5. Januar 1919

Johannes 14,1

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450 B
Johannes 14,1
[Jesus sprach zu seinen Jüngern: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich!]

1. Wir sind aufgefordert, Mut zu fassen. Die Furcht hat im Christentum keinen Platz. Wir müssen davon frei werden. Weniger wegen uns selbst: Uns kann es allenfalls auch in der Kleinmütigkeit wohl sein. Aber wegen der Sache Gottes auf Erden, welcher schlecht gedient ist, solange die Christen sich fürchten. Die Furcht ist etwas von dem vielen Fremden in uns, etwas von dem Vielen, das nicht aus Gott ist. Solange wir ihm dienen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Finsternis auf der Erde nicht weichen will. Die Finsternis ist dann schon in unseren Augen, und Gott selber kann uns nicht helfen, so gern er wollte.

2. Euer Herz erschrecke nicht! Um uns das sagen zu lassen, müssen wir wissen, daß wir ein Herz haben. Den Nerven kann man nicht befehlen: Erschrecket nicht!, sie sind bei Manchen sehr schwach, und bei Allen ist ihre Kraft begrenzt. Der Verstand kann sich nicht befehlen lassen. Er sieht, wie die Dinge gehen, bildet sich das Urteil, und in vielen Lagen weiß er nur noch zu erschrecken. Auch seinem Willen kann man das nicht unbedingt zumuten. Er hat seine Grenzen der Kraft, die er nicht überschreitet. Aber zum Herzen des Menschen kann man so reden. Das ist unser Innerstes, Tiefstes. Das ist der eigentliche Grund unseres Lebens und Wesens. Dort sind wir von Gott erwählt und mit ihm in Verbindung. Dort hat sich in aller Stille etwas gebildet, was nicht mehr wanken kann, eine Festung, ein Boden. Die Nerven können fertig, der Verstand ratlos, der Wille erschöpft sein, und das Herz muß doch nicht erschrecken. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen [in unser Herz … (Röm.5,5)]. Wir sollten nur mehr daran denken, daß wir ein Herz haben. Nicht so schnell jammern: ich kann nicht. Das Herz kann. Es kann sich’s sagen lassen. Es kann gehorchen.

213. Gerade das Herz, das unser tiefstes Wesen ist, durch das wir Gott verbündet sind, hätte freilich allen Anlaß zu erschrecken. Es weiß mehr von der Gefahr des Lebensweges und dem Jammer der Welt als z. B. der Kopf. - 3Herzlose Menschen finden sich verhältnismäßig leicht zurecht in den Schwierigkeiten und Widrigkeiten des Lebens. Sie zittern ein wenig [?] eine Weile und finden sich dann wieder. Das ist freilich ein Mut, der wenig Wert hat, weil er auf Blindheit beruht. Er rächt sich dann gewöhnlich mit einem ganz bösen Erschrecken, gegen das keine Hilfe da ist. - 4Menschen, die ein Herz haben und es reden lassen, werden nicht so schnell fertig. Sie sind ernstlich in der Lage zu erschrecken. Ihr Herz macht die Not nicht klein, sondern es nimmt sie, wie sie ist. Es weiß, daß man ihr nicht ausweichen kann, sondern geht ihr entgegen. Es sucht sie nicht zu vergessen, sondern es denkt daran, daß sie da ist und kommt. Darum haben gerade die großen Herzensmenschen, die Propheten, viel gewußt und geredet von dem, wovor man erschrecken muß, von der göttlichen Gerechtigkeit in der Weltgeschichte und von den Leiden der gerechten Menschen. Wir wollen uns nicht zu den falschen Propheten halten, die Friede rufen, wo kein Friede ist noch sein kann [vgl. Jer. 6,13f]. Das Herz sieht eben, weil es an Gott hängt, mehr als die Augen und als der Kopf. Es sieht das Gericht Gottes, das über der jetzigen Welt hängt, es weiß, daß diese Welt unter Schmerzen vergehen muß. Wo Gott nicht Gehör und Gehorsam findet, da sieht es dieses Vergehen unvermeidlich kommen. Es sagt uns: du gehörst auch zu dieser Welt, du kommst auch ins Gericht, du wirst auch unter Schmerzen teilnehmen müssen an ihrem allgemeinen Vergehen. Es sieht aber auch das Kreuz, das denen unvermeidlich bevorsteht, die es inmitten dieser jetzigen Welt mit Gott halten möchten. Es sieht die große Lebenskraft, die diese Welt immer noch hat, und daß sich Alles in ihr gegen das Licht wenden muß, das ihr Ende ankündigt. Es wundert sich nicht über den Kampf und das Leiden, in das die Träger des Lichts notwendig hineingeführt werden. Das Herz stellt uns an exponierte Stellen, wo wir unter Schwierigkeiten und Widersprüchen und in Schwachheit uns preisgeben und opfern müssen. Das Herz macht uns |22 das Leben nicht leicht, sondern schwer. Das sehen wir wieder an den Propheten, die alle solche Preisgegebenen, Geopferten waren, während die falschen Propheten es der Welt recht machten. Wer das Herz reden läßt, hat also Grund zu erschrecken,

4. Aber darüber hinaus hat nun eben das Herz die Fähigkeit, nicht zu erschrecken. Es macht uns ernst, aber nicht schwermütig. Gefaßt auf Alles, aber nicht hoffnungslos. Es heißt uns, uns bereit zu machen auf schlimme Entwicklungen und Erfahrungen, aber es läßt uns nicht verzagen. Die Stimmen, die uns einfach traurig, pessimistisch machen wollen, die uns raten, stillzustehen oder uns zurückzuziehen, sind ebensosehr teuflische Stimmen wie die, die uns raten, das Leben leicht zu nehmen, die Last der Welt zu vergessen. Gerade weil es ehrlich und aufrichtig sein kann, kann es auch fest und gewiß sein. Die Notwendigkeit, mit der es das Böse kommen sieht, verwandelt sich in die Sicherheit, das Böse zu überwinden. Gerade weil es uns heißt, uns preiszugeben, verheißt es uns ein Ziel unseres Lebens, das jenseits des Kreuzes liegt. Gericht und Kreuz sind Wege Gottes, sagt es uns. Wege Gottes aber darf man unverzagt gehen, weil sie eben ein Ziel haben. Durch das Gericht hindurch bahnt sich die Gnade ihren Weg. Und das Kreuz, das ein Christ auf sich nimmt, ist die Hilfe, die er Gott leistet bei diesem Durchbruch.

5. Das ist nun freilich eine große Sache, das zu hören und dem zu gehorchen: Euer Herz erschrecke nicht! Man könnte das nicht sagen ohne das Andere: Glaubet an Gott und glaubet an mich! Was heißt das? Das heißt: Sei, was du bist5, sei ein wirklich in Gott gegründetes und mit ihm verbündetes Herz! Laß dein Herz Herz sein! Gott ist das Herz unseres Herzens. Ohne Gott müßten sofort doch wieder die Nerven etc. an Stelle des Herzens treten. Das ist die Angel, die Alles hält. Diese Angel hält aber auch. Jesus hat nichts Schweres, Hohes |23 verlangt von seinen Jüngern mit dieser Aufforderung: Glaubt! Sondern er hat ihnen gerade damit das Herz gegeben, dem das Schwere und Hohe möglich ist. Er hat sie an das Herz Gottes gezogen, in dem er selber lebt. Darum persönlich: Glaubet an mich! Es ist ein Ereignis, das sich mit uns Menschen vollziehen muß, daß Gott unser Grund wird. Wahrscheinlich sind wir heutigen Christen im Ganzen weit weg davon. Aber wir spüren wieder das Rufen und Ziehen des Heilands. Wir spüren’s: das brauchen wir! So warten wir und werden fest.6

Sachfußnoten

2
Vgl. oben S. 3, Anm.1.↩
3
Barth markierte hier den Abschnitt im Gedankengang nachträglich mit einem kräftigen senkrechten Bleistiftstrich.↩
4
Gleiche Markierung.↩
5
Den Spruch «Sei, was du bist!» hat Barth möglicherweise in Bad Boll kennen gelernt, bezeichnet er ihn doch 1915 als «Blumhardts Rat» (Bw.Th. I, S. 110 📖). Das Wort geht zurück auf den griechischen Dichter Pindar (522 oder 518-445 v. Chr.) und lautet im Urtext: γένοι’, οἷος ἐσσί (2. Pyth. Ode, V.72); Pindar, Siegesgesänge und Fragmente, griech. und deutsch, hrsg. und übersetzt von O. Werner, München 1967, S. 124. 📖↩
6
Keine Liedangaben.↩