16. Februar 1919

Matthäus 9,16-17

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Matthäus 9,16-17
[Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid, und der Riß wird ärger. Man faßt auch nicht Most in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Most wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern man faßt Most in neue Schläuche, so werden sie beide miteinander erhalten.]

1. Jesus hat in diesen Worten gewarnt, nicht vor der Sünde, nicht vor der Welt, nicht vor dem Teufel, sondern vor sich selbst, vor dem Gottesreich, vor dem neuen Licht, der neuen Kraft, der neuen Liebe, der neuen Weltordnung, die er gebracht hat. Man soll es mit diesem Neuen ja nicht halten wie einer, der töricht von einem neuen Kleid ein Stück abschneidet, um ein altes damit zu flicken, oder wie einer, der jungen gärenden Most in alte abgenutzte Weinschläuche faßt. Sonst gehe das Neue zu Grunde und das Alte, das man damit in Verbindung gebracht, erst recht. Lieber solle man die Finger ganz lassen vom Neuen, lieber sich begnügen mit dem alten ungeflickten Kleid, lieber verzichten auf den jungen Most!

Das sind notwendige Worte bis auf den heutigen Tag. An wen mag Jesus sie gerichtet haben? Man kann an Verschiedene denken.

a) Vielleicht waren es solche, die wie der reiche Jüngling [Mk. 10,17-22 par.] und Andere in einer gewissen Begeisterung zu ihm kamen, weil sie das Neue in seiner Botschaft und Person wohl erkannten und danach begehrten, es sich anzueignen und in ihr Leben herüberzunehmen. Weil ihnen etwas fehlte, wozu sie im Evangelium die willkommene Ergänzung fanden. Jesus kam ihnen gerade recht mit seiner Botschaft für die Bedürfnisse ihrer Seele. Etwa wie wir in die Kirche kommen in der Absicht, uns von da etwas mitzunehmen, etwas Trost oder Ermutigung oder ernste Gedanken für unser Leben. - 1 Ihnen antwortet Jesus: ja kommt nur!, aber habt Respekt vor meinem Neuen. Es ist nicht vom gleichen Stoff und von der gleichen Art wie euer Leben und [eure] Seele. Es ist das Göttliche. Das Göttliche kann man sich nicht aneignen, herübernehmen, mitnehmen, das Gött|70liche will uns aneignen, herübernehmen, mitnehmen. Das Göttliche will nicht dienen, sondern herrschen. Wenn man das nicht versteht, wenn man vom Göttlichen verlangt, es müsse uns dienen, wenn man sich davon losschneidet, soviel einem paßt, um sein altes Kleid damit zu flicken, dann ist’s nicht mehr das Göttliche, dann geht’s zu Grunde. Lieber hört mich gar nicht, wenn ihr nur die Hälfte oder ein Viertel oder ein Achtel hören wollt von dem, was ich euch von Gott zu sagen habe. Denn Gott ist heilig. Lieber wartet Gott, als daß er aufhört, ein heiliger Gott zu sein.

b) Vielleicht waren die, die Jesus mit diesen Gleichnissen warnte, seine eigenen Jünger, die von heiligem Eifer erfaßt waren, sich nach allen Seiten zu ergießen, das Neue, das sie bei ihm gefunden, auszubreiten und an den Mann zu bringen, die bei jeder Gelegenheit brannten zu zeugen: wir wissen etwas, was ihr noch nicht wißt, empfehlend hinzuweisen auf ihre Sache als auf das Heilmittel für alle Schäden des Lebens und der Weltverhältnisse oder doch darüber zu diskutieren mit Andersdenkenden: mit den Pharisäern, mit Heiden, mit den Jüngern des Johannes [vgl. Mt. 9,14]. Etwa wie noch heute für das Christentum Propaganda gemacht wird, wie es auch uns etwa treibt, herauszuwirken [?] mit unserer besseren Überzeugung, mit unserem großen Frieden, wie es auch uns oft gelüstet, Händel anzufangen im Namen des lieben Gottes, etwa mit Ungläubigen oder Halbgläubigen, etwa mit solchen, die altmodischer oder neumodischer sind, als wir es für christlich und recht ansehen, etwa mit solchen, die an einem bestimmten Punkt nicht begreifen, was das recht verstandene Christentum heute fordert. Gerne denken und sagen wir denen: der Glaube ist doch für jeden Menschen das Rechte, für jede Lebenslage eine Hilfe und Lösung, für alle Fragen eine Antwort. -2 |

Jesus hat seinen Jüngern geantwortet: Ja, es ist recht, gehet hin in alle Welt und verkündiget [das Evangelium aller Kreatur (Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (Mt. 5,16)], aber tragt Sorge zu meinem Neuen. Denkt immer daran, daß es das Neue ist und bleiben muß. Der Glaube ist durchaus nicht jedermanns Ding [Mk. 16,15)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den Leuten (2.Thess. 3,2]. Es gibt Menschen, die das Göttliche, wenn man es ihnen anpreist, vielleicht annehmen, aber unweigerlich sofort in ihr Eigenes, ins allge|71mein Menschliche übersetzen und umwandeln, und dann hört es auf, göttlich zu sein. Solchen Menschen preist man es besser nicht an. Das Reich Gottes schafft neue Menschen, oder es ist nicht mehr das Reich Gottes. Das Christentum paßt auch daher [?] nicht in alle Lebenslagen. Es gibt Verhältnisse, in denen man nur dann christlich reden und handeln kann, wenn man zuerst vom Christentum 99% abzieht: Was hat das heutige Geschäftsleben, was hat das Militär, was hat die heutige Politik, was haben die Gesinnungen und Gewohnheiten ganzer Familien mit dem Christentum zu tun? Es kann nur verlieren, wenn man es damit in Verbindung bringt. Jesus hat gewußt, was er sagte, als er dort antwortete: Mensch, wer hat mich zum Erbschlichter unter euch gesetzt? [Lk. 12,14]. Das Reich Gottes schafft neue Verhältnisse und Lebenslagen, oder es ist nicht mehr das Reich Gottes. Und so gibt es Fragen und Sorgen, auf die es schlechterdings keine vernünftige göttliche Antwort gibt, denen gegenüber die Wahrheit einfach verstummen muß, wenn sie die Wahrheit bleiben will, 3-z. B. wie kann ich ein ernster Mensch sein, ohne doch innerlich einmal ganz ernst zu werden?, wie kann ich meinem Gewissen folgen, ohne u. U. mit meinem Nächsten in Konflikt zu kommen?, wie kann ich Pfarrer sein, ohne einem Teil meiner Gemeinde Anstoß zu geben?, wie kann man den Armen helfen oder den Krieg unmöglich machen, ohne die heutigen Verhältnisse von Grund aus anzugreifen und umzugestalten?-3 Auf solche Fragen gibt die Wahrheit nur dann Antwort, wenn sie lügen kann, d. h. aber, an solchen Antworten geht sie notwendig zu Grunde. Das Reich Gottes schafft neue Fragen, oder es ist nicht mehr das Reich Gottes. Darum aber hat Jesus seine Jünger gewarnt: Tragt Sorge zu meinem Neuen! Wenn ihr nicht Sorge dazu tragt, so ist euer Eifer umsonst, ja sogar schädlich. Schüttet den neuen Wein nicht in alte Schläuche, sonst geht er doch nur zu Grunde. Jesus hat diese Warnung an seine Jünger ein andermal noch viel schärfer ausgesprochen: Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen [Mt. 7,6]. Er meint das Gleiche damit: Das Reich Gottes paßt durchaus nicht für Alle und für Alles. Es geht seinen eigenen Weg. Lieber wartet es, als daß es darauf verzichtet, seinen eigenen Weg zu gehen. Das Reich Gottes paßt sich uns nicht an, sondern wir müssen |72 uns ihm anpassen. Lieber steht es ruhig und geduldig still vor unserer Tür, als daß es sich uns anpassen würde,

c) Vielleicht hat Jesus seinen Jüngern mit diesen Gleichnissen auch geantwortet auf bestimmte schlimme Erfahrungen, die sie mit dem Reich Gottes gemacht haben. Schlimme Erfahrungen mit dem Reich Gottes, ist das möglich? Bringt denn das Christentum nicht unter allen Umständen Segen, Klarheit und Frieden? Nein, nicht unter allen Umständen.

Nur da, wo das Christentum das neue Kleid ist, das die Menschen anziehen, nur da, wo es ganz sein kann, was es ist, nur da, wo das Reich Gottes seinen eigenen Weg gehen kann, nur da, wo das Göttliche sich frei entfalten kann, nur da, wo die Menschen nicht nur dies und jenes Neue und Göttliche annehmen und ergreifen, sondern das Neue, das Reich Gottes selbst, wo sie sich hinstellen auf den neuen Boden und hinein in die neue Luft, nur da macht man gute Erfahrungen mit dem Reich Gottes, da ist es dann allerdings der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. Joh. 14,6], da bringt es uns Lichter, Kräfte, Lösungen, Gaben, alle Tage und in jeder Beziehung neue. Da wird es zu einem Strom von Erfahrungen, die uns vorwärts führen.

Im anderen Fall aber, wenn wir zum Göttlichen nicht Sorge tragen, wenn wir von ihm verlangen, daß es sich uns und der Welt anpasse, wenn wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir sein Licht leuchten lassen, dann müssen wir schlimme Erfahrungen damit machen. Das törichte Losschneiden vom neuen Kleid, um damit das alte zu flicken, verdirbt nicht nur das neue, sondern auch das alte. Je schöner der Flick4 ist, um so weniger schön macht er sich als Flick. Je fester er ist, um so größer wird das Loch sein, das er ins alte Kleid macht. «Der Riß wird ärger».

Die Jünger werden solche Erfahrungen gemacht haben. Wir haben’s den Leuten bezeugt: Suchet Gott, so werdet ihr leben [Am. 5,6]!, aber sie sind alle nur um so trotziger und selbstgefälliger auf ihren gottlosen Wegen weitergegangen. Wir haben’s verteidigt gegen die Pharisäer, daß der Menschen Sohn Herr ist auch über den Sabbat [Mk. 2,28 par.] und über das Fasten [Mk. 2,19 par.], und sie haben nur um so stärker beharrt auf ihrer menschlichen Gerechtigkeit. Wir sind wie du |73 zu den Zöllnern und Sündern gegangen und haben mit ihnen gegessen, und das Ergebnis war, daß sie sich in ihren Sünden noch bestärkt fühlten. Wir haben den Reichen gesagt, daß man nicht Gott dienen kann und dem Mammon [Mt. 6,24], und die Folge war, daß sie sich beleidigt von uns abwandten und ihrem Götzen nur noch andächtiger dienten. Wir haben einige Kranke gesund gemacht [vgl. Mt. 10,8 par.], und die Not aller ungeheilten Kranken schreit nur um so lauter zum Himmel. Wir haben einen Teufel ausgetrieben, und siehe, sieben andere haben das leere Haus besetzt [vgl. Mt. 12,45 par.]. Wir haben unser Licht leuchten lassen, und um so dunkler wurde das Dunkel um uns.

Und nun könnten wir im Namen des Christentums unserer Zeit fortfahren und zu Jesus sagen: Wir haben dich gepredigt und angepriesen, und immer deutlicher wird es, daß die Welt ihren eigenen Gang geht ohne dich! Wir treiben Fürsorge für Arme und Kranke, und immer gewaltiger wird der böse Riß, der durch unsere Gesellschaft geht! Wir bekehren einige Trinker, und um so mehr rafft die taumelnde Genußsucht im Ganzen! Wir bauen und schmücken Kirchen, wir gründen immer neue Gemeinschaften, eröffnen immer neue christliche Stiftungen, und die große Mehrzahl läßt es lachend geschehen, weil sie sich um so sicherer fühlt vor uns, solange wir so gut beschäftigt sind. Wir erreichen es im besten Fall, daß Einige dem Wort Gehör geben und auch diese Einigen nur mit Auswahl, soweit ihr Charakter, ihre Familien, die ganze Lebensrichtung, in der sie stehen, es ihnen zugibt, und um so deutlicher wird es, daß der Mensch als Ganzer dir nicht Gehör geben will noch kann. Daß das Kleid, das er jetzt trägt, alt und verschlissen und unbrauchbar ist, das wissen wir wohl, das weiß der Mensch, aber wir, deine Jünger, wir haben trotz aller Anstrengung nicht, womit wir seine Blöße bekleiden könnten. «Der Riß wird ärger», was wir auch versuchen.

Auf solche bösen, schmerzlichen Erfahrungen mit dem Reich Gottes wird unser Text die Antwort sein. Ja, seht ihr, antwortet er seinen betrübten Jüngern, das ist nun eben die große Frage, ob es das Reich Gottes selbst ist, was ihr vertretet und verkündigt. Es wird schwerlich das Reich Gottes selbst sein; das könnte den Riß nicht ärger machen, denn das ist ein neues Ganzes aus einem Stück; das könnte nicht Verwirrung und Ärgernis anrichten, das könnte die Gegensätze nicht ver|74schärfen und vergrößern, denn das ist die Herrschaft Gottes, der allen Widerspruch, alle Gegensätze und Gegenwirkungen aufhebt. Mit dem Reich Gottes macht man keine schlimmen Erfahrungen. Wohl aber macht man die, wenn man nur mit einem Fetzen vom Reich Gottes arbeiten und helfen will, und wenn’s gleich noch so ein schönes Stück wäre. Wenn’s immer nur ein Teil des Göttlichen sein soll, ihr Christen, der Teil, der euch gerade zusagt oder erreichbar zu sein scheint, ein Teil ohne den anderen Teil, ohne das Ganze, dann wirkt das Göttliche gefährlich, das wirkt wie Sprengpulver, wo und wie man es auch anwendet. Freiheit ohne Heiligkeit, Heiligkeit ohne Erbarmen, Erbarmen ohne Kraft, Kraft ohne Licht, Licht ohne Weisheit, Weisheit ohne Eifer, Eifer ohne Herzlichkeit, Herzlichkeit ohne Gerechtigkeit und weiter: die Kirche ohne die Welt, die Welt ohne die Bibel, die Bibel ohne deine eigene Seele, deine eigene Seele ohne die Not und Hoffnung der menschlichen Gesellschaft, die Menschheit ohne Gott, Gott ohne den Heiland, der Heiland ohne ein freudiges, volles, unbedingtes Ja - reißt Fetzen heraus, wo ihr wollt, aus dem wunderbaren, neuen Kleid des Gottesreiches; solange ihr nur Fetzen habt, kann das alles nur zersetzen, zerstören, auseinanderreißen, den Riß ärger machen. Verwundert es euch, wenn ihr’s erfahren müßt, daß es so ist? Habe ich es euch nicht gesagt, daß es im Dienst des Gottesreiches nie nur auf das Eine ankommt, sondern immer auch auf das Andere? daß man das Göttliche nicht teilen kann, weil jeder Teil sofort nach dem Ganzen strebt? Seid klug wie die Schlangen und [ohne Falsch wie die Tauben! (Mt. 10,16)]. Habt Salz bei euch und habt [Frieden untereinander! (Mk. 9,50)]. Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, man wird auch nicht sagen [: Siehe, hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk. 17,20f.)]. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz des Herzens! [Mt. 12,35]. So schaue darauf, daß nicht das Licht in dir Finsternis sei! [Lk. 11,35]. Noch einmal: Ist es das Reich Gottes, mit dem ihr böse Erfahrungen gemacht habt, oder ist’s nicht das Licht, das in euch zur Finsternis geworden, weil ihr eigenmächtig, träge, untreu damit umgegangen seid? Dann müßt ihr eben das Licht wieder Licht werden lassen in euch, müßt euch bekehren von einem Fetzen zum wunderbaren Ganzen des Gottesreiches, müßt aus eurer Erstarrung wieder erwachen zur Lebendigkeit und Beweglichkeit, und der |75 Segen, die Klarheit und der Friede werden nicht ausbleiben. Wollt ihr das nicht, gefallen euch eure Fetzen so gut, daß ihr euch nicht mehr zum Ganzen bekehren könnt, dann laßt lieber auch noch von den Fetzen, es würde für euch und die Menschen besser sein, wenn ihr nicht ferner Verheerungen damit anrichten würdet!

d) Vielleicht wenden sich diese Worte aber auch noch nach einer anderen Seite. Wir wissen aus der Lebensgeschichte Jesu in den Evangelien, daß er je länger je mehr umgeben war von furchtsamen und mißtrauischen Seelen, die in ihm einen Zerstörer der bisherigen göttlichen und menschlichen Ordnungen sahen. Die Einen warfen ihm vor, er untergrabe die Grundlagen des Staates, die Anderen klagten ihn an, er diskreditiere und verunmögliche die Stellung der Kirche im Volksleben. Die Pharisäer hatten es gegen ihn, weil er die Moral auf den Kopf stelle und die Frömmigkeit erschüttere. Aus nächster Nähe mußte er es hören, daß er auch das Familienleben nicht wert halte [vgl. Lk. 12,53 par.]. Eine bekannte Rede gegen ihn war die, daß er das Volk aufwiegle [Lk. 23,5]. Heutzutage könnte man wohl noch viel geläufiger reden darüber, wie schlimm das sei, daß das Reich Gottes das Gute, Alte so aufhebe und umkehre. Von allen Seiten müßten wir das Geschrei hören: o unsere lieben alten Schläuche, er zerreißt sie, er zerreißt sie, der junge Most! Es muß einem doch auffallen, daß der Heiland sich nicht energisch gegen solche Anklagen gewehrt hat. Er hat zwar nirgends zugegeben, daß es seine Absicht sei, alte Ordnungen zu zerstören; es war auch nicht seine Absicht. Der Zweck des neuen Weins ist ja wirklich nicht der, die alten Schläuche zu zerreißen! Er hat es auch deutlich genug gesagt für Alle, die hören wollten, daß er nicht zerstören, sondern bauen wolle [vgl. Mt. 16,18], daß das Reich Gottes neue Ordnungen, bessere Ordnungen schaffe [vgl. Mt. 5,20], daß die Liebe nicht die Aufhebung, sondern die Erfüllung des Gesetzes sei [vgl. Mt. 5,17; Röm. 13,10]. Er hat den besorgten Kirchenmännern gesagt: Reißet diesen Tempel ab, und in drei Tagen [will ich ihn aufrichten (vgl. Joh. 2,19 par.)]. Denen, die um die Erhaltung der Staatsordnung zitterten: Gebet dem Kaiser [, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Mk. 12,17 par.)]. Er hat die Frommen auf die Gerechtigkeit des Himmelreichs verwiesen, die besser [ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer (vgl. Mt. 5,20)], und seinen entrüsteten Familienangehörigen hat er sagen lassen, daß das Reich Gottes eine neue |76 Familie baue: Die den Willen [Gottes] tun [, sind mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter (Mk. 3,35 par.)]. Das alles war deutlich. |

Aber freilich: Jesus hat nie bestritten, daß die alten Ordnungen eben dadurch, daß etwas Besseres an ihre Stelle kommt, außer Kraft gesetzt werden. Der Most sprengt nun einmal die alten Schläuche. Er will es nicht. Aber weil er Most ist, so gärt er. Und weil er gärt, so sprengt er, was alt und morsch ist. So das Reich Gottes. Es hat keine besondere Freude am Umsturz, es ist nicht seine Absicht umzustürzen, aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß es tatsächlich den Umsturz bedeutet für alle bloß menschlichen oder menschlich verderbten Gottesordnungen. Es stürzt freilich auf seine eigene Weise, nicht mit der äußerlichen Gewalt von Stimmenmehrheit oder gar von Maschinengewehren, sondern mit der innerlichen Gewalt, mit der das Tannenwürzelchen im Felsenspalt, wenn es wächst, zuletzt den Felsen zerbricht. Aber es läßt sich nicht leugnen: es stürzt, es zerbricht, es ist nichts, gar nichts Altes, Menschliches sicher vor dem Gottesreich. «Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer» [Lk. 1,51-53]. Davon redet Jesus auch in unserem Text ganz unzweideutig. Diese Worte vom Most, der die alten Schläuche zerreißt, sind eine Warnung vor dem Reich Gottes, vor dem Christentum, eine Warnung an die Adresse derer, denen das Alte, das Menschliche so lieb ist, daß sie unter keinen Umständen davon lassen können. Er sagt ihnen: wenn es so steht mit euch, dann muß ich eure Furcht vor mir allerdings bestätigen. Dann hütet euch vor dem Gottesreich! Dann wahret eure heiligsten Güter! Dann laßt euch ja nicht ein auf das Christentum, sondern haltet es euch mit aller Kraft vom Leibe! Hütet euch vor diesem Feuer, kommt schnell, es zu löschen, wenn ihr könnt. |

Man kann einen doppelten Sinn finden in dieser Warnung. Sie ist einerseits eine freundliche Fürsorge für jene ängstlichen und mißtrauischen Seelen: Seht, sagt er ihnen, ich möchte euch davor bewahren, daß ihr immer so überrascht seid, wenn im Evangelium der Angriff auf die alten Ordnungen zum Vorschein kommt. Ich sage es euch nun ein für allemal: dieser Angriff ist im Evangelium tatsächlich vorhanden und wird immer wieder an den Tag kommen, einfach darum, |77 weil es wirklich die Botschaft von einer neuen Ordnung ist. Und alt und neu reimen sich nun einmal nicht, das Göttliche verdrängt nun einmal das Menschliche. Ist euch das so unangenehm, daß es so ist, so haltet euch die Ohren zu, wenn ihr könnt, aber wundert euch nicht mehr darüber, daß es so ist. Andrerseits ist diese Warnung gerade damit, daß das so ruhig und freundlich festgestellt wird, eine unverkennbare Herausforderung: Macht mit mir, was ihr wollt, ihr Ängstlichen und Mißtrauischen. Ihr könnt die Natur des Gottesreiches nicht verändern und mich auch nicht. Und wenn ihr euch noch nicht verändern könnt, dann müßt ihr allerdings gegen mich sein. «Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen» [Joh. 3,3]. Wer gebunden ist an das Alte, der kann das Christentum nicht ertragen, der muß sein Feind sein. Wenn ihr euch die Ohren nicht wirksam zuhalten könnt, wenn es euch nicht gelingt, mich einfach zu überhören, wenn ihr nicht damit über das Reich Gottes triumphieren könnt, daß ihr sagt: es geht mich nichts an!, dann muß ein Kampf auf Leben und Tod das Ende sein. Ihr könnt wählen zwischen beidem. Und es steht euch auch noch immer der dritte Ausweg offen, Gott die Ehre zu geben, von den alten Schläuchen zu lassen und nach neuen zu greifen, um den jungen Most zu fassen. Wie sollte euch dieser Ausweg nicht offen sein? Aber ihr seid gewarnt, ihr wißt, wie ihr mit dem Christentum dran seid.

2. Wir haben diese Worte nun nach allen Seiten, gleichsam nach allen vier Himmelsrichtungen reden lassen. Die Einen von uns werden hier, die Anderen dort davon berührt worden sein, je nachdem wo wir stehen. Irgendwo stehen wir ja alle: Entweder bei denen, die gern etwas vom Christentum annehmen, oder bei denen, die es gelüstet, ihr Christentum eifrig zu zeigen und zu betätigen, oder bei denen, die damit schon schlimme Erfahrungen gemacht haben, oder bei denen, die etwas gewittert haben, daß das Christentum dem jetzigen Weltleben gefährlich werden könnte. Aber wo wir auch stehen, nicht wahr, das haben wir gemerkt, diese seltsamen Worte des Heilands stellen uns alle vor eine große Entscheidung. Sie sagen uns, daß er nicht mit sich markten läßt. Sie sagen uns: Alles oder nichts!5 Ja oder Nein! Sie war|78nen uns vor allen Versuchen, das Alte und das Neue zu vereinigen. Sie laden uns freundlich ein, es mit dem Neuen zu wagen. Sie laden uns aber ebenso bestimmt ein, wenn wir’s nicht wagen, auf das Neue ganz zu verzichten. Der Evangelist Lukas hat in dieser Hinsicht noch ein heiteres Wort Jesu überliefert: «Niemand ist, der vom alten Wein trinkt und wolle bald des neuen; denn er spricht: der alte ist milder» [Lk. 5,39]. Jesus versteht uns also, wenn uns das alte Kleid und die alten Schläuche wohl gefallen. Aber wir müssen die Wahl treffen zwischen ihm und diesen alten Dingen. Vereinigen sollen wir sie nicht. Das sei gefährlich für das Neue und für das Alte. Wenn wir das deutlich gehört haben, daß wir wählen müssen, dann haben wir für heute genug gehört.6

Lieder:
  • Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erden» von H. Albert, Strophen 1-3 (RG [1998] 566; EG 445, jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 177 «Jehovah. Jehovah, Jehovah», Strophen 1-2, Str.1 von G. K. Pfeffel(1736-1809). 🎵

Sachfußnoten

1
Abschnittsmarkierung durch einen dicken senkrechten Blaustiftstrich.↩
2
Abschnittsmarkierung durch einen dicken senkrechten Blaustiftstrich.↩
-3
Von Barth in eckige Klammern gesetzt.↩
4
= der Flicken.↩
5
Die Parole «Alles oder nichts» stammt aus H. Ibsen, Die Kronprätendenten 42(4. Aufzug, 3. Auftritt nach der Verwandlung; Skule), in: ders., Sämtliche Werke in deutscher Sprache, 1. Reihe, 3. Bd., Berlin 1898, S. 314 📖.↩
6
Auf der unteren freien Hälfte der letzten Manuskriptseite finden sich Abdrücke, vielleicht eines Kinderfußes. Barth hat neben einem darauf zeigenden Pfeil geschrieben: «Fuß! Matth.5,13».↩