26. Januar 1919

Matthäus 9,1-8

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Matthäus 9,1-8
[Jesus trat in das Schiff und fuhr wieder herüber und kam in seine Stadt. Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gichtbrüchigen, der lag auf einem Bette. Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Und siehe, etliche unter den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott. Da aber Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr so Arges in euren Herzen? Welches ist leichter zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle? Auf daß ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht habe, auf Erden die Sünden zu vergeben (sprach er zu dem Gichtbrüchigen): Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim! Und er stand auf und ging heim. Da das Volk das sah, verwunderte es sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.]

1. Das ist eine gewaltige Geschichte. Ihr Anfang ist das durchdringende Auge des Heilands, der die Menschen anblickt und etwas Gutes in ihnen findet. «Er sah ihren Glauben.» Er sah nicht auf das, was ihnen allenfalls fehlte: sie waren vielleicht nicht sehr andächtig und ehrerbietig, man merkte ihnen vielleicht wenig an von einer erlebten Bekehrung, sie hatten vielleicht wenig Frommes an sich, vielleicht überhaupt wenig Feines, Rücksichtsvolles und Liebenswürdiges. Das sind keine geringen Dinge, wollte Gott, wir hätten etwas davon, aber Jesus fragte jetzt nicht danach. Er sah über alle diese Mängel hinweg und sah nur auf den rüstigen Eifer, mit dem sie ihren Kranken dahertrugen, daß er ihn heile. Im Markusevangelium lesen wir, daß sie sogar das Dach abgedeckt haben, um zu ihm zu gelangen, der Menge des Volkes wegen. Dieses energische Wesen, mit dem sie zu ihm kamen, gefiel Jesus. Er sah, wie gut sie, die vielleicht für die schönste religiöse Theorie wenig Verständnis hatten, es begriffen hatten: da geschieht etwas, und da kann auch für unseren Kranken etwas geschehen. Darin sah er ihren Glauben.

Wir haben uns alle schon oft gesagt: O wenn wir nur glauben könnten. (Denn wir wissen: wenn wir glauben könnten, wäre uns geholfen, und es stünde Vieles anders in der Welt.) Wir können hier gewahr werden, auf was es beim Glauben ankommt und auf was nicht. Wenn wir seufzen: ich kann nicht glauben!, denken wir oft gerade an das, worauf |40 es nicht ankommt. Ein frommer und feiner Mensch, ein Mensch mit innerem Frieden und mit einem geheiligten, gesegneten Leben, das wird man nicht von heute auf morgen. Man kann sich nicht vornehmen, so ein Mensch zu werden. Man wird es durch Gottes Gnade in einer langsamen und gar nicht so einfachen Erziehung. Manche Menschen behalten bis an ihr Lebensende etwas Ungeschicktes, Rohes [?] in ihrem Wesen, etwas, das jedenfalls nach außen keinen frommen Eindruck macht. Es kommt aber für den Glauben gerade nicht darauf an, sondern darauf, daß das Auge des Heilands, der uns auch [?] ansieht, etwas von dem bei uns findet, was er bei jenen Männern gefunden. Wir wollen froh sein, daß er auch bei uns über das Mangelnde hinwegsehen will. Wenn er nur Eines bei uns findet, nämlich diesen Mut, uns von unseren gewöhnlichen Gedanken hinüberzuschwingen zu dem Gedanken: es gibt eine Hilfe, ich brauche sie, ich muß sie haben. Das ist die Wendung des Geistes [?], die der Heiland als ein Schreien zu Gott annimmt und darum als Glauben. Sie kann in ganz unreligiösen und unfeinen Menschen stattfinden. Sie fällt solchen oft merkwürdig viel leichter als den frommen und feinen. ­-1 Denn die Welt hat oft mehr als die Kinder Gottes Verständnis dafür, daß Gott lebendig ist und keine Theorie, daß bei Gott etwas geschieht, das auch bei uns geschehen muß und wird, daß Gott von uns gar nicht eifrig, nicht energisch [genug] gesucht werden kann [vgl. Lk. 16,8]. Es gibt ein solches verborgenes Schreien nach Gott in den Weltleuten, das ihnen, ohne daß sie wissen, woher es kommt, in ihrem Leben gute Kräfte bringt, das sie vor den Kindern Gottes in entschiedenen Vorsprung setzt. - 2Aber wer wir auch seien: wenn es nur da ist in uns, dieses Verborgene: diese Erkenntnis des lebendigen Gottes, dieser Hunger und Durst nach Taten von ihm, dieses Suchen nach ihm. Ist es da, dann ist’s gut. Darauf kommt es an. Das ist Glaube. Und das Auge des Heilands sieht den Glauben.

2. Die Geschichte fährt damit fort, daß Jesus zu dem Gichtbrüchigen sagt: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! - Jene Männer und der Gichtbrüchige selbst waren es gewohnt, wie wir es |41 gewohnt sind, zu hören, daß uns Menschen unter gewissen Bedingungen unsere Sünden vergeben werden sollen. Daß sie uns vergeben sind, ohne Umstände und Bedingungen, fertige Tatsache, das war ihnen und das ist uns etwas Neues. Wir sehen ihn gleichsam in eine verborgene Tiefe hinuntergreifen und eine Wahrheit herausholen und ins Licht stellen, die bis dahin als Wahrheit nicht bekannt war. Man könnte auch sagen: er enthüllt jetzt auf der Erde, was er vom Himmel mitgebracht hat. Es ist nichts Natürliches, nichts Selbstverständliches, gerade das zu einem Menschen zu sagen. Es ist nicht sowieso wahr, es spricht zunächst Alles dagegen. Wenn wir es nur so nachsagen wollten, zueinander oder zu uns selbst, so wäre es wahrscheinlich nicht wahr. Dort konnte es gesagt werden. Wo Jesus den Glauben sieht, da kann diese neue Stimme ertönen und gehört werden. Da wird etwas ganz Neues, scheinbar Unmögliches möglich auf der Erde. Die Gegenwart des Heilands und der Glaube jener Männer schufen miteinander den Boden und die Luft und den Sonnenschein, bei denen die feine himmlische Pflanze der Sündenvergebung auf der Erde gedeihen kann. Es fehlt nicht an der Gegenwart des Heilands, er will bei uns sein alle Tage [vgl. Mt. 28,20]. Wir müssen ihm aber, und da fehlt es, helfen, und zwar nicht ein Jedes für sich, - jene Männer haben ja auch nicht für sich, sondern für ihren Gichtbrüchigen geglaubt, müssen helfen: die Gesunden für die Kranken, die Eltern für die Kinder, die, die über ihre Zeit verfügen können, für die Vielbeschäftigten, die, die mehr abseits vom Leben stehen, für die Geschäftsleute, für die Arbeiter, für die Politiker, müssen helfen, die Luft schaffen, in der auch bei uns wieder gesagt werden kann: deine Sünden sind dir vergeben. Das ist das Nötigste heutzutage, daß es wieder Luft gibt in den Häusern, in den Kirchen und Schulen, in den Gemeinden, in den Völkern, in der dies Neue ausgesprochen und gehört werden kann. 

Was ist das, Sündenvergebung? Seht, das ist Freiheit, Freiheit von den Banden, mit denen die Menschheit gefesselt ist an den Untergrund des Bösen, auf dem wir alle von Haus aus stehen. Ohne diese Freiheit können wir die Nöte des Lebens, die inneren und äußeren, kleinen und großen, nicht loswerden. Durch diese Freiheit wird’s möglich, daß uns geholfen wird. Vielleicht ging die Krankheit jenes Mannes auf eine persönliche Verfehlung zurück. Es steht nichts davon da. Es kann geradesogut sein, daß sein Leib durch ein übermäßig hartes Leben ver|42wahrlost war, wozu ihn die Not oder die Dienstbarkeit gezwungen hatte. Es kann auch sein, daß er leiden mußte, was seine Eltern oder Verwandten verschuldet hatten. Wir Menschen müssen eben solidarisch füreinander einstehen und haften in der Not, und es büßt darum mancher mehr für fremde als für eigene Fehler. Aber ob’s eine eigene Sünde ist oder Sünde Anderer, Sünde der menschlichen Gesellschaft, es ist immer eine Schuld, die unsere Nöte verursacht. In dieser Schuld sind wir gefangen. Sie zieht nach sich, was sie nach sich ziehen muß. Sie bestimmt unser Leben, solange wir nicht davon gelöst sind. Wir müssen Alles im Lichte des Bösen ansehen, das wir getan oder das wir erfahren haben. Und selbst wenn wir nicht daran denken, wirkt es in unserem Leben, hat es beständig seine Folgen. Die Schuld zieht immer neue Schuld nach sich, und ein Übel ruft dem anderen. Man kann es schon an den Kindern beobachten, wie sie oft blindlings eine Torheit an die andere reihen und dann auch eine Strafe um die andere notwendig machen. Wir bewegen uns hoffnungslos im Kreis herum; denn selbst wenn wir mit einer eigenen Sünde fertig sind, sind immer noch die der anderen da, auf die wir keinen Einfluß haben, wohl aber sie auf uns. Sündenvergebung ist ein Durchschneiden dieser Bande. Du sollst kein Sünder mehr sein! Was du gefehlt hast und was andere an dir gefehlt haben, soll dich nicht mehr bestimmen und schädigen. Seine Wirksamkeit ist zu Ende. Es fängt ein neues Leben an für dich außerhalb jenes bösen Kreises. Du sollst frei sein, frei für das Gute. Fürchte die Vergangenheit nicht mehr, freue dich auf die Zukunft! Sei getrost! 

Wir fühlen doch alle, daß das etwas Neues ist, etwas Gewaltiges, etwas Himmlisches, auf der Erde bisher Unerhörtes, das zu sagen und zu vernehmen. Es ist uns doch allen so natürlich, so selbstverständlich, daß das Böse da ist und daß wir darunter leiden müssen. Und nun dieser Spruch: Deine Sünden [sind dir vergeben]! Das Böse soll für dich nicht mehr da sein, sein soll nicht mehr gedacht, von ihm soll nicht mehr geredet werden, und du sollst auch nicht mehr darunter leiden müssen. Es braucht wirklich schon die neue Luft des Heilands und des Glaubens, damit das wahr sein kann. Jesus hat es denn auch wirklich als etwas Himmlisches und nicht als etwas Gewöhnliches vertreten. Er hat nicht gesagt: Ich vergebe dir deine Sünden!, als ob es sein eigener Einfall, Weisheit und Kraft wäre, sondern: Deine Sünden sind dir vergeben!, wie eine Nachricht von etwas, das sich im Him|43mel ereignet hat. Von Gott aus ist etwas geschehen für diesen Menschen. Nur im Namen und im Dienst Gottes kann es ausgesprochen werden. Sünde ist ja ein Aufruhr der Menschheit gegen Gott. Nur Gott selbst kann den verletzten Frieden wieder herstellen und das Gericht, das dem Aufruhr folgen muß, aufhalten. Das muß Gott selbst sagen: Vergebung der Sünden!

3. Und gerade daran haben nun die Schriftgelehrten Anstoß genommen, daß Jesus etwas aussprach, was nur Gott selbst sagen kann. Sie wußten nichts Anderes daraus zu machen als: er lästert Gott. Es schien ihnen der ungeheuerste Frevel und Übermut, daß ein Mensch so etwas wagte. Wir wollen nicht zu hart über sie urteilen, wir könnten sonst uns selbst treffen. Der Heiland hat es aber schwer, mit seiner reinen und vollen Botschaft von Gott und von seiner Gnade in dieser Welt bei uns Menschen anzukommen und durchzudringen. Aber auch wir Menschen haben es zunächst wirklich schwer, das Göttliche, Vollkommene, Himmlische zu vernehmen, wie es gemeint ist, und uns nicht zum vornherein entrüstet und kopfschüttelnd davon abzuwenden. Ich höre in unserer Gemeinde öfters sagen, man sollte über das Göttliche nicht so grübeln, sondern Gottes Wort einfach annehmen, wie es dasteht. Ja, das ist schon recht und wahr. Aber geradeso, wie es dasteht und wie wir sind, ist es für uns gar nichts so Einfaches, sondern etwas Gewaltiges, für das wir uns das Verständnis nicht ergrübeln, aber mit aufrichtigem Ernst erringen [?] müssen. Es ist etwas Großes, ein einfältiger Mensch zu werden, der Gottes Wort einfältig annimmt. Es meint Mancher, er sei’s, und ist’s gar nicht. Wenn wir daran nicht denken, kann es uns geschehen, wie es den Schriftgelehrten geschehen ist, daß wir den Heiland zu einem Gotteslästerer machen. Gerade wenn man vom Göttlichen schon etwas weiß, wenn man in ein gewisses Verhältnis zu Gott gekommen ist, wenn man sich in dieser Welt einen gewissen Besitz von göttlicher Erkenntnis und Gnade gesichert hat, kann man mit dem Worte Gottes, wie es dasteht, große Überraschungen erleben. Denn Gottes Wort redet nun einmal nicht von dieser Welt, sondern von einer kommenden, neuen Welt. Wenn man auf solche Überraschungen nicht gefaßt ist, sondern sich allzu sicher fühlt, kann’s geschehen, daß man sich auf einmal bei großer Frömmigkeit im Kriege mit Gott befindet und immer tiefer hineinkommt, wenn man |44 nicht bereit ist, umzulernen und wie ein Schulkind von vorne anzufangen. So ging’s den Schriftgelehrten. Sie eiferten auch für Gott und sein Wort, aber sie eiferten mit Unverstand daran vorbei [vgl. Röm. 10,2], als er sich ihnen von einer neuen, ungewohnten Seite zeigte. Sie hofften wirklich auch auf Vergebung der Sünden durch Gott, aber sie dachten sich Gott in großer Himmelsferne, so hoch und so erhaben und majestätisch und weit weg von der bösen Menschheit, daß sie zu der Annahme kamen, daß jetzt und hier auf der Erde jedenfalls keine Sünde vergeben werde. Sie sahen auch das Böse in ihnen selbst und in den Anderen und in der Welt als so gewaltig an, daß jedenfalls jetzt und hier nichts dagegen aufkommen könne. Sie konnten sich eine eigentliche Freiheit vom Bösen nicht denken bis zum jüngsten Tag, und unterdessen urteilten sie hart über die, die größere Sünder waren als sie selber. Darum wußten sie auch von der Not des Lebens nichts Anderes, als daß das wohl zu unserer Bestrafung und Prüfung so sein müsse. Heilig und unnahbar sahen sie Gott der sündigen Welt gegenüberstehen. Ich denke, das sind alles Gedanken, die uns doch nicht so ferne liegen. |

Und gerade durch diese frommen und ernsten Gedanken machte nun das Wort des Heilands einen großen Riß. Vergebung der Sünden jetzt und hier auf der Erde! Ein gegenwärtiges Ende des Bösen und ein gegenwärtiger Anfang des Guten! Nicht etwas Fernes, sondern etwas Nahes! Nicht etwas Zukünftiges, sondern etwas Augenblickliches! Nicht etwas Ungewisses, sondern etwas Sicheres: deine Sünden sind dir vergeben, fertige Tatsache! Was war dann das Gesetz, mit dem sie den Menschen mühsam Anleitung gaben, am jüngsten Tag Vergebung der Sünden zu erlangen? Was waren dann die Opfer und Zeremonien des Tempels, mit denen die Priester das Volk von Zeit zu Zeit vorläufig mit dem heiligen Gott versöhnten? Was wurde dann aus ihrer Theorie von dem hohen, fernen Gott, den man in ewigem «Streben»3, als «unendliche Aufgabe»4 suchen muß? Was wurde dann aus ihnen selbst, die |45 sich soviel Mühe gaben, wenigstens etwas gerechter zu sein als die übrigen Sünder? Mußten sie dann nicht von ihrer stolzen Höhe heruntersteigen und tiefer zu stehen kommen als der erste Beste, der auf diese neue, verblüffende, fehlerhafte, frevelhafte Weise Sündenvergebung erlangt hatte? Das konnten sie nicht annehmen, dafür hatten sie kein anderes Wort als Gotteslästerung. Ja, es ist ein blutiger Jammer, daß sie kein anderes Wort dafür hatten, daß sie Jesus so gar nicht verstanden, sie, die ihn aus der Bibel so gut hätten verstehen müssen. Es ist schrecklich, was solch blinder Eifer für Gott schon angerichtet hat in der Welt, wieviel Mißtrauen gegen Gott gerade die auf dem Gewissen haben, die mit Gott in einem engen, herzlichen Verhältnis stehen, nur weil sie zu fest waren in ihrer Sache, nur weil sie das Göttliche unter allen Umständen auf ihre eigene Weise vertreten wollten. Aber wir wollen keine Steine werfen auf die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil ihre Art uns nur zu bekannt und verwandt ist. Es ist und bleibt uns etwas Unbegreifliches, Anstößiges, daß Gott redet und daß es dann wahr ist, daß in der Luft des Heilands und des Glaubens Sünden vergeben werden und daß sie dann vergeben sind.

4. Das hat ihnen Jesus nun zeigen müssen. Ob sie es gesehen haben, wissen wir nicht. Man kann sehen, ohne zu sehen [vgl. Jer. 5,21]. Aber gezeigt hat er es ihnen. Er hat sie gefragt, was leichter sei, zu sagen: Deine Sünden [sind dir vergeben!] oder zum Gichtbrüchigen: Steh auf und wandle! Von ihren Gedanken aus mußten sie denken: Es ist schwerer, die Vergebung zu verkündigen!, man darf es gar nicht, so schwer ist es. Aber im äußersten Notfall doch auch lieber das als das andere, denn ob die Vergebung bei Gott im Himmel geschieht, ob sie am jüngsten Tag wahr ist, das weiß nur Gott, das kann niemand kontrollieren. Ob aber das Andere wahr ist: Steh auf und wandle!, das muß sich sofort vor aller Augen zeigen. Es ist doch noch schwerer, das Letztere zu sagen. Aber das durften sie nicht aussprechen. Sie hätten ja dabei verraten, daß sie im Grunde der Macht Gottes überhaupt nicht recht trauten. Sie ahnten sehr wohl, daß das Wort: Steh auf und wand|46le! in ihrem Munde ein bloßes Wort bleiben würde, ohne Erfolg, ohne Kraft, ohne Wirkung. So wäre also das andere, das Wort von der Vergebung in ihrem Munde erst recht ein bloßes Wort, auf dessen Wahrheit sie sich nicht allzusehr verließen. So hatten sie also darum einen so heiligen Respekt vor Gott und vor dem Bösen, weil sie an Gott glaubten und doch nicht recht glaubten. So war also ihr ganzes enges, herzliches Verhältnis zu Gott ein Haus, das über einer Höhle steht und jeden Augenblick einfallen kann. 5-Wenn Gott Gott ist, dann [ist] es doch viel das Gewaltigere6, Vergebung der Sünden zu verkündigen, denn die Krankheit ist ja nur eine von den Folgen der Sünde, dann muß man aber auch das andere Wort sagen können, das die Folge, die Krankheit beseitigt. Wenn Gott Gott ist! Wenn es nicht nur aufs Sagen [?], sondern auf die Wahrheit ankommt. Aber wer steht so zu Gott, daß er es darauf ankommen lassen kann!-5 Es war eine böse Frage. Sie schwiegen darauf wohlweislich. Wir hätten wohl auch schweigen müssen.

Und dann hat ihnen Jesus gezeigt, wie es ist, wenn Gott Gott ist, wenn man es darauf ankommen lassen kann. Er hat das Wort gesprochen, das sie für das Schwerere ansehen mußten: Steh auf und wandle!, und so geschah es. Für ihn war das das Leichtere, das Tüpflein aufs I: Wenn es keine Schuld mehr gibt, gibt es auch kein Leid mehr; wenn die böse Trennung der Menschen von Gott aufgehoben ist, ist auch die Not zu Ende, die Krankheit und auch viel Anderes, Großes und Kleines. Ihnen war es damit gezeigt, daß des Menschen Sohn Macht hat auf der Erde. Es gibt ein Wort, das nicht nur Wort, sondern Kraft ist, Kraft, die Schuld durchzustreichen, und Kraft, die Tränen abzuwischen. Es gibt dieses kräftige Wort nicht nur im Himmel, sondern auf der Erde. Nicht erst am jüngsten Tage, sondern heute. Nicht erst im Jenseits, sondern im Diesseits. Nicht nur im Inneren, sondern auch im Äußeren. Es gibt ein volles, wirksames Wort des Erlösers. M. Luther hat in seiner deutlichen Weise dazu bemerkt: «kein Pfaff hat das können sehen, daß Vergebung der Sünde sei eine Macht!»7 Wo Jesus Glau|47ben fand, da wurde sie eine Macht, denn da wurde es Ernst mit Gott. Das ist eben der Unterschied zwischen Jesus und allem menschlichen Religionswesen.

5. Und nun heißt es zum Schluß, daß das Volk sich wunderte und Gott pries, der solche Macht den Menschen gegeben. Sie sahen eben Gott auf einmal in einem neuen Licht, nicht im Licht von Worten, sondern im Licht von Tatsachen, von Ereignissen. Sie sahen die neue Welt der Vergebung und Erlösung hereinbrechen in die alte Welt von Schuld und Not. Sie sahen das auf einmal wahr werden, wovon die Schriftgelehrten immer nur zu reden wußten. Sie sahen den Himmel aufgehen und mit der Erde sich verbinden. Sie sahen das starre Eis schmelzen und in endlosen, beweglichen Wellen dem Meer zueilen. Sie merkten, daß dem ganzen Menschengeschlecht Heil widerfuhr, daß es an einen neuen Ort versetzt sei. Sie sahen Gottes Herrlichkeit und einen Abglanz davon für alle Zukunft auf den Menschen.

Ich brauche euch wohl nicht darauf aufmerksam zu machen, wie diese gewaltige Geschichte in ihrem stürmischen Lauf uns alle hinter sich zurückläßt. Wir kommen nicht nach. Vergebung der Sünden! Erlösung vom Übel! Es wird Ernst mit Gott! Nicht wahr, diese Botschaft des Heilands ist uns jetzt noch zu viel, geht uns zu weit. Irgendwo unterwegs bleiben wir zögernd stecken. Es ist ein Jammer, daß es so ist, daß wir den Schriftgelehrten näher stehen als dem Gichtbrüchigen und den Männern, die ihn zu Jesus brachten, daß uns diese gewaltige Geschichte auch wieder zum großen Teil zu einem bloßen Wort geworden ist. Aber es muß jetzt so sein. Wir leben noch [?] lange nicht in der Luft, in der eine solche Geschichte geschehen kann.8 Gott muß uns wieder anrühren, damit wir von selbst in solche Geschichten hineinkommen. Vorläufig wollen wir, müssen wir uns darum [?] begnügen, die Botschaft des Neuen Testaments immer und immer uns vor Augen zu halten und von weitem [?] davon [?] zu leben. Wie Luther in einem anderen schönen Wort gesagt hat: «Wir können nicht mehr denn predigen, nicht weiter heben und tragen, müssen’s predigen und so lange treiben, bis daß Gott auch komme, gebe uns seine Gnade |48 dazu, daß der Worte wenig werden und das Leben vorgehe und wachse.»9

Lieder:
  • Nr. 187 «Wort aus Gottes Munde» von H. C. Hecker, Strophen 1-310 (GERS [1952] 263,1-3 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 4 und 5 (RG [1998] 653; EG 70; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Markierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩
2
Markierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩
3
Vgl. J. W. von Goethe, Faust II, V. 11935f. (5. Akt, Bergschluchten) 📖:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
↩
4
Erinnerung an H. Cohen, der die «Wahrheit» im «Grundgedanken des kritischen Idealismus» in der «Unterscheidung der Idee, als der unendlichen Aufgabe für allen sittlichen Zweck des Menschengeschlechtes … von aller Wirklichkeit der Natur und aller geschichtlichen Erfahrung» sieht (Vom ewigen Frieden [1914], in: Werke, Bd.16, Hildesheim/Zürich/New York 1997, S. 314 📖).↩
6
= das viel Gewaltigere.↩
-5
Von Barth in eckige Klammern gesetzt.↩
7
Predigt über Mt.9,1-8 (1533), WA 52,500,5f 📖.↩
8
Zwischen den Zeilen sind mit Bleistift hier die Stichworte eingefügt: «Darum wenig Vergebung u. Erlösung [?]».↩
9
Predigt über Mt. 9,1-8 (1524), WA 15, 697, 25-28 📖.↩
10
Die Angabe über die letzte der gesungenen Strophen ist nicht eindeutig zu entziffern.↩