12. Januar 1919

Johannes 14,1-2

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Johannes 14,1-2
[Jesus sprach zu seinen Jüngern: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, so wollte ich zu euch sagen: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.]

1. Warum ist unser Herz erschrocken? Ist das etwas Zufälliges, das man wegwischen kann durch Arbeit, Vergnügen, Trost guter Freunde, fromme Sprüche? Wäre unser Herz nicht mehr erschrocken, wenn uns die Sorge, der Verdruß, das Leid abgenommen würden, die uns jetzt augenblicklich vielleicht drücken? Gäbe es keine erschrockenen Herzen mehr, wenn einige oder viele oder alle der Fortschritte erzielt würden, von denen heute die Rede (Frieden, Wirtschaftsordnung, Mitsprache Aller)? Müßte unser Herz nicht mehr erschrecken, wenn wir bessere, edlere, frömmere Menschen würden? Oder ist’s der Tod, der der Erschrockenheit ein Ende macht und uns endgültig zur Ruhe bringt? -2 Seht, wer da antworten könnte: Ja, da liegt der Grund, daß uns dies und das fehlt, und das ist die Hilfe, daß dies und das anders würde, der hat sein erschrockenes Herz noch nicht verstanden, hat das Leben noch nicht verstanden. Das Leben ist kein Sandhaufen, sondern ein zusammengehöriges Ganzes. Es ist wohl wahr, daß uns Vieles fehlt, aber schließlich doch nur Eines; denn das Viele ist enthalten in Einem. Es ist wohl wahr, daß Vieles anders werden muß, aber zuerst muß Eines anders werden; denn das Viele kann nur anders werden, wenn das Eine es wird. Um dieses Einen willen ist unser Herz erschrocken, und in diesem Einen müßte ihm Hilfe kommen.

2. Die Welt ist uns zu klein, zu eng. Hart und schmerzlich stoßen wir an an ihre Schranken. Darum ist unser Herz erschrocken.

Es ist in uns allen ein Keim des Lebens, der will wachsen. Kraftvoll strebt er in die Höhe und in die Weite. Denn Leben muß streben und treiben, sonst wäre es nicht Leben. Leben streckt sich dem Vollkommenen entgegen. Man kann das Vollkommene das vollkommen |25 Gute nennen oder die vollkommene Wahrheit oder die vollkommene Freude oder den vollkommenen Frieden, es ist das alles und mehr als das. Es ist eine ganze, vollkommene (Bibel: ewige) Welt. Und eben weil es sich um das Vollkommene handelt, weil wir eine ganze, neue Welt als Keim im Herzen tragen, ist das Wachsen, Streben und Treiben in uns ein unermeßliches, grenzenloses, ein ewiges. Diese Sehnsucht nach dem Ewigen ist jetzt unsere Verbindung mit Gott. Weil wir alle Gott gehören, darum ist dieser Keim in uns. Weil jedes mit Gott in Gemeinschaft steht, darum ist unser Herz unruhig in uns. Die Botschaft des Heilands ist nicht umsonst ausgegangen in alle Welt, Gott hat nicht umsonst geredet. Es ist jetzt jeder Mensch gefangen von dieser Sehnsucht; es ist jetzt in Jedem ein Drängen und Ringen nach der ewigen Welt.

Aber eben darum ist unser Herz erschrocken. Denn die Welt ist zu klein für diese große Sehnsucht, die jetzige Welt, die gewöhnliche Welt, unsere Welt. Die Welt Gottes wäre groß genug dafür, wenn wir in der Welt Gottes leben würden, würde auch unsere größte Sehnsucht sofort ihre Erfüllung finden. Aber wir leben nicht in dieser Gotteswelt. Sie ist uns jetzt verborgen. Wir leben in der Welt, die der Mensch sich geschaffen hat und noch schafft in seinem Hochmut ohne Gott. Man merkt der Welt, in der wir leben, wenig mehr an von Gottes Schöpfergedanken. Sie ist voll von Verderbnissen und Widersprüchen und Störungen. Weil der Mensch Gott nicht mehr schaut, sind seine Augen blind geworden. Und weil er blind geworden, ist auch die Welt Finsternis geworden. Der Keim des Lebens in uns kann hier nicht wachsen. Was jetzt in uns und um uns ist, paßt schlecht zu der Ewigkeit, die wir im Herzen tragen. Wir sind mit der Sehnsucht, die wir in uns tragen, in dieser Welt Heimatlose, Fremdlinge. Wenn wir diesen Widerspruch gewahr werden, dann erschrickt unser Herz.

Oder ist es nicht zum Erschrecken, wenn ich z. B. einen Brief in die Hand bekomme, den ich vor vielen Jahren geschrieben, und sehe daraus, wie sehr ich mit allen meinen Schwachheiten, Einseitigkeiten und Fehlern in dieser ganzen Zeit der Gleiche geblieben bin? Sind wir denn so stark an uns selbst gebunden? Ist der Charakter eines Menschen sein Verhängnis, von dem er nicht frei werden kann? Kann man nie aus sich selbst heraus, kann man nur die Kleider ändern? Was für eine Verdammnis, daß ich immer ich bleibe!

26 Ist’s nicht zum Erschrecken, wie wir alle auch beim besten Willen abhängig sind von gewissen unerklärlichen Zufällen? Wir haben gute Tage, wo uns das Leben gelingt, und böse Tage, wo Alles aus unbekannten Gründen in Nebel gehüllt ist. Und das wechselt nur so wie Ebbe und Flut. Was soll das? Ist das nicht eine unwürdige Lage, diesem Wellenspiel so preisgegeben zu sein?

Ist es nicht zum Erschrecken, wie stark wir uns beständig bestimmen lassen durch die Anderen um uns her? Wir halten uns für höchst unabhängig und spitzen doch beständig die Ohren auf das, was man über uns sagt, und das kleinste Stäublein kann uns schon aufregen. Wir pochen auf unser gutes Gewissen und sind doch so begierig darauf, gelobt zu werden. Wir malen uns vor, wie wir geduldig, liebreich, freudig sein und bleiben wollen, und im Handkehrum lassen wir uns doch in Harnisch bringen, wenn man uns reizt. Wir meinen, ganz uns selbst3 zu sein, und sind doch bis tief in unsere Gedanken hinein nur das Spiegelbild unserer Umgebung. Was für eine Sklaverei für den, der’s einmal gemerkt hat!

Ist’s nicht zum Erschrecken, was die Verhältnisse uns für Zwang antun? Da ist Einer, der durch die Art seiner Familie, mit der er nicht zu brechen wagt, einfach gehindert ist zu leben, wie er eigentlich möchte. Da ist Einer, dem ist sein Beruf, den er vielleicht mit Tüchtigkeit versieht, die Fessel, die sein Wachstum verunmöglicht. Da steht Einer in finanzieller Abhängigkeit und muß es ganz offen bekennen: ich darf nicht sein und tun, was ich möchte. Da sind’s für Millionen Menschen schlechte Erziehung, schlechte Wohnungen, schlechte Lebensgewohnheiten, die sie gebunden haben für ihr ganzes Leben, noch bevor sie ihrer selbst recht bewußt wurden. Da ist’s die Macht der Mehrheit, die eine wirtschaftliche und politische Ordnung oder Unordnung aufrichtet oder aufrecht erhält, der dann wieder unzählige Einzelne trotz besserer Einsicht machtlos gegenüberstehen. Was für Schranken für Menschen, die leben möchten, weil sie die Ewigkeit in sich tragen!

Ist’s nicht zum Erschrecken, wie wir alle in Sünde und Schuld gefangen sind, und zwar in eigener und fremder!, wie aus einem geheimnisvollen, tiefen Schacht steigt Fehler um Fehler, Irrtum um Irrtum |27 hervor; einer scheint dem anderen zu rufen, ihn nach sich zu ziehen. Immer wieder beflecken wir uns, weil wir unrein sind, und sind unrein, weil wir uns beflecken. War sie vom Guten, die große Weltmacht Deutschlands, die heute zerschmettert am Boden liegt? Aber ist sie vom Guten, die Macht, die wir heute ihren Triumph genießen und ausnützen sehen? Und wird sie vom Guten sein, die Macht, die in 50 oder 100 Jahren unfehlbar die Sünden, die heute begangen werden, rächen wird? Waren sie vom Guten, die Zustände, unter denen wir bis jetzt gedankenlos oder nur allzu bewußt gelebt haben? Aber ist sie vom Guten, die Revolution, die heute diese Zustände stürzen will? Und ist er wieder vom Guten, der Widerstand, der jetzt, angeblich im Namen der Freiheit und der Ordnung, der Revolution entgegengesetzt wird? Ist nicht Alles ein öder Kreislauf? Ist’s nicht immer wieder das Böse, das das Böse überwinden, die Gewalt, die die Gewalt abtreiben, die Lüge, die die Lüge widerlegen soll? O seht, wer diese Zusammenhänge von Sünde und Schuld im Menschenleben einmal wirklich gesehen hat, der verlernt jedenfalls das Richten über Andere, wohin er sich auch persönlich stellen mag; der kann eigentlich nur noch seufzen und flehen mit dem Unser Vater: Erlöse uns von dem Bösen! [Mt. 6,13 par.], denn wir sind wirklich vom Bösen umgeben, getragen und gefangen, wo wir uns auch hinstellen mögen.

Und ist’s nicht zum Erschrecken, wie wir schließlich alle sterben müssen? Der Tod paßt nur zu gut zu unserer verlorenen Gotteswelt. Und wie wir alle Glieder dieser Welt sind, so wartet der Tod auf uns alle! Wie muß sich der Mensch wehren gegen diesen letzten Feind [vgl. 1.Kor. 15,26], eigentlich vom ersten Lebenstag an! Wie lauert er überall auf uns als Vergänglichkeit, als Altwerden, als Krankheit! Wie wissen wir doch von uns aus so gar nichts gegen den Tod, über den Tod hinaus außer dem Einen, daß er etwas Unbegreifliches, Unnatürliches ist, gegen das sich die Natur wehrt, solange sie nur kann, dem sich nur die ganz Geschwächten schließlich ergeben mögen. O wenn uns die Sterbenden sagen könnten, was für einen Kampf sie kämpfen gegen das Unnatürliche und schließlich doch Unvermeidliche, wie das Leben in ihnen, das ewige Leben, Nein sagt zum Tode, um sich schließlich doch beugen zu müssen unter das harte, schreckliche Joch. Wir würden noch ganz anders erschrecken über den Gedanken, daß wir alle auch einmal unter das Joch dieses letzten Feindes uns beugen müs|28sen. Wir würden etwas erfassen von der Weisheit jener Alten, die das Leben eine Vorbereitung zum Tode genannt haben.4 Aber ist’s nicht schauerlich, daß es so ist?

Ja, ist das alles nicht zum Erschrecken, sind wir nicht erschrocken darüber, daß unsere Sehnsucht so groß und unsere Welt so klein ist? Wo bleibt die ewige Welt, die wir im Herzen tragen, wenn die Welt, in der wir leben, so eng ist, so dicht umgeben von Mauern der Abhängigkeit, der Notwendigkeit, des dumpfen Zwangs? Ist’s nicht so, daß gerade das, was das Leben köstlich, schön, lebenswert machen würde, gerade das, worauf wir durch unsere Gemeinschaft mit Gott angewiesen sind, gerade das, worauf es allein ankäme - daß gerade das jetzt und hier einfach ausgeschlossen ist?

3. Und nun wird uns die Antwort gegeben: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen! Wir können sie uns wirklich nicht selbst geben, sie muß uns wörtlich [?] und wirklich gegeben werden. Von uns aus gedacht, gäbe es nur zwei Wege, von denen der eine schlechter ist als der andere. Der eine Weg ist der der Selbsttäuschung: Wir bilden uns ein, daß die Welt uns doch nicht zu klein sei, daß wir Raum genug haben. Entweder, indem wir unsere Sehnsucht kleiner machen, als sie ist, uns zufrieden geben, wo wir uns nicht zufrieden geben dürften, den Keim des ewigen Lebens selbst in uns erdrücken und zurückhalten. Oder indem wir uns einreden, die Gefangenschaften, in denen wir schmachten, seien nicht so eng und so schlimm, indem wir uns der kurzen Schrittlein, die wir mit unseren Fesseln machen können, freuen, indem wir uns diese Welt in angenehmer Träumerei schöner machen, als sie ist. Der andere Weg wäre der der Verzweiflung: Wir sind dann ehrlich und gestehen uns, daß wir nicht aus noch ein wissen, und ergeben uns grollend und innerlich zerrissen in das Unvermeidliche. Auf beiden Wegen gehen Unzählige, auf beiden Wegen sind wir alle doch schon gegangen. Einen dritten Weg gibt es von uns aus nicht. Auch die Jünger Jesu standen, als sie über die Welt erschrocken waren, von sich aus nur vor der Möglichkeit, einen dieser zwei Wege einzuschlagen. Und dann hat ihnen Jesus seine Antwort gegeben: In meines |29 Vaters Hause [sind viele Wohnungen]. Man muß es gut begriffen haben, daß uns von uns aus wirklich nur diese zwei Wege offen stehen, der Weg der Selbsttäuschung und der Weg der Verzweiflung, um dann auch zu begreifen, was es heißt, von Jesus seine Antwort zu bekommen. In meines Vaters Haus, sagt er, da habt ihr Raum, da könnt ihr leben, da findet eure Sehnsucht Genüge, da kann das ewige Streben und Suchen [?] in euch sich auswirken.

In meines Vaters Haus! Es liegt darin eine Einladung, ein Angebot, die Eröffnung einer ganz neuen Möglichkeit. Eine neue Türe geht auf. Ein neues Licht kann auf unser Leben fallen. Ihr seid verirrte und verlorene Kinder, die ihren Vater nicht vergessen können und die eben darum so erschrocken sind, weil sie immer an ihn denken müssen und doch nicht bei ihm sind. Aber ihr habt auch einen Vater, der allezeit für euch bereit ist. Ihr seht jetzt nur die eine Seite des Lebens, es gibt aber auch eine andere. Ihr denkt jetzt von euch aus, vom Menschen aus, man kann aber auch von Gott aus denken. Ihr denkt jetzt nur an das, was ihr machen und euch nehmen könnt, und das ist bitter wenig, es könnte euch aber auch etwas geschenkt und gegeben werden. Ihr strebt jetzt machtlos nach oben, es könnte aber auch etwas von oben zu euch kommen. Ihr denkt jetzt nur an eure Freiheit, und die ist, ehrlich gesagt, Traum und Einbildung, es gibt aber auch Gnade.

In meines Vaters Haus! Jesus will uns ablenken mit diesem Wort von den Wegen, die wir selbst zur Auswahl haben, wenn wir erschrocken sind. Er verbietet sie uns freilich nicht. Er wehrt uns nicht, uns in dieser engen Welt der Unvollkommenheit zu trösten und zu helfen, so gut wir können. Er wehrt uns nicht, traurig zu sein, wenn wir sehen, wie wenig uns das gelingt. Er sagt uns vielmehr: es ist recht, wenn ihr euch kräftig und zornig auflehnt gegen den Druck, unter dem ihr steht, und es ist recht, wenn ihr schmerzlich bewegt seid über das Ungenügen eurer Kraft. Aber daß doch in eurer Auflehnung und in eurem Schmerz noch etwas Anderes aufblitzte als ihr tiefster Grund, das Seufzen und Flehen, das weiter greift als aller Trotz und aller Jammer, das Rufen nach dem, was nicht aus [euch] selbst kommt, sondern von dem, den ihr verloren habt, die Bereitschaft für seine Taten und Werke, die Offenheit für den Gott, der uns nicht nur die Ewigkeit ins Herz gegeben [vgl. Pred. 3,11 LXX], sondern der sich nun selbst aufmachen will, um uns die Ewigkeit zu bringen, die Wil|30ligkeit, mit Gott eine Geschichte, eine ganz neue Geschichte zu erleben! O wenn ihr mehr wolltet, als euch selbst helfen oder klagen über eure Hilflosigkeit! Wenn ihr begreifen wolltet, daß ihr euch müßt helfen lassen.

In meines Vaters Haus! Das ist der schlichte Hinweis darauf, daß es noch etwas Anderes gibt als die unvollkommene Welt, in der wir leben, und die Sehnsucht nach dem Vollkommenen, die wir in uns tragen. Es gibt das Haus meines Vaters! Die Welt Gottes ist wohl verborgen, aber nicht untergegangen. Ich komme aus ihr, ich kann sie euch zeigen, ich kenne sie, ich kann sie euch auftun. Sie scheint jetzt wohl in unerreichbarer Ferne, wie auf einem anderen Stern, nur den kühnsten Gedanken und Träumen zugänglich, aber nein, ich weiß es besser, sie ist in Bewegung, sie kommt, ich bringe sie euch. Der Himmel neigt sich der armen, dunklen Erde entgegen. Es sollen noch Zeiten der Erquickung kommen vom Angesichte des Herrn [Act. 3,20], so wahr ihr mich hier sehet. Wohl mögen die Klügler sagen, sie sei nur ein Gedankending, eine schöne Hoffnung, nur in den Herzen wahr. Aber nein, das ist menschliche Weisheit. Bei Gott ist kein Ding unmöglich [Lk. 1,37]. Sein Reich ist durch keine Gottlosigkeit und Finsternis auf Erden zerbrochen [?]. Es wartet nur darauf zu erscheinen, so lebendig, so sichtbar, so greifbar, so wahr wie Alles, was ihr jetzt vor euch seht. Habt ihr es nicht schon erscheinen sehen in den Taten, die Gott durch mich getan? Hat’s nicht schon angefangen, lebendig …. zu werden? [Lk. 17,20f.?]. Die Blinden sehen, die Lahmen … [Mt. 11,5]. - Seht, dieses Andere ist und wird und kommt. Seht, wie es kommt! Tretet herein in diese neue Welt. Hier sind die Antworten, die Erlösungen, die Kräfte. In meines Vaters Haus sind …

4. Viele Wohnungen! Seht, darin liegt die eine Hilfe für die eine Not, vor der wir erschrecken, daß in der Welt Gottes, wenn wir für sie zu haben sein wollen, viel Raum ist für uns, viel Platz zum Wachsen, viel Bewegungsfreiheit. Es gibt eine Luft, in der der Keim des ewigen Lebens, der in uns gepflanzt ist, gedeihen und sich entfalten kann. Es gibt einen Ort, wo wir mit dem ganzen mächtigen Trieb, der in uns ist, keine Fremdlinge und Gäste sind, sondern Bürger und Hausgenossen [vgl. Eph. 2,19].5

31 Wo ist dieser Ort? Wo ist das geräumige, freie Haus dieses Vaters, von dem Jesus redet? Ist’s ein Leben, das nach dem Tode auf uns wartet? Ja, es ist allerdings auch ein Leben nach dem Tode, oder besser über dem Tode, ein Leben, dem der Tod nichts anhaben kann, obwohl wir diesem Könige jetzt auch den Tribut bezahlen müssen mit unserem Sterben. Denn es wäre traurig, wenn wir auf die Freiheit im Hause des Vaters warten müßten bis nach dem Tode, wenn die Macht Gottes nicht auch über dem Tode stünde, also daß uns auch die Bitterkeit des Sterbens in Freude verwandelt werden kann. Gott will uns nicht erst, wenn wir gestorben sind, seine Freundlichkeit schmecken und sehen lassen [vgl. Ps. 34,9], er will die Fesseln des Todes selbst lösen. Es soll ein Sterben geben, das schon Leben ist, auf das die Engel schauen als einen Triumph. Es wäre traurig, wenn wir uns in diesem jetzigen Leben wirklich vom Reich Gottes ausgeschlossen denken müßten. Wir haben ja noch viele Feinde außer dem einen letzten Feind; das Haus des Vaters, in dem Freiheit ist, ist jenseits und diesseits, im Himmel und auf Erden. Vom Himmel kommt es als das neue Jerusalem, und auf der Erde will es Platz finden als die Hütte Gottes bei den Menschen [Apk. 21,2f.]. Wir können nicht weit, nicht groß genug denken von dem, was Gott an uns tun will. Auch hier und jetzt will er’s tun, obwohl es hier und jetzt erst im Kommen, im Werden, im Anbrechen ist in einzelnen Siegen und Kräften, Erweisungen und Erlösungen, die uns von oben geschenkt werden können.6

Es warten Freiheiten auf uns, hier und dort, jetzt und nach dem Tode, das ist’s, was Jesus uns sagen will mit den vielen Wohnungen. Wir sollen nur nicht denken, daß die vielen Gebundenheiten und Gefangenschaften, vor denen wir jetzt erschrecken müssen, dem Willen Gottes entsprechen, der auf Erden wie im Himmel geschehen will [vgl. Mt. 6,10]. Hinter jeder einzelnen der Mauern, die uns jetzt seufzen machen, wartet in Gott schon eine Freiheit auf uns. Es gibt für jeden Feind, der uns jetzt bedrängt, ein Wörtlein, das kann ihn fällen7. Es ist für jede Finsternis, in der wir jetzt herumtappen, das Licht schon angezündet, das sie erleuchten soll. Nicht wahr, wir gewahren |32 manchmal etwas von diesen vorhandenen Freiheiten, sie ragen manchmal erkennbar in unser Leben hinein. Selten genug, aber es gibt solche Siege Gottes, nicht nur in der Bibel. Manchmal in kleinen Nöten, Sünden und Bedrängnissen. Doch was heißt klein, die kleinen Fesseln sind ja oft die stärksten, und ihre Sprengung kann eine größte Tat Gottes an uns sein. Manchmal ist’s auch schon zu großen Siegen Gottes gekommen, Krankheitsgeschichten, Geldgeschichten, Sündengeschichten, die zu Offenbarungen der Herrlichkeit Gottes wurden. Es wartet auch hinter der großen Not der gegenwärtigen Weltlage eine solche göttliche Freiheit, die die Fesseln menschlicher Schuld sprengen könnte, und wer wollte sagen, daß sie es nicht tun wird?8

Wer etwas weiß von diesen vielen Wohnungen unseres Vaterhauses, von diesen wartenden Freiheiten und Erlösungen, seht, der verlernt allmählich das Erschrecken. Allmählich, ja, denn noch stehen wir tief drin in den Gebundenheiten und Gefangenschaften. Noch haben wir kaum hineingesehen in das Vaterhaus, geschweige denn, daß wir eingetreten wären. Aber wir spüren manchmal den frischen Wind, der von dorther zu uns herüber weht. Und wo wir den spüren, da kommt uns Hilfe. Wir können ihn spüren. Wir können uns helfen lassen. Das ewige Erschrecken kann dem Glauben Platz machen, dem Glauben an Gott und an den, den er gesandt hat, Jesus Christus. Gott gebe uns den Sinn für das kommende ewige Reich der Freiheit. Gott gebe uns die Augen für das uns [?] so [?] nahe gekommene Haus des Vaters, in dem viele Wohnungen sind. Gott gebe uns, daß wir unserer eigenen Wege des Leichtsinns und des Trübsinns je länger je mehr müde werden und uns herüberziehen lassen auf den Weg des Heilands, der der Weg der Wahrheit ist.

Lieder:
  • Nr. 235 «Ich weiß, woran ich glaube» von E. M. Arndt, Strophen 1.2.5 (RG [1998] 278,1.2.5; EG 357,1.2.5 mit Textabweichung) 🎵
  • Nr. 330 «Mag auch die Liebe weinen, es kommt ein Tag des Herrn» von Fr. A. Krummacher (1768-1845), Strophen 1-3 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 3, Anm.1.↩
2
Abschnittsmarkierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩
3
= ganz wir selbst.↩
4
Vgl. Ciceros «tota philosophorum vita commentatio mortis est» (Tusculanae disputationes I, 74) 📖.↩
5
Abschnittsmarkierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩
6
Abschnittsmarkierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩
7
Vgl. Lied Nr.157 «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther, aus Strophe 3: «Ein Wörtlein kann ihn fällen» (RG [1998] 32; EG 362) 🎵.↩
8
Abschnittsmarkierung durch senkrechten Blaustiftstrich.↩