1.
Noch einmal die Pharisäer. Ich wiederhole: wem es zu tun ist, ein
deutliches Bild vom Heiland zu haben, der muß sich Mühe
geben zu verstehen, wer die Pharisäer waren; denn sie sind im Neuen Testament der
Hintergrund seines Bildes. Ich wiederhole das Andere: Wir können nicht
genug Hochachtung haben vor den Pharisäern, denn ihr Weg war menschlich geredet
der beste, den man überhaupt gehen kann. Das zeigt unser heutiger Text besonders
deutlich, wo sie zusammen mit den Jüngern Johannes’ des Täufers
erwähnt werden, des gleichen JohannesMt. 11,11]. Das muß uns hindern, sie allzu
schwarz zu malen, uns zu bekreuzigen vor dem Gedanken, wir selbst könnten am Ende auch
Pharisäer sein. Die Pharisäer standen so hoch oben auf der
Stufenleiter der guten und religiösen Menschen, als wir es uns nur denken können, und es
ist für uns durchaus keine Unehre, Pharisäer zu sein. Sie waren allerdings Feinde des Heilands, aber man kann ein Feind des Heilands sein und dabei doch
ein Mensch, vor dem man im vollen Ernst alle Hochachtung haben muß. Wenn uns das nicht
klar wird, werden wir nie verstehen, wer Jesus Christus
ist und was er zu sagen und zu bringen hat. Wir meinen dann
immer, wir müßten uns dafür wehren, daß wir doch auch gute und religiöse
Menschen seien, das müssen wir aber durchaus nicht; denn er bestreitet es gar
nicht, wir können die Anerkennung für unsere gute Gesinnung und Werke haben, wenn wir
sie durchaus von ihm begehren. Aber das ist eben so schade, daß wir immer meinen, er dürfe uns nicht mehr sagen und bringen, als was ein guter Mensch ohnehin
weiß und tut, denn damit laufen wir an ihm vorbei: das ist’s gerade, daß er mehr sagt
und bringt als die besten, frömmsten Menschen, daß er mehr ist a«mehr als» liegt das Evangelium, fängt das Christentum an.
60
2.
Johannes der Täufer hat sich vor Jesus gebeugt als
vor dem Größeren, der da kommen sollte [vgl. Mk. 1,7 par.]. Er hat seine eigene Aufgabe nur darin gesehen, hinzuweisen auf den, der mehr und Besseres zu sagen und zu geben hätte als: Tut
Buße und bekehret euch! Die Pharisäer haben sich nicht gebeugt vor
Jesus, sondern sie haben ihn abgelehnt. Sie mißtrauten ihm und haben
vor ihm gewarnt, weil sie in sich selbst und
ihrer Art sicher waren, weil sie in ihrer eigenen Gesinnung, in ihrem
Streben nach Gott und dem Guten den Weg der Wahrheit und das Leben bereits gefunden zu
haben meinten. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Aber darum ist’s
doch wahr, und wir hören es aus unserem Text, daß die Jünger des Johannes und die
Pharisäer viel Gemeinsames hatten. Die Pharisäer sind eben sozusagen
die Verwandten der Propheten, ungleiche Verwandte, aber doch
Verwandte, Angehörige einer Familie. Die Pharisäer haben etwas von dem unerbittlichen
Ernst des Mose, etwas von dem verzehrenden Eifer des Elia, etwas von der demütigen Verehrung des heiligen Gottes, die in Jesaja war, etwas von der innigen, wehmütigen, leidenschaftlichen Liebe zum
Herrn, die in Jeremia lebte. Und wir könnten weiterfahren und sagen:
sie hatten etwas von dem trotzigen Glauben Luthers, etwas von der
heiligen Strenge und Gewissenhaftigkeit Calvins, etwas von der regen
Tatkraft Zwinglis. Man tut dem frömmsten Erweckungsprediger, dem heldenmütigsten Missionar, dem
eifrigsten Volksfreund, dem ehrwürdigsten Kirchenmann keine Unehre an, wenn man die Pharisäer mit ihm und ihn mit den
Pharisäern in eine Linie stellt. Sogar der Apostel Paulus hat es bis
in sein Alter nicht verleugnet, daß er auch ein Pharisäer gewesen und noch sei [Act. 23,6 par.]. Wollte man
fragen, ob die Pharisäer ihre Sündhaftigkeit eingesehen haben,
so muß man antworten: sie haben sie eingesehen, so gut ein ernsthafter
Christ unserer Tage sie immer einsehen mag. Wollte man fragen, ob sie bekehrt waren, so ist zu sagen: sie waren bekehrt, so
gründlich als irgend einer aus uns, der sich für bekehrt hält. Wollte man fragen, ob sie
auch gebetet haben, so ist zu antworten, daß das Gebet eine von den
Pflichten war, mit denen sie es am genauesten und ernstesten genommen haben. Wollten wir
zweifelnd fragen, ob sie denn auch gute Werke hatten, so müßten wir
uns wahrscheinlich alle vor ihnen schämen, denn sie machten ihr ganzes Leben zu einem
Werk der Frömmigkeit und der Nächstenliebe. Wollten wir fragen, ob |61 ihnen denn auch das Heil ihrer Mitmenschen am Herzen
gelegen sei, so müssen wir wissen, daß ihre ganze Ehre darauf gerichtet war, alle
Menschen, die Gottlose und die Heiden waren, für Gott zu gewinnen. Es war nicht
übertrieben, wenn einer von ihnen einmal zu Jesus sagte: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf [Mk. 10,20 par.]! Es gab sicher nichts Großes und Schweres, was man
von einem Menschen verlangen kann, was die Pharisäer nicht auch gewußt und
erstrebt hätten. In diesem Wissen des Guten und Göttlichen, in
diesem Streben danach, in diesem ganzen ernsten,
erweckten Wesen waren sie mit den Jüngern des Johannes ganz einig. Als dann das
Licht der Weihnacht aufging über beiden,
da trennten sich ihre Wege, Jesus gegenüber zeigte sich ihre tiefe Verschiedenartigkeit, zeigte es sich, daß es zweierlei
Ernst und zweierlei Erweckung gibt. Aber abgesehen von ihrer Stellung zum Heiland
gingen die Propheten und die Pharisäer den gleichen guten, lobenswerten
Weg, waren die einen wie die anderen Adventsmenschen, die mit
vollem Ernst auf das Reich Gottes warteten und ihm den Weg bereiten wollten [vgl. Mk. 1,3 par.]. Sie
hatten die Buße, sie hatten die Heiligung, sie hatten den Glauben, die Liebe und
die Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13]. Wären wir nur schon auf dem ernsten Weg, den sie gegangen sind!
3. Als Jesus kam mit seinen Jüngern, da bereitete
er den Einen und den Anderen, den Pharisäern und den Propheten, eine große,
tiefe Enttäuschung, einen eigentlichen Schmerz, einen schweren Anstoß. Auch den Jüngern des Johannes, vielleicht sogar Johannes selbst. Johannes selbst ist jedenfalls darüber hinweggekommen und hat Jesus
verstanden. Eine Anzahl seiner Jünger haben Jesus länger nicht
verstanden und haben noch viele Jahre nach Jesu Tod eine besondere Gemeinschaft neben
den Christen gebildet, von der wir in der Apostelgeschichte Einiges hören [18,25; 19,3]. Ein gewaltiges Rätsel hat Jesus allen Menschen aufgegeben, die jenen guten, lobenswerten Weg gegangen
sind. Das Rätsel ist noch heute da und bildet für Viele ein Hindernis,
den Heiland zu verstehen. Man kann fast sagen: je ernster, je tapferer, je
bewußter ein Mensch den Weg der Propheten und Pharisäer geht, desto gewaltiger
ist der Schritt, den er tun muß, um zu Jesus zu kommen.
62
4. Aber was ist denn das Schwerverständliche, das
Rätselhafte am Heiland? Wir wollen es kurz zusammenfassen. Die Pharisäer und die
Jünger des Johannes hatten je länger je mehr den Eindruck, daß der Heiland
kein frommer Mann sei. Sie hatten die ernstesten Bedenken gegen
ihn gerade in den Punkten, die bei ihnen feststanden: ob er wohl auch die Sünde ernst genug nehme? ob er wohl auch wirklich bekehrt sei?
ob er wohl auch Gott genügend respektiere? ob er wohl auch den Sündern
eindringlich genug Buße predige? ob er wohl auch tue, was man von
einem ernstgesinnten Menschen verlangen könne? Diese Bedenken
brachen [?] manchmal grob und deutlich hervor, so wenn sie von ihm
sagten: Er lästert Gott [Mk. 2,7 par.]!
oder: er ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Geselle [Mt. 11,19 par.]!, öfters verbargen sie sich unter dem
Schleier von allerlei vorsichtigen, mißtrauischen Fragen, wie wir
sie fast auf jeder Seite unserer Evangelien finden. Aber vorhanden waren sie immer.
Sie waren das schwerste Hindernis, das dem Heiland im Wege stand. Dieses Hindernis lag also nicht in der
Bosheit der Weltleute, sondern in der Gerechtigkeit der Gotteskinder. Nicht der Trotz
der Gottlosen, sondern die ernsten Bedenken der Erweckten und Bekehrten haben ihn
zuletzt ans Kreuz gebracht. Dieses Verhältnis zwischen dem Heiland und
den Pharisäern müßten wir uns einmal klar machen: er war den Frommen nicht fromm, den
Ernsten nicht ernst, den Bekehrten nicht bekehrt genug, ja sie stritten es ihm offen
oder heimlich geradezu ab, daß er es mit dem Göttlichen aufrichtig
meine. Johannes und seine Jünger haben sich dann eines Besseren
belehren lassen darüber, die Pharisäer blieben dabei. Sie blieben so
heftig dabei, daß sie ihm schließlich den Tod wünschten und ihn zu Tode brachten,
was sie doch mit keinem noch so schlimmen Zöllner versuchten. So grimmig ernst war es
ihnen damit, daß der Heiland kein frommer Mann sei.
5. Dieses große Mißtrauen steckt auch in der Frage:
Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten gar
nicht?
Das Fasten war eben damals eins von den Hauptstücken, in denen es sich zeigen mußte, ob Einer wirklich ernst zu nehmen
war. Es gehörte zum Selbstverständlichen in diesen Kreisen, daß man
sich an gewissen Tagen und zu gewissen Zeiten freiwillig diese Entbehrung auferlegte. Es
sollte wohl eine Art Gabe sein, die man damit Gott darbrachte, |63 oder auch eine Handlung der Selbstzucht
oder auch eine Selbstverleugnung, die man zugunsten Anderer [?] übte,
etwa wie heute die Selbstverleugnungswoche der Heilsarmee1. Dieses Fasten nahm
also Jesus nicht ernst. Er verbot es seinen Jüngern nicht, aber er
leitete sie auch nicht dazu an. Er tat, als ob dieses fromme Werk nicht vorhanden wäre.
Es verwundert uns vielleicht heute, daß man ihm gerade
wegen dieses Punktes mißtraute, weil uns Protestanten das Fasten eine fremde Sache
geworden ist. Damals war’s bei den Gutgesinnten etwas Gewöhnliches,
etwa wie bei uns, daß man bei gewissen Vereinen Mitglied ist und Beitrag zahlt, wie das
Tischgebet oder der Kirchenbesuch, oder daß man am Sonntag nicht strickt, nur daß man
dort das alles viel eifriger und bewußter tat oder nicht tat, während
es bei uns mehr schläfrige Gewohnheiten sind. Es war übrigens nicht dieser Punkt allein, worin Jesus Anstoß erregte. Er
machte bei seinen Jüngern z. B. auch das Beten zu einer merkwürdig
verborgenen Sache, über die nicht geredet werden sollte und die jedenfalls gar nicht
hervortrat, wie es sich gehörte [vgl. Mt.
6,5-8]. Man hörte und sah auch wenig von ihrem Almosengeben
[vgl. Mt. 6,1-4.]. Das Gebot der
Sonntagsheiligung übertraten er und sie auch alle Augenblicke, ohne
sich ein Gewissen daraus zu machen. Wie es sich mit seiner Vaterlandsliebe verhielt, die dort durchaus auch zur Frömmigkeit gehörte, das
war eine mehr als zweifelhafte Frage. Daß er sich nichts daraus machte, seine Jünger in
notorisch schlechte Gesellschaft zu führen, davon haben wir letzten
Sonntag gehört [Mt. 9,9-13]. Später
hörte man sogar von sehr geringschätzigen Äußerungen, die er über den Tempel getan haben sollte [vgl. Mk. 14,58 par.]. Kurz, man wußte nirgends, wie man mit ihm
dran war, oder vielmehr, man wußte es, wenn man Alles zusammennahm, schließlich
nur zu gut. Er sagte und tat überall das Gegenteil von dem, was man
von ihm als einem hoffnungsvollen jungen |64 Gottesmann
erwartete. Wenn man ihm in diesem und jenem einzelnen Punkt noch hätte verzeihen können,
so konnte man doch das Ganze unmöglich übersehen, das hinter den
Einzelheiten verborgen war und überall hervorschaute: den Mangel an Ernst, den Mangel an
Buße, den Mangel an Entschiedenheit, den Mangel an Klarheit. An jenem Tage stand nun
gerade das Fasten im Vordergrund, wahrscheinlich weil
er sich damals zu jener Mahlzeit im Hause des Zöllners hatte einladen lassen [Mt. 9,10]. An einem anderen Tage war’s etwas Anderes, was diese Kreise aufregte. Aber es war ja im Grunde immer
das Gleiche: er ist nicht auf dem rechten Weg, man
kann ihn nicht ernst nehmen, so wie er seine Jünger anleitet, kommt
man nicht in den Himmel, er ist kein frommer
Mann.
6. Wie sollte sich der Heiland nun rechtfertigen
gegen eine so schwere Anschuldigung, wie sie in dieser Frage lag? Er hat mit einem
Gleichnis darauf geantwortet: Wie können die Hochzeitleute Leid tragen,
solange der Bräutigam bei ihnen ist?
Das Erste, was an dieser Antwort auffällt, ist das
freundliche, heitere Bild, in das er sie kleidet. Wenn Jesus sich aufgeregt hätte über die Frage und über das ganze Mißtrauen, das dahinter
steckte, so hätte er ganz andere Worte gebraucht. Er regte sich aber nicht auf. Man
denke sich, es werde zu einem von uns gesagt: Du tust, als ob’s dir
ernst wäre, aber du bist doch gar nicht ernst! Du redest von Gott, und du glaubst gar
nicht an ihn! Du willst Anderen den Weg zeigen, und es ist ein ganz verkehrter Weg! Wie
würden wir zusammenzucken! Wie würden wir uns genötigt sehen, zu
überlegen, ob am Ende nicht etwas dran sei! Wie würden wir losbrechen gegen den
Angreifer, natürlich mit den Worten: Ich habe ein gutes Gewissen!, und doch eben gar
nicht in Ruhe, sondern jedenfalls innerlich in großer Unruhe. Jesus hat diese Ruhe. Er steht zum
Vornherein über dieser Frage und Anklage. Man kann fast sicher sagen, daß er bei dieser
Antwort gelächelt hat. Es ist eben Hochzeit, hohe,
festliche Zeit, Freudenzeit, darum fasten meine Jünger nicht, hat er geantwortet. So
konnte er die Sonne aufgehen lassen im Augenblick, wo man ihn in die
Finsternis hinausstoßen wollte.
Das zweite Merkwürdige an diesem Wort liegt darin, daß es gar keine Rechtfertigung ist. Wir sind ja alle von Natur Künstler darin, uns zu
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entschuldigen, wenn man uns anklagt. Der Heiland hätte sich auch
entschuldigen können. Er hätte auch die Wahrheit sagen können: auch meine Jünger fasten manchmal, ich selber habe in der Wüste 40 Tage
gefastet [Mk. 1,13 par.], und
wenn wir nicht soviel fasten wie ihr, so tun wir andere gute Werke,
die ihr nicht tut und die mehr wert sind als Fasten. Er hätte darauf hinweisen können,
daß seine Jünger bei ihm eine Gerechtigkeit lernten, die besser war
als die der Pharisäer und Johannes-Jünger [vgl. Mt. 5,20-48]. Nichts von alledem bringt er
vor. Er nimmt den Konkurrenzkampf der Frömmigkeit und Moral gar nicht
erst auf. Er stellt sich wehrlos dem Hieb, der gegen ihn geführt wird.
Er gibt’s zu: ja, es wird im Ganzen nicht gefastet bei uns. Er gibt damit unausgesprochen auch viel Anderes zu, was man bei ihm
vermißte. Er gibt’s eigentlich zu: ja, ich bin kein frommer Mann! Und
das mit so heiteren Worten! Er liefert ihnen noch neuen Stoff zur
Anklage: da seht, er ist im Stande, bei den ernstesten Dingen zu lächeln. So hat er sich
gewehrt, ohne sich zu wehren. So hat er das Rätsel, das man ihm so
übel nahm, mit neuen Rätseln beantwortet. Er hatte keine
Verteidigung nötig.
Das Dritte, was wichtig ist an dieser Antwort, liegt darin, daß er das, was den Leuten
bei ihm fehlte, gerade heraus Traurigkeit nennt. Die
Hochzeitleute können nicht Leid tragen. Also Fasten ist Leid tragen,
eine traurige Pflicht, wie man sie etwa bei Begräbnissen auf sich nimmt. Das war jenen
Kreisen sicher etwas Neues. Sie haben zwar manchmal ein saures Gesicht
gemacht zu ihrem Fasten, wie es in der Bergpredigt heißt [Mt. 6,16], aber sicher nicht darum, weil sie dabei
traurig waren. Sie hatten ja das Bewußtsein, ihre Pflicht zu tun. Dabei macht man
vielleicht ein ernstes, wichtiges, amtliches Gesicht, aber man ist nicht traurig dabei.
Sie fasteten mit Überzeugung, mit Eifer, mit Begeisterung. Und nun
müssen sie hören: Eure Begeisterung ist eigentlich eine Traurigkeit. Euer Fasten ein
Leidtragen. Der Heiland hat tief in sie hinein gesehen, wie eben nur
er in die Menschenherzen hinein sieht. Der Ernst und die Wahrheit sind in euch erwacht, will er ihnen sagen. Ihr habt Gottes
Ruf gehört, ihr seid aufgefahren, um zu gehorchen. Und da seid ihr
gewahr geworden, daß euch fehlt, was ihr dazu bedürft.
Ihr habt gesehen, daß ihr etwas furchtbar Schweres auf euch genommen
habt, daß ihr euch in einen Kampf verwickelt habt, dem ihr nicht
gewachsen seid. Das Göttliche läßt euch nimmer los, es |66 ist vor euch und lockt euch, es ist hinter euch und treibt euch. Aber
immer ist’s euch ein Ansporn im Gewissen und fernes, hohes Ziel, nie Kraft und Liebe, immer nur Gesetz wie die
Luft, in der ihr lebt. Darum fastet ihr.
Darum ist euch der Sabbat so wichtig. Darum brennt
euch das Geld in den Fingern, daß ihr Almosen geben müßt. Darum
erfüllt ihr so peinlich eure Glaubens- und Gebetspflicht. Darum seid
ihr so unerbittlich, so verzehrend leidenschaftlich, so eifrig, so gewissenhaft. Darum so ernst und fromm. Darum nehmt ihr’s mit dem
Kleinen so genau, weil ihr das Große, das den Menschen nun gegeben werden kann, noch
nicht kennt. Darum bringt ihr Gott Opfer, weil ihr Gottes Erbarmen
noch nicht erfahren habt. Darum bereitet ihr dem Reich Gottes so
eifrig den Weg mit Schaufel und Hacke, weil es noch nicht zu euch gekommen ist. Darum muß es Propheten und Pharisäer geben, weil der Gott, den sie
suchen, noch nicht gefunden ist. Darum muß es Adventszeit sein mit all
dem Ernsten, Strengen, was dazu gehört, weil noch nicht Weihnacht ist. Aus diesem großen Leid, aus dieser schmerzlichen Entbehrung heraus
kommt ein Fasten und all das Andere, was euch so wichtig ist, daß ihr mich
deshalb verdammt. Aus der großen Not der Menschheit, die nur das
Menschliche kennt, nur das eigene Wollen und Laufen [vgl. Röm. 9,16], nicht aber den Heiland Gottes, kommt eure
Frömmigkeit. O, ihr habt für euch wohl recht zu
fasten.
Geht ihr nur euren Weg, solange ihr müßt, aber wehrt
denen nicht, die ihn nicht mehr gehen müssen, weil das Leid und die Not von ihnen
genommen sind.
Denn hier siegt [?] er, und nun bricht wieder die große
Botschaft und Einladung hervor, hier bei mir und um mich herum ist’s Hochzeit,
Freudenzeit. Nicht daß meine Jünger die besseren Menschen wären als
ihr. Wir wollen nicht streiten darüber. Wir nehmen diesen Konkurrenzkampf nicht auf.
Aber hier ist die Not nicht, die euch drückt. Hier ist nicht nur
Erwachen, sondern Aufstehen. Nicht nur Gottes Ruf, sondern Gottes Gegenwart. Nicht nur Kampf, sondern Sieg. Nicht
nur Opfer, sondern Erbarmen, das alles Denken übersteigt2. Hier ist |67 Gottes Reich. Hier ist Kraft und Liebe. Hier
ist das Göttliche als Luft, in der man lebt. Hier wird
nichts vermißt, nichts bloß gesucht, bloß angestrebt, bloß gewußt und gesagt. Das
Unaussprechliche, hier wird’s Ereignis3. Hier hat sich Gott der Menschen angenommen und gibt ihnen, was niemand sich nehmen
kann. Die hier stehen, stehen auf der göttlichen, der himmlischen
Seite des Lebens. Darum müssen sie nicht fasten. Darum müssen sie nicht fromm sein. Darum dürfen sie in
göttlicher Heiterkeit und Freiheit einen neuen Weg gehen. Euch sei nicht zu nahe getreten, euch sei euer Ruhm gelassen: Unter allen, die
von Weibern [geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei denn Johannes der
Täufer,] aber der Kleinste im Himmelreich ist größer denn er [Mt. 11,11]! Macht euch keine
Sorgen um uns, solange euch eure eigene Gerechtigkeit keine Sorgen um euch selbst
bereitet, solange ihr die Not, die Verlegenheit nicht merkt, in der ihr steckt. Gottes Erbarmen kennen ist mehr als Opfer [vgl. Mt. 12,7], und Gottes Reich ist
mehr als Frömmigkeit. Urteilt über mich, wie ihr wollt, aber gebt mir den
Weg frei, mir und den Meinen, den wir gehen müssen, denn hier ist mehr denn
Elias4. Und wenn ihr’s einst
merken werdet, daß hier Gott ist, der der Not ein Ende macht, dann werdet ihr
aufhören, mich anzuklagen, um mit mir diesem Gott Lob und Preis zu sagen.
7. Jesus hat noch etwas hinzugefügt; ein wehmütiges
Wort: Es wird aber die Zeit kommen [, daß der Bräutigam von ihnen
genommen wird; alsdann werden sie fasten], also eine Zeit und ein Zustand, wo die Not und das Entbehren, von dem die Propheten und Pharisäer gedrückt
waren, wieder vorherrschen wird, wo auch den Christen nichts Anderes
übrig bleiben wird, als im Großen und Ganzen den Weg der Propheten und Pharisäer zu
gehen. Es wird wohl so sein, daß Jesus damit die lange Zeit gemeint hat, in
der wir jetzt stehen. Es ist eine unnatürliche Zeit, denn es
ist etwas Unnatürliches, Seltsames, daß der Bräutigam den Hochzeitsleuten wie durch
Räubergewalt entris|68sen wird. Die
Christenheit steht nicht mehr im Reich, in der Kraft, in der Liebe Gottes, in der
die Jünger des Heilands gestanden sind. Es ist eine große Pause [?]
eingetreten in der Freude, die dort von Gott für die Menschen bereitet wurde. Gott ist
wieder ein Fremdling geworden im Lande [vgl. Jer. 14,8]. Darum muß jetzt vieles
sein, was eigentlich nicht zum Heiland gehört und ins Christentum, sondern zu den
Pharisäern und Propheten. Aber wir wollen uns wenigstens
Mühe geben, den Heiland nicht zu vergessen, nicht zu vergessen, daß das, was man jetzt Christentum nennt, nicht das Wahre ist, und wenn es noch
so schön wäre, sondern nur ein dürftiges Ersatzmittel, nicht zu vergessen, daß wir eigentlich keine Knechte sind, sondern berufen zur Freiheit der Kinder
Gottes [vgl. Gal. 5,13], nicht
zu vergessen, daß es etwas
gibt, was noch ernster ist als unser größter Ernst! Und wenn wir im Großen Ganzen
den Weg der Pharisäer und Johannes-Jünger gehen müssen, so wollen wir doch auf die Seite der Johannes-Jünger treten, die das Mißtrauen gegen den Heiland
endlich überwunden haben, und nicht aufhören, zu bitten und zu flehen,
es möchte nach der langen Johanneszeit eine neue hohe, festliche Heilandszeit eintreten, die uns mit dem Heiland selbst statt allen
Menschenwesens die Freude und die Freiheit von Gott her, vom Himmel herab wiederbringt,
die uns jetzt genommen sind.