt und neu reimen sich nun einmal nicht,
das Göttliche verdrängt nun einmal das Menschliche. Ist euch das
so unangenehm, daß es so ist, so haltet euch die Ohren zu, wenn
ihr könnt, aber wundert euch nicht mehr darüber, daß es so ist.
Andrerseits ist diese Warnung gerade damit, daß das so ruhig und freundlich festgestellt
wird, eine unverkennbare Herausforderung: Macht mit mir, was ihr wollt, ihr Ängstlichen und Mißtrauischen. Ihr könnt die
Natur des Gottesreiches nicht verändern und mich auch nicht. Und wenn ihr euch noch nicht verändern könnt, dann müßt ihr allerdings gegen mich sein. «Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er
das Reich Gottes nicht sehen» [
2. Wir haben diese Worte nun nach allen Seiten, gleichsam nach allen vier Himmelsrichtungen reden lassen. Die
Einen von uns werden hier, die Anderen dort davon berührt worden sein, je nachdem wo wir
stehen. Irgendwo stehen wir ja alle: Entweder bei denen, die gern etwas vom Christentum
annehmen, oder bei denen, die es gelüstet, ihr Christentum
eifrig zu zeigen und zu betätigen, oder bei denen, die damit
schon schlimme Erfahrungen gemacht haben, oder bei denen, die
etwas gewittert haben, daß das Christentum dem jetzigen Weltleben gefährlich werden könnte. Aber wo wir auch stehen, nicht wahr, das haben wir
gemerkt, diese seltsamen Worte des Heilands stellen uns alle vor eine große Entscheidung. Sie sagen uns, daß er nicht mit sich markten läßt. Sie sagen uns: Alles oder
nichts!5 Ja oder Nein! Sie war|78nen uns vor allen Versuchen, das Alte und das Neue zu vereinigen. Sie laden uns freundlich ein, es mit dem Neuen zu wagen. Sie laden uns aber ebenso bestimmt ein, wenn wir’s nicht wagen, auf das
Neue ganz zu verzichten. Der Evangelist
Lukas hat in dieser Hinsicht noch ein
heiteres Wort Jesu überliefert: «Niemand ist, der vom alten Wein trinkt und wolle bald
des neuen; denn er spricht: der alte ist milder» [
- Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erden» von
H. Albert , Strophen 1-3 (RG [1998] 566; EG 445, jeweils mit Textabweichungen) - Nr. 177 «Jehovah. Jehovah, Jehovah», Strophen
1-2, Str.1 von
G. K. Pfeffel (1736-1809).