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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 9,9-13</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 9,9-13, 2. Februar 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 58.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 9,9-13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">58</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 9,9-13, 2. Februar 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1893">KBA 1436</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-02-02">2. Februar 1919</date>
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          <head><idno>454</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-02-02">2. Februar 1919</date>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.9 Mt.9.13">Matthäus 9,9-13</ref>
              <quote>
                <hi rend="italic" resp="kb">[Da Jesus von dannen ging, sah er einen Menschen am Zoll
                  sitzen, der hieß <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>; und sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und
                  folgte ihm. Und es begab sich, da er zu Tische saß im Hause, siehe, da kamen viele
                  Zöllner und Sünder und saßen zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern. Da das die
                  Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Meister mit den
                  Zöllnern und Sündern? Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen
                  des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber hin und lernet, was das sei:
                  «Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.» Ich bin gekommen,
                  die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> «Er stand auf und folgte ihm nach.» Wie ist das möglich?
            <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> war <hi rend="italic">ein Zöllner.</hi> Diese Leute dienten der fremden
            römischen Herrschaft und waren durch die <hi rend="italic">Betrügereien</hi>, die sie
            sich dabei erlaubten, ebenso sprichwörtlich bekannt wie heute die Schieber und Wucherer.
            So vergingen sie sich doppelt. Man nannte sie nicht bloß <hi rend="italic">Gottlose</hi>, Ungläubige, Ungerechte, sondern sie waren es auch; sie hatten sich von
            aller Religion und Moral mit Bewußtsein abgewendet, und je mehr man es von ihnen sagte,
            desto bewußter taten sie es. Man nannte sie offen <hi rend="italic">Heiden</hi>, obwohl
            sie Juden waren, und es war nicht unverdient; sie machten sich nicht einmal viel aus
            dieser Beschimpfung; sie lebten ja tatsächlich in der Welt mit den Heiden; ihre Gedanken
            und ihr Leben war durch und durch weltlich, und wenn sie sich gelegentlich an einem
            Gottesdienst beteiligen mußten, so taten sie es im Bewußtsein, nicht dahin zu gehören,
            kamen sich im Tempel oder in der Synagoge als fremde Gäste vor wie etwa heutzutage
            manche Taufpaten, die kaum mehr wissen, daß man beim Beten die Hände falten sollte.
            Unwillkürlich schlossen sie sich mit Solchen, die aus anderen Gründen <hi rend="italic">ähnlich gesinnt</hi>, ebenso unreligiös und unmoralisch waren wie sie und die ebenso
            angesehen waren, ein wenig zusammen in einem gewissen Trotz gegen die gute Gesellschaft,
            so daß man von Zöllnern und Sündern redete wie heute von Atheisten und Materialisten,
            als ob das so sein müsse. <hi rend="italic">So einer</hi> war <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>! Er <hi rend="italic">aß und trank</hi> und ging seinem Geschäft nach und wußte genau, was er
            für einer war, und wollte gar nichts anderes sein. Seine Stellung und seine Gesinnung
              <pb ed="pga" xml:id="p050"/> und sein Ruf waren gemacht, und er richtete sich danach.
            Wenn <hi rend="italic">ein rechter Jude</hi> an ihm vorbei ging, so sah er es ihm an:
            der hält mich auch reif für die Hölle!, und beim nächsten Anlaß brauchte er seine Macht,
            um es diesem Frommen ein wenig heimzuzahlen. Sicher haben auch ihn die Pharisäer
            gelegentlich <hi rend="italic">gemahnt:</hi> Buße, Buße mußt du tun! Denn die Pharisäer
            haben eifrig und ernsthaft Evangelisation getrieben unter den Weltkindern. Vielleicht
            hat er ihnen bei solchem Anlaß eine Banknote [?] in die Hand gedrückt für ein gutes Werk
            und bei sich gedacht: sie meinen es ja gut, aber wie kann man sich nur so aufregen um
            eine Erlösung, von der man nichts sieht und spürt, an ihnen so wenig wie an mir, um
            einen Gott, den ich nicht brauche und der mir nicht hilft. Und wenn er dann gar einen
            Schriftgelehrten, einen Pfarrer, <hi rend="italic">von der</hi>
            
            <hi rend="italic">Bibel reden</hi> hörte, so wunderte er sich im stillen: Was denkt wohl
            der im Grunde von seinen alten Geschichten, die ja doch nur <hi rend="italic">alte</hi>
            Geschichten sind, war froh, wenn er schwieg und er wieder mit seinesgleichen über
            vernünftige Dinge reden konnte. So einer war <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>. |</p>
          <p>Und von diesem <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> heißt es: er stand auf und <hi rend="italic">folgte Jesus
              nach.</hi> Er <hi rend="italic">steht auf</hi> wie ein Schlafender, wenn er geweckt
            wird. <hi rend="italic">Er hört</hi> den Ruf Jesu wie ein Soldat den Befehl seines
            Vorgesetzten. <hi rend="italic">Er folgt</hi> dieser Stimme wie ein Schaf, das die
            Stimme seines Hirten kennt, der es beim Namen gerufen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.3 Joh.10.4">Joh. 10,3f.</ref>]. <hi rend="italic">Er gesellt sich</hi>
            zu Jesus, tritt an die Seite seiner Jünger - wie wenn es so sein müßte. Alles war an ihm
              <hi rend="italic">abgeprallt</hi>, alle Verachtung, aller Tadel, alle Bußpredigten,
            alle Hinweise auf die Bibel. War denn Jesus <hi rend="italic">nicht auch so ein</hi>
            frommer Jude, ein ganz Frommer, ein übertrieben Frommer?, mußte er denken. Wieder so ein
            Evangelist, so ein Pfarrer, so ein Eiferer wie die vielen Anderen, die er gut genug
            kannte? <hi rend="italic">Wie war’s nur möglich</hi>, daß er ihn nicht dafür ansah?, daß
            er der Stimme dieses Einen gehorchte, der doch mehr von ihm verlangte als die Anderen
            alle, sein Geschäft, sein Geld, sein Haus und seine Familie, noch mehr: [daß er] seine
            bisherigen Gedanken und Gesinnungen verließ, eine armselige Wanderschaft mit sehr
            zweifelhaftem Erfolg antrat, sich dazu hergab, ein Helfer des Gottesreiches zu werden,
            von dem dieser da redete? Wie war es nur möglich?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p051" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">2.</hi> Wir wollen diese Geschichte sich selber erklären lassen. Und
            da ist gleich das Folgende erleuchtend und merkwürdig: «Und es begab sich, da er zu
            Tische saß …» Daraus sehen wir sofort, daß es sich <hi rend="italic">nicht um eine von
              den gewöhnlichen</hi> Bekehrungsgeschichten handelt, wie sie auch heute vorkommen und
            wie sie wohl auch von den Pharisäern erlebt und weitererzählt wurden, bei denen <hi rend="italic">das starke Reden von Gott</hi> einem Menschen schließlich zu stark wird,
            so daß er seine bisherige Lebensweise und Gesellschaft verläßt und nun auf einmal bei
            der <hi rend="italic">Partei der Frommen</hi> auftaucht, zu der er sonst nicht gehörte.
            Die gewöhnlichen Bekehrungsgeschichten haben alle so etwas Parteimäßiges an sich, es
            kommt dabei immer zur großen <hi rend="italic">Scheidung</hi> von der sogenannten Welt
            und zu entsprechenden <hi rend="italic">Verbindungen</hi> mit den sogenannten
            Gotteskindern. Gerade so geht es hier nicht zu. Die Bekehrung des <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>, wenn man’s
            überhaupt so nennen will, hat <hi rend="italic">etwas Taghelles</hi>, Freies, Freudiges,
            Freundliches an sich. Er denkt gar nicht daran, sich halb furchtsam und halb stolz von
            seinen bisherigen Genossen <hi rend="italic">aus dem Staube</hi> zu machen, sie vor
            seinem neuen Meister oder seinen neuen Meister vor ihnen zu <hi rend="italic">verleugnen.</hi> Er  denkt auch nicht
            daran, sich mit Tränen der Reue auf eine Bußbank und nachher in ein Kämmerlein und
            nachher in eine Kirche oder Kapelle<note xml:id="n01">«Kapelle» meint hier die
              Versammlungsräume der freikirchlichen, meist pietistischen Gemeinschaften.</note>
            <hi rend="italic">zu flüchten.</hi> Ob das paßt zu dem, was wir uns unter einer
            Bekehrung vorstellen, ist ganz einerlei. Hier hören wir von allem das Gegenteil. Er
            veranstaltet ein <hi rend="italic">Festmahl</hi>, er fühlt sich also nicht zerknirscht,
            sondern freudig bewegt, wie wenn jetzt Hochzeit wäre. Er trennt seine alte Gesellschaft
            nicht von seiner neuen, sondern er <hi rend="italic">führt sie sofort zusammen</hi>, und
            zwar nicht zu einer Predigt oder Gebetsstunde, sondern zu einem ganz menschlichen,
            fröhlichen Beisammensein. Es ist ihm nichts natürlicher als das, seine bisherigen
            Freunde und den, der ihn jetzt gerufen, <hi rend="italic">an einen Tisch</hi> und, wie
            es damals der Brauch war, auf einem Polster um den Tisch herum beieinander zu sehen. Was
            uns als <hi rend="italic">die größten Gegensätze</hi> erscheinen mag: Jesus Christus und
            der Sünder, das Gottesreich und die Welt, das kommt durch die Bekehrung des <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>
            zusammen, und zwar nicht etwa zum Kampf auf Leben und Tod, sondern in größter Einigkeit
            und Einheit, wie wenn sie die <pb ed="pga" xml:id="p052"/> gemeinsamste Sache hätten.
            Und das besonders Merkwürdige liegt darin, daß <hi rend="italic">auch die anderen
              «Zöllner und Sünder»</hi>, der ganze weltliche Kreis, dem <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> bis dahin
            angehörte, das sofort verstanden hat. Es fällt ihnen nicht ein, über diese Bekehrung <hi rend="italic">zu lachen</hi>, wie man etwa heute lacht, wenn einer fromm wird. Sie
            haben <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> <hi rend="italic">nichts vorzuwerfen</hi>, als ob er gleichsam Partei
            gewechselt habe, in ein feindliches Lager übergegangen sei. Sie <hi rend="italic">begreifen</hi> seinen Schritt vollkommen, auch wenn sie ihn nicht teilen. Auch sie
            sehen Jesus nicht als Glied der guten Gesellschaft, nicht als Prediger und Evangelisten
            an, sondern gewissermaßen als einen der ihrigen, wenn auch auf etwas besondere, auf eine
            neue Weise. «Fromm werden», das <hi rend="italic">verstanden sie nicht</hi>, sie sahen
            dabei zu wenig Unterschied von ihrem eigenen Leben. Viel glauben, beten und zur Kirche
            gehen - sie begriffen nicht, warum die Anderen deshalb besser sein sollten als sie. Die
            strenge Moral, die die rechten Leute übten - es kam ihnen vor, daß es damit im Grunde
            nicht so weit her sei. Der Glaube der Gerechten, der Geretteten, sie hatten kein
            Verlangen danach, wenn sie mit ihnen verkehrten. Aber <hi rend="italic">wie Jesus
              war</hi> und wie <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> jetzt werden wollte, das konnte man am Ende gelten lassen.
            Gerade weil es der volle, ganze <hi rend="italic">Gegensatz</hi> war zu ihrem eigenen
            Wesen. Gerade weil es etwas ganz Neues war. <hi rend="italic">«Gott»</hi>, so wie Jesus
            dieses Wort aussprach, das war etwas Anderes als das Fragwürdige, Zweifelhafte, von dem
            die Frommen redeten und von dem sie sich nicht übertäuben lassen wollten. «Gott» in
            diesem Munde, das paßte am Ende nicht so schlecht zu der Welt, der gottlosen Welt, die
            sie so gut kannten, das  war eine Antwort.
            Wenn es <hi rend="italic">so ernst gemeint</hi> war wie bei Jesus, dann konnte man es
            sich immerhin sagen lassen. Auch wenn sie selber nicht ohne weiteres hören wollten. Sie
            sahen <hi rend="italic">den breiten Graben</hi> wohl, der sie von Jesus und jetzt auch
            von <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> trennte, und verwunderten sich über den Mut des <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>, da
            hinüberzuspringen. Aber sie verstanden ohne weiteres, daß es etwas Großes war, sie sahen
            seinen Schritt jedenfalls nicht als etwas Verächtliches oder Feindseliges an. <hi rend="italic">So ließen sie sich gerne</hi> und ohne Hintergedanken herbei, als
            <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> sie einlud, diesen Schritt festlich mit ihm zu begehen.</p>
          <p>Und so kam es zu dieser <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> zwischen dem Heiland und
            den Sündern, zwischen dem Heiligen Gottes und der ausgesprochen und bewußt gottlosen
            Welt. Himmel und Erde kamen zusammen, wie wenn es nicht anders sein könnte.</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p053" rend="noPipe"/> Seht, nun können wir schon ein wenig
            verstehen, warum der steinharte Zöllner <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> aufstand und Jesus nachfolgte: Es
            handelte sich offenbar nicht um <hi rend="italic">Seelenerschütterungen</hi>, die nun
            einmal viele Leute von sich fernhalten wie etwas Unsauberes, sondern um ein großes
            Licht, das eigentlich allen Menschen aufgehen kann. Nicht um <hi rend="italic">ein
              dunkles Loch</hi>, in das der Mensch um jeden Preis hinein muß, sondern um eine große
            Freude, die ihm sofort zuteil werden kann. Nicht um eine neue <hi rend="italic">parteiische Trennung</hi> von Frommen und Ungläubigen, sondern um das große Neue, in
            dem sie sofort einig werden müssen, wenn es da ist. <hi rend="italic">Licht und Freude
              und etwas ganz Neues</hi>, ja wie sollte man das nicht verstehen und annehmen, wenn es
            wirklich kommt und da ist, auch wenn man ein Zöllner und Sünder ist. Es handelte sich um
            das, worin <hi rend="italic">Gott und die gottlose Welt einig sind</hi>, was sie
            gemeinsam haben. Diesen merkwürdigen Punkt hat Jesus bei <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> getroffen. Und darum
            hat er ihm geglaubt und gehorcht.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Aber <hi rend="italic">gibt es denn
              das</hi>, möchten wir fragen: etwas, worin Gott und die Welt <hi rend="italic">einig</hi> sind, etwas, worin der Heiland dem größten Sünder <hi rend="italic">die
              Hand</hi> reichen kann, etwas, worin die Gottlosen den Heiland <hi rend="italic">verstehen</hi> und respektieren können? Erst recht möchten wir jetzt fragen: was
            steckt da für ein Geheimnis?, warum ist es bei dieser Bekehrungsgeschichte <hi rend="italic">so anders</hi> zugegangen als bei unseren gewöhnlichen
            Bekehrungsgeschichten? Warum hat <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> <hi rend="italic">seine Buße</hi> mit der
            Freude angefangen und nicht mit der Traurigkeit? Warum hat er sich von den Genossen
            seiner Sünde <hi rend="italic">nicht getrennt</hi>, sondern sie ohne Bedenken mit Jesus
            an einen Tisch gesetzt? Warum haben sie <hi rend="italic">nicht gelacht</hi> über ihn?
            Warum <hi rend="italic">kamen sie</hi> ohne weiteres in die Gesellschaft Jesu? Warum
            haben auch sie <hi rend="italic">das Wort «Gott»</hi> in seinem
               Munde auf einmal ernst genommen, etwas
            Vernünftiges, Sinnvolles darin gefunden?</p>
          <p>Ja, <hi rend="italic">das hat die Pharisäer</hi> in jener Stadt auch Wunder genommen,
            nur daß sie es von der anderen Seite aus auffaßten und fragten: «Warum isset euer
            Meister mit den Zöllnern und Sündern?» <hi rend="italic">Offenbar das Gleiche</hi>, was
            Jesus mit den Zöllnern verbunden hat, hat die ­Pharisäer von ihm entfernt. Gerade weil
            es ihnen auch ernst war mit Gott und mit der Bekehrung der Menschen, mußte sie das, was
            da geschah, <hi rend="italic">heimlich verwunden</hi><note xml:id="n02">Könnte auch
              «verwundern» heißen.</note>. Also <hi rend="italic">so sucht</hi><note xml:id="n03">Könnte auch «sieht» heißen.</note>
            <hi rend="italic">er</hi> das Gottesreich? <pb ed="pga" xml:id="p054"/> Also <hi rend="italic">solche Leute</hi> wie diesen <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> wählt er zu seinen Jüngern und
            Boten? Also so leichtfertig und <hi rend="italic">weltlich geht es zu</hi> bei seinen
            Bekehrungen? Also das sind <hi rend="italic">seine Genossen?</hi> Es tut mir weh, daß
            ich dich <hi rend="italic">in der Gesellschaft</hi> seh’!<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
              Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 3469f. (Marthens Garten)</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Es tut mir lang schon weh,</l>
                  <l>Daß ich dich in der Gesellschaft seh’.</l>
                </lg></q></note> Weiß er denn gar nicht, <hi rend="italic">was das für Leute</hi>
            sind? Weiß er denn gar nichts von ihren ganz und gar weltlichen und wüsten<note xml:id="n05"> = bösen, maßlosen.</note>
            <hi rend="italic">Bestrebungen?</hi> Irrt sich dieser Idealist, dieser Gelehrte denn so
            gänzlich über den <hi rend="italic">Charakter und die Gesinnung</hi> derer, mit denen er
            sich da zusammentut? Und ihm sollten wir <hi rend="italic">Vertrauen</hi> schenken, wenn
            er uns von Gott redet? Ihm sollten wir <hi rend="italic">glauben und gehorchen</hi>,
            wenn er uns zur Buße ruft, er, der offenbar zwischen Guten und Bösen gar nicht
            unterscheiden kann? Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du
              bist!<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-2795"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Maximen und
                Reflexionen</hi>, <hi rend="italic">1. Betrachtungen im Sinn der Wandrer</hi></bibl>: «Sage
              mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist». Zur Vorgeschichte vgl.
              <bibl corresp="kbga-bibls-2429">Büchmann, S. 504</bibl>.</note> Ja, <hi rend="italic">wenn er ihnen auch predigen</hi>, Buße
            predigen würde, diesen Gottlosen, wenn er den Standpunkt der Rechten und Frommen bei
            ihnen und gegen sie verteidigen würde, aber man hört nichts davon, gerade dort kein Wort
            von Buße, sondern er ißt mit ihnen, er setzt sich auf die Bank der Spötter [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.1.1">Ps. 1,1</ref>], als ob er <hi rend="italic">selber einer</hi> wäre! Ist er’s nicht? Muß er’s nicht sein? Ein Sünderfreund, was
            kann er anders sein als selbst ein Sünder? Ja, wir wissen jetzt, wer du bist. Der Schein
            ist zerrissen, die Wahrheit ist am Tage! <hi rend="italic">So geht’s</hi>, wenn man ganz
            neue Wege einschlägt, statt sich an die alte, bewährte Frömmigkeit und Tugend zu halten!
              <hi rend="italic">Im Fleische</hi> hat er offenbar begonnen, im Fleische muß er enden
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.3">Gal. 3,3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.8">6,8</ref>], <hi rend="italic">allzu lange</hi> haben wir dich ernst genommen, dir zugehört, etwas von
            dir erwartet! Schmählich hast du unsere Hoffnungen <hi rend="italic">enttäuscht.</hi>
            Und nun sind wir <hi rend="italic">fertig</hi> mit dir. |</p>
          <p>Es ist im Grunde der gleiche Gedankengang, den wir vor acht Tagen kennen gelernt haben:
              <hi rend="italic">Dieser lästert Gott!</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.3">Mt. 9,3</ref>]. Nur Gott darf Sünden vergeben, wenn ein Mensch es tut,
            so ist er selbst ein Sünder. Nur Gott darf mit der Welt Frieden schließen, wenn ein
            Mensch das tut, so muß er selbst ein Weltlicher sein. Das alles sagen sie <pb ed="pga" xml:id="p055"/> Jesus freilich <hi rend="italic">nicht ins Gesicht.</hi> Er hat doch
            immer etwas zu antworten! Es gibt doch nur  peinliche Diskussionen! Sie sollen es ihm <hi rend="italic">ausrichten</hi>, wenn sie
            wollen! Und man muß sie auch darauf <hi rend="italic">aufmerksam</hi> machen, wohin es
            führt, eines solchen Menschen Jünger zu sein. Man muß die jungen Leute doch warnen, es
            sind solche darunter, um die es schade wäre, wenn sie auch in die schlechte Gesellschaft
            kämen.</p>
          <p>So hat die Gemeinschaft zwischen Jesus und den Sündern <hi rend="italic">in den Augen
              der Pharisäer</hi> ausgesehen. Es war auch für sie ein <hi rend="italic">entscheidendes Erlebnis</hi>, das sie mit Jesus machten, nur eben von der anderen
            Seite. <hi rend="italic">Wenn er Recht hatte</hi>, den <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> zu seinem Jünger zu
            berufen und sich mit den Zöllnern zu Tisch zu setzen, dann hatten sie irgendwie Unrecht.
            Und umgekehrt: <hi rend="italic">wenn sie Recht hatten</hi> mit ihrer Art, das Gute und
            Göttliche zu vertreten, dann hatte Jesus Unrecht, dann war er erledigt für sie. Sie
            brauchten <hi rend="italic">nicht lange nachzudenken.</hi> Es gibt Dinge, über die man
            Bescheid weiß, bevor man sich darüber besonnen hat. Eins von diesen Dingen war für sie
            die Tatsache, daß sie <hi rend="italic">auf dem rechten Weg</hi> waren. Dieser rechte
            Weg aber bestand darin, daß sie <hi rend="italic">die Sünder</hi> verachteten, tadelten,
            zur Buße riefen - und nichts mit ihnen zu tun hatten, daß sie <hi rend="italic">den
              Gegensatz</hi> von gut und böse, Gott und Welt stramm aufrecht erhielten. <hi rend="italic">Hier wir mit Gott</hi> - dort ihr ohne Gott. Dieser ernste, stramme
            Standpunkt der Pharisäer war nun <hi rend="italic">freilich der Grund</hi>, weshalb die
            Weltleute das Wort «Gott» in ihrem Munde <hi rend="italic">nicht verstanden</hi> und
            geringschätzten. Das gerade war’s, <hi rend="italic">was sie verlachten</hi> und gegen
            das sie sich verhärteten. Aber das machte den Pharisäern nichts. Sie sagten: es ist <hi rend="italic">ganz in der Ordnung</hi>, daß die Bösen die Guten, die Ungläubigen die
            Gläubigen, die Unbekehrten die Bekehrten nicht verstehen. <hi rend="italic">Würden sie
              stehen</hi>, wo wir stehen, sein, wie wir sind, sie würden uns verstehen. Sie <hi rend="italic">fühlten sich Gottes ganz sicher</hi>, er steht auf unserer Seite, und
            wer nicht unser Freund ist, der ist auch nicht Gottes Freund. Dabei <hi rend="italic">beruhigten sie sich</hi>, wenn sie sahen, wie unbekümmert und trotzig die große Masse
            der Weltleute an ihnen vorbei ihren dunklen Weg ging.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Seht, nun haben uns die Pharisäer mit ihrer
            Frage nicht nur sich selbst, sondern eigentlich <hi rend="italic">auch den Heiland und
              die Bekehrung des <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> erklärt.</hi> Wer die Pharisäer des Neuen Testaments ganz
            versteht, der versteht auch den Heiland. Daß der Heiland das <hi rend="italic">Gegenteil
                <pb ed="pga" xml:id="p056"/> war von den Pharisäern, das hat</hi> den <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>
            bekehrt, und das hat ihn an den Tisch der Zöllner und die Zöllner zu ihm geführt. Das
            war <hi rend="italic">die Gewalt</hi>, die den <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName> bezwungen und von seinem Geld
            weggeführt hat. Das war <hi rend="italic">der Grund</hi>, weshalb die Zöllner das Wort
            «Gott» im Munde Jesu verstanden.  Das war
              <hi rend="italic">der Grund</hi>, weshalb er Jesu Freund wurde, ohne seiner Genossen
            Feind [zu] werden. Das war <hi rend="italic">der Grund</hi>, weshalb diese seine
            Genossen vor der Botschaft und vor der Person Jesu mindestens Respekt hatten. Das war
              <hi rend="italic">das Neue</hi>, das im Heiland den Sündern begegnete. Jesus nennt
            dieses Neue bei Namen mit dem einfachen, menschlichen Wort <hi rend="italic">Barmherzigkeit.</hi> Das will Gott, sagt er den Pharisäern, daß wir barmherzig seien,
            nicht daß wir Opfer bringen. <hi rend="italic">Ihren Ernst</hi>, ihren Eifer um Gott,
            ihren strengen Standpunkt, ihre Anklagen und Bußpredigten nennt er Opfer. Es braucht
            Opfer, ein solcher Mensch zu sein, wie die Pharisäer waren, es so genau zu nehmen mit
            dem Guten, sich so von der Welt abzuwenden, ein so scharfes Urteil über den Menschen zu
            bilden. <hi rend="italic">Wer je diesen Weg</hi> gegangen ist, der weiß, wie schwer er
            ist, der begreift, daß die Pharisäer ihn ungern aufgaben. Sie hatten sich mühsam genug
            zu ihrem steilen Standpunkt hochgekämpft, nun glaubten sie, ein Recht zu haben, darauf
            zu pochen. <hi rend="italic">Dieses Opfer will Gott nicht</hi>, er will Barmherzigkeit,
            sagt ihnen Jesus, Opfer bringen ist menschlich, Barmherzigkeit ist göttlich. Aber er hat
            das <hi rend="italic">nicht nur gesagt.</hi> Das Wort Barmherzigkeit hatten die Zöllner
            längst gehört und die Predigten der Pharisäer darüber auch. Das Neue an Jesus war das,
            daß er <hi rend="italic">barmherzig war.</hi>
            <hi rend="italic">Der Heilige</hi>, der den Sünder zum Helfer des Gottes-Reiches
            verordnete [?], <hi rend="italic">der Gottesfreund</hi>, der sich mit den Gottlosen zu
            Tisch setzte, <hi rend="italic">der Gerechte</hi>, der zu den Ungerechten stand, ihnen
            half, für sie Partei nahm, ohne gegen Andere Partei zu nehmen, <hi rend="italic">der
              Fromme</hi>, der mit ihnen dachte, fühlte, redete wie mit seinesgleichen, der sie
            nahm, als ob sie schon zu ihm gehörten - das hat die Zöllner überrascht und den <persName ref="kbga-actors-2930">Matthäus</persName>
            sogar überwunden. Die Opfer der Pharisäer verstanden sie nicht, die Barmherzigkeit Jesu
              <hi rend="italic">verstanden sie.</hi> Denn es gibt kein Herz, das Barmherzigkeit
            nicht verstünde, wenn sie ihm entgegengebracht wird, kein Herz, und wäre es noch so
            weltlich und steinhart. Da zum ersten Mal <hi rend="italic">begriffen sie, daß «Gott»
              mehr</hi> sein könnte als ein Wort, <hi rend="italic">Erlösung mehr</hi> als eine
            Einbildung, <hi rend="italic">die Bibel mehr</hi> als ein altes Buch. Da zum ersten Mal
            begegnete ihnen das Göttliche <hi rend="italic">im Unter<pb ed="pga" xml:id="p057" break="no"/>schied</hi> zu ihrem eigenen Leben, zu der gottlosen, wohlbekannten
            Welt. Da zum ersten Mal konnten sie es <hi rend="italic">ernst nehmen.</hi> Einer von
            ihnen hat die Liebe Gottes, die ihm in Jesus begegnete, so ernst genommen, daß er ihr
              <hi rend="italic">sein Herz schenken</hi> mußte. Die Anderen haben ihre Herzen <hi rend="italic">wenigstens geöffnet</hi>, und auch das ist schon etwas wert. <hi rend="italic">Was die Pharisäer ärgerte</hi>, daß Jesus sich mit den Sündern gemein
            machte, das gerade hat die Sünder auf den Weg gestellt, Gerechte, wirkliche Gerechte zu
            werden. <hi rend="italic">Das ist der Heiland:</hi> der Zöllner und Sünder Geselle [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt. 11,19</ref>]. Damit
               hat er <hi rend="italic">das
              Gottesreich</hi> verkündigt und aufgerichtet, daß er sich nicht auf den Stuhl der
            Gerechten gesetzt hat, sondern frei und fröhlich, wirklich und sichtbar und vor allen
            Leuten auf das Bänklein der Ungerechten. So hat er die <hi rend="italic">Vergebung der
              Sünden</hi> ausgesprochen in die unerlöste, sündenbeschwerte Welt hinein, nicht als
            Wort, sondern als offene Tat. Und die Zöllner und Sünder <hi rend="italic">haben’s
              begriffen.</hi> Worte wird die Welt nie begreifen, und wenn’s noch so schöne Worte
            wären, und sie hat eigentlich ganz recht. Taten begreift sie und wird sie begreifen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Das war <hi rend="italic">das Neue</hi>,
            das jetzt riesengroß auch vor den Pharisäern stand. Sie konnten es damit halten, wie sie
            wollten. Es heißt von diesem Neuen: <hi rend="italic">Wer Ohren hat</hi> zu hören, der
            höre! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.9">Mk. 4,9</ref> par.]. Jesus hat zu
            ihnen gesagt: Gehet hin und lernet! <hi rend="italic">Gehet hin</hi> und nehmt eure
            Bibel, die ihr schon so gut zu kennen meint, die ihr so rühmt als euren köstlichsten
            Schatz! «Forschet in der Schrift …» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.39">Joh. 5,39</ref>]. <hi rend="italic">Lernet</hi>, was ihr schon lange zu wissen meint:
            was Gott will und was göttlich ist, Opfer oder Barmherzigkeit. Ich will euch nicht
            überreden noch überzeugen, <hi rend="italic">überzeugt euch selbst</hi>, wer Gott ist
            und wie Gott es macht und was Gott von uns haben will. Ihr <hi rend="italic">seid
              frei</hi>, wie auch die Sünder frei sind. <hi rend="italic">Die Sünder verstehen</hi>
            die Barmherzigkeit. Ihnen kann das Neue zu Gute kommen. Sie kommen ins Reich Gottes
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.31">Mt. 21,31</ref>]. Für sie bin
            ich da, wie der Arzt für die Kranken da ist. Ich kann auch <hi rend="italic">für
              euch</hi> da sein, auch ihr könnt ins Reich Gottes kommen, das Neue kann auch euch
            aufgehen. Wenn ihr nämlich den Stuhl der Gerechten <hi rend="italic">verlassen</hi>,
            euren Standpunkt <hi rend="italic">aufgeben</hi>, den Unterschied von Guten und Bösen
            gänzlich <hi rend="italic">vergessen</hi> wollt, wenn es euch <hi rend="italic">nicht
              ekelt</hi>, aus dem gleichen Brunnenrohr zu trinken mit den Gottlosen, wenn ihr <hi rend="italic">begreifen wollt</hi>, daß es für alle Menschen nur eine Not und <pb ed="pga" xml:id="p058"/> eine Hilfe gibt. Ihr <hi rend="italic">seid frei</hi>, das
            abzulehnen. Den <hi rend="italic">starken Herren</hi>, die selbst mit Gott
            zurechtkommen, die nicht nach Barmherzigkeit verlangen, sondern nach <hi rend="italic">Anerkennung</hi> ihrer Opfer, denen, die schon gerecht sind, dränge ich mich nicht
            auf, sowenig der Arzt die Gesunden plagen wird. Es <hi rend="italic">tut mir leid</hi>,
            wenn ich euch, den Frommen, nicht dienen kann, weil ihr mich nicht braucht. Ich bin
            jeden <hi rend="italic">Augenblick bereit</hi> auch für euch. Aber laßt mich, während
            ihr es euch überlegt, Gott dienen an denen, die mich brauchen. Gebt mir <hi rend="italic">den Weg frei</hi> zu den Gottlosen, die Gott, den barmherzigen Gott,
            verstehen werden.</p>
          <p>Seht, das ist <hi rend="italic">der Weg des Heilands.</hi> Der Weg, auf dem er die
            Gerechten geärgert und die Ungerechten gewonnen hat. Auch wir werden uns <hi rend="italic">überlegen</hi> müssen, ob wir uns zu den Geärgerten oder zu den
            Gewonnenen  stellen wollen. Gott gebe, daß
            wir es uns <hi rend="italic">nicht zu lange</hi> überlegen.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-62" type="song"> Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von
              <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 99,1-3; EG 303,1-3) </bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-80" type="song">Nr. 229 «Ich habe nun den Grund gefunden» von
              <persName ref="kbga-actors-1396">J. A. Rothe</persName>, Strophen 3-4 (GERS [1952] 262,3-4; EG 354,3-4; jeweils mit
              Textabweichungen in Strophe 4)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
