Johannes 14,1
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1. Es ist ein volles, rückhaltloses Anbieten in diesen Worten. Gar
nichts stellt Jesus zwischen sich und die Erschrockenen hinein, keine Schranke, keine
Bedingung, keine Frage. Wie ein Bergstrom, der alle Hindernisse überwindet, alles
mitreißt, kommt dieses Anbieten des Heilands zu ihnen und zu uns: da, nehmt, ergreifet,
habet! Die Liebe treibt die Furcht aus! Furcht ist nicht in der Liebe! [vgl.
Er hat sie nicht einmal gefragt, ob sie denn auch erschrocken seien in dem Sinn, wie ein Christ erschrocken sein muß: erschrocken über die Größe der menschlichen Sünde, erschrocken über das Heer der Übel, das die Welt heimsucht, erschrocken über die Macht des Teufels und des Todes, erschrocken über sich selbst. Die Furcht, in der er sie offenbar gesehen hat, konnte doch gerade so gut bloß eine kleine menschliche, persönliche Furcht sein, so daß es sich gar nicht lohnte, ihr mit so gewaltigem Trost zu begegnen. Sicher war’s zum großen Teil solch eine kleine menschliche Furcht, wie die Furcht, die wir haben in unseren Gedanken über Gesundheit, Auskommen, Familie, Politik. Aber Jesus hat nicht danach gefragt. Er hat das Kleine in ihnen gesehen, aber er hat sozusagen darüber hinweggesehen. Er hat ohne weiteres angenommen, daß hinter dem kleinen dummen das große göttliche Erschrecken in ihnen sei. Er hat sie ganz ernst genommen und ihnen zugetraut, daß sie mit ihm erschrocken seien über die vielen Schwierigkeiten, die Gott jetzt bereitet werden auf der Erde, über all die Fesseln und Bande, mit denen die Menschen jetzt sich und Andere plagen, so daß es zu keiner Freiheit Gottes kommen kann, über die finstere Not, daß auch die besten Menschen in ihren besten Stunden |14 oft so merkwürdig an der einfachen Wahrheit vorbeilaufen, über die Tatsache, daß der Weg derer, die auf Gott hören wollen, hier auf Erden vorläufig notwendig ein Leidens- und Kreuzesweg sein muß. Er hat sie in diese seine eigenen tiefsten Sorgen ohne Umstände hineingenommen, hineingeglaubt, möchte ich sagen. Er hat sie also schon, was das menschliche oder göttliche Erschrecken betraf, nicht auf dem Boden stehen lassen, wo sie gewiß standen, sondern sofort auf seinen Boden genommen, um ihnen von da aus zu zeigen, was eben von da aus zu sehen war.
Und auch damit hat er nicht viel Umstände gemacht, zu untersuchen, ob sie denn glauben könnten, ob sie würdig und bekehrt genug seien, ob sie Einsicht genug hätten, um zu glauben. Er sagt einfach: glaubt! glaubt an Gott und glaubt an mich! Das ist doch nichts so Einfaches, wenn wir daran denken, wie es mit dem Glauben der Jünger Jesu oder gar mit unserem Glauben steht. Halt!, möchten wir antworten, ich weiß ja noch gar nicht, ob ich im Stande bin zu glauben, ich bin ja noch gar nicht mit mir im Reinen, wie ich zu Gott stehe, ich kenne ja Christus noch viel zu wenig. Und wenn ich’s schon wüßte - wie viele Andere sind da, die es sicher nicht wissen, bei denen es noch viel Erziehung, Erklärung und Überwindung braucht, bis man sie nur so auffordern kann: Glaubt! Kann man zu einem Lahmen sagen: Geh! oder zu einem Blinden: Sieh!? Hat Jesus das nicht auch gewußt? Sicher hat er’s gewußt, aber das ist nun einmal gerade seine Art: diese gerade Linie, auf der er mitten durch solche Schwierigkeiten und Einwände hindurchgeht. Er hat in der Tat zu den Lahmen gesagt: Geht! und zu den Blinden: Sehet! und zu den Ungläubigen, Halbgläubigen und Schwachgläubigen: Glaubt! Er hat die Menschen nicht zum Glauben erzogen, sondern er hat gleich damit angefangen, mit ihnen zu glauben. Er hat sie nicht mit Gott bekannt gemacht als mit einem hohen, fremden Herrn, sondern er hat sie sofort in das heimelige göttliche Familienleben hineingeführt. Er hat sie nicht zuerst feierlich begrüßt und bedauert, wie sie da unten saßen in dem tiefen, schwarzen Loch der Gottesferne, um dann mit ihnen darüber zu verhandeln, wie sie sich daraus befreien könnten, sondern er hat ihnen gleich die Hand gegeben und sie, ohne mit ihnen zu disputieren, herausgezogen.
Seht, das ist die rückhaltlose, unbedingte, unmittelbare Art des Heilands. Warum reden wir nicht auch so miteinander? Kommen uns |15 so entgegen? Suchen uns so mit dem Lichte Gottes zu beleuchten und zu verstehen? Trösten und helfen uns gegenseitig auf diese Weise? Man kann schon sagen: wir könnten das nicht, wenn wir schon wollten! Es ist doch gleichzeitig auch das Gegenteil wahr und noch wahrer: doch wir könnten, wenn wir wirklich wollten. Wann werden wir wirklich wollen, daß der Bergstrom der Liebe, der die Furcht austreibt, auch von uns ausgehen kann?
2. Aber zunächst, nicht wahr, haben wir das
Bedürfnis, er möchte vor Allem auch zu uns kommen. Zunächst stehen wir alle selber bei
den Erschrockenen, die nach Trost und Hilfe begehren. - Es ist gut, wenn wir dort
stehen. Wir wären sehr zu bedauern, wenn wir eine so dicke Haut hätten, daß wir von
diesem Erschrecken nichts wüßten. Wenn wir dieses Wort Jesu hören würden etwa mit dem Gedanken: O, so gefährlich ist’s bei mir
oder bei uns nicht, daß ich so großen Trost bräuchte. Der Mensch kann ja viel aushalten,
er findet leicht immer wieder einen Ausweg, auch die schwersten Wunden heilen mit der
Zeit. Ich seufze manchmal, aber ich kann dann auch wieder lachen. Ich habe manchmal
Kummer, aber dann beruhige ich mich wieder. Ich rege mich auf, aber bald wieder ab. Ich
tröste mich und helfe mir selber. Es wäre traurig, wenn wir so reden und das Erschrecken
von uns abschütteln könnten. Denn das wäre das Zeichen dafür, daß wir nur von jener
kleinen menschlichen Furcht in persönlichen Angelegenheiten etwas wissen. Mit denen kann
man allerdings im Ganzen so fertig werden. Aber das ist eine gottlose, geistlose,
hoffnungslose Lage, wenn wir nur von dieser kleinen Furcht etwas wüßten, die man auf
diese Weise los wird. Solche Lage ist die Hölle. Darum ist’s gut, wenn wir bei den
Erschrockenen stehen, denen nach Trost bange ist [vgl.
Es ist jedenfalls etwas in uns, das von der großen Sorge, die den Heiland bewegte, mitbewegt ist. Wir können die Erschütterung wenigstens ein wenig begreifen, die sich seinen Jüngern mitteilte, als sie ihn den Weg antreten sahen, der mit dem Kreuze endigte. Wir spüren: es gibt eine Sorge, eine Erschütterung, die kann man nicht nur so loswerden. Die erschreckt uns; und wir sind erschrocken darüber. Es ist ein zu großer Gegensatz zwischen dem Lauf der Welt und dem |16 Reich Gottes; zwischen dem, wie Gott es meint mit uns und wie wir es ja im Grunde auch meinen, und dem, was bei uns immer wieder herauskommt, zwischen der Welt, die wir sehnsüchtig im Herzen tragen, und der anderen Welt, wie sie in «Wirklichkeit» immer noch ist, zwischen dem Vollkommenen, das immer erscheinen möchte und auch könnte, wenn nicht so jammervoll viel Halbheit auf der Erde wäre, die es am Erscheinen verhindert, zwischen dem Reich des Lebens, an das wir so gerne glauben würden, und dem Reich des Todes, in dem wir uns gefangen sehen. Das ist die große Not, an die wir täglich anstoßen. Wir können sie gelegentlich vergessen. Aber es braucht nur wenig, eine geringfügige Enttäuschung, ein unfreundliches Wort, eine Erscheinung von Feigheit und Bosheit, einen Todesfall, so wird es uns wieder bewußt, so sind wir wieder erschrocken darüber, daß unser Lebensweg wirklich durch diesen finsteren Gegensatz hindurchgehen soll. Erschrocken, weil wir sehen, daß gegen diese Not nichts zu machen ist; denn was kann man machen gegen einen Feind, der einfach immer wieder da ist, so oft wir ihn versöhnt [?] oder geschlagen zu haben meinen? Erschrocken, weil wir nicht vor ihm zurückweichen können, denn in welche Einsamkeit könnten wir uns flüchten, ohne daß diese Not der Welt uns folgen würde; alle, die es versuchten, haben es erfahren. Erschrocken, weil wir das Gefühl haben: ich werde nicht stark genug sein für diesen immer größer werdenden Gegensatz, er wird mich zerbrechen und zerreiben. Er wird überhaupt schließlich Alles in Finsternis hüllen und verschlingen. Und nun können wir weder vorwärts noch rückwärts, weder weichen noch angreifen. Möchten an Gott glauben und können nicht. Möchten vielleicht Gott lästern und können noch weniger. O böse Lage! Arme, erschrockene Menschen! Und das soll nun besser sein als die Lage des Anderen, der mit seinen kleinen Nöten spielend fertig wird? Jenes soll die Hölle und dies der Himmel sein?
3. Ja, liebe Freunde, dies ist der Himmel und jenes ist die Hölle, und wir wollen es uns nicht irren lassen3, uns zu diesen Erschrockenen zu stellen, und wenn wir es noch nicht jung getan haben4, so wollen wir |17 uns durch den gegenwärtigen Stand der Dinge in der Welt mit seinen sehr unerfreulichen Zukunftsaussichten dahin treiben lassen. Denn wenn wir da stehen [?], dann können wir es uns jetzt sagen lassen: Euer Herz erschrecke nicht!
Seht, das ist eben mehr als der faule Trost: Sei nur mutig, es kommt schon gut! Darum
heißt es gleich weiter: Glaubet an Gott und glaubet an mich! Die Meinung ist nicht etwa
die: es werde mit dem Bösen, das sich jetzt auf dem Wege Gottes und auf unserem Wege
auftürmt, so gefährlich nicht sein. Die Meinung ist nicht, daß die Not uns klein,
sondern daß Gott uns groß werden solle. Das ist sehr zweierlei. Jesus hat seinen Jüngern
die Größe des Gegensatzes und die Unbegreiflichkeit des Kreuzesweges, den er antrat, um
kein Haar kleiner gemacht. Im Gegenteil: Er hat ihnen mit diesem Wort die Augen öffnen
wollen: es kommen ganz dunkle Stunden. Es ist ein sehr schlechter Dienst, den man sich
und Anderen leistet, wenn man in ruhigen Zeiten und vielleicht, wenn die größte Gefahr
schon vor der Türe steht, dergleichen tut5, es werde ja so schlimm nicht kommen. Solches falsche Trösten und Ermutigen
haben im alten Volk Israel die falschen Propheten geübt [vgl. z. B.
Es ist sehr viel gewonnen, wenn man weiß, was ist und was kommt. Es ist notwendig, daß es unter den vielen Besinnungslosen Menschen gibt, die gefaßt sind auf die bösen Entwicklungen, die bevorstehen können, die damit rechnen, daß die Dinge nicht besser, sondern schlimmer werden können, die unter allen Umständen mit offenen Augen bereit sein wollen. In Bereitschaft sein ist Alles6, kann man in einem Sinn sagen. Denn wo eine wirkliche Bereitschaft ist, da ist allem |18 kommenden Bösen schon ein wenig die Spitze abgebrochen. Wenn wir die Notwendigkeit des Kampfes zwischen Gott und den teuflischen Mächten, zwischen Leben und Tod begreifen würden, würden wir nicht so starr dastehen, wenn nur ein kleiner Teil dieses Kampfes auch uns zufällt. Wenn wir uns ganz ruhig sagen würden, daß unser Lebensweg tatsächlich durch jenen Gegensatz hindurchführt, wir würden aus dem Erschrecken herauskommen. Wenn wir uns darauf gefaßt hielten, die Not des Lebens, die ja eben eine Not der Welt ist, an unserem Teil auf uns zu nehmen, immer wieder ein Stück, wir würden nicht mehr fürchten, darunter zusammenzuklappen, wir hätten gar nicht mehr Zeit, so viel an unser Zusammenklappen zu denken. Denn es bedeutet eine ernste Arbeit, sich dazu bereit zu machen.
Wir müssen also allerdings aus dem Erschrecken heraus, so notwendig es ist, daß wir uns zunächst einmal zu den Erschrockenen stellen. Es handelt sich wahrlich nicht darum, schwermütig dort stehen zu bleiben. Die Stimmen, die uns traurig und verzagt machen wollen, sind ebenso teuflische Stimmen wie die anderen, die uns einladen wollen, leichtsinnig davonzulaufen. Man nennt jene Pessimisten, diese Optimisten. Wir können als Christen weder das Eine noch das Andere sein. Sehen wir dem Bösen ruhig ins Gesicht, so tun wir’s, weil wir eben nicht an das Böse, sondern an das Gute glauben. Machen wir uns bereit zum Kampf mit schweren, dunklen Ereignissen und Verhältnissen, so tun wir’s, weil wir einen Sieg erwarten. Sind wir gefaßt auf das Schlimme, so sind wir’s, weil wir eine Hoffnung haben, die uns Fassung gibt. Die Optimisten kleben an ihrer eigenen Klugheit und Kraft, mit der sie durchzukommen hoffen, die Pessimisten kleben an ihrer eigenen Kleinmütigkeit und Angst, die sie für unvermeidlich halten. Als Christen dürfen wir überhaupt nicht kleben. Wir müssen von uns selbst gelöste Menschen sein. Das ist unser Trost und unsere Hilfe, daß wir uns lösen lassen. Wir kommen dann über die Dinge. Unser Herz erschrickt dann wirklich nicht mehr.
4. Aber das alles sollte man freilich ganz anders
sagen. Wir spüren’s ja schon: Wir
sollten, wir müßten, wir dürften nicht … Damit ist uns wenig geholfen. Es fehlt da immer
noch etwas Entscheidendes. Wann und wo wird das alles wahr, daß wir ins Erschrecken
hinein und dann auch wieder auf die rechte Weise herauskommen? Jesus hat’s ausge|19sprochen mit den Worten: Glaubet an Gott und
glaubet an mich! Das ist die Angel, die Alles hält. Es ist freilich damit nicht getan,
daß wir das nachsagen. Vergeßt, daß ich es sage. Hört es von Jesus selbst. Könnten wir
es ihm abschlagen? Uns auf die Seite des Judas stellen, der am Erschrecken zu Grunde
ging [vgl.