Johannes 14,1-3
1. Der ganze Trost dieser Worte liegt in der Kraft, mit der Jesus gesagt hat: ich gehe! und: ich will wiederkommen! Da werden keine Gedanken gesponnen, keine Gefühle gepflegt. Da wird gehandelt.
Wir sehen die Welt, deren Finsternis unser Herz erschrecken möchte, die für die ewige Sehnsucht, die wir in uns tragen, viel zu eng und zu klein ist. Wir sehen den Menschen, der mit seinem Unverstand und seinem schlechten Willen schuld daran ist, daß die Welt so ist, denn die Welt ist seine Welt. Wir sehen unser Leben, grau einförmig, furchtbar weit weg von den Wohnungen im Hause des Vaters, von den göttlichen Freiheiten, die uns da verheißen werden.
Und nun ist da mitten unter uns Einer, der das alles noch viel stärker und ernster empfunden hat als wir. Aber er erschrickt nicht davor wie wir, er geht seinen Weg trotzdem. Er ist nicht ratlos, er weiß eine Antwort. Er ist nicht machtlos, er kann etwas Überlegenes, Starkes, etwas Erlösendes, Befreiendes, Hilfreiches tun, und er tut es. Jesus ist so gar kein Denker und Redner, sondern durch und durch ein Täter. Alles liegt bei ihm in dieser Tat: Ich gehe! und ich will wiederkommen! Das Eine, das: ich gehe! ist schon geschehen. Das Andere, das: ich will wiederkommen! muß sich erst erfüllen. Wir stehen mitten drin zwischen dem, was schon Tatsache, und dem, was erst Verheißung ist, müssen auf jene zurückblicken, um an diese recht fest glauben zu können. Es gehört aber Beides zueinander. Wir stehen mitten in einer großen Geschichte drin. Mitten in der großen Geschichte, wie Jesus die Tür des Gefängnisses aufgerissen hat und ins Freie getreten ist, um dann zurückzutreten und alle Gefangenen ins Freie zu führen. Das ist der Trost, mit dem Jesus uns tröstet. Er sagt uns: Ihr steht mitten in der Erlösungsgeschichte. Seht auf das, |34 was schon geschehen ist, und seht auf das, was noch kommen wird.
2. Der Sinn dieser Erlösungsgeschichte ist der, daß ein Durchgang eröffnet wird von der Erde in den Himmel und vom Himmel auf die Erde. Wir können uns je länger je weniger zufrieden geben mit einem anderen Trost. Im Hause des Vaters ist uns geholfen, sonst nirgends. Denn nur dort ist Freiheit und Leben. Die Sehnsucht in uns ist nun einmal auf das himmlische Wesen gerichtet und kann sich mit allem, was weniger, kleiner ist als der Himmel, nicht begnügen. Und ich möchte sagen: im Himmel selbst ist eine Sehnsucht, eine Kraft, die drückt nach der Erde hin; es soll auch von dort aus nicht sein, daß die Erde ewig eine Stätte des Schattens, der Sünde und des Todes bleibt. Diese Spannung zwischen Himmel und Erde, die darauf beruht, daß jetzt Hindernisse und Schranken zwischen beiden sind, wird aufgehoben durch die Erlösungsgeschichte, wie sie angefangen hat und wie sie sich einst vollenden wird. Alles, was weniger, kleiner ist als Erlösung, kann uns nicht trösten, weil es uns nicht hilft. Es ist uns nicht damit geholfen, daß unsere jetzigen irdischen Verhältnisse durch allerlei Betrachtungen und Erklärungen einen besseren Schein bekommen. Wir leben nicht vom Schein, sondern von der Wahrheit. Jesus hat die Welt nicht verschönt durch hohe Gedanken, sondern er hat sie aufgefaßt und genommen, wie sie ist, um sie zu verwandeln durch das, was er tut. Es ist uns nicht damit geholfen, daß man uns darauf verweist, die Torheiten und Schrecknisse des jetzigen Lebens seien von Gott so gewollt. Das ist’s gerade, wogegen das göttliche Fünklein in uns1 protestiert, solange es brennt, was wir nicht glauben können, wenn wir auch nur ein wenig an Gott glauben. Jesus hat auch nicht so geredet, sondern er verkündigt uns den Willen Gottes als etwas Neues, als eine Veränderung der jetzigen Lage, die vom Himmel auf die |35 Erde kommt. Es ist uns nicht damit geholfen, daß in unseren Verhältnissen und an uns selbst dies und das verbessert wird. Das mag und das muß geschehen, aber das löst unsere Gefangenschaft nicht auf. Jesus hat nichts verbessert auf der Erde, um Alles zu verbessern. Es ist uns auch damit nicht geholfen, daß uns gesagt wird: es gibt eine andere Welt, aber sie ist jetzt nicht für uns, wir müssen zuerst sterben, um sie zu sehen und in ihr zu leben. Denn das ist gerade der Widerspruch, unter dem wir leiden, daß wir im Gefängnis sind, während draußen freie Luft ist, daß wir sterben müssen, ohne gelebt zu haben, ohne das Leben zu kennen. Jesus hat uns nicht so wohlfeil getröstet. Er antwortet auf das tiefste, ernsthafteste Verlangen, er entspricht dem größten, scheinbar unmöglichen Wunsch in uns. Er zeigt uns gerade das, was wir jetzt für unmöglich, ausgeschlossen, undurchführbar halten: ein anderes Leben, ein vollkommenes, ein ganzes Leben. Er zeigt es nicht nur, er macht es möglich. Er macht es nicht nur möglich, er läßt es anfangen. Er macht einen Weg vom Diesseits ins Jenseits und vom Jenseits ins Diesseits, und er stellt uns auf diesen Weg. Er stellt uns in die Erlösungsgeschichte hinein. Das ist sein Trost.
3. Seht auf das, was schon geschehen ist!, sagt er
uns. «Ich gehe hin, euch die Stätte zu
bereiten.» Das ist schon geschehen. «Ich gehe hin», hat er zu seinen Jüngern gesagt, und
dann ist er gerade auf das losgegangen, was ihm Schande
bereitete, hinein in ein Ende von Erfolglosigkeit, Schande und Leid,
wie es noch kein Mensch erlebt hat. Wenn wir wissen wollen, wie
finster die Welt ist, müssen wir dorthin sehen, wohin Jesus gegangen ist. Alle
Finsternis, unter der wir leiden, ist nur ein kleiner Teil von der Finsternis, die sich
ihm entgegenstellte. Denn je reiner das Göttliche ist in einem
Menschen, um so schwerer ist auch der Widerstand, der sich ihm
entgegenstellt. Wer von uns nur gelegentlich versucht,
Gott ein wenig gehorsam zu sein, der muß mit vielen bösen Geistern rechnen, die sich ihm
dabei widersetzen. Wer eine Leidenschaft für Gott in
sich trägt wie die Propheten der Bibel, der muß auf einen ganzen Aufmarsch böser
Gewalten gegen sich gefaßt sein. Wer aber überhaupt nur den Willen Gottes
kennt als Speise, von der er lebt, wie Jesus [vgl.
4. Und nun fährt Jesus fort: Seht auf das, was
kommen wird! «Wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen
und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin.» Das ist noch nicht geschehen.
«Ich will wiederkommen!» Die Jünger Jesu hatten es
schwerer als wir, das zu fassen, weil sie das Hingehen Jesu noch
nicht vor Augen hatten, weil sie nur erschrecken mußten vor
dem, was Jesus wagte, weil sie den Sieg, den er errungen, noch nicht
kannten und die Stätte der Freiheit, die er uns bereitet, noch nicht
sahen. Wir können das
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alles sehen. Für uns sind die Liebe,
mit der Jesus sich geopfert hat mit geschlossenen Augen, die Übermacht
Gottes, die in ihm war, der Sieg über Sünde und Tod, der da errungen
wurde, der freie Raum, der auf der Erde entstanden ist, bereits
offenbare Tatsachen. Wir können uns auf diese Tatsachen stellen und es fassen, daß die Erlösungsgeschichte noch nicht fertig
ist, daß noch mehr geschehen wird. Der Sohn Gottes ist nicht
privatim [?] von der Erde in den Himmel gegangen. Die Ereignisse vom Karfreitag und vom Ostertage sind gar nicht zu begreifen bloß als
ein einmaliges Aufblitzen in dunkler Nacht. Sie leuchten uns, und es muß ihnen weiteres
Licht folgen. Die Sehnsucht von der Erde zum Himmel und der Druck vom Himmel gegen die
Erde hin ist durch jene Ereignisse aus einem verborgenen, unbewußten Verhältnis zu einer
offenen Straße geworden, auf der weitere Ereignisse einfallen
werden. Wir können den Sieg Gottes nicht mehr vergessen, der einst
gewonnen worden ist von seinem Sohn. Und Gott selbst kann ihn noch viel weniger
vergessen. Wir gehören für Gott mit Jesus zusammen und Jesus mit uns.
Wir müssen rufen nach einer Fortsetzung und Vollendung der Hilfe, die
in Jesus begonnen, und Jesus will kommen, um sie zu vollenden. Diese
Fortsetzung und Vollendung ist jetzt freilich noch
nicht da. Diese weitere Stunde wird erst schlagen an der Uhr
Gottes. Wir sind jetzt im Zustand des Wartens, und das merken wir
schmerzlich an der Unvollkommenheit unseres Lebens, an der Macht, die
die Sünde und der Tod noch haben über uns, an der Spärlichkeit des
Lichts, das wir jetzt haben. Wir dürfen uns nicht selbst trösten über
diesen Zustand, uns nicht beruhigen, als ob es dabei bleiben könnte und dürfte. Wir
dürfen es aber auch nicht vergessen, daß wir
von Gott getröstet sind durch das, was
uns von Gott bereits gegeben ist als Unterpfand der Hoffnung [vgl.
- Nr. 293 «Geduld ist euch vonnöten» von
P. Gerhardt - Nr. 343 «Jerusalem, du hochgebaute Stadt» von
J. M. Meyfart (RG [1998] 851; EG 150)