2. Februar 1919

Matthäus 9,9-13

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Matthäus 9,9-13
[Da Jesus von dannen ging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, da er zu Tische saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern. Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber hin und lernet, was das sei: «Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.» Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.]

1. «Er stand auf und folgte ihm nach.» Wie ist das möglich? Matthäus war ein Zöllner. Diese Leute dienten der fremden römischen Herrschaft und waren durch die Betrügereien, die sie sich dabei erlaubten, ebenso sprichwörtlich bekannt wie heute die Schieber und Wucherer. So vergingen sie sich doppelt. Man nannte sie nicht bloß Gottlose, Ungläubige, Ungerechte, sondern sie waren es auch; sie hatten sich von aller Religion und Moral mit Bewußtsein abgewendet, und je mehr man es von ihnen sagte, desto bewußter taten sie es. Man nannte sie offen Heiden, obwohl sie Juden waren, und es war nicht unverdient; sie machten sich nicht einmal viel aus dieser Beschimpfung; sie lebten ja tatsächlich in der Welt mit den Heiden; ihre Gedanken und ihr Leben war durch und durch weltlich, und wenn sie sich gelegentlich an einem Gottesdienst beteiligen mußten, so taten sie es im Bewußtsein, nicht dahin zu gehören, kamen sich im Tempel oder in der Synagoge als fremde Gäste vor wie etwa heutzutage manche Taufpaten, die kaum mehr wissen, daß man beim Beten die Hände falten sollte. Unwillkürlich schlossen sie sich mit Solchen, die aus anderen Gründen ähnlich gesinnt, ebenso unreligiös und unmoralisch waren wie sie und die ebenso angesehen waren, ein wenig zusammen in einem gewissen Trotz gegen die gute Gesellschaft, so daß man von Zöllnern und Sündern redete wie heute von Atheisten und Materialisten, als ob das so sein müsse. So einer war Matthäus! Er aß und trank und ging seinem Geschäft nach und wußte genau, was er für einer war, und wollte gar nichts anderes sein. Seine Stellung und seine Gesinnung |50 und sein Ruf waren gemacht, und er richtete sich danach. Wenn ein rechter Jude an ihm vorbei ging, so sah er es ihm an: der hält mich auch reif für die Hölle!, und beim nächsten Anlaß brauchte er seine Macht, um es diesem Frommen ein wenig heimzuzahlen. Sicher haben auch ihn die Pharisäer gelegentlich gemahnt: Buße, Buße mußt du tun! Denn die Pharisäer haben eifrig und ernsthaft Evangelisation getrieben unter den Weltkindern. Vielleicht hat er ihnen bei solchem Anlaß eine Banknote [?] in die Hand gedrückt für ein gutes Werk und bei sich gedacht: sie meinen es ja gut, aber wie kann man sich nur so aufregen um eine Erlösung, von der man nichts sieht und spürt, an ihnen so wenig wie an mir, um einen Gott, den ich nicht brauche und der mir nicht hilft. Und wenn er dann gar einen Schriftgelehrten, einen Pfarrer, von der Bibel reden hörte, so wunderte er sich im stillen: Was denkt wohl der im Grunde von seinen alten Geschichten, die ja doch nur alte Geschichten sind, war froh, wenn er schwieg und er wieder mit seinesgleichen über vernünftige Dinge reden konnte. So einer war Matthäus. |

Und von diesem Matthäus heißt es: er stand auf und folgte Jesus nach. Er steht auf wie ein Schlafender, wenn er geweckt wird. Er hört den Ruf Jesu wie ein Soldat den Befehl seines Vorgesetzten. Er folgt dieser Stimme wie ein Schaf, das die Stimme seines Hirten kennt, der es beim Namen gerufen [vgl. Joh. 10,3f.]. Er gesellt sich zu Jesus, tritt an die Seite seiner Jünger - wie wenn es so sein müßte. Alles war an ihm abgeprallt, alle Verachtung, aller Tadel, alle Bußpredigten, alle Hinweise auf die Bibel. War denn Jesus nicht auch so ein frommer Jude, ein ganz Frommer, ein übertrieben Frommer?, mußte er denken. Wieder so ein Evangelist, so ein Pfarrer, so ein Eiferer wie die vielen Anderen, die er gut genug kannte? Wie war’s nur möglich, daß er ihn nicht dafür ansah?, daß er der Stimme dieses Einen gehorchte, der doch mehr von ihm verlangte als die Anderen alle, sein Geschäft, sein Geld, sein Haus und seine Familie, noch mehr: [daß er] seine bisherigen Gedanken und Gesinnungen verließ, eine armselige Wanderschaft mit sehr zweifelhaftem Erfolg antrat, sich dazu hergab, ein Helfer des Gottesreiches zu werden, von dem dieser da redete? Wie war es nur möglich?

51 2. Wir wollen diese Geschichte sich selber erklären lassen. Und da ist gleich das Folgende erleuchtend und merkwürdig: «Und es begab sich, da er zu Tische saß …» Daraus sehen wir sofort, daß es sich nicht um eine von den gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten handelt, wie sie auch heute vorkommen und wie sie wohl auch von den Pharisäern erlebt und weitererzählt wurden, bei denen das starke Reden von Gott einem Menschen schließlich zu stark wird, so daß er seine bisherige Lebensweise und Gesellschaft verläßt und nun auf einmal bei der Partei der Frommen auftaucht, zu der er sonst nicht gehörte. Die gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten haben alle so etwas Parteimäßiges an sich, es kommt dabei immer zur großen Scheidung von der sogenannten Welt und zu entsprechenden Verbindungen mit den sogenannten Gotteskindern. Gerade so geht es hier nicht zu. Die Bekehrung des Matthäus, wenn man’s überhaupt so nennen will, hat etwas Taghelles, Freies, Freudiges, Freundliches an sich. Er denkt gar nicht daran, sich halb furchtsam und halb stolz von seinen bisherigen Genossen aus dem Staube zu machen, sie vor seinem neuen Meister oder seinen neuen Meister vor ihnen zu verleugnen. Er denkt auch nicht daran, sich mit Tränen der Reue auf eine Bußbank und nachher in ein Kämmerlein und nachher in eine Kirche oder Kapelle1 zu flüchten. Ob das paßt zu dem, was wir uns unter einer Bekehrung vorstellen, ist ganz einerlei. Hier hören wir von allem das Gegenteil. Er veranstaltet ein Festmahl, er fühlt sich also nicht zerknirscht, sondern freudig bewegt, wie wenn jetzt Hochzeit wäre. Er trennt seine alte Gesellschaft nicht von seiner neuen, sondern er führt sie sofort zusammen, und zwar nicht zu einer Predigt oder Gebetsstunde, sondern zu einem ganz menschlichen, fröhlichen Beisammensein. Es ist ihm nichts natürlicher als das, seine bisherigen Freunde und den, der ihn jetzt gerufen, an einen Tisch und, wie es damals der Brauch war, auf einem Polster um den Tisch herum beieinander zu sehen. Was uns als die größten Gegensätze erscheinen mag: Jesus Christus und der Sünder, das Gottesreich und die Welt, das kommt durch die Bekehrung des Matthäus zusammen, und zwar nicht etwa zum Kampf auf Leben und Tod, sondern in größter Einigkeit und Einheit, wie wenn sie die |52 gemeinsamste Sache hätten. Und das besonders Merkwürdige liegt darin, daß auch die anderen «Zöllner und Sünder», der ganze weltliche Kreis, dem Matthäus bis dahin angehörte, das sofort verstanden hat. Es fällt ihnen nicht ein, über diese Bekehrung zu lachen, wie man etwa heute lacht, wenn einer fromm wird. Sie haben Matthäus nichts vorzuwerfen, als ob er gleichsam Partei gewechselt habe, in ein feindliches Lager übergegangen sei. Sie begreifen seinen Schritt vollkommen, auch wenn sie ihn nicht teilen. Auch sie sehen Jesus nicht als Glied der guten Gesellschaft, nicht als Prediger und Evangelisten an, sondern gewissermaßen als einen der ihrigen, wenn auch auf etwas besondere, auf eine neue Weise. «Fromm werden», das verstanden sie nicht, sie sahen dabei zu wenig Unterschied von ihrem eigenen Leben. Viel glauben, beten und zur Kirche gehen - sie begriffen nicht, warum die Anderen deshalb besser sein sollten als sie. Die strenge Moral, die die rechten Leute übten - es kam ihnen vor, daß es damit im Grunde nicht so weit her sei. Der Glaube der Gerechten, der Geretteten, sie hatten kein Verlangen danach, wenn sie mit ihnen verkehrten. Aber wie Jesus war und wie Matthäus jetzt werden wollte, das konnte man am Ende gelten lassen. Gerade weil es der volle, ganze Gegensatz war zu ihrem eigenen Wesen. Gerade weil es etwas ganz Neues war. «Gott», so wie Jesus dieses Wort aussprach, das war etwas Anderes als das Fragwürdige, Zweifelhafte, von dem die Frommen redeten und von dem sie sich nicht übertäuben lassen wollten. «Gott» in diesem Munde, das paßte am Ende nicht so schlecht zu der Welt, der gottlosen Welt, die sie so gut kannten, das war eine Antwort. Wenn es so ernst gemeint war wie bei Jesus, dann konnte man es sich immerhin sagen lassen. Auch wenn sie selber nicht ohne weiteres hören wollten. Sie sahen den breiten Graben wohl, der sie von Jesus und jetzt auch von Matthäus trennte, und verwunderten sich über den Mut des Matthäus, da hinüberzuspringen. Aber sie verstanden ohne weiteres, daß es etwas Großes war, sie sahen seinen Schritt jedenfalls nicht als etwas Verächtliches oder Feindseliges an. So ließen sie sich gerne und ohne Hintergedanken herbei, als Matthäus sie einlud, diesen Schritt festlich mit ihm zu begehen.

Und so kam es zu dieser Gemeinschaft zwischen dem Heiland und den Sündern, zwischen dem Heiligen Gottes und der ausgesprochen und bewußt gottlosen Welt. Himmel und Erde kamen zusammen, wie wenn es nicht anders sein könnte.

53 Seht, nun können wir schon ein wenig verstehen, warum der steinharte Zöllner Matthäus aufstand und Jesus nachfolgte: Es handelte sich offenbar nicht um Seelenerschütterungen, die nun einmal viele Leute von sich fernhalten wie etwas Unsauberes, sondern um ein großes Licht, das eigentlich allen Menschen aufgehen kann. Nicht um ein dunkles Loch, in das der Mensch um jeden Preis hinein muß, sondern um eine große Freude, die ihm sofort zuteil werden kann. Nicht um eine neue parteiische Trennung von Frommen und Ungläubigen, sondern um das große Neue, in dem sie sofort einig werden müssen, wenn es da ist. Licht und Freude und etwas ganz Neues, ja wie sollte man das nicht verstehen und annehmen, wenn es wirklich kommt und da ist, auch wenn man ein Zöllner und Sünder ist. Es handelte sich um das, worin Gott und die gottlose Welt einig sind, was sie gemeinsam haben. Diesen merkwürdigen Punkt hat Jesus bei Matthäus getroffen. Und darum hat er ihm geglaubt und gehorcht.

3. Aber gibt es denn das, möchten wir fragen: etwas, worin Gott und die Welt einig sind, etwas, worin der Heiland dem größten Sünder die Hand reichen kann, etwas, worin die Gottlosen den Heiland verstehen und respektieren können? Erst recht möchten wir jetzt fragen: was steckt da für ein Geheimnis?, warum ist es bei dieser Bekehrungsgeschichte so anders zugegangen als bei unseren gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten? Warum hat Matthäus seine Buße mit der Freude angefangen und nicht mit der Traurigkeit? Warum hat er sich von den Genossen seiner Sünde nicht getrennt, sondern sie ohne Bedenken mit Jesus an einen Tisch gesetzt? Warum haben sie nicht gelacht über ihn? Warum kamen sie ohne weiteres in die Gesellschaft Jesu? Warum haben auch sie das Wort «Gott» in seinem Munde auf einmal ernst genommen, etwas Vernünftiges, Sinnvolles darin gefunden?

Ja, das hat die Pharisäer in jener Stadt auch Wunder genommen, nur daß sie es von der anderen Seite aus auffaßten und fragten: «Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?» Offenbar das Gleiche, was Jesus mit den Zöllnern verbunden hat, hat die ­Pharisäer von ihm entfernt. Gerade weil es ihnen auch ernst war mit Gott und mit der Bekehrung der Menschen, mußte sie das, was da geschah, heimlich verwunden2. Also so sucht3 er das Gottesreich? |54 Also solche Leute wie diesen Matthäus wählt er zu seinen Jüngern und Boten? Also so leichtfertig und weltlich geht es zu bei seinen Bekehrungen? Also das sind seine Genossen? Es tut mir weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh’!4 Weiß er denn gar nicht, was das für Leute sind? Weiß er denn gar nichts von ihren ganz und gar weltlichen und wüsten5 Bestrebungen? Irrt sich dieser Idealist, dieser Gelehrte denn so gänzlich über den Charakter und die Gesinnung derer, mit denen er sich da zusammentut? Und ihm sollten wir Vertrauen schenken, wenn er uns von Gott redet? Ihm sollten wir glauben und gehorchen, wenn er uns zur Buße ruft, er, der offenbar zwischen Guten und Bösen gar nicht unterscheiden kann? Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!6 Ja, wenn er ihnen auch predigen, Buße predigen würde, diesen Gottlosen, wenn er den Standpunkt der Rechten und Frommen bei ihnen und gegen sie verteidigen würde, aber man hört nichts davon, gerade dort kein Wort von Buße, sondern er ißt mit ihnen, er setzt sich auf die Bank der Spötter [vgl. Ps. 1,1], als ob er selber einer wäre! Ist er’s nicht? Muß er’s nicht sein? Ein Sünderfreund, was kann er anders sein als selbst ein Sünder? Ja, wir wissen jetzt, wer du bist. Der Schein ist zerrissen, die Wahrheit ist am Tage! So geht’s, wenn man ganz neue Wege einschlägt, statt sich an die alte, bewährte Frömmigkeit und Tugend zu halten! Im Fleische hat er offenbar begonnen, im Fleische muß er enden [vgl. Gal. 3,3; 6,8], allzu lange haben wir dich ernst genommen, dir zugehört, etwas von dir erwartet! Schmählich hast du unsere Hoffnungen enttäuscht. Und nun sind wir fertig mit dir. |

Es ist im Grunde der gleiche Gedankengang, den wir vor acht Tagen kennen gelernt haben: Dieser lästert Gott! [Mt. 9,3]. Nur Gott darf Sünden vergeben, wenn ein Mensch es tut, so ist er selbst ein Sünder. Nur Gott darf mit der Welt Frieden schließen, wenn ein Mensch das tut, so muß er selbst ein Weltlicher sein. Das alles sagen sie |55 Jesus freilich nicht ins Gesicht. Er hat doch immer etwas zu antworten! Es gibt doch nur peinliche Diskussionen! Sie sollen es ihm ausrichten, wenn sie wollen! Und man muß sie auch darauf aufmerksam machen, wohin es führt, eines solchen Menschen Jünger zu sein. Man muß die jungen Leute doch warnen, es sind solche darunter, um die es schade wäre, wenn sie auch in die schlechte Gesellschaft kämen.

So hat die Gemeinschaft zwischen Jesus und den Sündern in den Augen der Pharisäer ausgesehen. Es war auch für sie ein entscheidendes Erlebnis, das sie mit Jesus machten, nur eben von der anderen Seite. Wenn er Recht hatte, den Matthäus zu seinem Jünger zu berufen und sich mit den Zöllnern zu Tisch zu setzen, dann hatten sie irgendwie Unrecht. Und umgekehrt: wenn sie Recht hatten mit ihrer Art, das Gute und Göttliche zu vertreten, dann hatte Jesus Unrecht, dann war er erledigt für sie. Sie brauchten nicht lange nachzudenken. Es gibt Dinge, über die man Bescheid weiß, bevor man sich darüber besonnen hat. Eins von diesen Dingen war für sie die Tatsache, daß sie auf dem rechten Weg waren. Dieser rechte Weg aber bestand darin, daß sie die Sünder verachteten, tadelten, zur Buße riefen - und nichts mit ihnen zu tun hatten, daß sie den Gegensatz von gut und böse, Gott und Welt stramm aufrecht erhielten. Hier wir mit Gott - dort ihr ohne Gott. Dieser ernste, stramme Standpunkt der Pharisäer war nun freilich der Grund, weshalb die Weltleute das Wort «Gott» in ihrem Munde nicht verstanden und geringschätzten. Das gerade war’s, was sie verlachten und gegen das sie sich verhärteten. Aber das machte den Pharisäern nichts. Sie sagten: es ist ganz in der Ordnung, daß die Bösen die Guten, die Ungläubigen die Gläubigen, die Unbekehrten die Bekehrten nicht verstehen. Würden sie stehen, wo wir stehen, sein, wie wir sind, sie würden uns verstehen. Sie fühlten sich Gottes ganz sicher, er steht auf unserer Seite, und wer nicht unser Freund ist, der ist auch nicht Gottes Freund. Dabei beruhigten sie sich, wenn sie sahen, wie unbekümmert und trotzig die große Masse der Weltleute an ihnen vorbei ihren dunklen Weg ging.

4. Seht, nun haben uns die Pharisäer mit ihrer Frage nicht nur sich selbst, sondern eigentlich auch den Heiland und die Bekehrung des Matthäus erklärt. Wer die Pharisäer des Neuen Testaments ganz versteht, der versteht auch den Heiland. Daß der Heiland das Gegenteil |56 war von den Pharisäern, das hat den Matthäus bekehrt, und das hat ihn an den Tisch der Zöllner und die Zöllner zu ihm geführt. Das war die Gewalt, die den Matthäus bezwungen und von seinem Geld weggeführt hat. Das war der Grund, weshalb die Zöllner das Wort «Gott» im Munde Jesu verstanden. Das war der Grund, weshalb er Jesu Freund wurde, ohne seiner Genossen Feind [zu] werden. Das war der Grund, weshalb diese seine Genossen vor der Botschaft und vor der Person Jesu mindestens Respekt hatten. Das war das Neue, das im Heiland den Sündern begegnete. Jesus nennt dieses Neue bei Namen mit dem einfachen, menschlichen Wort Barmherzigkeit. Das will Gott, sagt er den Pharisäern, daß wir barmherzig seien, nicht daß wir Opfer bringen. Ihren Ernst, ihren Eifer um Gott, ihren strengen Standpunkt, ihre Anklagen und Bußpredigten nennt er Opfer. Es braucht Opfer, ein solcher Mensch zu sein, wie die Pharisäer waren, es so genau zu nehmen mit dem Guten, sich so von der Welt abzuwenden, ein so scharfes Urteil über den Menschen zu bilden. Wer je diesen Weg gegangen ist, der weiß, wie schwer er ist, der begreift, daß die Pharisäer ihn ungern aufgaben. Sie hatten sich mühsam genug zu ihrem steilen Standpunkt hochgekämpft, nun glaubten sie, ein Recht zu haben, darauf zu pochen. Dieses Opfer will Gott nicht, er will Barmherzigkeit, sagt ihnen Jesus, Opfer bringen ist menschlich, Barmherzigkeit ist göttlich. Aber er hat das nicht nur gesagt. Das Wort Barmherzigkeit hatten die Zöllner längst gehört und die Predigten der Pharisäer darüber auch. Das Neue an Jesus war das, daß er barmherzig war. Der Heilige, der den Sünder zum Helfer des Gottes-Reiches verordnete [?], der Gottesfreund, der sich mit den Gottlosen zu Tisch setzte, der Gerechte, der zu den Ungerechten stand, ihnen half, für sie Partei nahm, ohne gegen Andere Partei zu nehmen, der Fromme, der mit ihnen dachte, fühlte, redete wie mit seinesgleichen, der sie nahm, als ob sie schon zu ihm gehörten - das hat die Zöllner überrascht und den Matthäus sogar überwunden. Die Opfer der Pharisäer verstanden sie nicht, die Barmherzigkeit Jesu verstanden sie. Denn es gibt kein Herz, das Barmherzigkeit nicht verstünde, wenn sie ihm entgegengebracht wird, kein Herz, und wäre es noch so weltlich und steinhart. Da zum ersten Mal begriffen sie, daß «Gott» mehr sein könnte als ein Wort, Erlösung mehr als eine Einbildung, die Bibel mehr als ein altes Buch. Da zum ersten Mal begegnete ihnen das Göttliche im Unter|57schied zu ihrem eigenen Leben, zu der gottlosen, wohlbekannten Welt. Da zum ersten Mal konnten sie es ernst nehmen. Einer von ihnen hat die Liebe Gottes, die ihm in Jesus begegnete, so ernst genommen, daß er ihr sein Herz schenken mußte. Die Anderen haben ihre Herzen wenigstens geöffnet, und auch das ist schon etwas wert. Was die Pharisäer ärgerte, daß Jesus sich mit den Sündern gemein machte, das gerade hat die Sünder auf den Weg gestellt, Gerechte, wirkliche Gerechte zu werden. Das ist der Heiland: der Zöllner und Sünder Geselle [Mt. 11,19]. Damit hat er das Gottesreich verkündigt und aufgerichtet, daß er sich nicht auf den Stuhl der Gerechten gesetzt hat, sondern frei und fröhlich, wirklich und sichtbar und vor allen Leuten auf das Bänklein der Ungerechten. So hat er die Vergebung der Sünden ausgesprochen in die unerlöste, sündenbeschwerte Welt hinein, nicht als Wort, sondern als offene Tat. Und die Zöllner und Sünder haben’s begriffen. Worte wird die Welt nie begreifen, und wenn’s noch so schöne Worte wären, und sie hat eigentlich ganz recht. Taten begreift sie und wird sie begreifen.

5. Das war das Neue, das jetzt riesengroß auch vor den Pharisäern stand. Sie konnten es damit halten, wie sie wollten. Es heißt von diesem Neuen: Wer Ohren hat zu hören, der höre! [Mk. 4,9 par.]. Jesus hat zu ihnen gesagt: Gehet hin und lernet! Gehet hin und nehmt eure Bibel, die ihr schon so gut zu kennen meint, die ihr so rühmt als euren köstlichsten Schatz! «Forschet in der Schrift …» [Joh. 5,39]. Lernet, was ihr schon lange zu wissen meint: was Gott will und was göttlich ist, Opfer oder Barmherzigkeit. Ich will euch nicht überreden noch überzeugen, überzeugt euch selbst, wer Gott ist und wie Gott es macht und was Gott von uns haben will. Ihr seid frei, wie auch die Sünder frei sind. Die Sünder verstehen die Barmherzigkeit. Ihnen kann das Neue zu Gute kommen. Sie kommen ins Reich Gottes [vgl. Mt. 21,31]. Für sie bin ich da, wie der Arzt für die Kranken da ist. Ich kann auch für euch da sein, auch ihr könnt ins Reich Gottes kommen, das Neue kann auch euch aufgehen. Wenn ihr nämlich den Stuhl der Gerechten verlassen, euren Standpunkt aufgeben, den Unterschied von Guten und Bösen gänzlich vergessen wollt, wenn es euch nicht ekelt, aus dem gleichen Brunnenrohr zu trinken mit den Gottlosen, wenn ihr begreifen wollt, daß es für alle Menschen nur eine Not und |58 eine Hilfe gibt. Ihr seid frei, das abzulehnen. Den starken Herren, die selbst mit Gott zurechtkommen, die nicht nach Barmherzigkeit verlangen, sondern nach Anerkennung ihrer Opfer, denen, die schon gerecht sind, dränge ich mich nicht auf, sowenig der Arzt die Gesunden plagen wird. Es tut mir leid, wenn ich euch, den Frommen, nicht dienen kann, weil ihr mich nicht braucht. Ich bin jeden Augenblick bereit auch für euch. Aber laßt mich, während ihr es euch überlegt, Gott dienen an denen, die mich brauchen. Gebt mir den Weg frei zu den Gottlosen, die Gott, den barmherzigen Gott, verstehen werden.

Seht, das ist der Weg des Heilands. Der Weg, auf dem er die Gerechten geärgert und die Ungerechten gewonnen hat. Auch wir werden uns überlegen müssen, ob wir uns zu den Geärgerten oder zu den Gewonnenen stellen wollen. Gott gebe, daß wir es uns nicht zu lange überlegen.

Lieder:
  • Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1-3 (RG [1998] 99,1-3; EG 303,1-3) 🎵
  • Nr. 229 «Ich habe nun den Grund gefunden» von J. A. Rothe, Strophen 3-4 (GERS [1952] 262,3-4; EG 354,3-4; jeweils mit Textabweichungen in Strophe 4) 🎵

Sachfußnoten

1
«Kapelle» meint hier die Versammlungsräume der freikirchlichen, meist pietistischen Gemeinschaften.↩
2
Könnte auch «verwundern» heißen.↩
3
Könnte auch «sieht» heißen.↩
4
J. W. von Goethe, Faust I, V. 3469f. (Marthens Garten) 📖:
Es tut mir lang schon weh,
Daß ich dich in der Gesellschaft seh’.
↩
5
= bösen, maßlosen.↩
6
J. W. von Goethe, Maximen und Reflexionen, 1. Betrachtungen im Sinn der Wandrer 📖: «Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist». Zur Vorgeschichte vgl. Büchmann, S. 504 📖.↩