1. «Er stand auf und folgte ihm nach.» Wie ist das möglich?
Matthäus war ein Zöllner. Diese Leute dienten der fremden
römischen Herrschaft und waren durch die Betrügereien, die sie
sich dabei erlaubten, ebenso sprichwörtlich bekannt wie heute die Schieber und Wucherer.
So vergingen sie sich doppelt. Man nannte sie nicht bloß Gottlose, Ungläubige, Ungerechte, sondern sie waren es auch; sie hatten sich von
aller Religion und Moral mit Bewußtsein abgewendet, und je mehr man es von ihnen sagte,
desto bewußter taten sie es. Man nannte sie offen Heiden, obwohl
sie Juden waren, und es war nicht unverdient; sie machten sich nicht einmal viel aus
dieser Beschimpfung; sie lebten ja tatsächlich in der Welt mit den Heiden; ihre Gedanken
und ihr Leben war durch und durch weltlich, und wenn sie sich gelegentlich an einem
Gottesdienst beteiligen mußten, so taten sie es im Bewußtsein, nicht dahin zu gehören,
kamen sich im Tempel oder in der Synagoge als fremde Gäste vor wie etwa heutzutage
manche Taufpaten, die kaum mehr wissen, daß man beim Beten die Hände falten sollte.
Unwillkürlich schlossen sie sich mit Solchen, die aus anderen Gründen ähnlich gesinnt, ebenso unreligiös und unmoralisch waren wie sie und die ebenso
angesehen waren, ein wenig zusammen in einem gewissen Trotz gegen die gute Gesellschaft,
so daß man von Zöllnern und Sündern redete wie heute von Atheisten und Materialisten,
als ob das so sein müsse. So einer war Matthäus! Er aß und trank und ging seinem Geschäft nach und wußte genau, was er
für einer war, und wollte gar nichts anderes sein. Seine Stellung und seine Gesinnung
|50 und sein Ruf waren gemacht, und er richtete sich danach.
Wenn ein rechter Jude an ihm vorbei ging, so sah er es ihm an:
der hält mich auch reif für die Hölle!, und beim nächsten Anlaß brauchte er seine Macht,
um es diesem Frommen ein wenig heimzuzahlen. Sicher haben auch ihn die Pharisäer
gelegentlich gemahnt: Buße, Buße mußt du tun! Denn die Pharisäer
haben eifrig und ernsthaft Evangelisation getrieben unter den Weltkindern. Vielleicht
hat er ihnen bei solchem Anlaß eine Banknote [?] in die Hand gedrückt für ein gutes Werk
und bei sich gedacht: sie meinen es ja gut, aber wie kann man sich nur so aufregen um
eine Erlösung, von der man nichts sieht und spürt, an ihnen so wenig wie an mir, um
einen Gott, den ich nicht brauche und der mir nicht hilft. Und wenn er dann gar einen
Schriftgelehrten, einen Pfarrer, von der
Bibel reden hörte, so wunderte er sich im stillen: Was denkt wohl
der im Grunde von seinen alten Geschichten, die ja doch nur alte
Geschichten sind, war froh, wenn er schwieg und er wieder mit seinesgleichen über
vernünftige Dinge reden konnte. So einer war Matthäus. |
Und von diesem Matthäus heißt es: er stand auf und folgte Jesus
nach. Er steht auf wie ein Schlafender, wenn er geweckt
wird. Er hört den Ruf Jesu wie ein Soldat den Befehl seines
Vorgesetzten. Er folgt dieser Stimme wie ein Schaf, das die
Stimme seines Hirten kennt, der es beim Namen gerufen [vgl. Joh. 10,3f.]. Er gesellt sich
zu Jesus, tritt an die Seite seiner Jünger - wie wenn es so sein müßte. Alles war an ihm
abgeprallt, alle Verachtung, aller Tadel, alle Bußpredigten,
alle Hinweise auf die Bibel. War denn Jesus nicht auch so ein
frommer Jude, ein ganz Frommer, ein übertrieben Frommer?, mußte er denken. Wieder so ein
Evangelist, so ein Pfarrer, so ein Eiferer wie die vielen Anderen, die er gut genug
kannte? Wie war’s nur möglich, daß er ihn nicht dafür ansah?, daß
er der Stimme dieses Einen gehorchte, der doch mehr von ihm verlangte als die Anderen
alle, sein Geschäft, sein Geld, sein Haus und seine Familie, noch mehr: [daß er] seine
bisherigen Gedanken und Gesinnungen verließ, eine armselige Wanderschaft mit sehr
zweifelhaftem Erfolg antrat, sich dazu hergab, ein Helfer des Gottesreiches zu werden,
von dem dieser da redete? Wie war es nur möglich?
51
2. Wir wollen diese Geschichte sich selber erklären lassen. Und
da ist gleich das Folgende erleuchtend und merkwürdig: «Und es begab sich, da er zu
Tische saß …» Daraus sehen wir sofort, daß es sich nicht um eine von
den gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten handelt, wie sie auch heute vorkommen und
wie sie wohl auch von den Pharisäern erlebt und weitererzählt wurden, bei denen das starke Reden von Gott einem Menschen schließlich zu stark wird,
so daß er seine bisherige Lebensweise und Gesellschaft verläßt und nun auf einmal bei
der Partei der Frommen auftaucht, zu der er sonst nicht gehörte.
Die gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten haben alle so etwas Parteimäßiges an sich, es
kommt dabei immer zur großen Scheidung von der sogenannten Welt
und zu entsprechenden Verbindungen mit den sogenannten
Gotteskindern. Gerade so geht es hier nicht zu. Die Bekehrung des Matthäus, wenn man’s
überhaupt so nennen will, hat etwas Taghelles, Freies, Freudiges,
Freundliches an sich. Er denkt gar nicht daran, sich halb furchtsam und halb stolz von
seinen bisherigen Genossen aus dem Staube zu machen, sie vor
seinem neuen Meister oder seinen neuen Meister vor ihnen zu verleugnen. Er denkt auch nicht
daran, sich mit Tränen der Reue auf eine Bußbank und nachher in ein Kämmerlein und
nachher in eine Kirche oder Kapelle1
zu flüchten. Ob das paßt zu dem, was wir uns unter einer
Bekehrung vorstellen, ist ganz einerlei. Hier hören wir von allem das Gegenteil. Er
veranstaltet ein Festmahl, er fühlt sich also nicht zerknirscht,
sondern freudig bewegt, wie wenn jetzt Hochzeit wäre. Er trennt seine alte Gesellschaft
nicht von seiner neuen, sondern er führt sie sofort zusammen, und
zwar nicht zu einer Predigt oder Gebetsstunde, sondern zu einem ganz menschlichen,
fröhlichen Beisammensein. Es ist ihm nichts natürlicher als das, seine bisherigen
Freunde und den, der ihn jetzt gerufen, an einen Tisch und, wie
es damals der Brauch war, auf einem Polster um den Tisch herum beieinander zu sehen. Was
uns als die größten Gegensätze erscheinen mag: Jesus Christus und
der Sünder, das Gottesreich und die Welt, das kommt durch die Bekehrung des Matthäus
zusammen, und zwar nicht etwa zum Kampf auf Leben und Tod, sondern in größter Einigkeit
und Einheit, wie wenn sie die |52 gemeinsamste Sache hätten.
Und das besonders Merkwürdige liegt darin, daß auch die anderen
«Zöllner und Sünder», der ganze weltliche Kreis, dem Matthäus bis dahin
angehörte, das sofort verstanden hat. Es fällt ihnen nicht ein, über diese Bekehrung zu lachen, wie man etwa heute lacht, wenn einer fromm wird. Sie
haben Matthäus nichts vorzuwerfen, als ob er gleichsam Partei
gewechselt habe, in ein feindliches Lager übergegangen sei. Sie begreifen seinen Schritt vollkommen, auch wenn sie ihn nicht teilen. Auch sie
sehen Jesus nicht als Glied der guten Gesellschaft, nicht als Prediger und Evangelisten
an, sondern gewissermaßen als einen der ihrigen, wenn auch auf etwas besondere, auf eine
neue Weise. «Fromm werden», das verstanden sie nicht, sie sahen
dabei zu wenig Unterschied von ihrem eigenen Leben. Viel glauben, beten und zur Kirche
gehen - sie begriffen nicht, warum die Anderen deshalb besser sein sollten als sie. Die
strenge Moral, die die rechten Leute übten - es kam ihnen vor, daß es damit im Grunde
nicht so weit her sei. Der Glaube der Gerechten, der Geretteten, sie hatten kein
Verlangen danach, wenn sie mit ihnen verkehrten. Aber wie Jesus
war und wie Matthäus jetzt werden wollte, das konnte man am Ende gelten lassen.
Gerade weil es der volle, ganze Gegensatz war zu ihrem eigenen
Wesen. Gerade weil es etwas ganz Neues war. «Gott», so wie Jesus
dieses Wort aussprach, das war etwas Anderes als das Fragwürdige, Zweifelhafte, von dem
die Frommen redeten und von dem sie sich nicht übertäuben lassen wollten. «Gott» in
diesem Munde, das paßte am Ende nicht so schlecht zu der Welt, der gottlosen Welt, die
sie so gut kannten, das war eine Antwort.
Wenn es so ernst gemeint war wie bei Jesus, dann konnte man es
sich immerhin sagen lassen. Auch wenn sie selber nicht ohne weiteres hören wollten. Sie
sahen den breiten Graben wohl, der sie von Jesus und jetzt auch
von Matthäus trennte, und verwunderten sich über den Mut des Matthäus, da
hinüberzuspringen. Aber sie verstanden ohne weiteres, daß es etwas Großes war, sie sahen
seinen Schritt jedenfalls nicht als etwas Verächtliches oder Feindseliges an. So ließen sie sich gerne und ohne Hintergedanken herbei, als
Matthäus sie einlud, diesen Schritt festlich mit ihm zu begehen.
Und so kam es zu dieser Gemeinschaft zwischen dem Heiland und
den Sündern, zwischen dem Heiligen Gottes und der ausgesprochen und bewußt gottlosen
Welt. Himmel und Erde kamen zusammen, wie wenn es nicht anders sein könnte.
53 Seht, nun können wir schon ein wenig
verstehen, warum der steinharte Zöllner Matthäus aufstand und Jesus nachfolgte: Es
handelte sich offenbar nicht um Seelenerschütterungen, die nun
einmal viele Leute von sich fernhalten wie etwas Unsauberes, sondern um ein großes
Licht, das eigentlich allen Menschen aufgehen kann. Nicht um ein
dunkles Loch, in das der Mensch um jeden Preis hinein muß, sondern um eine große
Freude, die ihm sofort zuteil werden kann. Nicht um eine neue parteiische Trennung von Frommen und Ungläubigen, sondern um das große Neue, in
dem sie sofort einig werden müssen, wenn es da ist. Licht und Freude
und etwas ganz Neues, ja wie sollte man das nicht verstehen und annehmen, wenn es
wirklich kommt und da ist, auch wenn man ein Zöllner und Sünder ist. Es handelte sich um
das, worin Gott und die gottlose Welt einig sind, was sie
gemeinsam haben. Diesen merkwürdigen Punkt hat Jesus bei Matthäus getroffen. Und darum
hat er ihm geglaubt und gehorcht.
3. Aber gibt es denn
das, möchten wir fragen: etwas, worin Gott und die Welt einig sind, etwas, worin der Heiland dem größten Sünder die
Hand reichen kann, etwas, worin die Gottlosen den Heiland verstehen und respektieren können? Erst recht möchten wir jetzt fragen: was
steckt da für ein Geheimnis?, warum ist es bei dieser Bekehrungsgeschichte so anders zugegangen als bei unseren gewöhnlichen
Bekehrungsgeschichten? Warum hat Matthäus seine Buße mit der
Freude angefangen und nicht mit der Traurigkeit? Warum hat er sich von den Genossen
seiner Sünde nicht getrennt, sondern sie ohne Bedenken mit Jesus
an einen Tisch gesetzt? Warum haben sie nicht gelacht über ihn?
Warum kamen sie ohne weiteres in die Gesellschaft Jesu? Warum
haben auch sie das Wort «Gott» in seinem
Munde auf einmal ernst genommen, etwas
Vernünftiges, Sinnvolles darin gefunden?
Ja, das hat die Pharisäer in jener Stadt auch Wunder genommen,
nur daß sie es von der anderen Seite aus auffaßten und fragten: «Warum isset euer
Meister mit den Zöllnern und Sündern?» Offenbar das Gleiche, was
Jesus mit den Zöllnern verbunden hat, hat die Pharisäer von ihm entfernt. Gerade weil
es ihnen auch ernst war mit Gott und mit der Bekehrung der Menschen, mußte sie das, was
da geschah, heimlich verwunden2. Also so sucht3
er das Gottesreich? |54 Also solche Leute wie diesen Matthäus wählt er zu seinen Jüngern und
Boten? Also so leichtfertig und weltlich geht es zu bei seinen
Bekehrungen? Also das sind seine Genossen? Es tut mir weh, daß
ich dich in der Gesellschaft seh’!4 Weiß er denn gar nicht, was das für Leute
sind? Weiß er denn gar nichts von ihren ganz und gar weltlichen und wüsten5
Bestrebungen? Irrt sich dieser Idealist, dieser Gelehrte denn so
gänzlich über den Charakter und die Gesinnung derer, mit denen er
sich da zusammentut? Und ihm sollten wir Vertrauen schenken, wenn
er uns von Gott redet? Ihm sollten wir glauben und gehorchen,
wenn er uns zur Buße ruft, er, der offenbar zwischen Guten und Bösen gar nicht
unterscheiden kann? Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du
bist!6 Ja, wenn er ihnen auch predigen, Buße
predigen würde, diesen Gottlosen, wenn er den Standpunkt der Rechten und Frommen bei
ihnen und gegen sie verteidigen würde, aber man hört nichts davon, gerade dort kein Wort
von Buße, sondern er ißt mit ihnen, er setzt sich auf die Bank der Spötter [vgl. Ps. 1,1], als ob er selber einer wäre! Ist er’s nicht? Muß er’s nicht sein? Ein Sünderfreund, was
kann er anders sein als selbst ein Sünder? Ja, wir wissen jetzt, wer du bist. Der Schein
ist zerrissen, die Wahrheit ist am Tage! So geht’s, wenn man ganz
neue Wege einschlägt, statt sich an die alte, bewährte Frömmigkeit und Tugend zu halten!
Im Fleische hat er offenbar begonnen, im Fleische muß er enden
[vgl. Gal. 3,3; 6,8], allzu lange haben wir dich ernst genommen, dir zugehört, etwas von
dir erwartet! Schmählich hast du unsere Hoffnungen enttäuscht.
Und nun sind wir fertig mit dir. |
Es ist im Grunde der gleiche Gedankengang, den wir vor acht Tagen kennen gelernt haben:
Dieser lästert Gott! [Mt. 9,3]. Nur Gott darf Sünden vergeben, wenn ein Mensch es tut,
so ist er selbst ein Sünder. Nur Gott darf mit der Welt Frieden schließen, wenn ein
Mensch das tut, so muß er selbst ein Weltlicher sein. Das alles sagen sie |55 Jesus freilich nicht ins Gesicht. Er hat doch
immer etwas zu antworten! Es gibt doch nur peinliche Diskussionen! Sie sollen es ihm ausrichten, wenn sie
wollen! Und man muß sie auch darauf aufmerksam machen, wohin es
führt, eines solchen Menschen Jünger zu sein. Man muß die jungen Leute doch warnen, es
sind solche darunter, um die es schade wäre, wenn sie auch in die schlechte Gesellschaft
kämen.
So hat die Gemeinschaft zwischen Jesus und den Sündern in den Augen
der Pharisäer ausgesehen. Es war auch für sie ein entscheidendes Erlebnis, das sie mit Jesus machten, nur eben von der anderen
Seite. Wenn er Recht hatte, den Matthäus zu seinem Jünger zu
berufen und sich mit den Zöllnern zu Tisch zu setzen, dann hatten sie irgendwie Unrecht.
Und umgekehrt: wenn sie Recht hatten mit ihrer Art, das Gute und
Göttliche zu vertreten, dann hatte Jesus Unrecht, dann war er erledigt für sie. Sie
brauchten nicht lange nachzudenken. Es gibt Dinge, über die man
Bescheid weiß, bevor man sich darüber besonnen hat. Eins von diesen Dingen war für sie
die Tatsache, daß sie auf dem rechten Weg waren. Dieser rechte
Weg aber bestand darin, daß sie die Sünder verachteten, tadelten,
zur Buße riefen - und nichts mit ihnen zu tun hatten, daß sie den
Gegensatz von gut und böse, Gott und Welt stramm aufrecht erhielten. Hier wir mit Gott - dort ihr ohne Gott. Dieser ernste, stramme
Standpunkt der Pharisäer war nun freilich der Grund, weshalb die
Weltleute das Wort «Gott» in ihrem Munde nicht verstanden und
geringschätzten. Das gerade war’s, was sie verlachten und gegen
das sie sich verhärteten. Aber das machte den Pharisäern nichts. Sie sagten: es ist ganz in der Ordnung, daß die Bösen die Guten, die Ungläubigen die
Gläubigen, die Unbekehrten die Bekehrten nicht verstehen. Würden sie
stehen, wo wir stehen, sein, wie wir sind, sie würden uns verstehen. Sie fühlten sich Gottes ganz sicher, er steht auf unserer Seite, und
wer nicht unser Freund ist, der ist auch nicht Gottes Freund. Dabei beruhigten sie sich, wenn sie sahen, wie unbekümmert und trotzig die große Masse
der Weltleute an ihnen vorbei ihren dunklen Weg ging.
4. Seht, nun haben uns die Pharisäer mit ihrer
Frage nicht nur sich selbst, sondern eigentlich auch den Heiland und
die Bekehrung des Matthäus erklärt. Wer die Pharisäer des Neuen Testaments ganz
versteht, der versteht auch den Heiland. Daß der Heiland das Gegenteil
|56 war von den Pharisäern, das hat den Matthäus
bekehrt, und das hat ihn an den Tisch der Zöllner und die Zöllner zu ihm geführt. Das
war die Gewalt, die den Matthäus bezwungen und von seinem Geld
weggeführt hat. Das war der Grund, weshalb die Zöllner das Wort
«Gott» im Munde Jesu verstanden. Das war
der Grund, weshalb er Jesu Freund wurde, ohne seiner Genossen
Feind [zu] werden. Das war der Grund, weshalb diese seine
Genossen vor der Botschaft und vor der Person Jesu mindestens Respekt hatten. Das war
das Neue, das im Heiland den Sündern begegnete. Jesus nennt
dieses Neue bei Namen mit dem einfachen, menschlichen Wort Barmherzigkeit. Das will Gott, sagt er den Pharisäern, daß wir barmherzig seien,
nicht daß wir Opfer bringen. Ihren Ernst, ihren Eifer um Gott,
ihren strengen Standpunkt, ihre Anklagen und Bußpredigten nennt er Opfer. Es braucht
Opfer, ein solcher Mensch zu sein, wie die Pharisäer waren, es so genau zu nehmen mit
dem Guten, sich so von der Welt abzuwenden, ein so scharfes Urteil über den Menschen zu
bilden. Wer je diesen Weg gegangen ist, der weiß, wie schwer er
ist, der begreift, daß die Pharisäer ihn ungern aufgaben. Sie hatten sich mühsam genug
zu ihrem steilen Standpunkt hochgekämpft, nun glaubten sie, ein Recht zu haben, darauf
zu pochen. Dieses Opfer will Gott nicht, er will Barmherzigkeit,
sagt ihnen Jesus, Opfer bringen ist menschlich, Barmherzigkeit ist göttlich. Aber er hat
das nicht nur gesagt. Das Wort Barmherzigkeit hatten die Zöllner
längst gehört und die Predigten der Pharisäer darüber auch. Das Neue an Jesus war das,
daß er barmherzig war.
Der Heilige, der den Sünder zum Helfer des Gottes-Reiches
verordnete [?], der Gottesfreund, der sich mit den Gottlosen zu
Tisch setzte, der Gerechte, der zu den Ungerechten stand, ihnen
half, für sie Partei nahm, ohne gegen Andere Partei zu nehmen, der
Fromme, der mit ihnen dachte, fühlte, redete wie mit seinesgleichen, der sie
nahm, als ob sie schon zu ihm gehörten - das hat die Zöllner überrascht und den Matthäus
sogar überwunden. Die Opfer der Pharisäer verstanden sie nicht, die Barmherzigkeit Jesu
verstanden sie. Denn es gibt kein Herz, das Barmherzigkeit
nicht verstünde, wenn sie ihm entgegengebracht wird, kein Herz, und wäre es noch so
weltlich und steinhart. Da zum ersten Mal begriffen sie, daß «Gott»
mehr sein könnte als ein Wort, Erlösung mehr als eine
Einbildung, die Bibel mehr als ein altes Buch. Da zum ersten Mal
begegnete ihnen das Göttliche im Unter|57schied zu ihrem eigenen Leben, zu der gottlosen, wohlbekannten
Welt. Da zum ersten Mal konnten sie es ernst nehmen. Einer von
ihnen hat die Liebe Gottes, die ihm in Jesus begegnete, so ernst genommen, daß er ihr
sein Herz schenken mußte. Die Anderen haben ihre Herzen wenigstens geöffnet, und auch das ist schon etwas wert. Was die Pharisäer ärgerte, daß Jesus sich mit den Sündern gemein
machte, das gerade hat die Sünder auf den Weg gestellt, Gerechte, wirkliche Gerechte zu
werden. Das ist der Heiland: der Zöllner und Sünder Geselle [Mt. 11,19]. Damit
hat er das
Gottesreich verkündigt und aufgerichtet, daß er sich nicht auf den Stuhl der
Gerechten gesetzt hat, sondern frei und fröhlich, wirklich und sichtbar und vor allen
Leuten auf das Bänklein der Ungerechten. So hat er die Vergebung der
Sünden ausgesprochen in die unerlöste, sündenbeschwerte Welt hinein, nicht als
Wort, sondern als offene Tat. Und die Zöllner und Sünder haben’s
begriffen. Worte wird die Welt nie begreifen, und wenn’s noch so schöne Worte
wären, und sie hat eigentlich ganz recht. Taten begreift sie und wird sie begreifen.
5. Das war das Neue,
das jetzt riesengroß auch vor den Pharisäern stand. Sie konnten es damit halten, wie sie
wollten. Es heißt von diesem Neuen: Wer Ohren hat zu hören, der
höre! [Mk. 4,9 par.]. Jesus hat zu
ihnen gesagt: Gehet hin und lernet! Gehet hin und nehmt eure
Bibel, die ihr schon so gut zu kennen meint, die ihr so rühmt als euren köstlichsten
Schatz! «Forschet in der Schrift …» [Joh. 5,39]. Lernet, was ihr schon lange zu wissen meint:
was Gott will und was göttlich ist, Opfer oder Barmherzigkeit. Ich will euch nicht
überreden noch überzeugen, überzeugt euch selbst, wer Gott ist
und wie Gott es macht und was Gott von uns haben will. Ihr seid
frei, wie auch die Sünder frei sind. Die Sünder verstehen
die Barmherzigkeit. Ihnen kann das Neue zu Gute kommen. Sie kommen ins Reich Gottes
[vgl. Mt. 21,31]. Für sie bin
ich da, wie der Arzt für die Kranken da ist. Ich kann auch für
euch da sein, auch ihr könnt ins Reich Gottes kommen, das Neue kann auch euch
aufgehen. Wenn ihr nämlich den Stuhl der Gerechten verlassen,
euren Standpunkt aufgeben, den Unterschied von Guten und Bösen
gänzlich vergessen wollt, wenn es euch nicht
ekelt, aus dem gleichen Brunnenrohr zu trinken mit den Gottlosen, wenn ihr begreifen wollt, daß es für alle Menschen nur eine Not und |58 eine Hilfe gibt. Ihr seid frei, das
abzulehnen. Den starken Herren, die selbst mit Gott
zurechtkommen, die nicht nach Barmherzigkeit verlangen, sondern nach Anerkennung ihrer Opfer, denen, die schon gerecht sind, dränge ich mich nicht
auf, sowenig der Arzt die Gesunden plagen wird. Es tut mir leid,
wenn ich euch, den Frommen, nicht dienen kann, weil ihr mich nicht braucht. Ich bin
jeden Augenblick bereit auch für euch. Aber laßt mich, während
ihr es euch überlegt, Gott dienen an denen, die mich brauchen. Gebt mir den Weg frei zu den Gottlosen, die Gott, den barmherzigen Gott,
verstehen werden.
Seht, das ist der Weg des Heilands. Der Weg, auf dem er die
Gerechten geärgert und die Ungerechten gewonnen hat. Auch wir werden uns überlegen müssen, ob wir uns zu den Geärgerten oder zu den
Gewonnenen stellen wollen. Gott gebe, daß
wir es uns nicht zu lange überlegen.