<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-39011">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 9,16-17</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 9,16-17, 16. Februar 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 78.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39011</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 9,16-17</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">78</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">11</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 9,16-17, 16. Februar 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1895">KBA 1438</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1919-02-16">16. Februar 1919</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p069" ed="pga"/>
        <div type="opener">
          <head><idno>456</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-02-16">16. Februar 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.16 Mt.9.17">Matthäus 9,16-17</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen
                  von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid, und der Riß wird
                  ärger. Man faßt auch nicht Most in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche,
                  und der Most wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern man faßt Most
                  in neue Schläuche, so werden sie beide miteinander erhalten.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Jesus hat in diesen Worten <hi rend="italic">gewarnt</hi>, nicht vor der Sünde, nicht vor der Welt, nicht vor dem
            Teufel, sondern vor sich selbst, vor dem Gottesreich, vor dem neuen Licht, der neuen
            Kraft, der neuen Liebe, der neuen Weltordnung, die er gebracht hat. Man soll es mit
            diesem Neuen <hi rend="italic">ja nicht halten wie einer</hi>, der töricht von einem
            neuen Kleid ein Stück abschneidet, um ein altes damit zu flicken, <hi rend="italic">oder
              wie einer</hi>, der jungen gärenden Most in alte abgenutzte Weinschläuche faßt. Sonst
            gehe das Neue <hi rend="italic">zu Grunde</hi> und das Alte, das man damit in Verbindung
            gebracht, <hi rend="italic">erst recht.</hi> Lieber solle man die Finger <hi rend="italic">ganz lassen</hi> vom Neuen, lieber <hi rend="italic">sich begnügen</hi>
            mit dem alten ungeflickten Kleid, <hi rend="italic">lieber verzichten</hi> auf den
            jungen Most!</p>
          <p>Das sind notwendige Worte bis auf den heutigen Tag. <hi rend="sans-serif">An wen
              mag Jesus sie gerichtet haben?</hi> Man kann an Verschiedene denken.</p>
          <p><hi rend="italic">a)</hi> Vielleicht waren es solche, die wie der reiche Jüngling [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.17 Mk.10.22">Mk. 10,17-22</ref> par.] und Andere <hi rend="italic">in einer gewissen Begeisterung</hi> zu ihm kamen, weil sie das Neue in
            seiner Botschaft und Person <hi rend="italic">wohl erkannten</hi> und danach begehrten,
            es sich <hi rend="italic">anzueignen</hi> und in ihr Leben <hi rend="italic">herüberzunehmen.</hi> Weil ihnen etwas fehlte, wozu sie im Evangelium die willkommene
            Ergänzung fanden. Jesus kam ihnen gerade recht mit seiner Botschaft für die Bedürfnisse
            ihrer Seele. Etwa wie wir in die Kirche kommen in der Absicht, uns von da etwas <hi rend="italic">mitzunehmen</hi>, etwas Trost oder Ermutigung oder ernste Gedanken für
            unser Leben. - <note xml:id="n01">Abschnittsmarkierung durch einen dicken senkrechten
              Blaustiftstrich.</note> Ihnen antwortet Jesus: ja kommt nur!, aber <hi rend="italic">habt Respekt</hi> vor meinem Neuen. Es ist <hi rend="italic">nicht vom gleichen
              Stoff</hi> und von der gleichen Art wie euer Leben und [eure] Seele. Es ist das
            Göttliche. Das Göttliche kann man <hi rend="italic">sich nicht aneignen</hi>,
            herübernehmen, mitnehmen, das Gött<pb ed="pga" xml:id="p070" break="no"/>liche will <hi rend="italic">uns</hi> aneignen, herübernehmen, mitnehmen. Das Göttliche will nicht
            dienen, sondern <hi rend="italic">herrschen.</hi> Wenn man das nicht versteht, wenn man
            vom Göttlichen verlangt, es müsse uns dienen, wenn man sich davon losschneidet, soviel
            einem paßt, um sein altes Kleid damit zu flicken, dann <hi rend="italic">ist’s nicht
              mehr das Göttliche</hi>, dann geht’s zu Grunde. <hi rend="italic">Lieber hört mich gar
              nicht</hi>, wenn ihr nur die Hälfte oder ein Viertel oder ein Achtel hören wollt von
            dem, was ich euch von Gott zu sagen habe. Denn <hi rend="italic">Gott ist heilig.</hi>
            Lieber wartet Gott, als daß er aufhört, ein heiliger Gott zu sein.</p>
          <p><hi rend="italic">b)</hi> Vielleicht waren die, die Jesus mit diesen Gleichnissen
            warnte,  seine <hi rend="italic">eigenen
              Jünger</hi>, <hi rend="sans-serif">die von</hi>
            <hi rend="italic">heiligem Eifer erfaßt</hi> waren, sich nach allen Seiten zu ergießen,
            das Neue, das sie bei ihm gefunden, <hi rend="italic">auszubreiten</hi> und an den Mann
            zu bringen, die bei jeder Gelegenheit brannten zu <hi rend="italic">zeugen:</hi> wir
            wissen etwas, was ihr noch nicht wißt, empfehlend <hi rend="italic">hinzuweisen</hi> auf
            ihre Sache als auf das Heilmittel für alle Schäden des Lebens und der Weltverhältnisse
            oder doch darüber zu <hi rend="italic">diskutieren</hi> mit Andersdenkenden: mit den
            Pharisäern, mit Heiden, mit den Jüngern des Johannes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.14">Mt. 9,14</ref>]. Etwa wie <hi rend="italic">noch heute für
              das Christentum</hi> Propaganda gemacht wird, wie es auch uns etwa treibt, <hi rend="italic">heraus</hi>zuwirken [?] mit unserer besseren Überzeugung, mit unserem
            großen Frieden, wie es auch uns oft gelüstet, <hi rend="italic">Händel</hi> anzufangen
            im Namen des lieben Gottes, etwa mit Ungläubigen oder Halbgläubigen, etwa mit solchen,
            die altmodischer oder neumodischer sind, als wir es für christlich und recht ansehen,
            etwa mit solchen, die an einem bestimmten Punkt nicht begreifen, was das recht
            verstandene Christentum heute fordert. Gerne denken und sagen wir denen: der Glaube ist
            doch für <hi rend="italic">jeden Menschen</hi> das Rechte, für <hi rend="italic">jede
              Lebenslage</hi> eine Hilfe und Lösung, für <hi rend="italic">alle Fragen</hi> eine
            Antwort. -<note xml:id="n02">Abschnittsmarkierung durch einen dicken senkrechten
              Blaustiftstrich.</note> |</p>
          <p>Jesus hat seinen Jüngern geantwortet: Ja, <hi rend="italic">es ist recht</hi>, gehet
            hin in alle Welt und verkündiget [das Evangelium aller Kreatur (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>)]. Lasset euer Licht leuchten [vor den
            Leuten (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt. 5,16</ref>)], aber <hi rend="italic">tragt Sorge zu meinem Neuen.</hi> Denkt immer daran, daß es das Neue ist
            und bleiben muß. Der Glaube ist durchaus <hi rend="sans-serif">nicht jedermanns
              Ding</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>)]. Lasset euer
            Licht leuchten [vor den Leuten (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.3.2">2.Thess. 3,2</ref>]. Es gibt Menschen, die das Göttliche, wenn man es ihnen anpreist,
            vielleicht annehmen, aber unweigerlich sofort in ihr Eigenes, ins allge<pb ed="pga" xml:id="p071" break="no"/>mein Menschliche <hi rend="italic">übersetzen und
              umwandeln</hi>, und dann hört es auf, göttlich zu sein. Solchen Menschen preist man es
              <hi rend="italic">besser nicht an.</hi> Das Reich Gottes schafft <hi rend="italic">neue Menschen</hi>, oder es ist nicht mehr das Reich Gottes. Das Christentum paßt
            auch daher [?] <hi rend="sans-serif">nicht in alle Lebenslagen.</hi> Es gibt
            Verhältnisse, in denen man nur dann christlich reden und handeln kann, wenn man zuerst
              <hi rend="italic">vom Christentum 99% abzieht:</hi> Was hat das heutige
            Geschäftsleben, was hat das Militär, was hat die heutige Politik, was haben die
            Gesinnungen und Gewohnheiten ganzer Familien mit dem Christentum zu tun? Es kann nur
            verlieren, wenn man es damit in Verbindung bringt. Jesus hat gewußt, was er sagte, als
            er dort antwortete: Mensch, wer hat mich zum Erbschlichter unter euch gesetzt? [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.14">Lk. 12,14</ref>]. Das Reich Gottes schafft <hi rend="italic">neue Verhältnisse</hi> und Lebenslagen, oder es ist nicht mehr das Reich
            Gottes. Und so gibt es Fragen und Sorgen, auf die es schlechterdings <hi rend="sans-serif">keine vernünftige göttliche Antwort</hi>
             gibt, denen gegenüber die Wahrheit
            einfach verstummen muß, wenn sie die Wahrheit bleiben will, <anchor type="note" xml:id="fn-3"/>z. B. wie kann ich ein <hi rend="italic">ernster Mensch</hi> sein, ohne
            doch innerlich einmal ganz ernst zu werden?, wie kann ich <hi rend="italic">meinem
              Gewissen</hi> folgen, ohne u. U. mit meinem Nächsten in Konflikt zu kommen?, wie kann
            ich <hi rend="italic">Pfarrer sein</hi>, ohne einem Teil meiner Gemeinde Anstoß zu
            geben?, wie kann man <hi rend="italic">den Armen helfen</hi> oder den Krieg unmöglich
            machen, ohne die heutigen Verhältnisse von Grund aus anzugreifen und umzugestalten?<note type="note" target="fn-03" n="3" xml:id="fn-03">Von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige Klammern
              gesetzt.</note> Auf solche Fragen gibt die Wahrheit nur dann Antwort, <hi rend="italic">wenn sie lügen kann</hi>, d. h. aber, an solchen Antworten geht sie
            notwendig zu Grunde. Das Reich Gottes schafft <hi rend="italic">neue Fragen</hi>, oder
            es ist nicht mehr das Reich Gottes. Darum aber hat Jesus seine Jünger <hi rend="sans-serif">gewarnt:</hi> Tragt Sorge zu meinem Neuen! Wenn ihr nicht
            Sorge dazu tragt, so ist euer Eifer <hi rend="italic">umsonst</hi>, ja <hi rend="italic">sogar schädlich.</hi> Schüttet den neuen Wein nicht in alte Schläuche, sonst geht er
              <hi rend="italic">doch nur zu Grunde.</hi> Jesus hat diese Warnung an seine Jünger ein
            andermal noch viel schärfer ausgesprochen: Ihr sollt das <hi rend="italic">Heiligtum</hi> nicht den Hunden geben, und eure <hi rend="italic">Perlen</hi> sollt
            ihr nicht vor die Säue werfen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.6">Mt. 7,6</ref>]. Er meint das Gleiche damit: Das Reich Gottes paßt durchaus <hi rend="italic">nicht für Alle und für Alles.</hi> Es geht seinen <hi rend="italic">eigenen Weg.</hi> Lieber wartet es, als daß es darauf verzichtet, seinen eigenen Weg
            zu gehen. Das Reich Gottes <hi rend="italic">paßt sich uns nicht an</hi>, sondern wir
            müssen <pb ed="pga" xml:id="p072"/> uns ihm anpassen. Lieber steht es ruhig und geduldig
            still <hi rend="italic">vor unserer Tür</hi>, als daß es sich uns anpassen würde,</p>
          <p><hi rend="italic">c)</hi> Vielleicht hat Jesus seinen Jüngern mit diesen Gleichnissen
            auch geantwortet <hi rend="italic">auf bestimmte schlimme Erfahrungen</hi>, die sie mit
            dem Reich Gottes gemacht haben. Schlimme Erfahrungen mit dem Reich Gottes, ist das
            möglich? Bringt denn das Christentum nicht unter allen Umständen Segen, Klarheit und
            Frieden? Nein, nicht unter allen Umständen.</p>
          <p><hi rend="italic">Nur da,</hi> wo das Christentum das <hi rend="italic">neue Kleid</hi>
            ist, das die Menschen anziehen, nur da, wo es ganz <hi rend="italic">sein kann</hi>, was
            es ist, nur da, wo das Reich Gottes seinen <hi rend="italic">eigenen Weg</hi> gehen
            kann, nur da, wo das Göttliche sich <hi rend="italic">frei</hi> entfalten kann, nur da,
            wo die Menschen nicht nur dies und jenes Neue und Göttliche annehmen und ergreifen,
            sondern das Neue, <hi rend="italic">das Reich Gottes selbst</hi>, wo sie sich <hi rend="italic">hinstellen</hi> auf den neuen Boden und <hi rend="italic">hinein</hi> in
            die neue Luft, nur da macht man gute Erfahrungen mit dem Reich Gottes, <hi rend="italic">da ist es</hi> dann allerdings der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>], <hi rend="italic">da bringt
              es</hi> uns Lichter, Kräfte, Lösungen, Gaben, alle Tage und in jeder Beziehung neue.
            Da <hi rend="italic">wird es</hi> zu einem Strom von Erfahrungen, die uns vorwärts
            führen.</p>
          <p><hi rend="italic">Im anderen Fall</hi> aber, wenn wir zum Göttlichen <hi rend="italic">nicht Sorge</hi> tragen, 
             wenn wir von
            ihm verlangen, daß es sich uns und der Welt <hi rend="italic">anpasse</hi>, wenn wir
            nicht <hi rend="italic">wissen, was wir tun</hi>, wenn wir sein Licht leuchten lassen,
            dann müssen wir schlimme Erfahrungen damit machen. Das törichte Losschneiden vom neuen
            Kleid, um damit das alte zu flicken, <hi rend="italic">verdirbt nicht nur das neue,
              sondern auch das alte.</hi> Je <hi rend="italic">schöner</hi> der Flick<note xml:id="n04">= der Flicken.</note> ist, um so weniger schön macht er sich als Flick.
            Je <hi rend="italic">fester</hi> er ist, um so größer wird das Loch sein, das er ins
            alte Kleid macht. «Der Riß wird ärger».</p>
          <p><hi rend="italic">Die Jünger</hi> werden solche Erfahrungen gemacht haben. Wir haben’s
            den Leuten <hi rend="italic">bezeugt:</hi> Suchet Gott, so werdet ihr leben [<ref type="can" subtype="bible" target="Am.5.6">Am. 5,6</ref>]!, aber sie sind alle nur um so
            trotziger und selbstgefälliger auf ihren gottlosen Wegen weitergegangen. Wir haben’s <hi rend="italic">verteidigt</hi> gegen die Pharisäer, daß der Menschen Sohn Herr ist auch
            über den Sabbat [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.28">Mk. 2,28</ref> par.] und
            über das Fasten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.19">Mk. 2,19</ref> par.], und
            sie haben nur um so stärker beharrt auf ihrer menschlichen Gerechtigkeit. Wir sind wie
            du <pb ed="pga" xml:id="p073"/> zu den <hi rend="italic">Zöllnern und Sündern</hi>
            gegangen und haben mit ihnen gegessen, und das Ergebnis war, daß sie sich in ihren
            Sünden noch bestärkt fühlten. Wir haben <hi rend="italic">den Reichen</hi> gesagt, daß
            man nicht Gott dienen kann und dem Mammon [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>], und die Folge war, daß sie sich beleidigt von uns abwandten und
            ihrem Götzen nur noch andächtiger dienten. Wir haben <hi rend="italic">einige
              Kranke</hi> gesund gemacht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.8">Mt. 10,8</ref> par.], und die Not aller ungeheilten Kranken schreit nur um so lauter
            zum Himmel. Wir haben <hi rend="italic">einen Teufel</hi> ausgetrieben, und siehe,
            sieben andere haben das leere Haus besetzt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.45">Mt. 12,45</ref> par.]. Wir haben unser <hi rend="italic">Licht
              leuchten</hi> lassen, und um so dunkler wurde das Dunkel um uns.</p>
          <p>Und nun könnten wir im Namen des <hi rend="italic">Christentums unserer Zeit</hi>
            fortfahren und zu Jesus sagen: Wir haben dich <hi rend="italic">gepredigt und
              angepriesen</hi>, und immer deutlicher wird es, daß die Welt ihren eigenen Gang geht
            ohne dich! Wir treiben <hi rend="italic">Fürsorge</hi> für Arme und Kranke, und immer
            gewaltiger wird der böse Riß, der durch unsere Gesellschaft geht! Wir <hi rend="italic">bekehren</hi> einige Trinker, und um so mehr rafft die taumelnde Genußsucht im
            Ganzen! Wir bauen und schmücken <hi rend="italic">Kirchen</hi>, wir gründen immer neue
              <hi rend="italic">Gemeinschaften</hi>, eröffnen immer neue christliche <hi rend="italic">Stiftungen</hi>, und die große Mehrzahl läßt es lachend geschehen, weil
            sie sich um so sicherer fühlt vor uns, solange wir so gut beschäftigt sind. Wir
            erreichen es im besten Fall, daß <hi rend="italic">Einige</hi> dem Wort Gehör geben und
            auch diese Einigen nur <hi rend="italic">mit Auswahl</hi>, soweit ihr Charakter, ihre
            Familien, die ganze Lebensrichtung, in der sie stehen, es ihnen zugibt, und um so
            deutlicher wird es, daß der Mensch als Ganzer dir nicht Gehör geben will noch kann. Daß
            das Kleid, das  er jetzt trägt, alt und
            verschlissen und unbrauchbar ist, <hi rend="italic">das wissen</hi> wir wohl, <hi rend="italic">das weiß</hi> der Mensch, aber wir, deine Jünger, <hi rend="italic">wir
              haben</hi> trotz aller Anstrengung nicht, womit wir seine Blöße bekleiden könnten. <hi rend="italic">«Der Riß wird ärger»</hi>, was wir auch versuchen.</p>
          <p>Auf solche bösen, schmerzlichen Erfahrungen mit dem Reich Gottes wird unser Text <hi rend="italic">die Antwort</hi> sein. Ja, seht ihr, antwortet er seinen betrübten
            Jüngern, das ist nun eben <hi rend="italic">die große Frage</hi>, ob es das Reich Gottes
            selbst ist, was ihr vertretet und verkündigt. Es wird <hi rend="italic">schwerlich</hi>
            das Reich Gottes selbst sein; das könnte den Riß nicht ärger machen, denn das ist <hi rend="italic">ein neues Ganzes</hi> aus einem Stück; das könnte <hi rend="italic">nicht Verwirrung</hi> und Ärgernis anrichten, das könnte die <hi rend="italic">Gegensätze nicht ver<pb ed="pga" xml:id="p074" break="no"/>schärfen</hi> und
            vergrößern, denn das ist die Herrschaft Gottes, der allen Widerspruch, alle Gegensätze
            und Gegenwirkungen aufhebt. Mit dem Reich Gottes macht man <hi rend="italic">keine
              schlimmen Erfahrungen.</hi> Wohl aber macht man die, wenn man <hi rend="italic">nur
              mit einem Fetzen</hi> vom Reich Gottes arbeiten und helfen will, und wenn’s gleich
            noch so ein schönes Stück wäre. Wenn’s immer <hi rend="italic">nur ein Teil</hi> des
            Göttlichen sein soll, ihr Christen, der Teil, der euch gerade zusagt oder erreichbar zu
            sein scheint, ein Teil <hi rend="italic">ohne den anderen Teil</hi>, ohne das Ganze,
            dann wirkt das Göttliche gefährlich, das wirkt wie Sprengpulver, wo und wie man es auch
            anwendet. <hi rend="italic">Freiheit</hi> ohne Heiligkeit, Heiligkeit ohne Erbarmen,
            Erbarmen ohne Kraft, Kraft ohne Licht, Licht ohne Weisheit, Weisheit ohne Eifer, Eifer
            ohne Herzlichkeit, Herzlichkeit ohne Gerechtigkeit und weiter: die <hi rend="italic">Kirche</hi> ohne die Welt, die Welt ohne die Bibel, die Bibel ohne deine eigene
            Seele, deine eigene Seele ohne die Not und Hoffnung der menschlichen Gesellschaft, die
            Menschheit ohne Gott, Gott ohne den Heiland, der Heiland ohne ein freudiges, volles,
            unbedingtes Ja - reißt <hi rend="italic">Fetzen heraus</hi>, wo ihr wollt, aus dem
            wunderbaren, neuen Kleid des Gottesreiches; solange ihr nur Fetzen habt, kann das alles
            nur <hi rend="italic">zersetzen</hi>, zerstören, auseinanderreißen, den Riß ärger
            machen. Verwundert es euch, wenn ihr’s erfahren müßt, daß es so ist? Habe ich es euch
            nicht gesagt, daß es im Dienst des Gottesreiches <hi rend="italic">nie nur auf das Eine
              ankommt</hi>, sondern immer auch auf das Andere? daß man das Göttliche <hi rend="italic">nicht teilen</hi> kann, weil jeder Teil sofort nach dem Ganzen strebt?
            Seid klug wie die Schlangen <hi rend="italic">und</hi> [ohne Falsch wie die Tauben!
              (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.16">Mt. 10,16</ref>)]. Habt Salz bei euch <hi rend="italic">und</hi> habt [Frieden untereinander! (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.50">Mk. 9,50</ref>)]. Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden,
            man wird auch nicht sagen [: Siehe, hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes
            ist inwendig in euch (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.20 Lk.17.21">Lk. 17,20f.</ref>)].
            Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten  Schatz des Herzens! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.35">Mt. 12,35</ref>]. So schaue darauf, daß nicht das Licht in dir Finsternis sei! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.11.35">Lk. 11,35</ref>]. Noch einmal: Ist es <hi rend="italic">das Reich Gottes</hi>, mit dem ihr böse Erfahrungen gemacht habt, oder
            ist’s nicht <hi rend="italic">das Licht</hi>, das <hi rend="italic">in euch</hi> zur
            Finsternis geworden, weil ihr eigenmächtig, träge, untreu damit <hi rend="italic">umgegangen</hi> seid? Dann müßt ihr eben <hi rend="italic">das Licht wieder
              Licht</hi> werden lassen in euch, müßt <hi rend="italic">euch bekehren</hi> von einem
            Fetzen zum wunderbaren Ganzen des Gottesreiches, müßt aus eurer Erstarrung wieder
            erwachen zur Lebendigkeit und Beweglichkeit, und der <pb ed="pga" xml:id="p075"/> Segen,
            die Klarheit und der Friede werden nicht ausbleiben. <hi rend="italic">Wollt ihr das
              nicht</hi>, gefallen euch eure Fetzen so gut, daß ihr euch nicht mehr zum Ganzen
            bekehren könnt, dann <hi rend="italic">laßt lieber</hi> auch noch von den Fetzen, es
            würde für euch und die Menschen besser sein, wenn ihr nicht ferner Verheerungen damit
            anrichten würdet!</p>
          <p><hi rend="italic">d)</hi> Vielleicht wenden sich diese Worte aber auch noch nach einer
            anderen Seite. Wir wissen aus der Lebensgeschichte Jesu in den Evangelien, daß er je
            länger je mehr umgeben war von <hi rend="italic">furchtsamen und mißtrauischen
              Seelen</hi>, die in ihm einen <hi rend="italic">Zerstörer der bisherigen göttlichen
              und menschlichen Ordnungen</hi> sahen. Die Einen warfen ihm vor, er untergrabe die
            Grundlagen des <hi rend="italic">Staates</hi>, die Anderen klagten ihn an, er
            diskreditiere und verunmögliche die Stellung der <hi rend="italic">Kirche</hi> im
            Volksleben. Die Pharisäer hatten es gegen ihn, weil er die <hi rend="italic">Moral</hi>
            auf den Kopf stelle und die <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> erschüttere. Aus nächster
            Nähe mußte er es hören, daß er auch das <hi rend="italic">Familienleben</hi> nicht wert
            halte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.53">Lk. 12,53</ref> par.]. Eine
            bekannte Rede gegen ihn war die, <hi rend="italic">daß er das Volk aufwiegle</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.5">Lk. 23,5</ref>]. Heutzutage könnte man wohl noch
            viel geläufiger reden darüber, wie schlimm das sei, daß das Reich Gottes das Gute, Alte
            so aufhebe und umkehre. Von allen Seiten müßten wir das Geschrei hören: <hi rend="italic">o unsere lieben alten Schläuche</hi>, er zerreißt sie, er zerreißt sie,
            der junge Most! Es muß einem doch auffallen, daß der Heiland sich <hi rend="italic">nicht energisch gegen solche Anklagen gewehrt</hi> hat. Er hat zwar <hi rend="italic">nirgends zugegeben</hi>, daß es seine <hi rend="italic">Absicht</hi> sei, alte
            Ordnungen zu zerstören; es <hi rend="italic">war</hi> auch nicht seine Absicht. Der
            Zweck des neuen Weins ist ja wirklich nicht der, die alten Schläuche zu zerreißen! Er
            hat es auch deutlich genug gesagt für Alle, die hören wollten, daß er <hi rend="italic">nicht zerstören, sondern bauen wolle</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.18">Mt. 16,18</ref>], daß das Reich Gottes neue Ordnungen, bessere Ordnungen
            schaffe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.20">Mt. 5,20</ref>], daß die Liebe
            nicht die Aufhebung, sondern die Erfüllung des Gesetzes sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.17">Mt. 5,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.10">Röm. 13,10</ref>]. Er hat den besorgten Kirchenmännern gesagt: Reißet diesen Tempel
            ab, und in drei Tagen [will ich ihn aufrichten (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.19">Joh. 2,19</ref> par.)]. Denen, die um die Erhaltung
               der Staatsordnung zitterten: Gebet dem
            Kaiser [, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.17">Mk. 12,17</ref> par.)]. Er hat die Frommen auf die
            Gerechtigkeit des Himmelreichs verwiesen, die besser [ist als die der Schriftgelehrten
            und Pharisäer (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.20">Mt. 5,20</ref>)], und
            seinen entrüsteten Familienangehörigen hat er sagen lassen, daß das Reich Gottes eine
            neue <pb ed="pga" xml:id="p076"/> Familie baue: Die den Willen [Gottes] tun [, sind mein
            Bruder und meine Schwester und meine Mutter (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.3.35">Mk. 3,35</ref> par.)]. Das alles war deutlich. |</p>
          <p>Aber freilich: <hi rend="italic">Jesus hat nie bestritten</hi>, daß die alten Ordnungen
            eben dadurch, daß etwas Besseres an ihre Stelle kommt, <hi rend="italic">außer
              Kraft</hi> gesetzt werden. <hi rend="italic">Der Most</hi> sprengt nun einmal die
            alten Schläuche. Er will es nicht. Aber weil er Most ist, so gärt er. Und weil er gärt,
            so sprengt er, was alt und morsch ist. So <hi rend="italic">das Reich Gottes.</hi> Es
            hat keine besondere Freude am Umsturz, es ist nicht seine Absicht umzustürzen, aber es
            läßt sich auch nicht leugnen, daß es tatsächlich den Umsturz bedeutet für alle bloß
            menschlichen oder menschlich verderbten Gottesordnungen. Es stürzt freilich auf <hi rend="italic">seine eigene Weise</hi>, nicht mit der äußerlichen Gewalt von
            Stimmenmehrheit oder gar von Maschinengewehren, sondern mit der innerlichen Gewalt, mit
            der das Tannenwürzelchen im Felsenspalt, wenn es wächst, zuletzt den Felsen zerbricht.
            Aber es läßt sich nicht leugnen: <hi rend="italic">es stürzt</hi>, es zerbricht, es ist
            nichts, gar nichts Altes, Menschliches sicher vor dem Gottesreich. «Er übet Gewalt mit
            seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die
            Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und
            läßt die Reichen leer» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.51 Lk.1.53">Lk. 1,51-53</ref>].
            Davon redet Jesus auch in unserem Text ganz unzweideutig. Diese Worte vom Most, der die
            alten Schläuche zerreißt, sind eine <hi rend="italic">Warnung vor dem Reich Gottes,</hi>
            vor dem Christentum, eine <hi rend="italic">Warnung</hi> an die Adresse derer, denen das
            Alte, das Menschliche so lieb ist, daß sie unter keinen Umständen davon lassen können.
            Er sagt ihnen: <hi rend="italic">wenn es so steht mit euch</hi>, dann muß ich eure
            Furcht vor mir allerdings bestätigen. Dann <hi rend="italic">hütet euch</hi> vor dem
            Gottesreich! Dann <hi rend="italic">wahret</hi> eure heiligsten Güter! Dann laßt euch ja
            nicht ein auf das Christentum, sondern haltet es euch mit aller Kraft <hi rend="italic">vom Leibe!</hi> Hütet euch vor diesem Feuer, kommt schnell, es <hi rend="italic">zu
              löschen</hi>, wenn ihr könnt. |</p>
          <p>Man kann einen doppelten Sinn finden in dieser Warnung. Sie ist einerseits eine <hi rend="italic">freundliche Fürsorge</hi> für jene ängstlichen und mißtrauischen Seelen:
            Seht, sagt er ihnen, ich möchte euch davor bewahren, daß ihr <hi rend="italic">immer so
              überrascht</hi> seid, wenn im Evangelium der Angriff auf die alten Ordnungen zum
            Vorschein kommt. Ich sage es euch  nun ein
            für allemal: dieser Angriff ist im Evangelium <hi rend="italic">tatsächlich
              vorhanden</hi> und wird immer wieder an den Tag kommen, einfach darum, <pb ed="pga" xml:id="p077"/> weil es wirklich die Botschaft von einer <hi rend="italic">neuen
              Ordnung</hi> ist. Und alt und neu <hi rend="italic">reimen sich nun einmal nicht</hi>,
            das Göttliche <hi rend="italic">verdrängt nun einmal</hi> das Menschliche. Ist euch das
            so <hi rend="italic">unangenehm</hi>, daß es so ist, so haltet euch die Ohren zu, wenn
            ihr könnt, aber <hi rend="italic">wundert euch nicht mehr</hi> darüber, daß es so ist.
            Andrerseits ist diese Warnung gerade damit, daß das so ruhig und freundlich festgestellt
            wird, eine unverkennbare <hi rend="italic">Herausforderung:</hi> Macht mit mir, <hi rend="italic">was ihr wollt</hi>, ihr Ängstlichen und Mißtrauischen. Ihr könnt die
            Natur des Gottesreiches nicht verändern und mich auch nicht. Und wenn ihr <hi rend="italic">euch noch nicht verändern</hi> könnt, dann müßt ihr allerdings <hi rend="italic">gegen mich</hi> sein. «Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er
            das Reich Gottes nicht sehen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.3">Joh. 3,3</ref>]. Wer <hi rend="italic">gebunden ist</hi> an das Alte, der <hi rend="italic">kann</hi> das Christentum nicht ertragen, der <hi rend="italic">muß</hi>
            sein Feind sein. Wenn ihr euch die Ohren nicht wirksam <hi rend="italic">zuhalten
              könnt</hi>, wenn es euch nicht gelingt, mich <hi rend="italic">einfach zu
              überhören</hi>, wenn ihr nicht damit über das Reich Gottes triumphieren könnt, daß ihr
            sagt: es <hi rend="italic">geht mich nichts an!</hi>, dann muß ein <hi rend="italic">Kampf</hi> auf Leben und Tod das Ende sein. Ihr könnt wählen zwischen beidem. Und es
            steht euch auch noch immer der <hi rend="italic">dritte Ausweg</hi> offen, Gott die Ehre
            zu geben, von den alten Schläuchen zu lassen und nach neuen zu greifen, um den jungen
            Most zu fassen. Wie sollte euch dieser Ausweg nicht offen sein? Aber ihr seid <hi rend="italic">gewarnt</hi>, ihr wißt, wie ihr mit dem Christentum dran seid.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Wir haben diese Worte nun <hi rend="italic">nach allen Seiten,</hi> gleichsam nach allen vier Himmelsrichtungen reden lassen. Die
            Einen von uns werden hier, die Anderen dort davon berührt worden sein, je nachdem wo wir
            stehen. Irgendwo stehen wir ja alle: Entweder bei denen, die gern etwas vom Christentum
              <hi rend="italic">annehmen</hi>, oder bei denen, die es gelüstet, ihr Christentum
            eifrig zu <hi rend="italic">zeigen und zu betätigen</hi>, oder bei denen, die damit
            schon schlimme <hi rend="italic">Erfahrungen</hi> gemacht haben, oder bei denen, die
            etwas gewittert haben, daß das Christentum dem jetzigen Weltleben <hi rend="italic">gefährlich</hi> werden könnte. Aber wo wir auch stehen, nicht wahr, das haben wir
            gemerkt, diese seltsamen Worte des Heilands stellen uns alle vor eine große <hi rend="italic">Entscheidung.</hi> Sie sagen uns, daß er nicht mit sich <hi rend="italic">markten</hi> läßt. Sie sagen uns: <hi rend="italic">Alles oder
              nichts!</hi><note xml:id="n05">Die Parole «Alles oder nichts» stammt aus <bibl corresp="kbga-bibls-5422"><persName ref="kbga-actors-622">H. Ibsen</persName>, <hi rend="italic">Die Kronprätendenten</hi> 42(4. Aufzug, 3. Auftritt nach der
              Verwandlung; Skule), in: ders., Sämtliche Werke in deutscher Sprache, 1. Reihe,
              3. Bd., Berlin 1898, S. 314</bibl>.</note> Ja oder Nein! Sie war<pb ed="pga" xml:id="p078" break="no"/>nen uns vor allen Versuchen, das Alte und das Neue zu <hi rend="italic">vereinigen.</hi> Sie laden uns freundlich ein, es mit dem Neuen zu <hi rend="italic">wagen.</hi> Sie laden uns aber ebenso bestimmt ein, wenn wir’s nicht wagen, auf das
            Neue ganz zu <hi rend="italic">verzichten.</hi> Der Evangelist
               Lukas hat in dieser Hinsicht noch ein
            heiteres Wort Jesu überliefert: «Niemand ist, der vom alten Wein trinkt und wolle bald
            des neuen; denn er spricht: <hi rend="italic">der alte ist milder</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.39">Lk. 5,39</ref>]. Jesus <hi rend="italic">versteht uns</hi>
            also, wenn uns das alte Kleid und die alten Schläuche wohl gefallen. Aber wir müssen <hi rend="italic">die Wahl treffen</hi> zwischen ihm und diesen alten Dingen. <hi rend="italic">Vereinigen</hi> sollen wir sie nicht. Das sei gefährlich für das Neue
              <hi rend="italic">und</hi> für das Alte. Wenn wir das deutlich gehört haben, <hi rend="italic">daß wir wählen müssen</hi>, dann haben wir für heute genug gehört.<note xml:id="n06">Auf der unteren freien Hälfte der letzten Manuskriptseite finden sich
              Abdrücke, vielleicht eines Kinderfußes. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat neben einem darauf zeigenden Pfeil
              geschrieben: «Fuß! <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Matth.5,13</ref>».</note></p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-53" type="song"> Nr. 40 «Gott des Himmels und der Erden» von
              <persName ref="kbga-actors-8754">H. Albert</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 566; EG 445, jeweils mit Textabweichungen) </bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-160" type="song">Nr. 177 «Jehovah. Jehovah, Jehovah», Strophen
              1-2, Str.1 von <persName ref="kbga-actors-8814">G. K. Pfeffel </persName>(1736-1809).</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
