19. Januar 1919

Johannes 14,1-3

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Johannes 14,1-3
[Jesus sprach zu seinen Jüngern: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, so wollte ich zu euch sagen: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin.]

1. Der ganze Trost dieser Worte liegt in der Kraft, mit der Jesus gesagt hat: ich gehe! und: ich will wiederkommen! Da werden keine Gedanken gesponnen, keine Gefühle gepflegt. Da wird gehandelt.

Wir sehen die Welt, deren Finsternis unser Herz erschrecken möchte, die für die ewige Sehnsucht, die wir in uns tragen, viel zu eng und zu klein ist. Wir sehen den Menschen, der mit seinem Unverstand und seinem schlechten Willen schuld daran ist, daß die Welt so ist, denn die Welt ist seine Welt. Wir sehen unser Leben, grau einförmig, furchtbar weit weg von den Wohnungen im Hause des Vaters, von den göttlichen Freiheiten, die uns da verheißen werden.

Und nun ist da mitten unter uns Einer, der das alles noch viel stärker und ernster empfunden hat als wir. Aber er erschrickt nicht davor wie wir, er geht seinen Weg trotzdem. Er ist nicht ratlos, er weiß eine Antwort. Er ist nicht machtlos, er kann etwas Überlegenes, Starkes, etwas Erlösendes, Befreiendes, Hilfreiches tun, und er tut es. Jesus ist so gar kein Denker und Redner, sondern durch und durch ein Täter. Alles liegt bei ihm in dieser Tat: Ich gehe! und ich will wiederkommen! Das Eine, das: ich gehe! ist schon geschehen. Das Andere, das: ich will wiederkommen! muß sich erst erfüllen. Wir stehen mitten drin zwischen dem, was schon Tatsache, und dem, was erst Verheißung ist, müssen auf jene zurückblicken, um an diese recht fest glauben zu können. Es gehört aber Beides zueinander. Wir stehen mitten in einer großen Geschichte drin. Mitten in der großen Geschichte, wie Jesus die Tür des Gefängnisses aufgerissen hat und ins Freie getreten ist, um dann zurückzutreten und alle Gefangenen ins Freie zu führen. Das ist der Trost, mit dem Jesus uns tröstet. Er sagt uns: Ihr steht mitten in der Erlösungsgeschichte. Seht auf das, |34 was schon geschehen ist, und seht auf das, was noch kommen wird.

2. Der Sinn dieser Erlösungsgeschichte ist der, daß ein Durchgang eröffnet wird von der Erde in den Himmel und vom Himmel auf die Erde. Wir können uns je länger je weniger zufrieden geben mit einem anderen Trost. Im Hause des Vaters ist uns geholfen, sonst nirgends. Denn nur dort ist Freiheit und Leben. Die Sehnsucht in uns ist nun einmal auf das himmlische Wesen gerichtet und kann sich mit allem, was weniger, kleiner ist als der Himmel, nicht begnügen. Und ich möchte sagen: im Himmel selbst ist eine Sehnsucht, eine Kraft, die drückt nach der Erde hin; es soll auch von dort aus nicht sein, daß die Erde ewig eine Stätte des Schattens, der Sünde und des Todes bleibt. Diese Spannung zwischen Himmel und Erde, die darauf beruht, daß jetzt Hindernisse und Schranken zwischen beiden sind, wird aufgehoben durch die Erlösungsgeschichte, wie sie angefangen hat und wie sie sich einst vollenden wird. Alles, was weniger, kleiner ist als Erlösung, kann uns nicht trösten, weil es uns nicht hilft. Es ist uns nicht damit geholfen, daß unsere jetzigen irdischen Verhältnisse durch allerlei Betrachtungen und Erklärungen einen besseren Schein bekommen. Wir leben nicht vom Schein, sondern von der Wahrheit. Jesus hat die Welt nicht verschönt durch hohe Gedanken, sondern er hat sie aufgefaßt und genommen, wie sie ist, um sie zu verwandeln durch das, was er tut. Es ist uns nicht damit geholfen, daß man uns darauf verweist, die Torheiten und Schrecknisse des jetzigen Lebens seien von Gott so gewollt. Das ist’s gerade, wogegen das göttliche Fünklein in uns1 protestiert, solange es brennt, was wir nicht glauben können, wenn wir auch nur ein wenig an Gott glauben. Jesus hat auch nicht so geredet, sondern er verkündigt uns den Willen Gottes als etwas Neues, als eine Veränderung der jetzigen Lage, die vom Himmel auf die |35 Erde kommt. Es ist uns nicht damit geholfen, daß in unseren Verhältnissen und an uns selbst dies und das verbessert wird. Das mag und das muß geschehen, aber das löst unsere Gefangenschaft nicht auf. Jesus hat nichts verbessert auf der Erde, um Alles zu verbessern. Es ist uns auch damit nicht geholfen, daß uns gesagt wird: es gibt eine andere Welt, aber sie ist jetzt nicht für uns, wir müssen zuerst sterben, um sie zu sehen und in ihr zu leben. Denn das ist gerade der Widerspruch, unter dem wir leiden, daß wir im Gefängnis sind, während draußen freie Luft ist, daß wir sterben müssen, ohne gelebt zu haben, ohne das Leben zu kennen. Jesus hat uns nicht so wohlfeil getröstet. Er antwortet auf das tiefste, ernsthafteste Verlangen, er entspricht dem größten, scheinbar unmöglichen Wunsch in uns. Er zeigt uns gerade das, was wir jetzt für unmöglich, ausgeschlossen, undurchführbar halten: ein anderes Leben, ein vollkommenes, ein ganzes Leben. Er zeigt es nicht nur, er macht es möglich. Er macht es nicht nur möglich, er läßt es anfangen. Er macht einen Weg vom Diesseits ins Jenseits und vom Jenseits ins Diesseits, und er stellt uns auf diesen Weg. Er stellt uns in die Erlösungsgeschichte hinein. Das ist sein Trost.

3. Seht auf das, was schon geschehen ist!, sagt er uns. «Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.» Das ist schon geschehen. «Ich gehe hin», hat er zu seinen Jüngern gesagt, und dann ist er gerade auf das losgegangen, was ihm Schande bereitete, hinein in ein Ende von Erfolglosigkeit, Schande und Leid, wie es noch kein Mensch erlebt hat. Wenn wir wissen wollen, wie finster die Welt ist, müssen wir dorthin sehen, wohin Jesus gegangen ist. Alle Finsternis, unter der wir leiden, ist nur ein kleiner Teil von der Finsternis, die sich ihm entgegenstellte. Denn je reiner das Göttliche ist in einem Menschen, um so schwerer ist auch der Widerstand, der sich ihm entgegenstellt. Wer von uns nur gelegentlich versucht, Gott ein wenig gehorsam zu sein, der muß mit vielen bösen Geistern rechnen, die sich ihm dabei widersetzen. Wer eine Leidenschaft für Gott in sich trägt wie die Propheten der Bibel, der muß auf einen ganzen Aufmarsch böser Gewalten gegen sich gefaßt sein. Wer aber überhaupt nur den Willen Gottes kennt als Speise, von der er lebt, wie Jesus [vgl. Joh. 4,34], zu dem sagt die ganze Welt Nein, für den gibt es nichts als das Kreuz. Diese Tatsache ist wie eine Warnung: Laß dich auf das Göttliche nicht ein, denn je mehr du dich |36 darauf einlässest, um so sicherer führt es dich ins Verderben. Wir lassen uns nur zu gerne warnen. Darum ist es etwas Seltenes, daß wir Gott wirklich gehorchen. Darum hat es immer nur wenig Propheten gegeben. Darum hat es nur einen Sohn Gottes gegeben. Dieser aber hat gesagt: ich gehe hin! und ist gegangen. Damit ist den Menschen geholfen worden. Die Furcht vor dem Göttlichen hilft nicht; wenn wir ihr nachgeben, bleibt Alles, wie es ist. Das gelegentliche Gehorchen hilft auch nicht, es kann nichts Neues schaffen. Das große Gehorchen der Propheten konnte auch nicht helfen, es konnte das Neue wohl zeigen, aber nicht bringen. Die Übermacht Gottes aber in einem Menschen, das hilft. Diese Übermacht Gottes war in Jesus. Darum hat er gesagt: ich gehe! Gerade weil er es wagte, dem größten Widerstand der Welt die Spitze zu bieten, war in ihm etwas, was größer war als dieser Widerstand. Das Wagnis selbst ist das Größere. Gerade darum war es freilich nicht seine eigene Tat, daß er ging, sondern Gottes Tat durch ihn. Gott ging, als Jesus ging. Gott ging und siegte über die größte Finsternis der Erde. Gott schuf ein Neues, Gott schuf Leben auf der Erde im Kampf gegen die höchste Anstrengung des Todes. Jesus hat nichts getan, als daß er kühn genug war, Gott gehen und schaffen zu lassen. Jesus wagte es nicht von sich aus, nur mit Gott. Das war seine Tat. Darum hatte er Übermacht. Darum ist er im Kampf nicht unterlegen. Darum ist er auferstanden von den Toten. Darum hat er mit seinem Hingang eine Stätte für uns bereitet, einen freien Raum hinter der dunklen Wand von Sünde und Tod, auf den wir jetzt hinsehen können, statt immer nur die Wand selbst anzustarren. Der Himmel hat einmal triumphiert auf der Erde. Das Neue hat Wurzel geschlagen in der alten Welt. Gott hat in Jesus die Türe geöffnet, die vom Diesseits ins Jenseits führt.

4. Und nun fährt Jesus fort: Seht auf das, was kommen wird! «Wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin.» Das ist noch nicht geschehen. «Ich will wiederkommen!» Die Jünger Jesu hatten es schwerer als wir, das zu fassen, weil sie das Hingehen Jesu noch nicht vor Augen hatten, weil sie nur erschrecken mußten vor dem, was Jesus wagte, weil sie den Sieg, den er errungen, noch nicht kannten und die Stätte der Freiheit, die er uns bereitet, noch nicht sahen. Wir können das |37 alles sehen. Für uns sind die Liebe, mit der Jesus sich geopfert hat mit geschlossenen Augen, die Übermacht Gottes, die in ihm war, der Sieg über Sünde und Tod, der da errungen wurde, der freie Raum, der auf der Erde entstanden ist, bereits offenbare Tatsachen. Wir können uns auf diese Tatsachen stellen und es fassen, daß die Erlösungsgeschichte noch nicht fertig ist, daß noch mehr geschehen wird. Der Sohn Gottes ist nicht privatim [?] von der Erde in den Himmel gegangen. Die Ereignisse vom Karfreitag und vom Ostertage sind gar nicht zu begreifen bloß als ein einmaliges Aufblitzen in dunkler Nacht. Sie leuchten uns, und es muß ihnen weiteres Licht folgen. Die Sehnsucht von der Erde zum Himmel und der Druck vom Himmel gegen die Erde hin ist durch jene Ereignisse aus einem verborgenen, unbewußten Verhältnis zu einer offenen Straße geworden, auf der weitere Ereignisse einfallen werden. Wir können den Sieg Gottes nicht mehr vergessen, der einst gewonnen worden ist von seinem Sohn. Und Gott selbst kann ihn noch viel weniger vergessen. Wir gehören für Gott mit Jesus zusammen und Jesus mit uns. Wir müssen rufen nach einer Fortsetzung und Vollendung der Hilfe, die in Jesus begonnen, und Jesus will kommen, um sie zu vollenden. Diese Fortsetzung und Vollendung ist jetzt freilich noch nicht da. Diese weitere Stunde wird erst schlagen an der Uhr Gottes. Wir sind jetzt im Zustand des Wartens, und das merken wir schmerzlich an der Unvollkommenheit unseres Lebens, an der Macht, die die Sünde und der Tod noch haben über uns, an der Spärlichkeit des Lichts, das wir jetzt haben. Wir dürfen uns nicht selbst trösten über diesen Zustand, uns nicht beruhigen, als ob es dabei bleiben könnte und dürfte. Wir dürfen es aber auch nicht vergessen, daß wir von Gott getröstet sind durch das, was uns von Gott bereits gegeben ist als Unterpfand der Hoffnung [vgl. 2.Kor. 5,5]. Wir stehen in der neuen Zeit, in der Gott durch Jesus Gewalt bekommen hat auf der Erde [vgl. Mt. 28,18], und wenn wir dessen wohl bewußt sind, wenn wir Menschen dieser neuen Zeit sein und werden wollen, dann blicken wir von selbst vorwärts auf die letzte Zeit, wo die Gewalt Gottes das Einzige sein wird auf der Erde, wo Jesus uns Gott übergeben wird, wie ein Feldherr ein erobertes Volk seinem König übergibt [vgl. 1.Kor. 15,23-28]. Wir können das Vorläufige, Unbefriedigende, Jetzige ertragen, weil wir das Zukünftige vor uns haben. Und wir können freudig auf das Zukünftige warten, weil schon im Jetzigen ein |38 Anfang dafür da ist. Der Durchbrecher aller Bande2 wird nicht säumen, uns auch nach Jerusalem zu führen.

Lieder3:
  • Nr. 293 «Geduld ist euch vonnöten» von P. Gerhardt 🎵
  • Nr. 343 «Jerusalem, du hochgebaute Stadt» von J. M. Meyfart (RG [1998] 851; EG 150) 🎵

Sachfußnoten

1
Die Vorstellung vom «Seelenfünklein» (scintilla animae) bzw. von göttlichen Lichtfunken in der Seele findet sich in der Gnosis, im Neuplatonismus und in vielen Spielarten der Mystik; vgl. z. B. M. A. Schmidt, Art. «Eckehart», in: RGG3 II, Sp. 305 📖. Barth hat den Gedanken öfter aufgenommen; vgl. z. B. Predigten 1915, S. 136.147.167.306 📖.↩
2
Vgl. das Lied Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold (GERS [1952] 306; EG388) 🎵.↩
3
Strophenangaben fehlen.↩