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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 9,14-15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 9,14-15, 9. Februar 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39010 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 68.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 9,14-15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">68</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 9,14-15, 9. Februar 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1894">KBA 1437</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-02-09">9. Februar 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>455</idno></head>
          <dateline><placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-02-09">9. Februar 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.14 Mt.9.15">Matthäus 9,14-15</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Indes kamen die Jünger des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> zu ihm und
                  sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, und deine Jünger fasten
                  nicht? Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitleute Leid tragen, solange
                  der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von
                  ihnen genommen wird; alsdann werden sie fasten.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Noch einmal die Pharisäer.</hi> Ich wiederhole: wem es zu tun ist, ein
            deutliches <hi rend="sans-serif">Bild vom Heiland</hi> zu haben, der muß sich Mühe
            geben zu verstehen, wer die Pharisäer waren; denn sie sind im Neuen Testament der
            Hintergrund seines Bildes. Ich wiederhole das Andere: Wir können <hi rend="italic">nicht
              genug Hochachtung</hi> haben vor den Pharisäern, denn ihr Weg war menschlich geredet
            der beste, den man überhaupt gehen kann. Das zeigt unser heutiger Text besonders
            deutlich, wo sie zusammen mit den <hi rend="italic">Jüngern <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>’ des Täufers</hi>
            erwähnt werden, des gleichen Johannes<!-- leerzeile -->, von dem Jesus einmal gesagt hat: unter allen, die
            von Weibern geboren sind, ist keiner aufgekommen, der größer sei denn er [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.11">Mt. 11,11</ref>]. Das muß uns hindern, sie allzu
            schwarz zu malen, uns zu bekreuzigen vor dem Gedanken, wir selbst könnten am Ende auch
            Pharisäer sein. Die Pharisäer <hi rend="italic">standen so hoch oben</hi> auf der
            Stufenleiter der guten und religiösen Menschen, als wir es uns nur denken können, und es
            ist für uns durchaus keine Unehre, Pharisäer zu sein. Sie waren allerdings <hi rend="italic">Feinde des Heilands</hi>, aber man kann ein Feind des Heilands sein und dabei doch
            ein Mensch, vor dem man im vollen Ernst alle Hochachtung haben muß. Wenn uns das nicht
            klar wird, werden wir <hi rend="sans-serif">nie verstehen, wer Jesus Christus
              ist</hi> und was <hi rend="italic">er</hi> zu sagen und zu bringen hat. Wir meinen dann
            immer, wir müßten uns dafür wehren, daß <hi rend="italic">wir doch auch gute und religiöse
              Menschen</hi> seien, das müssen wir aber durchaus nicht; denn er bestreitet es gar
            nicht, wir können die Anerkennung für unsere gute Gesinnung und Werke haben, wenn wir
            sie durchaus von ihm begehren. Aber das ist eben so schade, daß wir immer meinen, er <hi rend="italic">dürfe uns nicht mehr sagen und bringen</hi>, als was ein guter Mensch ohnehin
            weiß und tut, denn damit laufen wir an ihm vorbei: das ist’s gerade, daß er mehr sagt
            und bringt als die besten, frömmsten Menschen, daß er mehr ist a<!-- leerzeile -->ls Johannes der Täufer.
            In diesem <hi rend="italic">«mehr als»</hi> liegt das Evangelium, fängt das Christentum an.
            <!-- leerzeile --></p>
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p060" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> der Täufer</hi> hat sich vor Jesus <hi rend="italic">gebeugt</hi> als
            vor dem Größeren, der da kommen sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.7">Mk. 1,7</ref> par.]. Er hat seine eigene Aufgabe nur darin gesehen, <hi rend="italic">hinzuweisen</hi> auf den, der mehr und Besseres zu sagen und zu geben hätte als: Tut
            Buße und bekehret euch! <hi rend="italic">Die Pharisäer</hi> haben sich nicht gebeugt vor
            Jesus, sondern sie haben ihn <hi rend="italic">abgelehnt.</hi> Sie mißtrauten ihm und haben
            vor ihm gewarnt, weil sie in sich selbst und 
            <hi rend="italic">ihrer Art sicher</hi> waren, weil sie in ihrer eigenen Gesinnung, in ihrem
            Streben nach Gott und dem Guten den Weg der Wahrheit und das Leben bereits gefunden zu
            haben meinten. Das ist ein gewaltiger <hi rend="italic">Unterschied.</hi> Aber darum ist’s
            doch wahr, und wir hören es aus unserem Text, daß die Jünger des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> und die
            Pharisäer <hi rend="italic">viel Gemeinsames</hi> hatten. Die Pharisäer sind eben sozusagen
              <hi rend="italic">die Verwandten</hi> der Propheten, ungleiche Verwandte, aber doch
            Verwandte, Angehörige einer Familie. Die Pharisäer haben etwas von dem unerbittlichen
            Ernst des <hi rend="italic">Mose</hi>, etwas von dem verzehrenden Eifer des <hi rend="italic">Elia</hi>, etwas von der demütigen Verehrung des heiligen Gottes, die in <hi rend="italic">Jesaja</hi> war, etwas von der innigen, wehmütigen, leidenschaftlichen Liebe zum
            Herrn, die in <hi rend="italic">Jeremia</hi> lebte. Und wir könnten weiterfahren und sagen:
            sie hatten etwas von dem trotzigen Glauben <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></hi>, etwas von der
            heiligen Strenge und Gewissenhaftigkeit <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></hi>, etwas von der regen
            Tatkraft <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>.</hi> Man tut dem frömmsten <hi rend="italic">Erweckungsprediger</hi>, dem heldenmütigsten <hi rend="italic">Missionar</hi>, dem
            eifrigsten <hi rend="italic">Volksfreund</hi>, dem ehrwürdigsten <hi rend="italic">Kirchenmann</hi> keine Unehre an, wenn man die Pharisäer mit ihm und ihn mit den
            Pharisäern in eine Linie stellt. Sogar der <hi rend="italic">Apostel Paulus</hi> hat es bis
            in sein Alter nicht verleugnet, daß er auch ein Pharisäer gewesen und noch sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.23.6">Act. 23,6</ref> par.]. <hi rend="italic">Wollte man
              fragen</hi>, ob die Pharisäer ihre <hi rend="italic">Sündhaftigkeit</hi> eingesehen haben,
            so muß man antworten: sie <hi rend="italic">haben</hi> sie eingesehen, so gut ein ernsthafter
            Christ unserer Tage sie immer einsehen mag. Wollte man fragen, ob sie <hi rend="italic">bekehrt</hi> waren, so ist zu sagen: sie <hi rend="italic">waren</hi> bekehrt, so
            gründlich als irgend einer aus uns, der sich für bekehrt hält. Wollte man fragen, ob sie
            auch <hi rend="italic">gebetet</hi> haben, so ist zu antworten, daß das Gebet eine von den
            Pflichten war, mit denen sie es am genauesten und ernstesten genommen haben. Wollten wir
            zweifelnd fragen, ob sie denn auch <hi rend="italic">gute Werke</hi> hatten, so müßten wir
            uns wahrscheinlich alle vor ihnen schämen, denn sie machten ihr ganzes Leben zu einem
            Werk der Frömmigkeit und der Nächstenliebe. Wollten wir fragen, ob <pb ed="pga" xml:id="p061"/> ihnen denn auch <hi rend="italic">das Heil ihrer Mitmenschen</hi> am Herzen
            gelegen sei, so müssen wir wissen, daß ihre ganze Ehre darauf gerichtet war, alle
            Menschen, die Gottlose und die Heiden waren, für Gott zu gewinnen. Es war nicht
            übertrieben, wenn einer von ihnen einmal zu Jesus sagte: Meister, das habe ich <hi rend="italic">alles gehalten</hi> von meiner Jugend auf [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.20">Mk. 10,20</ref> par.]! Es gab sicher nichts Großes und Schweres, was man
            von einem Menschen verlangen kann, was die Pharisäer nicht <hi rend="italic">auch gewußt und
              erstrebt</hi> hätten. In diesem <hi rend="italic">Wissen</hi> des Guten und Göttlichen, in
            diesem <hi rend="italic">Streben</hi> danach, in diesem ganzen <hi rend="italic">ernsten,
              erweckten Wesen</hi> waren sie mit den Jüngern des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> ganz einig. Als dann das
            Licht der Weihnacht  aufging über beiden,
            da <hi rend="italic">trennten sich ihre Wege</hi>, Jesus gegenüber zeigte sich ihre tiefe <hi rend="italic">Verschiedenartigkeit</hi>, zeigte es sich, daß es <hi rend="italic">zweierlei
              Ernst</hi> und zweierlei Erweckung gibt. Aber abgesehen von ihrer Stellung zum Heiland
            gingen die Propheten und die Pharisäer den <hi rend="italic">gleichen guten, lobenswerten
              Weg</hi>, waren die einen wie die anderen <hi rend="italic">Adventsmenschen</hi>, die mit
            vollem Ernst auf das Reich Gottes warteten und ihm den Weg bereiten wollten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.3">Mk. 1,3</ref> par.]. <hi rend="italic">Sie
              hatten</hi> die Buße, sie hatten die Heiligung, sie hatten den Glauben, die Liebe und
            die Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>]. <hi rend="italic">Wären wir nur schon</hi> auf dem ernsten Weg, den sie gegangen sind!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Als Jesus kam mit seinen Jüngern, da bereitete
            er den Einen und den Anderen, den Pharisäern und den Propheten, eine <hi rend="italic">große,
              tiefe Enttäuschung</hi>, einen eigentlichen Schmerz, einen schweren Anstoß. <hi rend="italic">Auch den Jüngern des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName></hi>, vielleicht sogar Johannes selbst. <hi rend="italic">Johannes selbst</hi> ist jedenfalls darüber hinweggekommen und hat Jesus
            verstanden. <hi rend="italic">Eine Anzahl</hi> seiner Jünger haben Jesus länger nicht
            verstanden und haben noch viele Jahre nach Jesu Tod eine besondere Gemeinschaft neben
            den Christen gebildet, von der wir in der Apostelgeschichte Einiges hören [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.18.25">18,25</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.19.3">19,3</ref>]. Ein gewaltiges Rätsel hat Jesus <hi rend="italic">allen Menschen</hi> aufgegeben, die jenen guten, lobenswerten Weg gegangen
            sind. Das Rätsel ist <hi rend="italic">noch heute</hi> da und bildet für Viele ein Hindernis,
            den Heiland zu verstehen. Man kann fast sagen: je ernster, je tapferer, <hi rend="italic">je
              bewußter ein Mensch den Weg</hi> der Propheten und Pharisäer geht, desto gewaltiger
            ist der Schritt, den er tun muß, um zu Jesus zu kommen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p062" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">4.</hi> Aber was ist denn das Schwerverständliche, <hi rend="italic">das
              Rätselhafte am Heiland?</hi> Wir wollen es kurz zusammenfassen. Die Pharisäer und die
            Jünger des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> hatten je länger je mehr den Eindruck, daß <hi rend="italic">der Heiland
              kein frommer Mann</hi> sei. Sie hatten die ernstesten <hi rend="italic">Bedenken</hi> gegen
            ihn gerade in den Punkten, die bei ihnen feststanden: ob er wohl auch die <hi rend="italic">Sünde ernst genug</hi> nehme? ob er wohl auch wirklich <hi rend="italic">bekehrt</hi> sei?
            ob er wohl auch <hi rend="italic">Gott genügend respektiere?</hi> ob er wohl auch den Sündern
            eindringlich genug <hi rend="italic">Buße predige?</hi> ob er wohl auch tue, was man von
            einem ernstgesinnten Menschen <hi rend="italic">verlangen könne?</hi> Diese Bedenken
            brachen [?] manchmal <hi rend="italic">grob</hi> und deutlich hervor, so wenn sie von ihm
            sagten: Er lästert Gott [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.7">Mk. 2,7</ref> par.]!
            oder: er ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Geselle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt. 11,19</ref> par.]!, öfters verbargen sie sich unter dem
              <hi rend="italic">Schleier</hi> von allerlei vorsichtigen, mißtrauischen Fragen, wie wir
            sie fast auf jeder Seite unserer Evangelien finden. Aber vorhanden waren sie immer.
               Sie waren das schwerste <hi rend="italic">Hindernis</hi>, das dem Heiland im Wege stand. Dieses Hindernis lag also nicht in der
            Bosheit der Weltleute, sondern in der Gerechtigkeit der Gotteskinder. Nicht der Trotz
            der Gottlosen, sondern die ernsten Bedenken der Erweckten und Bekehrten haben ihn
            zuletzt ans Kreuz gebracht. <hi rend="italic">Dieses Verhältnis</hi> zwischen dem Heiland und
            den Pharisäern müßten wir uns einmal klar machen: er war den Frommen nicht fromm, den
            Ernsten nicht ernst, den Bekehrten nicht bekehrt genug, ja sie stritten es ihm offen
            oder heimlich <hi rend="italic">geradezu ab</hi>, daß er es mit dem Göttlichen aufrichtig
            meine. <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> und seine Jünger haben sich dann <hi rend="italic">eines Besseren
              belehren</hi> lassen darüber, die Pharisäer blieben dabei. Sie <hi rend="italic">blieben so
              heftig dabei</hi>, daß sie ihm schließlich den Tod wünschten und ihn zu Tode brachten,
            was sie doch mit keinem noch so schlimmen Zöllner versuchten. So grimmig ernst war es
            ihnen damit, daß der Heiland kein frommer Mann sei.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Dieses große Mißtrauen steckt auch in der Frage:
              <hi rend="italic">Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten gar
              nicht?</hi>
            <hi rend="sans-serif">Das Fasten</hi> war eben damals eins von den <hi rend="italic">Hauptstücken</hi>, in denen es sich zeigen mußte, ob Einer wirklich ernst zu nehmen
            war. Es gehörte zum <hi rend="italic">Selbstverständlichen</hi> in diesen Kreisen, daß man
            sich an gewissen Tagen und zu gewissen Zeiten freiwillig diese Entbehrung auferlegte. Es
            sollte wohl eine Art <hi rend="italic">Gabe</hi> sein, die man damit Gott darbrachte, <pb ed="pga" xml:id="p063"/> oder auch eine Handlung der <hi rend="italic">Selbstzucht</hi>
            oder auch eine <hi rend="italic">Selbstverleugnung</hi>, die man zugunsten Anderer [?] übte,
            etwa wie heute die Selbstverleugnungswoche der Heilsarmee<note xml:id="n01">Die
              verschiedenen Korps der <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName> führen jährlich eine Selbstverleugnungswoche durch.
              Die Heilssoldaten und ihre Freunde verzichten in dieser Woche auf entbehrliche
              Genußmittel wie Fleisch und Butter, Kaffee und Kuchen, neue Kleider und Reisen
              (Alkohol und Tabak sind ohnehin tabu) und sammeln die gesparten - teilweise
              erheblichen - Beträge zur Ausbreitung der Missionsarbeit. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5423">M. Gruner, <hi rend="italic">Revolutionäres Christentum. 50 Jahre Geschichte der Heilsarmee in Deutschland</hi>,
              2 Bde, Berlin-Steglitz 1952 und 1954</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5424">bes. Bd.1, S. 90</bibl>.</note>. Dieses Fasten nahm
            also Jesus <hi rend="italic">nicht ernst.</hi> Er verbot es seinen Jüngern nicht, aber er
            leitete sie auch nicht dazu an. Er tat, als ob dieses fromme Werk nicht vorhanden wäre.
            Es <hi rend="sans-serif">verwundert uns</hi> vielleicht heute, daß man ihm gerade
            wegen dieses Punktes mißtraute, weil uns Protestanten das Fasten eine fremde Sache
            geworden ist. Damals war’s bei den Gutgesinnten <hi rend="italic">etwas Gewöhnliches</hi>,
            etwa wie bei uns, daß man bei gewissen Vereinen Mitglied ist und Beitrag zahlt, wie das
            Tischgebet oder der Kirchenbesuch, oder daß man am Sonntag nicht strickt, nur daß man
            dort das alles <hi rend="italic">viel eifriger und bewußter</hi> tat oder nicht tat, während
            es bei uns mehr schläfrige Gewohnheiten sind. Es war übrigens <hi rend="sans-serif">nicht dieser Punkt allein,</hi> worin Jesus Anstoß erregte. Er
            machte bei seinen Jüngern z. B. auch <hi rend="italic">das Beten</hi> zu einer merkwürdig
            verborgenen Sache, über die nicht geredet werden sollte und die jedenfalls gar nicht
            hervortrat, wie es sich gehörte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.5 Mt.6.8">Mt.
              6,5-8</ref>]. Man hörte und sah auch wenig von <hi rend="italic">ihrem Almosen</hi>geben
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.1 Mt.6.4">Mt. 6,1-4</ref>.]. Das Gebot der
              
            <hi rend="italic">Sonntagsheiligung</hi> übertraten er und sie auch alle Augenblicke, ohne
            sich ein Gewissen daraus zu machen. Wie es sich mit seiner <hi rend="italic">Vaterlandsliebe</hi> verhielt, die dort durchaus auch zur Frömmigkeit gehörte, das
            war eine mehr als zweifelhafte Frage. Daß er sich nichts daraus machte, seine Jünger in
            notorisch <hi rend="italic">schlechte Gesellschaft</hi> zu führen, davon haben wir letzten
            Sonntag gehört [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.9 Mt.9.13">Mt. 9,9-13</ref>]. Später
            hörte man sogar von sehr geringschätzigen Äußerungen, die er über den <hi rend="italic">Tempel</hi> getan haben sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.58">Mk. 14,58</ref> par.]. Kurz, man wußte nirgends, <hi rend="italic">wie man mit ihm
              dran</hi> war, oder vielmehr, man wußte es, wenn man Alles zusammennahm, schließlich
            nur zu gut. Er sagte und tat überall <hi rend="italic">das Gegenteil</hi> von dem, was man
            von ihm als einem hoffnungsvollen jungen <pb ed="pga" xml:id="p064"/> Gottesmann
            erwartete. Wenn man ihm in diesem und jenem einzelnen Punkt noch hätte verzeihen können,
            so konnte man doch das <hi rend="italic">Ganze unmöglich übersehen</hi>, das hinter den
            Einzelheiten verborgen war und überall hervorschaute: den Mangel an Ernst, den Mangel an
            Buße, den Mangel an Entschiedenheit, den Mangel an Klarheit. An jenem Tage stand nun
            gerade <hi rend="sans-serif">das Fasten im Vordergrund,</hi> wahrscheinlich weil
            er sich damals zu jener Mahlzeit im Hause des Zöllners hatte einladen lassen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.10">Mt. 9,10</ref>]. An einem anderen Tage war’s <hi rend="italic">etwas Anderes</hi>, was diese Kreise aufregte. Aber es war ja im Grunde immer
              <hi rend="italic">das Gleiche:</hi> er ist <hi rend="italic">nicht</hi> auf dem rechten Weg, man
            kann ihn <hi rend="italic">nicht</hi> ernst nehmen, so wie er seine Jünger anleitet, kommt
            man <hi rend="italic">nicht</hi> in den Himmel, er ist <hi rend="italic">kein</hi> frommer
            Mann.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">6.</hi> Wie sollte sich der Heiland nun rechtfertigen
            gegen eine so schwere Anschuldigung, wie sie in dieser Frage lag? Er hat mit einem
            Gleichnis darauf geantwortet: <hi rend="italic">Wie können die Hochzeitleute Leid tragen,
              solange der Bräutigam bei ihnen ist?</hi></p>
          <p>Das Erste, was an dieser Antwort auffällt, ist <hi rend="sans-serif">das
              freundliche, heitere Bild,</hi> in das er sie kleidet. Wenn Jesus sich <hi rend="italic">aufgeregt</hi> hätte über die Frage und über das ganze Mißtrauen, das dahinter
            steckte, so hätte er ganz andere Worte gebraucht. Er regte sich aber nicht auf. Man
            denke sich, es werde <hi rend="italic">zu einem von uns gesagt:</hi> Du tust, als ob’s dir
            ernst wäre, aber du bist doch gar nicht ernst! Du redest von Gott, und du glaubst gar
            nicht an ihn! Du willst Anderen den Weg zeigen, und es ist ein ganz verkehrter Weg! Wie
            würden wir <hi rend="italic">zusammenzucken!</hi> Wie würden wir uns genötigt sehen, zu
            überlegen, ob am Ende nicht etwas dran sei! Wie würden wir losbrechen gegen den
            Angreifer, natürlich mit den Worten: Ich habe ein gutes Gewissen!, und doch eben gar
            nicht in Ruhe, sondern jedenfalls innerlich in großer Unruhe. Jesus <hi rend="italic">hat diese Ruhe.</hi> Er steht  zum
            Vornherein über dieser Frage und Anklage. Man kann fast sicher sagen, daß er bei dieser
            Antwort <hi rend="italic">gelächelt</hi> hat. Es <hi rend="italic">ist eben Hochzeit</hi>, hohe,
            festliche Zeit, Freudenzeit, darum fasten meine Jünger nicht, hat er geantwortet. So
            konnte er die <hi rend="italic">Sonne aufgehen lassen</hi> im Augenblick, wo man ihn in die
            Finsternis hinausstoßen wollte.</p>
          <p>Das zweite Merkwürdige an diesem Wort liegt darin, daß es <hi rend="sans-serif">gar keine Rechtfertigung ist.</hi> Wir sind ja alle von Natur Künstler darin, uns zu
              <pb ed="pga" xml:id="p065"/>
            <hi rend="italic">entschuldigen</hi>, wenn man uns anklagt. Der Heiland hätte sich auch
            entschuldigen können. Er hätte auch die Wahrheit sagen können: auch meine Jünger <hi rend="italic">fasten manchmal</hi>, ich selber habe <hi rend="italic">in der Wüste 40 Tage
              gefastet</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.13">Mk. 1,13</ref> par.], und
            wenn wir nicht soviel fasten wie ihr, so tun wir <hi rend="italic">andere gute Werke</hi>,
            die ihr nicht tut und die mehr wert sind als Fasten. Er hätte darauf hinweisen können,
            daß seine Jünger bei ihm <hi rend="italic">eine Gerechtigkeit lernten</hi>, die besser war
            als die der Pharisäer und <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>-Jünger [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.20 Mt.5.48">Mt. 5,20-48</ref>]. <hi rend="italic">Nichts von alledem</hi> bringt er
            vor. Er nimmt den <hi rend="italic">Konkurrenzkampf</hi> der Frömmigkeit und Moral gar nicht
            erst auf. Er stellt sich <hi rend="italic">wehrlos</hi> dem Hieb, der gegen ihn geführt wird.
            Er <hi rend="italic">gibt’s zu:</hi> ja, es wird im Ganzen nicht gefastet bei uns. Er <hi rend="italic">gibt damit</hi> unausgesprochen auch viel Anderes zu, was man bei ihm
            vermißte. Er <hi rend="italic">gibt’s eigentlich zu:</hi> ja, ich bin kein frommer Mann! Und
            das mit so heiteren Worten! Er liefert ihnen noch <hi rend="italic">neuen Stoff</hi> zur
            Anklage: da seht, er ist im Stande, bei den ernstesten Dingen zu lächeln. So hat er sich
            gewehrt, <hi rend="italic">ohne sich zu wehren.</hi> So hat er das Rätsel, das man ihm so
            übel nahm, mit <hi rend="italic">neuen Rätseln</hi> beantwortet. Er hatte <hi rend="italic">keine
              Verteidigung</hi> nötig.</p>
          <p>Das Dritte, was wichtig ist an dieser Antwort, liegt darin, daß er das, was den Leuten
            bei ihm fehlte, gerade heraus <hi rend="sans-serif">Traurigkeit</hi> nennt. Die
            Hochzeitleute können nicht Leid tragen. Also <hi rend="italic">Fasten ist Leid tragen</hi>,
            eine traurige Pflicht, wie man sie etwa bei Begräbnissen auf sich nimmt. Das war jenen
            Kreisen sicher etwas <hi rend="italic">Neues.</hi> Sie haben zwar manchmal ein saures Gesicht
            gemacht zu ihrem Fasten, wie es in der Bergpredigt heißt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.16">Mt. 6,16</ref>], aber sicher nicht darum, weil sie dabei
            traurig waren. Sie hatten ja das Bewußtsein, ihre Pflicht zu tun. Dabei macht man
            vielleicht ein ernstes, wichtiges, amtliches Gesicht, aber man ist nicht traurig dabei.
            Sie fasteten mit Überzeugung, mit Eifer, mit <hi rend="italic">Begeisterung.</hi> Und nun
            müssen sie hören: Eure Begeisterung ist eigentlich eine Traurigkeit. Euer Fasten ein
            Leidtragen. Der Heiland hat tief in sie <hi rend="italic">hinein gesehen</hi>, wie eben nur
            er in die Menschenherzen hinein sieht. Der Ernst und die Wahrheit sind in euch <hi rend="italic">erwacht</hi>, will er ihnen sagen. Ihr habt <hi rend="italic">Gottes</hi>
             
            <hi rend="italic">Ruf</hi> gehört, ihr seid aufgefahren, um zu gehorchen. Und da seid ihr
            gewahr geworden, daß euch <hi rend="sans-serif">fehlt, was ihr dazu bedürft.</hi>
            Ihr habt gesehen, daß ihr etwas furchtbar <hi rend="italic">Schweres</hi> auf euch genommen
            habt, daß ihr euch in einen <hi rend="italic">Kampf</hi> verwickelt habt, dem ihr nicht
            gewachsen seid. <hi rend="italic">Das Göttliche</hi> läßt euch nimmer los, es <pb ed="pga" xml:id="p066"/> ist vor euch und lockt euch, es ist hinter euch und treibt euch. Aber
            immer ist’s euch ein <hi rend="italic">Ansporn</hi> im Gewissen und fernes, hohes <hi rend="italic">Ziel</hi>, nie Kraft und Liebe, immer nur <hi rend="italic">Gesetz</hi> wie die
            Luft, in der ihr lebt. <hi rend="italic">Darum fastet ihr.</hi>
            <hi rend="italic">Darum</hi> ist euch der Sabbat so wichtig. <hi rend="italic">Darum</hi> brennt
            euch das Geld in den Fingern, daß ihr Almosen geben müßt. <hi rend="italic">Darum</hi>
            erfüllt ihr so peinlich eure Glaubens- und Gebetspflicht. <hi rend="italic">Darum</hi> seid
            ihr so unerbittlich, so verzehrend leidenschaftlich, so eifrig, so gewissenhaft. <hi rend="italic">Darum</hi> so ernst und fromm. <hi rend="italic">Darum</hi> nehmt ihr’s mit dem
            Kleinen so genau, weil ihr das Große, das den Menschen nun gegeben werden kann, noch
            nicht kennt. <hi rend="italic">Darum</hi> bringt ihr Gott Opfer, weil ihr Gottes Erbarmen
            noch nicht erfahren habt. <hi rend="italic">Darum</hi> bereitet ihr dem Reich Gottes so
            eifrig den Weg mit Schaufel und Hacke, weil es noch nicht zu euch gekommen ist. <hi rend="italic">Darum</hi> muß es Propheten und Pharisäer geben, weil der Gott, den sie
            suchen, noch nicht gefunden ist. <hi rend="italic">Darum</hi> muß es Adventszeit sein mit all
            dem Ernsten, Strengen, was dazu gehört, weil noch nicht Weihnacht ist. Aus <hi rend="italic">diesem großen Leid</hi>, aus dieser <hi rend="italic">schmerzlichen Entbehrung heraus
              kommt ein Fasten</hi> und all das Andere, was euch so wichtig ist, daß ihr mich
            deshalb verdammt. Aus der großen <hi rend="italic">Not der Menschheit, die nur das
              Menschliche kennt</hi>, nur das eigene Wollen und Laufen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.16">Röm. 9,16</ref>], nicht aber den Heiland Gottes, kommt eure
              <hi rend="italic">Frömmigkeit.</hi> O, ihr habt für euch wohl <hi rend="italic">recht zu
              fasten.</hi>
            <hi rend="italic">Geht ihr nur euren Weg</hi>, solange ihr müßt, aber <hi rend="italic">wehrt
              denen nicht</hi>, die ihn nicht mehr gehen müssen, weil das Leid und die Not von ihnen
            genommen sind.</p>
          <p>Denn hier siegt [?] er, und nun bricht wieder <hi rend="sans-serif">die große
              Botschaft und Einladung</hi> hervor, hier bei mir und um mich herum ist’s Hochzeit,
            Freudenzeit. Nicht daß meine Jünger <hi rend="italic">die besseren Menschen wären</hi> als
            ihr. Wir wollen nicht streiten darüber. Wir nehmen diesen Konkurrenzkampf nicht auf.
            Aber <hi rend="italic">hier ist die Not nicht</hi>, die euch drückt. Hier ist nicht nur
            Erwachen, sondern <hi rend="italic">Aufstehen.</hi> Nicht nur Gottes Ruf, sondern <hi rend="italic">Gottes Gegenwart.</hi> Nicht nur Kampf, sondern <hi rend="italic">Sieg.</hi> Nicht
            nur Opfer, sondern <hi rend="italic">Erbarmen</hi>, das alles Denken übersteigt<note xml:id="n02"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-80">Strophe 2 des Liedes Nr. 229 «Ich habe nun den Grund gefunden» von
              <persName ref="kbga-actors-1396">J. A. Rothe</persName></bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Es ist das ewige Erbarmen,</l>
                  <l>Das alles Denken übersteigt …</l>
                </lg></q> <bibl type="song" corresp="kbga-songs-80">(GERS [1952] 262; EG 354)</bibl>.</note>. Hier <hi rend="italic">ist <pb ed="pga" xml:id="p067"/> Gottes Reich.</hi> Hier <hi rend="italic">ist Kraft und Liebe.</hi> Hier
            ist <hi rend="italic">das Göttliche als Luft</hi>, in der man lebt. <hi rend="italic">Hier wird
              nichts vermißt</hi>, nichts bloß gesucht, bloß angestrebt, bloß gewußt und gesagt. Das
            Unaussprechliche, hier wird’s <hi rend="italic">Ereignis</hi><note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W.
              von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V. 12106f. (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Das Unzulängliche,</l>
                  <l>Hier wird’s Ereignis …</l>
                </lg></q></note>. Hier  hat sich <hi rend="italic">Gott der Menschen angenommen</hi> und gibt ihnen, was niemand sich nehmen
            kann. Die hier stehen, stehen auf der göttlichen, der <hi rend="italic">himmlischen
              Seite</hi> des Lebens. <hi rend="italic">Darum</hi> müssen sie nicht fasten. <hi rend="italic">Darum</hi> müssen sie nicht fromm sein. <hi rend="italic">Darum</hi> dürfen sie in
            göttlicher Heiterkeit und Freiheit einen neuen Weg gehen. <hi rend="sans-serif">Euch sei nicht zu nahe</hi> getreten, euch sei euer Ruhm gelassen: Unter allen, die
            von Weibern [geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei denn <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> der
            Täufer,] <hi rend="italic">aber der Kleinste</hi> im Himmelreich ist größer denn er [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.11">Mt. 11,11</ref>]! <hi rend="italic">Macht euch keine
              Sorgen um uns</hi>, solange euch eure eigene Gerechtigkeit keine Sorgen um euch selbst
            bereitet, solange ihr die Not, die Verlegenheit nicht merkt, in der ihr steckt. <hi rend="italic">Gottes Erbarmen</hi> kennen ist mehr als Opfer [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.7">Mt. 12,7</ref>], und <hi rend="italic">Gottes Reich</hi> ist
            mehr als Frömmigkeit. Urteilt über mich, wie ihr wollt, aber <hi rend="italic">gebt mir den
              Weg frei</hi>, mir und den Meinen, den wir gehen müssen, denn hier ist mehr denn
              Elias<note xml:id="n04">Kombination von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.9">Mt. 11,9</ref> (mehr denn ein Prophet), <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.14">11,14</ref> (er
              ist <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>) und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.41">12,41</ref> (mehr denn <persName ref="kbga-actors-2208">Jona</persName>).</note>. Und <hi rend="italic">wenn ihr’s einst
              merken</hi> werdet, daß hier Gott ist, der der Not ein Ende macht, dann werdet ihr
            aufhören, mich anzuklagen, um mit mir diesem Gott Lob und Preis zu sagen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">7.</hi> Jesus hat noch etwas hinzugefügt; ein wehmütiges
            Wort: <hi rend="italic">Es wird aber die Zeit kommen</hi> [, daß der Bräutigam von ihnen
            genommen wird; alsdann werden sie fasten], also eine Zeit und ein Zustand, wo <hi rend="italic">die Not und das Entbehren</hi>, von dem die Propheten und Pharisäer gedrückt
            waren, wieder vorherrschen wird, wo <hi rend="italic">auch den Christen</hi> nichts Anderes
            übrig bleiben wird, als im Großen und Ganzen den Weg der Propheten und Pharisäer zu
            gehen. Es wird wohl so sein, daß Jesus damit die lange Zeit gemeint hat, <hi rend="italic">in
              der wir jetzt stehen.</hi> Es ist <hi rend="italic">eine unnatürliche Zeit</hi>, denn es
            ist etwas Unnatürliches, Seltsames, daß der Bräutigam den Hochzeitsleuten wie durch
            Räubergewalt entris<pb ed="pga" xml:id="p068" break="no"/>sen wird. <hi rend="italic">Die
              Christenheit steht nicht mehr</hi> im Reich, in der Kraft, in der Liebe Gottes, in der
            die Jünger des Heilands gestanden sind. Es ist <hi rend="italic">eine große Pause</hi> [?]
            eingetreten in der Freude, die dort von Gott für die Menschen bereitet wurde. Gott ist
            wieder ein <hi rend="italic">Fremdling</hi> geworden im Lande [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.14.8">Jer. 14,8</ref>]. Darum <hi rend="italic">muß jetzt vieles
              sein</hi>, was eigentlich nicht zum Heiland gehört und ins Christentum, sondern zu den
            Pharisäern und Propheten. Aber wir wollen uns <hi rend="sans-serif">wenigstens
              Mühe geben, den Heiland nicht zu vergessen,</hi> nicht zu vergessen, daß das, <hi rend="italic">was man jetzt Christentum nennt, nicht das Wahre</hi> ist, und wenn es noch
            so schön wäre, sondern nur ein dürftiges Ersatzmittel, nicht zu vergessen, <hi rend="italic">daß wir eigentlich keine Knechte sind</hi>, sondern berufen zur Freiheit der Kinder
            Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.13">Gal. 5,13</ref>], nicht
               zu vergessen, daß es <hi rend="italic">etwas
              gibt, was noch ernster</hi> ist als unser größter Ernst! Und wenn wir im Großen Ganzen
            den Weg der Pharisäer und <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>-Jünger gehen müssen, so wollen wir doch <hi rend="italic">auf die Seite der <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>-Jünger treten</hi>, die das Mißtrauen gegen den Heiland
            endlich überwunden haben, und nicht aufhören, <hi rend="italic">zu bitten und zu flehen</hi>,
            es möchte nach der langen Johanneszeit eine neue hohe, festliche <hi rend="italic">Heilandszeit</hi> eintreten, die uns mit dem Heiland selbst statt allen
            Menschenwesens die Freude und die Freiheit von Gott her, vom Himmel herab wiederbringt,
            die uns jetzt genommen sind.</p>
        </div>
        <!-- leerzeile -->

        <div type="songs">
          <head>Lieder<note xml:id="n05">Strophenangaben fehlen.</note>:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-102" type="song"> Nr. 30 «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr»
              von <persName ref="kbga-actors-4149">M. Schalling</persName> (RG [1998] 651; EG 397)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-120" type="song">Nr. 159 «Fahre fort, fahre fort» von
              <persName ref="kbga-actors-5610">J. E. Schmidt</persName> (GERS [1952] 351; EKG 213)</bibl>
          </listBibl>

        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
